Schlagwort: Frankreich

  • Frankreich ringt mit der Zucman-Steuer: Vermögensgerechtigkeit oder Standortrisiko?

    Frankreich ringt mit der Zucman-Steuer: Vermögensgerechtigkeit oder Standortrisiko?

    Frankreich diskutiert seit Monaten ein steuerpolitisches Instrument, das das Potenzial hat, europäische Debatten nachhaltig zu prägen – und gleichzeitig das Land selbst tief spaltet: die sogenannte Zucman-Steuer. Gemeint ist eine jährliche Mindestbesteuerung sehr großer Privatvermögen. Was international oft als pauschaler Zwei-Prozent-Satz auf Milliardärsvermögen gedacht ist, wird in Frankreich in Varianten ab etwa 100 Millionen Euro Nettovermögen diskutiert. Der politische Reiz des Vorschlags liegt auf der Hand: In Zeiten wachsender Vermögenskonzentration und solider Kapitalmarktgewinne wächst der Druck, die steuerliche Unterbesteuerung an der Spitze des Reichtums effektiver zu adressieren – ohne dabei Investitionen zu gefährden. Doch hinter der Idee steht mehr als bloße Symbolpolitik.

    Ein Mindestmaß an Beitrag

    Die Zucman-Steuer greift eine Logik auf, die bereits in der globalen Unternehmensbesteuerung Anwendung findet: Eine Mindestlast, die Steuervermeidung durch nationale Spielräume begrenzen soll. Statt weiterer Sonderregelungen für Vermögende setzt das Konzept auf universelle Untergrenzen – unabhängig von Wohnsitz, Herkunft der Einkünfte oder nationalen Schlupflöchern.

    Technisch lassen sich zwei Wege unterscheiden: Entweder wird eine direkte Abgabe auf das Nettovermögen erhoben – etwa 2 % jährlich –, oder es kommt zu einer indirekten Besteuerung über fiktive Einkünfte. Dabei wird das Vermögen mit einem pauschalen Ertragssatz (z. B. 7 %) bewertet und dieser Betrag als Einkommen der Besteuerung unterworfen – bis die gewünschte Mindestbelastung erreicht ist. Letzteres Modell zielt auf eine höhere Vollzugstauglichkeit und bessere Abdeckung schwer bewertbarer Vermögensformen. Politisch allerdings ist es nicht weniger umstritten.

    Frankreichs steuerpolitische Erfahrung

    Die französische Debatte fällt nicht auf unvorbereiteten Boden. Jahrzehntelang existierte mit der ISF – der Impôt de solidarité sur la fortune – eine umfassende Vermögenssteuer, die hohe Nettovermögen unabhängig von der Vermögensart belastete. 2017 wurde sie im Zuge wirtschaftspolitischer Reformen unter Präsident Macron zur IFI umgebaut und auf Immobilienvermögen beschränkt. Die neue Debatte knüpft an dieses Erbe an – jedoch mit verändertem Fokus: Nicht mehr breite Vermögensgruppen sollen erfasst, sondern gezielt das oberste Promille besteuert werden.

    Entsprechend hoch liegt die Schwelle: Diskutiert wird eine Einstiegshöhe bei 100 Millionen Euro. Die politische Sprengkraft liegt jedoch weniger in dieser Zahl als in der Rückkehr zu einer umfassenden Bewertung – also auch von Unternehmensbeteiligungen, Stiftungen, Kunstvermögen oder Private Equity. Genau hier beginnen die komplexen Abgrenzungs- und Umsetzungsfragen.

    Drei Argumente für die Steuer

    Die Befürworter der Zucman-Steuer führen vor allem drei Argumente ins Feld. Erstens ein Gerechtigkeitsversprechen: Wer dauerhaft und im großen Maßstab vom internationalen Kapitalmarkt profitiert, müsse auch in Jahren ohne realisierte Gewinne einen Beitrag zum Gemeinwesen leisten. Zweitens eine fiskalische Stabilisierung: Eine Vermögensmindeststeuer könnte die Abhängigkeit des Staates von konjunkturabhängigen Einnahmen verringern. Und drittens ein symbolisches Moment: Der Sozialstaat wird nicht länger ausschließlich über Lohn- und Verbrauchssteuern finanziert, sondern auch über einen dauerhaften Beitrag der ökonomisch Stärksten.

    Und drei Gegenargumente

    Auf der Gegenseite stehen ebenso gewichtige Einwände. Zunächst das Standortargument: Eine nationale Alleinfahrt birgt das Risiko, dass Vermögende ihren Steuersitz ins Ausland verlagern oder auf legale Ausweichstrategien zurückgreifen. Zweitens die Bewertungs- und Liquiditätsfrage: Gerade bei nicht-börsennotierten Vermögenswerten ist die Wertermittlung komplex, Ausschüttungen oft nicht verfügbar – das Phänomen der „Papiermilliardäre“ ohne liquide Mittel ist real. Drittens bestehen verfassungsrechtliche Bedenken: Eigentumsgarantie, Gleichheitsgrundsatz und das Erfordernis klarer, nachvollziehbarer Bemessungsgrundlagen setzen dem steuerpolitischen Gestaltungsspielraum Grenzen.

    Wenn Technik politisch wird

    Die Debatte um Mindeststeuern auf Vermögen zeigt: Technische Details sind politisch. Das gilt besonders für die Bewertungsfragen. Während Aktien oder liquide Finanzanlagen einfach zu bewerten sind, ist das bei Familienunternehmen, Beteiligungsgesellschaften oder Sammlungsobjekten ungleich schwieriger. Frankreich könnte auf Erfahrungen der früheren ISF zurückgreifen – etwa in Form pauschaler Abschläge, Bewertungsabschläge und Stundungsregelungen. Ohne pragmatische Lösungen in diesen Bereichen droht die Steuer nicht nur ineffizient, sondern auch wirtschaftlich schädlich zu wirken. Ein wichtiges Korrektiv könnte ein Anrechnungsmechanismus sein: Wer in Frankreich bereits hohe Steuerlasten über Einkommens-, Quellen- oder Erbschaftsteuern trägt, soll Gutschriften auf die Mindestlast erhalten. Das senkt Doppelbelastungen und fokussiert die Wirkung auf Unterbesteuerte.

    Nationale Initiative oder europäische Einbettung?

    Ob sich das Projekt politisch realisieren lässt, hängt nicht zuletzt vom Grad internationaler Koordination ab. Eine national beschlossene Zucman-Steuer wäre rechtlich anfälliger und ökonomisch riskanter. Eine abgestimmte europäische Initiative – etwa im Rahmen einer verstärkten Zusammenarbeit – könnte hingegen Flankenschutz bieten. Die französische Debatte ist sich dessen bewusst. Immer wieder ist zu hören, dass ein nationaler Einstieg mit Übergangsfristen und gleichzeitiger diplomatischer Initiative auf europäischer Ebene kombiniert werden müsse, um Wirkung und Akzeptanz gleichermaßen zu sichern.

    Am Ende geht es weniger um ein moralisches Urteil über Reichtum, sondern um die Frage, ob ein konsistentes, rechtssicheres und wirtschaftlich tragfähiges Design möglich ist. Nur wenn die Bewertungslücken geschlossen, Doppelbelastungen begrenzt und internationale Standards abgestimmt werden, kann eine Mindeststeuer auf Vermögen mehr sein als ein symbolisches Projekt. Scheitert das Vorhaben an seinen technischen und politischen Widersprüchen, droht es in die Reihe gut gemeinter, aber letztlich folgenloser Gerechtigkeitsversprechen einzugehen.

    Autor: P. Tiko

  • Drama auf der Bahnstrecke in Hochsavoyen: Zug rast in Rinderherde – 15 Tiere tot

    Drama auf der Bahnstrecke in Hochsavoyen: Zug rast in Rinderherde – 15 Tiere tot

    Ein schockierender Zwischenfall erschüttert die Alpenregion: Auf der Linie des Léman-Express zwischen Annecy und La Roche-sur-Foron kam es am Donnerstagabend zu einem tragischen Unfall. Ein Regionalzug erfasste eine Herde junger Kühe – 15 Tiere starben. Was nach einem skurrilen Einzelfall klingt, offenbart bei näherem Hinsehen die Schwachstellen ländlicher Infrastruktur in Frankreich. Die Nacht, in der alles stillstand Donnerstag, 19 Uhr, irgendwo zwischen Évires und Groisy. Ein TER-Zug mit rund 50 Passagieren an Bord nähert sich dem kleinen Bahnhof Évires, als plötzlich eine Gruppe Rinder auf den Gleisen steht. Der Lokführer kann nicht mehr rechtzeitig bremsen. Der Aufprall ist massiv – 14 der Tiere sterben sofort, eines überlebt schwer verletzt und wird später durch einen Tierarzt eingeschläfert. Wie durch ein Wunder bleibt es bei einem rein materiellen Schaden: Keine Verletzten unter den Fahrgästen oder beim Lokführer. Doch der Zug erleidet beträchtliche Schäden. Der Schienenverkehr…

    [wtr-time]

    Der weitere Text ist unseren Abonnenten vorbehalten.


    Warum ein Abo? Weil guter Journalismus seinen Preis hat.

    Information mag frei zugänglich sein – aber Journalismus ist kein Selbstläufer. Recherchen, Interviews, Faktenchecks und Einordnungen erfordern Zeit, Expertise und Verantwortung.

    Wer unabhängige, fundierte Berichterstattung will, muss sie ermöglichen. Werbefinanzierung allein reicht nicht – sonst entscheiden Klickzahlen über Inhalte.

    Ein Abonnement ist kein Eintrittsgeld, sondern ein Bekenntnis: zur Qualität, zur Unabhängigkeit und zu einer informierten Öffentlichkeit.

    Information ist frei. Journalismus kostet. Und genau deshalb lohnt sich ein Abo.


    Abo-Light – das Monatsabonnement zum schlanken Preis

    Alle Artikel für 0,50 € pro Woche. Das Abo wird monatlich mit 2 € abgerechnet und ist monatlich kündbar.

    Monatsabonnement buchen…


    Premium-Abo – das Jahresabonnement mit wertvollen Add-Ons

    Alle Artikel für 0,38 € pro Woche. Das Abo wird jährlich mit 20 € abgerechnet und ist jährlich kündbar.

    Das Premium-Jahres-Abo bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    Jahresabonnement buchen…


    Lebenslang – das Premium-Abo für immer

    Für eine einmalige Zahlung für nur 36 €. Unbegrenzter Zugriff – ein Leben lang.

    Das Premium-Abo-Lebenslang bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    „Abo-Lebenslang“ buchen…


     

     

  • Steuern, Rente, Arbeit: Zwei Nachbarn, zwei Welten

    Steuern, Rente, Arbeit: Zwei Nachbarn, zwei Welten

    Manchmal trennt uns mehr als nur der Rhein. Zwischen Baguette und Brötchen, zwischen Bürokratie und Bravour – die Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland im Alltag von Arbeit, Steuern und Rente sind gewaltiger, als man denkt. Und sie erzählen viel über Mentalität, Geschichte und das, was wir „soziales Gefüge“ nennen.


    Ein ganz normaler Montag – oder auch nicht

    Montagmorgen, 8 Uhr. In Berlin schiebt sich der Verkehr zäh über den Tempelhofer Damm, Thermobecher in der Hand, Blick aufs Smartphone. Drüben in Lyon? Da duftet es nach frischem Café au lait, ein Croissant balanciert auf dem Unterarm, und auf dem Weg zur Arbeit wird noch schnell über Politik diskutiert. Klingt klischeehaft? Vielleicht. Doch wer in beiden Ländern gearbeitet hat, spürt schnell: Hier läuft das Leben in zwei Taktarten.


    Arbeit: Pflichtgefühl trifft Lebenskunst

    Der Deutsche arbeitet im Schnitt rund 34 Stunden pro Woche, der Franzose knapp 32. Doch diese zwei Stunden Unterschied erzählen mehr als Zahlen: In Deutschland gilt Arbeit als moralischer Kern des Lebens – Leistung, Disziplin, Durchhaltevermögen. „Was du heute kannst besorgen…“ – der Satz ist hier fast Gesetz.

    In Frankreich hingegen: Arbeit ja, aber nicht um jeden Preis. Freizeit ist kein Luxus, sondern Grundrecht. Die 35-Stunden-Woche, einst umstritten, ist heute Symbol eines anderen Denkens. Viele Franzosen betrachten Arbeit als Mittel zum Leben – nicht als Selbstzweck.

    Aber bedeutet das, dass man in Frankreich weniger leistet? Keineswegs. Die Produktivität pro Arbeitsstunde liegt sogar leicht über der deutschen. Vielleicht, weil man sich Pausen erlaubt – und dann konzentrierter arbeitet. Oder weil ein Espresso am Tresen einfach besser wirkt als eine halbe Stunde Kantinenlärm.

    Und mal ehrlich: Wann hat ein deutscher Chef zuletzt zu seinen Angestellten gesagt, sie sollen früher heimgehen, weil die Sonne so schön scheint? In Frankreich kommt das vor. Nicht täglich, aber doch – manchmal mit einem Augenzwinkern.


    Steuern: Zwei Systeme, ein Dschungel

    „Wie viel bleibt mir eigentlich netto?“ – diese Frage klingt in beiden Ländern gleich, doch die Antwort fällt sehr unterschiedlich aus.

    In Deutschland läuft alles zentral über die Lohnsteuer, die der Arbeitgeber direkt abführt. Dazu kommen Kirchensteuer, Solidaritätszuschlag, Sozialabgaben. Übersichtlich? Na ja – halbwegs.

    In Frankreich ist das Steuerwesen dagegen eine Art Puzzle aus staatlicher Lohnsteuer, Sozialbeiträgen und unzähligen Abgaben, die sich zu einem erstaunlich hohen Gesamtpaket summieren. Bis 2019 mussten Franzosen ihre Einkommensteuer sogar selbst überweisen – erst seitdem zieht der Arbeitgeber sie direkt ab. Ein Fortschritt, den man jenseits des Rheins fast schon feierte wie einen nationalen Sieg.

    Aber die Franzosen zahlen ihre Steuern mit einer gewissen Gelassenheit. Sie wissen: Das System ist komplex, doch die Gegenleistungen sind sichtbar – gute Krankenversorgung, staatlich subventionierte Kinderbetreuung, und ein sozialer Schutzschirm, der in Krisenzeiten schnell reagiert.

    In Deutschland dagegen? Da fragt man sich oft: „Wohin fließt das ganze Geld?“ Der Sozialstaat ist stark, keine Frage, aber weniger sichtbar.


    Rente: Zwei Wege ins Alter

    Jetzt wird’s ernst: die Rente. Kaum ein Thema wird emotionaler diskutiert – in Paris wie in München.

    In Frankreich sorgt der Staat für eine Grundsicherung, die durch viele berufsbezogene Systeme ergänzt wird. Lehrer, Lokführer, Beamte, Handwerker – jeder hat sein eigenes Rentensystem, was für Außenstehende wirkt wie ein Labyrinth. Kein Wunder, dass Präsident Macron bei seinem Versuch, all das zu vereinheitlichen, auf Massendemonstrationen traf.

    In Deutschland läuft alles zentral über die gesetzliche Rentenversicherung. Sie ist transparenter, aber auch starrer. Wer einzahlt, bekommt Punkte, wer viele Punkte hat, bekommt später mehr. Klingt gerecht – doch die Realität sieht oft bitter aus: steigendes Rentenalter, sinkendes Rentenniveau.

    In Frankreich geht man in der Regel früher in Rente, bisher mit 62 Jahren – auch wenn auch hier Reformen das Renteneintrittsalter langsam, aber sicher nach oben schieben. Die Debatten sind heftig, emotional, laut. In Deutschland dagegen bleibt man erstaunlich ruhig. Vielleicht, weil man sich längst an die Idee gewöhnt hat, bis 67 zu arbeiten. Oder weil Streiken einfach nicht in der deutschen DNS verankert ist?


    Sozialstaat und Sicherheit: Frankreichs Schutzengel

    Frankreich liebt seinen Sozialstaat. Krank, arbeitslos, alleinerziehend? Es gibt Unterstützung – und zwar spürbar. Das „Modèle social français“ gilt als Identitätssäule des Landes. Fast 30 % des französischen Bruttoinlandsprodukts fließen in Sozialleistungen – der höchste Wert Europas.

    Deutschland ist sparsamer, strukturierter, bürokratischer. Das System funktioniert, doch der Zugang ist oft kompliziert. Formulare, Nachweise, Anträge – die Deutschen lieben Effizienz, aber manchmal verliert man sich darin.

    In Frankreich dagegen ist Hilfe leichter zugänglich, aber das System finanziell überfordert. Die Sozialkassen sind chronisch defizitär. „Man kann nicht alles haben“, sagen Kritiker. Aber viele Franzosen würden entgegnen: „Doch, zumindest versuchen wir’s!“


    Arbeitslosigkeit: Ein Spiegel der Mentalität

    Frankreich kämpft traditionell mit einer höheren Arbeitslosenquote. Lange lag sie bei rund 8 bis 9 Prozent, während Deutschland seit Jahren unter 5 Prozent bleibt. Der Grund? Teilweise strukturell, teilweise kulturell.

    Französische Unternehmen zögern oft, unbefristet einzustellen. Das Arbeitsrecht gilt als rigide, Kündigungen sind schwierig – also setzt man lieber auf befristete Verträge. In Deutschland dagegen ist der Arbeitsmarkt flexibler, was Unternehmen Sicherheit gibt, aber Arbeitnehmern manchmal eben das Gegenteil.

    Doch es gibt Bewegung: Start-ups, Digitalisierung, grüne Wirtschaft – Frankreich hat in den letzten Jahren stark aufgeholt. Vor allem in Städten wie Nantes, Bordeaux oder Lille entsteht ein moderner Arbeitsgeist, der alte Muster sprengt.


    Lebenshaltungskosten: Wer zahlt den höheren Preis?

    „Das Leben in Paris ist teuer“ – ja, stimmt. Aber München ist kaum besser. Frankreichs Städte sind in der Regel etwas günstiger beim Wohnen, teurer beim täglichen Konsum. Benzin, Strom, Käse – vieles kostet mehr.

    Dafür ist Bildung fast kostenlos, medizinische Versorgung gut abgedeckt, und selbst Universitäten verlangen kaum Gebühren. In Deutschland ist das Bildungssystem ebenfalls solide, doch die sozialen Unterschiede sind deutlicher spürbar. Wer viel verdient, lebt deutlich komfortabler – in Frankreich ist der Unterschied weniger ausgeprägt, zumindest im Alltag.


    Frauen, Familie, Freiheit

    In Frankreich ist Gleichberechtigung gelebter Alltag. Frauen arbeiten häufiger Vollzeit, auch mit Kindern, weil Betreuungsangebote flächendeckend existieren. Krippenplätze, Ganztagsschulen, steuerliche Vorteile – das Land investiert massiv in Familien.

    In Deutschland dagegen stehen viele Mütter vor der Wahl: Karriere oder Kind? Noch immer prägt das traditionelle Modell die Gesellschaft. Es ändert sich langsam, aber sicher. Doch die französische Leichtigkeit in Sachen Vereinbarkeit – die fehlt in Deutschland oft.

    Und seien wir ehrlich: Wer je einen französischen Vater erlebt hat, der am Schulzaun mit anderen Vätern plaudert, während die Kinder noch toben, weiß – hier ist Familie weniger Hierarchie, mehr Gemeinschaft.


    Mentalität und Geschichte

    Die Unterschiede liegen tief – sie sind nicht nur ökonomisch, sondern kulturell. Frankreich hat ein stark republikanisches Selbstverständnis, geprägt von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Der Staat ist mehr als Verwaltung – er ist Beschützer, Gestalter, Symbol.

    Deutschland dagegen setzt auf Eigenverantwortung. Der Staat soll Rahmen schaffen, nicht alles regeln. Sicherheit ja, aber ohne Bevormundung. Ein Ansatz, der Stabilität bringt – aber manchmal auch soziale Kälte.

    Wer also hat den „besseren“ Weg gefunden?

    Vielleicht keiner. Oder beide – je nachdem, was man sucht:
    In Deutschland die Planbarkeit, die ruhige Hand, die Präzision. In Frankreich das Vertrauen ins Leben, die Lebenskunst, das „Es wird schon gehen“.

    Und irgendwo dazwischen, im Grenzgebiet bei Saarbrücken oder Straßburg, begegnen sich beide Systeme – in Cafés, auf Baustellen, in grenzüberschreitenden Büros. Man hört zwei Sprachen, aber man spürt eine gemeinsame Sehnsucht: gut leben, gut arbeiten, gut altern.


    Ein kurzer Blick in die Zukunft

    Europa steht vor gewaltigen Herausforderungen: Digitalisierung, Klimawandel, demografischer Druck. Deutschland wird sich neu erfinden müssen, um seine alternde Gesellschaft abzusichern. Frankreich muss sein kostspieliges Sozialsystem modernisieren, ohne seinen humanen Kern zu verlieren.

    Was, wenn beide voneinander lernen würden?
    Deutschland könnte mehr Gelassenheit vertragen, Frankreich etwas mehr Effizienz – wäre das nicht ein schöner Deal?

    Vielleicht ist es wie bei einem guten Rotwein und einem kühlen Bier: Beide haben ihren Charakter, ihre Tradition, ihren Stolz. Und doch schmecken sie gemeinsam mit Freunden am besten – an einem langen Sommerabend, irgendwo zwischen Straßburg und Freiburg, wenn die Sonne langsam hinter den Vogesen verschwindet.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Kernkraft-Renaissance: Hoffnung oder Risiko?

    Kernkraft-Renaissance: Hoffnung oder Risiko?

    Früher war sie das große Versprechen einer sauberen Zukunft – dann das Schreckgespenst einer unbeherrschbaren Technologie. Heute klopft die Kernenergie wieder an die Tür der Politik, der Industrie, ja sogar der Gesellschaft. Nach Jahrzehnten der Skepsis erlebt sie eine Renaissance, die viele überrascht. Doch ist sie wirklich der erhoffte Heilsbringer im Kampf gegen den Klimawandel – oder nur eine glänzend polierte Illusion aus der Vergangenheit?


    In Europa brodelt es. Frankreich modernisiert seine Reaktoren, Großbritannien setzt auf neue Kraftwerksprojekte, Polen und Tschechien planen den Einstieg. Selbst in Deutschland, wo man glaubte, das Kapitel endgültig geschlossen zu haben, flammen die Debatten wieder auf. Die Frage nach der Kernkraft ist zurück – laut, kontrovers, emotional.

    Dabei ist die Versuchung groß. Strom aus Kernenergie stößt kaum CO₂ aus, liefert verlässlich Energie – Tag und Nacht, bei Sonne wie Schnee. Angesichts explodierender Energiepreise und drohender Versorgungsengpässe klingt das fast zu schön, um wahr zu sein. „Warum nicht wieder Kernkraft?“ fragen viele.

    Und ehrlich gesagt – wer hätte gedacht, dass ausgerechnet die Atomkraft zum Symbol einer möglichen Energiewende 2.0 werden könnte?


    Doch da ist sie wieder, die alte Ambivalenz. Denn während die einen von einer neuen Ära der sauberen Energie träumen, erinnern sich andere an die Schattenseiten: Tschernobyl, Fukushima, die ungelöste Endlagerfrage. Der Glanz des „sauberen Atoms“ verblasst schnell, sobald man sich daran erinnert, dass radioaktiver Müll nicht in Jahrzehnten, sondern in Jahrtausenden denkt.

    Ein französischer Ingenieur sagte einmal: „Die Kernkraft ist wie ein Jaguar – elegant, schnell, aber wenn du nicht aufpasst, frisst sie dich.“ Treffender lässt sich das Dilemma kaum beschreiben.


    Technologisch hat sich jedoch vieles getan. Neue Reaktortypen – sogenannte Small Modular Reactors (SMR) – versprechen mehr Sicherheit, weniger Abfall, geringere Kosten. Sie sollen flexibel einsetzbar sein, auch in Kombination mit erneuerbaren Energien. Start-ups und Energie-Giganten weltweit investieren Milliarden in die Forschung. In Kanada läuft bereits ein erstes Pilotprojekt, in Finnland steht eines kurz vor der Fertigstellung.

    Aber Hand aufs Herz: Ist das die Zukunft oder nur ein teurer Versuch, die Vergangenheit zu retten?


    Frankreich ist dabei der wohl interessanteste Fall. Das Land war nie ganz ausgestiegen, hielt seine Reaktoren am Netz, modernisierte, investierte. Heute kommt rund zwei Drittel des französischen Stroms aus Atomenergie – und das mit vergleichsweise niedrigen Emissionen. Emmanuel Macron hat die Kernkraft zur „Achse der nationalen Energiesouveränität“ erklärt. Neue Reaktoren sollen entstehen, alte länger laufen.

    Für viele Franzosen ist das weniger Ideologie als Pragmatismus. Das Land kennt die Macht der Unabhängigkeit – vor allem in Energiefragen. Stromausfälle? Selten. Importabhängigkeit? Kaum. Und während Nachbarländer über Kohle- und Gaspreise diskutieren, dreht Frankreich leise an seinen eigenen Schaltern.


    Ganz anders Deutschland. Dort schaltete man 2023 die letzten Reaktoren ab – mit Applaus, aber auch mit einem bitteren Nachgeschmack. Kaum war der letzte Brennstab gezogen, stiegen die Strompreise, und der Ruf nach Versorgungssicherheit wurde lauter. Inzwischen fragen sich manche, ob der Ausstieg zu radikal war.

    Doch zurückdrehen lässt sich das Rad kaum. Die Anlagen sind stillgelegt, die Gesellschaft tief gespalten. Die einen nennen die Renaissance der Kernkraft „einen gefährlichen Rückfall“, die anderen „eine vernünftige Reaktion auf die Realität“.


    Was dabei oft untergeht: Kernkraft allein löst keine Energiekrise. Sie kann Teil eines Systems sein, aber kein Ersatz für alles. Der Aufbau neuer Reaktoren dauert Jahre, oft Jahrzehnte. Die Kosten sind immens, die politischen Hürden hoch. Selbst wenn morgen der Startschuss fiele – die Wirkung käme frühestens in den 2040ern.

    Dazu kommt die ungelöste Entsorgungsfrage. In Deutschland sucht man seit Jahrzehnten nach einem Endlager. In Finnland wurde eines gefunden – tief im Granit, sicher, teuer, einzigartig. Aber kann man solche Projekte weltweit umsetzen? Und wer will freiwillig neben einem Endlager wohnen?


    Die Kernkraft spaltet, im wahrsten Sinne des Wortes – Atome und Meinungen.
    Doch sie bietet auch Chancen, wenn man sie realistisch betrachtet: als Technologie, nicht als Ideologie. Vielleicht liegt die Wahrheit, wie so oft, irgendwo dazwischen. Weder Heilsbringer noch Dämon, sondern ein Werkzeug – gefährlich, wenn falsch benutzt, mächtig, wenn klug eingesetzt.


    Ein Blick in die Zukunft: Was passiert, wenn die SMRs tatsächlich halten, was sie versprechen? Dann könnten sie helfen, Netze zu stabilisieren, ländliche Regionen zu versorgen, sogar industrielle Prozesse zu dekarbonisieren. Eine Art „Atomkraft light“. Klingt verlockend – aber ist die Welt bereit, ihr wieder zu vertrauen?

    Ein Satz aus der alten Energiepolitik klingt plötzlich wieder aktuell: „Sicherheit ist kein Zustand, sondern ein Prozess.“

    Vielleicht liegt genau darin die Lehre dieser Renaissance: Die Kernkraft kann eine Brücke sein, aber keine Brücke ohne Geländer.


    Und dann ist da noch die Frage, die keiner gern stellt: Können wir uns leisten, sie nicht zu nutzen? Wenn die Temperaturen steigen, Ressourcen knapper werden und Energie zur Währung des 21. Jahrhunderts wird – sind wir dann nicht gezwungen, alle Optionen auf den Tisch zu legen, auch die unbequemen?


    Vielleicht brauchen wir eine neue Ehrlichkeit in der Debatte. Weg vom Schwarz-Weiß, hin zu einem pragmatischen Grau.
    Denn weder Wind noch Sonne noch Atom allein werden die Welt retten. Aber gemeinsam, in einem ausgewogenen Mix, könnten sie das schaffen, was bisher nie gelang: stabile Energie, saubere Luft, eine Zukunft ohne fossile Abhängigkeit.


    Am Ende bleibt die Kernkraft das, was sie immer war: ein Spiegel unserer eigenen Ambivalenz.
    Sie zeigt, wie sehr Fortschritt und Risiko, Hoffnung und Angst, Vernunft und Emotion in uns verwoben sind. Die Entscheidung über ihre Zukunft ist keine technische – sie ist eine zutiefst menschliche.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Zwei Männer, ein Plan, viele Fragen: Festnahmen nach dem spektakulären Louvre-Raub

    Zwei Männer, ein Plan, viele Fragen: Festnahmen nach dem spektakulären Louvre-Raub

    Eine Woche lang war es still. Kein Hinweis auf die gestohlenen Juwelen, kein klares Täterprofil, keine Spur – bis zum Samstagabend. Dann klickten die Handschellen. Zwei Männer, beide Anfang dreißig, beide aus dem Großraum Paris, beide mit krimineller Vergangenheit – sie gelten jetzt als Hauptverdächtige im Fall des spektakulären Kunstdiebstahls aus dem Louvre. Die Polizei hat sie gestellt, einer wurde in letzter Minute am Flughafen Roissy-Charles-de-Gaulle gestoppt, kurz vor dem Abflug nach Algerien. Es ist ein Durchbruch – aber nicht das Ende der Geschichte.

    Der Coup im Museum – und was danach geschah Am Sonntag, dem 19. Oktober 2025, schlugen die Täter zu. Morgens, bei Dämmerung. Mit einer Hebebühne verschafften sie sich Zugang zur Galerie d’Apollon – einem Prunkraum des Louvre, in dem Frankreich seine kaiserlichen und königlichen Schmuckstücke präsentiert. In weniger als acht Minuten waren sie drin, hatten mehrere hochkarätige Juwelen an sich genommen und sich wieder vom Acker gema…

    [wtr-time]

    Der weitere Text ist unseren Abonnenten vorbehalten.


    Warum ein Abo? Weil guter Journalismus seinen Preis hat.

    Information mag frei zugänglich sein – aber Journalismus ist kein Selbstläufer. Recherchen, Interviews, Faktenchecks und Einordnungen erfordern Zeit, Expertise und Verantwortung.

    Wer unabhängige, fundierte Berichterstattung will, muss sie ermöglichen. Werbefinanzierung allein reicht nicht – sonst entscheiden Klickzahlen über Inhalte.

    Ein Abonnement ist kein Eintrittsgeld, sondern ein Bekenntnis: zur Qualität, zur Unabhängigkeit und zu einer informierten Öffentlichkeit.

    Information ist frei. Journalismus kostet. Und genau deshalb lohnt sich ein Abo.


    Abo-Light – das Monatsabonnement zum schlanken Preis

    Alle Artikel für 0,50 € pro Woche. Das Abo wird monatlich mit 2 € abgerechnet und ist monatlich kündbar.

    Monatsabonnement buchen…


    Premium-Abo – das Jahresabonnement mit wertvollen Add-Ons

    Alle Artikel für 0,38 € pro Woche. Das Abo wird jährlich mit 20 € abgerechnet und ist jährlich kündbar.

    Das Premium-Jahres-Abo bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    Jahresabonnement buchen…


    Lebenslang – das Premium-Abo für immer

    Für eine einmalige Zahlung für nur 36 €. Unbegrenzter Zugriff – ein Leben lang.

    Das Premium-Abo-Lebenslang bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    „Abo-Lebenslang“ buchen…


     

     

  • Wenn die Quellen versiegen – Frankreichs stille Wasserkrise

    Wenn die Quellen versiegen – Frankreichs stille Wasserkrise

    Ein Land, das einst stolz war auf seine Flüsse, seine weiten Ebenen und schneebedeckten Gipfel, blickt heute mit Sorge in trockene Flussbetten und auf rissige Böden. Frankreich steckt mitten in einer Wasserkrise, die sich leise, aber unaufhaltsam durch das Land frisst.

    Wer in diesen Wochen durch den Norden fährt, sieht es sofort: abgeblühte Wiesen, leere Brunnen, gedämpftes Grün, das unter der Sonne flimmert. Und im Süden, wo Olivenbäume seit Jahrhunderten tiefe Wurzeln ins Gestein graben, trocknen selbst uralte Haine langsam aus.

    „Früher hatten wir hier im Mai noch genug Regen“, erzählt Jean-Luc, ein Landwirt aus der Provence. „Jetzt ist der Boden schon im April so hart, dass der Pflug kaum hineingeht.“
    Er schüttelt den Kopf, wischt sich den Staub von der Stirn – dann lacht er leise, als wolle er die Sorge wegwischen. „Wir lernen, mit weniger zu leben. Aber irgendwann ist weniger eben nichts mehr.“


    Der Winter, der keiner war

    Das Dilemma begann schon im vergangenen Winter: kaum Schnee in den Alpen, wenig Regen im Norden, trockene Böden, wo sonst im Februar Pfützen spiegeln. Eine Folge des Klimawandels? Ohne Zweifel. Aber auch das Ergebnis jahrzehntelanger Übernutzung der Wasserressourcen.

    In der Île-de-France stieg die Durchschnittstemperatur seit 1990 um zwei Grad. Klingt wenig – aber die Bodenfeuchte fiel um fünf Prozent. Das ist, als würde dem Land unbemerkt ein ganzer Fluss verdunsten.

    Die französische Geologiebehörde BRGM schlägt Alarm: Grundwasserleiter, die sich einst Jahr für Jahr füllten, bleiben leer. Die Aquiferen in der Picardie, im Elsass und in der Bretagne gleichen heute löchrigen Fässern, deren Inhalt nur zögerlich zurückkehrt.


    Nordfrankreich – wo die Dürre im Frühling kam

    In Pas-de-Calais etwa regnete es zwischen Februar und April so wenig wie seit 1959 nicht mehr. Ein Rekord, der niemanden freut. Die Bauern dort begannen schon im März, über Bewässerungsverbote zu diskutieren. Die Behörden reagierten früh: Rasen sprengen, Pools füllen, Autos waschen – alles verboten.

    Claire, die in einem kleinen Dorf nahe Arras lebt, zeigt auf ihren Garten. „Ich gieße nur noch die Tomaten – und selbst das nur alle zwei Tage. Mein Nachbar hat einen Brunnen, aber der führt kaum noch Wasser.“

    Das Wasser wird zum Gesprächsthema auf Dorffesten, auf Märkten, in Cafés. Früher diskutierte man über Fußball, heute über Grundwasserstände.


    Der Süden – alte Sorgen, neue Wunden

    In der Provence, an der Côte d’Azur, in Okzitanien – Wasser war dort nie selbstverständlich. Aber in den letzten Jahren hat sich der Mangel verschärft. Tourismus, Landwirtschaft, Stadtwachstum – alles hängt an derselben Quelle.

    Ein zentrales Symbol ist der Canal de Provence, ein gigantisches Netz aus Leitungen, das Wasser über hunderte Kilometer transportiert. Er rettet die Region regelmäßig vor Engpässen – und gleichzeitig entbrennt an ihm eine Diskussion über Nachhaltigkeit.

    Wie lange lässt sich Wasser noch verteilen, wenn es überall fehlt?

    In der Nähe von Aix-en-Provence diskutieren Winzer, Bauern und Kommunalpolitiker über Zukunftspläne. Einer schlägt zusätzliche Speicherbecken vor, ein anderer mahnt, dass künstliche Reservoirs mehr verdunsten als speichern. „Wir brauchen weniger Technik und mehr Vernunft“, ruft jemand aus der letzten Reihe. Applaus.


    Die ländliche Stille der Bretagne – und die schleichende Not

    Die Bretagne, berühmt für Regen und Wind, galt lange als wasserreich. Doch selbst dort spürt man die Trockenheit. Brunnen versiegen, Quellen trocknen aus, Bäche verschwinden.

    Was besonders auffällt: Die Reaktion ist oft erst da, wenn die Not schon sichtbar ist. „Wir handeln immer zu spät“, sagt eine Mitarbeiterin der Wasserbehörde in Rennes. „Wenn das Wasser knapp wird, drehen wir den Hahn zu. Aber Planen für übermorgen? Das fällt uns schwer.“

    In vielen Gemeinden wird erst dann gehandelt, wenn der Pegel sinkt. Kein Wunder, dass Landwirte die Krise als etwas Unplanbares empfinden – wie eine Dürre im Kopf, die sich langsam in den Alltag frisst.


    Zwischen Sparsamkeit und Struktur – Frankreichs Reaktionen

    Das Land hat reagiert – und doch nicht einheitlich.

    • Verbrauchsbeschränkungen gibt es mittlerweile in über 70 Départements. Gärten dürfen nicht mehr beliebig bewässert werden, Pools bleiben leer, Autowäschen werden untersagt.
    • Preisanpassungen: Städte wie Toulouse führen gestaffelte Tarife ein. Wer im Sommer mehr Wasser nutzt, zahlt deutlich mehr.
    • Technische Maßnahmen: Neue Speicher, modernisierte Leitungen, smarte Messsysteme sollen Wasserverluste verringern.
    • Regionale Pläne, sogenannte sobriété de l’eau, setzen auf langfristige Resilienz statt nur auf Krisenbewältigung.

    Doch viele Experten kritisieren: Die Maßnahmen greifen zu punktuell, zu kurzfristig.

    „Wir behandeln die Symptome, nicht die Ursachen“, sagt ein Klimaforscher der École Polytechnique. „Wenn wir weiter so leben wie bisher, wird Wasser bald ein Luxusgut.“


    Konflikte um das, was bleibt

    Je knapper das Wasser, desto härter die Auseinandersetzungen.

    In Südwestfrankreich protestieren Bauern für neue Stauseen. Umweltaktivisten sehen darin nur eine Verschiebung des Problems. Die Landwirte halten dagegen: „Ohne Speicher trocknet unsere Ernte aus.“

    Ein Konflikt, der fast symbolisch für das Land steht. Landwirtschaft, Industrie, Haushalte – alle hängen an demselben Topf, aber der Topf wird immer kleiner.

    In manchen Regionen hat sich das Thema bereits politisch aufgeladen. Rechte Parteien instrumentalisieren die Angst vor Wasserknappheit, linke Gruppen fordern radikale Konsumreformen. Und die Mitte? Versucht, alles zu moderieren – ein Balanceakt zwischen Ökonomie und Ökologie.


    Eine Frage der Gerechtigkeit

    Wem gehört das Wasser, wenn es knapp wird? Eine unbequeme, aber notwendige Frage.

    In Städten wie Marseille oder Lyon können Bürgerinnen und Bürger ihren Wasserverbrauch mit digitalen Zählern überwachen. Auf dem Land aber, wo alte Leitungen das kostbare Nass versickern lassen, bleibt das Wasser ein Gemeinschaftsgut – und immer öfter ein Streitpunkt.

    Ein alter Fischer aus der Camargue sagt es so: „Früher hat das Meer uns vieles genommen, heute ist es die Sonne.“

    Frankreichs Gesellschaft steht in dieser Zeit vor einer neuen sozialen Herausforderung. Wenn Wasser zum Privileg wird, drohen Spannungen – zwischen Regionen, zwischen Arm und Reich, zwischen Tourismus und Landwirtschaft.


    Der menschliche Blick – und eine alte Weisheit

    Es gibt ein französisches Sprichwort: L’eau est la mémoire de la terre. – „Das Wasser ist das Gedächtnis der Erde.“
    Was also erzählt uns dieses Gedächtnis heute?

    Vielleicht, dass wir vergessen haben zuzuhören.

    Wasser fließt, solange man es lässt. Aber wir haben es gestaut, umgeleitet, gechlort, verkauft. Es war bequem, bis der Komfort langsam versiegte.

    In einer kleinen Gemeinde nahe Dijon hat die Bürgermeisterin ein Experiment gestartet: Die Dorfbewohner sollen ihren Wasserverbrauch öffentlich machen – als Zeichen von Transparenz und Solidarität. „Es geht nicht um Kontrolle“, sagt sie, „sondern um Bewusstsein.“
    Und tatsächlich: Die Gemeinde verbraucht inzwischen 12 Prozent weniger Wasser.


    Zwischen Hoffnung und Realität

    Es gibt sie, die Zeichen von Wandel. Junge Landwirte, die auf Trockenfeldbau setzen. Start-ups, die Regenwasser speichern. Schulen, die über Wasserverbrauch aufklären.

    Doch das Tempo ist langsam. Frankreich, das einst stolz war auf seine Ingenieurskunst, tastet sich nun mühsam an eine neue Kultur der Genügsamkeit heran.

    „Sobriété“ – Nüchternheit, Sparsamkeit – nennt Emmanuel Macron das Leitprinzip seines Wasserplans. Ein schönes Wort, aber ein weiter Weg. Denn Wasserpolitik bedeutet auch, Privilegien infrage zu stellen.


    Und nun?

    Frankreich steht an einem Punkt, an dem es mehr braucht als kluge Pläne. Es braucht Mut – und ein neues Verhältnis zur eigenen Landschaft.

    Wie lange dauert es, bis wir begreifen, dass Wasser kein Wirtschaftsgut, sondern ein Lebensgut ist?
    Und wie gehen wir damit um, wenn aus Regen Hoffnung wird?

    Vielleicht beginnt die Lösung dort, wo Menschen wieder anfangen, über Wasser zu sprechen – nicht als Ressource, sondern als Teil ihrer Identität.

    Denn wenn man genau hinhört, rauscht das Wasser noch. Leiser, schwächer – aber es erzählt. Von Verantwortung. Von Zukunft. Von uns.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Verurteilt ohne Leiche: Warum die Geschworenen Cédric Jubillar für schuldig hielten

    Verurteilt ohne Leiche: Warum die Geschworenen Cédric Jubillar für schuldig hielten

    Es gibt Prozesse, die sich tief in das kollektive Gedächtnis eingraben. Weil sie schockieren. Weil sie beunruhigen. Und weil sie so viele Fragen offenlassen, dass die Antworten – selbst nach einem Urteil – kaum Frieden bringen. Der Fall Cédric Jubillar ist einer davon. Sechs Tage nach dem Schuldspruch hat das Schwurgericht im südfranzösischen Albi nun seine schriftliche Begründung veröffentlicht – und sie liest sich wie ein schmerzhafter Blick hinter die Fassade eines scheinbar normalen Familienlebens, das längst in Trümmern lag. Ein Schuldspruch ohne Leiche Cédric Jubillar wurde zu 30 Jahren Haft verurteilt – wegen Mordes an seiner Ehefrau Delphine Aussaguel. Ihr Körper wurde nie gefunden. Keine Tatwaffe, kein Tatort, kein Geständnis. Nur Indizien, viele davon schwer zu deuten, manche widersprüchlich. Und doch kam das Gericht zu einem eindeutigen Schluss: Jubillar hat seine Frau getötet. Die Begründung ist deutlich – und in Teilen vernichtend. Ein Mann „ohne jedes Bedauern“ Die 12-sei…

    [wtr-time]

    Der weitere Text ist unseren Abonnenten vorbehalten.


    Warum ein Abo? Weil guter Journalismus seinen Preis hat.

    Information mag frei zugänglich sein – aber Journalismus ist kein Selbstläufer. Recherchen, Interviews, Faktenchecks und Einordnungen erfordern Zeit, Expertise und Verantwortung.

    Wer unabhängige, fundierte Berichterstattung will, muss sie ermöglichen. Werbefinanzierung allein reicht nicht – sonst entscheiden Klickzahlen über Inhalte.

    Ein Abonnement ist kein Eintrittsgeld, sondern ein Bekenntnis: zur Qualität, zur Unabhängigkeit und zu einer informierten Öffentlichkeit.

    Information ist frei. Journalismus kostet. Und genau deshalb lohnt sich ein Abo.


    Abo-Light – das Monatsabonnement zum schlanken Preis

    Alle Artikel für 0,50 € pro Woche. Das Abo wird monatlich mit 2 € abgerechnet und ist monatlich kündbar.

    Monatsabonnement buchen…


    Premium-Abo – das Jahresabonnement mit wertvollen Add-Ons

    Alle Artikel für 0,38 € pro Woche. Das Abo wird jährlich mit 20 € abgerechnet und ist jährlich kündbar.

    Das Premium-Jahres-Abo bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    Jahresabonnement buchen…


    Lebenslang – das Premium-Abo für immer

    Für eine einmalige Zahlung für nur 36 €. Unbegrenzter Zugriff – ein Leben lang.

    Das Premium-Abo-Lebenslang bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    „Abo-Lebenslang“ buchen…


     

     

  • Blaulicht als Waffe? Der Fall Hugo wirft Fragen auf

    Blaulicht als Waffe? Der Fall Hugo wirft Fragen auf

    Ein kurzer Moment auf der Autobahn – und ein ganzes System gerät ins Wanken. Der 14. Oktober hätte für Hugo, 36, beinahe tödlich geendet. Der Motorradfahrer war auf der A4 Richtung Charenton-le-Pont unterwegs, als ein Polizeifahrzeug auf der Überholspur plötzlich einen Schlenker machte – direkt in seine Fahrbahn. Ein gefährliches Manöver, das ihn um ein Haar von der Maschine holte. Die Szene wurde von der Kamera eines Tesla-Fahrzeugs aufgenommen und verbreitete sich rasend schnell in den sozialen Netzwerken. Mitten in der Welle der Empörung: die Frage, ob hier nicht einfach ein tragisches Missgeschick passierte – oder ein bewusster Angriff mit einem Polizeiauto als Waffe.

    Was ist passiert? Hugo fuhr an jenem Sonntag auf der mittleren Spur, als ein Einsatzfahrzeug der Police Nationale mit eingeschaltetem Blaulicht links von ihm unterwegs war. Laut seiner Aussage kam es plötzlich zu einem gezielten Schlenker des Polizeiwagens – direkt in se…

    [wtr-time]

    Der weitere Text ist unseren Abonnenten vorbehalten.


    Warum ein Abo? Weil guter Journalismus seinen Preis hat.

    Information mag frei zugänglich sein – aber Journalismus ist kein Selbstläufer. Recherchen, Interviews, Faktenchecks und Einordnungen erfordern Zeit, Expertise und Verantwortung.

    Wer unabhängige, fundierte Berichterstattung will, muss sie ermöglichen. Werbefinanzierung allein reicht nicht – sonst entscheiden Klickzahlen über Inhalte.

    Ein Abonnement ist kein Eintrittsgeld, sondern ein Bekenntnis: zur Qualität, zur Unabhängigkeit und zu einer informierten Öffentlichkeit.

    Information ist frei. Journalismus kostet. Und genau deshalb lohnt sich ein Abo.


    Abo-Light – das Monatsabonnement zum schlanken Preis

    Alle Artikel für 0,50 € pro Woche. Das Abo wird monatlich mit 2 € abgerechnet und ist monatlich kündbar.

    Monatsabonnement buchen…


    Premium-Abo – das Jahresabonnement mit wertvollen Add-Ons

    Alle Artikel für 0,38 € pro Woche. Das Abo wird jährlich mit 20 € abgerechnet und ist jährlich kündbar.

    Das Premium-Jahres-Abo bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    Jahresabonnement buchen…


    Lebenslang – das Premium-Abo für immer

    Für eine einmalige Zahlung für nur 36 €. Unbegrenzter Zugriff – ein Leben lang.

    Das Premium-Abo-Lebenslang bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    „Abo-Lebenslang“ buchen…


     

     

  • Kommentar: Irgendwann wird es einfach zu teuer – wie Parkgebühren Autofahrer zur Verzweiflung treiben

    Kommentar: Irgendwann wird es einfach zu teuer – wie Parkgebühren Autofahrer zur Verzweiflung treiben

    Ich bin kein Querulant. Ich zahle meine Steuern, halte mich an die Regeln und versuche, niemandem auf die Nerven zu gehen. Aber wenn ich in der Stadt, in die ich einmal die Woche zum Einkaufen fahren muss, nicht mehr parken kann, ohne das Gefühl zu haben, abgezockt zu werden, platzt mir langsam der Kragen.

    Nizza ist schön, keine Frage. Sonne, Meer, Kultur – alles da. Aber Parken? Ein Albtraum. 2 Euro für nicht mal zwei Stunden. 25 Euro Strafe, wenn man mal kurz nicht aufpasst. Und das Schlimmste: Die Kontrolleure kommen zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk. Man wird erwischt. Immer.

    Und ja, ich weiß: Das Geld fließt in Tunnel, in Fußgängerzonen, in irgendwas mit „Infrastruktur“. Klingt toll. Aber ehrlich? Ich habe inzwischen das Gefühl, ich bezahle für eine Stadt, die sich immer weiter von mir entfernt. Für eine Innenstadt, die lieber Fußgänger und Touristen sieht als Menschen, die hier leben, arbeiten, einkaufen. Es wirkt, als wolle man uns Autofahrer loswerden – aber bitte ohne auf unser Geld zu verzichten.

    Man sagt uns: „Parken ist ein Luxus.“ Aha. Also ist der Weg zur Arbeit Luxus? Der Besuch bei der Oma Luxus? Der Großeinkauf, weil man vier Kinder hat – Luxus?

    Was mich am meisten ärgert: Dass alles immer teurer wird und keiner mehr fragt, wie viel ein Mensch eigentlich noch tragen kann. Parkgebühren hier, Sprit- und Strompreise da, dann noch Versicherungen, Wartung, Inflation – irgendwann ist Schluss. Irgendwann wird aus Geduld Frust.

    Und aus Frust Wut.

    Ich will keine endlosen Diskussionen über Klimaziele und Mobilitätswende führen, ich will einfach nur in meiner Stadt leben können, ohne ständig das Gefühl zu haben, ich sei ein Problem, weil ich ein Auto habe. Ein Mensch mit Familie, Alltag, Verpflichtungen – kein Umweltverbrecher.

    Wer wirklich eine lebenswerte Stadt will, sollte nicht nur an Asphalt und Grünstreifen denken, sondern auch an die, die tagtäglich in ihr unterwegs sind – auf vier Rädern, weil es eben nicht anders geht.

    Ich will nicht das Blaue vom Himmel. Nur ein bisschen Fairness. Ein bisschen Menschlichkeit. Und ja – vielleicht einfach mal eine Stunde gratis parken, ohne schlechtes Gewissen.

    Denn irgendwann wird es wirklich einfach zu teuer.

    Ein Kommentar von Andreas M. Brucker – frustrierter Autofahrer aus Nizza

  • Tödlicher Polizeieinsatz in Savigny-le-Temple: Ein Sturz, viele Fragen

    Tödlicher Polizeieinsatz in Savigny-le-Temple: Ein Sturz, viele Fragen

    In der Nacht zu Donnerstag endet eine Polizeikontrolle in Savigny-le-Temple tödlich. Was als Einsatz wegen Kabeldiebstahls beginnt, endet mit dem Tod eines jungen Mannes – und der vorübergehenden Ingewahrsamnahme von vier Beamten. Ein tragischer Vorfall, der weit über das Lokale hinausweist. Die Szene beginnt gegen 2:50 Uhr, mitten in der Nacht, irgendwo im Südosten des Pariser Umlands. Die Brigade anticriminalité – jene Spezialeinheit der französischen Polizei, die oft dann gerufen wird, wenn es schnell gehen muss – wird zu einem Einsatz gerufen. Verdacht auf Kabeldiebstahl. Vor Ort entdeckt man einen verdächtigen Lieferwagen, mutmaßlich mit Diebesgut beladen. Als die Beamten sich nähern, fliehen die Insassen zu Fuß. Wenige Minuten später stürzt einer der Männer. Laut ersten Angaben ist von einem „Verlust des Gleichgewichts“ die Rede. Sein Kopf schlägt gegen ein Verkehrsschild. Schwer verletzt wird er von den Rettungskräften versorgt. Doch um 5:30 Uhr wird sein Tod festgestellt. Wenig…

    [wtr-time]

    Der weitere Text ist unseren Abonnenten vorbehalten.


    Warum ein Abo? Weil guter Journalismus seinen Preis hat.

    Information mag frei zugänglich sein – aber Journalismus ist kein Selbstläufer. Recherchen, Interviews, Faktenchecks und Einordnungen erfordern Zeit, Expertise und Verantwortung.

    Wer unabhängige, fundierte Berichterstattung will, muss sie ermöglichen. Werbefinanzierung allein reicht nicht – sonst entscheiden Klickzahlen über Inhalte.

    Ein Abonnement ist kein Eintrittsgeld, sondern ein Bekenntnis: zur Qualität, zur Unabhängigkeit und zu einer informierten Öffentlichkeit.

    Information ist frei. Journalismus kostet. Und genau deshalb lohnt sich ein Abo.


    Abo-Light – das Monatsabonnement zum schlanken Preis

    Alle Artikel für 0,50 € pro Woche. Das Abo wird monatlich mit 2 € abgerechnet und ist monatlich kündbar.

    Monatsabonnement buchen…


    Premium-Abo – das Jahresabonnement mit wertvollen Add-Ons

    Alle Artikel für 0,38 € pro Woche. Das Abo wird jährlich mit 20 € abgerechnet und ist jährlich kündbar.

    Das Premium-Jahres-Abo bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    Jahresabonnement buchen…


    Lebenslang – das Premium-Abo für immer

    Für eine einmalige Zahlung für nur 36 €. Unbegrenzter Zugriff – ein Leben lang.

    Das Premium-Abo-Lebenslang bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    „Abo-Lebenslang“ buchen…