Schlagwort: gesellschaftlicher Wandel

  • Wenn der Staat schreibt – und es um das Kinderkriegen geht

    Wenn der Staat schreibt – und es um das Kinderkriegen geht

    Es ist ein ungewöhnlicher Moment, beinahe ein intimer. Der französische Staat greift zum Briefpapier und schreibt – nicht an Verbände, nicht an Kommunen, sondern an jede Bürgerin, jeden Bürger mit 29 Jahren. Kein Mahnruf, kein Appell, so lautet zumindest das Versprechen. Sondern Information. Nüchtern, sachlich, medizinisch fundiert. Und doch erzählt dieser Brief eine größere Geschichte. Eine Geschichte von Sorge, Zeit und einem Land, dem die Kinder fehlen. Angekündigt Anfang Februar 2026, eingebettet in einen nationalen Plan gegen Unfruchtbarkeit, markiert die Initiative einen Einschnitt. Frankreich erlebt einen historischen Tiefpunkt der Geburtenrate. Zum ersten Mal seit über hundert Jahren sterben mehr Menschen, als geboren werden. Die berühmte demografische Stabilität der Republik, lange ein europäisches Ausnahmemodell, bröckelt leise, aber beharrlich. Der Brief selbst, so betont die Regierung, solle keinen sozialen Druck aufbauen. Keine Aufforderung zur Elternschaft, kein moralisch…

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  • Schleichende Grenzverschiebung: Warum immer mehr Franzosen Folter für akzeptabel halten

    Schleichende Grenzverschiebung: Warum immer mehr Franzosen Folter für akzeptabel halten

    Mehr als jeder dritte Franzose hält den Einsatz von Folter in Ausnahmefällen für vertretbar. Was auf den ersten Blick wie eine abstrakte Meinungsumfrage erscheint, berührt in Wahrheit den normativen Kern des demokratischen Rechtsstaats. Die jüngsten Zahlen markieren keinen plötzlichen Bruch, sondern eine langsame, über Jahre hinweg verlaufende Verschiebung gesellschaftlicher Maßstäbe – gespeist aus Sicherheitsängsten, politischer Polarisierung und einem tief sitzenden Glauben an die Wirksamkeit staatlicher Gewalt.

    Die Entwicklung wirft grundlegende Fragen auf: Wie stabil sind menschenrechtliche Tabus in Zeiten permanenter Bedrohungswahrnehmung? Und wie widerstandsfähig ist die republikanische Kultur Frankreichs gegenüber autoritären Versuchungen?

    Zahlen mit politischer Sprengkraft

    Nach einer aktuellen Erhebung halten 38 Prozent der Befragten Folter in bestimmten Ausnahmefällen für akzeptabel. Der Wert liegt damit höher als noch vor zehn Jahren und deutlich über dem Niveau der frühen 2000er Jahre. Der Trend ist eindeutig: Die prinzipielle Ablehnung staatlicher Gewaltanwendung jenseits des Rechts verliert an Selbstverständlichkeit.

    Auffällig ist weniger die absolute Zahl als ihre gesellschaftliche Verteilung. Die Umfrage offenbart einen scharfen politischen Graben. Während eine klare Mehrheit der linken Wählerschaft Folter kategorisch ablehnt, zeigt sich bei Sympathisanten des rechten politischen Spektrums eine weitgehende Normalisierung dieser Vorstellung. Die Haltung zur Folter fungiert damit zunehmend als Marker politischer Identität – vergleichbar mit Fragen der Migration, der inneren Sicherheit oder der Rolle des Staates insgesamt.

    Diese Polarisierung deutet darauf hin, dass es sich nicht allein um eine moralische Debatte handelt, sondern um eine grundlegende Auseinandersetzung über das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit.

    Der Mythos der Wirksamkeit

    Ein zentrales Motiv der Folterbefürwortung ist der Glaube an ihre Effektivität. Ein erheblicher Teil der Befragten ist überzeugt, dass Folter helfen könne, Terroranschläge zu verhindern, Geständnisse zu erzwingen oder verlässliche Informationen zu gewinnen. Besonders deutlich wird dieser Widerspruch in hypothetischen Extremszenarien – etwa der berühmten „tickenden Bombe“.

    Gerade diese Denkfigur hat sich tief in das kollektive Bewusstsein eingegraben. Sie suggeriert eine moralische Ausnahmesituation, in der rechtsstaatliche Prinzipien als Luxus erscheinen. Dabei handelt es sich weniger um eine realistische Lagebeschreibung als um ein narratives Instrument, das moralische Hemmschwellen senkt.

    Empirisch ist dieser Wirksamkeitsglaube nicht haltbar. Die Forschung zeigt seit Jahren, dass unter Zwang gewonnene Informationen häufig falsch, widersprüchlich oder gezielt irreführend sind. Dennoch hält sich die Vorstellung hartnäckig – ein Hinweis darauf, dass Meinungen in diesem Bereich weniger auf Fakten als auf Emotionen beruhen.

    Angst als politischer Faktor

    Die steigende Akzeptanz von Folter lässt sich kaum losgelöst von den kollektiven Erfahrungen der vergangenen Jahre betrachten. Terroranschläge, Ausnahmezustände, eine allgegenwärtige Sicherheitsrhetorik: Frankreich hat seit 2015 eine Phase dauerhafter Alarmbereitschaft erlebt. Solche Erfahrungen hinterlassen Spuren im gesellschaftlichen Denken.

    Angst verändert politische Maßstäbe. Sie begünstigt einfache Lösungen, stärkt das Bedürfnis nach Kontrolle und reduziert die Bereitschaft, normative Grenzen zu verteidigen. In diesem Klima erscheinen drastische Maßnahmen nicht als Rechtsbruch, sondern als notwendige Schutzreaktion.

    Hinzu kommt eine politische Sprache, die Sicherheit zunehmend als Nullsummenspiel darstellt: Wer absolute Sicherheit will, müsse bereit sein, Freiheiten zu opfern. Die Akzeptanz von Folter ist die extremste Ausprägung dieser Logik.

    Rechtsstaatliche Tabus unter Druck

    Dabei ist das Folterverbot kein gewöhnliches Rechtsprinzip. Es gehört zu den wenigen Normen, die absolut gelten – ohne Ausnahme, ohne Abwägung. In der europäischen Rechtskultur markiert es eine zivilisatorische Grenze, die aus historischen Erfahrungen gezogen wurde.

    Frankreich hat diese Grenze bewusst verankert: in der Verfassung, im Strafrecht, im Selbstverständnis der Republik. Die Ablehnung von Folter ist Teil jener republikanischen Erzählung, die den Staat an Recht und Würde bindet – gerade in Krisenzeiten.

    Wenn nun ein wachsender Teil der Bevölkerung bereit ist, dieses Tabu zu relativieren, stellt sich weniger die Frage nach einzelnen Maßnahmen als nach der normativen Stabilität des Systems. Rechtsstaatlichkeit lebt nicht allein von Gesetzen, sondern von gesellschaftlicher Zustimmung.

    Wahrnehmung staatlicher Gewalt

    Bemerkenswert ist zudem ein scheinbarer Widerspruch in der öffentlichen Wahrnehmung. Zwar glaubt fast jeder zweite Befragte, dass es in Frankreich zu Folter durch Sicherheitskräfte gekommen sei, doch dieser Anteil ist rückläufig. Offenbar sinkt die Sensibilität für staatliche Gewalt, selbst dort, wo sie vermutet wird.

    Dies könnte auf einen Gewöhnungseffekt hindeuten. Je stärker Sicherheitsmaßnahmen normalisiert werden, desto weniger werden Grenzüberschreitungen als solche wahrgenommen. Die Debatte verschiebt sich dann von der Frage des „Ob“ zur Frage des „Wie weit“.

    Demokratie im Stresstest

    Die Umfrage ist kein Beleg für eine autoritäre Mehrheit in Frankreich. Sie zeigt jedoch, wie fragil demokratische Normen unter Dauerstress werden können. Die Bereitschaft, Folter in Ausnahmefällen zu akzeptieren, signalisiert ein Denken in Notstandslogiken – ein Denken, das mit dem liberalen Rechtsstaat schwer vereinbar ist.

    Für die Politik ergibt sich daraus eine doppelte Herausforderung. Einerseits muss sie reale Sicherheitsbedürfnisse ernst nehmen. Andererseits darf sie nicht den Eindruck erwecken, dass grundlegende Rechte verhandelbar seien. Jede Relativierung nährt die Vorstellung, dass moralische Grenzen situationsabhängig sind.

    Zivilgesellschaftliche Organisationen warnen seit Jahren vor genau dieser Entwicklung: der schleichenden Verschiebung dessen, was als denkbar, sagbar und schließlich machbar gilt.

    Der eigentliche Konflikt verläuft nicht zwischen Sicherheit und Naivität, sondern zwischen kurzfristiger Beruhigung und langfristiger Rechtsbindung. Demokratien zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie Gefahren leugnen, sondern dadurch, dass sie ihnen ohne Selbstaufgabe begegnen.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Kinderfreie Zonen im TGV: Wie eine SNCF‑Entscheidung zur gesellschaftlichen Debatte wurde

    Kinderfreie Zonen im TGV: Wie eine SNCF‑Entscheidung zur gesellschaftlichen Debatte wurde

    Die französische Staatsbahn SNCF gerät derzeit in einen der ungewohntesten öffentlichen Streits ihrer jüngeren Geschichte: Eine neue Sitzplatzkategorie im Hochgeschwindigkeitszug TGV, die Kinder unter 12 Jahren faktisch ausschließt, hat eine breite gesellschaftliche Debatte ausgelöst. Jean Castex, der Präsident‑Direktor‑General der SNCF und ehemalige Premierminister Frankreichs, zeigte sich jüngst „sidéré“ – „fassungslos“ – über die Wucht der Reaktionen. Doch die Kontroverse spricht weit über die betroffenen Sitzplätze hinaus: Sie berührt grundlegende Fragen über den Auftrag öffentlicher Dienstleistungen, über soziale Inklusion und über aktuelle Spannungen in der französischen Gesellschaft. Die „Optimum“-Offerte und ihr Missverständnis Anfang Januar 2026 ersetzte die SNCF die bisherige Premium‑Kategorie „Business Première“ durch ein neues Konzept, genannt „Optimum“ beziehungsweise „Optimum Plus“ auf stark frequentierten Strecken wie Paris–Lyon. Diese Klasse soll vor allem Berufspendler…

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  • Licht ins Dunkel der Lohntüten: Frankreich wagt den Tabubruch beim Gehalt

    Licht ins Dunkel der Lohntüten: Frankreich wagt den Tabubruch beim Gehalt

    Lange war es in Frankreich eine unausgesprochene Regel: Über Geld spricht man nicht – erst recht nicht über das eigene Gehalt. Doch mit einem neuen Gesetz, das im Juni 2026 in Kraft tritt, könnte sich dieses gesellschaftliche Stillhalteabkommen dem Ende zuneigen. Künftig dürfen Beschäftigte Auskunft über das durchschnittliche Gehalt von Kolleginnen und Kollegen auf vergleichbarer Position verlangen. Ein Vorstoß, der nicht nur neue Transparenz verspricht, sondern auch tieferliegende soziale Dynamiken aufbrechen könnte – mit Chancen, aber auch Risiken. Vom Schweigen zur Forderung: Woher das Lohntabu kommt Frankreich ist kein Einzelfall: In vielen europäischen Ländern gilt das Gehalt als ein privates Thema, das man höchstens mit der Steuerberatung teilt. Der Ursprung dieses Schweigens ist historisch und kulturell bedingt. In Frankreich etwa war die Lohnfindung über Jahrzehnte stark gewerkschaftlich geprägt und orientierte sich an branchenspezifischen Tarifverträgen – ein kollektivierter R…

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  • Frankreich am demografischen Wendepunkt – Mehr Todesfälle als Geburten im Jahr 2025

    Frankreich am demografischen Wendepunkt – Mehr Todesfälle als Geburten im Jahr 2025

    Zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat Frankreich im Jahr 2025 mehr Todesfälle als Geburten verzeichnet. Damit erlebt die Republik einen symbolträchtigen demografischen Wendepunkt. Der natürliche Bevölkerungssaldo ist ins Negative gekippt, und das trotz eines weiterhin moderaten Bevölkerungswachstums durch Migration. Die Ursachen liegen in langanhaltenden Trends, deren sozioökonomische Auswirkungen tiefgreifend sein dürften – nicht nur in Frankreich, sondern europaweit.

    Ein historischer Bruch mit symbolischer Wucht Nach aktuellen Zahlen des französischen Statistikamts Insee lag der natürliche Saldo – also die Differenz zwischen Geburten und Todesfällen – im Jahr 2025 bei −6.000 Personen. 651.000 Todesfälle standen lediglich 645.000 Geburten gegenüber. Seit 1945 hatte es in Frankreich keinen solchen negativen Saldo mehr gegeben. Dieser Bruch ist zwar symbolisch, aber keineswegs überraschend. Seit über einem Jahrzehnt sinkt die Geburtenrate kontinuierlich, während die S…

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  • Zwischen Applaus und Abgrund – Brigitte Macron und der schwierige Tanz mit dem Feminismus

    Zwischen Applaus und Abgrund – Brigitte Macron und der schwierige Tanz mit dem Feminismus

    Manchmal reicht ein Satz.
    Ein einziger Ausruf hinter der Bühne, geflüstert oder gerufen, gefilmt von irgendeinem Handy – und schon kippt ein sorgfältig gepflegtes Image. Genau das passierte Brigitte Macron. Wieder einmal.

    Die Première dame Frankreichs, seit Jahren Projektionsfläche für Bewunderung, Häme, Neugier und moralische Erwartungen, stolpert über Worte, die kleben bleiben. „Sales connes.“ Zwei Wörter, die nachhallen wie ein Teller, der im stillen Salon zerschellt. Gesagt über Feministinnen, die einen Auftritt des umstrittenen Komikers Ary Abittan störten. Gesagt hinter den Kulissen der Folies Bergère. Gesagt von einer Frau, die sich selbst gern als Verbündete aller Frauen präsentiert.

    Und plötzlich steht sie wieder da, Brigitte Macron – zwischen allen Stühlen.

    Applaus links. Empörung rechts. Dazwischen ein großes, unbequemes Schweigen.


    Wer Brigitte Macron verstehen will, muss zurückgehen. Nicht nur ins Jahr 2017, nicht nur in den Wahlkampf, sondern weiter. Nach Amiens. In die Provinz. In eine Familie, die nach Kakao riecht und nach katholischer Ordnung. Chocolatiers seit Generationen, gutes Haus, klare Regeln. Eine Welt, in der man sich kennt, beobachtet, urteilt.

    Dann diese Geschichte, die längst zur modernen französischen Legende gehört. Lehrerin. Schüler. Altersunterschied von 24 Jahren. Liebe, die sich nicht um Konventionen schert. Oder sich zumindest nicht daran hält. Frankreich liebt solche Geschichten – solange sie elegant erzählt werden. Und Brigitte Macron erzählte sie lange sehr geschickt.

    Sie zeigte sich selbstbewusst. Lächelnd. Unerschrocken. Neben einem Mann, der jünger war, ehrgeizig, politisch hungrig. Sie schien der lebende Beweis dafür, dass Frauen sich nehmen dürfen, was sie wollen. Auch Männer. Auch Macht. Auch Sichtbarkeit.

    Eine Ikone? Vielleicht.

    Oder doch nur eine Ausnahme, die die Regel bestätigt?


    Am 8. März 2017, Internationaler Frauentag, steigt Brigitte Macron auf die Bühne des Théâtre Antoine. Wahlkampf. Emmanuel Macron redet über Fortschritt, über Gleichstellung, über Erneuerung. Dann sie. Mikrofon. Applaus. „Danke, Frauen“, sagt sie. Sie erzählt von Begegnungen auf der Straße. Von Ermutigung. Von Solidarität.

    Ein warmer Moment. Einer dieser Augenblicke, in denen Politik plötzlich persönlich wirkt.

    Damals glaubten viele: Diese Frau meint es ernst.

    Sie kennt Sexismus. Sie kennt Spott. Sie kennt die Blicke. Die Schlagzeilen. Die Karikaturen. Als Charlie Hebdo sie schwanger zeichnet, protestieren Feministinnen. Ovidie meldet sich zu Wort. Misogynie, klar. Brigitte Macron schweigt nicht. Sie nickt. Sie lächelt. Sie lässt andere sprechen – und profitiert davon.

    Dann kommt #MeToo. Weinstein. Die Welle rollt. Brigitte Macron klatscht bei offiziellen Anlässen. Sie vermeidet den Platz hinter ihrem Mann. In ihrem Büro steht ein Satz wie ein Manifest aus Keramik: „Je ne suis pas une potiche.“ Ich bin kein Schmuckstück.

    Das klingt gut. Das klingt stark. Das klingt nach Haltung.

    Aber Haltung zeigt sich nicht nur in Sätzen, sondern im Reiben mit der Wirklichkeit.


    Denn da ist noch eine andere Brigitte Macron. Eine, die weniger gefeiert wird. Eine, die irritiert.

    Die ehemalige Französischlehrerin, die das geschlechtsneutrale „iel“ ablehnt. Die Uniformen an Schulen befürwortet. Die ihre geliebte Arbeit 2015 aufgibt, um ganz im Projekt ihres Mannes aufzugehen. Eine Frau, die sich entscheidet – ja. Aber für ein Rollenbild, das erstaunlich vertraut wirkt.

    Anne Fulda beschreibt es treffend: die aktive Frau im traditionellen Kostüm. Die moderne Figur mit den Reflexen von gestern.

    Ist das Verrat? Oder einfach Biografie?

    Man vergisst leicht, dass Feminismus kein einheitlicher Block ist. Dass es Generationen gibt. Brüche. Widersprüche. Kämpfe, die nicht synchron verlaufen. Brigitte Macron gehört nicht zur Instagram-Feminismus-Generation. Sie kommt aus einer Zeit, in der Frauen sich durch Anpassung Freiräume erkämpften – nicht durch Lautstärke.

    Und trotzdem.

    Wenn man sich als Symbol begreift – oder dazu gemacht wird – trägt man Verantwortung. Worte wiegen dann schwerer. Viel schwerer.


    Die Sache mit den Gerüchten über ihre Geschlechtsidentität zeigt das besonders deutlich. Jahrelang kursieren Behauptungen in dunklen Ecken des Internets. Brigitte Macron sei trans. Eine gezielte Kampagne, sagen die einen. Ein Ausdruck tief sitzender Frauenfeindlichkeit, sagen andere.

    Sie geht juristisch dagegen vor. In Frankreich. Später auch in den USA. Aus ihrer Sicht ein konsequenter Schritt im Kampf gegen Belästigung. Sie argumentiert logisch. Wer schweigt, verliert Glaubwürdigkeit.

    Doch aus der LGBTQ+-Community kommt Widerspruch. Warum empört sein? Trans zu sein ist keine Beleidigung. Wer klagt, so der Vorwurf, bestätigt ungewollt das Stigma.

    Ein klassischer Konflikt der Perspektiven.

    Und wieder steht Brigitte Macron mittendrin. Nicht als Vermittlerin. Sondern als Beteiligte.


    Dann dieser Moment hinter der Bühne. Ungefiltert. Unkontrolliert. Vielleicht im Affekt. Vielleicht aus Erschöpfung. Vielleicht aus Überzeugung. Wer weiß das schon.

    „Sales connes.“

    Ein Ausdruck, der nicht nur beleidigt, sondern eine Grenze überschreitet. Weil er ausgerechnet jene trifft, die kämpfen. Laut. Störend. Unbequem. Genau so, wie Feminismus oft ist.

    Ironisch, oder?

    Die Reaktionen lassen nicht lange auf sich warten. Politikerinnen solidarisieren sich. Aktivistinnen erklären sich selbst zu „sales connes“. Ein kollektives Schulterzucken mit erhobener Faust. Die Worte drehen sich gegen ihre Urheberin.

    Und Brigitte Macron? Schweigt. Zunächst.

    Vielleicht, weil sie merkt, dass diesmal kein eleganter Ausweg wartet. Kein Vase mit flottem Spruch. Kein Applaus im Saal.


    Was bleibt, ist das Bild einer Frau, die nicht in Schubladen passt. Und genau daran scheitert.

    Ist sie Feministin? Ja, in Teilen.
    Ist sie konservativ? Ebenfalls.
    Ist sie mutig? Sicher.
    Ist sie manchmal blind für die Kämpfe Jüngerer? Offenbar.

    Die eigentliche Frage lautet: Muss eine Première dame Vorbild sein? Oder reicht es, Mensch zu bleiben – mit allen Brüchen?

    Frankreich liebt Symbole. Marianne. Freiheit. Gleichheit. Brüderlichkeit. Und gern auch: elegante Frauen an der Seite mächtiger Männer. Brigitte Macron spielte diese Rolle lange souverän. Doch je länger sie im Rampenlicht steht, desto stärker zeigt sich die Spannung zwischen persönlicher Geschichte und politischer Erwartung.

    Vielleicht ist genau das das Problem.

    Man hat aus ihr etwas gemacht, das sie nie vollständig sein wollte.

    Oder doch?


    Feminismus lebt von Reibung. Von Streit. Von Selbstkritik. Wer dazugehören will, muss aushalten, infrage gestellt zu werden. Auch von den eigenen Leuten.

    Brigitte Macron scheint diesen Preis unterschätzt zu haben.

    Oder sie zahlt ihn bewusst.

    Denn eines lässt sich nicht leugnen: Sie bleibt präsent. Sie bleibt wirksam. Sie bleibt umstritten. Und vielleicht ist das ehrlicher als jede glattgebügelte Solidaritätsbekundung.

    Ist sie eine Frau einer anderen Generation, die Mühe hat, den Ton der Gegenwart zu treffen? Oder eine Figur, an der sich zeigt, wie komplex Emanzipation wirklich ist?

    Die Antwort liegt wohl irgendwo dazwischen. Wie so oft.

    Und genau deshalb lohnt sich der Blick. Auch wenn er manchmal wehtut.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Die neue Nüchternheit im Glas – warum alkoholfreie Getränke die Feiertage verändern

    Die neue Nüchternheit im Glas – warum alkoholfreie Getränke die Feiertage verändern

    Der Tisch ist gedeckt. Kerzen flackern, Stimmen vermischen sich, jemand lacht zu laut, ein anderer hebt das Glas. Früher war darin fast automatisch Wein, Sekt oder etwas Hochprozentiges. Heute schimmert im Glas daneben ein alkoholfreier Aperitif mit Kräuternoten, dort eine feinperlige 0 Prozent Weinvariante, sorgfältig eingeschenkt wie ein Champagner. Kein Ersatz, kein Verzicht. Einfach eine weitere Option.

    Und genau darum geht es.

    Kurz vor den Feiertagen rückt in Frankreich ein Phänomen in den Mittelpunkt, das leise begann und inzwischen erstaunlich präsent wirkt: alkoholfreie Getränke als selbstverständlicher Teil geselliger Rituale. Nicht als Notlösung für Autofahrer oder Schwangere, sondern als bewusste Wahl – geschmacklich, gesundheitlich, sozial.

    Man hört diesen Satz immer öfter, fast beiläufig: Die Idee ist, wählen zu können.

    Wenn Verzicht keiner mehr ist

    Noch vor wenigen Jahren haftete alkoholfreien Alternativen ein gewisser Beigeschmack an. Süß, langweilig, brav. Wer nichts trank, erklärte sich. Heute muss sich niemand mehr rechtfertigen. Die Kategorie NoLo, also No oder Low Alcohol, hat sich neu erfunden. Und sie tut das mit erstaunlicher Kreativität.

    Es geht nicht mehr nur darum, Alkohol wegzulassen. Es geht um Aromen, Texturen, Rituale. Um das Gefühl, dazuzugehören, ohne die Kontrolle abzugeben. Besonders jüngere Erwachsene treiben diese Entwicklung voran. Sie trinken weniger, aber bewusster. Sie fragen nach Herkunft, Zutaten, Wirkung. Und sie möchten morgens nicht mit schwerem Kopf aufwachen – wer will das schon?

    Diese Haltung passt in eine Zeit, in der Selbstfürsorge kein Randthema mehr ist. Körperliches Wohlbefinden, mentale Klarheit, Balance. Begriffe, die früher nach Ratgeber klangen, tauchen heute in ganz normalen Küchengesprächen auf.

    Zahlen, die eine Geschichte erzählen

    Der Markt reagiert. Und zwar deutlich. In Frankreich wächst der Umsatz mit alkoholfreien Getränken seit Jahren konstant. Prognosen zeigen, dass sich der Markt bis zum Ende des Jahrzehnts nahezu verdoppelt. Europaweit zeichnen Studien ein ähnliches Bild: Milliardenumsätze, zweistellige Wachstumsraten, neue Marken im Monatsrhythmus.

    Das wirkt nüchtern betrachtet nach Statistik. Doch hinter diesen Zahlen stecken Abende, an denen jemand zum ersten Mal bewusst zum alkoholfreien Sekt greift. Familienfeste, bei denen mehrere Flaschen ohne Alkohol auf dem Tisch stehen. Bars, die ihre Karte umdenken.

    Ein Barkeeper in Paris erzählte kürzlich, dass Gäste heute gezielt nach alkoholfreien Signature Drinks fragen. Nicht entschuldigend, sondern neugierig. „Überrasch mich“, sagen sie. Früher kam diese Aufforderung fast ausschließlich mit Alkohol.

    Geschmack als Argument

    Der eigentliche Gamechanger liegt im Glas. Die neuen Produkte schmecken schlicht besser. Winzer investieren in schonende Entalkoholisierung, Brauereien entwickeln eigene Hefen, Start ups experimentieren mit Botanicals, Tees, Gewürzen.

    Alkoholfreie Biere zeigen heute Malz, Hopfen, Bitterkeit. Nicht perfekt identisch mit dem Original, aber eigenständig. Entalkoholisierte Schaumweine setzen auf Frische und feine Säure. Mocktails kombinieren Wacholder, Zitruszeste, Rosmarin oder Ingwer zu komplexen Profilen, die nichts Vermisstes mehr transportieren.

    Manchmal fühlt sich das an wie ein kleines Aha Erlebnis. Ach, so schmeckt das also ohne Alkohol.

    Dazu kommen funktionale Zutaten: Adaptogene Pflanzen, Elektrolyte, fermentierte Komponenten. Der Drink verspricht nicht nur Genuss, sondern auch ein gutes Gefühl danach. Kein Wunder, dass viele diese Getränke auch außerhalb klassischer Feiermomente trinken – beim Kochen, beim späten Arbeiten, einfach so.

    Eine stille soziale Revolution

    Geselligkeit ohne Alkohol galt lange als Widerspruch. In vielen Kulturen war Alkohol das Schmiermittel sozialer Nähe. Wer nicht trank, fiel auf. Heute verschiebt sich diese Norm langsam, aber spürbar.

    In Gesprächen rund um Weihnachten oder Silvester taucht ein Gedanke immer wieder auf: Niemand soll sich ausgeschlossen fühlen. Der „trockene Januar“ und ähnliche Initiativen haben diese Offenheit vorbereitet. Sie haben gezeigt, dass zeitweilige Abstinenz kein Angriff auf die Feierkultur ist.

    Das Ergebnis: Gastgeber planen anders. Neben Wein stehen alkoholfreie Alternativen auf Augenhöhe. Nicht versteckt in der Ecke, sondern mitten auf dem Tisch. Das sendet ein Signal. Du darfst entscheiden.

    Ist das nicht eigentlich der Kern von Gastfreundschaft?

    Alltag statt Ausnahme

    Bemerkenswert ist auch, wie sich die Anlässe verändern. Alkoholfreie Getränke verlassen die Nische besonderer Umstände und werden Teil des Alltags. Ein Apéritif nach der Arbeit, ein Mittagessen mit Kollegen, ein Sonntagsbrunch. Der Griff zum alkoholfreien Drink braucht keinen Grund mehr.

    Gerade in urbanen Räumen zeigt sich dieser Wandel schnell. Cafés erweitern ihr Angebot, Restaurants pairen Menüs mit alkoholfreien Begleitungen. Selbst Sterneköche beschäftigen sich mit der Frage, wie man Geschmack ohne Alkohol dramaturgisch aufbaut.

    Natürlich läuft nicht alles reibungslos. Manche entalkoholisierte Weine wirken noch flach, manche Preise überraschen. Die Erwartungshaltung ist hoch, denn niemand möchte für weniger Inhalt mehr zahlen. Doch auch hier bewegt sich etwas. Qualität steigt, Vielfalt wächst, Preise differenzieren sich.

    Skepsis gehört dazu

    Nicht jeder Jubel ist angebracht. Kritische Stimmen weisen darauf hin, dass alkoholfrei nicht automatisch gesund bedeutet. Zucker, Zusatzstoffe, Marketingversprechen – all das bleibt Thema. Zudem hängt der Erfolg vieler Produkte davon ab, wie sehr Konsumenten bereit sind, neue Geschmacksbilder zu akzeptieren.

    Ein Glas alkoholfreier Wein schmeckt anders. Punkt. Wer das Gegenteil erwartet, erlebt Enttäuschung. Wer offen probiert, entdeckt Neues. Diese Lernkurve braucht Zeit. Doch genau diese Zeit scheint die Branche gerade zu bekommen.

    Und mal ehrlich – erinnern wir uns nicht alle an das erste IPA, das uns viel zu bitter erschien?

    Die Feiertage als Bühne

    Kaum eine Zeit eignet sich besser für diesen Wandel als die Feiertage. Hier verdichten sich Rituale, Erwartungen, Emotionen. Hier wird angestoßen, oft mehrfach, manchmal aus Gewohnheit.

    Alkoholfreie Alternativen öffnen diese Momente. Sie erlauben Teilnahme ohne Nebenwirkungen. Sie ermöglichen, am nächsten Morgen präsent zu sein, klar im Kopf, bereit für den Spaziergang nach dem Festessen.

    Ein Gastgeber aus Lyon erzählte, dass er dieses Jahr bewusst mehrere alkoholfreie Optionen einkauft. „Nicht aus Pflichtgefühl“, sagte er, „sondern weil sie gut ankommen.“ Einige Gäste wechselten im Laufe des Abends ganz selbstverständlich zwischen beiden Welten.

    Ist das nicht genau die Freiheit, von der so oft die Rede ist?

    Mehr als ein Trend

    Was hier entsteht, wirkt nicht wie eine kurzfristige Mode. Es fühlt sich eher an wie eine leise Neuordnung. Die Gesellschaft verhandelt ihr Verhältnis zum Alkohol neu, ohne moralischen Zeigefinger, ohne Verbot. Einfach durch Auswahl.

    Alkoholfreie Getränke stehen dabei symbolisch für etwas Größeres: die Idee, dass Genuss viele Formen kennt. Dass Feiern nicht an Promille gebunden ist. Dass Qualität nicht automatisch Alkohol braucht.

    Manchmal genügt ein gutes Glas, ein ehrlicher Geschmack, ein gemeinsamer Moment. Der Rest ergibt sich.

    Am Ende dieser Entwicklung steht kein Entweder Oder. Sondern ein Sowohl als auch. Und das passt erstaunlich gut zu festlich gedeckten Tischen, an denen unterschiedliche Lebensentwürfe zusammenkommen.

    Ein Hoch auf die Wahlfreiheit – und auf das, was wir daraus machen.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Editorial: Frankreichs Laizität – Ein 120-jähriges Fundament im Stresstest der Gegenwart

    Editorial: Frankreichs Laizität – Ein 120-jähriges Fundament im Stresstest der Gegenwart

    Frankreich feiert dieser Tage ein symbolträchtiges Jubiläum: 120 Jahre ist es her, dass das Gesetz vom 9. Dezember 1905 verabschiedet wurde – jenes Gesetz, das die Trennung von Kirche und Staat kodifizierte und damit die Grundlage für den französischen Laizismus legte. In der politischen Selbstbeschreibung der Fünften Republik gilt die laïcité als unerschütterlicher Pfeiler des republikanischen Konsenses. Doch was als emanzipatorischer Bruch mit einer über Jahrhunderte dominanten katholischen Ordnung begann, ist im 21. Jahrhundert zum Gegenstand politischer Instrumentalisierung und gesellschaftlicher Verunsicherung geworden.

    Die historische Leistung des Gesetzes ist unbestritten. Es entzog den Religionsgemeinschaften die öffentliche Finanzierung und sicherte gleichzeitig das Recht jedes Einzelnen, seine religiösen Überzeugungen frei auszuüben. In der Rückschau erscheint das Gesetz als spätes, aber klares Resultat der Prinzipien von 1789 – ein demokratischer Ordnungsrahmen, der dem Staat weltanschauliche Neutralität auferlegt und damit erst die Voraussetzung für religiöse Vielfalt schafft.

    Doch in der heutigen Debatte ist von dieser Doppelbewegung – Trennung und Freiheit – oft nur noch die restriktive Seite präsent. Der französische Laizismus, einst gedacht als Garant für Toleranz, wird zunehmend als Vehikel zur Disziplinierung religiöser Sichtbarkeit verstanden. Dies zeigt sich exemplarisch in der staatlichen Praxis gegenüber muslimischen Bürgerinnen und Bürgern, deren religiöse Ausdrucksformen – etwa das Tragen eines Kopftuchs – nicht selten als Provokation oder gar als Gefahr für die öffentliche Ordnung gewertet werden. Der französische Staat beansprucht Neutralität, agiert jedoch häufig wie ein weltanschaulicher Akteur.

    Darin liegt eine gefährliche Verschiebung: Die laïcité wird nicht mehr als schützendes Prinzip, sondern als identitätspolitische Waffe eingesetzt – zur Abgrenzung eines vermeintlich homogenen republikanischen Selbst gegen das „Andere“. Gerade in Zeiten erhöhter Migrationsbewegungen und wachsender gesellschaftlicher Fragmentierung wäre jedoch das Gegenteil nötig: ein offener, zugleich selbstbewusster Umgang mit religiöser Pluralität.

    Die Herausforderungen sind real. Die Gesellschaft ist komplexer, durchlässiger, konfliktreicher geworden. Umso wichtiger wäre es, das laizistische Prinzip nicht als Bollwerk zu begreifen, sondern als Gestaltungsrahmen für ein säkulares Miteinander. Neutralität bedeutet eben nicht Abwehr des Religiösen, sondern gleiche Freiheit für alle Glaubensrichtungen – unter dem Dach einer gemeinsamen republikanischen Ordnung.

    Frankreich tut gut daran, sich zum 120. Jubiläum seines Trennungsgesetzes nicht in ritualisierter Selbstvergewisserung zu verlieren. Die laïcité ist kein museales Relikt, sondern ein dynamisches Prinzip, das stets neu verhandelt werden muss – mit juristischer Sorgfalt, gesellschaftlichem Augenmaß und ohne ideologische Verhärtung. Ihr Fortbestehen hängt davon ab, ob es gelingt, sie aus der Enge parteipolitischer Debatten zu lösen und zurückzuführen auf ihren ursprünglichen Sinn: die Freiheit des Einzelnen und die Gleichheit vor dem Gesetz, unabhängig von Herkunft, Glaube oder Weltanschauung.

    Von Andreas Brucker

  • Generation Z in Frankreich – Motor des Wandels oder Störfaktor?

    Generation Z in Frankreich – Motor des Wandels oder Störfaktor?

    Die Generation Z – gemeinhin definiert als die zwischen etwa 1997 und 2012 geborenen Jahrgänge – steht im Fokus wachsender Aufmerksamkeit. Nicht selten wird sie dabei mit Misstrauen betrachtet: als angeblich illoyal, bildschirmfixiert, politisch wankelmütig oder ökonomisch schwer integrierbar. Doch wie belastbar sind diese Urteile wirklich – und was offenbart ein differenzierter Blick auf die jüngste erwachsene Generation, insbesondere in Frankreich?

    Frankreich, ein Land mit starkem republikanischem Selbstverständnis und ausgeprägten soziopolitischen Spannungen, dient als aufschlussreicher Spiegel für die Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Rollen der Generation Z. Zwischen Arbeitswelt, Politik, Kultur und digitaler Identität – das Verhältnis zwischen einer sich verändernden Gesellschaft und ihren jüngsten Akteuren ist ambivalent.


    Zwischen Digitalisierung und Sinnsuche: Die Wertewelt der Generation Z

    Wer über die Generation Z spricht, kommt an einem Punkt nicht vorbei: Sie ist die erste vollständig digital sozialisierte Generation. Smartphones, soziale Medien, algorithmisch kuratierte Inhalte – all das ist für ihre Mitglieder keine Innovation, sondern selbstverständlicher Bestandteil des Alltags. Der französische Soziologe Jean Twenge spricht in diesem Zusammenhang von einer „hypervernetzten Sozialisation“, die neue Formen der Selbstwahrnehmung, des Lernens und der Meinungsbildung hervorbringe.

    Doch Technikaffinität ist nicht gleichbedeutend mit Oberflächlichkeit. Zahlreiche Studien – etwa von McKinsey oder dem Global Web Index (GWI) – zeigen, dass junge Menschen heute in hoher Zahl nach beruflicher Sinnhaftigkeit und gesellschaftlicher Wirkung streben. In Frankreich äußerten laut einer Studie des Institut Montaigne (2024) 64 % der 18- bis 25-Jährigen, sie wollten für Unternehmen arbeiten, die ökologische und soziale Verantwortung übernehmen. Diese Haltung stellt klassische Führungsmodelle in Frage und fordert Arbeitgeber heraus – insbesondere in Frankreichs traditionell hierarchisch geprägtem Arbeitsmarkt.


    Psychische Belastung und politischer Druck: Eine fragile Generation?

    So engagiert viele Angehörige der Generation Z auftreten – gleichzeitig sind sie eine Generation unter Stress. Die Covid-19-Pandemie hat in Frankreich wie in vielen anderen Ländern tiefe Spuren hinterlassen. Eine Untersuchung der französischen Gesundheitsbehörde Santé publique France (2023) ergab, dass rund 40 % der jungen Erwachsenen im Land Symptome von Angst oder Depression aufwiesen – eine Zahl, die deutlich über dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung liegt.

    Diese psychische Belastung trifft auf eine politische Öffentlichkeit, die zunehmend polarisiert ist. In Frankreich zeigen sich diese Bruchlinien besonders deutlich: Der Aufstieg rechtspopulistischer Bewegungen (wie Rassemblement National), die massiven Proteste gegen Rentenreformen und ein zunehmendes Misstrauen gegenüber etablierten Parteien machen es jungen Menschen schwer, stabile politische Orientierungen zu entwickeln. Gleichzeitig lässt sich eine hohe Bereitschaft zur punktuellen Mobilisierung beobachten – etwa über soziale Medien oder in Bewegungen wie „#NousToutes“ oder „Fridays for Future“. Politikwissenschaftler wie Jérôme Fourquet (IFOP) sprechen von einem „zerrissenen Engagement“ – geprägt von emotionaler Beteiligung, aber institutionellem Misstrauen.


    Arbeit, Wandel, Widerstand: Ökonomische Realitäten

    Auf dem französischen Arbeitsmarkt zeigen sich typische Spannungsfelder der Generation Z besonders scharf. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt seit Jahren deutlich über dem europäischen Durchschnitt – 2025 betrug sie laut Eurostat rund 16 %. Hinzu kommt eine strukturelle Unsicherheit, etwa durch den wachsenden Einfluss der Plattformökonomie, befristete Verträge (CDD) und eine geringe Aufstiegsperspektive im Niedriglohnbereich.

    Für viele junge Menschen ist daher nicht Loyalität zum Arbeitgeber, sondern persönliche Resilienz und Flexibilität das oberste Gebot. Laut einer Studie der Direction de l’Animation de la recherche, des Études et des Statistiques (DARES) im Jahr 2024 wechseln unter 30-Jährige im Durchschnitt alle zwei bis drei Jahre den Job – deutlich häufiger als ihre Eltern-Generation. Diese „ökonomische Pragmatik“ wird von manchen als fehlende Verbindlichkeit kritisiert, könnte jedoch auch als Reaktion auf ein prekäres System verstanden werden.


    Mediennutzung und Informationsökologie: Eine neue Aufmerksamkeitskultur

    Ein weiteres zentrales Merkmal der Generation Z ist ihre Art, Informationen zu konsumieren. Studien wie jene des französischen Think-Tanks Fondation Jean-Jaurès (2024) zeigen, dass klassische Medienformate (Fernsehen, Printzeitungen) massiv an Bedeutung verloren haben. Stattdessen dominieren TikTok, Instagram und YouTube – Plattformen, auf denen Informationen oft fragmentiert, emotionalisiert und ohne journalistische Kontrolle zirkulieren.

    Diese Entwicklung wirft Fragen auf: Wie lässt sich politische Bildung in einer Welt fördern, in der „Informationsblasen“ und algorithmisch gefilterte Inhalte die Wahrnehmung prägen? Gleichzeitig zeigen Forschungen – etwa von arXiv.org (2023) –, dass viele junge Nutzer:innen durchaus Strategien zur Quellenprüfung entwickeln. Die Herausforderung besteht daher weniger in einem Mangel an Fähigkeiten als in einer Überflutung durch Reize und Widersprüche.


    Zweifelsohne steht die Generation Z an der Frontlinie gesellschaftlicher Umbrüche – ökologisch, technologisch, politisch. In Frankreich, wo der Generationenkonflikt historisch stark ausgeprägt ist, erscheint sie manchen als Provokation: illoyal, schwer zu führen, unberechenbar. Doch diese Zuschreibungen verkennen, dass sich hinter dem Verhalten junger Menschen oft nicht Ablehnung, sondern eine Reaktion auf strukturelle Unsicherheiten verbirgt.

    Die Generation Z ist keine Bedrohung, sondern ein Seismograph für gesellschaftliche Veränderungen. Ihre Forderungen nach Sinn, Partizipation und Flexibilität sind Ausdruck eines neuen Zeitgeists – und vielleicht auch ein Korrektiv für überkommene Systeme. Wer sie verstehen will, muss zuhören, beobachten – und bereit sein, alte Maßstäbe zu hinterfragen.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Frankreich und der Begriff des Einvernehmens – Eine Reform mit Symbolkraft und juristischer Tragweite

    Frankreich und der Begriff des Einvernehmens – Eine Reform mit Symbolkraft und juristischer Tragweite

    Die Debatte um eine Neudefinition des Straftatbestands der Vergewaltigung in Frankreich ist in eine entscheidende Phase eingetreten. Künftig soll nicht mehr allein die Anwendung von Gewalt, Drohung oder Überraschung strafbegründend sein – sondern auch das fehlende Einverständnis des Opfers. Damit würde Frankreich einem Paradigmenwechsel folgen, den viele europäische Länder bereits vollzogen haben: dem Primat des konsensualen Sexualkontakts.

    Die aktuelle Gesetzeslage: Ein überholtes Paradigma? Bislang definiert Artikel 222-23 des französischen Strafgesetzbuches Vergewaltigung als einen Akt sexueller Penetration, der durch Gewalt, Zwang, Drohung oder Überraschung zustande gekommen ist. Die Abwesenheit von Zustimmung – also das fehlende Einverständnis der betroffenen Person – wird dabei nicht ausdrücklich erwähnt. Zwar kann sie in der Rechtsprechung eine Rolle spielen, ist aber kein konstitutives Kriterium der Straftat. Für Kritiker bedeutet dies: Die sexuelle Selbstbestimmung wird nicht…

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