Schlagwort: France Libre

  • Der Ungehorsam, der Frankreich rettete

    Der Ungehorsam, der Frankreich rettete

    Der 18. Juni 1940 gilt heute als Gründungsdatum der französischen Résistance. Kaum ein anderes Ereignis ist so tief im nationalen Gedächtnis Frankreichs verankert wie der Aufruf von Charles de Gaulle aus dem Londoner Exil. Jedes Jahr wird seiner gedacht, Schulen lehren ihn als Wendepunkt der französischen Geschichte, und die spätere Fünfte Republik erhebt ihn zu einem ihrer zentralen Ursprungsmythen.

    Doch hinter der symbolischen Kraft des „Appel du 18 juin“ verbirgt sich ein historisches Paradox, das oft in den Hintergrund tritt: Als Charles de Gaulle vor das Mikrofon der BBC trat, handelte er gegen die Anweisungen der damals rechtmässigen französischen Regierung. Aus Sicht des geltenden Rechts war sein Vorgehen eine Form des Ungehorsams. Aus Sicht der Nachwelt wurde genau dieser Ungehorsam zum Akt nationaler Rettung.

    Frankreich am Abgrund

    Im Juni 1940 befand sich Frankreich in einer der schwersten Krisen seiner Geschichte. Der deutsche Westfeldzug hatte die französischen Verteidigungslinien innerhalb weniger Wochen zerschlagen. Die Wehrmacht rückte rasch vor, Paris wurde aufgegeben, Millionen Menschen befanden sich auf der Flucht.

    Am 16. Juni übernahm Marschall Philippe Pétain, der Held von Verdun aus dem Ersten Weltkrieg, die Regierungsgeschäfte. Bereits einen Tag später erklärte er in einer Radioansprache, man müsse „den Kampf einstellen“. Die Regierung entschied sich für Verhandlungen über einen Waffenstillstand mit dem Deutschen Reich.

    Für viele Franzosen erschien dieser Schritt damals als unausweichlich. Die militärische Niederlage schien vollständig. Die Alternative hätte bedeutet, den Krieg von Nordafrika aus fortzuführen – eine Option, die nur wenige politische und militärische Entscheidungsträger ernsthaft in Betracht zogen.

    Ein General ohne Machtbasis

    Charles de Gaulle war zu diesem Zeitpunkt keineswegs die nationale Führungsfigur, als die ihn spätere Generationen wahrnahmen. Der damals 49-Jährige war erst kurz zuvor zum Brigadegeneral auf Zeit befördert worden. Zudem bekleidete er seit wenigen Tagen das Amt eines Unterstaatssekretärs für Krieg und nationale Verteidigung.

    Politisch verfügte er über keine demokratische Legitimation. Er war weder Regierungschef noch Oberbefehlshaber. Er führte keine bedeutenden Truppenverbände und repräsentierte keine etablierte politische Bewegung.

    Sein Einfluss beruhte vor allem auf seinen strategischen Überzeugungen. Schon vor dem Krieg hatte er für eine Modernisierung der Streitkräfte und den verstärkten Einsatz von Panzerverbänden plädiert. Viele seiner Warnungen waren von der militärischen Führung ignoriert worden.

    Als die Niederlage eintrat, war De Gaulle deshalb nicht nur ein Gegner der Kapitulation, sondern auch ein Kritiker jener politischen und militärischen Elite, die Frankreich in die Katastrophe geführt hatte.

    Der Flug nach London

    Am 17. Juni 1940 verliess De Gaulle Bordeaux in einem britischen Flugzeug Richtung London. Dieser Schritt war keineswegs selbstverständlich.

    Die französische Regierung hatte sich klar auf einen Waffenstillstandskurs festgelegt. De Gaulle entzog sich bewusst dieser politischen Linie. Obwohl er formell noch Mitglied der Regierung war, verweigerte er die Gefolgschaft gegenüber deren zentraler Entscheidung.

    Juristisch bewegte er sich damit in einer Grauzone. Politisch bedeutete sein Handeln jedoch eine offene Herausforderung der staatlichen Autorität.

    In London fand er einen entscheidenden Verbündeten: den britischen Premierminister Winston Churchill. Dieser erkannte früh den propagandistischen und politischen Wert eines französischen Vertreters, der den Kampf gegen Deutschland fortsetzen wollte. Churchill verschaffte De Gaulle Zugang zur BBC und damit zu einer Öffentlichkeit, die er in Frankreich selbst nicht mehr erreichen konnte.

    Eine Rede gegen die offizielle Politik

    Am Abend des 18. Juni sprach De Gaulle über die BBC zu den Franzosen.

    Seine Botschaft war schlicht und zugleich revolutionär: Frankreich habe eine Schlacht verloren, nicht aber den Krieg. Die industrielle Stärke des britischen Empire und die wirtschaftlichen Ressourcen der Vereinigten Staaten würden den Kampf letztlich entscheiden. Deshalb müsse der Widerstand fortgesetzt werden.

    De Gaulle rief Offiziere, Soldaten, Ingenieure und Facharbeiter dazu auf, nach Grossbritannien zu kommen und den Krieg an der Seite der Alliierten weiterzuführen.

    Diese Erklärung war nicht autorisiert. Sie stand in direktem Widerspruch zur offiziellen Politik der französischen Regierung. Während Pétain den Waffenstillstand vorbereitete, erklärte De Gaulle faktisch, dass Frankreich weiterkämpfen müsse.

    Damit entstand ein fundamentaler Konflikt zwischen Legalität und Legitimität.

    Der Verräter von 1940

    Aus Sicht der damaligen französischen Behörden war De Gaulle kein Held, sondern ein Rebell.

    Nach dem Abschluss des Waffenstillstands etablierte sich in Vichy ein neues Regime unter Führung Pétains. Dieses betrachtete De Gaulles Aktivitäten als Verrat an Staat und Armee.

    Am 2. August 1940 verurteilte ein Militärgericht den General in Abwesenheit zum Tode. Die Anklage lautete unter anderem auf Fahnenflucht, Hochverrat und Gefährdung der äusseren Sicherheit des Staates.

    Die Entscheidung verdeutlicht, wie unsicher die historische Situation damals war. Heute erscheint De Gaulles Weg nahezu zwangsläufig. Zeitgenossen sahen dies häufig anders. Viele Franzosen unterstützten zunächst Pétain, dessen Prestige als Kriegsheld enorm war. Der spätere Ausgang des Krieges war im Sommer 1940 keineswegs absehbar.

    De Gaulle handelte somit nicht auf der Grundlage eines sicheren Erfolgs, sondern unter Bedingungen erheblicher politischer und persönlicher Risiken.

    Die Frage der höheren Legitimität

    Der Kern der historischen Debatte liegt bis heute in der Frage, welcher Form von Legitimität Vorrang zukommt.

    Die Regierung Pétains war zunächst legal eingesetzt worden. Sie verfügte über institutionelle Kontinuität und staatliche Autorität. De Gaulle hingegen handelte ohne Mandat und gegen die Beschlüsse der Regierung.

    Seine Verteidigung beruhte auf einem anderen Verständnis politischer Legitimität. Für ihn war Frankreich mehr als seine aktuelle Regierung. Ein Staat, der vor dem Feind kapituliert und sich dessen politischen Forderungen unterwirft, könne zwar rechtlich bestehen, verliere jedoch seine moralische und nationale Legitimation.

    In dieser Sichtweise repräsentierte nicht Vichy die wahre Kontinuität Frankreichs, sondern die „France libre“, die Freien Französischen Streitkräfte und der fortgesetzte Kampf an der Seite der Alliierten.

    Nach der Befreiung Frankreichs wurde genau diese Interpretation zur offiziellen Staatsdoktrin. Die Republik erklärte, dass die legitime Kontinuität des französischen Staates nicht in Vichy, sondern in der Freien Frankreich-Bewegung fortbestanden habe.

    Die Entstehung eines nationalen Mythos

    Hinzu kommt ein weiterer historischer Befund, der lange Zeit wenig Beachtung fand: Der berühmte Aufruf vom 18. Juni wurde von nur wenigen Franzosen tatsächlich live gehört.

    Die Reichweite der BBC war begrenzt, viele Menschen hatten keinen Zugang zu den Sendungen, und die dramatischen Ereignisse jener Tage überlagerten die Wirkung der Rede. Der heute bekannte Text entspricht zudem nicht vollständig der ursprünglichen Rundfunkansprache, sondern wurde später in Zeitungen veröffentlicht und in den Nachkriegsjahren symbolisch überhöht.

    Der Mythos entstand daher nicht an einem einzigen Abend. Er entwickelte sich schrittweise während des Krieges und erhielt seine endgültige Bedeutung erst nach 1945.

    Gerade darin liegt jedoch seine historische Bedeutung. Der Aufruf des 18. Juni zeigt, dass politische Legitimität nicht immer mit formaler Legalität identisch ist. De Gaulle stellte sich gegen die Anordnungen der bestehenden Autoritäten, weil er überzeugt war, dass diese den Interessen Frankreichs nicht mehr dienten. Dass die Geschichte ihm recht gab, erscheint heute selbstverständlich. Im Sommer 1940 war dies alles andere als sicher.

    Der spätere Staatsgründer handelte damals nicht als unangefochtener Nationalheld, sondern als isolierter Offizier, der bereit war, gegen die Regierung seines Landes aufzutreten. Der Gründungsakt des modernen Frankreich war damit zugleich ein Akt des Ungehorsams – ein seltenes Beispiel dafür, wie die Verletzung bestehender Autorität rückblickend zur höchsten Form politischer Loyalität werden konnte.

    Autor: P. Tiko

    Quellen:
    Charles de Gaulle, Mémoires de guerre (1954–1959); Fondation Charles de Gaulle (2025); BBC Archives (1940/2025); Robert Paxton, La France de Vichy (1972); Julian Jackson, A Certain Idea of France: The Life of Charles de Gaulle (2018); François Delpla, Studien zur France Libre (2020); Archives Nationales de France (2025).

  • Die Kinder des Pazifiks

    Die Kinder des Pazifiks

    An einem Morgen im Jahr 1940 liegt über Papeete jene eigentümliche Ruhe, die nur Inselhäfen kennen. Fischer ziehen ihre Boote ans Ufer, Händler öffnen die Läden, irgendwo klirrt Geschirr aus einem offenen Fenster. Die Welt scheint weit weg. Europa erst recht. Und doch dringt die Nachricht bis nach Tahiti wie ein ferner Donnerschlag: Frankreich ist gefallen.

    Die Niederlage gegen Hitlerdeutschland erschüttert damals selbst jene Orte, die auf den Landkarten Europas kaum auftauchen. Französisch Polynesien liegt über 15.000 Kilometer von Paris entfernt, verstreut im endlosen Blau des Pazifiks. Für viele Bewohner besitzt Frankreich etwas Abstraktes – eine Idee, ein ferner Staat, ein Name auf Verwaltungsdokumenten. Und trotzdem beginnt genau hier eine der erstaunlichsten Geschichten der Résistance.

    Es geht um die Tamarii volontaires.

    Tamarii – das bedeutet auf Tahitianisch schlicht „Kinder“. Doch diese Kinder des Pazifiks ziehen wenig später in einen Krieg, dessen Brutalität kaum größer hätte ausfallen können. Sie verlassen Korallenriffe, Brotfruchtbäume und Lagunen, um in den Sandstürmen Nordafrikas gegen Rommels Panzer zu kämpfen. Manche sehen zum ersten Mal Schnee. Andere sterben in einer Welt, die ihnen bis dahin kaum vorstellbar erschien.

    Warum meldeten sich junge Polynesier freiwillig für einen Krieg am anderen Ende des Globus?

    Vielleicht beginnt die Antwort mit einem Gefühl, das schwer zu übersetzen bleibt. Nicht Patriotismus im europäischen Sinn. Nicht jene pathetische Vaterlandsrhetorik, die man aus den Reden des 20. Jahrhunderts kennt. Eher eine Mischung aus Abenteuerlust, Loyalität und Stolz – dazu der Wunsch, nicht tatenlos zuzusehen.

    Als General de Gaulle am 18. Juni 1940 seinen berühmten Appell aus London sendet, erreicht seine Stimme die Südsee zunächst nur bruchstückhaft. Doch die Botschaft entfaltet Wirkung. Frankreich soll weiterleben, trotz Besatzung, trotz Kapitulation, trotz Vichy.

    Im September desselben Jahres entscheidet sich Tahiti für die Freien Französischen Streitkräfte.

    Das wirkt heute wie eine Randnotiz der Geschichte. Damals jedoch besitzt dieser Schritt enorme symbolische Kraft. Während große Teile des französischen Kolonialreichs noch zögern oder sich dem Vichy-Regime unterordnen, stellt sich ein entlegenes Archipel im Pazifik auf die Seite de Gaulles.

    Man muss sich das einmal vorstellen: Ein paar Inseln mitten im Ozean helfen mit, die Idee Frankreichs zu retten.

    In den Straßen von Papeete versammeln sich junge Männer zur Registrierung. Viele tragen Sandalen, manche kommen direkt von den Plantagen oder aus kleinen Fischerdörfern. Sie sind keine Berufssoldaten. Einige sprechen kaum Französisch. Die meisten besitzen kein klares Bild von Europa. Aber sie melden sich.

    Die Familien verabschieden ihre Söhne unter Tränen und Gesängen. Alte Fotografien zeigen ernste Gesichter, manchmal schüchtern, manchmal stolz. Blumenkränze hängen um die Hälse der Freiwilligen. Frauen winken am Kai. Kinder laufen neben den Lastwagen her.

    Und dann verschwinden die Schiffe langsam am Horizont.

    Für viele beginnt damit eine Reise ohne Wiederkehr.

    Die Überfahrt allein gleicht bereits einer Prüfung. Wochenlang zieht sich der Weg durch den Pazifik, weiter Richtung Amerika, anschließend über den Atlantik. Der Krieg macht jede Route gefährlich. Deutsche U-Boote lauern auf Versorgungsschiffe. Die Männer schlafen dicht gedrängt in stickigen Räumen, seekrank, erschöpft und voller Ungewissheit.

    Ein Veteran erinnerte sich Jahrzehnte später daran, wie fremd ihm bereits die Gerüche an Bord vorkamen – Öl, Metall, Maschinenrauch. Nichts erinnerte mehr an den Duft von Meerwasser und Tiaréblüten.

    In den Ausbildungslagern treffen die Polynesier schließlich auf Soldaten aus anderen Teilen der Welt: Kanaken aus Neukaledonien, Nordafrikaner, Franzosen aus dem Mutterland, Legionäre, Männer aus Afrika südlich der Sahara. Die Freien Französischen Streitkräfte gleichen damals einem seltsamen Mosaik. Ein Imperium im Exil.

    Die Tamarii volontaires schließen sich vor allem dem Bataillon du Pacifique an.

    Schon der Name klingt heute fast poetisch. Damals bedeutet er Marschieren, Drill, Staub und Angst.

    1941 kämpfen die Männer zunächst im Nahen Osten, insbesondere während der Syrien-Libanon-Kampagne. Viele erleben dort zum ersten Mal echte Gefechte. Kugeln schlagen in Mauern ein, Kameraden brechen neben ihnen zusammen. Krieg verliert innerhalb weniger Stunden jede romantische Vorstellung.

    Doch ihr eigentlicher Platz in der Geschichte entsteht ein Jahr später in Bir Hakeim.

    Mitten in der libyschen Wüste.

    Mitten in dieser unfassbaren Hitze.

    Dort verteidigen die Freien Französischen Streitkräfte zwischen Mai und Juni 1942 eine isolierte Stellung gegen die Offensive von Generalfeldmarschall Erwin Rommel. Sechzehn Tage lang widerstehen sie deutschen und italienischen Angriffen.

    Bir Hakeim entwickelt sich später zu einem Mythos der France libre – fast so etwas wie der Beweis, dass Frankreich militärisch noch existiert.

    Unter den Verteidigern: Männer aus Tahiti.

    Die Vorstellung besitzt bis heute etwas Surreales. Polynesier, aufgewachsen zwischen Kokospalmen und tropischen Regenfällen, kämpfen plötzlich in einer Steinwüste gegen Stukas und Panzerdivisionen.

    Tagsüber brennt die Sonne erbarmungslos. Nachts fällt die Temperatur drastisch. Überall Staub. Überall Explosionen.

    Die deutschen Angriffe folgen Schlag auf Schlag. Artillerie zerreißt den Boden, Flugzeuge kreisen am Himmel wie Raubvögel. Viele Soldaten kämpfen bis zur völligen Erschöpfung. Wasser bleibt knapp. Schlaf ebenso.

    Und trotzdem halten sie stand.

    Vielleicht gerade deshalb besitzt Bir Hakeim bis heute einen beinahe legendären Klang. Die Schlacht erzählt nicht nur von militärischem Widerstand. Sie erzählt von Menschen, die sich weigern aufzugeben, obwohl ihre Lage hoffnungslos erscheint.

    Für die Tamarii volontaires fordert der Kampf einen hohen Preis. Einige sterben in der Wüste, andere kehren verwundet zurück. Wieder andere tragen die Erinnerungen ihr ganzes Leben mit sich herum – Bilder von Feuer, Schreien und verbrannten Fahrzeugen.

    Ein ehemaliger Kämpfer beschrieb später die Nächte in der Wüste als „Himmel voller Donner“. Ein Satz wie aus einem Roman, und doch bitter real.

    Nach Nordafrika endet ihr Weg noch lange nicht.

    Ein Teil der polynesischen Soldaten kämpft anschließend in Italien. Dort erleben sie eine völlig andere Welt: Berge statt Sand, Regen statt Hitze, Schlamm statt Staub. Die Front zieht sich durch zerstörte Dörfer und enge Täler.

    Dann folgt die Rückkehr nach Frankreich.

    Viele Tamarii volontaires betreten erstmals das Land, für das sie seit Jahren kämpfen.

    Was mögen sie gedacht haben?

    Vielleicht Verwunderung. Vielleicht Enttäuschung. Vielleicht Stolz.

    Denn Frankreich wirkt im Krieg nicht wie die glanzvolle Republik aus den Erzählungen kolonialer Beamter. Städte liegen in Trümmern, Straßen sind zerbombt, Menschen hungern.

    Einige Polynesier nehmen später an der Landung in der Provence teil und kämpfen sich weiter Richtung Norden vor. Die Befreiung Frankreichs trägt viele Gesichter – darunter eben auch jene junger Männer aus dem Pazifik.

    Besonders brutal erleben sie die Wintermonate in den Vogesen.

    Kälte verwandelt sich für die Tropensoldaten fast in einen zusätzlichen Feind. Hände frieren am Gewehr fest, Atem gefriert in der Luft, Schnee bedeckt die Landschaft wie eine fremde Materie. Manche Soldaten sehen zum ersten Mal überhaupt Eis.

    Ein Veteran erzählte später lachend, er habe zunächst geglaubt, der Schnee würde „die Erde krank machen“. Dieser kurze Satz enthält die ganze Fremdheit ihrer Erfahrung.

    Und trotzdem marschieren sie weiter.

    Der Krieg endet schließlich 1945.

    Europa feiert die Befreiung, Paris jubelt, Glocken läuten. Doch die Geschichte der Tamarii volontaires verschwindet erstaunlich schnell aus dem kollektiven Gedächtnis.

    Warum eigentlich?

    Vielleicht weil nationale Erinnerung oft einfachen Linien folgt. Die Résistance erhält ihre Heldenfiguren: den Maquisard, den Pariser Widerstandskämpfer, den Offizier der 2e DB. Das alles stimmt. Aber daneben existierten eben auch jene Soldaten aus den Kolonien und Überseegebieten, deren Geschichten seltener erzählt wurden.

    Die Männer aus Polynesien passen nur bedingt in das klassische französische Selbstbild der Nachkriegszeit. Zu weit weg. Zu exotisch. Zu unbekannt.

    In Schulbüchern tauchen sie lange höchstens am Rand auf.

    Dabei verrät ihre Geschichte enorm viel über Frankreich selbst.

    Denn die Freien Französischen Streitkräfte bestanden nie ausschließlich aus Franzosen aus dem Mutterland. Ohne Soldaten aus Afrika, dem Pazifik, der Karibik und Nordafrika hätte de Gaulle seine militärische Legitimität kaum aufrechterhalten können. Die „France libre“ war immer auch ein globales Projekt.

    Gerade darin liegt die eigentliche Wucht dieser Geschichte.

    Die Tamarii volontaires kämpften für ein Land, das viele kaum kannten. Einige hatten Paris nie gesehen. Manche verstanden die politischen Debatten Europas nur bruchstückhaft. Und dennoch entschieden sie sich gegen Faschismus und Unterwerfung.

    Das besitzt eine stille Größe.

    Keine laute Heldenpose.

    Eher Würde.

    Vielleicht berührt ihre Geschichte heute deshalb so stark, weil sie den vertrauten Blick auf den Zweiten Weltkrieg verschiebt. Plötzlich erscheint der Konflikt nicht mehr bloß als europäische Katastrophe, sondern als weltumspannendes Ereignis, das selbst entlegene Inseln erfasste.

    Der Krieg kroch bis in die Südsee.

    Und die Südsee antwortete.

    In Polynesien selbst dauerte es Jahrzehnte, bis die Erinnerung an die Freiwilligen wieder sichtbarer wurde. Lange herrschte Schweigen. Viele Veteranen sprachen kaum über ihre Erlebnisse. Traumata fanden damals selten Worte.

    Erst spätere Generationen begannen nachzufragen.

    Enkel stöberten in alten Kisten, fanden vergilbte Briefe, Medaillen, Fotografien in Uniform. Historiker rekonstruierten die Wege der Soldaten. Dokumentarfilme erschienen. Gedenktafeln wurden errichtet.

    Heute erinnern Zeremonien auf Tahiti an die Tamarii volontaires. Namen, die fast vergessen schienen, tauchen erneut auf.

    Und doch haftet dieser Erinnerung etwas Zerbrechliches an.

    Vielleicht weil die letzten Zeitzeugen verschwinden.

    Vielleicht auch, weil unsere Gegenwart nur selten Geduld für leise Geschichten besitzt. Große Schlagzeilen dominieren, schnelle Bilder, kurze Empörung. Die Geschichte der polynesischen Freiwilligen dagegen verlangt Aufmerksamkeit. Sie entfaltet ihre Kraft langsam, fast wie eine Meeresströmung.

    Man muss zuhören.

    Besonders bewegend wirkt dabei die Frage nach Identität. Waren die Tamarii volontaires Franzosen? Polynesier? Beides?

    Die Antwort fällt vermutlich komplizierter aus als jede Nationalhymne.

    Viele fühlten sich ihrer Insel, ihrer Sprache und ihren Traditionen tief verbunden. Gleichzeitig kämpften sie unter französischer Flagge. Dieses Nebeneinander unterschiedlicher Zugehörigkeiten prägt bis heute zahlreiche Überseegebiete Frankreichs.

    Gerade deshalb wirkt ihr Einsatz manchmal wie ein stiller Widerspruch der Geschichte: Männer aus kolonisierten Regionen retten mit ihrem Einsatz die Ehre einer europäischen Nation.

    Das klingt beinahe paradox.

    Und doch geschah genau das.

    In Frankreich selbst wächst inzwischen das Interesse an den vergessenen Kapiteln der Kriegszeit. Historiker richten den Blick stärker auf koloniale Truppen, auf afrikanische Tirailleurs, karibische Soldaten oder eben die Freiwilligen aus Polynesien. Der nationale Erinnerungsraum öffnet sich langsam.

    Langsam allerdings – sehr langsam.

    Wer heute am 8. Mai die offiziellen Zeremonien verfolgt, sieht Präsidenten, Veteranenverbände, wehende Trikoloren unter dem Arc de Triomphe. Das Ritual wirkt vertraut, beinahe unveränderlich.

    Doch hinter dieser staatlichen Choreografie existieren unzählige individuelle Geschichten.

    Eine davon beginnt auf kleinen Inseln im Pazifik.

    Mit jungen Männern, die ihre Familien verabschieden.

    Mit Schiffen, die den Horizont verlassen.

    Mit Angst.

    Mit Mut.

    Und mit jener eigentümlichen Hoffnung, dass selbst Menschen aus den entferntesten Winkeln der Erde Einfluss auf den Lauf der Geschichte nehmen können.

    Vielleicht liegt darin die eigentliche Bedeutung der Tamarii volontaires.

    Nicht allein in militärischen Erfolgen.

    Sondern in der Erinnerung daran, dass Freiheit manchmal von dort verteidigt wird, wo niemand hinschaut.

    Ein alter Veteran sagte einmal sinngemäß, sie seien damals losgezogen, „weil Frankreich Hilfe brauchte“. Mehr Erklärung lieferte er nicht.

    Vielleicht genügt genau das.

    Denn manche Entscheidungen tragen keine großen theoretischen Begründungen in sich. Sie entstehen aus Haltung, aus Loyalität, aus einem Gefühl für das Richtige.

    Die jungen Männer aus Polynesien besaßen davon offenbar reichlich.

    Und so stehen sie heute, Jahrzehnte später, wie stille Figuren am Rand der großen Geschichte – lange übersehen, nie ganz verschwunden.

    Wenn jedes Jahr am 8. Mai in Europa der Sieg über Nazi Deutschland gefeiert wird, rauscht irgendwo im Pazifik weiterhin das Meer gegen die Korallenriffe Tahitis. Fast so wie damals.

    Nur dass wir heute endlich genauer wissen, welche Wege einige der Inselkinder einst genommen haben.

    Wege durch Wüsten.

    Durch Schnee.

    Durch Krieg.

    Und tief hinein in die Geschichte Frankreichs.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Heute in der Geschichte: Der 27. August — weltweit und in Frankreich

    Heute in der Geschichte: Der 27. August — weltweit und in Frankreich

    Ein Tag voller Umbrüche und Eruptionen

    Der 27. August hat es in sich. Manche Daten in der Geschichte wirken auf den ersten Blick unscheinbar, doch wenn man genauer hinsieht, entfaltet sich ein regelrechtes Panorama aus Katastrophen, politischen Umstürzen und kulturellen Höhepunkten.

    Beginnen wir im Jahr 1883: Der indonesische Vulkan Krakatau bricht mit einer der gewaltigsten Explosionen der Menschheitsgeschichte aus. Der Knall ist noch in Australien und auf Mauritius zu hören, die Druckwelle umkreist mehrfach den Globus. Ganze Küstenlinien verschwinden, zehntausende Menschen sterben. Und bis heute gilt Krakatau als Symbol dafür, wie klein der Mensch gegen die Naturgewalten wirkt. Wer heute Satellitenbilder von Vulkanausbrüchen sieht, spürt noch ein leises Echo dieser Katastrophe.

    Springen wir ins Jahr 1776. Auf Long Island liefern sich die Truppen von George Washington und die britische Armee eine Schlacht um New York. Die Amerikaner verlieren, doch Washington gelingt ein spektakulärer Rückzug. Ohne diesen cleveren Schachzug wäre die junge Unabhängigkeitsbewegung vielleicht schon im Keim erstickt.

    Nur wenige Jahrzehnte später, 1928, treffen sich Vertreter aus aller Welt in Paris. Sie unterzeichnen den Briand-Kellogg-Pakt, der Kriege als Mittel der Politik für unrechtmäßig erklärt. Ein Vertrag, idealistisch und voller Hoffnung — und doch nur elf Jahre später von der Realität überrollt.

    1939 hebt in Deutschland das erste Turbojet-Flugzeug ab: die Heinkel He 178. Damals ahnt noch niemand, dass die Strahltriebwerke die Luftfahrt im 20. Jahrhundert radikal verändern würden.

    Und auch kulturell bringt der 27. August Überraschungen: 1964 feiert der Disney-Film Mary Poppins in Los Angeles Premiere. Ein Kinderfilm mit überirdischem Charme, der heute längst ein Klassiker ist. Ganz anders dagegen 1979: Die IRA sprengt vor der irischen Küste das Boot von Lord Mountbatten in die Luft. Ein Attentat, das Europa erschüttert und die Gewalt des Nordirlandkonflikts ins internationale Bewusstsein rückt.

    Noch eine Wegmarke: 1991 erklärt Moldau seine Unabhängigkeit von der zerfallenden Sowjetunion. Ein kleines Land zwischen Ost und West, das auch heute noch mit dieser geopolitischen Lage ringt.


    Frankreich am 27. August

    Doch was geschah an diesem Datum in Frankreich?

    1664 gründet Colbert im Auftrag von Ludwig XIV. die Compagnie française des Indes orientales. Frankreich will mit den Kolonialmächten England und den Niederlanden im Überseehandel mithalten. Paris träumt von exotischen Gewürzen, Seide und Gold.

    1794 im Revolutionsjahr wird Valenciennes zurückerobert, während Frankreich gleichzeitig innenpolitisch von den Nachwirkungen der jakobinischen Herrschaft erschüttert ist. Vier Jahre später, 1798, marschiert eine französisch-irische Streitmacht in Irland und schlägt die britischen Truppen bei Castlebar. Die Revolution trägt also Funken weit über den Ärmelkanal.

    1813 gelingt Napoleon ein eindrucksvoller Sieg bei Dresden gegen die Koalitionstruppen. Ein letzter großer Triumph, bevor sich sein Stern langsam verdunkelt.

    Im 19. Jahrhundert ist der 27. August in Frankreich oft ein Datum kleiner, aber symbolträchtiger Veränderungen: 1830 erhält die Anwaltschaft ihr Wahlrecht zurück, während Benjamin Constant eine führende Rolle im Staatsrat übernimmt. Zur gleichen Zeit erschüttert der mysteriöse Tod des Prince de Condé das Land.

    Die Moderne hält ebenfalls an einem 27. August Einzug. 1940 schließen sich die französischen Kolonien in Afrika der „France libre“ an. In einer Zeit, in der das Mutterland besetzt ist, setzen sie ein Zeichen für Widerstand und Freiheit. Ein Akt, der für Charles de Gaulle und die Legitimität des freien Frankreichs von unschätzbarem Wert ist.

    Und in jüngerer Zeit? 1992 erscheint in Japan Super Mario Kart, ein Videospiel, das auch in Frankreich Generationen prägen wird. Manchmal schreibt die Kultur eben ihre eigene Weltgeschichte — mit Pixeln, Konsolen und quietschenden Reifen.


    Von der Vergangenheit ins Heute

    Wenn man die Ereignisse des 27. August nebeneinanderlegt, scheint dieser Tag wie ein Prisma der Weltgeschichte. Vulkane, Revolutionen, Verträge, Attentate und Popkultur. Alles findet sich hier.

    Was lernen wir daraus? Dass Geschichte nie nur die „großen“ Daten sind, die in Lehrbüchern fett markiert werden. Auch Tage wie dieser zeigen, wie eng Katastrophen und Hoffnung, Fortschritt und Rückschläge miteinander verwoben sind. Wer hätte gedacht, dass am gleichen Datum einerseits ein Pakt zur Ächtung des Krieges geschlossen und andererseits ein späterer Diktator in Dresden seinen letzten großen Sieg feiert?

    Die Nachwirkungen sind bis heute spürbar. Die Erinnerung an Naturkatastrophen wie Krakatau mahnt uns, den Klimawandel ernst zu nehmen. Der Briand-Kellogg-Pakt lebt in den Grundprinzipien der Vereinten Nationen fort. Die Unabhängigkeit Moldaus ist heute aktueller denn je, wenn man die Spannungen zwischen Russland und Europa betrachtet. Und das französische Engagement der „France libre“ im Jahr 1940 wird in Frankreich nach wie vor als Wendepunkt im kollektiven Gedächtnis gefeiert.

    Am Ende bleibt eine Erkenntnis: Jeder Tag birgt mehr Geschichte, als man denkt. Der 27. August ist dafür ein Paradebeispiel. Und wer weiß, welche Schlagzeilen eines künftigen 27. Augusts einmal in den Chroniken landen?