Schlagwort: Forstwirtschaft Frankreich

  • Wenn der Wald noch nicht zur Ruhe kommt – warum Sturm Goretti ein stilles Risiko hinterlässt

    Wenn der Wald noch nicht zur Ruhe kommt – warum Sturm Goretti ein stilles Risiko hinterlässt

    Der Wald wirkt friedlich an diesem Januarsamstag. Kaum Wind. Gedämpftes Licht zwischen den Stämmen. Ein Moment, der zu einem Spaziergang einlädt, zu tiefen Atemzügen, zu diesem kleinen inneren Klick, wenn der Alltag kurz Pause macht. Doch genau jetzt raten die Fachleute entschieden ab. Und das nicht ohne Grund.

    Nach dem Durchzug der Tempête Goretti bleibt mehr zurück als umgestürzte Bäume und nasse Wege. Es bleibt Unsicherheit. Eine leise, aber reale Gefahr, die man weder hört noch sofort sieht. Genau darauf weist der Office national des forêts hin und zwar mit ungewöhnlich klaren Worten. Wer kann, soll die Wälder meiden. Nicht nur am Freitag, sondern das gesamte Wochenende über.

    Warum diese Dringlichkeit?

    Weil ein Sturm selten endet, wenn der Wind nachlässt.


    Manche Schäden zeigen sich sofort. Bäume, die entwurzelt auf Wegen liegen. Abgebrochene Kronen. Gesperrte Zufahrten. Das kennt man. Doch Goretti hat auch anders gewütet. Heimtückischer. Unsichtbarer. Viele Bäume stehen noch, aber sie stehen nicht mehr sicher. Ihr Halt im Boden hat gelitten. Ihre Äste hängen lose, verkeilt in Nachbarbäumen oder festgefroren in schiefer Position.

    Ein Spaziergang unter solchen Bedingungen gleicht einem Würfelspiel. Wer möchte schon darauf vertrauen, dass ausgerechnet heute nichts passiert?

    Die Forstexperten sprechen von sogenannten Nachwirkungen eines Sturms. Ein Begriff, der harmlos klingt, aber viel bedeutet. Denn ein geschädigter Baum fällt nicht zwingend sofort. Manche geben erst Tage später nach. Ohne Vorwarnung. Ohne Windstoß. Einfach so.


    Hinzu kommt ein Faktor, den viele unterschätzen. Der Boden.

    Die intensiven Schneefälle zu Wochenbeginn und das rasche Tauwetter haben die Böden in weiten Teilen der Region aufgeweicht. Wassergetränkte Erde verliert ihre Stabilität. Wurzeln, die sonst fest verankert sind, finden keinen Widerstand mehr. Ein Baum, der gestern noch standhaft wirkte, kann heute kippen wie ein müder Riese.

    Klingt dramatisch? Ist es auch ein bisschen.

    Und genau deshalb haben mehrere Präfekturen reagiert. In der Île-de-France gelten in verschiedenen Départements temporäre Betretungsverbote für Wälder, darunter Seine-et-Marne, Val-d’Oise und Yvelines. Öffentliche wie private Waldflächen bleiben dort vorerst tabu.

    Und selbst dort, wo kein offizielles Verbot ausgesprochen wurde, rät der Forstdienst zur Zurückhaltung.

    Ein klarer Appell. Keine graue Empfehlung. Sondern eine Bitte, die aus Erfahrung geboren ist.


    Vielleicht fragt man sich jetzt: Ist das nicht übervorsichtig? Der Wald gehört doch zum Alltag, zum Leben, gerade hier. Viele Menschen gehen dort joggen, führen den Hund aus, sammeln Gedanken wie andere Pilze.

    Doch genau diese Normalität macht die Situation tückisch. Denn der Wald sieht vertraut aus. Er riecht wie immer. Er klingt ruhig. Aber unter dieser Oberfläche arbeitet noch immer die Kraft des Sturms nach.

    Ein Förster aus der Region beschrieb es einmal so: Nach einem Sturm ist der Wald wie ein Haus nach einem Erdbeben. Von außen wirkt vieles stabil. Innen jedoch knirscht es noch.


    Die Teams des Forstdienstes beginnen erst in den kommenden Tagen mit einer systematischen Bestandsaufnahme. Wege kontrollieren. Gefährliche Bäume markieren. Lose Äste entfernen. Manche Bereiche sichern. Andere vorübergehend schließen.

    Das braucht Zeit.

    Zeit, die man dem Wald geben sollte.

    Zeit, die letztlich auch uns schützt.

    Denn eines darf man nicht vergessen: Wälder sind komplexe Systeme. Ein gefällter Baum kann einen anderen destabilisieren. Ein Ast, der sich löst, kann beim Fallen weitere Schäden verursachen. Es ist eine Kettenreaktion, die sich nicht einfach stoppen lässt.

    Will man wirklich mitten hindurchlaufen?


    Es gab bereits Verletzte durch die Tempête Goretti. Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Ein Gedanke, der nachhallt. Und der zeigt, dass Vorsicht hier keine leere Floskel darstellt.

    Natürlich ist es ärgerlich. Das Wochenende frei. Die Kinder wollen raus. Der Hund schaut erwartungsvoll zur Tür. Und dann das. Wieder ein Verbot. Wieder eine Einschränkung.

    Aber vielleicht ist genau jetzt ein guter Moment, den Blick zu ändern.


    Statt Wald vielleicht Stadtpark. Statt langer Wanderung ein kurzer Spaziergang. Statt Naturpfad ein Café am Eck, ein Buch, ein Gespräch. Nicht alles, was draußen lockt, muss sofort betreten werden.

    Der Wald läuft nicht weg.

    Er wartet.

    Und er erholt sich.


    Interessant ist auch, wie sensibel das Zusammenspiel von Wetterereignissen und Landschaft geworden ist. Stürme, starke Niederschläge, plötzliche Temperaturwechsel. All das trifft auf Böden und Baumbestände, die ohnehin unter Stress stehen. Trockenjahre. Hitzeperioden. Krankheiten.

    Goretti war kein isoliertes Ereignis. Er reiht sich ein in eine Serie von Wetterlagen, die Förster seit Jahren beobachten und analysieren. Und jedes Mal bleibt dieselbe Erkenntnis: Die Folgen enden nicht mit dem letzten Windstoß.

    Vielleicht braucht es genau solche Momente, um das Bewusstsein dafür zu schärfen.


    Ein Spaziergang im Wald fühlt sich oft selbstverständlich an. Fast wie ein Grundrecht. Doch er ist auch ein Privileg. Und manchmal eben eines, das kurz pausieren sollte.

    Die Warnung des Forstdienstes richtet sich nicht gegen die Menschen. Sie richtet sich für sie.

    Wer jetzt Abstand hält, hilft mit. Den Fachleuten, ihre Arbeit sicher zu erledigen. Dem Wald, sich zu stabilisieren. Und sich selbst, gesund zu bleiben.

    Ist ein Wochenende Verzicht nicht besser als ein Moment Unachtsamkeit mit Folgen?


    In den nächsten Tagen dürfte sich die Lage entspannen. Kontrollen zeigen, welche Wege wieder freigegeben werden. Sperren verschwinden. Der Wald öffnet sich erneut. Langsam. Schritt für Schritt.

    Bis dahin gilt: zuhören. Ernst nehmen. Geduld haben.

    Und vielleicht beim nächsten Waldgang ein wenig genauer hinschauen. Nach oben. Zu den Kronen. Zu den Ästen. Zu dem, was man sonst gern übersieht.

    Der Wald spricht leise.

    Man sollte hinhören.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Wenn der Wald fällt, um den Wald zu retten

    Wenn der Wald fällt, um den Wald zu retten

    Es beginnt fast lautlos. Kein Sturm, kein Feuer, kein spektakuläres Naturereignis. Nur ein Wurm. Kaum einen Millimeter lang. Und doch reicht er aus, um einen der größten zusammenhängenden Wirtschaftswälder Europas ins Wanken zu bringen. In der Forêt des Landes, diesem endlosen Meer aus Kiefern im Südwesten Frankreichs, haben die Motorsägen bereits angesetzt. Der Nematode des Kiefernwelkens ist angekommen. Und mit ihm eine Entscheidung, die vielen den Atem nimmt. Zum ersten Mal in Frankreich wird der sogenannte Kiefernnematode aktiv bekämpft. Nicht präventiv, nicht theoretisch, sondern ganz konkret. In der Nähe von Seignosse, direkt an einer Straße, sind 59 infizierte Kiefern gefällt worden. Es sind die ersten sichtbaren Opfer eines Schädlings, der bislang vor allem aus Portugal und Spanien bekannt war. Dort hat er ganze Waldlandschaften binnen weniger Jahre verwandelt. Grün wurde zu Grau. Leben zu Totholz. Der Parasit wirkt unscheinbar, fast harmlos. Doch er unterbricht den Wassertrans…

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  • Bedrohung im Wald – Wie ein mikroskopischer Wurm Wälder der Landes de Gascogne in die Knie zwingt

    Bedrohung im Wald – Wie ein mikroskopischer Wurm Wälder der Landes de Gascogne in die Knie zwingt

    Ein Wald, der wie ein ruhiger Ozean wirkt – Wellen aus Nadelgrün, so weit das Auge reicht. Wer durch die Landes de Gascogne streift, merkt schnell, wie sehr dieser scheinbar unerschöpfliche Raum Teil der regionalen Seele geworden ist. Doch seit einigen Wochen hängt über diesem grünen Meer ein Schatten, kaum sichtbar und doch von zerstörerischer Macht: der Nematode du pin, ein winziger Fadenwurm, der innerhalb eines Monats aus einem kräftigen Baum ein Stück totes Holz macht.

    An einem Samstagnachmittag, irgendwo zwischen Gironde und den Pyrenäen, spazieren ein paar Freundinnen unter hohen Stämmen entlang, lachen, erinnern sich an improvisierte Hütten aus Kindertagen. Für viele Menschen dort ist der Wald kein Hintergrund, sondern Begleiter. Gerade deshalb trifft die neue Gefahr nicht nur eine Landschaft, sondern ein Lebensgefühl.

    Wer die Region kennt, weiß: Diese Wälder sind nicht einfach gewachsen, sie wurden gebaut. Napoleon III. ordnete im 19. Jahrhundert an, in den sumpfigen Böden ein gigantisches Netz aus Pinus pinaster zu pflanzen – Baum an Baum, über 15.000 Quadratkilometer hinweg. Aus der Idee wurde eine Industrie, deren Herz jahrzehntelang im Takt der Harzgewinnung schlug, bevor moderne Holzverarbeitung den Ton übernahm. Heute hängt ein ganzer Wirtschaftszweig daran, über 30.000 Arbeitsplätze, vom Sägewerk bis zum Spielzeugmacher.

    Man muss nur Yannick Bonaldi zuhören, Produktionsleiter beim berühmten Baumaterialienhersteller Kapla. Für ihn lebte der Erfolg der Marke immer im Einklang des maritimen Kiefers. Das Holz sei einzigartig, sagt er, mit einer Maserung, die fast künstlerisch wirkt. Andere Baumarten hätten den Test nicht bestanden. Hier, im Landes-Geflecht aus jahrzehntelanger Expertise und Handwerkstradition, scheint der Pin maritime unverzichtbar – so unverzichtbar wie Brot für die Bäckerei.

    Umso heftiger wirkt der Schock, den die ersten verdächtigen Bäume in Soustons ausgelöst haben. Pierre Pecastaings, Bürgermeister einer der betroffenen Gemeinden, beschreibt den Moment wie einen Schlag. Die Landes, sagt er, stecken den Menschen im Blut. Und jetzt, wo die Stämme plötzlich fahl werden, Nadeln schlaff herabhängen, wächst die Angst, dass die vertraute Kulisse kippt.

    Das Drama beginnt unscheinbar. Ein Baum trocknet schneller aus als gewöhnlich. Ein zweiter verliert seine Farbe. Erst wenn Proben genommen und im Labor untersucht werden, zeigt sich die Wahrheit: Der Nematode ist da – und zwar nicht im fernen Portugal oder Spanien, wo er schon seit Jahren wütet, sondern zum ersten Mal offiziell auf französischem Boden.

    Der Wurm selbst ist harmlos für den Menschen, doch im Inneren eines Baumes wirkt er wie ein Saboteur. Er verhindert den Wassertransport, die Adern des Baumes verstopfen, die Krone stirbt ab. Übertragen wird er durch einen kleinen Bockkäfer, der in diesen Wäldern so selbstverständlich vorkommt wie Kiesel auf einem Feldweg. Ein Albtraum für Forstexperten, denn das bedeutet: Der Schädling reist kostenlos, weit, schnell.

    Die Behörden reagieren sofort. Rund um den ersten Fund wird ein 500-Meter-Radius zur Tabuzone erklärt. Jeder Nadelbaum muss fallen, egal wie alt, egal wie gesund er aussieht – ein brachiales Vorgehen, aber das einzige, das als wirksam gilt. Darüber hinaus entsteht ein 20-Kilometer-Gürtel als Schutzpuffer, vier Jahre lang streng überwacht. So lange, sagt man, dauert es, die unsichtbare Gefahr wirklich einzufangen.

    Für die Menschen, die mitten in dieser Zone arbeiten, fühlt sich das an wie ein Schnitt durch den Alltag. Holzfäller berichten, wie sie mitten in der Arbeit plötzlich stoppen mussten. Maschinen ausgeschaltet, Stämme liegengeblieben. Innerhalb weniger Tage verliert das Holz an Qualität, trocknet aus, wird leichter – und damit wertloser. Es ist, als würde man einem Rohstoff dabei zusehen, wie er verdunstet.

    Das wirtschaftliche Echo ist gewaltig. Unternehmer klagen über Tausende Tonnen Holz, die auf den Böden liegen wie unerfüllte Versprechen. Für kleinere Betriebe, die ohnehin knapp kalkulieren, bedeutet das mehr als eine Delle im Jahresabschluss. Es bedroht ihre Existenz.

    In einer traditionsreichen Sägewerk, nur wenige Kilometer vom Befallsgebiet entfernt, spricht Nathalie Lasserre mit stockender Stimme von der Möglichkeit, den Betrieb stilllegen zu müssen. Ohne gesundes Holz läuft nichts – weder die Sägen, noch in den Büchern. Man könne zwar weiter entfernte Lieferanten suchen, erklärt sie, doch dann drängen alle dorthin. Ein klassischer Engpass, der die Preise steigen lässt und kleine Betriebe schnell ins Abseits drängt.

    Die 15 Beschäftigten dort schauen jeden Morgen auf den Hof und hoffen, dass der Lkw mit neuem Material ankommt. Bleibt er aus, droht Kurzarbeit. Ein Szenario, das man dort bisher nur aus Krisenberichten kannte, nicht aus dem eigenen Leben.

    Und während all diese Fragen im Raum stehen, rattern die Motorsägen unermüdlich weiter. Die Forstleute haben nur wenige Wochen Zeit. Ein Wettlauf gegen ein Wesen, das man nicht sieht und das sich nur schwer aufhalten lässt. Es ist ein Wettlauf um die Zukunft eines Waldes, der nicht nur Holz liefert, sondern Identität.

    Vielleicht liegt in dieser Krise auch ein Moment der Offenheit. Ein Wald, der gebaut wurde, muss nun geschützt werden. Und vielleicht beginnt genau jetzt die Debatte darüber, wie man ihn widerstandsfähiger macht – damit das grüne Meer der Landes auch in kommenden Generationen noch bis zum Horizont reicht.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Wenn ein Wald durstet: Die Chartreuse im Kampf gegen das große Austrocknen

    Wenn ein Wald durstet: Die Chartreuse im Kampf gegen das große Austrocknen

    Im Herzen der französischen Alpen liegt eine grüne Welt, die einst als wasserreiches Naturparadies galt. Die Chartreuse – ein imposanter Gebirgszug zwischen Grenoble und Chambéry – beherbergt eine der ursprünglichsten und faszinierendsten Bergwälder Frankreichs. Doch dieser grüne Schatz ist bedroht. Die Dürre nimmt zu, Parasiten wüten, und die einst mächtigen Baumriesen fallen reihenweise. Was hier […]

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