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  • Friedensplan für Gaza: Hoffnung, Zweifel und ein Hauch von Geschichte

    Friedensplan für Gaza: Hoffnung, Zweifel und ein Hauch von Geschichte

    Es ist ein Tag, der Geschichte schreiben könnte – oder ein weiterer, der in den Schlagzeilen verraucht. Heute um 17 Uhr (Pariser Zeit) will die israelische Regierung in Jerusalem zusammenkommen, um über das zu beraten, was viele bereits den „entscheidenden Schritt zum Frieden“ nennen: die erste Phase des Gaza-Friedensplans von Donald Trump. Nach Monaten erbitterter Kämpfe, Zerstörung und Angst scheint Bewegung in den grausamen Stillstand zu kommen. Doch zwischen Hoffnung und Misstrauen liegt in Israel oft nur ein Wimpernschlag.


    Ein Abkommen – und ein Wagnis

    Am Mittwochabend dann die Nachricht, die viele kaum glauben wollten: Israel und die palästinensische Hamas haben sich auf die erste Phase des US-amerikanischen Plans geeinigt. Vermittelt in Ägypten, abgesegnet durch Washington.

    Donald Trump selbst verkündete das Ergebnis auf seinem eigenen Netzwerk Truth Social: Er sei „stolz, mitteilen zu können, dass Israel und der Hamas beide die erste Phase des Gaza-Friedensplans akzeptiert haben“. In einem Interview mit Fox News legte er nach – die Geiseln, die seit Monaten im Gazastreifen festgehalten werden, „werden bis Montag zurückkehren“. Und dann ein Satz, der vielen den Atem stocken ließ: „Das schließt auch die Körper der Toten ein.“

    Ein Versprechen, das Hoffnung weckt. Und zugleich schmerzt.


    Interner Sturm in Jerusalem

    Bevor das Abkommen in Kraft treten kann, muss das israelische Kabinett zustimmen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu will den Friedensplan am Nachmittag vorstellen – mit dem erklärten Ziel, die Zustimmung seiner Minister zu gewinnen. Doch Widerstand formiert sich bereits.

    Bezalel Smotrich, Finanzminister und ultranationalistischer Partner in der Regierungskoalition, kündigte an, er werde „auf keinen Fall“ zustimmen. In den Reihen der Regierungsmehrheit herrscht Nervosität: Die einen sprechen von einem „mutigen Schritt“, die anderen von einer „Kapitulation vor dem Terror“.

    Netanjahus Büro hat klargestellt: Die 72-Stunden-Frist, die vor der Umsetzung läuft, beginnt erst nach offizieller Zustimmung des Kabinetts. Damit bleibt Zeit – für politische Manöver, für Verhandlungen, für das Zählen der Stimmen.


    Macron: „Ein riesiges Hoffnungszeichen“

    Auch aus Paris kamen Worte, die zwischen Erleichterung und Vorsicht schwankten. Präsident Emmanuel Macron begrüßte das Abkommen als „immenses Hoffnungszeichen“ und rief beide Seiten auf, die Vereinbarung „streng einzuhalten“. Frankreich wolle zur politischen Lösung beitragen – „auf Grundlage einer Zwei-Staaten-Ordnung“.

    In Paris soll noch am Nachmittag mit internationalen Partnern über das „Danach“ beraten werden: Wie kann Gaza wiederaufgebaut, wie eine nachhaltige Friedensordnung geschaffen werden? Und vor allem: Wer kontrolliert das Gebiet, wenn Israels Armee sich tatsächlich zurückzieht?


    Militärische Bewegung im Süden

    Während die Diplomaten noch Formulierungen feilen, arbeitet die israelische Armee längst an konkreten Schritten. Sie kontrolliert derzeit rund 75 Prozent des Gazastreifens – ein Landstrich, in dem kaum ein Stein auf dem anderen geblieben ist.

    Der Generalstab erklärte am Donnerstag: „Die Armee hat mit den operativen Vorbereitungen für die Umsetzung des Abkommens begonnen. Die Einsatzlinien werden rasch angepasst.“ Außerdem bereitet sich die Armee darauf vor, die Geiseln zu bergen – eine Operation, die nicht nur militärische Präzision, sondern auch menschliche Stärke erfordert.

    An die Zivilbevölkerung ging eine klare Warnung: Niemand solle in den Norden der Enklave zurückkehren. Das Gebiet bleibt gefährlich, vermint, zerstört.


    Trump hinter dem Friedensplan

    Dass Donald Trump gerade jetzt mit dem Friedensplan ins Rampenlicht trat, überrascht kaum. Der US-Präsident präsentiert sich erneut als „Macher“, als Mann, der aus dem Chaos Ordnung schaffen will.

    Sein Plan sieht einen schrittweisen Rückzug Israels aus Gaza vor, verbunden mit einem Austausch aller Geiseln und der Vorbereitung einer Übergangsverwaltung unter internationaler Aufsicht. Kritiker halten das für illusorisch – zu viel Misstrauen, zu viele Wunden, zu wenig Vertrauen. Doch Trump setzt auf Symbolik. Auf das Bild eines Mannes, der auf die Weltbühne zurückkehrte, um Frieden zu bringen.


    Zwischen Hoffnung und Skepsis

    In Israel selbst schwankt die Stimmung. Vor dem Verteidigungsministerium in Tel Aviv haben sich Familien der Geiseln versammelt, viele mit Kerzen und Porträts ihrer Angehörigen. Einige sprechen leise von Erleichterung, andere blicken misstrauisch auf die politischen Spiele in Jerusalem.

    „Wir glauben es erst, wenn sie wieder zu Hause sind“, sagt eine Mutter, die ihren Sohn seit Monaten vermisst. Ihr Satz steht sinnbildlich für ein Land, das gelernt hat, den Frieden erst dann zu feiern, wenn er tatsächlich da ist.

    Und doch – in den Straßen, in den Stimmen, in den Kommentaren schwingt etwas mit, das man lange nicht mehr gehört hat: leise, vorsichtige Hoffnung. Vielleicht, nur vielleicht, ist dies der Moment, in dem aus den Trümmern eine neue Möglichkeit erwächst.

    Von C. Hatty

  • Ein Schritt in Richtung Frieden

    Ein Schritt in Richtung Frieden

    Der längste und tödlichste Krieg im über hundertjährigen jüdisch-palästinensischen Konflikt könnte bald zu Ende gehen. Israel und die Hamas erklärten, sie hätten sich auf die erste Phase des von Präsident Trump vorgelegten Waffenstillstandsplans geeinigt: Alle aus Israel entführten Geiseln sollen gegen palästinensische Gefangene ausgetauscht werden, israelische Truppen sollen sich zurückziehen, und humanitäre Hilfe wird in den Gazastreifen gelangen.

    Der Durchbruch, den Trump gestern Nacht über soziale Medien verkündete, erfolgte genau zwei Jahre und einen Tag nach dem Terroranschlag der Hamas auf Israel, der die israelische Offensive gegen Gaza ausgelöst hatte. Es war mitten in der Nacht im Nahen Osten, doch Israelis und Palästinenser verfolgten gespannt die Nachrichten und reagierten mit großer Emotionalität. „Das war’s, es ist vorbei!“, sagte die Mutter einer Geisel im israelischen Fernsehen, während im Hintergrund Familienmitglieder jubelten. In Gaza erklärte ein Englischlehrer, er empfinde „Freude über das Ende des Krieges und der Tötungen – und Trauer über alles, was wir verloren haben“.

    Die genauen Details des Abkommens blieben in der Nacht noch unklar. Doch die Freilassung der 20 Geiseln, die laut israelischen Angaben noch am Leben sind, wird bereits für Sonntag erwartet – für diesen Tag hat Trump auch eine mögliche Reise in die Region angekündigt.

    Die Leichen von 28 weiteren Geiseln sollen in Etappen übergeben werden. Trumps Plan sieht im Gegenzug die Freilassung von 250 Palästinensern vor, die zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt worden waren, sowie von 1.700 während des Krieges inhaftierten Bewohnern Gazas.

    Die Bilanz

    Der Krieg, der mit dem tödlichsten Tag für Juden seit dem Holocaust begann – 1.200 Menschen wurden getötet und 250 von Hamas-Kämpfern entführt, die aus Gaza über die Grenze eindrangen – hat fast alle der zwei Millionen Bewohner des Gazastreifens aus ihren Häusern und Wohnungen vertrieben und einen Großteil der Infrastruktur zerstört. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza kamen mehr als 67.000 Palästinenser durch israelische Bomben und Schüsse ums Leben, fast ein Drittel davon unter 18 Jahre alt. Die Vereinten Nationen schätzen, dass 500.000 Menschen von akuter Hungersnot bedroht sind.

    Israel hat unterdessen bedeutende militärische Erfolge gegen seine weiteren Gegner in der Region erzielt: gegen den Iran, die Hisbollah im Libanon und die Huthi-Rebellen im Jemen. Gleichzeitig ist das Land zunehmend isoliert – es sieht sich vor dem Internationalen Strafgerichtshof mit dem Vorwurf des Völkermords konfrontiert und wird Ziel akademischer, kultureller und wirtschaftlicher Boykotte. Weltweit nehmen antisemitische Übergriffe und Gewalttaten deutlich zu.

    Die Hamas wiederum hat sowohl ihre militärische als auch ihre politische Führung und den Großteil ihres Waffenarsenals verloren. Trumps Plan fordert nun ihre vollständige Entwaffnung und ihren Abzug aus dem Gazastreifen. In den nächtlichen Stellungnahmen von Hamas, Israel, Trump und Katar zum Abkommen wurde auf die Waffen der Hamas jedoch nicht eingegangen; Israels Erklärung erwähnte zudem keinen vollständigen Truppenrückzug aus Gaza.

    Der Durchbruch

    „Ein großartiger Tag“ – So bezeichnete Trump das Abkommen in einem Beitrag auf seiner Plattform Truth Social. Er sprach von einem „historischen und beispiellosen Ereignis“. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu nannte es „einen großartigen Tag für Israel“ und kündigte an, am Donnerstag sein Kabinett einberufen zu wollen, um den Plan offiziell zu billigen. Die Hamas forderte Trump und andere Vermittler auf, sicherzustellen, dass Israel das Abkommen vollständig umsetzt und es ihm nicht erlaubt werde, sich den Verabredungen „zu entziehen oder zu verzögern“.

    Wer am Verhandlungstisch sitzt

    Die Gespräche begannen am Montag – eine Woche, nachdem Trump seinen Plan zusammen mit Netanjahu im Weißen Haus vorgestellt hatte. Verhandlungsort ist Sharm-el-Scheich, ein ägyptischer Badeort am Roten Meer, der bereits mehrfach als Ort für Friedensgespräche zwischen Israel und Palästinensern diente. Am Mittwoch stießen Trumps Schwiegersohn Jared Kushner sowie sein Nahost-Beauftragter Steve Witkoff zu den Verhandlungen – zusammen mit Netanjahus Chefberater, dem katarischen Premierminister und dem ägyptischen Geheimdienstchef.

    Die Familien der Geiseln

    Vertreter der Geiselfamilien erklärten, das Abkommen habe unter ihren Mitgliedern „eine Mischung aus Aufregung, Hoffnung und Besorgnis“ ausgelöst. Sie äußerten „tief empfundene Dankbarkeit“ gegenüber Trump und warnte die israelische Regierung davor, dass „jede Verzögerung einen hohen Preis haben könnte“.


    Weitere wichtige Nachrichten

    Macron wird keine Neuwahlen ausrufen
    Frankreichs Präsident Emmanuel Macron will sein Land ohne Neuwahlen aus der sich vertiefenden politischen Krise führen und wird laut Élysée-Palast demnächst einen neuen Premierminister ernennen. Damit wurden vorgezogene Neuwahlen ausgeschlossen – nach intensiven Gesprächen des zurückgetretenen Premierministers Sébastien Lecornu mit den Parteien.

    Lecornu äußerte sich nach den Gesprächen vorsichtig optimistisch. Angesichts des rasanten Tempos der französischen Politik in den letzten Tagen und tiefgreifender Meinungsverschiedenheiten zwischen den Parteien bleibt die Lage jedoch angespannt.


    Weitere Meldungen

    Kolumbiens Präsident erklärte, dass eines der kürzlich von den USA bombardierten Boote im Kampf gegen mutmaßliche Drogenhändler offenbar kolumbianische Staatsbürger an Bord hatte.
    – Der frühere FBI-Direktor James Comey, der von Trump ins Visier genommen wurde, plädierte auf „nicht schuldig“ in einem Verfahren wegen angeblicher Falschaussagen vor dem Kongress. Sein Anwalt bezeichnete den Fall als „Rache“.
    – In Myanmar warf das Militärregime bei einem buddhistischen Fest aus einem Paragleiter eine Bombe ab – mindestens zwei Dutzend Menschen starben laut Augenzeugen.
    – Der Täter des Angriffs auf eine Synagoge in Manchester vergangene Woche hatte laut Polizei dem IS die Treue geschworen.
    – Der Chemie-Nobelpreis ging an drei Forscher für die Entwicklung molekularer Bausteine.
    Großbritanniens erschöpfte Konservative Partei versucht, ihre Glaubwürdigkeit wiederherzustellen und sich gegen eine rechte Konkurrenz zu behaupten.
    – Vier Bauarbeiter starben in Madrid, als ein Gebäude auf einer Baustelle einstürzte.
    – Ein gefährlicher Trend namens „Bluetoothing“, bei dem Menschen sich das Blut anderer Drogenabhängiger injizieren, führt zu einem Anstieg der HIV-Infektionen.
    – Das Europäische Parlament hat dafür gestimmt, dass fleischlose Produkte künftig nicht mehr mit Bezeichnungen wie „Burger“ oder „Steak“ gekennzeichnet werden dürfen.

    P. Tiko

  • „Der Tag, an dem alles zerbrach“ – Der Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und seine Folgen

    „Der Tag, an dem alles zerbrach“ – Der Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und seine Folgen

    Am 7. Oktober 2023 begann im Nahen Osten eine neue Phase der Gewalt, deren politische, gesellschaftliche und humanitäre Auswirkungen bis heute zu spüren sind. Der überraschende, koordinierte Angriff der Terrororganisation Hamas auf den Süden Israels markierte nicht nur das schwerste Massaker an Jüdinnen und Juden seit dem Holocaust, sondern löste eine militärische Eskalation aus, die den Gazastreifen in weiten Teilen zerstörte, hunderttausende Menschen entwurzelte, fas 70.000 Menschen tötete und das Vertrauen in bestehende Sicherheitsstrukturen fundamental erschütterte.


    Die Ereignisse des 7. Oktober: Angriff und Ausmaß

    Am Morgen des 7. Oktober, während des jüdischen Feiertags Simchat Tora, überquerten mehrere tausend bewaffnete Kämpfer der Hamas und anderer Gruppen die Grenze zwischen dem Gazastreifen und Israel. An mehr als hundert Orten durchbrachen sie die Sperranlagen und drangen in israelisches Staatsgebiet ein – zu Fuß, mit Motorrädern, Pick-ups und Gleitschirmen. Zeitgleich wurden Raketen auf israelische Städte und Ortschaften abgefeuert.

    Zahlreiche Gemeinden entlang der Grenze, darunter Be’eri, Kfar Aza, Nir Oz und Sderot, wurden Ziel gezielter Angriffe. In diesen Ortschaften kam es zu Massakern an Zivilistinnen und Zivilisten, zu Folter, Plünderung und Geiselnahmen. Die Bilanz des Tages: Über 1.100 Tote auf israelischer Seite, darunter Hunderte Zivilisten, Familien, Kinder, Rentner. Etwa 250 Menschen wurden in den Gazastreifen entführt – Israelis wie auch Ausländer.

    Die Grausamkeit und die gezielte Vorgehensweise der Angreifer – unter anderem die systematische Tötung ganzer Familien – deuten auf eine langfristig vorbereitete Operation hin. Viele Opfer wurden in ihren Häusern hingerichtet und verbrannt. Erste Videos und Fotos, die kurz nach dem Angriff verbreitet wurden, belegen die Brutalität in erschütternder Weise.


    Das Versagen der Sicherheit und der Schock der israelischen Gesellschaft

    Dass eine derartige Operation in diesem Umfang möglich war, offenbarte gravierende Lücken in Israels Sicherheitsapparat. Überwachungssysteme, Alarmketten und Grenzanlagen versagten auf breiter Linie. Geheimdienstliche Warnsignale wurden offenbar entweder falsch interpretiert oder ignoriert. Viele Einheiten der israelischen Armee waren am Morgen des Angriffs nicht einsatzbereit, da ein großer Teil der Soldaten zum Feiertag beurlaubt war.

    Die israelische Öffentlichkeit reagierte mit Entsetzen und Wut. Die Vorstellung, dass Kibbutzim und Dörfer über Stunden von Terroristen kontrolliert wurden, ohne dass Hilfe eintraf, erschütterte das Selbstverständnis einer wehrhaften Nation. Innerhalb weniger Tage mobilisierte die Regierung Hunderttausende Reservisten. Die Kriegsrhetorik wurde zur Staatsraison.


    Der Krieg in Gaza: Zerstörung, Vertreibung, humanitäre Krise

    Die Antwort Israels folgte prompt und mit massiver militärischer Wucht. Ziel war die Zerschlagung der militärischen Infrastruktur der Hamas. Was folgte, war eine der intensivsten Militäroperationen in der Geschichte des Konflikts. Innerhalb weniger Monate wurden weite Teile des Gazastreifens durch Luftangriffe, Artilleriebeschuss und Bodenoffensiven zerstört. Besonders betroffen waren die Städte Gaza, Khan Yunis und Rafah.

    Die Zahl der Todesopfer unter der palästinensischen Bevölkerung stieg rasant. Bis Ende 2024 wurden zehntausende Menschen getötet – darunter ein hoher Anteil an Frauen und Kindern. Hunderttausende verloren ihre Wohnungen. Die medizinische Versorgung kollabierte, viele Krankenhäuser wurden beschädigt oder mussten schließen. Die humanitäre Lage wurde zunehmend katastrophal.

    Die israelische Führung verteidigte die Offensive als Akt der Selbstverteidigung. Zugleich wurde und wird Israel international immer stärker für die hohe Zahl ziviler Opfer kritisiert. Hilfslieferungen gelangen nur schwerlich durch die Grenzübergänge, viele Menschen leiden unter Hunger, Wassermangel, Krankheiten und fehlender Infrastruktur.


    Internationale Reaktionen und politische Verschiebungen

    Die internationale Gemeinschaft reagierte gespalten. Westliche Staaten – allen voran die USA und Deutschland – erklärten zunächst ihre uneingeschränkte Solidarität mit Israel und verurteilten die Angriffe der Hamas als Terror. Gleichzeitig wuchs mit der Dauer des Krieges die Kritik an der israelischen Kriegsführung. Menschenrechtsorganisationen warnten vor Verstößen gegen das humanitäre Völkerrecht. In multilateralen Foren wurden Forderungen nach Waffenruhen und humanitären Korridoren laut.

    Gleichzeitig verschärfte der Krieg die geopolitischen Spannungen in der Region. Der Libanon wurde erneut zur Front, der Iran verschärfte seine Rhetorik gegen Israel, und auch in westlichen Gesellschaften nahm die gesellschaftliche Polarisierung zu. Die Debatte über Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und die Legitimität von Solidarität mit Israel oder Palästina entbrannte in vielen Ländern aufs Neue – oft auf eine Weise, die Differenzierung vermissen lässt.


    Innenpolitische Konsequenzen: Spaltung, Protest und neue Sicherheitsdoktrinen

    In Israel selbst führte der 7. Oktober zu einem politischen Erdbeben. Premierminister Benjamin Netanjahu geriet unter massiven Druck. Die Kritik an der Vorbereitung auf den Angriff, die schlechten Informationen der Geheimdienste und das staatliche Versagen in den ersten Stunden des Angriffs führten zu Demonstrationen, Rücktrittsforderungen und einem tiefen Vertrauensverlust in die Regierung. Die Sicherheitsdoktrin wurde neu bewertet. Der Fokus lag fortan auf maximaler Abschreckung und präventiver Gefahrenabwehr – auch auf Kosten ziviler Freiheiten und internationaler Akzeptanz.

    Parallel dazu entwickelte sich eine gesellschaftliche Spaltung. Während ein Teil der Bevölkerung bis heute eine kompromisslose Linie gegen die Hamas fordert, artikuliert ein anderer Teil das Bedürfnis nach einem politischen Ausweg und langfristiger Friedensstrategie – etwa durch diplomatischen Druck auf Katar, Ägypten oder durch internationale Vermittlung.


    Gaza in Trümmern – und ohne Perspektive?

    Für die Menschen im Gazastreifen ist der Preis der Eskalation kaum in Worte zu fassen. Fast die gesamte Infrastruktur liegt in Schutt und Asche, der Zugang zu lebensnotwendigen Gütern ist stark eingeschränkt. Der Wiederaufbau steht vor immensen Herausforderungen – auch politisch: Wer soll Gaza nach der Zerschlagung der Hamas regieren? Welche Kräfte könnten eine glaubwürdige Ordnung aufbauen, ohne erneut ins Visier der israelischen Sicherheitskräfte zu geraten?

    Zugleich bleibt die Hamas trotz massiver Verluste in Teilen handlungsfähig. Ihre Ideologie, ihre Netzwerke und ihre Verwurzelung in Teilen der Gesellschaft sind nicht durch Bomben zu beseitigen. Die strukturellen Ursachen des Konflikts – Besatzung, Blockade, fehlende politische Perspektiven – bleiben bestehen.


    Zwei Jahre nach dem Überfall vom 7. Oktober 2023 ist die Region weit davon entfernt, zur Ruhe zu kommen. Der Tag gilt als historische Zäsur: nicht nur für Israel, das seine Verwundbarkeit erkannt hat, sondern auch für Palästina, das mit nie dagewesener Gewalt konfrontiert wurde. Der Krieg hat alles verändert – und noch ist keine Lösung in Sicht.

    Autor: P. Tiko

  • Israel im Krieg mit sich selbst

    Israel im Krieg mit sich selbst

    Zwei Jahre nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober ist Israel ein zerrissenes Land. Der Krieg im Gazastreifen hat Zehntausende Palästinenser das Leben gekostet. Doch noch immer sind nicht alle israelischen Geiseln befreit, und das kollektive Trauma wirkt fort. Die stetig wachsende Siedlerbewegung hat die palästinensischen Hoffnungen auf einen eigenen Staat immer weiter zerstört. Der endlose Krieg hat Israel gespalten – und es ist international isolierter als je zuvor.

    Ein Land im Griff des Zweifels. Und das war noch vor Beginn der jüngsten Verhandlungen zur möglichen Freilassung von Geiseln und – vielleicht – einem Ende des Krieges. Seit Beginn dieser Gespräche ist die gesellschaftliche Anspannung sogar noch größer geworden.

    Israel führt Krieg gegen die Hamas. Doch es führt auch Krieg gegen sich selbst.


    Zwei Traumata

    Der längste Krieg in der Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts stellt Israels Selbstverständnis und nationales Selbstbild infrage. Nach Angaben lokaler Gesundheitsbehörden wurden fast 70.000 Palästinenser getötet. Die Zerstörung ist so umfassend, dass viele Staaten Israel des Völkermords bezichtigen. Weltweit nimmt der Antisemitismus wieder zu.

    Für Palästinenser bleibt ein eigener Staat – obwohl zuletzt immer mehr Länder Palästina offiziell anerkannten – eine ferne, kaum erreichbare Hoffnung. Der ungelöste Status einer palästinensischen Staatlichkeit ist der unverrückbare Kern eines immer wieder aufflammenden Konflikts.

    US-Präsident Donald Trump schlägt nun, in Missachtung jahrzehntelanger westlicher Fehlversuche im Nahen Osten, eine Art Treuhandschaft für Gaza vor. Internationale Organisationen sollen wirtschaftlichen Wohlstand schaffen – als vermeintlichen „Weg“ zum Frieden.

    Doch Trumps Vorstellung, Gaza in eine Art Küstenhandelszone mit „bevorzugten Zoll- und Zugangsbedingungen“ zu verwandeln, bei gleichzeitig minimaler palästinensischer Selbstverwaltung, wirkt herablassend gegenüber der Bevölkerung und ist kaum realistisch.

    Vertreibung und das Streben nach Heimat sind tief verankerte Bestandteile der verflochtenen Schicksale von Israelis und Palästinensern. Die Shoah und die Nakba von 1948 – die „Katastrophe“, bei der rund 750.000 Palästinenser während des israelischen Unabhängigkeitskriegs vertrieben wurden – konkurrieren auf den kalten Waagschalen des Opferdiskurses um moralische Deutungshoheit. Die Hamas-Attacke vom 7. Oktober und der seither tobende Krieg haben beide Seiten in ihre jeweils tiefsten historischen Traumata zurückgeworfen – und den Hass vertieft.


    „Wir sehen Netanjahus Regierung als unseren Feind“

    In arabischen Nachbarstaaten spricht man von einem imperialen Israel, seit Premierminister Benjamin Netanjahu Militärschläge gegen Hisbollah-Führer im Libanon und gegen das iranische Atomprogramm führte. Doch in Israel selbst ist wenig von Siegesgewissheit zu spüren.

    In den Augen der Bevölkerung ist Israel mit Hamas, seinem vermeintlich schwächsten Gegner, konfrontiert – und zeigt sich erschütternd machtlos. Vielleicht, weil sich eine Idee nicht militärisch besiegen lässt. Diese Erkenntnis hat eine innere Debatte ausgelöst: Hat das Land seine moralischen Prinzipien verloren?

    In Kairo fanden gestern Gespräche zwischen israelischen und Hamas-Unterhändlern über einen möglichen Austausch israelischer Geiseln gegen palästinensische Gefangene statt. Schätzungen zufolge werden derzeit noch rund 20 Geiseln sowie die Leichen von 25 weiteren in Gaza festgehalten – seit über 725 Tagen.

    Zu den Entführten zählt auch Nimrod Cohen, der kürzlich 21 Jahre alt wurde. Alle paar Monate erhalten seine Mutter Vicki und ihr Ehemann Yehuda „Lebenszeichen“ über das israelische Militär.

    Hunderttausende Israelis, darunter auch die Cohens, demonstrieren regelmäßig – sie fordern, dass die Regierung das Leid der Nation endlich ernst nimmt und die Befreiung der Geiseln zur obersten Priorität macht.

    „Wir sehen Netanjahus Regierung als unseren Feind“, sagte Nimrods Vater der New York Times. „Er verlängert den Krieg nur, um politisch zu überleben.“

    Er glaubt: Der einzige Weg, den Krieg zu beenden, sei, wenn Trump Netanjahu dazu zwingt.

    Wie empfinden Israelis ihr Land heute? „Ich will nicht in einem Land leben, das über andere herrscht“, sagt Nimrods Vater. „Ich will nicht in einem Land leben, dessen internationale Grenzen nicht anerkannt sind. Ich will in einem normalen Land leben.“


    Das Leid in Gaza

    Mindestens einer von 34 Bewohnern des Gazastreifens wurde in diesem Krieg bisher getötet. Ganze Stadtviertel sind ausgelöscht. Familien wurden auseinandergerissen, Gemeinschaften zerstört. Die meisten Menschen in Gaza kämpfen nur noch ums nackte Überleben. Die Zukunft bleibt für sie unvorstellbar – der Krieg hat die Gesellschaft zerrüttet und entstellt.


    Die kurzlebigste Regierung in der modernen Geschichte Frankreichs

    Sébastien Lecornu sorgte gestern für eine große Überraschung, als er nur knapp 24 Stunden nach der Bildung seines Kabinetts als Premierminister zurücktrat. Er war nicht einmal einen Monat im Amt – damit ist seine Regierung die am kürzesten amtierende in der Geschichte der Fünften Republik.

    Der Rücktritt erhöht den Druck auf Präsident Emmanuel Macron, entweder Neuwahlen für das Parlament auszurufen oder selbst zurückzutreten – Optionen, die er bislang ausgeschlossen hat. Die Märkte reagierten nervös, denn durch die Regierungskrise ist nun auch die Verabschiedung eines Haushalts zur Eindämmung des steigenden Defizits bis Jahresende gefährdet.

    Kaum jemand rechnet ernsthaft mit Macrons Rücktritt – er ist auch rechtlich nicht dazu verpflichtet. Doch seine Handlungsspielräume schrumpfen, und er muss nun zwischen mehreren unangenehmen Optionen die am wenigsten schädliche wählen.


    Weitere Meldungen:

    Donald Trump droht, ein Gesetz von 1807 zu nutzen, um trotz gerichtlicher Einwände und gegen den Willen örtlicher Behörden Truppen nach Chicago und Portland zu entsenden.
    – Nach starkem Schneefall am Wochenende saßen Hunderte Menschen am Mount Everest fest.
    – Der Oberste Gerichtshof der USA lehnte es ab, die Verurteilung von Ghislaine Maxwell – einer engen Vertrauten von Jeffrey Epstein – noch einmal zu überprüfen.
    – Bei den ersten Parlamentswahlen in Syrien seit Jahren erhielten vor allem sunnitische Männer Mandate, die zuvor gegen das Assad-Regime gekämpft hatten.
    OpenAI gab einen bedeutenden Vertrag über den Kauf von Computerchips bei AMD bekannt – wenige Wochen nachdem ein ähnlicher Deal mit dem Konkurrenten Nvidia abgeschlossen wurde.
    Pakistan erlebt derzeit den heftigsten Aufstand der Taliban seit einem Jahrzehnt – unterstützt durch die afghanischen Taliban.
    – Der Nobelpreis für Medizin wurde an Mary Brunkow, Fred Ramsdell und Shimon Sakaguchi verliehen – für ihre bahnbrechende Forschung zum menschlichen Immunsystem.
    – Die britische Bestsellerautorin Jilly Cooper, berühmt für ihre schillernde „Rutshire Chronicles“-Reihe, ist im Alter von 88 Jahren verstorben.

    Autor: P. Tiko

  • Trump und Netanyahu präsentieren Friedensplan für Gaza: Ambitioniert, riskant – und voller Unwägbarkeiten

    Trump und Netanyahu präsentieren Friedensplan für Gaza: Ambitioniert, riskant – und voller Unwägbarkeiten

    Der Nahostkonflikt hat eine neue Etappe erreicht. Mit einem gemeinsamen Friedensvorschlag haben US-Präsident Donald Trump und Israels Premierminister Benjamin Netanyahu ein Papier vorgestellt, das Gaza in eine entmilitarisierte Übergangszone verwandeln, die Geiselkrise lösen und eine langfristige Friedensordnung anstoßen soll. Der Plan ist umfangreich, detailreich – und hoch umstritten. Während internationale Stimmen Zustimmung signalisieren, bleibt die Reaktion in den palästinensischen Gebieten zögerlich bis ablehnend.

    Die zentralen Punkte des Plans

    Das von Trump und Netanyahu präsentierte Dokument umfasst 20 Punkte und basiert auf einer radikalen Umstrukturierung des Gazastreifens. Es sieht zunächst einen sofortigen Waffenstillstand bei Zustimmung beider Seiten vor, verbunden mit einem eingefrorenen Frontverlauf. Innerhalb von 72 Stunden nach Unterzeichnung sollen alle israelischen Geiseln – lebend oder tot – von der Terrororganisation Hamas an Israel übergeben werden. Im Gegenzug würde Israel rund 2.000 palästinensische Gefangene entlassen, darunter auch lebenslänglich Verurteilte und Personen, die nach dem 7. Oktober 2023 inhaftiert wurden.

    Zentral ist die vollständige Entwaffnung des Gazastreifens. Alle militärischen Anlagen, Waffenlager und unterirdischen Infrastrukturen sollen zerstört und dauerhaft unbrauchbar gemacht werden. Über die Region soll eine technokratische Übergangsverwaltung eingesetzt werden, begleitet von einem internationalen Aufsichtsgremium mit Donald Trump als Vorsitzendem. Auch ehemalige Politiker wie Tony Blair sind im Gespräch.

    Für die Sicherheitskontrolle ist eine multinationale Stabilisierungstruppe vorgesehen, unterstützt von neu aufgestellten palästinensischen Polizeieinheiten. Israel und Ägypten sollen an den Außengrenzen mitwirken. Der Plan beinhaltet zudem milliardenschwere internationale Wiederaufbauhilfen, deren Verteilung explizit nicht von den Konfliktparteien blockiert werden darf.

    Ein wichtiges Element ist die schrittweise Rückführung israelischer Truppen aus Gaza, ohne dass eine Annexion erfolgt. Hamas-Mitglieder, die sich entwaffnen, sollen entweder Amnestie erhalten oder sicheren Abzug aus der Region. Langfristig – so das Versprechen – soll ein politischer Prozess zur palästinensischen Selbstbestimmung beginnen, sofern bestimmte Bedingungen erfüllt sind.

    Zustimmung aus Israel – Zurückhaltung bei den Palästinensern

    Benjamin Netanyahu lobte den Plan als Erfüllung der wesentlichen Kriegsziele Israels: Die Rückkehr der Geiseln, die Zerschlagung der Hamas und eine garantierte Sicherheitsarchitektur. Zugleich stellte er klar, dass bei einer Ablehnung durch Hamas die Militäroperationen fortgesetzt würden.

    Die Palästinensische Autonomiebehörde zeigte sich vorsichtig offen, nannte einige Vorschläge konstruktiv, äußerte jedoch auch Bedenken, insbesondere hinsichtlich der Übergangsverwaltung und der Frage der politischen Mitsprache. Besonders kritisch wird gesehen, dass der Plan die Hamas faktisch aus dem politischen Prozess ausschließt.

    Hamas selbst war an der Ausarbeitung nicht beteiligt. Aus dem Umfeld heißt es, die Entwaffnungsforderung sei mit der aktuellen Gemengelage nicht vereinbar. Ohne Anerkennung ihrer politischen Rolle sei der Vorschlag nicht tragfähig. Auch kleinere Gruppen im Gazastreifen, wie der Islamische Dschihad, lehnen den Plan ab. Die Sorge: Eine extern oktroyierte Friedensordnung könnte als Besatzung im neuen Gewand wahrgenommen werden.

    Internationale Reaktionen: Hoffnung und Warnung

    Auf internationaler Ebene fand der Vorschlag durchaus Resonanz. Ägypten, Jordanien, mehrere Golfstaaten und auch die Europäische Union äußerten verhaltene Unterstützung. In westlichen Hauptstädten wird das Papier als erster konkreter Fahrplan seit langem betrachtet – nicht als perfekte Lösung, aber als potenzieller Startpunkt für neue Verhandlungen.

    Gleichzeitig äußerten zahlreiche Experten und Menschenrechtsorganisationen Kritik. Sie warnen davor, dass die einseitige Struktur des Plans – insbesondere die zentrale Rolle Trumps und die fehlende palästinensische Einbindung – die Legitimität des Vorhabens untergrabe. Auch die technokratische Verwaltung durch internationale Gremien könnte als paternalistische Maßnahme interpretiert werden, die lokale Demokratie und Selbstbestimmung unterminiert.

    Die geplante Umsetzung in „terrorfreien Zonen“ – also Gebieten unter israelischer Kontrolle, selbst bei teilweiser Ablehnung durch Hamas – wird als besonders heikel gesehen. Diese Strategie könnte Gaza faktisch in unterschiedliche Verwaltungszonen aufspalten und neue Konfliktlinien entstehen lassen.

    Zwischen Friedenshoffnung und politischer Realität

    Der Plan markiert zweifellos einen strategischen Vorstoß. Die klare Struktur, die Verbindung von Sicherheit, Wiederaufbau und politischer Perspektive sowie die internationale Einbindung sind ambitioniert. Dennoch bleibt die zentrale Schwäche: Die Realität vor Ort ist komplexer, als es ein diplomatischer Vorschlag abbilden kann.

    Ohne eine Einbindung relevanter Akteure in Gaza bleibt der Plan ein Modell auf dem Papier. Politische Legitimität entsteht nicht durch Druck oder Ausschluss, sondern durch Beteiligung und Akzeptanz. Selbst ein Rückzug Israels nach Maßgabe des Plans wird nicht zu nachhaltigem Frieden führen, wenn in Gaza selbst kein tragfähiger politischer Konsens entsteht.

    Hinzu kommt: Der Plan könnte für Israel als strategischer Hebel fungieren, um internationale Zustimmung für ein weiteres militärisches Vorgehen zu erhalten, sollte die Hamas den Vorschlag ablehnen. Auch der Wiederaufbau droht zur politischen Waffe zu werden, wenn internationale Hilfen an Sicherheitskriterien gebunden bleiben, ohne lokale Mitbestimmung sicherzustellen.

    Was bleibt, ist ein diplomatischer Versuch, Ordnung ins Chaos zu bringen – mit vielen Unwägbarkeiten. Ob aus dem Vorschlag ein Friedensprozess oder nur ein weiteres Kapitel asymmetrischer Konfliktbewältigung wird, hängt weniger von Trump und Netanyahu ab als von der Bereitschaft aller Beteiligten, reale politische Teilhabe zu ermöglichen.

    Autor: P. Tiko

  • Ahmed al-Shara: Vom Dschihadisten zum Staatsmann – und weitere World-News

    Ahmed al-Shara: Vom Dschihadisten zum Staatsmann – und weitere World-News

    Syriens neuer Präsident Ahmed al-Shara hat gestern als erster syrischer Staatschef seit 1967 an die Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York gesprochen – damals war Lyndon B. Johnson US-Präsident, und Leonid Breschnew führte die Sowjetunion.

    Für al-Shara, einen ehemaligen Rebellenführer mit früheren Verbindungen zu Al-Qaida, markiert dieser Auftritt eine bemerkenswerte Kehrtwende. Noch immer wird er offiziell von den USA und den Vereinten Nationen als Terrorist eingestuft.

    In seiner Rede schilderte al-Shara die jahrzehntelange Unterdrückung Syriens unter dem früheren Präsidenten Baschar al-Assad und betonte seine Bemühungen, das internationale Ansehen des Landes neu zu gestalten.

    „Syrien hat sich von einem Exporteur der Krise zu einer Chance für Frieden – für Syrien und die ganze Region – gewandelt“, sagte al-Shara, der im Dezember 2024 die Oppositionskräfte anführte, die die jahrzehntelange Herrschaft der Assad-Familie beendeten.

    Er erneuerte seinen jüngsten Aufruf zu Gesprächen mit Israel, das seit seinem Machtantritt Hunderte Luftangriffe in Syrien durchgeführt hat.

    „Die israelischen Angriffe auf mein Land halten an, und Israels Politik widerspricht der internationalen Haltung zugunsten Syriens – das bedroht die Region mit neuen Krisen und Konflikten“, sagte al-Shara.

    „Angesichts dieser Aggression“, fügte er hinzu, „setzt Syrien auf Dialog.“

    Zum Abschluss seiner nur etwa achtminütigen Rede – eine der kürzesten der diesjährigen UN-Versammlung – drückte al-Shara seine Solidarität mit der Bevölkerung im Gazastreifen aus: „Das Leid, das Syrien durchlebt hat, wünschen wir niemandem. Deshalb stehen wir fest an der Seite der Menschen in Gaza.“


    Selenskyjs Appell an die Welt

    Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj forderte bei der UN-Versammlung die internationale Gemeinschaft auf, seine Streitkräfte mit weiterer militärischer Unterstützung gegen Russland auszustatten.

    „Völkerrecht funktioniert nicht, wenn es keine mächtigen Freunde gibt, die bereit sind, es zu verteidigen“, sagte er. „Und selbst Freunde reichen nicht – man braucht Waffen. Die einzige Sicherheitsgarantie sind Freunde und Waffen.“

    Selenskyjs Appell, den er mit Warnungen vor einer neuen Ära der drohnengestützten Kriegsführung verband, erfolgte nur einen Tag nach einer Kehrtwende von Präsident Trump, der plötzlich erklärte, die Ukraine könne ihr gesamtes Territorium von Russland zurückerobern. Viele Ukrainer reagierten verunsichert auf Trumps plötzlichen Meinungswechsel.


    Weitere Entwicklungen bei den Vereinten Nationen

    Chinas Präsident Xi Jinping kündigte erstmals konkrete Zielvorgaben zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen seines Landes an.

    Irans Präsident Masoud Pezeshkian verurteilte die Angriffe Israels und der USA und betonte, dass sein Land keine Atombombe anstrebe.


    Weitere wichtige Meldungen

    – In der südchinesischen Provinz Guangdong mussten eine Million Menschen evakuiert werden, bevor Taifun Ragasa auf Land traf. Mindestens 18 Menschen kamen durch den Sturm ums Leben. In Taiwan geb es heftige Zerstörungen nach dem Bruch eines Staudamms.

    – Ein bewaffneter Angreifer eröffnete das Feuer in einer US-Einwanderungseinrichtung in Texas, tötete einen Inhaftierten und verletzte zwei weitere. Der Täter erschoss sich danach selbst.

    – Bei einem israelischen Luftangriff in der Nähe eines Marktes in Gaza-Stadt wurden laut einem palästinensischen Rettungsdienst fast zwei Dutzend Menschen getötet. Die israelische Armee erklärte, zwei „Hamas-Terroristen“ getroffen zu haben.

    – Die US-Regierung unter Donald Trump plant, Visa zu entziehen und Menschen auszuweisen, die sich aus ihrer Sicht abschätzig über die Ermordung des rechten Aktivisten Charlie Kirk äußern.

    Deutschland bemüht sich verstärkt um indische Fachkräfte, die durch die neuen US-Visagebühren abgeschreckt sein könnten.

    Dänemarks Premierministerin reiste nach Grönland, um sich persönlich bei grönländischen Frauen für jahrzehntelange Zwangsverhütungspraktiken ihres Landes zu entschuldigen.

    Malawis Präsident Lazarus Chakwera erkannte seine Wahlniederlage an und machte damit den Weg frei für eine Rückkehr von Peter Mutharika an die Macht.

    – Nachdem chinesische und thailändische Behörden Druck auf ein Museum in Thailand ausübten, um eine regierungskritische Kunstausstellung zu zensieren, floh der Kurator nach London.

    – Der chinesische Architekt Kongjian Yu, bekannt für das Konzept der „Schwammstädte“, kam bei einem Flugzeugabsturz in Brasilien ums Leben – zusammen mit drei weiteren Personen.

    – Die NASA hat eine neue Mission gestartet, um die gigantische Magnetblase zu erforschen, die unser Sonnensystem umgibt.

    Autor: P. Tiko

  • Frankreichs Anerkennung Palästinas ist mehr als Symbolpolitik – sie ist Kalkül, Risiko und Appell zugleich

    Frankreichs Anerkennung Palästinas ist mehr als Symbolpolitik – sie ist Kalkül, Risiko und Appell zugleich

    Emmanuel Macrons Erklärung vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 22. September 2025 gehört zu jenen seltenen Momenten internationaler Diplomatie, in denen ein einzelner Satz politische Geographie verschieben kann. „La France reconnaît aujourd’hui l’État de Palestine“ – mit dieser Formel hat der französische Präsident die jahrzehntelange Ambivalenz westlicher Staaten gegenüber der palästinensischen Frage aufgekündigt. Frankreich hat als erstes G7-Land den Staat Palästina offiziell anerkannt. Ein mutiger, symbolträchtiger Schritt – aber auch einer, der offene Fragen aufwirft, neue Frontlinien zieht und das fragile Gleichgewicht im Nahen Osten in Bewegung versetzt.

    Die Entscheidung kommt nicht aus dem luftleeren Raum. Seit der unmenschlichen Gewalt im Gazastreifen, der dramatischen humanitären Lage und der sich verfestigenden Siedlungspolitik Israels in der Westbank ist der politische Prozess zwischen Israelis und Palästinensern faktisch zum Erliegen gekommen. Der Verweis auf die sogenannte Zweistaatenlösung ist zur rituellen Formel verkommen, die auf internationaler Bühne zwar beschworen, aber selten mit Substanz hinterlegt wird. Macron will dieser politischen Stagnation etwas entgegensetzen – durch einen Akt, der die diplomatische Realität den moralischen Appellen angleichen soll.

    Anerkennung mit Bedingungen

    Doch Macrons Anerkennung ist kein Blankoscheck. Sie ist an Bedingungen geknüpft: ein sofortiger Waffenstillstand, die Freilassung aller in Gaza festgehaltenen Geiseln und eine künftige palästinensische Staatsführung, die demokratisch legitimiert, entmilitarisiert und von terroristischen Gruppen wie der Hamas unabhängig ist. Dies entspricht einer restriktiven Interpretation palästinensischer Staatlichkeit, wie sie westliche Demokratien seit Jahren fordern. Gleichzeitig schlägt Macron die Entsendung einer internationalen Schutzmission nach Gaza vor – ein Vorschlag, der in Sicherheitskreisen auf Skepsis stößt, aber dennoch einen Versuch darstellt, der humanitären Katastrophe eine Struktur entgegenzusetzen.

    Diese konditionale Anerkennung zeigt: Frankreich verfolgt keinen naiven Idealismus, sondern eine kalkulierte diplomatische Strategie. Macron will den Handlungsspielraum im festgefahrenen Nahostkonflikt erweitern, ohne zugleich die sicherheitspolitischen Realitäten auszublenden. Er nimmt damit bewusst das Risiko in Kauf, zwischen alle Fronten zu geraten – zwischen Israel und der arabischen Welt, zwischen den USA und der EU, zwischen Symbolik und Machbarkeit.

    Israel reagiert mit Empörung

    Die Reaktion aus Jerusalem fiel scharf aus. Die israelische Regierung bezeichnete die Entscheidung als „historischen Fehler“ und warf Paris vor, Terrorismus zu belohnen. Tatsächlich trifft die französische Initiative auf eine israelische Regierung, die sich ideologisch stark nach rechts verschoben hat und in der internationalen Kritik gegenüber ihrer Gaza-Politik einen Angriff auf ihre nationale Existenz sieht. Macron wusste, dass sein Schritt in Israel auf Empörung stoßen würde. Doch er nimmt diesen Widerstand offenbar bewusst in Kauf – in der Hoffnung, dass ein außenpolitischer Schock neue Beweglichkeit erzeugt.

    Ob diese Rechnung aufgeht, ist offen. In der Vergangenheit haben symbolische Anerkennungen Palästinas – etwa durch Schweden 2014 – kaum konkrete Fortschritte gebracht. Auch Macrons Entscheidung verändert zunächst nichts an der politischen und militärischen Lage vor Ort. Die Hamas bleibt bewaffnet, die israelische Regierung bleibt konfrontativ, die Verhandlungen bleiben blockiert.

    Europa ringt um gemeinsame Linie

    Innerhalb der Europäischen Union hat Frankreich mit seinem Schritt eine neue Dynamik ausgelöst – und zugleich bestehende Risse sichtbar gemacht. Während kleinere Staaten wie Luxemburg oder Belgien dem Beispiel folgen könnten, halten Schwergewichte wie Deutschland oder Italien an der bisherigen Linie fest. Dort verweist man auf die Notwendigkeit eines umfassenden Friedensprozesses, bevor eine völkerrechtliche Anerkennung sinnvoll sei. Diese Uneinigkeit schwächt die außenpolitische Wirkung Europas und stellt Frankreich vor die Herausforderung, seine Entscheidung diplomatisch abzusichern.

    Zugleich offenbart die französische Entscheidung auch die tieferliegenden Veränderungen im westlichen Bündnissystem. In Washington wurde die Anerkennung mit Unmut aufgenommen. Die USA, traditionell eng mit Israel verbunden, halten unverändert an der Maxime fest, dass Staatlichkeit nur das Resultat bilateraler Verhandlungen sein kann – nicht deren Voraussetzung. Frankreichs Entscheidung ist damit auch ein Signal außenpolitischer Emanzipation von Washington, das jedoch mit Bedacht dosiert werden muss. Die strategische Partnerschaft mit den USA bleibt zentral – auch und gerade im instabilen geopolitischen Umfeld des Nahen Ostens.

    Ein Schritt – aber nicht die Lösung

    Frankreich hat gehandelt, wo andere schweigen. Es hat die politische Lähmung im Nahostprozess durchbrochen – zumindest rhetorisch. Doch Diplomatie lebt nicht von Gesten allein. Der Weg zu einem souveränen, friedlichen und lebensfähigen Palästina bleibt lang – und voller Fallstricke. Ohne substantielle Verhandlungen, ohne Sicherheitsgarantien für Israel, ohne klare institutionelle Ordnung auf palästinensischer Seite bleibt die Vision eines palästinensischen Staates eine politische Projektion.

    Macrons Schritt ist deshalb zugleich ein Appell an die internationale Gemeinschaft, den Konflikt nicht weiter zu verwalten, sondern politisch zu gestalten. Die Anerkennung Palästinas mag symbolisch sein. Doch Symbole haben Macht – besonders dann, wenn sie politisches Vakuum markieren. Die kommenden Monate werden zeigen, ob Frankreich damit einen diplomatischen Impuls gesetzt hat – oder nur ein weiteres Kapitel gut gemeinter, aber folgenloser Nahostpolitik geschrieben wurde.

    Autor: P. Tiko

  • Macron warnt Israel vor weiterem Verlust internationaler Glaubwürdigkeit

    Macron warnt Israel vor weiterem Verlust internationaler Glaubwürdigkeit

    In einem Interview mit dem israelischen Fernsehsender Channel 12 hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am 18. September Israel ungewöhnlich scharf kritisiert. Mit Blick auf die hohen Opferzahlen in Gaza erklärte er, das Land sei im Begriff, sein „Image und seine Glaubwürdigkeit vollständig zu zerstören“. Während er Israels sicherheitspolitische Leistungen gegen die Hamas und andere Gruppen anerkenne, bezeichnete er die laufenden Militäroperationen als „vollständig kontraproduktiv“. Zwischen Sicherheitsinteressen und öffentlicher Wahrnehmung Macrons Aussagen verweisen auf eine Spannung, die in bewaffneten Konflikten häufig zutage tritt: Der Versuch, unmittelbare sicherheitspolitische Ziele durch militärische Gewalt zu erreichen, kann im internationalen Umfeld zu erheblichen Reputationsverlusten führen. Für Israel, dessen Legitimität im Westen traditionell eng mit dem Anspruch auf Selbstverteidigung verbunden ist, stellen die Bilder aus Gaza eine besondere Belastung dar. Die humanitä…

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  • Israels Vorstoß in Gaza-Stadt und weitere World-News

    Israels Vorstoß in Gaza-Stadt und weitere World-News

    Die israelische Armee hat gestern ihre seit Langem erwartete Bodenoffensive in Gaza-Stadt begonnen – trotz Warnungen einiger ihrer engsten Verbündeten und unter Inkaufnahme massiver Gefahren für Hunderttausende palästinensischer Zivilisten.

    Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bezeichnet die Operation als Versuch, die Hamas aus einem ihrer letzten Rückzugsräume zu vertreiben. Doch die Skepsis wächst: Selbst der israelische Generalstabschef sprach sich laut Berichten intern gegen die Offensive aus und plädierte stattdessen für ein Abkommen zur Freilassung der verbleibenden Geiseln.

    Hilfsorganisationen warnen vor katastrophalen Folgen für die Zivilbevölkerung in Gaza-Stadt, die bereits fast zwei Jahre unter Hunger, Angst und Bombardierungen leidet. Zwar sind einige Bewohner geflohen, doch viele wissen nicht, wohin – oder wie sie überhaupt aus der Stadt fliehen könnten.

    Der Angriff dürfte Israels internationale Isolation weiter verstärken. Menschenrechtsorganisationen werfen der Regierung zunehmend Kriegsverbrechen vor – ein Vorwurf, den Israel entschieden zurückweist. Eine UN-Kommission zur Untersuchung des Kriegs erklärte gestern, Israel begehe in Gaza einen Völkermord an den Palästinensern.

    Wie lange die neueste Offensive andauern wird, ist unklar.


    Hat Israel eine Strategie?

    Netanjahu präsentiert den Einmarsch in Gaza-Stadt als entscheidenden Schritt zur endgültigen Zerschlagung der Hamas – doch dieses Narrativ ist nicht neu. Ähnliche Versprechen begleitete bereits frühere Offensiven, die letztlich in strategischen Sackgassen endeten: Hamas überlebte, israelische Geiseln blieben in Gefangenschaft, und palästinensische Zivilisten wurden in einem dystopischen Ausnahmezustand zurückgelassen.

    Auch diesmal droht das gleiche Ergebnis: Eine dezimierte, aber nicht besiegte Hamas, Geiseln in ihrer Gewalt – und eine Region im Dauerchaos.


    Für die Menschen in Gaza bleibt nur die Vertreibung

    Nahezu alle Bewohner von Gaza-Stadt wurden im Verlauf des Kriegs mindestens einmal aus ihren Häusern oder Notunterkünften vertrieben. Viele berichten, dass ein erneutes Fliehen schlimmer wäre als das Ausharren im Kriegsgebiet. „Wenn wir jetzt gehen, werden wir nie zurückkehren“, sagt ein palästinensischer Professor.

    Manche können sich eine Flucht schlichtweg nicht mehr leisten. Andere verweisen darauf, dass auch der Süden des Gazastreifens kein sicherer Ort sei.

    Anfang September forderte die israelische Armee alle verbliebenen Zivilisten auf, in den Süden des Gazastreifens zu fliehen. Seither verließen rund 350.000 Menschen die Stadt.


    Die Hamas kapituliert nicht

    Nach Angaben lokaler Gesundheitsbehörden sind bisher zehntausende Palästinenser durch die israelischen Angriffe ums Leben gekommen. Dennoch weigert sich die Hamas, die verbleibenden Geiseln freizulassen oder zu kapitulieren.

    Beobachter sehen darin eine bewusste Taktik: Die Hamas-Führung spekuliere darauf, dass Israel früher oder später einem Abkommen zustimmen müsse, das keine vollständige Unterwerfung der Organisation mehr zur Bedingung macht.


    Auch in Israel wächst der Widerstand gegen Netanjahus Kurs

    Rund zwei Drittel der israelischen Bevölkerung sprechen sich laut Umfragen für ein Abkommen zur Befreiung der Geiseln aus – im Gegenzug für die Freilassung palästinensischer Gefangener und ein Kriegsende. Kritiker werfen Netanjahu vor, den Krieg bewusst zu verlängern, um sich durch die Unterstützung rechtsnationaler Koalitionspartner politisch über Wasser zu halten.

    Zudem wächst in Israel die Angst, dass ein Bodeneinsatz zum Tod der verbliebenen Geiseln führen könnte.


    Trump zu zweitem Staatsbesuch in Großbritannien

    US-Präsident Donald Trump und seine Frau Melania beginnen heute ihren zweiten Staatsbesuch im Vereinigten Königreich – empfangen von König Charles III. und Königin Camilla. Trump lässt ein politisch zerrissenes Land hinter sich, das vom Tod seines engen Verbündeten Kirk erschüttert ist, und taucht für kurze Zeit in ein Protokollmärchen aus Glanz und goldenem Zeremoniell ein.

    Er ist der einzige gewählte Staatschef, dem zum zweiten Mal ein britischer Staatsbesuch zuteilwird – ein Zeichen dafür, wie weit das Vereinigte Königreich bereit ist zu gehen, um sich das Wohlwollen des US-Präsidenten zu sichern.


    Weitere wichtige Nachrichten

    • USA: Der 22-jährige Tyler Robinson wurde wegen des mutmaßlichen Mordes an dem rechten Aktivisten Kirk angeklagt. Ihm droht die Todesstrafe.
    • Russland: Laut Ermittlern der Yale-Universität ist das geheime Umerziehungs- sowie Polizei- und Militärtrainingsprogramm für ukrainische Kinder aus besetzten Gebieten weit umfangreicher als bislang bekannt – ein weiteres mögliches Kriegsverbrechen.
    • Ukraine/Polen: Nach dem Eindringen russischer Drohnen in den polnischen und rumänischen Luftraum bringt Warschau eine Flugverbotszone über der Ukraine ins Gespräch.
    • Dänemark/Grönland: Eine Grönländerin wurde für unfähig erklärt, ihr Kind zu behalten – der Fall entfacht erneut Kritik an Dänemarks Umgang mit seiner autonomen Arktisregion.
    • Trump: Der US-Präsident verklagt die New York Times und vier ihrer Reporter wegen angeblicher Verleumdung im Vorfeld der Wahl 2024.

    Autor: P. Tiko

  • Israels Bodenoffensive in Gaza-Stadt: Kalkulierte Eskalation mit unkalkulierbaren Folgen

    Israels Bodenoffensive in Gaza-Stadt: Kalkulierte Eskalation mit unkalkulierbaren Folgen

    Am frühen Morgen des 16. September drangen israelische Bodentruppen mit massiver Artillerieunterstützung in das Zentrum von Gaza-Stadt vor. Es ist der bisher tiefste Vorstoß der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) in das urbane Herz des Gazastreifens seit Beginn des Krieges. Was von offizieller Seite als „entscheidende Phase“ im Kampf gegen die Hamas bezeichnet wird, entwickelt sich rasch zur dramatischsten Eskalation seit Beginn des Konflikts vor zwei Jahren – mit erheblichen humanitären, politischen und völkerrechtlichen Implikationen.

    Die Offensive erfolgt in einem Moment wachsender internationaler Kritik und innenpolitischen Drucks. Familien von Geiseln protestieren gegen das militärische Vorgehen, das ihrer Ansicht nach das Leben ihrer Angehörigen gefährde. Gleichzeitig verschärft sich die humanitäre Lage im Gazastreifen in alarmierendem Tempo.

    Das militärische Kalkül

    Die israelische Regierung verfolgt nach eigenem Bekunden das Ziel, die militärischen Kapazitäten der Hamas im städtischen Raum zu zerschlagen und gleichzeitig verschleppte Geiseln zu befreien. Der operative Schwerpunkt liegt nun auf Gaza-Stadt – einem Gebiet, das aufgrund seiner dichten Bebauung, unterirdischen Tunnelsysteme und der engen Verflechtung ziviler und militärischer Infrastruktur als militärisch äußerst komplex gilt.

    Die IDF operiert mit zwei Divisionen gleichzeitig und setzt auf die Kombination aus Bodenpräsenz und intensiver Luft- sowie Artillerieunterstützung. Damit nimmt Israel bewusst hohe Kollateralschäden in Kauf – ein Umstand, der international zunehmend kritisiert wird. Der Vorwurf lautet: Die militärischen Ziele seien nicht mehr verhältnismäßig gegenüber den zivilen Folgen.

    Humanitäre Implosion

    Mit der Offensive verschärft sich die ohnehin katastrophale Lage der Zivilbevölkerung. Bereits vor Beginn des Vorstoßes hatten über die Hälfte der Bewohner Gaza-Stadts ihre Wohnungen und Häuser verlassen – doch viele sind geblieben: aus Angst, wegen Krankheit oder weil es schlicht keine sicheren Orte mehr gibt. Die israelischen Aufrufe zur Evakuierung stoßen ins Leere, wenn sie in eine Realität hinein erfolgen, in der der Süden des Gazastreifens überfüllt, unterversorgt und zunehmend selbst zum Ziel militärischer Operationen geworden ist.

    Die Versorgungslage ist inzwischen kritisch: Hilfslieferungen gelangen kaum noch in die nördlichen Gebiete, medizinische Einrichtungen sind überlastet oder zerstört, sauberes Trinkwasser und Nahrung werden zur Mangelware. Eine signifikante Zahl von Hungertoten ist bereits dokumentiert. Internationale Hilfsorganisationen warnen vor grausamen Folgen für Zivilisten.

    Völkerrecht und moralische Legitimität

    Die Offensive in Gaza-Stadt hat eine neue juristische Dimension erreicht: Erstmals seit Beginn des Konflikts werden von internationalen Gremien Vorwürfe laut, Israel könnte durch sein Vorgehen Tatbestände des Völkermords erfüllen. Dabei wird nicht nur auf die hohe Zahl ziviler Opfer verwiesen, sondern auch auf gezielte Zerstörung lebenswichtiger Infrastruktur und die Blockade humanitärer Hilfe.

    Der israelischen Regierung wird vorgeworfen, mit öffentlichen Äußerungen hochrangiger Politiker zur Entmenschlichung der palästinensischen Bevölkerung beigetragen zu haben. Der Vorwurf des Genozids ist juristisch heikel und politisch explosiv – selbst wenn er nicht kurzfristig justiziabel wird, markiert er doch eine entscheidende Verschärfung der Debatte über die moralische und rechtliche Legitimität des israelischen Vorgehens.

    Internationale Fronten

    Die diplomatische Isolierung Israels nimmt zu. Während die USA weiterhin rhetorische Rückendeckung liefern, gerät Europa zunehmend unter Zugzwang. Einige Mitgliedstaaten der EU fordern offen Sanktionen, andere – darunter Deutschland – plädieren für eine zurückhaltendere Linie. Zugleich mehren sich innerhalb der europäischen Institutionen Stimmen, die Handels- und Rüstungsbeziehungen zu Israel überprüfen wollen.

    Auch in den arabischen Nachbarstaaten wächst der Druck. Ägypten und Katar bemühen sich zwar um diplomatische Kanäle, sehen sich aber wachsendem Misstrauen ihrer eigenen Bevölkerung ausgesetzt. Die Gefahr einer regionalen Eskalation – etwa durch Angriffe auf den Libanon oder das Westjordanland – bleibt latent bestehen.

    Das Dilemma der Geiseln

    Ein zentrales Argument der israelischen Regierung für die Fortsetzung der militärischen Operationen ist die Befreiung von Geiseln, die sich seit dem Hamas-Überfall im Oktober 2023 in palästinensischer Hand befinden. Doch genau dieses Ziel steht im Zentrum der innenpolitischen Kontroverse: Angehörige der Entführten werfen der Regierung vor, durch ihre aggressive Militärstrategie das Leben der Geiseln aufs Spiel zu setzen.

    Innerhalb des Militärs mehren sich kritische Stimmen, wonach das Risiko für eigene Soldaten sowie für Geiseln in komplexen urbanen Kämpfen nicht ausreichend in die Operationsplanung einbezogen werde. Das Vertrauen in die Strategie des Verteidigungsministeriums beginnt zu erodieren – ein Riss, der sich in der israelischen Öffentlichkeit immer deutlicher zeigt.

    Perspektiven der Deeskalation

    Die diplomatischen Bemühungen um eine Waffenruhe laufen weiterhin, vor allem über Katar, Ägypten und die USA. Doch das Zeitfenster für einen Durchbruch schließt sich rapide. Auf dem Schlachtfeld zementiert sich eine militärische Logik, die jeden Schritt zurück als Schwäche erscheinen lässt – sowohl für die israelische Regierung als auch für die Hamas.

    Das Dilemma bleibt: Je weiter die Gewalt fortschreitet, desto unwahrscheinlicher wird eine politische Lösung. Gleichzeitig ist der Preis einer fortgesetzten militärischen Eskalation für die Zivilbevölkerung so hoch, dass sich die Frage nach Legitimität, Verhältnismäßigkeit und politischem Ziel mit wachsender Dringlichkeit stellt.

    Inmitten von Zerstörung, Anklagen und Protesten steht der Gazakrieg nun an einem Scheideweg: zwischen militärischer Machtdemonstration und politischer Verantwortung – mit unabsehbaren Folgen für Israel, die Palästinenser und die internationale Ordnung.

    Autor: Andreas M. Brucker