Schlagwort: französische Regierung

  • Lecornu will bei der Regierung selbst sparen – Frankreichs Ministergehälter geraten ins Visier

    Lecornu will bei der Regierung selbst sparen – Frankreichs Ministergehälter geraten ins Visier

    Frankreichs Premierminister Sébastien Lecornu prüft offenbar eine Kürzung der Bezüge von Ministern und deren Mitarbeitern. Finanzpolitisch wäre der Effekt überschaubar. Politisch ist die Botschaft dagegen leicht verständlich: Wer von Bürgern und Verwaltung Sparanstrengungen verlangt, soll zunächst demonstrieren, dass die politische Führung selbst dazu bereit ist. Für eine Regierung, die angesichts angespannter Staatsfinanzen um Akzeptanz für Haushaltsdisziplin werben muss, wird damit aus einer vergleichsweise kleinen Ausgabenposition eine Frage politischer Glaubwürdigkeit. Sparen als Frage der politischen Legitimität Nach den bislang bekanntgewordenen Überlegungen erwägt Lecornu, die Vergütungen beziehungsweise Zulagen der Regierungsmitglieder und zumindest eines Teils ihrer Berater zu reduzieren. Über die genaue Höhe einer Kürzung, ihren Zeitpunkt und den Kreis der betroffenen Mitarbeiter sind noch keine endgültigen Entscheidungen bekannt. Gerade deshalb sollte die finanzielle Dimensi…

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  • Frankreich sucht den neuen Weg beim Jugendschutz

    Frankreich sucht den neuen Weg beim Jugendschutz

    Das politische Ziel bleibt, doch der bisherige Weg endet vor einer juristischen Schranke. Nachdem der französische Verfassungsrat das allgemeine Verbot sozialer Netzwerke für Jugendliche unter 15 Jahren gestoppt hat, steht die Regierung vor einer kniffligen Aufgabe: Sie will Minderjährige im digitalen Alltag stärker schützen, ohne dabei Grundrechte über Gebühr einzuschränken. Die Entscheidung bedeutet keineswegs das Ende der französischen Pläne. Vielmehr beginnt jetzt die Suche nach einem Modell, das präziser, abgestufter und rechtlich belastbarer ausfällt. Denn genau an der Pauschalität störten sich die Verfassungsrichter. Kein Verbot mit der Gießkanne Ein neues Gesetz dürfte deshalb deutlich stärker zwischen Plattformen, Altersgruppen und Nutzungsarten unterscheiden. Schulische, kulturelle oder pädagogische Angebote könnten beispielsweise Sonderregeln erhalten. Ebenso denkbar sind unterschiedliche Schutzstufen für jüngere Kinder und ältere Jugendliche. Das klingt komplizierter als ei…

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  • Lecornu bleibt in Matignon – Frankreich will in der Feuerkrise Handlungsfähigkeit demonstrieren

    Lecornu bleibt in Matignon – Frankreich will in der Feuerkrise Handlungsfähigkeit demonstrieren

    Während weite Teile Frankreichs unter einer der schwersten Waldbrandsaisons der vergangenen Jahre leiden, setzt Premierminister Sébastien Lecornu ein bewusst gewähltes politisches Signal. Er verschiebt seinen Sommerurlaub auf unbestimmte Zeit und bleibt in Matignon, dem Amtssitz des Regierungschefs. Die Entscheidung mag auf den ersten Blick wie eine Randnotiz erscheinen. Tatsächlich offenbart sie, wie sehr sich der französische Staat inzwischen auf eine neue Form permanenter Krisen einstellen muss – und wie wichtig dabei die Symbolik politischer Präsenz geworden ist.

    In Regierungskreisen gilt der Verzicht auf Ferien als logische Konsequenz der Lage. Bereits Ende Juni hatte Lecornu seine Minister darauf vorbereitet, dass Hitzewellen, Dürre und eine außergewöhnlich hohe Waldbrandgefahr einen weitgehenden Verzicht auf längere Urlaubsaufenthalte erforderlich machen könnten. Erholung bleibt zwar möglich, allerdings ausschließlich innerhalb Frankreichs, bei ständiger Erreichbarkeit und der Verpflichtung, jederzeit nach Paris zurückkehren zu können.

    Regierung unter Dauerbelastung

    Seit Tagen steht Matignon im Krisenmodus. Lecornu leitet regelmäßig interministerielle Lagebesprechungen, an denen neben dem Innenministerium auch die Ressorts Verteidigung, Gesundheit, Verkehr und Umwelt beteiligt sind. Die Koordination mit Präfekturen, Zivilschutz, Streitkräften und Feuerwehren soll auch während der politischen Sommerpause ohne Unterbrechung fortgesetzt werden.

    Die Dramatik der Lage rechtfertigt diesen Ausnahmezustand. In der Gironde haben die Flammen inzwischen mehr als 42.000 Hektar Wald und Buschland zerstört. Hunderte Gebäude wurden beschädigt oder vernichtet, mehr als 200.000 Menschen mussten ihre Häuser, Campingplätze oder Ferienunterkünfte zeitweise verlassen. Frankreich sah sich gezwungen, den europäischen Katastrophenschutzmechanismus zu aktivieren; mehrere Partnerstaaten entsandten Löschflugzeuge und Einsatzkräfte.

    Dass auf Lecornus Schreibtisch dauerhaft eine Karte der besonders betroffenen Gebiete liegen soll, ist mehr als eine Anekdote. Solche Bilder gehören längst zur politischen Kommunikation moderner Krisen. Sie sollen Nähe vermitteln, Aufmerksamkeit signalisieren und den Eindruck vermeiden, die politische Führung entferne sich in einer Ausnahmesituation aus der Verantwortung.

    Die Politik der Präsenz

    In Frankreich besitzt die physische Anwesenheit politischer Entscheidungsträger traditionell einen hohen Stellenwert. Der zentralistisch organisierte Staat lebt nicht nur von seinen Institutionen, sondern ebenso von der Sichtbarkeit seiner Führung. Gerade in Krisenzeiten wird vom Premierminister erwartet, dass er den Staat gewissermaßen verkörpert – erreichbar, entscheidungsfähig und sichtbar.

    Diese Erwartung erklärt auch, weshalb Berichte über Minister, die aus ihren Ferienhäusern arbeiten, regelmäßig politische Debatten auslösen. Organisatorisch mag mobiles Arbeiten längst selbstverständlich sein. Symbolisch wirkt es jedoch anders. Während Feuerwehrleute unter extremen Bedingungen gegen die Flammen kämpfen und Tausende Menschen ihre Existenz verlieren, entfaltet selbst ein Laptop auf einer sonnigen Terrasse eine ungewollte politische Aussage.

    Lecornu entzieht sich dieser Angriffsfläche bewusst. Sein Verzicht auf den Urlaub dient daher nicht allein der operativen Führung des Krisenmanagements. Er ist ebenso eine Inszenierung staatlicher Verlässlichkeit. Dass Symbolpolitik und effektive Regierungsführung sich dabei nicht ausschließen, sondern ergänzen können, gehört zum Wesen moderner Demokratien.

    Der eigentliche Maßstab

    Dennoch wäre es ein Irrtum, den Erfolg der Regierung am Aufenthaltsort des Premierministers zu messen. Ob Lecornu in Matignon oder an der Atlantikküste arbeitet, entscheidet nicht über den Verlauf der Brände. Entscheidend sind andere Fragen: Sind genügend Löschflugzeuge verfügbar? Funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Staat und Regionen? Erhalten die betroffenen Gemeinden rasch finanzielle Hilfe? Und gelingt es, die Einsatzkräfte dauerhaft personell und materiell zu entlasten?

    Gerade daran entzündet sich inzwischen Kritik. Bürgermeister aus der Gironde beklagen Verzögerungen bei der Bereitstellung zusätzlicher Ressourcen. Auch der öffentlichkeitswirksame Einsatz eines umgerüsteten Militärtransportflugzeugs vom Typ A400M wurde kontrovers diskutiert. Während die Regierung dessen Einsatz als Innovationsbeweis präsentierte, verwiesen Experten auf die begrenzte praktische Wirkung gegenüber spezialisierten Löschflugzeugen. Die Episode verdeutlicht ein grundsätzliches Dilemma moderner Krisenpolitik: Sichtbare Maßnahmen erzeugen politische Aufmerksamkeit, ersetzen aber keine operative Schlagkraft.

    Eine neue Realität des Staates

    Die Waldbrände dieses Sommers markieren mehr als eine außergewöhnliche Naturkatastrophe. Sie stehen exemplarisch für eine Entwicklung, mit der Frankreich dauerhaft umgehen muss. Längere Trockenperioden, häufigere Hitzewellen und immer größere Vegetationsbrände verändern die Anforderungen an den Staat grundlegend. Der Katastrophenschutz wird zunehmend zu einer Kernaufgabe nationaler Sicherheitspolitik.

    Daraus ergeben sich weitreichende Konsequenzen. Neben Investitionen in Löschflugzeuge und Feuerwehrkapazitäten werden eine vorausschauende Waldwirtschaft, moderne Frühwarnsysteme und eine engere europäische Zusammenarbeit an Bedeutung gewinnen. Die Frage lautet längst nicht mehr, ob Frankreich künftig häufiger mit Großbränden konfrontiert sein wird, sondern wie gut das Land auf diese Entwicklung vorbereitet ist.

    Lecornus Entscheidung, den Sommerurlaub auszusetzen, ist vor diesem Hintergrund weit mehr als ein persönlicher Verzicht. Sie signalisiert das Bewusstsein, dass sich politische Verantwortung in Zeiten permanenter Krisen nicht mehr an den Kalender der Sommerpause anpassen lässt. Ob daraus Vertrauen erwächst, wird sich jedoch nicht an Bildern aus Matignon entscheiden, sondern daran, ob der Staat seine Handlungsfähigkeit auch dort unter Beweis stellt, wo sie für die Bürger am unmittelbarsten spürbar wird: im Schutz von Menschen, Infrastruktur und Lebensgrundlagen.

    Andreas M. Brucker

  • Winterpause für die Fischerei: Frankreich verlängert Schutzmaßnahme für Delfine im Golf von Biskaya

    Winterpause für die Fischerei: Frankreich verlängert Schutzmaßnahme für Delfine im Golf von Biskaya

    Frankreich setzt seinen Kurs zum Schutz der Meeresfauna fort. Die Regierung in Paris hat beschlossen, die saisonale Schließung des Golfs von Biskaya für einen Teil der Fischerei auch im kommenden Winter beizubehalten. Vom 22. Januar bis zum 20. Februar 2027 dürfen zahlreiche Fischereifahrzeuge in dem betroffenen Seegebiet ihre Netze nicht ausbringen. Ziel der Maßnahme bleibt der Schutz von Delfinen, die jedes Jahr in großer Zahl als unbeabsichtigter Beifang in Fischernetzen verenden.

    Der Golf von Biskaya zählt zu den wichtigsten Fischereigebieten Westeuropas. Gleichzeitig dient er zahlreichen Meeressäugern als Lebensraum. Genau dort prallen wirtschaftliche Interessen und Naturschutz seit Jahren aufeinander. Besonders Delfine geraten regelmäßig in Schlepp- und Stellnetze, aus denen sie sich oft nicht mehr befreien können.

    Die bisherigen Erfahrungen sprechen aus Sicht der Behörden eine deutliche Sprache.

    Nach Angaben der zuständigen wissenschaftlichen Beobachtungsstellen sank die Zahl der verendeten Delfine seit Einführung der temporären Schließungen erheblich. Während zwischen 2017 und 2023 durchschnittlich rund 4.700 Tiere pro Jahr betroffen waren, wurden im Winter 2024–2025 noch etwa 1.900 tote Delfine an den Küsten des westlichen Ärmelkanals und des Atlantiks registriert. Für Naturschützer gilt dies als ein bemerkenswerter Erfolg.

    Betroffen von der neuen Regelung sind alle Fischereifahrzeuge mit einer Länge von mehr als acht Metern. Kleinere Boote bleiben von den Einschränkungen ausgenommen. Genau dieser Punkt sorgt weiterhin für Diskussionen. Umweltverbände argumentieren, dass ein vollständiger Schutz nur dann erreicht werde, wenn sämtliche Fischereifahrzeuge einbezogen würden. Vertreter der Branche halten dagegen und verweisen auf die wirtschaftlichen Belastungen, die bereits jetzt beträchtlich seien.

    Um die Folgen für die Fischer abzufedern, stellt der Staat rund 21 Millionen Euro bereit. Das Geld soll Unternehmen entschädigen, die während der vierwöchigen Schließung keine Einnahmen erzielen können. Für viele Betriebe ist diese Unterstützung entscheidend. Gerade kleinere Familienunternehmen kämpfen ohnehin mit steigenden Betriebskosten, schwankenden Fangmengen und zunehmenden Umweltauflagen.

    Die Regierung betont jedoch, dass langfristig auch die Fischerei selbst von gesunden Meeresökosystemen profitiert. Ein Meer, dessen Artenvielfalt erhalten bleibt, sichert schließlich die Grundlagen für kommende Generationen von Fischern. Anders ausgedrückt: Wer heute schützt, sorgt dafür, dass morgen überhaupt noch etwas zu fangen ist.

    Entstanden ist die Regelung in enger Abstimmung zwischen Wissenschaftlern, Behörden und Vertretern der Fischerei. Die Entwicklung der Delfinbestände soll weiterhin genau beobachtet werden. Neue Daten und Forschungsergebnisse könnten künftig zu Anpassungen der Schutzmaßnahmen führen.

    Der Beschluss zeigt, dass Frankreich beim Schutz seiner Meeresgebiete zunehmend auf einen Ausgleich zwischen Ökologie und Wirtschaft setzt. Die Winterpause für die Fischerei mag nicht alle Konflikte lösen. Sie gilt jedoch als eines der wirksamsten Instrumente, um die Zahl der Delfine zu reduzieren, die durch menschliche Aktivitäten ihr Leben verlieren. Im kommenden Winter erhält dieser Ansatz nun eine weitere Bewährungsprobe.

    Von C. Hatty

  • Macrons Personalpolitik: Machtkonsolidierung oder republikanische Routine?

    Macrons Personalpolitik: Machtkonsolidierung oder republikanische Routine?

    Zum Ende jeder französischen Präsidentschaft flammt dieselbe Debatte erneut auf: Nutzt ein scheidender Präsident seine verbleibende Amtszeit, um den Staatsapparat langfristig auf Linie zu bringen? Auch Emmanuel Macron sieht sich derzeit mit diesem Vorwurf konfrontiert. Mehrere jüngste Ernennungen in hohen Verwaltungsposten, bei unabhängigen Behörden und in staatlichen Unternehmen haben der Opposition Anlass gegeben, von einer „permanenten Präsidentialisierung“ der Macht zu sprechen. Ein Blick auf die Geschichte der Fünften Republik zeigt allerdings, dass derartige Vorgänge keineswegs außergewöhnlich sind. Verfassungsrechtler und Institutionenforscher weisen regelmäßig darauf hin, dass Personalentscheidungen am Ende eines Mandats nahezu zur politischen Tradition Frankreichs gehören. Ein derzeit häufig zitierter Verfassungsjurist formulierte es pointiert: „Es ist die Regel, nicht die Ausnahme.“ Die Logik der Fünften Republik Die Verfassung der Fünften Republik verleiht dem Präsidenten we…

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  • Lecornu und die Frage von 2027: Ein Premierminister zwischen Loyalität und politischer Projektionsfläche

    Lecornu und die Frage von 2027: Ein Premierminister zwischen Loyalität und politischer Projektionsfläche

    Als der französische Premierminister Sébastien Lecornu dieser Tage erneut erklärte, er habe „keine präsidiale Ambition“, zielte seine Botschaft vor allem auf eines: die wachsenden Spekulationen über seine mögliche Rolle bei der Präsidentschaftswahl 2027 einzudämmen. In einem Interview betonte der Regierungschef unmissverständlich, er sei kein Kandidat für das höchste Staatsamt und betreibe kein doppeltes Spiel. Doch in der politischen Realität der Fünften Republik genügt eine solche Klarstellung selten, um Gerüchte endgültig zu beenden. Gerade in einer Phase politischer Unsicherheit wird jede einflussreiche Persönlichkeit der Exekutive rasch zu einer möglichen Projektionsfläche für zukünftige Machtkonstellationen. Dass Lecornu trotz seiner Dementis weiterhin als potenzieller Kandidat genannt wird, sagt daher weniger über seine persönlichen Ambitionen aus als über die strukturelle Lage der französischen Politik im Vorfeld von 2027. Ein Premierminister im Zentrum der Macht Sébastien Leco…

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  • Édouard Philippe und das Sozialbudget: Bruch mit Macron oder kalkuliertes Manöver?

    Édouard Philippe und das Sozialbudget: Bruch mit Macron oder kalkuliertes Manöver?

    Mitten in der Haushaltsdebatte kündigt Ex-Premierminister Édouard Philippe an, er könne dem Budget der Sozialversicherung in der vorliegenden Form nicht zustimmen. Die Aussage hat politischen Sprengstoff – nicht nur, weil Philippe einst als treuer Gefolgsmann Macrons galt, sondern weil sie das fragile Gleichgewicht innerhalb des präsidentiellen Lagers erneut ins Wanken bringt. Doch was treibt den Gründer der Partei Horizons zu diesem demonstrativen Schritt? Ein strategischer Befreiungsschlag mit Blick auf die Präsidentschaftswahl 2027 oder bloß ein taktisches Störmanöver? Ein Budget unter Druck Das Sozialbudget ist traditionell eines der sensibelsten Kapitel im französischen Staatshaushalt. Es regelt unter anderem die Finanzierung der Renten, der Kranken- und Familienversicherung – und steht in diesem Jahr unter besonders hohem finanzpolitischen Druck. Nach Jahren pandemiebedingter Ausgaben und angesichts struktureller Defizite in der Rentenkasse, soll das Budget restriktiver…

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  • Kommentar: Erst „Hü“, dann „Hott“ – Regierung auf dem Ponyhof der Steuerpolitik

    Kommentar: Erst „Hü“, dann „Hott“ – Regierung auf dem Ponyhof der Steuerpolitik

    Was ist mutiger: mitten in der Inflationskrise die Steuerlast von Millionen Haushalten zu erhöhen – oder so zu tun, als hätte man es gar nicht so gemeint?

    Frankreichs Regierung scheint sich für Letzteres entschieden zu haben. Erst der große Auftritt: Eine neue Berechnungsgrundlage für die taxe foncière, die den „Komfort“ moderner Wohnungen berücksichtigt. Wer fließendes Wasser, eine Heizung und – oh là là – gar ein Badezimmer besitzt, soll künftig tiefer in die Tasche greifen. Ein Fortschritt! Eine Modernisierung! Eine Gerechtigkeitsoffensive! So klang es jedenfalls in den Pressestatements aus dem Finanzministerium.

    Und dann?

    Ein paar Schlagzeilen später: Rückzug. Der Minister des Wohnens, Vincent Jeanbrun, gibt sich ganz demütig: Man habe da „eine Bereitschaft“ zur Aussetzung. Eine Konsultation solle nun folgen, man wolle „alle Beteiligten einbinden“. Sprich: Man hat gemerkt, dass der Schuss nach hinten losging – und sucht jetzt hektisch ein Pflaster für die offenen Wunden.

    Willkommen in der politischen Parallelwelt, in der Reformen erst verkündet und dann durch Umfragen korrigiert werden. In der man einen Aufschrei erst provozieren muss, um herauszufinden, dass er unangenehm laut sein kann.

    Dabei war die Rechnung doch so einfach: 7,4 Millionen betroffene Haushalte mal durchschnittlich 63 Euro – da kommt was zusammen. Nur leider auch eine Menge Wut. Kommunalpolitiker liefen Sturm, Verbände schäumten, selbst aus den eigenen Reihen kamen Proteste. Die „bombe fiscale“, wie sie liebevoll genannt wurde, explodierte nicht im Haushalt, sondern mitten im Vertrauen der Bürger.

    Was den Rückzieher so bitter macht: Es geht hier nicht um eine winzige Verwaltungsentscheidung, sondern um ein Grundgefühl – das Gefühl, dass Politik zunehmend willkürlich, sprunghaft, reaktiv agiert. Heute Hü, morgen Hott. Wie beim Kinderreiten, nur dass niemand mehr weiß, wer eigentlich die Zügel in der Hand hält.

    Die Steuerreform sollte ein „Update“ der Bewertungsgrundlagen sein. Klingt technisch – war aber emotional ein Desaster. Denn wer gerade seine Energierechnung nicht mehr bezahlen kann, hört beim Wort „Komfortzuschlag“ eher keine Musik. Da klingt es eher nach Hohn.

    Noch bizarrer: Der zuständige Minister zeigte sich von der Maßnahme überrascht – als hätte ein Praktikant über Nacht die Steuerpolitik geändert und vergessen, es dem Chef zu sagen. „Ich war überrascht“, sagte Jeanbrun. Wer überrascht ist, hat offenbar nicht mitentschieden. Oder nicht aufgepasst. Beides keine Optionen, die Vertrauen wecken.

    Jetzt also die Notbremse: eine „Konsultation flash“, blitzschnell vor dem nächsten Haushaltsvotum. Man will beraten, nachdenken, abstimmen. Kurzum: all das tun, was man auch hätte machen können, bevor man 7,4 Millionen Menschen in Aufruhr versetzt.

    Ist das ein Einzelfall? Natürlich nicht.

    Es reiht sich ein in eine ganze Kollektion französischer Reformgeisterfahrten: Renten, Arbeitsrecht, Wohnungsbau – überall wurde mal mutig vorgeprescht, nur um dann hektisch zurückzurudern, sobald die Umfragewerte zu kippen drohten. Als ob man Politik am Meinungsbarometer ausrichtet – statt am Kompass der Vernunft.

    Vielleicht sollte man einfach ehrlicher sein. Statt von „Modernisierung“ zu sprechen, könnte man sagen: Wir brauchen Geld. Statt auf „Komfort“ zu verweisen, könnte man zugeben: Wir wissen nicht mehr, wo wir sparen sollen. Und statt hektischer Rückzüge könnte man – ganz gewagt – mal mit den Bürgern sprechen, bevor man sie zur Kasse bittet.

    Bis dahin bleibt nur Sarkasmus als Selbstschutz.

    Denn wer bei jeder Steuerreform sofort wieder den Rückwärtsgang einlegt, darf sich nicht wundern, wenn bald keiner mehr mitfährt.

    Von C. Hatty

  • Shein – Die neue Seidenstraße der Abhängigkeit

    Shein – Die neue Seidenstraße der Abhängigkeit

    Ein bisschen Glitzer, ein Klick, ein Paket. So einfach verführt Shein Millionen Französinnen und Franzosen. 19 Millionen Besucher pro Monat, die Produkte von Shein in den Regalen der ehrwürdigen französischen Kaufhäuser, ein Name in allen sozialen Netzwerken. Shein ist längst keine Randerscheinung mehr, sondern der neue Elefant im Kleiderschrank. Und plötzlich steht die Regierung auf den Barrikaden – Serge Papin warnt vor einem „Far West numérique“, Amélie de Montchalin will Pakete öffnen lassen, Roland Lescure spricht von „surveillance rapprochée“. Patriotismus in Textilfragen – fast wie früher.

    Aber worum geht’s eigentlich? Nur um Kleider, um billige Tops und Jogginghosen? Oder steckt dahinter etwas Tieferes – eine Geschichte von Macht, Abhängigkeit und kultureller Selbstaufgabe?


    Vom Stolz der Nadeln zum Scherbenhaufen

    Wer heute durch das Pariser Viertel Le Sentier läuft, hört kaum noch das Rattern der Nähmaschinen, das dort einst den Alltag prägte. In den 1960er-Jahren war das Viertel der vibrierende Puls der französischen Modeindustrie. Hier entstand, was man später als le prêt-à-porter feierte: erschwingliche Mode mit Stil, gemacht für alle. Marken wie Kookaï, Naf Naf oder Maje sprangen aus diesen engen Gassen direkt in die Kleiderschränke des Landes. Und Agnès B., mit ihrer schlichten Eleganz, war der Inbegriff einer neuen französischen Leichtigkeit.

    Doch dann veränderte sich alles. Paris wollte seine Werkstätten loswerden, aus Gründen der Stadtplanung – oder des guten Gewissens. Billige Arbeitskräfte, meist Migrant:innen, nähten heimlich in Kellern, während oben das neue Bürgertum flanierte. Schritt für Schritt verließen die Nähmaschinen die Stadt. Und mit dem Eintritt Chinas in die Welthandelsorganisation begann die große Wanderung des Textils.

    Die Produktion wanderte nach Osten, die Gewinne nach Westen – und der Stolz blieb auf der Strecke. La Vérité si je mens, jener Filmklassiker der 1990er, zeigte das mit einem Augenzwinkern: der Wandel eines Viertels, das einst Mode machte und nun nur noch Geschichten davon erzählte.


    Shein: Das digitale Sweatshop-Wunder

    Heute produziert Shein in den Vororten von Kanton, in Hallen, die kaum jemand je gesehen hat. Jedes Kleidungsstück wird gestoppt, gezählt, getaktet. Minuten, manchmal Sekunden, entscheiden über Löhne. Der Mensch gegen die Stoppuhr. So entstehen die Kleider, die in Paris, Lyon oder Marseille per Klick bestellt werden – billig, schnell, austauschbar.

    Und dazwischen? Da tauchen immer wieder Skandale auf. Schlechte Materialien, gefährliche Chemikalien, mutmaßlich verbotene Produkte – bis hin zu illegalen Spielzeugen, die in den letzten Wochen für Schlagzeilen sorgten. Die Plattform funktioniert wie ein riesiger Markt ohne Mauern. Kontrolle? Kaum möglich.

    Das eigentliche Geschäftsmodell aber liegt anderswo: in der Geschwindigkeit. Jeden Tag neue Kollektionen, jede Stunde neue Reize. Das Gehirn klickt, bevor es denkt. Die Droge ist die Neuheit selbst.


    Eine alte Geschichte – mit vertauschten Rollen

    Ironisch, nicht wahr? Vor 150 Jahren war es Europa, das China mit einer Droge überflutete: dem Opium. Damals wollte die chinesische Regierung die Einfuhr stoppen. Doch die westlichen Mächte – Großbritannien, Frankreich, später auch andere – erzwangen mit Kanonen die koloniale Abhängigkeit. Die sogenannten Opiumkriege endeten mit Gebietsverlusten, erzwungenen Verträgen, Demütigung.

    Heute hat sich das Spielfeld gedreht. Die Droge heißt nicht mehr Opium, sondern Konsum. Und diesmal sind wir es, die sie gierig inhalieren. Billige Mode, schnelle Klicks, Wegwerfgesellschaft – alles made in China. Eine neue Art von Kolonisation, sanft und schillernd verpackt in Plastikfolie.

    Man könnte sagen: Shein ist die Seidenstraße 2.0, aber sie führt nicht mehr nur nach Westen, um Gewürze und Porzellan zu bringen. Sie führt in unsere Wohnzimmer, in unsere Smartphones, in unsere Köpfe.


    Ein patriotischer Reflex – oder bloß Theaterdonner?

    Natürlich: Wenn französische Minister jetzt laut werden, klingt das nach Aufbruch. Endlich will man „handeln“, „kontrollieren“, „blockieren“. Doch was lässt sich überhaupt blockieren in einer Welt, die im Sekundentakt online bestellt? Kann ein Zollbeamter diese Flut aufhalten?

    Patriotismus klingt gut, besonders in Schlagzeilen. Doch solange Millionen Kund:innen auf ihre Pakete aus Shenzhen warten, bleibt das Ganze Symbolpolitik. Es ist, als würde man versuchen, mit einem Sieb das Meer leer zu schöpfen.

    Denn seien wir ehrlich: Die Versuchung ist groß. Ein Kleid für zwölf Euro, eine Bluse für acht – wer denkt da noch über Arbeitsbedingungen nach? Wir wissen es doch alle, verdrängen es aber gerne. Und so wird Shein zu einem Spiegel unserer eigenen Bequemlichkeit und Konsumgier.


    Der französische Traum – verpackt in Polyester

    Vielleicht ist das Bitterste an der ganzen Geschichte, dass Shein nicht einfach nur Marktanteile frisst. Shein raubt uns auch das Gefühl, dass Mode einmal etwas Künstlerisches, beinahe Poetisches war.

    In Frankreich war Mode Identität. Ausdruck. Stolz. Coco Chanel hat einst gesagt, Mode sei nicht nur das, was man trägt – sondern das, was in der Luft liegt. Heute liegt in der Luft: Acryl, Polyester und Algorithmus.

    Die Algorithmen von Shein wissen, was wir wollen, bevor wir es selbst wissen. Farben, Schnitte, Trends – alles ausgelesen, alles berechnet. Das ist nicht mehr Mode, das ist Psychotechnologie.

    Und wer kontrolliert eigentlich diese neue Maschinerie? Die Regierung kann Pakete öffnen lassen, aber nicht Sehnsüchte.


    Die Rache der Nähmaschine

    Wenn man es historisch betrachtet, hat sich die Machtachse still verschoben. Vor einem Jahrhundert haben europäische Fabriken die Welt eingekleidet, jetzt tut es China. Früher verschickte Frankreich Luxus in alle Himmelsrichtungen, heute importiert es Wegwerfware.

    Und irgendwo in Guangzhou näht vielleicht eine junge Frau – sie könnte so alt sein wie die Pariser Influencerin, die später ihr Kleid trägt. Zwei Leben, verbunden durch einen Algorithmus, getrennt durch tausende Kilometer.

    Man könnte fast meinen, es sei eine poetische Gerechtigkeit: Die Nachkommen derer, die einst von uns mit Opium überzogen wurden, überschwemmen uns nun mit billigem Polyester.


    Ein Flackern von Widerstand

    Was bleibt vom „patriotisme économique“? Vielleicht nicht viel, aber immerhin ein Unbehagen. Immer mehr junge Leute wenden sich der „slow fashion“ zu, suchen nach französischen Labels, die lokal nähen, recyceln, fair produzieren. Kleine Marken, fast romantisch in ihrem Mut.

    Sie kämpfen gegen Goliath, ohne Rüstung, aber mit Überzeugung. Und ja, manche gewinnen tatsächlich Aufmerksamkeit, weil sie eine Geschichte erzählen.

    Doch das reicht noch nicht. Ohne eine neue Erzählung über Konsum, über Würde, über Wert, bleibt Shein nur ein Symptom, nicht die Krankheit.


    Vielleicht ist das unsere moderne Kolonialgeschichte – nur dass diesmal niemand Kanonen schickt, sondern Influencer. Niemand besetzt Territorien, sondern unsere Köpfe.

    Und vielleicht müssen wir, um das zu verstehen, den Stoff unserer eigenen Begehren hinterfragen. Wer näht eigentlich unsere Identität? Wer bestimmt, was schön, was „in“ ist?

    Solange wir das nicht beantworten, bleibt Shein nicht der Feind, sondern der Spiegel. Und der zeigt uns – gnadenlos – wie leicht wir uns kaufen lassen.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Vertrauenskrise im Élysée: Macrons Zustimmungswerte sinken auf historisches Tief von 11 %

    Vertrauenskrise im Élysée: Macrons Zustimmungswerte sinken auf historisches Tief von 11 %

    Emmanuel Macron verliert massiv an Rückhalt in der Bevölkerung. Laut einer aktuellen Erhebung des Instituts Verian im Auftrag von Le Figaro Magazine trauen nur noch 11 % der Französinnen und Franzosen dem Präsidenten zu, das Land erfolgreich führen zu können. Damit erreicht Macron einen Negativwert, wie ihn vor ihm zuletzt François Hollande kurz vor dem Ende seiner Amtszeit im Herbst 2016 verzeichnete. Besonders deutlich ist der Einbruch in jenen Wählersegmenten, die Macron lange getragen haben: bei den über 65-Jährigen und Rentnern. Parallel dazu gewinnt Premierminister Sébastien Lecornu an Zustimmung – ein Zeichen verschiebender politischer Loyalitäten innerhalb der Exekutive.

    Ein Präsident im Vertrauensvakuum Die Erhebung, durchgeführt zwischen dem 26. und 28. Oktober 2025 unter 1.000 repräsentativ ausgewählten Personen, zeigt einen Rückgang der Zustimmung um fünf Prozentpunkte gegenüber dem Vormonat. Die nackte Zahl – 11 % – hat symbolische Sprengkraft: Sie bringt Macron auf das …

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