Schlagwort: französische Politik

  • Aide médicale d’État: Frauen ohne Papiere im Schatten einer drohenden Reform

    Aide médicale d’État: Frauen ohne Papiere im Schatten einer drohenden Reform

    Es klingt nach einer bürokratischen Fußnote, doch in Wahrheit geht es um Leben, Gesundheit – und um ein Stück Menschenwürde. In Frankreich plant die Regierung, die Aide médicale d’État (AME) zu reformieren. Ein unscheinbares Gesetzeswerk, das seit Jahren Ausländern ohne Papiere den Zugang zum Gesundheitssystem ermöglicht. Was für viele abstrakt wirkt, könnte für tausende Frauen zur bitteren Realität werden: weniger Schutz, weniger Hilfe, mehr Abhängigkeit. Ein Rettungsanker für die Schwächsten Die AME ist kein Luxus, sondern die medizinische Grundversorgung für jene, die sonst durchs Raster fallen. Wer länger als drei Monate in Frankreich lebt, über kaum Geld verfügt und keine Aufenthaltspapiere hat, erhält über die AME Zugang zu Arztbesuchen, Medikamenten und Krankenhausbehandlungen.Für die Betroffenen ist sie der einzige Schlüssel für das Gesundheitssystem. Für die Gesellschaft ein stiller Schutzwall gegen Krankheiten, die keine Grenzen kennen – von Tuberkulose bis HIV. Die geplante …

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  • „Ein Land im Zwischenzustand“ – Jacques Attali warnt vor einer Unregierbarkeit Frankreichs

    „Ein Land im Zwischenzustand“ – Jacques Attali warnt vor einer Unregierbarkeit Frankreichs

    Frankreich sieht sich nach den vorgezogenen Parlamentswahlen 2024 mit einem politischen Stillstand konfrontiert. Der ehemalige Élysée-Berater Jacques Attali spricht von „ingouvernable“ – einem unregierbaren Land. Seine Warnung ist nicht bloß eine rhetorische Zuspitzung, sondern Ausdruck einer tiefgreifenden politischen und institutionellen Krise, die Frankreich auch in den kommenden Jahren vor eine Zerreißprobe stellen könnte.

    Die Diagnose trifft einen Nerv. Denn jenseits der Tagespolitik stellt sich immer dringlicher die Frage, ob das politische System der Fünften Republik – einst geschaffen, um Stabilität zu garantieren – noch in der Lage ist, ein zunehmend fragmentiertes und polarisiertes Land zu lenken.


    Eine institutionelle Architektur unter Druck

    Das französische Regierungssystem mit seinem semipräsidentiellen Charakter war historisch darauf ausgelegt, starke Mehrheiten zu erzeugen und Exekutivhandeln zu erleichtern. Doch diese Logik gerät zunehmend ins Wanken. Seit dem Verlust der absoluten Mehrheit von Präsident Emmanuel Macrons Lager bei den Legislativwahlen 2022 und insbesondere nach den Neuwahlen im Sommer 2024 ist die Assemblée nationale in ein Mosaik konkurrierender Fraktionen zerfallen.

    Bei den Neuwahlen, die nach der Parlamentsauflösung durch Präsident Macron im Jahr 2024 notwendig wurden, konnte keine der politischen Kräfte – weder das linksgerichtete Bündnis Nouveau Front Populaire noch das rechtsextreme Rassemblement National – eine regierungsfähige Mehrheit erringen. Macron regiert seither de facto mit einer geschäftsführenden Regierung, gestützt auf wechselnde Mehrheiten. Gesetzesvorhaben geraten ins Stocken, Misstrauensanträge und institutionelle Blockaden häufen sich.

    Attali konstatiert vor diesem Hintergrund: „Ohne grundlegende Änderungen wird das Land bis 2027 nicht regierbar sein.“ Es sei ein Zustand politischer Paralyse, der mit wachsender gesellschaftlicher Unzufriedenheit einhergeht.


    Polarisierung und Vertrauensverlust

    Die französische Gesellschaft ist tief gespalten – sozial, kulturell und politisch. Die Gilets-Jaunes-Bewegung, die Rentenproteste und die teils gewaltsamen Auseinandersetzungen nach Polizeieinsätzen in französischen Vorstädten zeugen von einem Vertrauensverlust in den Staat. Laut einer Umfrage des IFOP-Instituts vertrauen nur noch 26 % der Franzosen der Nationalversammlung, und nur 19 % den politischen Parteien.

    Jacques Attali sieht darin einen systemischen Erosionsprozess: „Frankreich ist das einzige Land Europas, das seit 250 Jahren alle seine politischen Systeme durch Revolutionen oder Putsche beendet hat.“ Der demokratische Konsens stehe auf dem Spiel. Der Autor und Ökonom fordert daher eine „Transformation der Wut in konstruktive Ungeduld“.

    Diese Mahnung trifft auf ein gesellschaftliches Klima, in dem Kompromiss als Schwäche gilt und radikale Positionen medial wie politisch mehr Resonanz erhalten. Die Bereitschaft zum Dialog sinkt, während extreme Kräfte links und rechts weiter an Zustimmung gewinnen.


    Frankreich im europäischen Kontext

    Die politische Krise Frankreichs hat auch eine europäische Dimension. Als zweitgrößte Volkswirtschaft der EU und zentrale Achse in der deutsch-französischen Partnerschaft kommt Paris eine Schlüsselrolle bei der Fortentwicklung der Union zu. Doch innere Instabilität lähmt die außenpolitische Handlungsfähigkeit.

    Während Deutschland – trotz aller Koalitionsstreitigkeiten – eine gewisse Regierungskontinuität wahrt, erscheint Frankreichs Stimme auf europäischer Bühne derzeit leiser. Initiativen zu gemeinsamen Rüstungsprojekten, Energiepolitik oder zur Reform des Stabilitäts- und Wachstumspakts scheitern oft an nationalen Prioritäten oder innenpolitischer Schwäche.

    Attali warnt daher: Ein unregierbares Frankreich könnte zur Hypothek für Europa werden – politisch, wirtschaftlich und sicherheitspolitisch.


    Ein Plädoyer für institutionelle Erneuerung

    Trotz seines pessimistischen Befunds zeigt sich Attali nicht resigniert. In einem Beitrag auf seiner eigenen Plattform (attali.com, Juli 2024) entwirft er einen Katalog von Reformvorschlägen, die Frankreich aus der institutionellen Sackgasse führen könnten:

    • Ein neuer Gesellschaftsvertrag: Attali plädiert für eine breite Debatte über die Rolle des Staates, die Verantwortung der Bürger und die Grenzen der Exekutivmacht.
    • Stärkung parlamentarischer Verfahren: Um die Blockade zu überwinden, brauche es mehr institutionalisierte Konsensmechanismen – etwa nationale Konferenzen oder Bürgerkonvente.
    • Mobilisierung der Zivilgesellschaft: Künstler, Intellektuelle, Gewerkschaften und Unternehmen sollten aktiver in den politischen Diskurs eingebunden werden.

    Er appelliert an eine politische Klasse, die den Mut findet, unbequeme Wahrheiten auszusprechen und langfristige Lösungen zu priorisieren. „Frankreich muss erst wieder lernen, sich selbst zu führen, bevor es andere führen will“, so Attali.


    Was als pessimistische Diagnose beginnt, ist letztlich ein Weckruf. Frankreich steht vor einem institutionellen Stresstest, der seine demokratische Resilienz auf die Probe stellt. Die politische Klasse ist gefordert, nicht nur Krisen zu managen, sondern Vertrauen neu zu begründen. Noch bleiben knapp zwei Jahre bis zur Präsidentschaftswahl 2027. Ob sie zum Wendepunkt oder zu einem Kollapsmoment für Frankreich werden, hängt nicht zuletzt vom Mut zur Selbstkorrektur ab.

    Autor: P. Tiko

  • Politische Ehre mit Chauffeur – Welche Privilegien ehemalige Minister Frankreichs wirklich genießen

    Politische Ehre mit Chauffeur – Welche Privilegien ehemalige Minister Frankreichs wirklich genießen

    Die Frage nach den Sonderrechten ehemaliger Regierungsmitglieder gehört in Frankreich zum festen Repertoire politischer Debatten – regelmäßig befeuert von Medienberichten über Chauffeure, persönliche Mitarbeiter oder Polizeischutz auf Staatskosten. Insbesondere Ex-Premiers stehen im Fokus öffentlicher Kritik. Doch wie weit reichen diese sogenannten Privilegien tatsächlich – und worauf gründen sie sich?

    Institutionelle Praxis statt verfassungsrechtlicher Garantie Anders als das Amt des französischen Präsidenten, das mit einem klar umrissenen Status für ehemalige Amtsinhaber verbunden ist, beruhen die Vorteile für ehemalige Premierminister und Minister vor allem auf regierungsinternen Verwaltungsregelungen, nicht auf verfassungsrechtlich verbrieften Rechten. Ihre Gewährung ist daher keine zwingende Rechtsfolge des Amtsaustritts, sondern erfolgt auf Antrag und im Rahmen bestehender Vorgaben. Zugrunde liegt dabei weniger ein persönliches Anrecht als vielmehr die Idee, dass ehemalige Spitz…

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  • Sparpolitik als Zerreißprobe: Wie sich die französische Rechte vor dem Vertrauensvotum neu positioniert

    Sparpolitik als Zerreißprobe: Wie sich die französische Rechte vor dem Vertrauensvotum neu positioniert

    Frankreich steht am 8. September vor einem wegweisenden Vertrauensvotum. Im Zentrum der Debatte: ein ambitionierter Sparkurs in Höhe von 44 Milliarden Euro, den Premierminister François Bayrou zur Stabilisierung der Staatsfinanzen vorschlägt. Doch nicht nur die politische Linke, auch die bürgerlich-konservative Rechte, insbesondere die Partei Les Républicains (LR), zeigt sich gespalten – und zögert, sich vorbehaltlos hinter Bayrou zu stellen. Die Abstimmung wird zur Nagelprobe für die politische Architektur der Fünften Republik. Sie entscheidet nicht nur über das Überleben der Regierung, sondern auch über das Selbstverständnis einer Partei, die sich zwischen Oppositionshaltung und staatspolitischer Verantwortung neu orientieren muss. Ein Premier mit schwachem Rückhalt Bayrou, der erst im Dezember 2024 nach dem Rücktritt von Michel Barnier das Amt des Premierministers übernahm, agiert seither mit begrenztem politischem Kapital. Seine Regierung stützt sich auf eine fragile Mitte, deren R…

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  • Regierung am Abgrund: Marine Le Pen fordert sofortige Auflösung der Nationalversammlung

    Regierung am Abgrund: Marine Le Pen fordert sofortige Auflösung der Nationalversammlung

    Frankreich steuert auf eine politische Zerreißprobe zu. Gut eine Woche vor dem mit Spannung erwarteten Vertrauensvotum im Parlament erhöht der Rassemblement National (RN) den Druck auf Premierminister François Bayrou – und stellt eine unmissverständliche Forderung: eine sofortige Auflösung der Nationalversammlung. Die rechten Nationalisten sehen in dem Votum vom 8. September keine offene Frage mehr, sondern den Auftakt zu einem Regierungswechsel. Am Dienstag empfing François Bayrou in Matignon Vertreter nahezu aller Parlamentsparteien zu Konsultationen. Der eigentliche Zweck: eine letzte Annäherung in der Haushaltsfrage und ein möglicher Kompromiss zur Vermeidung einer Regierungskrise. Doch das Vorhaben droht zu scheitern, noch bevor es ernsthaft beginnen konnte. Das Vertrauen schwindet – in Regierung und Institutionen Der Haushaltsentwurf, den Bayrou zur Vertrauensfrage stellt, enthält tiefgreifende Einschnitte. Neben pauschalen Einsparungen bei Sozialausgaben und Subventionen sieht e…

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  • Macron zwischen den Fronten – Frankreichs Präsident trotzt der politischen Krise und ruft zur Verantwortung auf

    Macron zwischen den Fronten – Frankreichs Präsident trotzt der politischen Krise und ruft zur Verantwortung auf

    Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron sieht sich mit einer der tiefgreifendsten institutionellen Krisen seiner Amtszeit konfrontiert. Die Fragmentierung des Parlaments, die Haushaltsmisere und das Wiederaufflammen gesellschaftlicher Spannungen zwingen den Präsidenten zu einem Balanceakt zwischen politischer Standhaftigkeit und öffentlichem Kompromissangebot. In einer Pressekonferenz in Toulon hat Macron kürzlich klargestellt, dass er an seinem Amt festhält – und zugleich die politischen Kräfte des Landes zu einem „Weg der Einigung“ aufruft. Es ist ein Appell an die republikanische Verantwortung – und ein Versuch, seine Autorität unter veränderten Mehrheitsverhältnissen neu zu begründen. Ein Präsident ohne Mehrheit Die gegenwärtigen politischen Turbulenzen haben ihre Ursache in den vorgezogenen Parlamentswahlen vom Sommer 2024. In der Hoffnung, durch einen neuen Urnengang seine Reformvorhaben abzusichern, hatte Macron die Nationalversammlung aufgelöst – mit dem Ergebnis, dass sein…

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  • Rentrée 2025: Schule im Ausnahmezustand – 850.000 Lehrkräfte am Limit

    Rentrée 2025: Schule im Ausnahmezustand – 850.000 Lehrkräfte am Limit

    Es ist der letzte Freitag im August, und wie jedes Jahr kehren die Lehrerinnen und Lehrer Frankreichs aus den Ferien zurück in die Klassenzimmer – diesmal sind es über 850.000. Drei Tage vor der Ankunft der Schüler beginnt ihre sogenannte „pré-rentrée“. Was wie ein eingespieltes Ritual wirkt, ist dieses Jahr mehr denn je ein Weckruf: Die französische Schule steckt tief in der Krise. Leere Klassen, fehlendes Personal Sophie Vénétitay, Generalsekretärin des Lehrerverbands SNES-FSU, bringt es auf den Punkt: „C’est la rentrée de la pénurie“ – der Schuljahresbeginn der Mangelwirtschaft. Zwischen 5.000 und 6.000 Lehrerstellen sind unbesetzt, ein dramatischer Befund für ein Land mit allgemeiner Schulpflicht. Doch der Personalmangel ist nicht das einzige Problem. Zwei Drittel aller Lehrkräfte haben in den letzten zwei Jahren über einen Berufswechsel nachgedacht. Der Beruf, einst Berufung, verliert an Sinn und Glanz. Der Frust reicht tief – von der Grundschule bis zum Lycée. Stagnierende Gehält…

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  • Kommentar – Die Jugend hat genug: Frankreich versinkt, und wir sehen nicht länger zu

    Kommentar – Die Jugend hat genug: Frankreich versinkt, und wir sehen nicht länger zu

    Ich bin 24 Jahre alt, Studentin in Lyon, Tochter zweier Lehrer, Enkelin eines Postbeamten und einer Krankenschwester. Ich bin Teil jener Generation, die aufgewachsen ist mit den Versprechen von République, Liberté, Egalité – und die jetzt zusehen muss, wie all das zerbricht. Ich schreibe diesen Text nicht aus journalistischer Distanz. Ich schreibe ihn aus Wut. Aus Erschöpfung. Und aus der tiefen Überzeugung: So kann es nicht weitergehen.

    Seit über einem Jahr taumelt Frankreich von einer politischen Farce in die nächste. Aufgelöste Parlamente, kurzlebige Regierungen, ein Präsident ohne Mehrheit, ohne Glaubwürdigkeit, ohne Kontakt zur Realität. Seit Monaten erleben wir ein Schauspiel der Verantwortungslosigkeit – und niemand will es beim Namen nennen: Diese Republik ist in der Krise. Und wir, die junge Generation, sollen das bezahlen.

    Politik gegen die Zukunft

    44 Milliarden Euro Einsparungen. So viel sieht der „Sparplan“ vor, den Premierminister François Bayrou im Dezember 2024 vorgelegt hat. Und wofür? Für ein System, das nur noch sich selbst schützt. Während Politiker ihre Diäten behalten, wird bei Sozialleistungen gekürzt. Während Großunternehmen Subventionen kassieren, werden Feiertage gestrichen. Während man über Steuersenkungen für „Leistungsträger“ debattiert, steht mein Mitbewohner mit zwei Nebenjobs vor der Exmatrikulation, weil er die Miete nicht mehr zahlen kann.

    Diese Politik trifft uns. Uns Junge. Uns, die nicht geerbt haben, sondern gerade anfangen, ihr Leben aufzubauen – oder es wenigstens zu versuchen.

    Und dabei erzählt man uns, wir müssten Opfer bringen. Für Frankreich. Für die Stabilität. Für die Zukunft. Welche Zukunft?

    Institutionen im freien Fall

    Was heute „Demokratie“ genannt wird, hat mit Volksvertretung nichts mehr zu tun. 78 % der Französinnen und Franzosen sagen, sie hätten das Vertrauen in die Institutionen verloren. 83 % meinen, Politiker handelten nur noch für ihre eigenen Interessen. Wer diesen Zahlen misstraut, soll sich auf eine Parkbank in Marseille, Toulouse oder Saint-Denis setzen und zuhören. Die Wut ist da. Sie ist real. Und sie ist gefährlich.

    Denn wenn eine Gesellschaft das Vertrauen in ihre Repräsentanten verliert, entsteht ein Vakuum. Und dieses Vakuum füllt sich gerade. Nicht mit neuen Ideen. Sondern mit alten bösen Geistern.

    Der Aufstieg des RN – unser aller Versagen

    Dass der Rassemblement National unter Marine Le Pen inzwischen als „normal“ gilt, ist ein Skandal – aber kein Wunder. Wenn linke Parteien sich in inneren Zerwürfnissen verlieren, wenn das Zentrum sich nur noch um sich selbst dreht, wenn die Regierung ihre Legitimation verspielt: Dann rückt die Peripherie ins Zentrum.

    Der RN hat verstanden, was andere übersehen haben: Die Menschen wollen gehört werden. Und wenn man sie ignoriert, schreien sie lauter – oder laufen denen hinterher, die ihnen einfache Antworten liefern. Wir haben diesen Fehler gemacht. Unsere Medien, unsere Lehrer, unsere Eltern. Wir alle. Und jetzt stehen wir an der Schwelle.

    Streiks, Proteste, Blockaden – und keiner hört hin

    Am 10. und 18. September beginnt die nächste große Protestwelle. Gewerkschaften rufen zu Streiks auf, Studierende organisieren Blockaden, soziale Bewegungen planen Kundgebungen. Doch wer berichtet darüber? Welche Partei nimmt das ernst? Welcher Sender überträgt die Wut live – so wie einst die der Gelbwesten?

    Stattdessen reden wir über Haushaltssanierung. Über internationale Investoren. Über Konsens. Dabei brennt das Land. Und niemand hat einen Feuerlöscher.

    Wir sind nicht mehr bereit, still zu bleiben

    Ich spreche für viele, wenn ich sage: Wir haben die Nase voll. Vom Herunterreden. Vom Schönreden. Vom Ignorieren. Wir wollen keine „große nationale Debatte“ mehr. Keine runden Tische. Keine wohlklingenden Versprechen. Wir wollen Konsequenzen. Verantwortung. Rücktritte.

    Ja, es braucht Reformen. Aber nicht die, die uns noch weiter belasten. Es braucht einen demokratischen Neuanfang. Mit klaren Regeln, mit echter Teilhabe, mit einem Ende der Klientelpolitik. Es braucht eine Verfassung, die nicht bloß Stabilität produziert, sondern Beteiligung. Und es braucht Politikerinnen und Politiker, die wissen, wie es ist, sich zwischen Stromrechnung und Supermarkteinkauf entscheiden zu müssen.

    Ich will nicht auswandern. Ich will nicht zusehen, wie meine Freunde ihre Träume beerdigen. Ich will, dass dieses Land endlich aufwacht.

    Denn Frankreich ist nicht nur Paris, nicht nur die Assemblée nationale, nicht nur der Elysee. Frankreich, das sind wir. Die Jungen. Die Übersehenen. Die Wütenden.

    Wir kommen.

    Ein Kommentar unserer Leserin Camille Laurent

  • Umverteilung statt Sparsamkeit

    Umverteilung statt Sparsamkeit

    Mit einem Alternativbudget für 2026 positioniert sich der französische Parti socialiste als potenzielle Regierungspartei – und setzt auf Steuererhöhungen bei Vermögenden, soziale Entlastungen und ein entschleunigtes Defizitmanagement. Frankreich steht am Vorabend einer möglichen politischen Zäsur. Premierminister François Bayrou droht am 8. September im Parlament an der Vertrauensfrage zu scheitern. Die Parti socialiste (PS), lange von der großen politischen Bühne verschwunden, wittert die Chance zur Rückkehr in die Regierungsverantwortung – und präsentiert sich mit einem ambitionierten Gegenentwurf zum Regierungsbudget 2026. Im Zentrum: eine groß angelegte Umverteilungsoffensive zulasten der größten Vermögen und Konzerne, flankiert von gezielten Entlastungen für niedrige Einkommen und einer Neubewertung des staatlichen Konsolidierungsziels. Reiche im Fokus der Steuerpolitik Kern des Alternativbudgets sind zusätzliche Einnahmen in Höhe von 26,9 Milliarden Euro. Gut die Hälfte soll eine…

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  • Calais im Schatten der Gewalt: Ein weiterer toter Migrant und die Frage nach Europas Verantwortung

    Calais im Schatten der Gewalt: Ein weiterer toter Migrant und die Frage nach Europas Verantwortung

    Ein junger Mann liegt regungslos auf dem kalten Boden der Industriezone Marcel Doret in Calais. Mitten in der Nacht vom 28. auf den 29. August 2025, wird sein lebloser Körper entdeckt. Ein Sudanese, kaum älter als zwanzig. Sein Schädel von Wunden gezeichnet, die von einem brutalen Ende zeugen. Ein weiterer Toter in einer Stadt, die längst Symbol geworden ist – für Hoffnung, Verzweiflung und eine Gewaltspirale, die kein Ende findet.

    Ein Ort, der nicht zur Ruhe kommt Calais ist mehr als ein geographischer Punkt an der französischen Küste. Es ist ein Brennglas, das die ganze Härte europäischer Migrationspolitik bündelt. Seit Jahren versuchen hier täglich Menschen aus dem Sudan, Afghanistan, Eritrea und anderen Krisenregionen, den Ärmelkanal zu überwinden – mit der Hoffnung auf ein besseres Leben in Großbritannien. Doch zwischen Lagerfeuern, verlassenen Industriehallen und dem ständigen Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei blühen auch Rivalitäten auf. Schon am Vortag war die Gewalt eskalie…

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