Schlagwort: Frankreich

  • „Tout ça pour ça?“ – Wie Sébastien Lecornu zum Symbol einer politischen Farce wird

    „Tout ça pour ça?“ – Wie Sébastien Lecornu zum Symbol einer politischen Farce wird

    Es begann mit einem Paukenschlag. Und endete – genau dort, wo alles angefangen hatte. Innerhalb weniger Tage verwandelte sich die französische Regierung in ein politisches Theaterstück, das seinesgleichen sucht. Hauptrolle: Sébastien Lecornu, 38 Jahre jung, aufgestiegen aus dem Verteidigungsministerium, ambitioniert, kontrolliert, loyal. Erst berufen, dann gestürzt, am Ende wieder berufen. Frankreich staunt. Europa schüttelt den Kopf. Was ist da passiert? Sonntagabend – ein Kabinett, das schon beim Vorlesen zerbricht Der Sonntag, 5. Oktober 2025, neigte sich dem Ende zu, als Emmanuel Moulin, Generalsekretär des Elysée, mit ernster Miene die 18 Minister des neuen Kabinetts Lecornu verkündet. Eigentlich sollte das endlich Klarheit bringen. Drei Wochen hatte Lecornu sich Zeit genommen, Gespräche geführt, abgewogen – alles mit dem Ziel, ein „stabiles Team“ zu präsentieren. Stattdessen explodiert die Bombe sofort. Bruno Retailleau, starker Mann der Republikaner und frisch bestätigter Innenm…

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  • 10. Oktober – Ein Tag voller Geschichten

    10. Oktober – Ein Tag voller Geschichten

    Es gibt Tage, die sich im Geschichtsbuch kaum abzeichnen – und doch tragen sie Ereignisse, die die Welt nachhaltig geprägt haben. Der 10. Oktober gehört zu diesen stillen, aber bedeutungsvollen Daten. Er steht für Aufstände und Entdeckungen, für tragische Abschiede und symbolische Neuanfänge – weltweit wie auch in Frankreich.


    Wendepunkte der Weltgeschichte

    680: Die Schlacht von Karbala

    Am 10. Oktober 680 kam es in Karbala zu einem Blutvergießen, das die islamische Welt bis heute prägt. Husayn ibn Ali, der Enkel des Propheten Mohammed, wurde mitsamt seinen Gefolgsleuten getötet. Dieses Ereignis markierte die endgültige Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten – ein Riss, der bis in unsere Gegenwart hineinwirkt. Für Millionen Gläubige symbolisiert Karbala Opferbereitschaft und Glaubenstreue, für andere erinnert es an die tiefen Wunden religiöser Konflikte.

    1846: Ein Blick in den Kosmos

    Im 19. Jahrhundert richteten Astronomen ihre Teleskope gen Himmel und entdeckten an diesem Tag Triton, den größten Mond des Planeten Neptun. Eine Entdeckung, die das Verständnis unseres Sonnensystems erweiterte – und wieder einmal zeigte, dass der menschliche Drang, das Unbekannte zu erkunden, grenzenlos ist.

    1911: Die Wuchang-Revolution in China

    In Wuhan begann am 10. Oktober 1911 ein Aufstand, der die Qing-Dynastie ins Wanken brachte und schließlich die Gründung der Republik China einleitete. Der Tag wird in Taiwan bis heute als „Nationalfeiertag“ begangen. Er steht sinnbildlich für den Beginn der Moderne in Ostasien – und erinnert daran, dass politische Erneuerung oft aus regionalen Flammen globales Feuer schlägt.

    1913: Der Panamakanal nimmt Form an

    Ein Sprengstoß, ein Durchbruch – buchstäblich. Als am 10. Oktober 1913 der Gamboa-Damm gesprengt wurde, verbanden sich Atlantik und Pazifik erstmals durch eine künstliche Wasserstraße. Der Panamakanal wurde zum Symbol für menschlichen Ingenieursgeist und globalen Handel. Wer hätte damals gedacht, dass diese Verbindung einst das Rückgrat der Weltwirtschaft bilden würde?

    1954: Der Rückzug aus Indochina

    Nach dem Ende des Indochinakrieges zogen sich an diesem Tag die französischen Truppen endgültig aus Hanoi zurück. Ho Chi Minh zog in die Hauptstadt ein – ein Meilenstein auf dem Weg zur Unabhängigkeit Vietnams.

    1957: Nukleare Schatten über England

    Ein Brand im Atomkraftwerk Windscale zeigte die Gefahren der aufstrebenden Atomtechnologie. Die Katastrophe blieb lange unter Verschluss, war aber ein Weckruf für mehr Sicherheitsbewusstsein – ein Thema, das bis heute aktuell klingt.

    1964: Olympia in Tokio

    Zum ersten Mal fanden an diesem Tag Olympische Sommerspiele in Asien statt. Ein Symbol für Japans Wiederaufstieg nach dem Krieg und seine Rückkehr in die internationale Gemeinschaft.

    1967: Der Weltraumvertrag tritt in Kraft

    Die Staaten der Welt einigten sich darauf, den Weltraum nicht als Eigentum zu betrachten. Der Vertrag legte fest, dass Mond und Planeten nicht kolonialisiert werden dürfen – eine Art kosmischer Friedensvertrag.

    1970: Fiji wird unabhängig

    Ein Inselstaat emanzipiert sich vom britischen Empire. Die Unabhängigkeit Fijis steht stellvertretend für die Dekolonisierung jener Jahrzehnte, die weite Teile der Weltkarte neu zeichnete.

    1980: Erdbeben in Algerien

    Ein schweres Beben zerstörte große Teile der Stadt Al Asnam (heute Chlef). Tausende Menschen verloren ihr Leben – und Frankreich, mit seinen engen Beziehungen zu Algerien, reagierte mit Hilfsaktionen.

    1973: Politischer Skandal in den USA

    Der Rücktritt des Vizepräsidenten Spiro Agnew wegen Korruptionsvorwürfen erschütterte die amerikanische Politik. Ein Vorgeschmack auf die Krise, die nur ein Jahr später mit Watergate ihren Höhepunkt fand.


    Der 10. Oktober in Frankreich

    Auch in Frankreich trägt dieser Tag seine eigene Symbolik – von höfischen Dramen bis zu politischen Entscheidungen, die das Land prägten.

    17. und 18. Jahrhundert

    Im Jahr 1661 kam es zu einem diplomatischen Eklat, als der französische Gesandte in London öffentlich beleidigt wurde. Eine Szene, die zeigt, wie fein austariert das Spiel der Macht zwischen den Monarchien Europas war.
    1720 starb der Bildhauer Antoine Coysevox, der mit seinen Werken Versailles prägte. Er war einer jener Künstler, die dem Sonnenkönig Ludwig XIV. ein visuelles Erbe schufen, das bis heute bewundert wird.

    1793: Revolutionäre Eskalation

    Mitten in der Französischen Revolution beschloss die Nationalkonvention, Frankreich „bis zum Frieden“ unter revolutionärer Herrschaft zu stellen. Eine Entscheidung, die die Schreckensherrschaft ebnete und das Land tief spaltete.

    1870: Ein Land im Krieg

    Während des Deutsch-Französischen Krieges wurden Kommunalwahlen verschoben, und Léon Gambetta verließ das belagerte Paris per Heißluftballon, um von Tours aus weiter Widerstand zu organisieren. Ein Moment, der beinahe filmreif klingt – und doch Realität war.

    1962: De Gaulle löst die Nationalversammlung auf

    Ein innenpolitisches Beben: Nach einem Vertrauensverlust im Parlament entschied Charles de Gaulle, die Nationalversammlung aufzulösen. Damit begann eine neue Etappe der Fünften Republik – ein Machtspiel, das seine Handschrift trug.

    1963: Der Tod von Édith Piaf

    An diesem 10. Oktober erlosch die Stimme, die Frankreichs Seele verkörperte. Édith Piaf, die „Spatz von Paris“, starb mit nur 47 Jahren. Ihre Lieder klingen bis heute auf den Straßen von Montmartre – und in den Herzen der Franzosen.

    1979: Die Diamanten-Affäre

    Ein Skandal erschütterte die französische Politik, als bekannt wurde, dass Präsident Valéry Giscard d’Estaing Geschenke vom zentralafrikanischen Diktator Bokassa erhalten hatte – darunter echte Diamanten. Die Affäre beschädigte das Vertrauen in die politische Integrität des Élysée-Palasts nachhaltig.


    Ein Datum als Spiegel der Menschheit

    Ob Karbala, Tokio oder Paris – der 10. Oktober erzählt Geschichten von Macht, Glauben, Entdeckung, Verlust und Erneuerung. Er erinnert daran, dass Geschichte kein fernes Archiv ist, sondern ein atmendes Geflecht, das bis in unsere Gegenwart hineinwirkt.

    Heute wird der 10. Oktober weltweit auch als Tag der psychischen Gesundheit und als Aktionstag gegen die Todesstrafe begangen. Zwei Themen, die zeigen, wie weit sich der menschliche Fokus verschoben hat – von politischer Herrschaft hin zu Bewusstsein, Empathie und Menschenwürde.

    Und man fragt sich fast unwillkürlich: Wie viele weitere 10. Oktober werden noch folgen, bevor wir eines Tages selbst Teil der Geschichtsbücher werden?

  • Flammenmeer im Morgengrauen: Zwei Tote bei Wohnhausbrand in Cherbourg

    Flammenmeer im Morgengrauen: Zwei Tote bei Wohnhausbrand in Cherbourg

    Der Morgen des 10. Oktobers 2025 begann mit einem Albtraum. Noch bevor die Sonne am Horizont aufstieg, durchbrachen schrille Sirenen die Stille der Rue du Duché in Cherbourg-en-Cotentin. Ein Brand hatte gegen 7 Uhr ein vierstöckiges Wohnhaus im Herzen der normannischen Küstenstadt erfasst – mit verheerenden Folgen. Zwei Menschen starben in den Flammen. Neun weitere mussten von den Einsatzkräften gerettet werden. Ein Mann und eine Frau – beide um die sechzig – verloren in den frühen Morgenstunden ihr Leben. Als die Feuerwehr am Unglücksort eintraf, befand sich einer der beiden bereits in Herz-Kreislauf-Stillstand. Trotz sofort eingeleiteter Wiederbelebungsmaßnahmen kam jede Hilfe zu spät. Der Brand breitete sich offenbar rasch aus. In einem alten Wohnhaus, wie sie in französischen Innenstädten oft zu finden sind, kann das Feuer leicht von einer Etage zur nächsten übergreifen – vor allem, wenn alte Holzbalken, Zwischendecken und enge Treppenhäuser im Spiel sind. Die genaue Brandursache i…

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  • Ein Platz im Panthéon – und in der republikanischen Gewissensgeschichte

    Ein Platz im Panthéon – und in der republikanischen Gewissensgeschichte

    Frankreich ehrt den verstorbenen Robert Badinter. Mit seiner symbolträchtigen Aufnahme ins Panthéon feiert die Nation nicht nur einen Juristen, sondern ein Prinzip: das der Menschenwürde. Am 9. Oktober 2025, genau 44 Jahre nach der Abschaffung der Todesstrafe in Frankreich, ist der ehemalige Justizminister Robert Badinter symbolisch in das Pariser Panthéon eingezogen. Die Zeremonie stand dabei weniger für einen Akt der Verklärung als für eine republikanische Selbstvergewisserung. Denn mit Badinter wird eine Figur geehrt, die sich in besonderer Weise um die Verteidigung der Rechtsstaatlichkeit und der Menschenrechte verdient gemacht hat – und die bis zuletzt für ein Frankreich stand, das moralische Prinzipien höher stellt als politischen Opportunismus. Ein Grab bleibt, ein Denkmal entsteht Im Unterschied zu anderen Panthéon-Beisetzungen wurde der Leichnam Badinters nicht in das nationale Mausoleum überführt. Auf Wunsch seiner Familie verbleiben seine sterblichen Überreste im jüdischen G…

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  • Kommentar: Wo bleibt die Nächstenliebe? Missbrauch in kirchlichen Internaten – und das große, feige Schweigen

    Kommentar: Wo bleibt die Nächstenliebe? Missbrauch in kirchlichen Internaten – und das große, feige Schweigen

    Es ist zum Verzweifeln.

    Wieder einmal berichten ehemalige Schüler:innen katholischer Schulen in Frankreich von Misshandlungen, Demütigungen, sexuellen Übergriffen. Wieder einmal müssen sich Erwachsene öffentlich entblößen, damit irgendjemand hinhört. Wieder einmal dreht sich alles um das gleiche Muster: Gewalt. Macht. Schweigen.

    Und mittendrin eine Institution, die sich gern auf ihre Werte beruft: christlich, moralisch, erziehend. Nächstenliebe. Vergebung. Schutz für die Schwachen. Klingt gut auf dem Papier. Aber was ist das wert, wenn Kinder in Internatsbetten weinen und niemand fragt, warum?

    Der Missbrauch in der katholischen Kirche ist kein Betriebsunfall. Er ist ein Systemfehler mit Ansage. Jahrzehntelang haben Ordensleute, Lehrer, Schulverantwortliche weggesehen – oder schlimmer: mitgemacht. Und heute? Heute ducken sich viele von ihnen weg, sobald das Wort „Verantwortung“ fällt.

    Es ist eine Schande.

    Nicht nur für die Kirche. Sondern auch für eine Gesellschaft, die sich viel zu lange von Gewändern und Weihrauch blenden ließ.

    Wie oft sollen sich noch Opfer auf Bühnen stellen müssen, ihre Geschichten erzählen, ihr Innerstes nach außen kehren? Wie oft müssen sie betteln – ja, betteln – um Anerkennung, um Würde, um einen Hauch Gerechtigkeit?

    Die Frage ist nicht: Gab es Missbrauch in kirchlichen Schulen?
    Die Frage ist: Wie viele Wellen der Offenlegung braucht es noch, bis sich endlich etwas ändert?

    Die Kirche gibt sich geläutert, veranstaltet Synoden, beruft unabhängige Kommissionen. Aber solange die Täter von einst nicht benannt werden, solange Schulträger lieber auf Schadensbegrenzung als auf Schuldeingeständnis setzen, bleibt alles Fassade.

    Und wer schützt heute die Kinder in den Internaten?

    Man kann nur hoffen, dass wir nicht auch in zehn oder zwanzig Jahren wieder Artikel lesen müssen mit der Überschrift: „Ehemalige Schüler berichten von Missbrauch.“ Denn dann hätten wir alle – Gesellschaft, Staat, Kirche – kolossal versagt.

    Nächstenliebe beginnt nicht beim Gebet.

    Sondern beim Hinschauen.

    Ein Kommentar von Daniel Ivers

  • Fall von Mazan – Das Urteil von Nîmes und die neue Sprache der Gerechtigkeit

    Fall von Mazan – Das Urteil von Nîmes und die neue Sprache der Gerechtigkeit

    Manchmal schließt ein Urteil nicht nur ein Gerichtsverfahren ab, sondern ein ganzes Kapitel gesellschaftlicher Entwicklung.So war es am 9. Oktober 2025 in Nîmes, als das Berufungsverfahren im sogenannten Fall von Mazan endete – einer Affäre, die Frankreich erschüttert, beschämt und zugleich wachgerüttelt hat. Nur ein Mann war geblieben.Husamettin Dogan, einer von 51 Verurteilten, hatte als Einziger Berufung eingelegt. Ein Wagnis. Denn wer in Frankreich gegen ein Strafurteil in dieser Schwere in die zweite Instanz geht, spielt mit der Möglichkeit einer höheren Strafe.Und genau das ist geschehen: Statt neun nun zehn Jahre Haft.

    Der letzte Akt eines monströsen Dramas Mit diesem Urteil hat die Cour d’assises du Gard den Schlusspunkt unter eines der erschütterndsten Sexualverbrechen der jüngeren französischen Geschichte gesetzt.In der Erstinstanz, Ende 2024, war der Haupttäter Dominique Pelicot zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt worden – wegen der Organisation systematischer Vergewalti…

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  • Wenn die Politik wackelt: Warum Hypotheken in Frankreich teurer werden

    Wenn die Politik wackelt: Warum Hypotheken in Frankreich teurer werden

    Politische Instabilität klingt abstrakt – bis sie im Kleingedruckten der Baufinanzierung landet. Dann misst sie sich in Basispunkten, Monatsraten und Nervosität an der Börse. Der Mechanismus dahinter ist kein Hexenwerk, aber er greift leise, Schräubchen für Schräubchen. Und er betrifft alle, die kaufen, bauen oder umschulden möchten. Wie Banken ihre Immobilienzinsen festzurren. In Frankreich dient die 10-jährige Staatsanleihe (OAT 10 ans) oft als Referenz. Steigen deren Renditen, weil Investoren Frankreich ein höheres Risiko zumessen, rutscht die Referenzlinie nach oben – samt Aufschlag der Banken. Das verteuert den Refinanzierungsmix, an dem sich die Hypotheken orientieren. Gleichzeitig klettert in unsicheren Zeiten die geforderte Risikoprämie. Wer Frankreich Geld leiht, verlangt dann etwas mehr Rendite. Dieses „etwas“ sickert vom Anleihemarkt in die Bilanzkalkulationen der Banken – und landet am Ende in den Kreditkonditionen von Privatkundinnen und -kunden. Dazu kommt die Marge. Wenn…

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  • Mitte, rechts oder links – Frankreichs politische Identität im Wandel

    Mitte, rechts oder links – Frankreichs politische Identität im Wandel

    Frankreich lässt sich heute schwerlich als eindeutig „linkes“ oder „rechtes“ Land einordnen. Zu tiefgreifend haben sich die politischen Koordinaten seit der Gründung der Fünften Republik verschoben, zu volatil ist die parteipolitische Landschaft geworden. Was bleibt, ist ein demokratischer Schauplatz, auf dem sich ideologische Lager neu formieren, Allianzen zerfallen und politische Ränder erstarken.

    Die Frage, ob Frankreich eher nach links oder nach rechts tendiert, verfehlt in gewisser Weise die Realität. Vielmehr handelt es sich um ein politisches Gefüge, das sich in permanenter Neujustierung befindet – geprägt von einem wachsenden Zentrum, einer geschwächten Linken und einer zunehmend präsenten Rechten.


    Ein historischer Kompass mit verblasster Nadel

    Der Ursprung der Begriffe „links“ und „rechts“ liegt in der Französischen Revolution: Damals saßen progressive Kräfte links vom Präsidenten der Nationalversammlung, konservative Vertreter rechts. Diese symbolische Ordnung hat sich über Jahrhunderte hinweg erhalten, wurde aber in Frankreich – einem Land mit tief verwurzelter politischer Streitkultur – zunehmend komplexer.

    In der Fünften Republik, die 1958 unter Charles de Gaulle gegründet wurde, prägten wechselnde Mehrheiten das Regierungshandeln. Doch die klassische Alternanz zwischen sozialistischer Linker und bürgerlicher Rechter wurde spätestens mit dem Aufstieg Emmanuel Macrons 2017 durchbrochen. Der ehemalige Wirtschaftsminister unter François Hollande formierte mit La République en Marche (heute Renaissance) ein zentristisches Lager, das sich sowohl aus konservativen als auch progressiven Strömungen speiste – ein Bruch mit dem traditionellen Parteiensystem.


    Fragmentierung statt Lagerbildung

    Die vorgezogenen Parlamentswahlen 2024 haben deutlich gemacht, wie sehr sich das politische System Frankreichs ausdifferenziert hat. Weder das linke Lager noch die rechte oder zentristische Mitte konnten eine absolute Mehrheit erringen. Zwar wurde der rechtsextreme Rassemblement National (RN) mit 33 % der Stimmen zur stärksten Einzelkraft, doch verhinderte eine breite republikanische Front seine Regierungsübernahme.

    Die neu gegründete Linksallianz Nouveau Front Populaire wurde mit 182 Sitzen zur stärksten Fraktion in der Nationalversammlung – allerdings ohne eigene Mehrheit. Präsident Macron, dessen Renaissance-Partei nur an dritter Stelle landete, sieht sich seither mit einer instabilen parlamentarischen Lage konfrontiert. Die Exekutive regiert mittels wechselnder Koalitionen, teils durch Anwendung von Artikel 49.3 der Verfassung, der Gesetzesverabschiedungen ohne Parlamentsvotum erlaubt. Die Folge: ein zunehmend fragiler politischer Betrieb mit wechselnden Mehrheitsverhältnissen.

    Diese Entwicklungen stehen exemplarisch für einen strukturellen Wandel: Frankreich ist kein Zwei-Lager-System mehr, sondern ein politisches Kaleidoskop mit mehreren Machtzentren und hoher Volatilität.


    Thematische Widersprüche: Zwischen Etatismus und Identitätspolitik

    Die französische Wählerschaft zeigt sich ideologisch keineswegs einheitlich. In Fragen der Sozialpolitik – etwa hinsichtlich Umverteilung, Renten oder öffentlicher Daseinsvorsorge – dominiert vielfach ein staatsgläubiger, eher linker Grundkonsens. Frankreich gibt rund 31 % seines BIP für Sozialausgaben aus – einer der höchsten Werte in der OECD.

    Gleichzeitig herrscht in Fragen der inneren Sicherheit, der Migration oder nationalen Identität eine zunehmend rechte Stimmungslage. Die Debatten um laizistische Prinzipien, islamistische Radikalisierung oder Kriminalität in den Banlieues werden stark durch rechte Narrative geprägt – was dem RN einen Resonanzraum eröffnet, den er strategisch nutzt.

    Diese thematische Spaltung lässt sich auch parteipolitisch beobachten: Während die Linke insbesondere im sozialen Bereich Anschluss findet, dominiert die Rechte beim Thema Sicherheit. Das politische Zentrum versucht, beide Anliegen zu integrieren, verliert dabei aber zunehmend an Profil und Glaubwürdigkeit.


    Der institutionelle Rahmen als Verstärker

    Frankreichs politische Architektur trägt zur gegenwärtigen Instabilität bei. Die starke Stellung des Präsidenten – mit weitreichenden Vollmachten in Außen- und Verteidigungspolitik – steht einer zunehmend fragmentierten Legislative gegenüber. Der Präsident wird in direkter Wahl bestimmt, was ihm eine eigene demokratische Legitimation verleiht. Die Parlamentswahlen hingegen spiegeln ein vielfältigeres Bild gesellschaftlicher Präferenzen wider.

    Zugleich begünstigt das Zwei-Runden-Wahlsystem taktische Allianzen und Blockaden. Besonders auffällig: Der sogenannte front républicain – das parteiübergreifende Bündnis zur Verhinderung eines Wahlsiegs des RN – hat sich mehrfach als wirksames Bollwerk erwiesen. Doch sein Fundament bröckelt: Immer mehr Wählerinnen und Wähler empfinden solche Zweckbündnisse als undemokratische Machterhaltungsstrategie und wenden sich in der Folge radikalen und populistischen Parteien zu.


    Frankreichs politische Identität ist im Wandel. Der Versuch, das Land entlang der klassischen Achse links–rechts zu verorten, greift zu kurz. Vielmehr zeigen sich Tendenzen zu einem „dritten Weg“, flankiert von einer wachsenden Polarisierung an den Rändern. Der zentristische Kurs Emmanuel Macrons hat das Parteiensystem durchlässiger, aber auch instabiler gemacht. Die Linke versucht, durch neue Bündnisse wieder Anschluss zu finden, während das Rassemblement National sich zunehmend als „legitime“ Volkspartei inszeniert.

    Ob Frankreich langfristig eher nach rechts oder nach links tendiert, wird weniger von ideologischer Kohärenz als von der Fähigkeit zur Regierungsbildung und zum Kompromiss abhängen. Eindeutig ist derzeit nur eines: Die politische Landschaft Frankreichs ist vielfältig, fragil – und offen wie selten zuvor.

    Autor:Andreas M. Brucker

  • „Sie wollen, dass wir endlich hinschauen“ – Missbrauchsvorwürfe in katholischen Internaten in der Bretagne – ein neuer Schritt der Aufarbeitung

    „Sie wollen, dass wir endlich hinschauen“ – Missbrauchsvorwürfe in katholischen Internaten in der Bretagne – ein neuer Schritt der Aufarbeitung

    Sie waren Kinder. Manche zehn, andere zwölf, einige noch jünger. Heute sind sie Erwachsene – mit Stimmen, die nicht mehr schweigen. In einem aufsehenerregenden Schritt haben am 8. Oktober 2025 ehemalige Schüler:innen dreier katholischer Bildungseinrichtungen im bretonischen Département Finistère die Justiz angerufen: Über 60 schriftliche Aussagen, die mutmaßliche körperliche, psychische und sexuelle Gewalt dokumentieren, wurden der Staatsanwaltschaft in Brest übergeben. Die Namen der Schulen klingen harmlos: Sainte-Ursule, Notre-Dame du Kreisker, Saint-Pierre. Doch für viele stehen sie für Leidensorte. Orte der Einschüchterung, des Schweigens – und, mutmaßlich, der systematischen Misshandlung. Drei Schulen – eine schmerzhafte Geschichte Die betroffenen Einrichtungen liegen im Norden und Westen des Départements Finistère: Zwei in Saint-Pol-de-Léon, eine weitere in Le Relecq-Kerhuon bei Brest. Schon im Mai hatten frühere Schüler von Saint-Pierre den Mut gefunden, ihre Geschichten zu teil…

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  • Tragödie in Sinceny: Wenn Liebe an Alzheimer zerbricht

    Tragödie in Sinceny: Wenn Liebe an Alzheimer zerbricht

    Ein stilles Haus, eine geschlossene Tür, ein verdächtiges Schweigen. Am Abend des 8. Oktober fand die Polizei im nordfranzösischen Sinceny (Département Aisne) ein älteres Ehepaar tot auf – sie im Wohnzimmer, er im Garten.Was ein friedlicher Lebensabend hätte sein sollen, endete in einem doppelten Drama: Feminzid und anschließender Suizid. Der letzte Abend Nachbarn hatten Alarm geschlagen, weil sie das Paar seit Tagen nicht mehr gesehen hatten. Als die Rettungskräfte eintrafen, lag die 75-jährige Frau reglos auf dem Boden, eine Stichverletzung im Brustbereich. Reanimationsversuche blieben erfolglos.Kurz darauf fanden Gendarmen den Ehemann, 69 Jahre alt, im Garten – tot, offenbar durch eine Schusswaffe.In der Wohnung lag ein Brief. Darin erklärte der Mann seinen Entschluss: Er habe den Tod seiner Frau als „Akt der Erlösung“ gesehen. Sie litt an einer fortgeschrittenen Form von Alzheimer, die Pflege überstieg längst seine Kräfte. Die Ermittler gehen von einem klaren Ablauf aus: Tötung der…

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