Schlagwort: Glasbläserei

  • Bei den Meistern des Feuers

    Bei den Meistern des Feuers

    BIOT. Feuer, Atem, Geduld. Viel mehr scheint es im ersten Moment nicht zu brauchen. Am Ende einer langen Glasmacherpfeife glüht eine orangefarbene Masse. Der Glasbläser dreht das Rohr, prüft die Form, tritt wieder an den Ofen. Dann ein Atemzug – und aus dem unförmigen Klumpen wächst langsam eine transparente Kugel.

    So beginnt in Biot seit Jahrzehnten ein kleines Schauspiel.

    Das mittelalterliche Dorf zwischen Antibes und Nizza zählt heute zu den Hochburgen der europäischen Glaskunst. Beim fünften Biot International Glass Festival, kurz BIG, verwandelte sich der Ort vom 18. bis 20. September 2026 erneut in eine internationale Bühne. Rund 200 Glaskünstler und Kunsthandwerker aus fünf Kontinenten kamen zusammen. In den vier örtlichen Glaswerkstätten arbeitete man vor Publikum, tauschte Techniken aus und zeigte, wie lebendig dieses alte Handwerk geblieben ist.

    Das Festival selbst ist vorbei, sein Nachhall jedoch noch spürbar. Bis zum 25. Oktober zeigt die Ausstellung „Glass is Biotiful V“ rund vierzig Werke zeitgenössischer Glaskunst. Mit dabei sind Arbeiten der Ehrengäste Tobias Møhl aus Dänemark und Juliette Leperlier aus Frankreich.

    Und wer dabei nur an Vasen und Weingläser denkt, liegt ziemlich daneben.

    Ein Fehler macht Geschichte

    Die besondere Geschichte des Bioter Glases beginnt ausgerechnet mit etwas, das Glasbläser gewöhnlich vermeiden: Luftblasen.

    1956 experimentierte der Keramikingenieur Éloi Monod in Biot mit der Glasherstellung. Statt eingeschlossene Luft als Makel zu betrachten, machte er sie zum Gestaltungselement. Kleine Blasen verteilten sich bewusst im Material.

    Der „verre bullé“, das berühmte Blasenglas von Biot, war geboren.

    Gemeinsam mit Lucette, der Tochter des Besitzers der damaligen Poterie Provençale, gründete Monod die Verrerie de Biot. Seine zweite Idee erwies sich beinahe als ebenso prägend: Die Werkstatt blieb für Besucher offen.

    Plötzlich ließ sich Kunst beim Entstehen beobachten.

    Aus Monods Umfeld gingen Glaskünstler wie Jean Claude Novaro, Robert Pierini, Raphaël Farinelli sowie Daniel und Marcel Saba hervor. Lehrlinge entwickelten eigene Handschriften, wurden Meister und gaben ihr Wissen weiter.

    Biot besaß damit eine Schule ohne Klassenzimmer – der Unterricht fand am Ofen statt.

    Wo Glas lebendig bleibt

    Noch heute gehört die Glaskunst zum Alltag des Dorfes. Mehr als 80 Künstler und Kunsthandwerker arbeiten hier, darunter etwa zehn aktive Glaskünstler.

    In der traditionsreichen Verrerie de Biot entsteht weiterhin mundgeblasenes Glas. Besucher stehen in der Halle und erleben aus nächster Nähe, wie Karaffen, Gläser oder Leuchter Form annehmen.

    Bei der Verrerie Du Val De Pôme führen Daniel und Christophe Saba ihre eigene Tradition fort. Im Studio Antoine Pierini entwickelte sich das Handwerk stärker in Richtung zeitgenössischer Kunst. Und Sébastien Sappa führt die Linie seines Lehrmeisters Raphaël Farinelli weiter.

    Was verbindet diese Werkstätten?

    Vielleicht vor allem die Nähe zwischen Künstler, Material und Publikum.

    Denn Glasbläserei besitzt etwas ausgesprochen Theatralisches. Vor dem Ofen herrschen Temperaturen von weit über tausend Grad. Das Material duldet keine endlosen Überlegungen. Drehen, ziehen, blasen, formen – jeder Griff sitzt, während die Zeit davonläuft.

    Ganz schön heißer Arbeitsplatz.

    Der Zauber eines Atemzugs

    Beim BIG wurde sogar Glas tragbar. Die „Glass Fashion Show“ verband das Material mit Mode und Körperkunst. Die entstandenen Stücke bleiben bis zum 25. Oktober im Musée d’Histoire et de Céramique Biotoises zu sehen.

    Biot zeigt damit, warum Tradition nicht Stillstand bedeuten muss. Einst war das Dorf vor allem für seine großen Tonkrüge bekannt. Erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägt Glas seine Identität.

    Und alles begann mit einer Luftblase, die eigentlich ein Fehler war.

    Wer heute durch Biot schlendert, findet fertige Werke in Galerien und Geschäften. Doch der schönste Moment wartet vor dem Ofen: Ein Mensch hebt die Glasmacherpfeife. Ein Tropfen glüht. Ein Atemzug folgt.

    Plötzlich entsteht eine Form.

    Vielleicht liegt genau darin die Magie von Biot – in diesem kurzen Augenblick, in dem Feuer, Sand und menschliches Können etwas hervorbringen, das länger lebt als sein Schöpfer.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Die Magie der Meisenthal-Kugel – Wie ein kleines Stück Glas in Straßburg große Gefühle weckt

    Die Magie der Meisenthal-Kugel – Wie ein kleines Stück Glas in Straßburg große Gefühle weckt

    Die Schlange beginnt an einem Stand, doch ihr Ende verliert sich irgendwo zwischen Glühweinduft und zimtwarmen Fassaden. Menschen stehen dort stundenlang, in Mäntel gehüllt, die Hände tief in den Taschen, manche mit Thermobechern bewaffnet, als wären sie auf eine Expedition aufgebrochen. Und doch warten sie – geduldig, fast andächtig. Nicht auf ein Konzert, nicht auf eine politische Rede, nicht einmal auf ein begehrtes Technikspielzeug. Sondern auf eine Weihnachtskugel. Eine Weihnachtskugel aus Meisenthal. Wer an diesem frostigen Morgen durch den Straßburger Christkindelsmärik schlendert, merkt schnell: Hier geht es um mehr als Glas. Es geht um Ritual, um Tradition, um eine Art stille Pilgerreise. Manche kommen aus der Nachbarschaft, andere reisen aus ganz Frankreich an. Eine Familie hat sogar den ersten Zug aus Lille genommen, nur um am selben Abend wieder heimzufahren – mit einer einzigen Kugel im Gepäck. Eine Frau aus Grenoble lässt ihre Mutter antreten, weil sie selbst nicht kommen…

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