Schlagwort: Frankreich

  • Rennes im Ausnahmezustand – ein Wochenende, das die Stadt nicht so schnell vergessen wird

    Rennes im Ausnahmezustand – ein Wochenende, das die Stadt nicht so schnell vergessen wird

    Rennes, sonst ein Ort studentischer Lebendigkeit und bretonischer Gelassenheit, hat an diesem Wochenende einen Schatten gespürt, der sich schwer über die Stadt legte. Als hätte jemand das vertraute Stadtbild plötzlich in ein Film-Noir-Szenario getaucht – mit scharfen Konturen, hallenden Schüssen und einer Unruhe, die man beinahe greifen konnte. In der Nacht zu Sonntag fanden Polizisten im Stadtteil Blosne einen 25-jährigen Mann tot in einem Auto. Ein paar Bewohner hatten kurz nach Mitternacht Schüsse gehört, erst einzelne, dann in schneller Folge. Man kennt diese Geräusche eigentlich nur aus Filmen, sagte eine ältere Anwohnerin am Telefon, und man hörte ihre Stimme zittern. Als die Beamten vor Ort eintrafen, entdeckten sie den jungen Mann, sein Körper übersät mit Einschüssen. Die Ermittler sprechen von einem gezielten Mord, beinahe schon einer Exekution. Das Wort wiegt schwer, aber es beschreibt die Szenerie. Dieses Verbrechen steht nicht allein. Rennes kämpft seit Jahren mit einer Zun…

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  • Impfpflicht gegen Grippe: Frankreich setzt auf Schutz vulnerabler Gruppen – und auf wissenschaftliche Rückendeckung

    Impfpflicht gegen Grippe: Frankreich setzt auf Schutz vulnerabler Gruppen – und auf wissenschaftliche Rückendeckung

    Mit knapper Mehrheit hat die französische Nationalversammlung am 5. Dezember 2025 für eine Impfpflicht gegen die saisonale Grippe gestimmt – allerdings nur für bestimmte Gruppen: Bewohner von Alten- und Pflegeheimen (Ehpad) sowie ausgewählte medizinische Fachkräfte, insbesondere solche im freiberuflichen Bereich. Die Entscheidung markiert einen neuen Abschnitt in der französischen Impfpolitik – zwischen Prävention, politischen Spannungen und juristischer Vorsicht. Die Impfpflicht ist Teil des geplanten Loi de financement de la Sécurité sociale pour 2026, dem jährlichen Gesetz zur Finanzierung des Sozialversicherungssystems. Der umstrittene Passus wurde mit 120 zu 54 Stimmen verabschiedet – nach einem Hin und Her zwischen Nationalversammlung und Senat. Zunächst hatte die Nationalversammlung im November das Vorhaben abgelehnt. Anschließend setzte der Senat es als Änderungsantrag wieder ein – woraufhin die Abgeordneten in zweiter Lesung zustimmten. Begrenzte Pflicht – mit wissenschaftlich…

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  • Frankreich spart beim Lehrpersonal: Der Senat billigt Streichung von 4.000 Lehrerstellen

    Frankreich spart beim Lehrpersonal: Der Senat billigt Streichung von 4.000 Lehrerstellen

    Frankreichs konservativ dominierter Senat hat am 5. Dezember 2025 den umstrittenen Plan der Regierung gebilligt, im kommenden Jahr rund 4.000 Stellen im öffentlichen Schuldienst zu streichen. Die Entscheidung ist Teil des Haushaltsentwurfs für 2026 und stützt sich auf demografische Entwicklungen – doch die Maßnahme offenbart tieferliegende Herausforderungen im französischen Bildungssystem. Trotz eines leicht steigenden Budgets für das Bildungsministerium – vorgesehen sind 64,5 Milliarden Euro, ein Plus von 200 Millionen im Vergleich zum Vorjahr – bedeutet die strukturelle Neuausrichtung faktisch einen Nettoabbau von Lehrerstellen. Die linke Opposition sprach im Senat von einem „Etikettenschwindel“ und scheiterte mit allen Änderungsanträgen zur Rücknahme der Kürzungen. Demografie als Argument – aber nicht als Entlastung Die Begründung der Regierung: sinkende Geburtenzahlen und rückläufige Schülerzahlen insbesondere in der Grundschule. „Die Maßnahme ist logisch und maßvoll“, sagte Olivie…

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  • Macrons Zollwarnung an China: Europas Industrieschwäche trifft auf Pekings Exportmacht

    Macrons Zollwarnung an China: Europas Industrieschwäche trifft auf Pekings Exportmacht

    Mit ungewohnt deutlichen Worten hat der französische Präsident Emmanuel Macron China jüngst mit der Einführung von Strafzöllen auf chinesische Produkte gedroht. Sollte sich das wachsende Handelsungleichgewicht mit der Europäischen Union nicht rasch verringern, seien „starke Maßnahmen“ innerhalb der kommenden Monate unausweichlich. Macrons Vorstoß markiert eine neue Stufe der handelspolitischen Spannungen zwischen Europa und China – und legt zugleich die strategischen Risse innerhalb der EU offen. „Ich habe ihnen gesagt, dass wir Europäer, falls sie nicht reagierten, gezwungen wären, Maßnahmen ähnlich denen der Vereinigten Staaten zu ergreifen – etwa Zölle auf chinesische Produkte“, erklärte Macron in einem Interview mit Les Echos. Er bezeichnete den chinesischen Handelsüberschuss gegenüber der EU als „nicht tragfähig“ – wirtschaftlich wie politisch. Europas strukturelles Defizit Tatsächlich haben sich die wirtschaftlichen Ungleichgewichte in den vergangenen Jahren dramatisch versc…

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  • Sarkozys Tabubruch: Warum der Altpräsident das republikanische Bollwerk gegen den Rassemblement National aufkündigt

    Sarkozys Tabubruch: Warum der Altpräsident das republikanische Bollwerk gegen den Rassemblement National aufkündigt

    Die Veröffentlichung weniger Zeilen genügte, um ein politisches Beben auszulösen. In seinem neuen Buch Le Journal d’un prisonnier spricht sich Frankreichs ehemaliger Präsident Nicolas Sarkozy gegen die „Front républicain“ aus – jenes parteiübergreifende Bündnis, das seit Jahrzehnten darauf abzielt, die extreme Rechte in der Fünften Republik von der Macht fernzuhalten. Stattdessen plädiert er für eine „möglichst breite Sammlung der Rechten – ohne Ausgrenzung, ohne Verdammung“. Ein Satz, der nicht nur für seine Partei, sondern für die gesamte französische Politik weitreichende Konsequenzen haben könnte. Ein programmatischer Bruch mit der Vergangenheit Sarkozys Aussagen markieren einen tiefgreifenden Kurswechsel. In der Vergangenheit galt er als Garant für die republikanische Mauer gegen den Front National – heute Rassemblement National (RN). Nun stellt er nicht nur den Sinn dieser Mauer in Frage, sondern sucht aktiv die ideologische Nähe zu Marine Le Pen. In dem Buch, das während seiner …

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  • Vier Jugendliche sterben bei nächtlichem Verkehrsunfall im Département Ain

    Vier Jugendliche sterben bei nächtlichem Verkehrsunfall im Département Ain

    Die Nachricht kam wie ein Donnerschlag in einer mondlosen Dezembernacht. Vier junge Menschen verlieren ihr Leben auf einer Landstraße nahe Collonges, wenige Kilometer hinter der französisch-schweizerischen Grenze – ein stiller, brutaler Moment, der Familien in Fribourg aus dem Schlaf reißt und eine ganze Region fassungslos zurücklässt. Ein Freitagabend, kurz nach halb elf. Ein Pkw, besetzt mit vier Jugendlichen, unterwegs auf der Départementale 984 zwischen Gex und Valserhône. Die Straße wirkt auf den ersten Blick unspektakulär, eine gewöhnliche Verbindung für Grenzpendler, Wochenendreisende, Nachtschwärmer. Doch in dieser Nacht endet die Fahrt abrupt. Der Wagen verlässt die Fahrbahn, trifft ein Rondell, überschlägt sich mehrfach und landet schließlich kopfüber in einem kleinen Waldstück. Ein Funke, ein Auflodern – und binnen Sekunden steht das Fahrzeug in Flammen. Für die Rettungskräfte, die schnell am Unfallort eintreffen, bleibt nur die bittere Gewissheit, dass jede Hilfe zu spät ko…

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  • Frankreich ringt um das Herz seines Sozialmodells

    Frankreich ringt um das Herz seines Sozialmodells

    Ein defizitärer Haushalt für die Sécurité sociale wird erneut zur Nagelprobe für die Regierung Lecornu Mitten im Pariser Politbetrieb spitzt sich ein finanzpolitischer Grundkonflikt zu: die Zukunft der französischen Sozialversicherung. In dieser Woche stimmt die Nationalversammlung über den Haushaltsentwurf 2026 für die Sécurité sociale ab – ein Gesetz, das nicht nur die Finanzierung zentraler Sozialleistungen regelt, sondern inzwischen auch zu einem Test für die politische Handlungsfähigkeit der Regierung geworden ist. Ohne eine Einigung droht dem System ein Rekorddefizit von fast 30 Milliarden Euro – und dem Staat ein beispielloser Kontrollverlust über einen seiner wichtigsten Ausgabenposten. Strukturelles Defizit im sozialen Fundament Die französische Sécurité sociale gilt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs als Herzstück des republikanischen Sozialmodells. Sie umfasst Leistungen bei Krankheit, Rente, Arbeitsunfällen, Familie und Pflege und stellt mit rund 600 Milliarden Euro jährl…

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  • EDITORIAL | Bildungstag in Deutschland: Was der Blick nach Frankreich lehrt

    EDITORIAL | Bildungstag in Deutschland: Was der Blick nach Frankreich lehrt

    Am 8. Dezember wird in Deutschland der Tag der Bildung begangen – eine Gelegenheit, um Erfolge zu feiern, Defizite zu benennen und über die Zukunft des Bildungswesens nachzudenken. Doch jenseits der deutschen Selbstbespiegelung lohnt in diesem Jahr besonders der Blick über die Grenzen: In Frankreich richtet sich gerade unter dem Schlagwort #MeTooÉcole ein dringender Appell an den Präsidenten, um Kinder besser vor sexualisierter Gewalt im Bildungssystem zu schützen. Was dort als zivilgesellschaftlicher Weckruf beginnt, berührt auch zentrale Fragen der Bildungspolitik in Deutschland: Wie sicher sind die Schulen? Wie viel Schutz bieten sie den Schwächsten – und wie offen sind sie für Kritik?


    Ein Weckruf aus Frankreich – und eine deutsche Bildung mit toten Winkeln

    Frankreichs Bewegung #MeTooÉcole, initiiert von betroffenen Eltern und Lehrkräften, erhebt schwere Vorwürfe gegen das Schulsystem: Warnsignale würden ignoriert, Betreuer nicht konsequent überprüft, und Opfer oft allein gelassen. Die Reaktion auf Missbrauchsfälle sei institutionell zögerlich, mit fatalen Folgen für das Vertrauen der Familien in das Bildungssystem.

    In Deutschland gibt es keinen vergleichbaren, breit sichtbaren Aufschrei – doch das bedeutet nicht, dass das Problem dort nicht existiert. Im Gegenteil: Studien der Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs(UBSKM) zeigen seit Jahren, dass sexuelle Übergriffe in Schulen, Heimen und Betreuungseinrichtungen auch in Deutschland Realität sind – und häufig nur schleppend aufgearbeitet werden. Laut einer Untersuchung der Universität Ulm (2019) berichten etwa 13 % aller Schülerinnen und Schüler von sexuellen Grenzverletzungen durch schulisches Personal. Dennoch wird die Debatte selten systematisch geführt, meist erst, wenn lokale Skandale Schlagzeilen machen.


    Bildung bedeutet auch: institutionelle Verantwortung ernst nehmen

    Der französische Appell an Emmanuel Macron fordert unter anderem einheitliche Meldeprotokolle, unabhängige Kontrollgremien und spezialisierte Anlaufstellen für betroffene Kinder. In Deutschland ist der Schutzauftrag zwar gesetzlich klar formuliert (z. B. im Kinderschutzgesetz, § 8a SGB VIII), doch fehlt vielerorts die Umsetzung in der Fläche – insbesondere an Schulen, wo es keine bundesweiten Standards für Kinderschutzkonzepte gibt. Jede Schule, jeder Träger regelt das anders – oder eben gar nicht.

    Zwar existieren Programme wie „Schule gegen sexuelle Gewalt“ oder „Trau dich!“, doch sie sind oft auf Pilotphasen begrenzt, freiwillig und unterfinanziert. Hinzu kommt eine verbreitete Rechtsunsicherheit unter Schulleitungen und Lehrkräften, die nicht wissen, wann und wie sie Verdachtsmomente melden dürfen oder müssen. Auch der föderale Flickenteppich im Bildungsbereich erschwert eine einheitliche Strategie.


    Der Tag der Bildung – eine Chance zur kritischen Selbstbefragung

    Der Tag der Bildung in Deutschland wird traditionell genutzt, um auf Chancengerechtigkeit, Digitalisierung oder Integration hinzuweisen. Doch selten steht die Frage im Mittelpunkt, ob Schulen als Schutzräume tatsächlich funktionieren – oder ob sie mitunter Orte des Schweigens und der Verdrängung sind.

    Dabei ist Bildungspolitik ohne Kinderschutz unvollständig. Es genügt nicht, die Lesekompetenz zu stärken oder Schulabbrecherquoten zu senken, wenn zugleich Strukturen bestehen, die Kinder in ihrem körperlichen und psychischen Wohl nicht zuverlässig schützen. Hier könnte Deutschland vom französischen Beispiel lernen – nicht weil Frankreich besser wäre, sondern weil der Druck dort von unten wächst und eine überfällige Debatte ausgelöst hat.


    Was jetzt nötig wäre

    Ein ernstgemeinter Bildungstag müsste dazu genutzt werden, die blinden Flecken im System offen zu benennen:

    • Bundesweite Pflicht zu Kinderschutzkonzepten an Schulen, nicht nur in der Jugendhilfe.
    • Verpflichtende Fortbildungen für Lehrkräfte zu sexueller Gewalt, Beobachtung und Traumaerkennung.
    • Rechtsklarheit und sichere Meldewege, auch für Schüler, Eltern und pädagogisches Personal.
    • Unabhängige Monitoringstellen auf Landesebene zur Überwachung von Fällen und Strukturen.
    • Und nicht zuletzt: Ein politischer Wille, der die Schutzpflicht gegenüber Kindern nicht an Verwaltungsgrenzen delegiert.

    In Frankreich heißt es: „#MeTooÉcole könnte ein Wendepunkt sein.“ In Deutschland wäre schon viel gewonnen, wenn der Bildungstag mehr wäre als eine symbolische Geste. Bildung darf nicht nur als Chancengeber verstanden werden – sie muss auch ein sicherer Ort sein. Ohne Schutz keine Teilhabe. Ohne Vertrauen keine Bildung. Ohne Aufarbeitung keine Gerechtigkeit.

    Von Andreas Brucker

  • #MeTooÉcole: Ein Weckruf an Macron – und an das französische Bildungssystem

    #MeTooÉcole: Ein Weckruf an Macron – und an das französische Bildungssystem

    Ein neuer Elternprotest erhebt in Frankreich die Stimme: Unter dem Schlagwort #MeTooÉcole richtet sich ein kollektiver Appell an Präsident Emmanuel Macron. Ziel ist es, Kinder in Schulen und Betreuungseinrichtungen besser vor sexualisierter Gewalt zu schützen – ein Thema, das bisher zu oft verdrängt wurde. Der offene Brief an das Staatsoberhaupt, veröffentlicht in La Tribune Dimanche, stellt nicht nur einen Hilferuf betroffener Familien dar, sondern rückt auch grundsätzliche Fragen zur Verantwortung staatlicher Institutionen und zur Wirksamkeit bestehender Schutzmechanismen in den Vordergrund.

    Ein kollektives Erwachen Der Aufruf stammt von einem erst am 20. November 2025 gegründeten Zusammenschluss von Eltern, Lehrkräften und Bürgern, die sich unter dem Banner #MeTooÉcole organisieren. Auslöser waren wiederholte Berichte über sexuelle Übergriffe an französischen Schulen, insbesondere in Paris. Das zentrale Anliegen des Kollektivs: das durch institutionell…

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  • Kommentar: Und täglich grüßt das Murmeltier – Der RN und seine nie endenden Eskapaden

    Kommentar: Und täglich grüßt das Murmeltier – Der RN und seine nie endenden Eskapaden

    Man könnte meinen, irgendwann sei doch mal Schluss. Ein Punkt erreicht. Die Grenze des moralisch Zumutbaren überschritten. Aber nein – der Rassemblement National (RN), dieser politische Dauerbrenner des französischen Grauens, beweist erneut, dass das Fass der Dreistigkeit nach unten offen ist. Und diesmal? Ein sogenanntes „Mediatraining“ – von europäischen Steuergeldern finanziert, versteht sich –, das offenbar nicht etwa der Aufklärung über Brüsseler Agrarpolitik diente, sondern der stilistischen Politur von Präsidentschaftskandidat*innen in Frankreich.

    Wie charmant. Öffentliches Geld für private Machtträume. Ist ja nicht das erste Mal. Wird auch nicht das letzte Mal sein.

    Jordan Bardella, dieser smarte Posterboy der Rechten, ließ sich offenbar ab Herbst 2021 von einem Coach medienfit machen. Nicht etwa, um in Straßburg glänzend über Richtlinien zur Netzneutralität zu debattieren – sondern um die Bühnenreife für die französische Präsidentschaftskampagne zu erlangen. So steht es jedenfalls im „Canard Enchaîné“, und der hat in der Vergangenheit mehr Licht in dunkle Ecken gebracht als jede französische Staatsanwaltschaft in zwei Jahrzehnten.

    Aber was soll’s. Der RN? Der lebt doch davon, dass ihn all das nicht kratzt. Wählerstimmen sind bekanntlich klebrig wie Honig, sobald sich die Opferrolle inszenieren lässt. „Die da oben gegen uns“, „Hexenjagd der Eliten“ – das altbekannte Lied. Dabei müsste man eigentlich fragen: Wer jagt hier eigentlich wen?

    Denn diese neue Klage der Anti-Korruptionsorganisation AC!! ist kein Einzelfall. Sie reiht sich ein in ein ganzes Bestiarium juristischer Verfahren: Assistenzskandale, Geldflüsse in schwarze Löcher, verschwundene Budgets. Jüngst erst: Die Sache mit den 4,3 Millionen Euro, die der EU-Gruppierung „Identität und Demokratie“ – in trauter Gemeinsamkeit mit dem RN – irgendwie… sagen wir mal: „abhandenkamen“. Zwischen 2019 und 2024. Kein Scherz.

    Man fragt sich unweigerlich: Wird im RN eigentlich auch mal regulär gearbeitet? Oder ist das Parteiprogramm inzwischen eine Art Workshop in kreativer Buchhaltung?

    Die Liste der Vergehen ist so lang, dass selbst ein altgedienter Gerichtsdiener sie kaum mehr tragen könnte. Und mittendrin: Marine Le Pen, die Grande Dame des politischen Scheinwerferlichts. In erster Instanz zu fünf Jahren Unwählbarkeit verurteilt – wegen der berühmten Affäre um EU-Parlamentsassistent*innen, die angeblich mehr mit Wahlkampf in Frankreich als mit Europapolitik zu tun hatten. Aber klar: Alles nur ein Versehen. Ein bedauerliches Missverständnis. Sicher.

    Man sollte meinen, eine Bewegung, die so viel von „Werten“, „Nation“ und „Ehre“ faselt, würde sich auch ein Mindestmaß an Integrität auf die Fahne schreiben. Doch stattdessen scheint man beim RN das Prinzip der öffentlichen Finanzierung in eine Art politischen Wildwuchs verwandelt zu haben. Wo’s Geld gibt, wird zugegriffen. Ob gerechtfertigt oder nicht, ist nebensächlich – Hauptsache, es zahlt am Ende jemand anders.

    Was bleibt, ist ein beunruhigendes Muster: Ein Parteiapparat, der sich systematisch aus öffentlichen Kassen bedient, um seine Macht zu zementieren. Eine Rechtsaußenpartei, die demokratische Institutionen mit kühler Berechnung ausnutzt – während sie gleichzeitig behauptet, genau diese Institutionen seien „korrupt“ und „abgehoben“.

    Das ist, als würde ein Dieb die Polizei beschimpfen, weil sie ihn beim Stehlen stört.

    Doch der vielleicht bitterste Beigeschmack: Dass sich weite Teile der Bevölkerung längst daran gewöhnt haben. Ach ja, wieder ein Skandal beim RN – und morgen geht’s weiter. Irgendwann wird aus Empörung Gleichgültigkeit. Und das ist gefährlicher als jeder Finanztrick.

    Denn wer sich an das Unrecht gewöhnt, öffnet dem nächsten Machtmissbrauch Tür und Tor.

    Und wer weiß – vielleicht sitzt der nächste Mediatrainer ja schon bereit, finanziert mit Geldern, die eigentlich für etwas anderes gedacht waren. Zum Beispiel für Europa.

    Ein Kommentar von Daniel Ivers