Schlagwort: hitzeschutz

  • Kommentar: Aus einem angeblichen „Hirngespinst der Ökos“ ist plötzlich ein Immobilienkriterium geworden.

    Kommentar: Aus einem angeblichen „Hirngespinst der Ökos“ ist plötzlich ein Immobilienkriterium geworden.

    Erst gelacht, dann geschwitzt – und jetzt zahlen wir die Rechnung

    Erinnern Sie sich noch? Da standen sie vor Mikrofonen, geschniegelt und selbstgefällig, und erklärten mit einer Überzeugung, die ihresgleichen suchte, der Klimawandel sei übertrieben, eine Erfindung, Panikmache oder gleich ein riesiger Schwindel. Wer warnte, galt als Weltuntergangsprophet. Wer wissenschaftliche Erkenntnisse ernst nahm, durfte sich als naiver Träumer oder hysterischer Alarmist beschimpfen lassen.

    Heute wirkt diese Arroganz wie ein schlechter Witz. Nur leider lacht niemand mehr.

    Denn draußen brennt die Sonne erbarmungslos auf Städte, Häuser und Menschen. Wohnungen, die gestern noch als lichtdurchflutete Traumimmobilien galten, verwandeln sich in Backöfen. Dachgeschosswohnungen gleichen Saunen, in denen sich die Luft selbst nachts kaum noch bewegt. Plötzlich zählen nicht mehr Parkettboden, Südbalkon oder Panoramafenster – sondern die banale Frage: Überlebt man den Sommer darin halbwegs vernünftig?

    Was für eine groteske Ironie.

    Jahrzehntelang predigte man den Menschen, möglichst viel Sonne ins Wohnzimmer zu holen. Große Fenster, Südseite, maximale Helligkeit – das war das Verkaufsargument schlechthin. Heute suchen dieselben Käufer nach Schatten, Durchzug, dicken Mauern und Bäumen vor dem Haus. Aus dem sonnigen Paradies wurde eine Hitzefalle.

    Und ausgerechnet jene politischen Stimmen, die jede Warnung mit höhnischem Grinsen vom Tisch wischten, reden heute von „Anpassung“. Ein bemerkenswert eleganter Begriff. Denn „Anpassung“ klingt deutlich angenehmer als: Wir haben wertvolle Zeit vergeudet.

    Jetzt pflanzen Städte hektisch Bäume, entsiegeln Plätze, begrünen Dächer und überlegen, wie sich Gebäude gegen Temperaturen schützen lassen, die früher als Ausnahme galten. Klimaanlagen verlieren ihren Ruf als luxuriöses Extra und entwickeln sich zur Überlebenshilfe. Architekten planen plötzlich Häuser so, dass sie Hitze aussperren statt Wärme einzusperren.

    Na sowas.

    Fast könnte man meinen, die Natur habe sich nicht für politische Sonntagsreden interessiert.

    Das wirklich Bittere daran: Die Rechnung zahlen nicht jene, die jahrelang Zweifel säten. Sie landet bei Familien, Rentnern und Mietern. Sie investieren in Rollläden, Wärmepumpen, Fassadendämmung, Verschattung oder gleich in einen Umzug – sofern sie sich das überhaupt leisten können. Wer Pech hat, sitzt in einer Wohnung fest, die sich wochenlang auf über dreißig Grad aufheizt. Schlaf? Fehlanzeige. Erholung? Vergessen Sie’s.

    Und während Bürger jeden Sommer neue Rekorde bei Stromrechnungen und Umbaukosten erleben, entdeckt die Politik plötzlich die Bedeutung des „Sommerkomforts“. Man möchte fast applaudieren. Langsam. Sehr langsam.

    Besonders sarkastisch wirkt der Wandel auf dem Immobilienmarkt. Früher fragte der Makler nach der Nähe zum Bahnhof. Heute interessiert viele zuerst, ob nachts überhaupt noch Frischluft durch die Wohnung zieht. Parks, Bäume und Wasserläufe entwickeln sich zu Luxusgütern. Die Himmelsrichtung eines Balkons entscheidet plötzlich über Lebensqualität. Das klingt wie Science-Fiction – und beschreibt doch längst den Alltag.

    Natürlich lässt sich das Klima nicht mit einem Fingerschnippen zurückdrehen. Anpassung bleibt notwendig. Häuser müssen anders gebaut, Städte klüger geplant und Grünflächen konsequent geschützt werden. Daran führt kein Weg vorbei.

    Doch eines darf dabei nie in Vergessenheit geraten: Diese Entwicklung fiel nicht vom Himmel. Wissenschaftler warnten seit Jahrzehnten. Die Daten lagen auf dem Tisch. Die Modelle waren bekannt. Man entschied sich bloß allzu oft dafür, lieber über sie zu spotten.

    Vielleicht liegt genau darin die größte Tragik. Wir diskutieren längst nicht mehr darüber, ob sich das Klima verändert. Wir diskutieren darüber, welche Wohnungen im Sommer überhaupt noch bewohnbar sind.

    Der Unterschied zwischen diesen beiden Debatten kostet Milliarden. Und manchmal Menschenleben.

    Wer den Klimawandel einst als Märchen verspottete, hinterlässt heute ein Land, das Häuser gegen Hitze nachrüstet, Innenstädte begrünt und verzweifelt versucht, mit einer Realität zurechtzukommen, die man viel zu lange nicht wahrhaben wollte.

    Ironischer lässt sich politisches Versagen kaum illustrieren.

    C.Hatty

  • 15 Grad weniger: Wie Cuers zum Freiluftlabor gegen die Hitze wird

    15 Grad weniger: Wie Cuers zum Freiluftlabor gegen die Hitze wird

    Wenn sich schwarzer Asphalt auf mehr als 60 Grad aufheizt, fühlt sich selbst ein kurzer Spaziergang wie ein Gang durch einen Backofen an. Genau das erleben die Einwohner von Cuers im Département Var inzwischen regelmäßig. Die rund 14.000 Einwohner zählende Gemeinde im Hinterland von Toulon kämpft jeden Sommer mit Temperaturen jenseits der 35-Grad-Marke. An besonders heißen Tagen kratzt das Thermometer sogar an 40 Grad. Statt die Entwicklung als unvermeidlich hinzunehmen, entschied sich die Kommune nach dem außergewöhnlich heißen Sommer 2022 für einen ungewöhnlichen Weg.

    Unter dem Namen „Ville Basse Température l’Été“ – Stadt mit niedriger Sommertemperatur – entstand ein kommunales Versuchslabor unter freiem Himmel. Ziel ist nicht, einzelne Prestigeprojekte umzusetzen, sondern systematisch herauszufinden, welche Maßnahmen Straßen, Plätze und Gebäude tatsächlich kühler halten. Dafür prüft die Gemeinde Straßenbeläge, Begrünung, Verschattung und neue Bauvorgaben unter realen Bedingungen.

    Die ersten Messungen machten das Ausmaß der Hitze sichtbar. Auf einer unbeschatteten Straße erreichte schwarzer Asphalt eine Oberflächentemperatur von 61 Grad. Im Schatten eines Baumes blieb derselbe Belag mit rund 31 Grad um etwa 30 Grad kühler. Dieser Unterschied zeigt eindrucksvoll, wie stark Material und Beschattung das Mikroklima beeinflussen.

    Ein zentrales Experiment fand in der Rue Carnot statt. Dort ersetzte Cuers den klassischen schwarzen Asphalt auf einer Teststrecke durch einen hellen, ockerfarbenen Belag. Gleichzeitig erhielten die Gehwege ein wasserdurchlässiges Material mit pflanzlichem Bindemittel. Die Idee dahinter klingt einfach: Helle Flächen reflektieren mehr Sonnenlicht und speichern weniger Wärme als dunkle Oberflächen.

    Die ersten Ergebnisse sorgten für Aufsehen. Direkt nach dem Einbau lag die Oberflächentemperatur des hellen Straßenbelags um etwa 15 bis 20 Grad unter jener von herkömmlichem Asphalt. Für eine Testfläche von lediglich 43 Metern investierte die Stadt rund 46.000 Euro ohne Steuern – ein hoher Preis, der sich nur rechtfertigen ließ, wenn die Wirkung dauerhaft anhielt.

    Doch genau hier zeigte sich, warum Cuers als Freiluftlabor so spannend ist. Nach einem Jahr fiel die Bilanz deutlich nüchterner aus. Reifenabrieb und Straßenschmutz verdunkelten den hellen Belag nach und nach. Gleichzeitig bleichte die intensive Sonne den schwarzen Asphalt etwas aus. Der anfängliche Temperaturvorteil schrumpfte dadurch auf lediglich drei bis fünf Grad.

    Für stark befahrene Straßen erwies sich die Lösung damit als wirtschaftlich kaum vertretbar. Ockerfarbener Asphalt kostet ein Vielfaches des klassischen Materials. Die Stadt entschied sich deshalb, auf Fahrbahnen überwiegend wieder auf den bewährten schwarzen Belag zurückzugreifen.

    Anders sieht die Situation auf Gehwegen aus. Dort fehlt der ständige Reifenabrieb, sodass die Oberfläche deutlich länger hell bleibt. Zudem kann Regenwasser durch das wasserdurchlässige Material in den Boden einsickern, anstatt sofort über die Kanalisation abzufließen. Die gespeicherte Feuchtigkeit unterstützt die natürliche Verdunstung und trägt zur Kühlung des Umfelds bei. Deshalb setzt Cuers diese Lösung weiterhin in Fußgängerbereichen ein.

    Gerade die Bereitschaft, auch weniger erfolgreiche Maßnahmen offen zu bewerten, macht das Projekt glaubwürdig. Die Gemeinde verkauft ihre Ideen nicht als Patentrezepte, sondern sammelt Erfahrungen unter realen Bedingungen. Was funktioniert, bleibt bestehen. Was sich nicht bewährt, verschwindet wieder. So entsteht Schritt für Schritt ein praxisnahes Wissen für den Umgang mit zunehmender Sommerhitze.

    Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den Schulen. Der Schulhof der École Marcel Pagnol erhielt einen hellen, wasserdurchlässigen Boden statt der früheren Asphaltfläche. Zusätzlich sorgen Pflanzen für mehr Schatten und ein angenehmeres Umfeld. Auch die historische Schulgruppe Jean Jaurès wurde umfassend modernisiert. Große Vordächer, außenliegende Sonnenschutzelemente und durchbrochene Fassaden reduzieren die direkte Sonneneinstrahlung und verhindern, dass sich die Gebäude unnötig stark aufheizen.

    Der Ansatz verfolgt ein klares Ziel: Gebäude sollen Hitze möglichst lange draußen halten und sich nachts wieder abkühlen können. Statt überall energieintensive Klimaanlagen einzubauen, setzt die Stadt auf eine Architektur, die mit dem mediterranen Klima arbeitet und nicht gegen es.

    Den größten Beitrag leisten allerdings weiterhin Bäume. Entlang wichtiger Fußwege, auf Plätzen, in Parks und in neuen Gewerbegebieten pflanzt Cuers zusätzliche schattenspendende Arten. Wo unterirdische Leitungen oder enge Straßen eine Begrünung unmöglich machen, ergänzen große Sonnensegel das Konzept.

    Ganz ohne entsprechenden Aufwand gelingt auch das nicht. Jeder neu gepflanzte Baum verursacht einschließlich Pflanzung, Schutz und Pflege Kosten von mehr als 1.500 Euro. Hinzu kommt die Herausforderung, geeignete Arten auszuwählen, die längere Trockenperioden überstehen und mit immer knapper werdenden Wasserressourcen auskommen.

    Parallel dazu hat Cuers seinen Bebauungsplan angepasst. Neue Bauprojekte müssen strengere Vorgaben für Begrünung, Bodenversiegelung, Fassadengestaltung und Parkplätze erfüllen. Klimaanpassung gehört damit nicht mehr zur freiwilligen Verschönerung einer Stadt, sondern zum festen Bestandteil moderner Stadtplanung.

    Cuers zeigt eindrucksvoll, dass der Klimawandel zwar nicht gestoppt, seine Folgen jedoch gemildert werden können. Nicht spektakuläre Großprojekte stehen dabei im Mittelpunkt, sondern sorgfältige Messungen, viele kleine Veränderungen und die Bereitschaft, aus Rückschlägen zu lernen. Die wichtigste Erkenntnis wirkt fast überraschend schlicht: Helle Oberflächen leisten ihren Beitrag, durchlässige Böden verbessern das Stadtklima – den größten Unterschied macht jedoch nach wie vor ein ausgewachsener Baum.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Wenn Hitze zur Lebensgefahr wird: Obdachlose tragen die größte Last der Hitzewellen

    Wenn Hitze zur Lebensgefahr wird: Obdachlose tragen die größte Last der Hitzewellen

    Hitzewellen gehören inzwischen zum Sommer in Frankreich. Kaum steigen die Temperaturen über 35 Grad, richten sich Warnungen der Behörden an ältere Menschen, Kinder und chronisch Kranke. Weit weniger Aufmerksamkeit erhält jedoch eine Bevölkerungsgruppe, die den extremen Temperaturen nahezu schutzlos ausgesetzt ist: Menschen ohne festen Wohnsitz. Die Straße fordert nicht nur während der Wintermonate ihren Tribut. Auch der Sommer birgt tödliche Risiken – und diese nehmen mit jeder neuen Hitzewelle zu.

    Ein Leben ohne Wohnung bedeutet, den Witterungsverhältnissen nahezu ununterbrochen ausgesetzt zu sein. Während sich viele Menschen in kühle Räume zurückziehen oder zumindest Fensterläden schließen, fehlt Obdachlosen oft jede Möglichkeit, der sengenden Sonne zu entkommen. Schattenplätze bleiben rar, öffentliche Gebäude schließen am Abend ihre Türen, und selbst der Zugang zu sauberem Trinkwasser gestaltet sich vielerorts schwierig.

    Besonders in den großen Städten verschärft sich die Lage. Asphalt, Beton und dicht bebaute Straßenzüge speichern die Hitze bis weit in die Nacht hinein. Die sogenannten Wärmeinseln lassen die Temperaturen selbst nach Sonnenuntergang kaum sinken. Für Menschen, die unter freiem Himmel schlafen, entfällt damit selbst jene kurze Erholung, die der Organismus während kühler Nächte benötigt. Was für viele lediglich unangenehm erscheint, entwickelt sich für Obdachlose rasch zur existenziellen Bedrohung.

    Die medizinischen Folgen sind gut bekannt. Dehydrierung, Hitzschläge und Kreislaufzusammenbrüche treten oft überraschend schnell auf. Besonders gefährdet sind Menschen, deren Gesundheit bereits durch chronische Erkrankungen, Mangelernährung oder langjährige Belastungen geschwächt ist. Hinzu kommt die soziale Isolation. Wer allein auf der Straße lebt, besitzt häufig niemanden, der rechtzeitig bemerkt, wenn sich der Gesundheitszustand dramatisch verschlechtert.

    Hilfsorganisationen reagieren während Hitzeperioden mit verstärkten Straßeneinsätzen. Ehrenamtliche verteilen Trinkwasser, Kopfbedeckungen und Sprühflaschen zur Abkühlung. Sozialarbeiter vermitteln Plätze in klimatisierten Tagesstätten oder begleiten besonders gefährdete Menschen in Notunterkünfte. Erweist sich die Situation als akut, verständigen sie Rettungsdienste. Dennoch stoßen viele Organisationen an ihre Grenzen. Die Zahl der Menschen ohne festen Wohnsitz wächst seit Jahren, während Personal und finanzielle Mittel vieler Einrichtungen kaum Schritt halten.

    In Paris beobachten Sozialarbeiter darüber hinaus eine Entwicklung, die auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, für Betroffene jedoch gravierende Folgen besitzt. Schattige Aufenthaltsorte verschwinden zunehmend durch Umgestaltungen des öffentlichen Raums oder werden zeitweise unzugänglich. Auch öffentliche Wasserstellen liegen nicht immer dort, wo sie dringend benötigt würden. Wer ohnehin am Rand der Gesellschaft lebt, stößt selbst bei der Versorgung mit einer der grundlegendsten Lebensressourcen auf erhebliche Hürden.

    Diese Entwicklung wirft zwangsläufig Fragen nach der Ausgestaltung staatlicher Schutzmaßnahmen auf. Frankreich verfügt über einen umfassenden nationalen Hitzeplan, der insbesondere ältere Menschen und gesundheitlich besonders gefährdete Gruppen in den Blick nimmt. Sozialverbände fordern jedoch seit Jahren, vergleichbare Notfallmaßnahmen speziell für obdachlose Menschen einzuführen – nach dem Vorbild des winterlichen „Plan Grand Froid“. Zusätzliche klimatisierte Aufenthaltsräume, ein dichteres Netz öffentlicher Wasserstellen, erleichterter Zugang zu Duschen sowie häufigere Straßeneinsätze zählen zu den Vorschlägen, die regelmäßig vorgebracht werden.

    Die klimatischen Entwicklungen verleihen dieser Debatte zusätzliche Dringlichkeit. Hitzewellen treten häufiger auf, beginnen früher im Jahr und erreichen höhere Spitzenwerte als noch vor wenigen Jahrzehnten. Während der außergewöhnlichen Hitzewelle im Juni 2026, die nahezu 90 Départements erfasste, verzeichneten die Notaufnahmen einen deutlichen Anstieg hitzebedingter Erkrankungen. Besonders häufig betroffen waren Menschen, deren Lebensumstände ohnehin von Unsicherheit und gesundheitlichen Belastungen geprägt sind.

    Hitze wirkt damit wie ein Brennglas sozialer Ungleichheit. Sie legt offen, wie stark die Chancen auf Schutz und Gesundheit von den eigenen Lebensverhältnissen abhängen. Für Menschen mit Wohnung genügt oft ein kühler Raum oder ein Glas Wasser, um den heißesten Stunden des Tages zu entgehen. Wer dagegen auf der Straße lebt, erlebt jede Hitzewelle als unmittelbaren Kampf ums Überleben. Mit jeder neuen Rekordtemperatur wächst damit nicht nur die Belastung für das Gesundheitssystem, sondern auch die Verantwortung einer Gesellschaft, jene Menschen nicht aus dem Blick zu verlieren, die den Folgen des Klimawandels am wenigsten entgegensetzen können.

    Autor: Andreas M. B.

  • Frankreich muss lernen, mit der Hitze zu leben

    Frankreich muss lernen, mit der Hitze zu leben

    Die Hitzewellen des Sommers 2026 markieren einen Wendepunkt. Was lange als außergewöhnliche Wetterlage galt, entwickelt sich zunehmend zum Normalzustand. Bereits zum dritten Mal innerhalb weniger Wochen erlebt Frankreich eine ausgeprägte Phase extremer Temperaturen. Krankenhäuser arbeiten an der Belastungsgrenze, Schulen schließen ihre Türen, der Schienenverkehr gerät ins Stocken und die Feuerwehren sind nahezu ununterbrochen im Einsatz. Der Ausnahmezustand wird zur Routine.

    Die französische Politik reagiert bislang vor allem mit den Instrumenten des Krisenmanagements. Hitzewarnungen, Notfallpläne, klimatisierte Schutzräume und die Betreuung besonders gefährdeter Bevölkerungsgruppen sind unverzichtbare Maßnahmen. Sie retten Leben und haben sich insbesondere seit der verheerenden Hitzekatastrophe des Jahres 2003 erheblich verbessert. Doch sie beantworten nicht mehr die eigentliche Frage. Wie organisiert ein Land seinen Alltag, wenn extreme Hitze nicht mehr die Ausnahme, sondern Teil des Klimas wird?

    Ein Land für ein Klima, das es nicht mehr gibt

    Frankreich steht vor einem strukturellen Problem. Ein großer Teil seiner Infrastruktur entstand unter den klimatischen Bedingungen des 20. Jahrhunderts. Schulen wurden gebaut, ohne an wochenlange Temperaturen von weit über 35 Grad zu denken. Wohngebäude speichern die Hitze, anstatt sie abzuführen. Städte mit ihren versiegelten Flächen verwandeln sich in nächtliche Wärmespeicher, während Straßen, Bahntrassen und Stromnetze zunehmend unter thermischer Belastung leiden.

    Diese Entwicklung betrifft längst nicht mehr einzelne Regionen im Süden. Hitzewellen erfassen inzwischen regelmäßig nahezu das gesamte Staatsgebiet und erreichen Intensitäten, die noch vor wenigen Jahrzehnten als außergewöhnlich gegolten hätten. Der Klimawandel verändert damit nicht nur das Wetter, sondern stellt die Grundlagen öffentlicher Infrastruktur infrage.

    Gerade darin liegt die eigentliche Herausforderung. Die Anpassung an den Klimawandel ist keine Umweltpolitik im klassischen Sinn mehr. Sie wird zu einer Kernaufgabe staatlicher Daseinsvorsorge.

    Von der Krisenbewältigung zur Vorsorge

    Der französische Staat verfügt heute über deutlich bessere Warnsysteme als noch vor zwanzig Jahren. Meteorologische Vorhersagen sind präziser, Behörden arbeiten enger zusammen, Rettungsdienste reagieren schneller. Diese Fortschritte sind unbestritten.

    Dennoch bleibt die Logik dieselbe: Der Staat handelt, wenn die Krise bereits eingetreten ist.

    Politisch ist dies nachvollziehbar. Notfallmaßnahmen lassen sich kurzfristig organisieren und vermitteln Handlungsfähigkeit. Weitaus schwieriger sind Investitionen, deren Nutzen sich erst Jahre oder Jahrzehnte später zeigt. Doch genau diese langfristige Perspektive entscheidet darüber, wie widerstandsfähig Frankreich künftig sein wird.

    Eine nachhaltige Klimaanpassung verlangt mehr als kurzfristige Sofortprogramme. Sie erfordert eine strategische Neuausrichtung zahlreicher Politikfelder – von der Raumplanung über das Bauwesen bis hin zur Gesundheits- und Bildungspolitik.

    Die Stadt wird zum Schauplatz der Anpassung

    Besonders deutlich zeigt sich dieser Wandel in den Städten. Asphalt, Beton und dicht bebaute Quartiere verstärken die Hitze erheblich. Die sogenannten Wärmeinseln führen dazu, dass sich Innenstädte selbst nachts kaum noch abkühlen. Für ältere Menschen, Kleinkinder und chronisch Kranke wird dies zunehmend zu einem gesundheitlichen Risiko.

    Viele Kommunen reagieren bereits. Sie pflanzen Bäume, entsiegeln Flächen, schaffen Schattenbereiche und entwickeln öffentliche Räume neu. Solche Maßnahmen erscheinen auf den ersten Blick unspektakulär. Tatsächlich gehören sie zu den wirksamsten Instrumenten, um urbane Temperaturen dauerhaft zu senken.

    Allerdings entfalten sie ihre Wirkung erst über Jahrzehnte. Gerade deshalb dürfen sie nicht länger als freiwillige Verschönerungsprojekte verstanden werden, sondern als Investitionen in die Funktionsfähigkeit der Städte.

    Wohnen wird zur sozialen Klimafrage

    Noch deutlicher treten die sozialen Unterschiede beim Wohnen zutage. Gut gedämmte Gebäude mit außenliegenden Verschattungen oder moderner Lüftung bieten einen erheblich besseren Schutz vor extremer Hitze als schlecht sanierte Altbauten. Wer über finanzielle Mittel verfügt, kann sich Klimaanlagen oder umfassende Modernisierungen leisten. Wer dazu nicht in der Lage ist, bleibt den steigenden Temperaturen weitgehend ausgeliefert.

    Damit entwickelt sich die Anpassung an den Klimawandel zunehmend zu einer Frage sozialer Gerechtigkeit. Eine Politik, die sich ausschließlich auf individuelle Vorsorge verlässt, riskiert eine Vertiefung gesellschaftlicher Ungleichheiten. Der Staat wird deshalb nicht darum herumkommen, den Hitzeschutz stärker in die Wohnungs- und Sanierungspolitik einzubeziehen.

    Eine Gesellschaft muss sich neu organisieren

    Die Veränderungen reichen weit über Baupolitik hinaus. Arbeitszeiten im Baugewerbe oder in der Landwirtschaft werden sich verschieben müssen. Schulen benötigen Gebäude, die auch während längerer Hitzeperioden uneingeschränkt nutzbar bleiben. Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser müssen ihre Infrastruktur dauerhaft auf häufigere Extremtemperaturen ausrichten.

    Mit anderen Worten: Nicht allein einzelne Gebäude, sondern die Organisation des gesellschaftlichen Lebens steht vor einer Anpassung. Frankreich wird lernen müssen, mit einem Klima umzugehen, das sich dauerhaft verändert hat.

    Die Rechnung der Untätigkeit

    Oft wird auf die hohen Kosten solcher Anpassungsmaßnahmen verwiesen. Tatsächlich erfordern sie milliardenschwere Investitionen. Doch die wirtschaftlichen Folgen unterlassener Vorsorge fallen langfristig weit höher aus. Produktionsausfälle, sinkende Arbeitsleistung, Schäden an Verkehrswegen, Ernteverluste, Waldbrände und steigende Gesundheitskosten belasten bereits heute Wirtschaft und öffentliche Haushalte.

    Die eigentliche Alternative lautet daher nicht Investition oder Sparsamkeit. Sie lautet Vorsorge oder fortlaufende Krisenbewältigung.

    Frankreich befindet sich an einem Wendepunkt. Die wiederkehrenden Hitzewellen des Jahres 2026 zeigen, dass der Klimawandel nicht länger ein Zukunftsszenario ist, sondern die politischen Prioritäten der Gegenwart bestimmt. Der Staat wird auch künftig auf akute Krisen reagieren müssen. Doch die eigentliche Bewährungsprobe liegt in seiner Fähigkeit, den Ausnahmezustand überflüssig zu machen.

    Die Frage lautet deshalb nicht mehr, wie die nächste Hitzewelle bewältigt werden kann. Entscheidend ist vielmehr, ob Frankreich den Mut aufbringt, seine Städte, seine Infrastruktur und seine öffentlichen Institutionen auf ein Klima auszurichten, das sich dauerhaft verändert hat. Erst wenn diese Perspektive das politische Handeln bestimmt, wird aus einer Politik des Reagierens eine Politik der Vorsorge.

    Autor: P. Tiko

  • Frankreichs Regierung wegen Hitzewellen-Management unter Druck

    Frankreichs Regierung wegen Hitzewellen-Management unter Druck

    Die französische Regierung sieht sich nach der jüngsten Hitzewelle wachsender Kritik aus Politik, Kommunen und Gesellschaft ausgesetzt. Während die gesundheitlichen Folgen noch nicht abschließend beziffert werden können, wächst der politische Druck auf die Regierung, ihre Krisenbewältigung und ihre langfristige Anpassungsstrategie offenzulegen. Die Debatte reicht dabei weit über den akuten Umgang mit der extremen Hitze hinaus. Sie stellt grundsätzliche Fragen zur Widerstandsfähigkeit Frankreichs gegenüber den Folgen des Klimawandels. Kritik an mangelnder Vorbereitung Im Zentrum der Vorwürfe steht die unzureichende Vorbereitung öffentlicher Einrichtungen auf immer häufigere und intensivere Hitzewellen. Zahlreiche Schulen mussten ihren Unterricht aussetzen, verkürzen oder in den Fernunterricht wechseln, weil Klassenzimmer aufgrund fehlender Wärmedämmung oder mangelnder Kühlung nicht mehr nutzbar waren. Viele Gebäude stammen aus einer Zeit, in der extreme Sommerhitze in Frankreich als Aus…

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  • Wenn die Hitze zur Staatsaffäre wird

    Wenn die Hitze zur Staatsaffäre wird

    Paris flimmert. Der Asphalt speichert die Wärme bis tief in die Nacht, Ventilatoren laufen auf Hochtouren, und in vielen Wohnungen bleibt selbst bei geöffneten Fenstern die ersehnte Abkühlung aus. Die außergewöhnliche Hitzewelle hat Frankreich fest im Griff. Doch während draußen die Temperaturen steigen, erhitzen sich im Palais Bourbon die Gemüter mindestens ebenso stark. In der Nationalversammlung entwickelte sich während der Fragestunde an die Regierung ein Schlagabtausch, der weit über parteipolitische Routine hinausging. Es ging um Verantwortung, um den Schutz der Bevölkerung und um die Frage, ob Frankreich auf die Folgen des Klimawandels ausreichend vorbereitet ist. Ausgelöst wurde die Debatte durch Cyrielle Chatelain, Vorsitzende der Grünen-Fraktion. Mit deutlichen Worten warf sie der Regierung vor, die Auswirkungen wiederkehrender Hitzewellen über Jahre unterschätzt zu haben. Extreme Temperaturen seien längst kein außergewöhnliches Ereignis mehr, sondern eine Realität, auf die s…

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  • kommentar: Überraschung! Der Sommer kommt tatsächlich im Sommer

    kommentar: Überraschung! Der Sommer kommt tatsächlich im Sommer

    Da hat Sébastien Lecornu natürlich völlig recht: Es gibt keine Untätigkeit. Gar keine. Schließlich wurden Hitzeschutzpläne aktiviert, Klimageräte bestellt und Behörden mobilisiert – nachdem das Thermometer längst auf Rekordwerte geklettert war. Wer wollte da noch behaupten, niemand habe etwas getan?

    Und überhaupt: Wer hätte ahnen können, dass es im Hochsommer heiß wird? Diese völlig unerwartete Naturkatastrophe trifft Frankreich schließlich jedes Jahr aufs Neue wie ein Meteorit aus dem All. Dass Klimaforscher seit Jahrzehnten vor immer häufigeren und heftigeren Hitzewellen warnen? Geschenkt. Offenbar bleibt auch das nur eine Wettervorhersage unter vielen.

    „Es gibt keine Untätigkeit“, sagt der amtierende Premierminister. Das klingt entschlossen. Nur stellt sich eine einfache Frage: Wenn tatsächlich alles getan wurde, weshalb geraten Krankenhäuser an ihre Grenzen? Weshalb schließen Schulen wegen der Hitze? Weshalb leiden Millionen Menschen in Wohnungen, die sich tagsüber und sogar nachts in Backöfen verwandeln? Und weshalb diskutieren wir Jahr für Jahr über dieselben Probleme?

    Vielleicht liegt das wahre Missverständnis in der Definition von Vorsorge. Vorsorge bedeutet nämlich nicht, hektisch Feuer zu löschen, wenn das Haus bereits brennt. Vorsorge bedeutet, den Brandschutz einzubauen, bevor die Flammen lodern. Wer erst Klimaanlagen bestellt, wenn Ärzte und Pflegekräfte längst unter extremen Bedingungen arbeiten, reagiert auf eine Krise – er kommt ihr nicht zuvor.

    Natürlich darf sich eine Regierung gegen überzogene Vorwürfe wehren. Natürlich verdienen Rettungskräfte, Präfekten, Feuerwehrleute und das medizinische Personal größten Respekt. Sie leisten Enormes. Doch genau deshalb wirkt der Satz „Es gibt keine Untätigkeit“ so irritierend. Denn die eigentliche Frage lautet nicht, ob Menschen im Einsatz sind. Sie lautet, warum sie jedes Jahr wieder unter denselben Ausnahmebedingungen Höchstleistungen vollbringen müssen.

    Noch bemerkenswerter war allerdings die Empörung über die Zahl der Hitzetoten. Als wäre die entscheidende Debatte, ob es nun 10.000, weniger oder mehr Opfer sind. Ab welcher Zahl beginnt eigentlich politische Verantwortung? Gibt es dafür eine amtliche Temperaturgrenze?

    Die Wahrheit ist unbequem. Frankreich erlebt keine einmalige Wetterlaune. Das Land erlebt eine Entwicklung, die Wissenschaftler seit Jahren beschreiben. Die Hitze ist kein Gast mehr. Sie zieht langsam ein und richtet sich häuslich ein. Wer heute noch so tut, als sei jede Hitzewelle eine überraschende Ausnahme, kämpft gegen die Realität – und die gewinnt bekanntlich immer.

    Vielleicht sollte die Politik weniger Energie darauf verwenden, sich gegenseitig anzuschreien. Ein Grad weniger Empörung im Parlament und ein paar Grad weniger in schlecht isolierten Klassenzimmern wären für viele Menschen wahrscheinlich die deutlich angenehmere Kombination.

    Ein Kommentar von Andreas M. Brucker

  • Hitzewelle: Frankreich mobilisiert Briefträger zum Schutz gefährdeter Menschen

    Hitzewelle: Frankreich mobilisiert Briefträger zum Schutz gefährdeter Menschen

    Angesichts einer außergewöhnlichen und anhaltenden Hitzewelle hat Frankreichs Premierminister Sébastien Lecornu die französische Post zu einer „außergewöhnlichen Mobilisierung“ ihrer Briefträger aufgerufen. Ziel der Maßnahme ist es, den Schutz besonders gefährdeter Menschen zu verstärken – insbesondere älterer und alleinlebender Personen, die zu Hause wohnen. Die Initiative ist Teil einer umfassenden Ausweitung des nationalen Hitzeschutzplans. Konkret sollen Briefträger während ihrer täglichen Zustelltouren verstärkt auf schutzbedürftige Menschen achten. Sie werden gebeten, ältere oder isolierte Personen anzusprechen, sie zur Eintragung in die kommunalen Register für gefährdete Einwohner zu ermutigen und an wichtige Verhaltensregeln bei großer Hitze zu erinnern. Dazu gehören ausreichendes Trinken, das Meiden der Mittagshitze sowie das regelmäßige Lüften und Kühlen der Wohnräume. Sollten die Zusteller besorgniserregende Situationen feststellen, sollen sie diese an die zuständigen Behörd…

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  • Frankreich und die Hitze: Gut vorbereitet für den Notfall – aber nicht für das neue Klima

    Frankreich und die Hitze: Gut vorbereitet für den Notfall – aber nicht für das neue Klima

    Als im August 2003 eine historische Hitzewelle Frankreich traf und innerhalb weniger Wochen nahezu 15.000 Menschen starben, erschütterte dies das Selbstverständnis des französischen Staates. Das Land, das sich traditionell als Garant des sozialen Schutzes versteht, musste feststellen, dass es auf ein solches Extremereignis weder organisatorisch noch gesellschaftlich vorbereitet war. Die Bilder überfüllter Notaufnahmen, überforderter Pflegeeinrichtungen und tausender einsam verstorbener älterer Menschen brannten sich tief ins kollektive Gedächtnis ein.

    Seither hat keine Regierung das Thema aus den Augen verloren. Im Gegenteil: Frankreich zählt heute zu den europäischen Ländern mit den am besten entwickelten Warn- und Krisensystemen bei Hitzewellen. Gleichzeitig wächst jedoch die Erkenntnis, dass ein funktionierendes Krisenmanagement allein nicht ausreicht. Während der Staat gelernt hat, auf extreme Hitze zu reagieren, fällt es ihm erheblich schwerer, das Land an ein dauerhaft heißeres Klima anzupassen.

    Die Lehren aus 2003

    Die unmittelbaren Konsequenzen der Katastrophe waren weitreichend. Bereits wenige Monate später entstand der nationale Hitzeplan, der bis heute das Rückgrat der französischen Präventionspolitik bildet. Wetterdienste, Gesundheitsbehörden, Krankenhäuser und Kommunen arbeiten seither eng zusammen. Frühwarnsysteme wurden etabliert, besonders gefährdete Personen werden in kommunalen Registern erfasst, Pflegeeinrichtungen verfügen über verbindliche Notfallpläne, und die epidemiologische Überwachung wurde erheblich ausgebaut.

    Diese Reformen zeigen Wirkung. Zwar fordern außergewöhnlich heiße Sommer weiterhin Todesopfer, doch die staatliche Reaktionsfähigkeit unterscheidet sich grundlegend von jener des Jahres 2003. Frankreich hat seine Fähigkeit verbessert, Menschenleben während extremer Wetterlagen zu schützen.

    Gerade dieser Erfolg birgt jedoch eine Gefahr: Er kann den Eindruck vermitteln, das Problem sei weitgehend gelöst. Tatsächlich beginnt die eigentliche Herausforderung erst dort, wo der Katastrophenschutz endet.

    Vom Krisenmanagement zur Klimaanpassung

    Mit den ersten nationalen Anpassungsplänen an den Klimawandel verschob sich der politische Fokus allmählich. Es ging nicht länger ausschließlich um medizinische Notfallmaßnahmen, sondern um die Frage, wie eine gesamte Volkswirtschaft unter dauerhaft veränderten klimatischen Bedingungen funktionieren kann.

    Stadtplanung, Wasserwirtschaft, Landwirtschaft, Energieversorgung und Verkehr wurden schrittweise in eine umfassendere Strategie einbezogen. Zahlreiche Kommunen begannen, Straßen zu begrünen, Schulhöfe zu entsiegeln, Bäume zu pflanzen oder öffentliche Kühlräume einzurichten. Gleichzeitig rückte bei Gebäudesanierungen zunehmend der sommerliche Hitzeschutz neben die Energieeffizienz.

    Dennoch blieb vieles Stückwerk. Frankreich entwickelte zahlreiche Einzelmaßnahmen, ohne daraus eine wirklich kohärente Anpassungsstrategie zu formen. Genau diesen Mangel kritisieren seit Jahren Wissenschaftler, Rechnungshof und Klimafachleute.

    Der eigentliche Rückstand liegt im Alltag

    Die wiederkehrende Diagnose, Frankreich sei bei der Klimaanpassung „deutlich im Rückstand“, bezieht sich deshalb weniger auf den Katastrophenschutz als auf die strukturelle Modernisierung des Landes.

    Noch immer stammen Millionen Wohnungen aus einer Zeit, in der der Schutz vor winterlicher Kälte wichtiger war als der vor sommerlicher Überhitzung. Zahlreiche Schulen verwandeln sich während Hitzeperioden in kaum nutzbare Gebäude. Viele Pflegeheime verfügen weiterhin nicht über ausreichend gekühlte Gemeinschaftsbereiche. Auch Krankenhäuser, öffentliche Verwaltungen oder Verkehrsinfrastrukturen wurden für ein gemäßigteres Klima geplant.

    Besonders sichtbar werden die Defizite in den Städten. Jahrzehntelang dominierten dichte Bebauung, Asphalt und Beton das Leitbild der Stadtentwicklung. Diese versiegelten Flächen speichern enorme Wärmemengen und erzeugen sogenannte urbane Hitzeinseln, in denen die Temperaturen nachts oft deutlich höher bleiben als im Umland. Selbst neue Quartiere werden teilweise noch immer nach Planungsprinzipien errichtet, die den klimatischen Realitäten der kommenden Jahrzehnte kaum Rechnung tragen.

    Auch die Arbeitswelt steht erst am Anfang eines grundlegenden Wandels. Bauarbeiter, Landwirte oder Beschäftigte im Transportwesen arbeiten zunehmend unter Bedingungen, die früher Ausnahmefälle waren. Gesetzliche Regelungen und betriebliche Schutzkonzepte entwickeln sich jedoch nur langsam weiter.

    Vier Grad als neue Planungsgröße

    Mit dem dritten Nationalen Anpassungsplan hat die französische Regierung im Jahr 2025 einen bemerkenswerten Kurswechsel vollzogen. Erstmals orientiert sich die staatliche Planung an einem Szenario, in dem Frankreich bis zum Ende des Jahrhunderts mit einer Erwärmung von bis zu vier Grad rechnen muss.

    Dieser Perspektivwechsel ist mehr als eine technische Anpassung. Er bedeutet die politische Anerkennung, dass extreme Hitze künftig keine Ausnahme mehr sein wird, sondern zum Normalzustand gehören könnte. Schulen, Krankenhäuser, Verkehrswege, Stromnetze und Wasserinfrastrukturen müssen deshalb künftig für klimatische Bedingungen ausgelegt werden, die bislang außerhalb jeder Planungsgrundlage lagen.

    Damit verschiebt sich die Debatte von der Krisenreaktion hin zur Resilienz ganzer Gesellschaften. Anpassung wird nicht länger als Ergänzung der Klimapolitik verstanden, sondern als eigenständige staatliche Kernaufgabe.

    Zwischen politischem Willen und langfristiger Realität

    Die eigentliche Schwierigkeit liegt weniger im Wissen als in der Umsetzung. Frankreich weiß heute vergleichsweise genau, welche Maßnahmen notwendig wären. Der Umbau von Millionen Wohngebäuden, die Begrünung dicht bebauter Städte, die Modernisierung öffentlicher Einrichtungen oder die Anpassung kritischer Infrastrukturen erfordern jedoch Investitionen in Milliardenhöhe und Planungshorizonte, die weit über einzelne Legislaturperioden hinausreichen.

    Hier stößt demokratische Politik regelmäßig an ihre Grenzen. Während Hitzewellen kurzfristig Aufmerksamkeit erzeugen, entfalten Anpassungsmaßnahmen ihre Wirkung oft erst nach Jahrzehnten. Politischer Nutzen und gesellschaftlicher Zeithorizont fallen deshalb selten zusammen.

    Gerade darin liegt das eigentliche Dilemma der französischen Klimapolitik. Das Land verfügt heute über leistungsfähige Warnsysteme und einen deutlich besseren Gesundheitsschutz als noch vor zwanzig Jahren. Es ist besser darauf vorbereitet, Menschen während einer Hitzewelle zu schützen. Weniger weit fortgeschritten ist jedoch die Transformation jener Strukturen, die darüber entscheiden werden, ob Frankreich künftig mit einem dauerhaft heißeren Klima leben kann.

    Die Bilanz fällt deshalb ambivalent aus. Frankreich hat aus der Katastrophe von 2003 gelernt – aber noch nicht vollständig aus den klimatischen Veränderungen, die seither zur neuen Normalität geworden sind.

    Autor: Andreas M. Brucker

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