Schlagwort: französisches Kino

  • Kommentar: Der Klimawandel als unfreiwilliger Kartenverkäufer

    Kommentar: Der Klimawandel als unfreiwilliger Kartenverkäufer

    Das Kino stirbt. Eigentlich stirbt es seit Jahren, regelmäßig, zuverlässig und mit einer Beharrlichkeit, die beinahe bewundernswert wäre – wenn da nicht ein kleines Problem bestünde: Die Franzosen gehen einfach weiter hin.

    Und wie.

    19,94 Millionen Kinobesuche allein im August 2026. So viele wie noch nie in einem Monat August seit Beginn der monatlichen Erhebung im Jahr 1980. Fast doppelt so viele wie im August 2025. Der bisherige Rekord aus dem Jahr 2014? Überboten. Von Januar bis August 127,92 Millionen verkaufte Eintrittskarten. Ein Plus von 28,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

    Das klingt für eine angeblich sterbende Freizeitbeschäftigung erstaunlich lebendig.

    Aber: Da sitzt noch ein ziemlich unangenehmer Gast mit im Kinosaal – der Klimawandel.

    Natürlich wäre es unseriös, Frankreichs Besucherrekord kurzerhand der Erderwärmung auf die Rechnung zu schreiben. Ein heißer Sommer ist noch kein Beweis für die Ursache jedes einzelnen verkauften Tickets. Doch die zunehmende Belastung durch extreme Hitze verändert längst unseren Alltag – und damit auch die Frage, an welchen Orten Menschen ihre Freizeit verbringen.

    Plötzlich besitzt das Kino einen Wettbewerbsvorteil, den kein noch so ausgefeilter Empfehlungsalgorithmus liefern kann: eine Klimaanlage.

    Netflix mag Tausende Filme bereithalten. Disney+ lockt mit gewaltigen Markenwelten. Andere Streamingdienste kennen unsere Sehgewohnheiten vermutlich besser als manche Verwandte. Aber wenn sich die Wohnung am Nachmittag in einen Umluftbackofen verwandelt und das Thermometer draußen erbarmungslos nach oben marschiert, hilft selbst die brillanteste Startseite wenig.

    Eine Streamingplattform kühlt keine Zuschauer.

    Das Kino schon.

    Und darin steckt eine geradezu absurde Pointe unserer Zeit. Jahrelang galt das heimische Sofa als großer natürlicher Feind des Kinosaals: kein Anfahrtsweg, keine fremden Menschen, Pause auf Knopfdruck, Kühlschrank in Reichweite. Maximale Bequemlichkeit. Doch bei 35 oder 40 Grad verliert selbst das gemütlichste Sofa erheblich an Sexappeal, sofern die Wohnung keine Klimaanlage besitzt.

    Dann kosten zwei Stunden Hollywood plötzlich nicht nur Eintritt.

    Sie liefern zwei Stunden Zuflucht.

    Das bedeutet keineswegs, dass Millionen Franzosen ausschließlich wegen der angenehmen Raumtemperatur Spider-Man oder Homers Odysseus besucht hätten. Dafür waren die großen Filme offensichtlich selbst zu attraktiv, das Angebot zu vielfältig und der Erfolg über Wochen zu stabil. Aber die Hitze dürfte manchen spontanen Kinobesuch vom „Vielleicht“ zum „Los, wir gehen“ befördert haben.

    Und genau hier bekommt die Geschichte eine gesellschaftliche Dimension. Falls extrem heiße Sommer häufiger auftreten, gewinnen klimatisierte Kinos, Einkaufszentren, Bibliotheken, Museen und andere öffentliche Innenräume eine zusätzliche Funktion: Sie sind nicht mehr ausschließlich Orte des Konsums, der Kultur oder der Begegnung, sondern zeitweise Rückzugsräume vor der Hitze.

    Das ist für Kinobetreiber erfreulich.

    Für die Gesellschaft ist es weniger lustig.

    Denn hinter jedem Menschen, der während einer Hitzewelle freiwillig drei Stunden im klimatisierten Kinosaal verbringt, steht möglicherweise eine Wohnung, in der drei Stunden am Nachmittag schlicht keinen Spaß mehr machen.

    So betrachtet erzählt Frankreichs Kinorekord nicht nur eine Geschichte über Spider-Man, Christopher Nolan und die erstaunliche Widerstandskraft der großen Leinwand. Er erzählt womöglich auch eine kleine Geschichte über die Anpassung unseres Alltags an ein heißeres Klima.

    Die Streamingrevolution hat das Kino also vielleicht doch nicht endgültig besiegt.

    Der Planet dreht gerade an der Raumtemperatur.

    Und dagegen besitzt selbst der beste Algorithmus keinen Schalter.

    C. Hatty

  • Cannes, Bolloré und die kulturelle Frontenbildung in Frankreich

    Cannes, Bolloré und die kulturelle Frontenbildung in Frankreich

    Der Streit um Vincent Bolloré, Canal+ und die französische Filmbranche entwickelt sich zu weit mehr als einer üblichen Kontroverse des Kulturbetriebs. Was während der Filmfestspiele von Cannes mit einer politischen Tribüne begann, hat sich innerhalb weniger Tage zu einem Symbolkonflikt über Macht, Einfluss und ideologische Kontrolle im französischen Kulturleben ausgeweitet. Dass nun ausgerechnet der Rassemblement national zur Deeskalation aufruft, zeigt, wie tief die Auseinandersetzung inzwischen in die politische Sphäre vorgedrungen ist. Der Vizepräsident des RN, Sébastien Chenu, appellierte an die Akteure der Filmindustrie und an Canal+, „wieder an einen Tisch zurückzukehren“, um den Konflikt „würdig“ zu lösen. Seine Intervention erfolgte nach den scharf kritisierten Aussagen des Canal+-Chefs Maxime Saada, der angekündigt hatte, künftig nicht mehr mit Unterzeichnern einer anti-Bolloré-Tribüne zusammenarbeiten zu wollen. Damit erreichte der Streit eine neue Eskalationsstufe: Aus einer…

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  • Canal+ und der Kulturkampf im französischen Kino

    Canal+ und der Kulturkampf im französischen Kino

    Mitten im Glanz von Cannes, zwischen roten Teppichen, Champagnerempfängen und den üblichen Debatten über große Filme, entzündet sich plötzlich ein Konflikt, der weit über das Kino hinausreicht. Canal+, jahrzehntelang Herzstück der französischen Filmfinanzierung, legt sich offen mit Teilen der eigene…

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  • Kommentar: Die französische Kultur verteidigt die Meinungsfreiheit — solange niemand widerspricht

    Kommentar: Die französische Kultur verteidigt die Meinungsfreiheit — solange niemand widerspricht

    Frankreich liebt große Worte.

    Liberté. République. Résistance.
    Dicke Begriffe, geschniegelt wie ein Philosoph auf dem Boulevard Saint-Germain, begleitet vom Duft kalten Espressos und jahrzehntealter moralischer Überlegenheit.

    Und natürlich: Meinungsfreiheit.

    Kaum ein Land zelebriert seine intellektuelle Unabhängigkeit mit größerer Leidenschaft. In Frankreich diskutiert man nicht einfach — man „führt Debatten“. Möglichst laut, möglichst dramatisch, möglichst mit verschränkten Armen in einem Fernsehstudio, dessen Beleuchtung aussieht wie ein Verhörraum für Existenzialisten.

    Doch ausgerechnet dort, wo Freiheit angeblich heilig ist, zeigt sich gerade eine erstaunlich empfindliche Nervosität.

    Der Streit rund um Canal+, Vincent Bolloré und das Festival von Festival de Cannes wirkt wie ein Lehrstück über die moderne französische Kulturindustrie — und über ihre panische Angst vor echter Unabhängigkeit.

    Hunderte Filmschaffende warnen öffentlich vor dem Einfluss Bollorés auf das Kino. Man unterschreibt Manifeste, spricht von Bedrohung, von kultureller Kontrolle, von politischer Einflussnahme. Die übliche große Oper also. Frankreich ohne Pathos wäre schließlich wie Rotwein ohne Kater.

    Dann reagiert Canal+.

    Und plötzlich heißt es sinngemäß: Wer gegen uns unterschreibt, arbeitet künftig vielleicht nicht mehr mit uns zusammen.

    Da steht sie nun, die stolze Filmbranche — geschniegelt für den roten Teppich, aber mit leicht zitternden Knien vor der Buchhaltung.

    Denn natürlich rebelliert man im französischen Kino gegen das System.
    Voraussetzung bleibt allerdings, dass das System vorher die Produktionskosten übernimmt.

    Das ist die eigentliche Komik dieser Affäre.

    Die französische Kulturwelt sieht sich gern als letzte Bastion moralischer Integrität. Man kämpft gegen Kapitalismus, gegen Machtkonzentration, gegen rechte Medienmogule — finanziert allerdings oft von exakt denselben Konzernen, die man abends auf Podien anklagt.

    Revolution, bitte. Aber mit Förderzusage.

    Es hat etwas tragikomisch Französisches: Früher verbarrikadierte man Straßen. Heute fürchtet man die Streichung von Koproduktionsgeldern. Die Nouvelle Vague ist endgültig im Verwaltungsrat angekommen.

    Und natürlich geht es längst nicht nur um Kino.

    Die Affäre offenbart ein viel größeres Problem: Frankreich spricht ständig über kulturelle Unabhängigkeit, organisiert diese Kultur aber in einer Struktur extremer wirtschaftlicher Abhängigkeit. Einige wenige große Gruppen kontrollieren Sender, Produktionsbudgets, Verlage, Vertriebswege und öffentliche Aufmerksamkeit.

    Das Ergebnis erinnert manchmal an ein feudales System mit intellektuellem Feinschliff.

    Die Künstler geben den Rebellen.
    Die Konzerne geben die Mäzene.
    Und beide brauchen einander mehr, als sie zugeben möchten.

    Besonders faszinierend bleibt dabei die moralische Selbstinszenierung. Die französische Kulturszene liebt den Eindruck permanenter Dissidenz. Jeder hält sich ein bisschen für Jean-Paul Sartre im Widerstand — obwohl der gefährlichste Gegner heute oft kein Zensor mehr ist, sondern ein Excel-Sheet im Medienkonzern.

    Man rebelliert inzwischen mit Catering.

    Und dennoch tut Frankreich so, als sei jede kulturpolitische Auseinandersetzung sofort ein Kampf um die Seele der Demokratie. Das klingt heroisch, verdeckt aber einen simplen Umstand: Wer wirtschaftlich abhängig ist, besitzt nur begrenzte Freiheit. Das galt früher für Arbeiter. Heute gilt es offenbar auch für Autorenfilmer mit Festivalakkreditierung.

    Die eigentliche Ironie liegt darin, dass ausgerechnet jene Branche, die permanent von Meinungsfreiheit spricht, inzwischen auffallend empfindlich auf Widerspruch reagiert.

    Sobald Machtverhältnisse konkret werden — Budgets, Sender, Verträge, Marktanteile — endet der romantische Teil der Debatte ziemlich abrupt. Dann zeigt sich, dass kulturelle Freiheit in Frankreich oft wie ein luxuriöses Altbaufenster wirkt: wunderschön anzusehen, aber bitte nicht zu weit öffnen.

    Und Vincent Bolloré?

    Der Mann erfüllt inzwischen beinahe eine nationale Funktion. Er ist weniger Unternehmer als Projektionsfläche. Für die einen ein konservativer Kulturkämpfer mit Medienmacht. Für die anderen der perfekte Bösewicht, den das französische Feuilleton dringend braucht, um sich selbst weiterhin als Widerstandsbewegung zu fühlen.

    Ohne Bolloré fehlte der Kulturszene fast ein dramaturgisches Element.

    Denn seien wir ehrlich: Die französische Elite liebt ihre Gegner oft genauso sehr wie ihre Ideale. Ohne den großen Konflikt, ohne den moralischen Alarmton, ohne die tägliche republikanische Selbstdramatisierung würde ein erheblicher Teil des öffentlichen Diskurses in sich zusammensacken wie ein Soufflé im Durchzug.

    Vielleicht erklärt genau das die Hysterie rund um Cannes.

    Dort trifft schließlich alles aufeinander, was Frankreich über sich selbst erzählen möchte: Kunst, Macht, Moral, Geld, Politik, Glamour und die ewige Behauptung, man stehe selbstverständlich auf der richtigen Seite der Geschichte.

    Dabei zeigt der aktuelle Streit vor allem eines: Meinungsfreiheit findet man in Frankreich großartig — solange alle ungefähr dieselbe Meinung vertreten.

    Der Moment echter Dissidenz beginnt erst dort, wo finanzielle Konsequenzen drohen.

    Und genau dort wird es plötzlich still im Arthouse-Kino.

    Autor: Christine Macha

  • Sara Forestier und das Ende des Schweigens im französischen Kino

    Sara Forestier und das Ende des Schweigens im französischen Kino

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  • Cannes zwischen Kino und Machtpolitik

    Cannes zwischen Kino und Machtpolitik

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    Ein Strand für den Mythos: Cannes ehrt Brigitte Bardot

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  • Die Goldene Palme – jenes kleine Stück Gold, das in Cannes über Ruhm und Legenden entscheidet

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  • Nathalie Baye – Das leise Verschwinden einer großen Stimme des französischen Kinos

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  • Ein leiser Abschied für eine laute Ikone – Brigitte Bardot wurde in Saint-Tropez beigesetzt

    Ein leiser Abschied für eine laute Ikone – Brigitte Bardot wurde in Saint-Tropez beigesetzt

    Saint-Tropez hielt den Atem an. An diesem Mittwoch, 8. Januar, versammelt sich Frankreich in jenem Küstenort, der über Jahrzehnte untrennbar mit einem Namen verbunden war: Brigitte Bardot. Nicht auf der Leinwand, nicht im Blitzlichtgewitter, sondern auf dem letzten Weg. Still. Würdevoll. Genau so, wie sie es sich gewünscht hatte. Ein Sarg aus Rattan, bedeckt mit schlichten Feldblumen, wird durch die engen Gassen getragen. Kein Prunk, keine Inszenierung. Als der Trauerzug unter dem Applaus der Anwesenden langsam Richtung Meeresfriedhof zieht, scheint Saint-Tropez für einen Moment aus der Zeit gefallen. Bardot wird dort beigesetzt, neben ihren Eltern, unweit ihres ersten Ehemanns Roger Vadim. Ein letzter Rundgang durch den Ort ihres Herzens, den sie berühmt machte und der sie zugleich schützte. Am Vormittag zuvor hatte in der Kirche Notre-Dame de l’Assomption die offizielle Trauerzeremonie stattgefunden. Nur 400 Gäste waren zugelassen. Freunde, Vertraute, politische Persönlichkeiten. Unt…

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