Schlagwort: internetkultur

  • « Hey ! Hey ! »: Wie French Fuse erneut ein Macron-Video in einen viralen Remix verwandelt

    « Hey ! Hey ! »: Wie French Fuse erneut ein Macron-Video in einen viralen Remix verwandelt

    Wenige Sekunden Video, ein paar rhythmisch wiederholte Worte und ein mittlerweile perfektionierter Mechanismus: Das französische Elektro-Duo French Fuse hat erneut eine Szene mit Emmanuel Macron in ein virales Internetphänomen verwandelt. Nach dem Erfolg ihres Remixes „For Sure“, der vor einigen Wochen millionenfach in sozialen Netzwerken geteilt wurde, melden sich die beiden Musiker nun mit einer neuen musikalischen Montage zurück – diesmal auf Basis von Bildern des französischen Präsidenten während seines Besuchs in Kenia. In dem neuen Video ist zu sehen, wie Macron in lockerer Atmosphäre mehrfach „Hey! Hey!“ ruft. French Fuse zerlegt anschließend die Silben, verwandelt die Betonungen in rhythmische Elemente und baut daraus eine treibende Elektro-Produktion. Das Ergebnis ist ein kurzer, absurder und sofort eingängiger Clip – perfekt zugeschnitten auf die Logik von TikTok, Instagram und X. Der Erfolg solcher Inhalte verdeutlicht den tiefgreifenden Wandel politischer Kommunikation im d…

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  • „For sure“ und die Logik der Memes: Wie Emmanuel Macron in der digitalen Öffentlichkeit gespiegelt wird

    „For sure“ und die Logik der Memes: Wie Emmanuel Macron in der digitalen Öffentlichkeit gespiegelt wird

    Die Szene wirkt auf den ersten Blick beiläufig, fast charmant: Ein Schüler ruft dem französischen Präsidenten zwei englische Worte zu, die dieser Monate zuvor in einem ganz anderen Kontext geäußert hatte. Doch gerade in dieser Leichtigkeit liegt ihre politische Aussagekraft. Denn sie offenbart, wie sehr sich politische Kommunikation im digitalen Zeitalter verändert hat – und wie schwer es selbst einem medienaffinen Staatschef fällt, die Kontrolle über seine eigene öffentliche Darstellung zu behalten.

    Ein Präsident im Spiegel der Jugendkultur

    Als Emmanuel Macron am 16. April 2026 die Cité internationale de la langue française in Villers-Cotterêts besuchte, stand eigentlich ein klassisches bildungspolitisches Thema im Mittelpunkt: Lesen, Konzentration und der Umgang mit digitalen Medien. Macron warb für eine bewusste Einschränkung der Bildschirmzeit, brachte die Idee eines regelmäßigen „Offline-Tages“ ins Spiel und bekräftigte seine Haltung, soziale Netzwerke für unter 15-Jährige zu verbieten.

    Doch die Dynamik der Begegnung entzog sich schnell der intendierten Agenda. Ein Schüler griff den inzwischen viralen Ausspruch „For sure“ auf – eine spontane englische Einlage Macrons beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Die Reaktion im Raum war bezeichnend: Lachen, Wiedererkennung, ein kollektives Einverständnis darüber, dass diese zwei Worte längst Teil einer digitalen Alltagskultur geworden sind.

    Hier zeigt sich eine Verschiebung, die weit über den Einzelfall hinausweist. Politische Figuren werden nicht mehr primär über ihre Programme oder Reden erinnert, sondern über fragmentierte, oft humoristisch gebrochene Momente. Diese Momente zirkulieren unabhängig vom ursprünglichen Kontext – und gewinnen gerade durch ihre Reduktion an Wirkung.

    Die Entgrenzung politischer Botschaften

    Macron gehört zu jener Generation von Politikern, die soziale Medien nicht nur nutzen, sondern strategisch einzusetzen versuchen. Ob über Kurzvideos auf TikTok, direkte Ansprache auf Instagram oder bewusst gesetzte informelle Auftritte: Sein Kommunikationsstil ist darauf ausgelegt, Nähe zu erzeugen und traditionelle Distanz zu überwinden.

    Doch genau darin liegt ein strukturelles Risiko. Digitale Plattformen funktionieren nicht als lineare Verbreitungskanäle, sondern als Räume der Aneignung. Inhalte werden nicht einfach konsumiert, sondern transformiert – durch Memes, Parodien und ironische Brechungen. Die ursprüngliche Botschaft wird dabei häufig sekundär.

    Der Fall „For sure“ illustriert dieses Prinzip exemplarisch. Was als spontane, möglicherweise kalkulierte Lockerung in einem internationalen Kontext gedacht war, wurde in der digitalen Öffentlichkeit zu einem eigenständigen Symbol. Es steht nun weniger für Macrons wirtschaftspolitische Positionen als für einen bestimmten Habitus: den global vernetzten, anglophilen, leicht technokratischen Präsidenten.

    Diese Transformation entzieht sich weitgehend der Kontrolle des politischen Akteurs. Der Kommunikationswissenschaftler spricht hier von „Rekontextualisierung“ – einem Prozess, bei dem Inhalte in neue Bedeutungszusammenhänge eingebettet werden. In sozialen Netzwerken geschieht dies in Echtzeit und in potenziell globalem Maßstab.

    Zwischen Autoritätsverlust und neuer Nähe

    Politisch interessant ist dabei die Ambivalenz dieser Dynamik. Die ironische Bezugnahme der Schüler ist weder offene Kritik noch eindeutige Zustimmung. Sie bewegt sich in einem Zwischenbereich, der für die digitale Öffentlichkeit typisch geworden ist: eine Form der „sanften Ironie“, die Distanz schafft, ohne notwendigerweise Ablehnung auszudrücken.

    Für das Amt des Präsidenten, das in Frankreich traditionell stark von republikanischer Würde und institutioneller Autorität geprägt ist, stellt dies eine Herausforderung dar. Die sogenannte „présidence jupitérienne“, die Macron zu Beginn seiner Amtszeit propagierte, zielte auf eine klare Hierarchie zwischen politischer Führung und Öffentlichkeit. Memetische Aneignung unterläuft dieses Modell.

    Gleichzeitig eröffnet sie neue Formen der Anschlussfähigkeit. Ein Präsident, der zum Gegenstand von Memes wird, ist Teil der Alltagskommunikation geworden. Er wird zitiert, imitiert, variiert – und bleibt dadurch präsent. In einer Medienumgebung, die von Aufmerksamkeit geprägt ist, kann dies durchaus ein Vorteil sein.

    Die Politikwissenschaft spricht in diesem Zusammenhang von „Popkulturalisierung“ politischer Akteure. Diese Entwicklung ist nicht neu, hat sich aber durch digitale Plattformen erheblich beschleunigt. Während frühere Generationen von Politikern über Fernsehen oder Printmedien vermittelt wurden, erfolgt die heutige Wahrnehmung zunehmend über fragmentierte, usergenerierte Inhalte.

    Die Ironie der Entkopplung

    Besonders aufschlussreich ist die Diskrepanz zwischen Anlass und Rezeption der Szene in Villers-Cotterêts. Macron wollte über Lesen und Konzentration sprechen – über die Notwendigkeit, sich der permanenten digitalen Reizüberflutung zu entziehen. Doch genau diese Reizüberflutung bestimmte die Wahrnehmung seines Auftritts.

    Die Schüler reagierten nicht primär auf seine aktuellen Aussagen, sondern auf ein digitales Echo aus der Vergangenheit. Der Meme-Moment überlagerte die eigentliche Botschaft. Diese Entkopplung ist charakteristisch für die Gegenwart: Politische Kommunikation wird nicht mehr linear aufgenommen, sondern durch eine Vielzahl paralleler Referenzen gefiltert.

    Dabei spielt auch die zeitliche Struktur eine Rolle. Während klassische politische Kommunikation auf Aktualität und unmittelbare Wirkung ausgerichtet ist, funktionieren Memes nach einer anderen Logik. Sie können Wochen oder Monate später wieder auftauchen, neu interpretiert werden und in völlig anderen Kontexten Resonanz erzeugen.

    Für politische Strategen bedeutet dies eine fundamentale Unsicherheit. Jede Äußerung, jede Geste kann potenziell zu einem solchen „sekundären Ereignis“ werden – mit eigener Dynamik und Reichweite.

    Politik im Zeitalter der zirkulierenden Bilder

    Die Episode um „For sure“ ist daher mehr als eine Anekdote. Sie verweist auf eine tiefgreifende Transformation politischer Öffentlichkeit. Bilder, kurze Sequenzen und sprachliche Versatzstücke gewinnen gegenüber komplexen Argumentationen an Bedeutung. Sie sind leichter teilbar, schneller verständlich und emotional anschlussfähig.

    Gleichzeitig verändert sich die Rolle des Publikums. Bürgerinnen und Bürger – insbesondere jüngere Generationen – sind nicht mehr nur Rezipienten, sondern aktive Mitgestalter politischer Kommunikation. Sie wählen aus, kommentieren, verfremden und verbreiten Inhalte weiter. Die Grenze zwischen Produzent und Konsument verschwimmt.

    Für einen Präsidenten wie Macron, der stark auf kommunikative Steuerung setzt, entsteht daraus ein Spannungsfeld. Einerseits bietet die digitale Öffentlichkeit neue Möglichkeiten der direkten Ansprache. Andererseits entzieht sie sich zentraler Kontrolle und folgt eigenen, oft schwer vorhersehbaren Regeln.

    Die Szene in Villers-Cotterêts verdichtet diese Entwicklung in einem einzigen Moment. Ein Schüler ruft zwei Worte – und bringt damit ein ganzes System von Bedeutungen, Erwartungen und medialen Praktiken zum Ausdruck. Es ist ein kurzer, scheinbar unbedeutender Austausch, der jedoch die Mechanismen moderner politischer Kommunikation offenlegt.

    In dieser Hinsicht ist das „For sure“ weniger ein Versprecher oder eine Kuriosität als vielmehr ein Symptom. Es zeigt, wie politische Autorität heute nicht nur durch Programme und Entscheidungen geprägt wird, sondern auch durch ihre Spiegelung in einer digitalen Kultur, die Ironie, Verdichtung und Wiederholung bevorzugt. Wer in diesem Raum kommuniziert, muss akzeptieren, dass die eigene Botschaft nicht das letzte Wort behält.

    Autor: P. Tiko

  • Wenn der Mond rot glüht und das Netz durchdreht

    Wenn der Mond rot glüht und das Netz durchdreht

    Der Himmel färbt sich dunkelrot. Menschen zücken ihre Smartphones, fotografieren den Mond, posten Bilder, kommentieren, diskutieren. Für Astronomen zählt dieses Schauspiel zu den schönsten Routinen des Kosmos. Für Verschwörungserzähler hingegen beginnt genau hier eine ganz andere Geschichte.

    Eine Geschichte voller Andeutungen.

    Und voller Fantasie.

    Immer dann, wenn Krisen die Welt erschüttern, taucht eine alte menschliche Gewohnheit auf: der Blick nach oben. Der Himmel dient plötzlich als Projektionsfläche für irdische Ängste. Krieg, geopolitische Spannungen, nervöse Märkte, Drohgebärden zwischen Staaten – all das erzeugt Unsicherheit. Und Unsicherheit liebt einfache Erklärungen.

    Eine totale Mondfinsternis liefert dafür geradezu perfektes Material.

    Der Ausdruck „Blutmond“ klingt dramatisch, fast biblisch. Genau diese emotionale Wucht macht ihn so attraktiv für Geschichten, die weniger mit Astronomie als mit Symbolik zu tun haben. In sozialen Netzwerken verbreitete sich kürzlich eine Erzählung, die einen Zusammenhang zwischen einer solchen Mondfinsternis und militärischen Spannungen rund um Iran, Israel und die USA konstruiert.

    Ein roter Mond am Himmel.

    Und angeblich ein verborgenes Signal der Mächtigen.

    Klingt filmreif, oder?

    Doch schauen wir genauer hin.

    Die Theorie folgt einem uralten Muster: Zwei Ereignisse liegen zeitlich nahe beieinander. Daraus bastelt jemand eine Verbindung. Ein kosmisches Ereignis hier, politische Entscheidungen dort – und plötzlich entsteht eine scheinbar große Erzählung.

    Man sammelt Daten.

    Geburtsdaten von Staatschefs. Frühere Mondfinsternisse. Religiöse Symbole. Astrologische Deutungen.

    Dann beginnt die kreative Montage.

    Aus losem Material formt sich ein Narrativ. In diesem Narrativ richten Politiker ihre Entscheidungen angeblich nach Sternenständen oder geheimen okkulten Ritualen aus. Der Krieg erscheint nicht mehr als Ergebnis politischer Interessen oder strategischer Kalkulation, sondern als Teil eines kosmischen Drehbuchs.

    Das Ganze wirkt fast wie ein Netflix Thriller.

    Nur ohne Realität.

    Die eigentliche Erklärung wirkt dagegen erstaunlich unspektakulär. Eine totale Mondfinsternis entsteht, sobald Sonne, Erde und Mond in einer Linie stehen. Die Erde schiebt sich zwischen Sonne und Mond. Direktes Sonnenlicht erreicht den Mond nicht mehr.

    Ganz dunkel bleibt er dennoch nicht.

    Ein Teil des Lichts streift durch die Erdatmosphäre, wird dort gebrochen und gefiltert. Kurzwelliges blaues Licht verschwindet stärker, während rötliche Anteile übrig bleiben. Dieses Restlicht taucht die Mondoberfläche in einen warmen Kupferton.

    Ein optischer Effekt.

    Kein kosmischer Befehl.

    Astronomen kennen dieses Schauspiel seit Jahrhunderten. Teleskope, Berechnungen, Himmelsmechanik – alles passt präzise zusammen. Jede Mondfinsternis lässt sich Jahrzehnte im Voraus berechnen.

    Mystik bleibt da kaum übrig.

    Trotzdem wirken solche Bilder mächtig. Ein roter Mond über einer angespannten Weltlage. Das weckt Emotionen. Und Emotionen treiben die Dynamik sozialer Netzwerke an.

    Ein nüchterner geopolitischer Analyseartikel erzielt selten Millionen Klicks.

    Ein dramatisches Video über „geheime Zeichen am Himmel“ dagegen schon.

    Die digitale Öffentlichkeit funktioniert oft wie eine Bühne. Inhalte, die starke Bilder liefern, setzen sich leichter durch. Genau hier liegt das Geheimnis vieler Verschwörungsgeschichten: Sie verwandeln komplizierte Realität in leicht konsumierbare Dramaturgie.

    Die echte Welt dagegen wirkt unerquicklich komplex.

    Internationale Konflikte entstehen aus Interessen, historischen Spannungen, wirtschaftlichen Rivalitäten, militärischen Strategien und ideologischen Gegensätzen. Diplomatische Fehlentscheidungen spielen ebenfalls eine Rolle. Machtpolitik, Ressourcenfragen, regionale Bündnisse – alles greift ineinander.

    Das ergibt kein einfaches Drehbuch.

    Kein Symbol.

    Kein einzelnes Zeichen am Himmel.

    Und genau deshalb wirkt die kosmische Erklärung so verführerisch. Sie ersetzt komplexe Politik durch ein klares Bild: Der Mond wird rot, also kündigt sich Krieg an.

    Fertig.

    Die Psychologie liefert Hinweise, weshalb solche Geschichten zünden. Forschende sprechen von „illusorischer Musterwahrnehmung“. Menschen erkennen Verbindungen, selbst wenn keine existieren.

    Das Gehirn liebt Muster.

    Es sucht ständig nach Ordnung. In chaotischen Zeiten intensiviert sich dieser Drang. Bedrohliche Nachrichten, wirtschaftliche Sorgen oder politische Unsicherheit verstärken das Bedürfnis nach Struktur.

    Eine einfache Erzählung beruhigt.

    Selbst dann, wenn sie falsch ist.

    Ein roter Mond erfüllt diese Rolle perfekt. Das Bild wirkt stark, emotional, fast archaisch. Kulturen rund um den Globus verbanden Himmelsereignisse schon vor Jahrhunderten mit Schicksal, Göttern oder Vorzeichen.

    Die heutige Version dieser Tradition spielt sich allerdings nicht mehr auf Dorfplätzen oder in Tempeln ab.

    Sie spielt sich auf TikTok ab.

    Oder auf YouTube.

    Oder in Telegram Gruppen.

    Dort mischen sich Spiritualität, Popkultur, Politik und Internetästhetik zu einem neuen Stil des Erzählens. Manche nennen das digitale Mythologie. Andere sprechen schlicht von moderner Verschwörungskultur.

    Die Mechanik bleibt erstaunlich ähnlich.

    Ein Video zeigt dramatische Musik. Eine Mondaufnahme. Ein paar historische Daten. Dazu eine Stimme, die Zusammenhänge suggeriert.

    „Schaut genau hin.“

    „Alles hängt zusammen.“

    „Nichts passiert zufällig.“

    Solche Sätze erzeugen eine Atmosphäre geheimen Wissens. Zuschauer fühlen sich plötzlich Teil einer kleinen Gruppe, die angeblich mehr versteht als der Rest der Welt.

    Das wirkt ziemlich schmeichelhaft.

    Und, ganz ehrlich, auch ein bisschen aufregend.

    Denn wer möchte nicht gern hinter die Kulissen blicken?

    Genau hier verschwimmt die Grenze zwischen Spiritualität, Symboldeutung und klassischer Verschwörungserzählung. Viele dieser Geschichten behaupten gar nicht mehr direkt, Regierungen würden die Wahrheit verbergen. Stattdessen tauchen Begriffe wie „Erwachen“, „kosmische Zeichen“ oder „verborgene Zyklen“ auf.

    Der Ton klingt sanfter.

    Die Struktur bleibt identisch.

    Eine kleine Gruppe erkennt angeblich den großen Plan. Der Rest der Gesellschaft gilt als blind oder manipuliert. Diese Denkfigur taucht in zahlreichen Verschwörungstheorien auf – nur die Verpackung verändert sich.

    Manchmal wirkt sie politisch.

    Manchmal mystisch.

    Manchmal esoterisch.

    Doch die Grundidee bleibt: Die Welt folgt einem geheimen Muster, das nur wenige verstehen.

    Dabei lässt sich gerade bei politischen Konflikten ziemlich gut beobachten, wie banal viele Entscheidungen entstehen. Regierungschefs reagieren auf innenpolitischen Druck. Militärs verfolgen strategische Interessen. Diplomaten versuchen Schaden zu begrenzen. Geheimdienste liefern Analysen.

    Es geht um Macht.

    Um Sicherheit.

    Um Einfluss.

    Nicht um Mondphasen.

    Trotzdem verbreiten sich kosmische Interpretationen rasend schnell. Die Struktur sozialer Plattformen verstärkt diesen Effekt. Algorithmen belohnen Inhalte, die starke Reaktionen auslösen. Emotionale Beiträge erreichen größere Reichweite.

    Angst.

    Staunen.

    Empörung.

    All das erzeugt Klicks.

    Ein nüchterner Hinweis auf astronomische Physik dagegen wirkt eher wie ein Glas Wasser auf einer Pyrotechnik Show.

    Nicht besonders spektakulär.

    Das führt zu einem paradoxen Effekt: Je dramatischer eine Behauptung klingt, desto größer ihre Sichtbarkeit. Die Aufmerksamkeit wandert zu den lautesten Stimmen. Und dort entstehen immer neue Geschichten.

    Eine Mondfinsternis wird plötzlich zum geopolitischen Omen.

    Ein Planetentransit zum Zeichen globaler Umbrüche.

    Ein Komet zum Symbol einer angeblichen Zeitenwende.

    Die Fantasie kennt keine Grenzen.

    Manchmal erinnert das an eine moderne Form des Geschichtenerzählens. Früher saßen Menschen am Feuer und deuteten Sternbilder. Heute sitzen sie vor Bildschirmen und schneiden Videos zusammen.

    Die Technik verändert sich.

    Der menschliche Impuls bleibt.

    Doch gerade hier lohnt ein kurzer Realitätscheck. Astronomie zählt zu den präzisesten Wissenschaften überhaupt. Planetare Bewegungen folgen mathematischen Gesetzen. Umlaufbahnen lassen sich exakt berechnen. Raumsonden nutzen diese Berechnungen, um Milliarden Kilometer entfernte Ziele zu erreichen.

    Wenn politische Entscheidungen tatsächlich von Mondfinsternissen abhingen, ließe sich das statistisch leicht erkennen.

    Doch nichts dergleichen taucht auf.

    Kein Muster.

    Keine Korrelation.

    Nur Zufall.

    Der rote Mond bleibt also genau das, was er ist: ein faszinierendes Naturschauspiel. Ein Moment, in dem sich Himmel und Erde in perfekter geometrischer Harmonie befinden.

    Mehr nicht.

    Und trotzdem lohnt sich ein Blick auf die gesellschaftliche Wirkung solcher Geschichten. Sie verändern nämlich die Art, wie Menschen über Politik sprechen. Wenn Ereignisse als Zeichen oder Codes interpretiert werden, rückt die reale Analyse in den Hintergrund.

    Debatten drehen sich dann nicht mehr um Fakten oder Verantwortung.

    Sondern um Symbole.

    Und Symbole lassen sich endlos deuten. Jeder erkennt etwas anderes. Das Gespräch entfernt sich Schritt für Schritt von überprüfbarer Realität.

    Ein seltsamer Nebel entsteht.

    Man könnte fast sagen: eine Art kollektiver Interpretationsrausch.

    Ist das harmlos? Vielleicht manchmal. Schließlich lieben Menschen Geschichten. Mythen gehören zur Kulturgeschichte der Menschheit. Doch im Kontext moderner Informationssysteme erhält diese Dynamik eine neue Dimension.

    Gerüchte verbreiten sich in Sekunden.

    Bilder erreichen Millionen Menschen.

    Und ein roter Mond über einem Krisengebiet wirkt plötzlich wie ein globales Omen.

    Dabei steht er einfach nur am Himmel.

    Still.

    Ruhig.

    Ganz ohne politische Botschaft.

    Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Ironie. Während Menschen hektisch Bedeutungen hineininterpretieren, zieht der Mond gelassen seine Bahn. Milliarden Jahre kosmischer Mechanik kümmern sich nicht um menschliche Dramen.

    Der Mond kommentiert keine Konflikte.

    Er beobachtet sie nur.

    Ein Gedanke, der zugleich beruhigend und ernüchternd wirkt.

    Also lohnt sich beim nächsten Blutmond ein kleiner Perspektivwechsel. Statt nach versteckten Botschaften zu suchen, genügt ein kurzer Moment des Staunens. Ein Blick nach oben. Ein paar Minuten Ruhe.

    Der Himmel liefert genug Schönheit.

    Ganz ohne geheime Codes.

    Und vielleicht stellt sich dann eine einfache Frage: Warum fällt es manchmal so schwer, Dinge einfach so zu akzeptieren, wie sie sind?

    Die Antwort liegt vermutlich tief in unserer Natur. Menschen erzählen Geschichten. Seit Jahrtausenden. Geschichten über Sterne, Götter, Schicksal und Zeichen.

    Heute entstehen diese Geschichten in Kommentarspalten.

    Morgen vielleicht wieder irgendwo anders.

    Der rote Mond dagegen zieht weiter seine Bahn.

    Ganz entspannt.

    Fast so, als würde er über unsere Interpretationen schmunzeln.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Versteckter Hass im Netz: Wie Codewörter rechte Hetze tarnen

    Versteckter Hass im Netz: Wie Codewörter rechte Hetze tarnen

    Was auf den ersten Blick wie ein harmloser Chat klingt, kann sich auf den zweiten Blick als menschenverachtender Hass entpuppen. In französischsprachigen sozialen Netzwerken hat sich ein perfides Vokabular etabliert – gezielt entwickelt, um extrem rechte Botschaften zu verbreiten, ohne den Filtermechanismen der Plattformen zum Opfer zu fallen. Die Strategie ist ebenso clever wie beunruhigend: Statt offen rassistische Begriffe zu verwenden, greifen Nutzer zu Codewörtern. „Arbres“ (Bäume) steht dabei für arabischstämmige Menschen, „noix“ (Nüsse) für Schwarze. Wer schreibt „tout le monde le sait“ – „jeder weiß es doch“ – spielt damit nicht etwa auf einen Allgemeinplatz an, sondern zitiert eine antisemitische Verschwörungserzählung. Was für Außenstehende wie ein unschuldiger Kommentar klingt, ist für Eingeweihte ein klares Signal. Ein „dog whistle“ – also eine „Hundepfeife“, die nur bestimmte Ohren hört. In dieser Bildsprache steckt der Kern des Problems: Der Hass versteckt sich in der Spr…

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