Schlagwort: Französische Alpen

  • Mont Blanc: Fast zwei Meter höher – und doch schmilzt das Eis

    Mont Blanc: Fast zwei Meter höher – und doch schmilzt das Eis

    Der Mont Blanc wächst – zumindest auf dem Papier. Eine neue Vermessung beziffert die Höhe des höchsten Alpengipfels auf 4.807,47 Meter. Das sind 1,88 Meter mehr als 2023. Doch hinter dieser überraschenden Zahl steckt keine geologische Sensation, sondern eine faszinierende Geschichte über Schnee, Wind, Eis und einen Berg, der ständig sein Gesicht verändert.

    30. Oktober 2026

    Majestätisch thront er über den französischen Alpen, umgeben von Gletschern, schroffen Felswänden und einem Meer aus Weiß. Der Mont Blanc, Wahrzeichen der Region Haute Savoie, gilt als Sinnbild für Beständigkeit. Seit Jahrhunderten zieht er Bergsteiger, Wissenschaftler und Abenteurer in seinen Bann.

    Doch ausgerechnet dieser scheinbar unveränderliche Riese sorgt nun für eine Überraschung: Er ist fast zwei Meter höher als noch vor drei Jahren.

    Am 17. September 2026 stiegen 32 Teilnehmer einer wissenschaftlichen Expedition auf seinen Gipfel. Mit modernster Messtechnik bestimmten sie seine aktuelle Höhe. Das am 14. Oktober veröffentlichte Ergebnis: exakt 4.807,47 Meter.

    Eine stolze Zahl. Aber was steckt dahinter?

    Ein Gipfel, den der Wind formt

    Wer glaubt, der Mont Blanc sei innerhalb von drei Jahren tatsächlich um knapp zwei Meter gewachsen, liegt daneben.

    Denn sein höchster Punkt besteht nicht aus massivem Fels, sondern aus einer mächtigen Schnee und Eiskappe. Und die führt gewissermaßen ihr Eigenleben.

    Schneefälle lassen sie anwachsen, heftige Höhenwinde tragen Schnee ab oder türmen ihn an anderer Stelle auf. Selbst die Form des Gipfels verändert sich dadurch immer wieder.

    Mal liegt der höchste Punkt etwas weiter westlich, mal verschiebt er sich in eine andere Richtung. Der Berg bleibt derselbe – seine weiße Krone hingegen ist ständig in Bewegung.

    Die neue Höhenangabe beschreibt deshalb zunächst eine Momentaufnahme. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

    Die Zahlen erzählen eine andere Geschichte

    Besonders spannend erscheint der Blick auf die vergangenen Vermessungen.

    JahrGemessene Höhe
    20234.805,59 Meter
    20244.808,51 Meter
    20254.808,76 Meter
    20264.807,47 Meter

    Tatsächlich lag der Gipfel 2025 sogar 1,29 Meter höher als heute.

    Von einem kontinuierlichen Wachstum lässt sich also kaum sprechen. Vielmehr schwankt die Schneekappe von Jahr zu Jahr – abhängig von Wetter, Niederschlägen und Windverhältnissen.

    Hinzu kommt, dass die Messungen nicht immer zur gleichen Jahreszeit stattfinden. Auch das beeinflusst die Ergebnisse.

    Der Mont Blanc ist eben kein unbeweglicher Steinriese. Zumindest ganz oben nicht.

    Höherer Gipfel, schwindende Gletscher

    Die Nachricht vom gewachsenen Mont Blanc klingt zunächst wie eine gute Botschaft in Zeiten des Klimawandels.

    Doch Vorsicht: Ein höherer Gipfel bedeutet keineswegs, dass sich die Gletscher erholen.

    Während sich auf dem Gipfel Schnee ansammelt, verlieren die tiefer gelegenen Gletscher weiterhin erhebliche Eismassen.

    Besonders deutlich zeigt sich das an der berühmten Mer de Glace und am Argentière Gletscher. Beide leiden seit Jahrzehnten unter steigenden Temperaturen und zunehmender sommerlicher Schmelze.

    Die entscheidende wissenschaftliche Größe heißt Massenbilanz. Sie beschreibt das Verhältnis zwischen neu hinzukommendem Schnee und verlorenem Eis.

    Eine einzelne Höhenmessung liefert darüber keine verlässliche Auskunft.

    Anders gesagt: Der Mont Blanc trägt möglicherweise eine etwas höhere Schneemütze, während ihm weiter unten das Eis davonläuft.

    Wissenschaft auf dem Dach der Alpen

    Die Expedition im September verfolgte deshalb ein ehrgeizigeres Ziel als die bloße Bestimmung einer Rekordhöhe.

    Satellitengestützte Messgeräte, Drohnen und Georadar halfen dabei, die Schneekappe dreidimensional zu erfassen und ihre Dicke zu untersuchen.

    Eine Premiere gelang dem französischen Geografieinstitut IGN: Erstmals bestimmten Wissenschaftler direkt auf dem Gipfel die Schwerebeschleunigung.

    Dafür schleppten sie ein hochempfindliches Gravimeter auf über 4.800 Meter Höhe.

    Ganz schön viel Aufwand für einen Berg, der ohnehin nicht wegläuft.

    Doch solche Messungen liefern wertvolle Erkenntnisse über die Verteilung von Schnee und Eis. Wiederholte Untersuchungen ermöglichen künftig genauere Vergleiche.

    Ein Berg als Spiegel unserer Zeit

    Was erzählt uns diese neue Gipfelhöhe also wirklich?

    Vor allem, dass selbst Europas berühmteste Berglandschaften dynamischer sind, als sie auf den ersten Blick erscheinen.

    Der Mont Blanc verändert sich unaufhörlich. Seine Schneekrone reagiert auf Wetter und Jahreszeiten, seine Gletscher auf langfristige klimatische Entwicklungen.

    Die zusätzlichen 1,88 Meter sind deshalb weder ein Sieg über den Klimawandel noch ein Beweis für eine Erholung der alpinen Eiswelt.

    Sie erinnern vielmehr daran, wie komplex die Natur funktioniert.

    Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Faszination dieses weißen Riesen: Er wirkt unerschütterlich – und erzählt doch mit jeder neuen Vermessung eine andere Geschichte.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Frankreichs Gletscher verschwinden – und jetzt muss sogar die Wanderkarte zum Therapeuten!

    Frankreichs Gletscher verschwinden – und jetzt muss sogar die Wanderkarte zum Therapeuten!

    Da muss man sich doch wirklich mal an den Kopf fassen! Früher ging man in die französischen Alpen, um Gletscher zu bestaunen. Heute braucht man offenbar einen Archäologen, um herauszufinden, wo die Dinger mal gelegen haben! Das Eis schmilzt, die Berge bröckeln, neue Seen entstehen – und beim französischen Geografieinstitut IGN sitzen die Kartografen und radieren sich die Finger wund. Willkommen im Klimawandel, meine Damen und Herren! Hier verschwindet die Landschaft schneller, als die Druckerei neue Wanderkarten ausspucken kann!

    Besonders hübsch ist ja diese Geschichte vom Glacier de la Blanche. Der heißt inzwischen offiziell „Ancien glacier de la Blanche“. EHEMALIGER GLETSCHER! Donnerwetter! Da fehlt eigentlich nur noch ein Schild: „Hier ruhte einst ein Gletscher. Er hinterlässt Geröll, Schmelzwasser und eine ziemlich beschissene Klimabilanz.“

    Bei rund 40 Gletschern musste das IGN bereits die Bezeichnungen ändern. Vierzig! Früher bekamen Straßen neue Namen, wenn irgendein Bürgermeister einen Anfall von Größenwahn hatte. Heute bekommen Gletscher neue Namen, weil sie schlichtweg den Abgang machen!

    Und dann entstehen auch noch neue Seen. In der Grande Sassière bei Tignes entdeckt jemand beim Biwakieren plötzlich ein Gewässer, das auf der Karte gar nicht existiert. Na, herzlichen Glückwunsch! Früher fand man beim Wandern vielleicht einen verlorenen Wanderstock. Heute entdeckt man gleich einen ganzen See! Demnächst steht auf französischen Wanderkarten vermutlich: „Geländeänderungen vorbehalten. Gletscher nur solange der Vorrat reicht.“

    Aber jetzt kommt der Teil, bei dem mir endgültig der Kragen platzt.

    Im Écrins-Massiv musste die Berghütte Refuge de la Pilatte schließen, weil der schwindende Gletscher dem Fels den Halt genommen hat. Die Hütte steht nicht mehr sicher, der Zugang ist gesperrt. Und da soll mir noch einer erzählen, der Klimawandel sei bloß ein bisschen wärmeres Badewetter!

    Die Alpengletscher haben seit 1900 ungefähr die Hälfte ihres Eisvolumens verloren. Der Ossoue-Gletscher büßte seit 1850 sogar 78 Prozent seiner Fläche ein. ACHTUNDSIEBZIG PROZENT! Wenn Ihr Bankkonto so zusammenschrumpfen würde, säßen Sie längst kreidebleich beim Finanzberater!

    Und was machen wir? Wir diskutieren munter weiter, ob der Klimawandel wirklich so schlimm ist. Währenddessen muss die Kartografie bereits hinter einer Realität herrennen, die schneller schmilzt als ein Eiswürfel auf dem Armaturenbrett.

    Besonders perfide: Die neuen Seen sehen vielleicht idyllisch aus, doch mit den Gletschern verschwindet ein gewaltiger natürlicher Wasserspeicher. Heute mehr Schmelzwasser, morgen weniger Reserven. Das ist keine wundersame Wasservermehrung, sondern ein Ausverkauf auf Kosten der Zukunft!

    Natürlich brauchen Wanderer aktuelle Karten, Wetterberichte und Informationen über gesperrte Wege. Aber mal ganz grundsätzlich: Wenn wir irgendwann sämtliche Gletscher nur noch auf historischen Karten bewundern, dann ist nicht die Kartografie gescheitert. Dann haben wir ein verdammt viel größeres Problem!

    Und das lässt sich nicht einfach mit einem neuen Ortsnamen wegradieren.

    Christine Macha

  • Was der Montblanc aus dem Eis zurückgibt

    Was der Montblanc aus dem Eis zurückgibt

    Zwei Flugzeugkatastrophen, 165 Tote und ein Gletscher, der die Vergangenheit nicht ruhen lässt. Am Montblanc tauchen Jahrzehnte nach den Abstürzen zweier Air India Maschinen immer neue Wrackteile auf. Zwischen Eis, Felsen und persönlichen Erinnerungsstücken suchen Männer wie Allan Tramontana nach den Spuren einer Tragödie, die bis heute nachwirkt.

    Ein Stück Metall liegt zwischen grauen Felsen und schmutzigem Gletschereis. Auf den ersten Blick nichts Besonderes. Vielleicht Schrott, den irgendein Bergsteiger verloren hat. Doch Allan Tramontana bleibt stehen, hebt das Fragment vorsichtig auf und betrachtet seine Form.

    „Das ist ein Stück vom Triebwerk“, vermutet er.

    Eine Identifikationsplakette fehlt. Gewissheit gibt es zunächst nicht. Aber der Fund könnte zu einer Boeing 707 gehören, die vor mehr als sechs Jahrzehnten am Montblanc zerschellte.

    Hier oben erzählt selbst ein rostiges Metallstück eine Geschichte.

    Zwei Katastrophen im ewigen Eis

    Der Montblanc gilt als Sehnsuchtsort der Alpinisten. Schneeweiße Gipfel, gewaltige Gletscher, eine Landschaft von beinahe unwirklicher Schönheit. Doch unter dieser majestätischen Kulisse schlummern Erinnerungen an zwei der schwersten Flugzeugunglücke der französischen Alpen.

    Am 3. November 1950 prallte die Malabar Princess, eine Lockheed Constellation der Air India, nahe dem Gipfel gegen den Berg. Alle 48 Menschen an Bord starben.

    Sechzehn Jahre später wiederholte sich die Tragödie.

    Am 24. Januar 1966 zerschellte die Kangchenjunga, eine Boeing 707 derselben Fluggesellschaft, nahezu an derselben Stelle. Diesmal verloren 117 Menschen ihr Leben. Unter ihnen befand sich der international bekannte indische Atomphysiker Homi Jehangir Bhabha.

    165 Menschen, zwei Flugzeuge, ein Berg.

    Wie viel menschliches Schicksal verbirgt sich unter einer einzigen Schneedecke?

    Die französischen Ermittler führten den zweiten Absturz vor allem auf eine falsche Einschätzung der Flugzeugposition zurück. Eine missverständliche Kommunikation mit der Flugkontrolle trug vermutlich dazu bei. Die Besatzung glaubte, den Gebirgskamm bereits überflogen zu haben, und begann den Sinkflug.

    Der Flugschreiber blieb verschollen.

    Ein Polizist auf den Spuren der Vergangenheit

    Allan Tramontana beschäftigt sich seit Jahren mit diesen Unglücken. Der Kommunalpolizist und studierte Historiker entdeckte 2017 während einer sportlichen Tour erstmals Überreste am Gletscher.

    Seitdem lässt ihn die Geschichte nicht mehr los.

    Immer wieder steigt er zum Bossonsgletscher hinauf, untersucht Metallteile, sammelt Fundstücke und versucht, ihre Herkunft zu entschlüsseln.

    Dabei geht es längst nicht nur um Flugzeugtechnik.

    Zwischen den Trümmern tauchen Zeitungen, Banknoten, Sicherheitsgurte und Rettungswesten auf. Alltagsgegenstände, die plötzlich eine erschütternde Bedeutung erhalten.

    Eine Zeitung, die vielleicht jemand während des Fluges lesen wollte. Geldscheine für eine Reise, die niemals ihr Ziel erreichte.

    Kleine Dinge. Große Geschichten.

    Der Gletscher als unruhiges Archiv

    Der Bossonsgletscher bewegt sich langsam talwärts. Über Jahrzehnte transportiert das Eis eingeschlossene Gegenstände durch das Gebirge. Durch die Gletscherschmelze gelangen immer neue Überreste an die Oberfläche.

    Bereits 1975 tauchten Trümmer der Malabar Princess weit unterhalb der Absturzstelle auf. 2003 entdeckte man ein Rad der Boeing 707 an der Gletscherzunge.

    Besonders spektakulär geriet ein Fund im Jahr 2013: Ein Mann entdeckte zahlreiche Edelsteine, darunter Smaragde, die vermutlich aus der 1966 abgestürzten Maschine stammten.

    Ein Teil gelangte später an die Gemeinde Chamonix, die ihre Steine im Kristallmuseum präsentieren wollte.

    Doch die Suche birgt erhebliche Gefahren. Steinschlag, instabile Eisflächen und herabstürzende Eisblöcke machen jeden Ausflug zum Risiko.

    Und mal ehrlich: Kein Fundstück ist ein Menschenleben wert.

    Wenn Erinnerung wichtiger als Metall ist

    Am 1. September 2026 organisierten Naturschützer, Archäologen und örtliche Einrichtungen eine gemeinsame Bergungsaktion am Bossonsgletscher. Rund eine Tonne Trümmer kam dabei zusammen.

    Vier Archäologen dokumentierten die Fundstücke, bevor sie abtransportiert wurden.

    Die Aktion diente zugleich dem Schutz der empfindlichen Berglandschaft. Denn Flugzeugwracks gehören zur Geschichte, aber nicht dauerhaft in die Natur.

    Was bleibt von einem Menschen, wenn seine letzte Reise Jahrzehnte zurückliegt?

    In Chamonix steht darauf eine stille Antwort: Auf dem Friedhof erinnert ein Herz aus Flugzeugtrümmern an die Opfer.

    Aus zerstörtem Metall entstand ein Zeichen menschlicher Verbundenheit.

    Der Montblanc gibt seine Geheimnisse nur langsam preis. Mal ein Stück Triebwerk, mal eine Banknote, mal einen unscheinbaren Gegenstand, der einst jemandem gehörte.

    Und jedes Mal erinnert das schmelzende Eis daran, dass hinter den Zahlen einer Katastrophe Menschen stehen — mit Hoffnungen, Familien und Geschichten, die nicht einfach verschwinden.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Die Schatzsucher vom Montblanc

    Die Schatzsucher vom Montblanc

    Hoch oben im Montblanc Massiv suchen Männer und Frauen nach Schätzen, die Millionen Jahre im Granit verborgen lagen. Sie heißen cristalliers und folgen einer Tradition, die im Tal von Chamonix seit Jahrhunderten gepflegt wird. Ihr großer Traum: ein vollkommener rosa Fluorit oder ein außergewöhnlicher Rauchquarz.

    Wer in Chamonix nach oben blickt, sieht Schnee, Gletscher und schroffe Gipfel. Bergsteiger erkennen Routen, Skifahrer steile Couloirs. Ein cristallier betrachtet dieselben Felsen mit anderen Augen. Er sucht nach Rissen, Klüften und unscheinbaren Öffnungen im Granit.

    Denn der Montblanc ist auch eine gewaltige Schatzkammer.

    In Hohlräumen des Gesteins, von den Kristallsuchern traditionell „fours“ genannt, entstanden vor Millionen Jahren Mineralien von erstaunlicher Schönheit. Berühmt sind vor allem Rauchquarze sowie rosa bis rote Fluorite. Hinzu kommen Axinite, Siderite und Epidote.

    Schatzsuche ohne Karte

    Die Arbeit der cristalliers liegt irgendwo zwischen Alpinismus, Geologie und Schatzsuche. Sie überqueren Gletscher, klettern an Granitwänden und suchen stundenlang nach Spuren, die auf einen verborgenen Hohlraum hinweisen.

    Und manchmal finden sie schlicht gar nichts.

    Was treibt einen Menschen dazu, trotzdem immer wieder aufzubrechen?

    Vermutlich gerade diese Ungewissheit. Die Kristallsucher lesen den Fels wie andere Menschen ein Buch. Sie beobachten Bruchlinien und Klüfte und nutzen ihre Erfahrung, um jene Stellen aufzuspüren, an denen sich Kristalle gebildet haben könnten.

    Unter den Mineralien besitzt der Fluorit einen beinahe legendären Ruf. Besonders begehrt sind rosa und rote Exemplare, oft gemeinsam mit Rauchquarz. Berühmt wurde etwa die „Fluorite Laurent“ von der Aiguille Verte: roter Fluorit neben dunklem Rauchquarz, eine außergewöhnlich seltene Kombination.

    Eine weitere Spezialität des Massivs ist der Gwindel, ein eigentümlich gedrehter Quarz. Für Sammler sind solche Stücke echte Hingucker.

    Eine alte Tradition

    Die Kristallsuche gehört seit Jahrhunderten zu Chamonix. Gut dokumentiert ist sie spätestens seit dem 17. Jahrhundert. Für die Bewohner des damals armen und abgeschiedenen Tales boten die Mineralien eine Möglichkeit, dem kargen Hochgebirge ein Einkommen abzuringen. Bergkristalle gelangten unter anderem nach Genf und dienten dort als Material für Schmuck und dekorative Gegenstände.

    Lange bevor Alpinisten die Gipfel aus sportlichem Ehrgeiz bestiegen, stiegen Menschen also aus einem ganz anderen Grund hinauf.

    In den 1960er und 1970er Jahren erlebte die Tradition neuen Schwung. Bergführer und Kletterer verbanden das alte Wissen mit moderner Sicherungstechnik. Bis heute wandert manche Erfahrung innerhalb von Familien von einer Generation zur nächsten.

    Kein Freibrief für Schatzjäger

    Einfach mit Hammer und Rucksack losziehen und den Montblanc auseinandernehmen? So läuft die Sache nicht.

    Auf dem Gebiet von Chamonix ist die Mineralsuche an Regeln gebunden. Die Suchenden müssen ihre Tätigkeit vorher bei der Gemeinde erklären und sich einem Ehrenkodex verpflichten. Sprengstoff und mechanische Großgeräte sind tabu. Auch Fahrzeuge zum Abtransport passen nicht zur traditionellen Suche.

    Bedeutende Funde besitzen zudem wissenschaftlichen und kulturellen Wert. Soll ein wissenschaftlich interessantes Stück verkauft werden, erhält das zuständige Gremium des Kristallmuseums von Chamonix Gelegenheit, es zu begutachten und gegebenenfalls für die öffentliche Sammlung zu erwerben.

    Millionen Jahre für einen Augenblick

    Im Musée des Cristaux in Chamonix lässt sich bestaunen, wonach die cristalliers suchen: Rauchquarze, rosa Fluorite und zahlreiche andere alpine Mineralien erzählen dort von der geologischen Geschichte des Massivs.

    Doch die Tradition lebt nicht nur hinter Museumsglas.

    Noch immer ziehen Kristallsucher hinauf in die Berge. Während unten Seilbahnen, Hotels und Sportgeschäfte den Rhythmus Chamonix bestimmen, suchen sie oben im Granit nach einer kleinen Öffnung.

    Was mag sich dahinter verbergen?

    Vielleicht nichts. Vielleicht einige Quarze. Oder ein rosa Fluorit, den seit Millionen Jahren kein Mensch gesehen hat.

    Und genau darin liegt der Zauber dieser Suche.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Alpe d’Huez: Nervenkitzel über dem Lac Besson

    Alpe d’Huez: Nervenkitzel über dem Lac Besson

    Mehr als 2300 Meter über dem Meer, tief unten das türkisblaue Wasser des Lac Besson und vor den Augen die mächtigen Gipfel des Oisans: In Alpe d’Huez wartet ein Bergerlebnis, bei dem selbst erfahrene Wanderer kurz innehalten dürften. Ein spektakulärer Höhenweg führt direkt an den Felsen entlang und verbindet Nervenkitzel mit einem jener Sonnenuntergänge, für die man gern noch ein paar Minuten länger in der Kälte stehen bleibt.

    Dabei richtet sich das Erlebnis keineswegs nur an hartgesottene Bergsteiger.

    Die Teilnehmer tragen Helm und Klettergurt und bewegen sich entlang einer durchgehenden Sicherung. Der Weg schmiegt sich an die Felswand, während sich daneben der Abgrund öffnet. An manchen Stellen liegen rund 70 Meter zwischen den Wanderern und dem Wasser des Lac Besson. Das klingt erst einmal nach einer ziemlich wilden Nummer – doch gerade die Sicherung macht das Erlebnis auch für Menschen interessant, die normalerweise keine ausgesetzten Kletterrouten unter die Bergschuhe nehmen.

    Zwischen Fels, Himmel und See

    Rund 40 Minuten dauert der Parcours. Auf dem Papier klingt das überschaubar. In der Höhe bekommt Zeit allerdings einen anderen Rhythmus.

    Ein Schritt, ein Blick ins Tal, noch ein Schritt.

    Über den Felsen breitet sich die Landschaft des Oisans aus. Almen, Bergseen und schroffe Gipfel bilden eine Kulisse, die sich mit jeder Minute verändert. Besonders am Abend zeigt die Natur ihre große Bühne. Die Sonne sinkt langsam hinter die Bergkämme, Schatten wandern über die Hänge und das Licht färbt die Felsen erst golden, später rötlich und schließlich beinahe violett.

    Wer denkt bei einem solchen Anblick noch an die Uhr?

    Gerade dieser Übergang vom Tag zum Abend verleiht der Tour ihren besonderen Charakter. Während Alpe d’Huez tagsüber von Wanderern, Mountainbikern und Urlaubern belebt erscheint, kehrt am Abend allmählich Ruhe ein. Stimmen verstummen, die Luft fühlt sich kühler an und irgendwo weit unten spiegeln die letzten Sonnenstrahlen auf dem Wasser.

    Dann gehört die Bühne den Bergen.

    Die Alpen suchen neue Abenteuer

    Das Angebot passt zu einer Entwicklung, die sich in vielen französischen Bergregionen beobachten lässt. Ferienorte setzen längst nicht mehr ausschließlich auf Skipisten im Winter und klassische Wanderwege im Sommer. Gesicherte Felsrouten, Panoramawege, Hängebrücken und besondere Abendtouren bringen Besucher näher an die alpine Landschaft.

    Alpe d’Huez greift diese Idee besonders konsequent auf. Auch andere Angebote rund um den Sonnenuntergang verbinden Höhe, Natur und Erlebnis. Das Ziel dahinter liegt auf der Hand: Die Berge sollen nicht bloß Kulisse für sportliche Aktivitäten sein, sondern selbst zum Erlebnisraum avancieren.

    Und mal ehrlich: Wann sieht ein Berg schöner aus als in jenem Moment, in dem die letzten Sonnenstrahlen über seine Flanken ziehen?

    Respekt vor der Höhe bleibt Pflicht

    Trotz Sicherung verlangt die Tour Aufmerksamkeit. Trittsicherheit und eine solide körperliche Verfassung gehören dazu. Wer schon beim Blick von einem Balkon im fünften Stock weiche Knie bekommt, dürfte auf dem ausgesetzten Abschnitt wenig Freude verspüren.

    Auch das Wetter entscheidet mit.

    Starker Wind, Regen oder Gewitter verwandeln eine reizvolle Unternehmung schnell in ein Risiko. Anweisungen der Begleiter und aktuelle Wetterbedingungen besitzen deshalb Vorrang vor dem Wunsch nach dem perfekten Urlaubsfoto.

    Für Fotografen lohnt sich vor allem die Zeit kurz vor Sonnenuntergang. Das flache Licht zeichnet Konturen in die Felsen, lässt das Gras der Hochalmen leuchten und verleiht dem Lac Besson intensive Farben.

    Doch vielleicht liegt der schönste Moment ohnehin nicht auf der Speicherkarte.

    Vielleicht entsteht er genau dann, wenn man die Kamera einmal sinken lässt, tief durchatmet und über dem See steht, während der Tag langsam hinter den Gipfeln verschwindet. Alpe d’Huez zeigt hier eine andere Seite der Alpen: stiller als eine Skipiste, aufregender als ein gewöhnlicher Spaziergang und nah genug am Abgrund, um das Herz ein bisschen schneller schlagen zu lassen.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Tende – Das italienische Gedächtnis Frankreichs

    Tende – Das italienische Gedächtnis Frankreichs

    Auf den ersten Blick wirkt Tende wie viele andere Bergdörfer im französischen Alpenraum. Die Trikolore weht vor dem Rathaus, die Verwaltung spricht Französisch, die Kinder besuchen französische Schulen, und der Alltag folgt dem Takt der Republik. Nichts deutet darauf hin, dass dieser Ort bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein gar nicht zu Frankreich […]

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  • Tod im Tiefschnee – ein amerikanischer Skifahrer, ein Skilehrer unter Verdacht und die brüchige Illusion der Sicherheit

    Tod im Tiefschnee – ein amerikanischer Skifahrer, ein Skilehrer unter Verdacht und die brüchige Illusion der Sicherheit

    Val Thorens liegt hoch, sehr hoch. Auf 2.300 Metern, wo der Himmel näher scheint als der Alltag, beginnt für viele der Traum vom perfekten Winter. Breite Pisten, grelles Licht, trockene Kälte. Und dazwischen diese Versuchung, die immer mitschwingt: ein paar Schwünge abseits, hinein in den vermeintlich unberührten Raum. Genau dort, jenseits der Markierungen, endete am 30. Dezember das Leben eines amerikanischen Skifahrers. Der Mann, etwa 45 Jahre alt, war mit seinem privaten Skilehrer unterwegs, im Bereich Boismint oberhalb der Station Val-Thorens in der Savoie. Kein Anfänger, kein Draufgänger, sondern jemand, der sich bewusst für eine geführte Abfahrt entschied. Der Helm saß, die Bedingungen schienen beherrschbar. Dann der Sturz. Ein Aufprall auf blanken Fels, freigeweht vom Wind. Sekunden, die niemand mehr zurückdrehen kann. Die herbeigerufenen Rettungskräfte kämpften, doch sie kämpften vergeblich. Was folgte, verleiht dem Unglück eine zweite, dunklere Ebene. Der Skilehrer wurde von d…

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  • Ein falscher Schwung, ein freiliegender Fels – und ein jähes Ende im Schnee von Méribel

    Ein falscher Schwung, ein freiliegender Fels – und ein jähes Ende im Schnee von Méribel

    Der Winter zeigt sich an diesem Montagmorgen von seiner schönsten Seite. Klare Luft, blauer Himmel, ein Bergpanorama wie aus dem Hochglanzprospekt. Familien schnallen die Skier an, Kinder lachen, irgendwo klackt ein Stock auf Eis. Und doch endet dieser 29. Dezember in den französischen Alpen mit einer Tragödie, die sich in wenigen Sekunden vollzieht und lange nachhallt. Ein 24-jähriger Skifahrer aus Kroatien stirbt am späten Vormittag im Skigebiet von Méribel. Er ist mit seiner Familie unterwegs, abseits der präparierten Pisten, im Bereich von Méribel-Mottaret, genauer gesagt im Sektor des Mont Vallon. Dort, wo das Gelände weit wirkt, unberührt, fast einladend. Dort, wo der Grat zwischen Freiheit und Gefahr besonders schmal ist. Der junge Mann stürzt. Er verliert die Kontrolle, rutscht ab, prallt gegen einen Felsen. Ein Moment, der niemanden vorbereitet trifft, obwohl alle wissen, dass genau so etwas passieren kann. Die Pistenretter der Station sind schnell vor Ort. Sie versuchen zu re…

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  • Zigarettenverbot auf den Skipisten – Frankreich zieht eine klare Linie

    Zigarettenverbot auf den Skipisten – Frankreich zieht eine klare Linie

    Es ist vorbei mit dem genüsslichen Zug auf dem Sessellift, der entspannten Zigarette vor der Abfahrt oder dem schnellen Glimmstängel in der Warteschlange: Seit diesem Winter ist das Rauchen auf den französischen Skipisten offiziell verboten. Ein scheinbar kleines Dekret mit großer Wirkung – nicht nur für Wintersportler, sondern für das Bild der Berge als Ort von Reinheit und Ruhe.

    Die Regel ist klar und landesweit gültig: Wer in Frankreich Ski fährt, darf auf dem gesamten Skigebiet, in den Liften und in den Warteschlangen keine Zigarette mehr anzünden – auch keine E-Zigarette, sofern die örtliche Auslegung dies einschließt. Wer sich nicht daran hält, riskiert ein Bußgeld von 135 Euro. Und im Wiederholungsfall kann es noch teurer werden.

    Mancher mag denken: Ist das nicht übertrieben? Doch der Schritt fügt sich nahtlos in einen Trend ein, der seit Jahren an Fahrt gewinnt.

    Frankreich verfolgt schon länger das Ziel, das Rauchen in öffentlichen Außenbereichen schrittweise zurückzudrängen. An den Stränden ist es bereits vielerorts verboten, in Parks ebenso. Nun also die Skipisten – Orte, die traditionell mit Freiheit, Weite und klarer Luft assoziiert werden. Für die französische Regierung und die Betreiber der Skigebiete ist es nur konsequent, diesen Schutzraum auszuweiten.

    Das Argument? Gleich dreifach: Gesundheit, Umweltschutz, Image.

    Zum einen soll der öffentliche Raum für alle erträglicher werden – auch für Kinder und Nichtraucher, die bislang unweigerlich mitrauchen mussten, wenn sie im Lift neben einem passionierten Raucher saßen. Die Gesundheitspolitik des Landes will Tabak und Passivrauchen zurückdrängen, und jede neue Nichtraucherzone ist ein Baustein in diesem Puzzle.

    Zum anderen geht es um Sauberkeit – und hier werden die Zahlen plötzlich sehr konkret. Allein bei einer Aktion zur Müllvermeidung in französischen Skigebieten im vergangenen Jahr wurden über 57.000 (!) Zigarettenstummel eingesammelt. Viele davon lagen wochenlang unter dem Schnee, bis sie im Frühjahr auftauten – und mit ihnen das Problem. Denn jeder einzelne Stummel braucht Jahre, um sich zu zersetzen, und enthält Schadstoffe, die Boden und Wasser belasten.

    Nicht zuletzt steckt hinter dem Verbot auch eine kluge Imagepolitik. Skigebiete leben vom Versprechen unberührter Natur, klarer Luft, eines Erlebnisses fernab von Lärm, Hektik und Verschmutzung. Da wirkt eine Zigarette nicht nur wie ein olfaktorischer Störfaktor – sie kratzt auch am Selbstbild der alpinen Idylle.

    Viele Stationen haben deshalb nicht lange gefackelt: Die neuen Regeln werden mit Schildern, Aufklärungsaktionen und auch ein wenig Humor kommuniziert. Einer der geplanten Slogans bringt es auf den Punkt: „Die Aussicht raubt Ihnen doch schon den Atem – ganz ohne Zigarette.“ Treffender kann man es kaum sagen.

    Gleichwohl gibt es erste kritische Stimmen – sowohl unter Urlaubern als auch unter Branchenkennern. Vor allem die Frage nach der praktischen Umsetzung sorgt für Stirnrunzeln: Wie will man kontrollieren, ob jemand auf dem Sessellift schnell zur Zigarette greift? Und wer soll auf den Pisten patrouillieren?

    Tatsächlich hängt der Erfolg der Maßnahme stark von der Kommunikation und Akzeptanz ab. In Les Gets, einem Vorreiter unter den französischen Skigebieten, wurde das Rauchverbot bereits 2022 eingeführt – und dort zeigt sich: Es funktioniert, wenn die Gäste frühzeitig informiert und alternative Rauchzonen eingerichtet werden. Dazu gehören abgegrenzte Raucherbereiche mit sogenannten „ökologischen Aschenbechern“. Das mag zunächst etwas absurd klingen, ist aber Teil einer durchdachten Strategie: lenken statt verbieten.

    Auch die Frage, ob E-Zigaretten unter das Verbot fallen, sorgt für Diskussionen. Der Gesetzestext lässt Interpretationsspielraum – und so könnte es sein, dass die Handhabung von Station zu Station variiert. Manche Urlauber werden also je nach Ort mehr oder weniger streng behandelt.

    Und: Wo hört das Skigebiet eigentlich auf? Die neue Regel gilt auf den Pisten, Liften und in den Warteschlangen – nicht aber zwingend auf Restaurantterrassen oder in den Straßen der Skiorte. Das eröffnet Spielräume, aber auch Schlupflöcher. Wer wirklich rauchen will, wird Möglichkeiten finden. Doch das Grundgefühl verändert sich – und mit ihm die öffentliche Wahrnehmung.

    Natürlich gibt es auch jene, die sich an dieser Entwicklung stören. Für viele Skifahrer gehört die Zigarette zur Pause auf der Hütte wie der Kakao für die Kinder. Sie empfinden das Verbot als Einschränkung ihrer Freiheit, als weiteres Beispiel für staatliche Überregulierung. Der Begriff „Bevormundung“ fällt in Kommentaren immer wieder.

    Doch die Geschichte zeigt: Solche Eingriffe wirken, wenn man ihnen Zeit lässt. Was heute noch polarisiert, ist morgen oft schon selbstverständlich. Man denke nur an das Rauchverbot in Restaurants oder Zügen. Was einst Empörung auslöste, ist längst in den Alltag übergegangen – und von den meisten begrüßt.

    Es ist also gut möglich, dass auch das Rauchen auf den Skipisten in wenigen Jahren nur noch eine nostalgische Erinnerung ist. Eine Erinnerung an eine Zeit, in der Freiheit auch hieß, anderen die Luft zu nehmen.

    Frankreich hat mit seinem neuen Dekret ein deutliches Zeichen gesetzt – eines, das mehr bewirken könnte, als es auf den ersten Blick scheint. Denn es geht nicht nur um Rauch – es geht um Rücksicht, Respekt und das Bild der Berge, das wir uns bewahren möchten.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Kampf gegen den Felssturz: Wie die Alpen-Maritimes mit moderner Technik gegen die Natur ankämpfen

    Kampf gegen den Felssturz: Wie die Alpen-Maritimes mit moderner Technik gegen die Natur ankämpfen

    Ein schmaler Weg, drei Stunden täglich für den Verkehr geöffnet – und dahinter: der Kampf gegen die Zeit, gegen das Gestein, gegen die Unberechenbarkeit der Berge.

    In den südfranzösischen Alpen, genauer gesagt im Département Alpes-Maritimes, führt ein Felssturz zu erheblichen Einschränkungen im Straßenverkehr. Doch während sich Autofahrer in Geduld üben und mit Umleitungen arrangieren, arbeiten Spezialisten fieberhaft daran, die Strecke dauerhaft zu sichern. Es geht um mehr als nur Asphalt. Es geht um Vertrauen in die Technik – und ein bisschen auch ums Prinzip.


    Colette wartet. Eine Stunde früher als nötig steht sie da, vor der Sperre der Bergstraße, die nun nur noch dreimal täglich für jeweils eine Stunde freigegeben wird. „Lieber so, als dass mir ein Brocken aufs Auto fällt“, sagt sie trocken. Ein Satz, der in dieser Region nicht übertrieben klingt.

    Denn was sich kürzlich hier ereignete, hätte schlimmer enden können: Ein Felssturz donnerte in den sogenannten „Couloir d’avalanches“ – ein Abschnitt, der seit Jahrzehnten als Risikozone bekannt ist. Doch diesmal hielten die Schutzvorrichtungen stand. Ein wichtiger Moment für ein paar Stahlseile, Maschendraht und gut platzierte Dissipatoren.


    „Da sieht man es – der Pfosten ist komplett verbogen, die Dämpfer sind zerrissen, aber sie haben gehalten“, sagt Denis Huber, Chef des Unternehmens Garelli CUT. Seit zwanzig Jahren seien diese Netze dort installiert – und jetzt hätten sie ihre Feuertaufe bestanden.

    Doch auf diesem Erfolg will man sich nicht ausruhen. Im Gegenteil: Während Autofahrer mit Wartezeiten kämpfen, rollen Bagger an. Eine neue Fahrspur entsteht, um die Baustelle zu entlasten. „Die alte Trasse ist nicht mehr tragbar. Wir schaffen gerade eine neue, die fast fertig ist“, erklärt Pierre Mario von der Firma Valtinée. Ein Kraftakt im alpinen Gelände – aber einer, der sich lohnt.


    Die Natur hat ihre eigenen Pläne. Und der Mensch? Der lernt, sich anzupassen.

    Bis zu sechs Monate sollen die Arbeiten noch dauern. So lange wird der Hang weiter analysiert, werden neue Netze geplant, Winkel vermessen, Einschlagkräfte berechnet. Alles mit dem Ziel, das Risiko künftiger Felsstürze zu minimieren. Ein Drahtseilakt zwischen Vorsorge und Wiederherstellung.

    Für Berufstätige wie Cécile sind die Bauzeiten ein Balanceakt. „16 oder 17 Uhr – das ist einfach unpraktisch, wenn man arbeitet“, klagt sie. Doch wie so oft in den Bergen bleibt wenig Spielraum für Alternativen. Die Natur lässt nicht mit sich verhandeln – sie diktiert.


    Schon Ende nächster Woche soll die Straße wieder regulär befahrbar sein – zumindest vorübergehend. Ein kleiner Lichtblick für alle, die täglich pendeln, arbeiten, leben müssen – trotz der gewaltigen Kulisse, die nicht nur Postkartenmotive liefert, sondern mitunter auch tonnenschwere Probleme.

    Der Winter steht vor der Tür. Doch diesmal geht man vorbereitet in die kalte Jahreszeit. Dank Technik – und neuer Wege.

    Andreas M. Brucker