Schlagwort: Haushaltskrise

  • Der längste Stillstand: Was der 43-tägige Shutdown über die politische Lage in den USA verrät

    Der längste Stillstand: Was der 43-tägige Shutdown über die politische Lage in den USA verrät

    Am 12. November 2025 setzte Donald Trump seine Unterschrift unter das Gesetz, das den längsten Shutdown in der Geschichte der Vereinigten Staaten beendete. Über sechs Wochen lang stand ein großer Teil der Bundesverwaltung still – mit gravierenden Folgen für Millionen Menschen und tiefen politischen Spuren in Washington. Was als Konflikt über Haushaltsfragen begann, wurde rasch zu einem Machtspiel zwischen Präsidialamt und Opposition – und offenbart erneut die tiefgreifende Polarisierung des Landes.

    Ohne große Geste, aber mit scharfen Worten gegen die Demokraten beendete Trump den Stillstand, der am 1. Oktober begonnen hatte. Zwar wurde der neue Übergangshaushalt im Kongress nur mit knapper Mehrheit angenommen – entscheidend war letztlich, dass einige moderate Demokraten einknickten und die republikanische Linie unterstützten. Der Preis: ein temporärer Kompromiss ohne klare Lösung für zentrale Streitpunkte wie die Finanzierung des Gesundheitssystems oder künftige Sozialausgaben.


    Eine Regierung im Stand-by-Modus

    Über 40 Tage war das Herzstück des föderalen Staates weitgehend gelähmt. Mehr als 800.000 Bundesbedienstete erhielten kein Gehalt, viele waren zwangsbeurlaubt oder arbeiteten ohne Bezahlung weiter. Flughäfen litten unter Personalmangel bei Sicherheitsdiensten und Fluglotsen. Nationale Parks wurden geschlossen, Anträge auf Visa, Sozialleistungen oder Steuerbescheide blieben unbearbeitet. Für Millionen von US-Bürgern bedeutete der Shutdown nicht nur einen symbolischen Machtkampf in Washington, sondern handfeste Einschnitte im Alltag.

    Auch wirtschaftlich zeigte der Konflikt Wirkung: Prognosen zufolge kostete die Blockade das Land mehrere Milliarden Dollar. Konsumausgaben gingen zurück, staatliche Programme zur Armutsbekämpfung wurden ausgesetzt oder verzögert. Besonders betroffen war das Lebensmittelhilfeprogramm SNAP, von dem über 40 Millionen Amerikaner abhängen. Zwar wurden nun – als Konzession an die Opposition – dessen Mittel bis September gesichert. Doch bleibt unklar, ob die nächste Haushaltsdebatte Ende Januar nicht erneut zur Eskalation führt.


    Der politische Hintergrund: Ein Präsident auf Konfrontationskurs

    Donald Trump nutzte den Haushaltsstreit, um sich einmal mehr als kompromissloser Verteidiger „amerikanischer Interessen“ zu inszenieren. Seine Linie: keine Zugeständnisse gegenüber einer Opposition, die er als „extremistisch“ brandmarkt. Dabei war die Ursache des Stillstands keineswegs nur einseitig: Auch Demokraten hatten Forderungen gestellt, die im republikanisch dominierten Kongress keine Chance auf Mehrheit hatten – etwa die dauerhafte Sicherung der Subventionen im Rahmen des Affordable Care Act („Obamacare“).

    Trump dagegen lehnt das System offen ab. Die staatlich gestützte Krankenversicherung sei ineffizient, teuer und bevormundend – stattdessen will er direkte Zuschüsse für individuelle Policen, ein marktliberales Modell mit mehr Wahlfreiheit, das vor allem besserverdienenden Amerikanern zugutekäme. In der republikanischen Basis kommt diese Rhetorik gut an, doch sie spaltet das Land weiter: Während in konservativen Staaten breite Unterstützung herrscht, warnen Demokraten vor einer sozialen Schieflage, die besonders Geringverdiener hart treffen könnte.


    Eine fragile Einigung auf Zeit

    Der nun beschlossene Übergangshaushalt finanziert die Regierung zunächst nur bis Ende Januar – mehr als eine Atempause ist es nicht. Die strukturellen Konflikte bleiben ungelöst: Die Demokraten fordern klare Zusagen zur Finanzierung von Gesundheits- und Sozialprogrammen, die Republikaner pochen auf Ausgabenkürzungen und Effizienzsteigerung. Auch innerhalb der Parteien wachsen Spannungen: Zwei republikanische Abgeordnete stimmten gegen den Deal, während sechs Demokraten ihre Fraktion verließen – ein Signal wachsender Unzufriedenheit mit den kompromisslosen Fronten.

    Die Wiederanstellung der entlassenen Staatsbediensteten sowie die Fortsetzung von SNAP sind die wenigen substanziellen Zugeständnisse an die Opposition. Doch viele Demokraten kritisieren, dass zentrale Themen vertagt statt gelöst wurden. Insbesondere die Unklarheit über die Zukunft von „Obamacare“ sorgt für Unruhe in der Partei – nicht zuletzt, weil das Thema im beginnenden Wahlkampfjahr 2026 eine zentrale Rolle spielen dürfte.

    Die Wiederaufnahme des Regierungsbetriebs kaschiert nicht, dass das politische System der USA tief gespalten ist. Ein Präsident, der Konfrontation zum Markenzeichen macht, eine Opposition, die zwischen Prinzipientreue und Pragmatismus schwankt, und ein institutionelles Gefüge, das wiederholt zur Geisel parteipolitischer Auseinandersetzungen wird – all das untergräbt das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates.

    Das Ende des Shutdowns bringt vorerst Erleichterung – doch keine Lösung. Schon in wenigen Wochen droht eine Neuauflage des Dramas. Und das Vertrauen der Bürger in Washington wird mit jedem dieser Rituale weiter erodiert.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Shutdown in den USA: Supreme Court friert Lebensmittelhilfe für 42 Millionen Bedürftige ein

    Shutdown in den USA: Supreme Court friert Lebensmittelhilfe für 42 Millionen Bedürftige ein

    Seit mehr als 40 Tagen steht ein erheblicher Teil des US-Staatsapparats still. Nun hat der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten die Notlage für Millionen armutsbetroffene Amerikaner weiter verschärft. Mit einer Entscheidung vom 11. November 2025 setzte das Gericht die Auszahlung von Leistungen aus dem zentralen Lebensmittelhilfeprogramm SNAP vorerst aus. Damit dürfen die Bundesstaaten weiterhin keine Mittel des Bundes verteilen, auf die 42 Millionen Bürger angewiesen sind – inmitten einer sich verschärfenden sozialen Krise.

    SNAP auf Eis: Wenn die Politik den Kühlschrank leert

    Die Entscheidung des Supreme Court betrifft den Supplemental Nutrition Assistance Program (SNAP), besser bekannt als „Food Stamps“. Ursprünglich hatte ein untergeordnetes Gericht geurteilt, dass die Bundesregierung verpflichtet sei, die Auszahlung für den Monat November trotz Shutdown sicherzustellen. Doch Supreme-Court-Richterin Ketanji Brown Jackson verfügte in einem administrativen Entscheid eine Aussetzung des Urteils, um dem Justizapparat mehr Zeit zur Prüfung der Klage der Trump-Administration zu geben.

    Diese juristische Verzögerung hat weitreichende Auswirkungen: Bundesstaaten erhalten damit keine Mittel, um Bedürftigen Essensmarken zukommen zu lassen. Besonders betroffen sind einkommensschwache Familien, Alleinerziehende, ältere Menschen und Menschen mit Behinderung – viele von ihnen sind auf die monatliche SNAP-Unterstützung angewiesen, um überhaupt ausreichend Lebensmittel einkaufen zu können. In Kalifornien, Texas und Florida kam es zuletzt zu Schlangen vor Lebensmittelausgabestellen, wie Bilder aus Los Angeles eindrucksvoll belegen.

    Eine politische Geiselhaft mit langer Geschichte

    Die Ursache für diese dramatische Zuspitzung liegt in der politischen Blockade zwischen Demokraten und Republikanern. Seit dem 1. Oktober 2025 – dem Beginn des neuen Haushaltsjahres – konnte sich der Kongress nicht auf ein Haushaltsgesetz einigen. Die Konsequenz: der sogenannte „Shutdown“. Zahlreiche Bundesbehörden sind geschlossen, hunderttausende Angestellte ohne Gehalt, öffentliche Dienstleistungen drastisch eingeschränkt. Für Programme wie SNAP, die aus dem Haushalt des Landwirtschaftsministeriums finanziert werden, bedeutet das faktisch eine Einstellung der Zahlungen.

    Bemerkenswert ist die politische Strategie hinter dem Vorgehen der Trump-Administration. Anstatt Rücklagen des Landwirtschaftsministeriums für die Auszahlung zu verwenden, argumentiert die Regierung mit haushaltsrechtlichen Grenzen und verweist auf die fehlende gesetzliche Grundlage. Kritiker werfen der Regierung vor, gezielt Druck auf den Kongress auszuüben, um ihre eigenen Budgetprioritäten – darunter massive Steuererleichterungen für Unternehmen – durchzusetzen.

    Hoffnungsschimmer im Senat

    Doch es gibt Anzeichen für ein mögliches Ende der Blockade. In der Nacht zum Dienstag verabschiedete der US-Senat mit 60 zu 40 Stimmen einen Gesetzentwurf, der den bestehenden Haushalt bis Ende Januar verlängern würde – ein sogenanntes „Continuing Resolution“-Gesetz. Dieses Verfahren wird häufig genutzt, um kurzfristige Regierungsstillstände zu beenden und Zeit für Verhandlungen zu gewinnen.

    Auffällig ist, dass auch mehrere demokratische Senatoren für den Entwurf stimmten – offenbar aus pragmatischer Einsicht, dass die fortdauernde Blockade vor allem einkommensschwache Bevölkerungsteile trifft. Ob der Kompromiss jedoch Bestand haben wird, ist offen: Das republikanisch dominierte Repräsentanten will am Mittwoch über den Entwurf abstimmen. Dort könnte eine Gruppe harter Trump-Unterstützer die Einigung jedoch noch zu Fall bringen.

    Die Rolle des Präsidenten

    Sollte der Gesetzentwurf beide Kammern passieren, wäre Präsident Donald Trump am Zug. Er müsste das Übergangsbudget unterzeichnen, um den Shutdown offiziell zu beenden. Doch Trumps Verhalten in den letzten Wochen lässt Zweifel aufkommen. In mehreren öffentlichen Statements betonte er, dass er nur einem Budget zustimmen werde, das seine politischen Schwerpunkte abdeckt – darunter Grenzsicherung, Steuerpolitik und Kürzungen bei Sozialausgaben. Die SNAP-Krise könnte so Spielball in einem größeren politischen Machtkampf bleiben.

    Gleichzeitig mehren sich Warnungen aus der Wirtschaft. Analysten befürchten, dass ein anhaltender Shutdown das Vertrauen in die fiskalische Steuerungsfähigkeit der USA untergräbt. Die Ratingagentur Fitch hatte bereits im Oktober angedeutet, eine Herabstufung der Kreditwürdigkeit in Erwägung zu ziehen – mit potenziellen Folgen für die Zinslast des Landes.

    Das Ringen um die SNAP-Mittel ist somit mehr als eine Verwaltungskrise. Es ist ein Lehrstück über die soziale Sprengkraft haushaltspolitischer Konflikte und die Fragilität staatlicher Fürsorge in einem tief polarisierten politischen System. Die nächsten Tage werden zeigen, ob die politischen Eliten in Washington zur Vernunft zurückkehren – oder ob Millionen von Amerikanern weiter für die Haushaltskrise bezahlen müssen, mit leerem Kühlschrank und wachsender Verzweiflung.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Zucman-Steuer gescheitert – und nun? Frankreichs Regierung vor der nächsten Bewährungsprobe

    Zucman-Steuer gescheitert – und nun? Frankreichs Regierung vor der nächsten Bewährungsprobe

    Der symbolträchtige, aber auch finanzpolitisch bedeutsame Vorschlag einer Vermögensteuer nach dem Modell von Gabriel Zucman ist in der französischen Nationalversammlung durchgefallen. Das Nein zum Gesetzestext – wie auch zu einer abgeschwächten Version – hat nicht nur politische Sprengkraft, sondern bringt auch konkrete Auswirkungen für den Haushaltsplan 2026 mit sich. Der Vorstoß zur stärkeren Besteuerung extrem hoher Vermögen wurde damit aufgeschoben – oder vorerst beerdigt. Die Regierung unter Premierminister Sébastien Lecornu steht nun unter Zugzwang: Ihr fehlt ein zentrales Finanzierungselement für den kommenden Haushalt. Gleichzeitig offenbart die Abstimmung ein strukturelles Dilemma: die Schwierigkeit, neue Mehrheiten für ambitionierte Reformen zu bilden – insbesondere im sensiblen Bereich der Steuerpolitik.

    Der Absturz eines finanzpolitischen Symbols Der ursprüngliche Gesetzentwurf, inspiriert vom französischen Ökonomen Gabriel Zucman, sah einen Mindeststeuersatz von 2 Prozent…

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  • Die französischen Steuerpläne: Eine Last für die Mitte der Gesellschaft

    Die französischen Steuerpläne: Eine Last für die Mitte der Gesellschaft

    Frankreichs Regierung will den Haushalt konsolidieren – doch der Preis dafür wird nicht von den Reichsten bezahlt, sondern von der breiten Mitte der Gesellschaft.


    Frankreichs Haushaltsentwurf für das Jahr 2026 offenbart ein bekanntes Muster: Wenn es eng wird in den Staatsfinanzen, greift Paris lieber zu Herkömmlichen als zu echten Strukturreformen. Mit dem erklärten Ziel, das Haushaltsdefizit unter Kontrolle zu bringen, plant die Regierung Mehreinnahmen in Höhe von rund 14 Milliarden Euro. Doch das vermeintlich ambitionierte Programm enthält keine neuen fiskalischen Aspekte – sondern eine Kaskade technischer Maßnahmen, die am Ende vor allem eine Gruppe treffen: den steuerlich ohnehin bereits stark belasteten Mittelstand.

    Der Löwenanteil des neuen Steueraufkommens soll aus dem Einfrieren der Tarifgrenzen bei der Einkommenssteuer sowie den Sozialabgaben stammen. Was trocken klingt, hat in der Praxis einen spürbaren Effekt: Mit jeder inflationsbedingten Lohnerhöhung rutschen Arbeitnehmer unweigerlich in höhere Steuerklassen – ein Phänomen, das Ökonomen auf Deutsch als kalte Progression bezeichnen. Wer sich über eine nominelle Gehaltserhöhung freut, wird real oft stärker zur Kasse gebeten. Rund 200.000 Haushalte könnten dadurch erstmals steuerpflichtig werden.

    Auch die Rücknahme oder Streichung von Steuervorteilen – etwa bei Renten oder haushaltsnahen Dienstleistungen – belastet tendenziell jene Gruppen, die weder zu den Wohlhabendsten gehören noch über komplexe Steuerkonstruktionen verfügen. Es sind Lehrer, Ingenieure, junge Familien und Rentner mit mittlerem Einkommen, die das Rückgrat des fiskalischen Konsolidierungskurses bilden sollen.

    Die politische Kommunikation aber erzählt eine andere Geschichte: Es sei ein gerechter Plan, heisst es aus dem Palais Matignon. Man wolle auch die «großen Vermögen» in die Pflicht nehmen – unter anderem mit einer Sonderabgabe auf Holdingstrukturen oder der Verlängerung eines Mindeststeuersatzes für Spitzeneinkommen. Doch die symbolischen Auswirkungen dieser Maßnahmen bleiben überschaubar. Heute zahlen die obersten Einkommensklassen in Frankreich einen deutlich unterproportionalen Anteil der Einkommenssteuer. Die Fiskalpolitik bleibt also, bei allen Ankündigungen, im Wesentlichen auf die Mittelschicht fokussiert.

    Auch die Wirtschaft mahnt zur Vorsicht. Zwar soll die schrittweise Abschaffung der CVAE – einer produktionsbezogenen Abgabe – Unternehmen entlasten. Gleichzeitig warnen Unternehmerverbände bereits vor neuen Belastungen durch die Kürzung von steuerlichen Anreizen. Besonders besorgniserregend: All diese Maßnahmen greifen in einem ökonomisch fragilen Moment. Das Wachstum ist verhalten, die Investitionsbereitschaft niedrig.

    Noch ist das Budget nicht verabschiedet – und in der Assemblée Nationale regt sich Widerstand. Der erfahrene Haushaltsausschussvorsitzende Charles de Courson etwa hält den Plan für «in der jetzigen Form nicht mehrheitsfähig». Viel wird davon abhängen, ob die Regierung willens ist, Transparenz über die tatsächliche Verteilung der Lasten zu schaffen – und bereit, die Mitte der Gesellschaft nicht länger als fiskalpolitischen Selbstbedienungsladen zu behandeln.

    Wer glaubwürdig sparen will, braucht nicht nur Mut zu grösserer Steuergerechtigkeit, sondern vor allem den Willen zu echter Priorisierung. Frankreichs Staat bleibt zu teuer – nicht weil die Bürger zu wenig zahlen, sondern weil der Apparat sich strukturellen Reformen systematisch entzieht.

    Von Andreas Brucker

  • Auf Bewährung: Der zweite Anlauf von Sébastien Lecornu

    Auf Bewährung: Der zweite Anlauf von Sébastien Lecornu

    Frankreichs neuer Premierminister Sébastien Lecornu steht vor einem politischen Stresstest. Nur wenige Tage nach der Ernennung seines zweiten Kabinetts muss sich seine Regierung der Nationalversammlung stellen – ohne stabile Mehrheit, aber mit einem Haushaltsentwurf, der die fragile Balance zwischen fiskalischer Verantwortung und politischem Überleben wahren soll. Die bevorstehende Erklärung Lecornus zur allgemeinen Regierungspolitik dürfte zum Bewährungstest werden. Scheitert Lecornu an der Hürde einer Vertrauensabstimmung oder an einem erfolgreichen Misstrauensvotum, droht erneut der Zusammenbruch seiner Regierung – und womöglich Neuwahlen.

    Ein Haushalt unter Druck Im Zentrum des heutigen Tages steht der Haushaltsentwurf für 2026 – ein Text, der eigentlich technokratisch daherkommt, in Wirklichkeit jedoch hochpolitisch ist. Angesichts der angespannten Lage an den Märkten und eines erwarteten Defizits von 5,4 % des BIP im laufenden Jahr sieht sich die Regierung gezwungen, Konsolidier…

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  • Lecornu II: ein pragmatischer Neustart unter starker Präsidentialpräsenz

    Lecornu II: ein pragmatischer Neustart unter starker Präsidentialpräsenz

    Die Bildung des neuen Kabinetts unter Premierminister Sébastien Lecornu markiert einen weiteren Versuch der politischen Stabilisierung in einem zunehmend fragmentierten französischen Regierungssystem. Vier Lehren lassen sich aus der Zusammensetzung der Regierung „Lecornu II“ ziehen – sie geben Aufschluss über die strategischen Absichten des Élysée ebenso wie über die strukturellen Herausforderungen, vor denen das Land steht.

    Zurück zum „Gouvernement de mission“ – reines Demokratieverständnis oder taktische Rahmensetzung?

    Der Begriff des „gouvernement de mission“, der das Kabinett Lecornu II beschreibt, deutet auf einen technokratisch orientierten Arbeitsauftrag hin – ein auf Zeit angelegter Regierungsmodus, dessen zentrales Ziel die Verabschiedung des Haushalts bis Jahresende ist. Es handelt sich dabei um einen strategischen Kniff: Die Regierung inszeniert sich als jenseits parteipolitischer Interessen stehend, um ideologische Polarisierungen im Vorfeld abzufangen.

    Doch dieser Impuls zur Entpolitisierung hat seine Grenzen. In einem Parlament ohne klare Mehrheitsverhältnisse ist das Regieren ohne politische Rückendeckung kaum möglich. Die Rahmung als „Mission“ kann daher weniger als Ausdruck demokratischer Reinheit verstanden werden, sondern vielmehr als Versuch, Handlungsfähigkeit zu simulieren, wo sie institutionell kaum vorhanden ist.

    Die Agenda des Élysée – schwankende Autonomie der Regierung

    Auffällig ist die starke Präsenz des Präsidentenpalasts in der Entstehung des neuen Kabinetts. Auch wenn Premierminister Lecornu öffentlich mit einem Vertrauensvorschuss ausgestattet wurde, legt die Personalarchitektur nahe, dass die eigentlichen Impulse weiterhin aus dem Élysée stammen.

    Dies führt zu einer strukturellen Schwächung des Premierministers. Wenn dieser als bloßer Exekutor präsidialer Entscheidungen erscheint, droht die Regierung ihre politische Autorität zu verlieren – insbesondere in einem Moment, in dem sie auf Dialog und Vermittlung angewiesen wäre. Die Spannung zwischen einem zunehmend präsidialisierten Machtzentrum und einer formell autonomen Regierung ist in Frankreich ein wiederkehrendes Motiv – Lecornu II bringt diese Problematik erneut in den Vordergrund.

    Technokraten und Zivilgesellschaft – Fragmentierung als Strategie

    Eine weitere Besonderheit des neuen Kabinetts ist die stärkere Einbindung von Persönlichkeiten außerhalb der klassischen Parteihierarchien: Verwaltungseliten, zivilgesellschaftliche Akteure, parteilose Expertinnen und Experten. Diese Zusammensetzung folgt einem klaren Kalkül: Indem die Regierung auf weniger profilierte Politiker setzt, sollen interne Machtkämpfe reduziert, der Erneuerungsanspruch unterstrichen und neue Koalitionen im parlamentarischen Raum möglich gemacht werden.

    Doch dieser technokratische Ansatz hat seine Tücken. Minister ohne parteipolitisches Mandat oder territoriale Verankerung verfügen über wenig Rückhalt, wenn es zu Krisen oder Misstrauensanträgen kommt. Zudem fehlt ihnen oftmals das Gespür für parlamentarische Machtmechanismen – ein Nachteil in einem Umfeld, das zunehmend von taktischen Allianzen und situativen Mehrheiten geprägt ist.

    Parlamentarische Unsicherheit – das Damoklesschwert Misstrauensvotum

    Der schwerwiegendste Risikofaktor für die Regierung „Lecornu II“ liegt in der strukturellen Unsicherheit im Parlament. Die Regierung verfügt über keine gefestigte Mehrheit und ist auf wechselnde Allianzen zwischen Zentrum, moderater Rechter und Teilen der Linken angewiesen. Die Opposition hat bereits kurz nach der Regierungsbildung Misstrauensanträge angekündigt.

    In dieser Konstellation kann jede Gesetzesinitiative – sei es zur Haushaltskonsolidierung, zur Sozialpolitik oder zur Energieversorgung – zum Auslöser einer Regierungskrise werden. Verfassungsinstrumente wie der berühmte Artikel 49.3, der Gesetze ohne parlamentarische Zustimmung ermöglicht, werden wohl erneut zum Einsatz kommen müssen – was die politische Legitimität weiter untergräbt. Eine mögliche Folge wäre die Auflösung der Nationalversammlung und vorgezogene Neuwahlen, die in einem ohnehin polarisierten Klima kaum zur Stabilisierung des Landes beitragen dürften.

    „Lecornu II“ ist somit mehr als nur ein Kabinett auf Zeit: Es ist ein Versuch politischer Machterhaltung unter instabilen Bedingungen. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob dieses Experiment trägt – oder ob es in der französischen Regierungsgeschichte lediglich eine weitere Episode instabiler Zwischenlösungen bleibt.

    Autor: P. Tiko

  • Macron und die Qual der Wahl

    Macron und die Qual der Wahl

    Premierminister gesucht: Zwischen linker Öffnung, technokratischem Übergang und taktischem Stillstand Emmanuel Macron steht heute vor einer Entscheidung, die den weiteren Kurs seiner Präsidentschaft maßgeblich prägen wird. Nach dem Abgang von Sébastien Lecornu als Premierminister ist das politische Gleichgewicht der Fünften Republik erneut ins Wanken geraten. Der Präsident hat für diesen Freitag eine Entscheidung angekündigt – aber welchen Weg kann er inmitten einer zersplitterten Nationalversammlung, wachsender gesellschaftlicher Frustration und einem lähmenden Patt einschlagen? Ein linker Premier – das Risiko der echten Machtteilung Die offenste Herausforderung an Macron kommt derzeit von links: Sozialisten, Grüne und Kommunisten fordern einen linken Premierminister und schlagen eine sogenannte Cohabitation vor. Aus ihrer Sicht ist dies der einzige gangbare Weg zu einem mehrheitsfähigen Haushalt für 2026. Tatsächlich ließe sich mit einer Regierung unter Führung eines Sozialdemokraten…

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  • Israel im Krieg mit sich selbst

    Israel im Krieg mit sich selbst

    Zwei Jahre nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober ist Israel ein zerrissenes Land. Der Krieg im Gazastreifen hat Zehntausende Palästinenser das Leben gekostet. Doch noch immer sind nicht alle israelischen Geiseln befreit, und das kollektive Trauma wirkt fort. Die stetig wachsende Siedlerbewegung hat die palästinensischen Hoffnungen auf einen eigenen Staat immer weiter zerstört. Der endlose Krieg hat Israel gespalten – und es ist international isolierter als je zuvor.

    Ein Land im Griff des Zweifels. Und das war noch vor Beginn der jüngsten Verhandlungen zur möglichen Freilassung von Geiseln und – vielleicht – einem Ende des Krieges. Seit Beginn dieser Gespräche ist die gesellschaftliche Anspannung sogar noch größer geworden.

    Israel führt Krieg gegen die Hamas. Doch es führt auch Krieg gegen sich selbst.


    Zwei Traumata

    Der längste Krieg in der Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts stellt Israels Selbstverständnis und nationales Selbstbild infrage. Nach Angaben lokaler Gesundheitsbehörden wurden fast 70.000 Palästinenser getötet. Die Zerstörung ist so umfassend, dass viele Staaten Israel des Völkermords bezichtigen. Weltweit nimmt der Antisemitismus wieder zu.

    Für Palästinenser bleibt ein eigener Staat – obwohl zuletzt immer mehr Länder Palästina offiziell anerkannten – eine ferne, kaum erreichbare Hoffnung. Der ungelöste Status einer palästinensischen Staatlichkeit ist der unverrückbare Kern eines immer wieder aufflammenden Konflikts.

    US-Präsident Donald Trump schlägt nun, in Missachtung jahrzehntelanger westlicher Fehlversuche im Nahen Osten, eine Art Treuhandschaft für Gaza vor. Internationale Organisationen sollen wirtschaftlichen Wohlstand schaffen – als vermeintlichen „Weg“ zum Frieden.

    Doch Trumps Vorstellung, Gaza in eine Art Küstenhandelszone mit „bevorzugten Zoll- und Zugangsbedingungen“ zu verwandeln, bei gleichzeitig minimaler palästinensischer Selbstverwaltung, wirkt herablassend gegenüber der Bevölkerung und ist kaum realistisch.

    Vertreibung und das Streben nach Heimat sind tief verankerte Bestandteile der verflochtenen Schicksale von Israelis und Palästinensern. Die Shoah und die Nakba von 1948 – die „Katastrophe“, bei der rund 750.000 Palästinenser während des israelischen Unabhängigkeitskriegs vertrieben wurden – konkurrieren auf den kalten Waagschalen des Opferdiskurses um moralische Deutungshoheit. Die Hamas-Attacke vom 7. Oktober und der seither tobende Krieg haben beide Seiten in ihre jeweils tiefsten historischen Traumata zurückgeworfen – und den Hass vertieft.


    „Wir sehen Netanjahus Regierung als unseren Feind“

    In arabischen Nachbarstaaten spricht man von einem imperialen Israel, seit Premierminister Benjamin Netanjahu Militärschläge gegen Hisbollah-Führer im Libanon und gegen das iranische Atomprogramm führte. Doch in Israel selbst ist wenig von Siegesgewissheit zu spüren.

    In den Augen der Bevölkerung ist Israel mit Hamas, seinem vermeintlich schwächsten Gegner, konfrontiert – und zeigt sich erschütternd machtlos. Vielleicht, weil sich eine Idee nicht militärisch besiegen lässt. Diese Erkenntnis hat eine innere Debatte ausgelöst: Hat das Land seine moralischen Prinzipien verloren?

    In Kairo fanden gestern Gespräche zwischen israelischen und Hamas-Unterhändlern über einen möglichen Austausch israelischer Geiseln gegen palästinensische Gefangene statt. Schätzungen zufolge werden derzeit noch rund 20 Geiseln sowie die Leichen von 25 weiteren in Gaza festgehalten – seit über 725 Tagen.

    Zu den Entführten zählt auch Nimrod Cohen, der kürzlich 21 Jahre alt wurde. Alle paar Monate erhalten seine Mutter Vicki und ihr Ehemann Yehuda „Lebenszeichen“ über das israelische Militär.

    Hunderttausende Israelis, darunter auch die Cohens, demonstrieren regelmäßig – sie fordern, dass die Regierung das Leid der Nation endlich ernst nimmt und die Befreiung der Geiseln zur obersten Priorität macht.

    „Wir sehen Netanjahus Regierung als unseren Feind“, sagte Nimrods Vater der New York Times. „Er verlängert den Krieg nur, um politisch zu überleben.“

    Er glaubt: Der einzige Weg, den Krieg zu beenden, sei, wenn Trump Netanjahu dazu zwingt.

    Wie empfinden Israelis ihr Land heute? „Ich will nicht in einem Land leben, das über andere herrscht“, sagt Nimrods Vater. „Ich will nicht in einem Land leben, dessen internationale Grenzen nicht anerkannt sind. Ich will in einem normalen Land leben.“


    Das Leid in Gaza

    Mindestens einer von 34 Bewohnern des Gazastreifens wurde in diesem Krieg bisher getötet. Ganze Stadtviertel sind ausgelöscht. Familien wurden auseinandergerissen, Gemeinschaften zerstört. Die meisten Menschen in Gaza kämpfen nur noch ums nackte Überleben. Die Zukunft bleibt für sie unvorstellbar – der Krieg hat die Gesellschaft zerrüttet und entstellt.


    Die kurzlebigste Regierung in der modernen Geschichte Frankreichs

    Sébastien Lecornu sorgte gestern für eine große Überraschung, als er nur knapp 24 Stunden nach der Bildung seines Kabinetts als Premierminister zurücktrat. Er war nicht einmal einen Monat im Amt – damit ist seine Regierung die am kürzesten amtierende in der Geschichte der Fünften Republik.

    Der Rücktritt erhöht den Druck auf Präsident Emmanuel Macron, entweder Neuwahlen für das Parlament auszurufen oder selbst zurückzutreten – Optionen, die er bislang ausgeschlossen hat. Die Märkte reagierten nervös, denn durch die Regierungskrise ist nun auch die Verabschiedung eines Haushalts zur Eindämmung des steigenden Defizits bis Jahresende gefährdet.

    Kaum jemand rechnet ernsthaft mit Macrons Rücktritt – er ist auch rechtlich nicht dazu verpflichtet. Doch seine Handlungsspielräume schrumpfen, und er muss nun zwischen mehreren unangenehmen Optionen die am wenigsten schädliche wählen.


    Weitere Meldungen:

    – Donald Trump droht, ein Gesetz von 1807 zu nutzen, um trotz gerichtlicher Einwände und gegen den Willen örtlicher Behörden Truppen nach Chicago und Portland zu entsenden.
    – Nach starkem Schneefall am Wochenende saßen Hunderte Menschen am Mount Everest fest.
    – Der Oberste Gerichtshof der USA lehnte es ab, die Verurteilung von Ghislaine Maxwell – einer engen Vertrauten von Jeffrey Epstein – noch einmal zu überprüfen.
    – Bei den ersten Parlamentswahlen in Syrien seit Jahren erhielten vor allem sunnitische Männer Mandate, die zuvor gegen das Assad-Regime gekämpft hatten.
    – OpenAI gab einen bedeutenden Vertrag über den Kauf von Computerchips bei AMD bekannt – wenige Wochen nachdem ein ähnlicher Deal mit dem Konkurrenten Nvidia abgeschlossen wurde.
    – Pakistan erlebt derzeit den heftigsten Aufstand der Taliban seit einem Jahrzehnt – unterstützt durch die afghanischen Taliban.
    – Der Nobelpreis für Medizin wurde an Mary Brunkow, Fred Ramsdell und Shimon Sakaguchi verliehen – für ihre bahnbrechende Forschung zum menschlichen Immunsystem.
    – Die britische Bestsellerautorin Jilly Cooper, berühmt für ihre schillernde „Rutshire Chronicles“-Reihe, ist im Alter von 88 Jahren verstorben.

    Autor: P. Tiko

  • Regierungsumbildung ohne neue Gesichter – Lecornu-Gouvernement zwischen Symbolik und Substanz

    Regierungsumbildung ohne neue Gesichter – Lecornu-Gouvernement zwischen Symbolik und Substanz

    Am 5. Oktober 2025 präsentierte der Élysée-Palast das Kabinett Lecornu mit 18 Ministerposten — ein vergleichsweise schlanker Regierungsstab, der äußerlich Erneuerung signalisiert, in der Tiefe jedoch Kontinuität wahrt. Das neue Kabinett tritt in einer Phase an, in der Präsident Emmanuel Macron mit einer geschwächten Mehrheit, institutioneller Blockade und wachsender öffentlicher Müdigkeit zu kämpfen hat.

    Schlanker Apparat, Kontinuität Die Entscheidung, das Kabinett bewusst klein zu halten, soll Effizienz und Geschlossenheit vermitteln. Doch ein Blick auf die Zusammensetzung zeigt, dass Frankreichs Regierung weiterhin stark von vertrauten Gesichtern geprägt bleibt. Zahlreiche Schlüsselminister behalten ihre Posten – etwa Élisabeth Borne im Bildungsressort, Gérald Darmanin im Justizministerium und Bruno Retailleau im Innern. Bemerkenswerte Verschiebungen gibt es dennoch:

    Bruno Le Maire, bislang als Finanzminister bekannt, übernimmt das Verteidigungsressort – ein Schritt, der als Versuc…

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  • Kommentar – Die Reichen lachen, während der Staat spart

    Kommentar – Die Reichen lachen, während der Staat spart

    Staat und Bürger haben kein Geld mehr – aber die Superreichen bleiben unangetastet

    Es ist eine Farce. Während Schulen verfallen, Kliniken überlastet sind und der Staat mit jedem neuen Haushaltsloch seine Bürger um „Verständnis“ bittet, sitzt eine kleine Schicht von Ultrareichen auf Milliarden – fast unberührt von der Steuerlast, die den Rest der Gesellschaft immer tiefer drückt. Und niemand rührt sie an.

    Gabriel Zucman hat es vorgerechnet: Milliardäre in Frankreich zahlen im Schnitt weniger als 0,5 % Steuern auf ihr Vermögen. Ein Satz, der nicht zu fassen ist – und doch wahr. Wer also glaubt, wir lebten in einem gerechten Steuerstaat, wer meint, „Leistung müsse sich lohnen“, der sollte sich fragen: Wessen Leistung eigentlich?

    Denn während die Superreichen ihre Holdings durch Steuerschlupflöcher schleusen und ihre Yachten in Malta registrieren, diskutiert die Politik darüber, ob es zumutbar ist, das Kindergeld zu kürzen oder das Rentenalter anzuheben. Millionen Franzosen zahlen jeden Monat Steuern auf jeden verdienten Euro. Und trotzdem heißt es: „Der Staat hat kein Geld.“

    Nein – der Staat will das Geld nicht holen. Zumindest nicht dort, wo es liegt.

    Die vorgeschlagene Mindeststeuer von Zucman – 2 % auf Nettovermögen über 100 Millionen Euro – wäre ein minimaler Schritt. Kein Umsturz, keine Revolution, kein Enteignungsprogramm. Nur ein Signal: Auch die Reichsten müssen sich beteiligen. Doch selbst dieser symbolische Schritt wurde vom Senat abgeschmettert, von Juristen mit der üblichen Formel „verfassungsrechtlich bedenklich“ beiseitegewischt, von Wirtschaftsvertretern als „gefährlich“ gebrandmarkt.

    Gefährlich – ja, für wen? Für jene, die nie mit dem öffentlichen Nahverkehr fahren, nie eine staatliche Schule betreten und nie eine Steuerprüfung fürchten müssen?

    Wir leben in einem System, das den Reichtum schützt – nicht den Staat, nicht den Bürger, nicht das Gemeinwohl. Die offizielle Linie lautet: Wir dürfen die Reichen nicht vertreiben. Die inoffizielle lautet: Wir trauen uns nicht, sie auch nur anzufassen.

    Frankreich, Europa, der Westen – sie alle drohen in eine fiskalische Schieflage zu geraten. Und doch bleibt das größte Vermögen ungenutzt, unangetastet, unbesteuert. Nicht aus Notwendigkeit, sondern aus Feigheit.

    Und was machen wir? Wir streichen Lehrerstellen, erhöhen Gebühren, bauen Sozialwohnungen ab. Wir fordern „Verantwortung“ von unten – und dulden Steuervermeidung von oben.

    Zucmans Steuer ist kein Wunderheilmittel. Aber sie ist ein Test: Ob wir bereit sind, uns dem Machtblock der Vermögenden entgegenzustellen. Oder ob wir weiter zusehen, wie sich die Gesellschaft spaltet – in jene, die zahlen, und jene, die zählen.

    Ein Kommentar von P. Tiko