Schlagwort: Insolvenz

  • Das Ende einer Legende: Calais verliert seine älteste Spitzenmanufaktur

    Das Ende einer Legende: Calais verliert seine älteste Spitzenmanufaktur

    Mit der endgültigen Schließung der Spitzenmanufaktur Darquer endet ein Kapitel französischer Industriegeschichte, das fast zwei Jahrhunderte umfasste. Das 1840 gegründete Unternehmen, die älteste Spitzenmanufaktur von Calais, wurde Anfang Juli vom Handelsgericht in Boulogne sur Mer liquidiert. Nach einer kurzen Fortführung des Betriebs bis zum 17. Juli schlossen sich die Werkstore endgültig. Rund 45 Beschäftigte verlieren ihre Arbeit – und mit ihnen verschwindet ein bedeutender Teil des handwerklichen Erbes der Region.

    Darquer stand wie kaum ein anderes Unternehmen für die traditionsreiche Spitzenherstellung, die Calais weltweit bekannt machte. Besonders außergewöhnlich: Die Manufaktur arbeitete bis zuletzt mit historischen Leavers Webstühlen. Diese gewaltigen Maschinen aus Gusseisen stammen aus dem 19. Jahrhundert und gelten noch heute als Maßstab für die Herstellung feinster Spitze. Ihr Betrieb verlangt nicht nur technisches Wissen, sondern auch viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Jede Maschine erzählt ein Stück Industriegeschichte – und genau das verlieh den Produkten ihren besonderen Ruf.

    Über Jahrzehnte belieferte Darquer renommierte Haute Couture Häuser und internationale Luxusmarken. Auch prominente Kundinnen vertrauten auf die feinen Spitzen aus Nordfrankreich. Selbst Mitglieder des britischen Königshauses sowie Künstlerinnen wie Beyoncé trugen Kreationen, die mit Stoffen aus den Werkstätten von Darquer gefertigt wurden. Das Unternehmen verband traditionelle Handwerkskunst mit höchster Qualität und besaß einen ausgezeichneten Ruf weit über Frankreich hinaus.

    Doch selbst eine solche Erfolgsgeschichte bot keinen Schutz vor den wirtschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart. Bereits seit Jahren kämpfte die Manufaktur mit finanziellen Problemen. Seit 2025 lief ein Insolvenzverfahren, mehrere Rettungsversuche scheiterten. Geschäftsführer Sébastien Bento Soares erklärte nach der Entscheidung des Gerichts, das Unternehmen habe bis zuletzt um seine Zukunft gerungen. Am Ende reichte das jedoch nicht mehr aus.

    Die Schließung trifft nicht nur die Beschäftigten, sondern eine gesamte Region. Calais verdankte seinen wirtschaftlichen Aufstieg über Generationen der Spitzenindustrie. Anfang des 20. Jahrhunderts arbeiteten rund 30.000 Menschen in diesem Industriezweig. Die Fabriken prägten das Stadtbild, zahlreiche Familien lebten von der Herstellung der berühmten Calaiser Spitze. Heute existieren nur noch wenige Betriebe. Mit dem Ende von Darquer schrumpft diese traditionsreiche Branche erneut erheblich. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet die älteste Manufaktur zuerst ihre Tore für immer schließen würde?

    Dabei gab es erst vor kurzer Zeit einen Hoffnungsschimmer. Im Jahr 2024 erhielt die Dentelle de Calais Caudry eine geschützte geografische Angabe. Dieses Qualitätssiegel soll das traditionelle Know how vor Nachahmungen schützen und die Herkunft der hochwertigen Spitze sichern. Für die Hersteller bedeutete diese Anerkennung einen wichtigen Erfolg. Doch ein Siegel allein löst keine wirtschaftlichen Probleme. Die Produktion verlangt viel Handarbeit, die historischen Maschinen verursachen hohe Wartungskosten und gleichzeitig wächst der Konkurrenzdruck durch günstigere Anbieter im Ausland. Da beißt die Maus keinen Faden ab.

    Entsprechend emotional fallen die Reaktionen in Frankreich aus. In sozialen Netzwerken und zahlreichen Medien beschreiben viele Menschen die Schließung als Verlust eines einzigartigen Kulturerbes. Der Satz „Notre patrimoine français disparaît“ bringt diese Stimmung auf den Punkt. Für viele geht es längst nicht mehr nur um den Verlust eines Unternehmens, sondern um das Verschwinden eines Symbols französischer Handwerkskunst und industrieller Identität. Denn was bleibt von einer Tradition, wenn ihre ältesten Werkstätten verstummen?

    Ganz endet die Spitzenproduktion in Calais und Caudry dennoch nicht. Einige Hersteller fertigen weiterhin hochwertige Spitzen für die internationale Luxusmode. Dennoch besitzt das Aus von Darquer eine besondere Symbolkraft. Es zeigt, wie schwer sich selbst traditionsreiche französische Unternehmen im Spannungsfeld zwischen Globalisierung, steigenden Produktionskosten und einem kleiner werdenden Markt behaupten. Mit der ältesten Spitzenmanufaktur verschwindet nicht nur ein Name, sondern ein Stück lebendige Geschichte, das Generationen von Menschen geprägt und Frankreichs Ruf als Heimat außergewöhnlicher Handwerkskunst entscheidend mitgestaltet hat.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Kommentar: Ein Leben lang gegeben – und am Ende fallen gelassen

    Kommentar: Ein Leben lang gegeben – und am Ende fallen gelassen

    Es ist ein Satz, der wie ein Schlag in die Magengrube wirkt: Ein Leben lang gearbeitet – und jetzt aus dem betreuten Wohnen geworfen. In Vitré.

    Man muss ihn sich langsam auf der Zunge zergehen lassen, um zu begreifen, was hier eigentlich passiert. Da sind Menschen, die Jahrzehnte ihres Lebens in diese Gesellschaft investiert haben. Früh aufgestanden, Überstunden gemacht, Kinder großgezogen, Steuern gezahlt, Krisen überstanden. Kein Glamour, kein Applaus – einfach gemacht. Tag für Tag.

    Und jetzt?

    Jetzt stehen sie da. Mit gepackten Koffern. Verunsichert. Teilweise hilflos. Und vor allem: allein gelassen.

    Das ist kein Betriebsunfall. Das ist ein moralisches Versagen.

    Denn wer glaubt, hier gehe es „nur“ um eine Insolvenz, der verkennt die Dimension. Es geht um Vertrauen. Um Würde. Um das leise Versprechen, dass ein Staat, eine Gesellschaft ihre Ältesten nicht im Stich lässt. Und genau dieses Versprechen ist hier gebrochen worden – kalt, bürokratisch, fast schon beiläufig.

    Man kann sich das schönreden. Von Marktmechanismen sprechen. Von wirtschaftlichen Zwängen. Von „unglücklichen Umständen“. Aber mal ehrlich – was ist das für ein System, in dem ein Zuhause zur Verfügungsmasse wird?

    Ein Zuhause!

    Kein Hotel. Kein Mietwagen. Kein Streaming-Abo, das man halt kündigt.

    Hier geht es um den letzten Lebensabschnitt. Um Menschen, die bewusst an einen Ort gezogen sind, weil sie dort Sicherheit gesucht haben. Weil sie dachten: Jetzt ist es gut. Jetzt kann ich loslassen. Jetzt kümmert sich jemand.

    Und dann passiert genau das Gegenteil.

    Die Tür fällt ins Schloss – und dahinter ist nichts mehr.

    Wer einmal mit älteren Menschen gesprochen hat, die ihre Selbstständigkeit Stück für Stück verlieren, der weiß, wie groß die Angst vor genau so einem Moment ist. Nicht mehr gebraucht zu werden. Abhängig zu sein. Und dann auch noch – im wahrsten Sinne des Wortes – rauszufliegen.

    Das ist mehr als ein logistisches Problem. Das ist ein Schlag ins Gesicht.

    Natürlich springen jetzt Nachbarn ein. Ehemalige Pflegekräfte helfen. Die Kommune organisiert, was sie organisieren kann. Das ist rührend, beeindruckend – und gleichzeitig ein Armutszeugnis. Denn es zeigt: Wenn es hart auf hart kommt, rettet nicht das System, sondern der gute Wille einzelner.

    Aber auf guten Willen darf man kein Altersmodell bauen.

    Die bittere Wahrheit lautet: Wir haben zugelassen, dass Fürsorge zu einem Geschäftsmodell geworden ist. Dass Renditeerwartungen dort Einzug halten, wo eigentlich Verlässlichkeit herrschen müsste. Und ja, das mag wirtschaftlich logisch erscheinen. Aber menschlich ist es ein Desaster.

    Denn alte Menschen sind keine Kunden wie alle anderen. Sie können nicht einfach den Anbieter wechseln. Sie können nicht flexibel reagieren. Sie sind angewiesen – auf Stabilität, auf Vertrauen, auf Strukturen, die halten.

    Und genau diese Strukturen haben hier versagt.

    Vielleicht ist das Unangenehmste an dieser Geschichte, dass sie uns alle betrifft. Heute sind es „die anderen“. Die Hochbetagten, die Pflegebedürftigen. Aber morgen? Wer garantiert, dass nicht auch wir irgendwann vor genau dieser Tür stehen – mit einem Koffer in der Hand und der Frage im Kopf: Wohin jetzt?

    Das ist der Moment, in dem es still wird.

    Weil jeder spürt, dass hier etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist.

    Ein Leben lang gearbeitet – und dann so behandelt zu werden, das passt nicht zusammen. Das darf nicht zusammenpassen. Und wenn es doch passiert, dann stimmt etwas Grundlegendes nicht.

    Nicht im Einzelfall. Sondern im System.

    Ein Kommentar von Daniel Ivers

  • Wenn ein Zuhause plötzlich keins mehr ist – die stille Katastrophe von Vitré

    Wenn ein Zuhause plötzlich keins mehr ist – die stille Katastrophe von Vitré

    Es sind Bilder, die sich einprägen, weil sie so unerquicklich vertraut wirken: Koffer im Flur, halb gepackt, halb vergessen. Türen, die ins Leere führen. Menschen, die nicht wissen, wohin sie am nächsten Morgen gehen sollen. In Vitré, einer ruhigen Kleinstadt in der Bretagne, ist genau das geschehen. Mit der gerichtlichen Liquidation der Seniorenresidenz „Hermine“ hat sich innerhalb weniger Stunden ein Ort der Sicherheit in eine Zone der Unsicherheit verwandelt. Was gestern noch Alltag war – ein gemeinsames Mittagessen, Hilfe beim Aufstehen, ein kurzer Plausch im Gang – existiert heute schlicht nicht mehr. Übrig bleibt eine Leerstelle. Und ein Gefühl, das sich schwer in Worte fassen lässt. Man könnte sagen: ein Schock. Aber das greift fast zu kurz. Denn hier geht es nicht nur um das Scheitern eines Unternehmens. Es geht um das abrupte Ende eines Versprechens. Viele der Bewohner hatten ihr vorheriges Leben bewusst hinter sich gelassen. Häuser verkauft, Erinnerungen sortiert, Abschiede o…

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  • Ein TikTok-Video gegen den Bankrott – wie eine Dorfbäckerei in der Bretagne zur digitalen Herzenssache wurde

    Ein TikTok-Video gegen den Bankrott – wie eine Dorfbäckerei in der Bretagne zur digitalen Herzenssache wurde

    Es beginnt leise. Keine grellen Schnitte, keine Musik, kein erhobener Zeigefinger. Nur ein paar sachliche Sätze, gesprochen mit jener Müdigkeit, die Menschen befällt, wenn sie zu lange gekämpft haben. Und doch entfaltet dieses Video eine Wucht, die man sonst nur von politischen Kampagnen kennt. In der bretonischen Kleinstadt Janzé steht plötzlich nicht nur eine Bäckerei im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie viel Solidarität im digitalen Zeitalter noch möglich ist. Rachel und Christian Briand backen seit 2017 Brot und Croissants, so wie man es ihnen beigebracht hat: früh aufstehen, Hände in den Teig, der Ofen wartet nicht. Acht Jahre später steht das Paar mit dem Rücken zur Wand. Über 100.000 Euro Schulden, ein laufendes Insolvenzverfahren, drei entlassene Mitarbeitende, kein eigener Lohn mehr. Die Verkaufszahlen sinken seit dem Sommer 2025, die Kosten steigen. Energie, Mehl, Butter – alles teurer. Gleichzeitig lockt der Einzelhandel mit Sonntagsöffnungen und Preisen, bei denen ein Han…

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  • Vom Feuer geschmiedet – und bald ausgelöscht? Die Aciéries de Bonpertuis vor dem Aus

    Vom Feuer geschmiedet – und bald ausgelöscht? Die Aciéries de Bonpertuis vor dem Aus

    Es gibt Orte, an denen Geschichte nicht in Büchern steht, sondern in Metall gegossen ist. Apprieu, ein kleines Dorf im französischen Dauphiné, birgt einen dieser Orte: die Aciéries de Bonpertuis. Seit 1434 wird dort Stahl verarbeitet – mehr als 590 Jahre Handwerk, Innovation und industrielle Identität. Doch am 21. Oktober könnte alles vorbei sein. Die traditionsreiche Schmiede steht unter Druck. Seit dem 2. September 2025 läuft das offizielle Insolvenzverfahren – nun droht die endgültige Liquidation. Sollte das Gericht diesen Schritt gehen, endet eine der ältesten industriellen Geschichten Europas. Ein Schatz mit Schmiedefeuer Eine Anekdote erzählt, dass der erste Schmied von Bonpertuis mitten im Hundertjährigen Krieg mit Amboss und Blasebalg in den Wäldern der Isère begann. Ob Mythos oder Wahrheit – belegt ist: Schon 1434 existierte hier eine metallverarbeitende Werkstatt. Später wurde daraus ein Hochofenbetrieb, dann eine moderne Spezialstahlfabrik. Heute ist das Werk Teil des FORLAM…

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  • Explosion der Unternehmenspleiten in Frankreich: Nach-Covid-Effekt oder dauerhafte Krise?

    Explosion der Unternehmenspleiten in Frankreich: Nach-Covid-Effekt oder dauerhafte Krise?

    Frankreich erlebt eine besorgniserregende Welle von Unternehmensinsolvenzen. Mit über 66.000 Insolvenzen in den letzten zwölf Monaten – ein Anstieg von über 20 % im Vergleich zum Vorjahr – wurde ein neuer Rekord erreicht. Diese Entwicklung wirft die Frage auf: Handelt es sich um eine vorübergehende Nachwirkung der Pandemiehilfen oder um eine tiefgreifende wirtschaftliche Krise?

    Der Hintergrund: Wirtschaftliche Belastungen häufen sich

    Die Covid-19-Pandemie hatte durch die staatliche „Quoi qu’il en coûte“-Politik viele Unternehmen vor dem Aus bewahrt. Mithilfe staatlich garantierter Kredite (PGE) und umfangreicher Unterstützungsprogramme konnten zahlreiche Betriebe ihre Betriebskosten trotz sinkender Einnahmen decken. Doch die Rückzahlung dieser Hilfen sowie die steigenden Energie- und Materialkosten setzen die Unternehmen nun massiv unter Druck. Besonders betroffen sind kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die etwa 95 % der Insolvenzen ausmachen. Branchen wie Bau, Einzelhandel sowie Gastronomie und Hotellerie leiden am stärksten. Der Bausektor allein steht für 22 % aller Insolvenzen.

    Ein Nachholeffekt der Pandemie?

    Viele Experten sehen die aktuelle Entwicklung auch als Nachwirkung der Pandemie. Während der Corona-Krise wurden Insolvenzen durch staatliche Hilfen künstlich niedrig gehalten. Thierry Millon, Direktor der Studienabteilung des Beratungsunternehmens Altares, bezeichnet die aktuellen Zahlen als „progressive Regulierung“. Während vor der Pandemie durchschnittlich 59.000 Insolvenzen pro Jahr verzeichnet wurden, lag die Zahl in den letzten Jahren deutlich darunter. Die heutige Welle sei daher zum Teil ein Aufholprozess.

    Eine Krise für die Kleinsten

    Für Marc Sanchez, Generalsekretär des Syndikats der Selbstständigen und kleinen Unternehmen (TPE), geht die Krise jedoch weit über einen Nachholeffekt hinaus. Die gestiegenen Energiepreise, hohe Inflationsraten und die anhaltend schwache Nachfrage seien strukturelle Probleme. Besonders alarmierend: Immer mehr Unternehmer geben freiwillig auf. Laut Sanchez ist die Zahl der freiwilligen Geschäftsaufgaben im Jahr 2024 um 10 % gestiegen. Viele Unternehmer hätten „den Glauben verloren“, sagt er. Sie ziehen sich zurück, bevor sie in die Insolvenz rutschen.

    Ein düsterer Ausblick

    Die französische Wirtschaft steht unter Druck. Die Wachstumsrate stagniert bei 1,1 %, während das öffentliche Defizit auf über 6 % des BIP angestiegen ist. Vor diesem Hintergrund hat die Regierung unter Michel Barnier ein Sparprogramm in Höhe von 60 Milliarden Euro angekündigt. Besonders heikel: Geplante Kürzungen bei Förderprogrammen für Unternehmen, darunter Zuschüsse für Einstellungen, Ausbildungsförderungen und Energiehilfen.

    Die Unsicherheit über die Zukunft dieser Unterstützungen verstärkt die schwierige Lage vieler Unternehmen. Marc Sanchez warnt, dass der „soziale und politische Druck“ die ohnehin fragile Unternehmensstimmung weiter verschlechtert. Investitionen, Einstellungen und Innovationen bleiben aus, was die wirtschaftliche Erholung zusätzlich bremst.

    Die strukturellen Herausforderungen

    Obwohl die staatlichen Hilfsprogramme kurzfristig erfolgreich waren, haben sie langfristige Probleme nicht gelöst. Frankreich hat eine vergleichsweise niedrige Recyclingrate von insolventen Unternehmen, und der Zugang zu Wachstumskapital für kleine und mittlere Unternehmen bleibt eine Herausforderung. Hinzu kommt, dass steigende Energiekosten, globale Unsicherheiten und Inflation viele Geschäftsmodelle auf die Probe stellen.

    Was bringt die Zukunft?

    Die Frage, ob es sich um einen kurzfristigen Nachholeffekt oder eine tiefergehende Krise handelt, bleibt offen. Während einige Experten wie die Banque de France den Optimismus wahren und von einer „kontrollierten Regulierung“ sprechen, deutet die Lage bei den TPE auf eine langfristige Belastung hin. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die geplanten Sparmaßnahmen die Situation entschärfen können oder ob sie die wirtschaftliche Belastung weiter verschärfen. Klar ist, dass die Stabilität kleiner und mittlerer Unternehmen entscheidend für die Erholung der französischen Wirtschaft sein wird.

  • Krise im französischen Bauwesen: Immer mehr Baustellen stehen still

    Krise im französischen Bauwesen: Immer mehr Baustellen stehen still

    Das Jahr 2024 ist erst wenige Monate alt, und schon mussten in Frankreich 8.900 Bauunternehmen ihre Pforten schließen – ein Rekord, der seit 2015 nicht erreicht wurde. Besonders hart trifft es den Ort Iwuy im Norden des Landes, wo der Bau einer Grundschule ins Stocken geraten ist.

    Eigentlich sollten die 240 Schülerinnen und Schüler zum neuen Schuljahr ein funkelnagelneues Gebäude beziehen. Doch nun spielen sie inmitten von Baumaschinen und Gerüsten auf ihrem Pausenhof. Der Grund? Das Bauunternehmen, das ursprünglich für den Rohbau verantwortlich war, meldete im letzten Jahr Insolvenz an. Die Stadtverwaltung musste schnell eine neue Firma beauftragen, aber die Eröffnung der Schule ist nun frühestens im April 2025 zu erwarten. Iwuy steht mit diesem Problem nicht allein da – landesweit sind zahlreiche öffentliche Bauprojekte von der Krise betroffen.

    Teurer Stillstand

    Dass so viele Unternehmen aus dem Baugewerbe Pleite gehen, sorgt nicht nur für Verzögerungen – es geht auch mächtig ins Geld. Besonders kleine Kommunen leiden darunter. Bei einem anderen Bauprojekt wartete der Architekt sage und schreibe sieben Monate, bis endlich wieder Arbeiter an der Baustelle auftauchten. Jeder Tag Verzögerung kostet die Gemeinde bares Geld. Und das, obwohl die staatlichen Zuwendungen, die sie seit 2017 erhält, gleich geblieben sind: 300.000 Euro pro Jahr – keinen Cent mehr.

    Für die Gemeinde Iwuy ist das bitter, denn ein Großteil des Budgets fließt direkt in Bauprojekte wie die neue Schule. Der Bürgermeister lässt sich trotzdem nicht entmutigen. Er ist entschlossen, die Schule fertigzustellen, ohne dabei die Steuern für die Bürgerinnen und Bürger zu erhöhen – eine mutige Entscheidung, wenn man bedenkt, wie eng das finanzielle Korsett ohnehin schon geschnürt ist.

    Ursachen der Krise

    Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen? Warum stehen immer mehr Baustellen still, und warum gehen Bauunternehmen reihenweise pleite? Die Antwort ist vielschichtig und verweist auf mehrere Faktoren, die sich über die letzten Jahre entwickelt haben.

    Zunächst einmal sind die Materialkosten seit der Pandemie massiv gestiegen. Stahl, Holz und andere Baustoffe haben sich teilweise um das Doppelte verteuert. Viele Bauunternehmen hatten laufende Verträge, die auf alten Preiskalkulationen basierten – und konnten die höheren Kosten nicht mehr decken.

    Hinzu kommt der Fachkräftemangel. Immer weniger junge Menschen entscheiden sich für eine handwerkliche Ausbildung, während gleichzeitig viele ältere Arbeiter in den Ruhestand gehen. Wer heute einen Elektriker oder Maurer sucht, wartet oft monatelang auf verfügbare Termine.

    Auch die steigenden Zinsen spielen eine Rolle. Viele Kommunen und Privatpersonen verschieben oder stoppen ihre Bauvorhaben, weil die Finanzierung plötzlich teurer wird. Kredite, die vor wenigen Jahren noch zu günstigen Konditionen zu haben waren, belasten nun das Budget sehr viel stärker. Weniger Aufträge bedeuten für die Bauunternehmen wiederum weniger Einnahmen – und das in einem Umfeld, das ohnehin von steigenden Kosten geprägt ist.

    Die Folgen für die Zukunft

    Die Krise im französischen Baugewerbe wirkt sich auf viele Lebensbereiche aus. Neue Schulen, Kindergärten, Wohnhäuser – all diese Projekte verzögern sich, manchmal um Jahre. Gerade in ländlichen Gegenden, wo öffentliche Einrichtungen das Rückgrat des sozialen Lebens bilden, sind die Auswirkungen besonders schmerzhaft spürbar.

    Aber nicht nur öffentliche Bauvorhaben leiden. Auch private Häuslebauer sind betroffen. Wer sein Traumhaus plant, muss sich auf lange Wartezeiten und unerwartete Kosten einstellen. Manche Familien sehen sich sogar gezwungen, ihre Bauprojekte ganz aufzugeben, weil sie sich die plötzlich explodierenden Preise nicht mehr leisten können.

    Ein weiterer Effekt, den man nicht unterschätzen sollte, ist die Unsicherheit, die die derzeitige politische Krise in die Branche bringt. Unternehmen zögern, neue Investitionen zu tätigen, weil sie nicht wissen, wie sich die Lage in den kommenden Monaten entwickeln wird. Diese Zurückhaltung könnte zu einer Abwärtsspirale führen, in der immer weniger gebaut wird – und damit auch immer weniger Arbeitsplätze im Bauwesen gesichert werden können.

    Gibt es Hoffnung am Horizont?

    Doch trotz all der negativen Schlagzeilen gibt es auch Lichtblicke. Die noch amtierende Regierung hat bereits Maßnahmen angekündigt, um die Bauwirtschaft zu stabilisieren. Darunter fallen staatliche Hilfspakete für Unternehmen, die durch die hohen Materialkosten in Schieflage geraten sind, sowie Programme zur Förderung von handwerklichen Berufen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

    Zudem wird darüber diskutiert, ob die öffentlichen Zuwendungen an die Kommunen erhöht werden sollten, damit diese ihre Bauvorhaben trotz der gestiegenen Kosten fortsetzen können. Eine solche Entscheidung wäre zwar in vielen Fällen nur ein Tropfen auf den heißen Stein, könnte aber zumindest die dringendsten Projekte vor dem Stillstand bewahren.

    Ob all diese Maßnahmen ausreichen, um die Branche aus ihrer Krise zu führen, bleibt abzuwarten. Klar ist jedoch: Ohne schnelles Handeln drohen weitere Baustellen zu Ruinen zu verkommen – und das wäre nicht nur für die betroffenen Kommunen ein Desaster, sondern auch für die Zukunft des Landes.

    Während also die Kinder von Iwuy weiterhin auf einer halbfertigen Baustelle spielen, hoffen Eltern, Lehrer und Bürgermeister, dass es bald besser wird. Wer weiß, vielleicht sind sie im April nächsten Jahres endlich in ihrer neuen Schule – aber sicher ist das noch lange nicht.

  • Frankreichs größte Buchhandlung geht bankrott: 43.000 Bücher werden im Müll entsorgt

    Frankreichs größte Buchhandlung geht bankrott: 43.000 Bücher werden im Müll entsorgt

    Eine große Buchhandlung in Saint-Laurent-du-Var im Département Alpes-Maritimes ging zwei Jahre nach ihrer Eröffnung bankrott. Die 43.000 Bücher, die sie enthielt, sollen vernichtet werden. Eine schockierende Verschwendung.

    Vor zwei Jahren öffnete „La grande librairie“ in Saint-Laurent-du-Var im Département Alpes-Maritimes ihre Pforten. 1.300 m², die der Literatur gewidmet sind. Mindestens 43.000 Bücher werden zum Verkauf angeboten. Ein riesiger Ort, der der Kultur gewidmet ist, direkt gegenüber dem großen Einkaufszentrum Cap 3000. Inhaber Marc-Henry Solange brüstete sich Anfang 2022 damit, „die größte Buchhandlung Frankreichs“ eröffnet zu haben.

    Zwei Jahre später ist alles vorbei. „La grande librairie“ ist bankrott. Die Leser finden verschlossene Türen vor. Die Räumlichkeiten mussten geräumt werden. Vor der Buchhandlung wurden Baucontainer aufgestellt. Etwa 43.000 Bücher werden im Müll entsorgt.

    „Ich verstehe nicht, wie man so etwas tun kann. Das ist empörend. Es ist zum Heulen“, sagt eine ehemalige Kundin gegenüber dem Sender France 3 Provence Alpes Côte d’Azur. „Es ist beeindruckend, dass man alles einfach so in einen Container werfen kann“, sagt eine andere Kundin, die einige der Bücher retten will. „Es geht in den Müll, anstatt es für wohltätige Zwecke zu verwenden oder es einer Bibliothek zu spenden“.

    Der Bankrott ist bereits seit einem Jahr bekannt. Die Betreiber hatten die Tür des Geschäfts abgeschlossen, ohne die Räumlichkeiten zu räumen. Der Besitzer der Räumlichkeiten, der seinerseits im letzten Jahr 200.000 Euro verloren haben will, räumt nun die Immobilie. Er war es auch, der die Müllcontainer vor dem ehemaligen Buchladen aufstellen ließ.

    Insgesamt wurden 60 Tonnen Bücher aus den Regalen geräumt und auf eine Mülldeponie gebracht. Eine riesige Verschwendung.

  • Frankreich: Zahl der Überschuldungsfälle stieg laut Banque de France im Jahr 2023 um 8%

    Frankreich: Zahl der Überschuldungsfälle stieg laut Banque de France im Jahr 2023 um 8%

    Das entspricht insgesamt fast 122.000 eingereichten Anträgen. Ein Niveau, das jedoch niedriger ist als in der Zeit vor Covid-19.

    Die Zahl der Überschuldungsfälle stieg in Frankreich im Jahr 2023 um 8%, insgesamt wurden fast 122.000 Fälle eingereicht. Dies geht aus Zahlen der Banque de France hervor, die am Donnerstag, dem 11. Januar, von dem Sender Franceinfo bekannt gegeben wurden.

    Das aktuelle Niveau der Überschuldungsfälle ist jedoch immer noch niedriger als in der Zeit vor Covid-19. Wenig überraschend sind unter den überschuldeten Haushalten vor allem bescheidene Haushalte vertreten, insbesondere Singles, mit einer knappen Mehrheit an alleinerziehenden Frauen. In drei Vierteln der Fälle handelt es sich um Haushalte, die zur Miete wohnen und deren Einkommen in der Regel unter 1.930 Euro pro Monat liegt.

    Dass die Zahl der Überschuldungsfälle im letzten Jahr gestiegen ist, hängt weniger mit der Inflation in Frankreich zusammen als vielmehr mit dem Ende einer außergewöhnlichen staatlichen Begleitpolitik während und nach der Gesundheitskrise, mit Maßnahmen zur Beschäftigungsförderung und den verschiedenen Preisdeckeln für Energiekosten oder Treibstoffrückerstattungen.

    Vor allem aber hat sich die Haltung der Banken geändert. Sie waren zwischen 2020 und 2022 eher entgegenkommend, was die Zahlungsaufschübe für Kredite betraf. Die hat sich im Jahr 2023 spürbar verändert, wodurch mehr Kreditnehmer in die Zahlungsunfähigkeit rutschten.

  • Französisches Einrichtungshaus Habitat unter Insolvenz-Verwaltung gestellt

    Französisches Einrichtungshaus Habitat unter Insolvenz-Verwaltung gestellt

    Die Kette mit 25 Geschäften und 450 Beschäftigten bereitet einen Sanierungsplan vor.

    Eine weitere französische Handelskette befindet sich in großen Problemen. Das Unternehmen Habitat, das auf Möbel und Haushaltswaren spezialisiert ist, wurde am Mittwoch, dem 6. Dezember vom Handelsgericht Bobigny (Seine-Saint-Denis) unter gerichtliche Aufsicht gestellt, wie die Geschäftsleitung gegenüber der Nachrichtenagentur AFP bekannt gab.

    Habitat, eine Kette von 25 Geschäften, die nach eigenen Angaben 450 Mitarbeiter beschäftigt, hat am Donnerstag angekündigt, dass sie aufgrund „tiefgreifender finanzieller Schwierigkeiten“ einen Antrag auf gerichtliches Sanierungsverfahren gestellt habe und erklärte, „einen Sanierungsplan durch Fortführung vorzubereiten, um dauerhaft wieder eine Rentabilität zu erreichen“.

    Am 30. November bereits versprach das Unternehmen, dass sein „oberstes Ziel“ darin bestehe, „die Bezahlung aller Lieferanten und die Auslieferung der Bestellungen an die Kunden in einem ruhigen und der Situation angepassten Rahmen zu gewährleisten“. Die Geschäftsleitung kündigte außerdem an, dass „eine kürzlich durchgeführte strategische Überprüfung, zu Maßnahmen geführt hat, um die Situation zu bereinigen, einschließlich der Kündigung des Generaldirektors von Habitat, Franck Deshayes“.

    Nach Angaben des französischen Sozial- und Wirtschaftsausschusses (CSE) wird Habitat den Beschäftigten die Novembergehälter nicht auszahlen und Thierry Le Guénic, der Eigentümer des Unternehmens, wird sich an die staatlichen Lohngarantiesysteme wenden, die „logischerweise einspringen“ müssten, hieß es in einer Mitteilung an die Beschäftigten, die der Nachrichtenagentur AFP vorliegt.