Schlagwort: filmikone

  • Ein Strand für den Mythos: Cannes ehrt Brigitte Bardot

    Ein Strand für den Mythos: Cannes ehrt Brigitte Bardot

    An der Croisette glitzert das Mittelmeer wie eh und je. Sonnenbrillen spiegeln Palmen, Fotografen lauern auf den nächsten großen Auftritt – und nun trägt einer der bekanntesten Strände der Stadt einen Namen, der seit Jahrzehnten untrennbar mit Cannes verbunden ist: Brigitte Bardot. Der frühere Stran…

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  • Eine Ikone als Streitfall – Brigitte Bardot und die Frage nach dem nationalen Gedenken

    Eine Ikone als Streitfall – Brigitte Bardot und die Frage nach dem nationalen Gedenken

    Der Tod von Brigitte Bardot hat Frankreich in einen Zustand versetzt, den man kennt und der doch jedes Mal überrascht: Das Land trauert – und streitet zugleich. Kaum war die Nachricht vom Ableben der wohl berühmtesten Blondine der Republik öffentlich, begann ein politischer Schlagabtausch, der weniger mit Pietät als mit Positionsbestimmung zu tun hat. Die Idee eines nationalen Gedenkens, vorgetragen mit Pathos und politischem Kalkül, spaltet die politische Klasse entlang vertrauter Linien.

    Auf der einen Seite jene, die in Bardot eine Verkörperung Frankreichs sehen, eine Marianne aus Zelluloid, deren Bild um die Welt ging. Éric Ciotti fordert den Präsidenten feierlich auf, der Nation einen letzten großen Akt der Anerkennung zu ermöglichen. Mehr als 15.000 Unterschriften stützen seine Petition, lanciert über die Parteiplattform der UDR. Unterstützung kommt aus einem politischen Lager, das sich seit Jahren auf Symbole und Identitätsfragen konzentriert. Die Nähe zu Marine Le Pen ist dabei kein Geheimnis, sondern Teil der Erzählung.

    Auch Christian Estrosi meldet sich zu Wort. In Nizza, won er Bürgermeister ist, soll ein markanter Ort künftig Bardots Namen tragen. Die Botschaft ist klar: Hier wird nicht nur getrauert, hier wird markiert. Bardot, so scheint es, eignet sich bestens als Projektionsfläche. Für Nostalgie. Für nationale Selbstvergewisserung. Und, ganz ehrlich, auch für Wahlkampf. Das ist Politik, wie sie lebt – manchmal von der Emotion, manchmal von der Gelegenheit.

    Doch ein nationaler Tribut ist kein Straßenfest. Er folgt festen Ritualen, ist selten und von Gewicht. Ein Dekret des Präsidenten, eine Zeremonie, oft im Herzen von Paris, etwa im Hof des Hôtel des Invalides. Von Staatsmännern, Widerstandskämpfern, Opfern des Terrors hat die Nation dort Abschied genommen. Auch Künstler, die weit über ihr Metier hinaus wirkten, wurden dort geehrt. Charles Aznavour. Jean-Paul Belmondo. Namen, die kaum Widerspruch auslösten.

    Bei Bardot liegt der Fall anders. Nicht wegen ihrer Bedeutung für das Kino, die unbestritten bleibt. Sondern wegen der Brüche, die ihr öffentliches Leben durchzogen. Der Ruhm der frühen Jahre, die Radikalität des Rückzugs, der kompromisslose Einsatz für den Tierschutz. Und dann jene Aussagen, die Gerichte beschäftigten und viele Menschen verletzten. Rassistisch. Fremdenfeindlich. Antimuslimisch. Worte, die nachhallen, auch wenn der Vorhang gefallen ist.

    Die Linke reagiert entsprechend reserviert, um nicht zu sagen: abwehrend. Olivier Faure (PS) formuliert nüchtern, nationale Ehrungen seien außergewöhnlichen Verdiensten um die Republik vorbehalten. Bardot habe sich, so der Vorwurf, von republikanischen Werten entfernt. Man spürt in diesen Tagen ein kollektives Unbehagen, fast so, als halte man sich die Nase zu, während andere bereits die Fahnen hissen.

    Dabei stellt sich eine grundsätzliche Frage, die über Bardot hinausweist. Lässt sich Trauer verordnen? Kann ein Dekret Emotion erzeugen? Die Geschichte spricht dagegen. Johnny Hallyday erhielt keinen nationalen Staatsakt, aber ein Volksbegräbnis, das die Straßen von Paris füllte. Der Präsident sprach auf den Stufen der Madeleine, und das reichte. Die Anteilnahme kam von unten, nicht von oben. Sie war echt, laut, manchmal kitschig, aber unbestreitbar.

    Im Fall Bardot schweigt Emmanuel Macron bislang. Ein Schweigen, das lauter wirkt als jede Rede. Vielleicht aus Respekt. Vielleicht aus Vorsicht. Vielleicht, weil der Präsident weiß, dass jede Entscheidung – ob für oder gegen ein nationales Gedenken – sofort politisch gelesen würde. In Zeiten, in denen jede Geste seziert wird, ist Untätigkeit bisweilen die klügste Option.

    Und dann gibt es noch Bardot selbst, die Frau hinter der Ikone. Freunde berichten von ihrem Wunsch nach Schlichtheit, nach einem Abschied ohne großes Zeremoniell. Saint-Tropez, ein Wintertag, kein Pomp. Man kann diese Stimmen als nachträgliche Legendenbildung abtun. Man kann sie aber auch ernst nehmen. Denn vielleicht liegt hier die eigentliche Lehre dieser Tage: Nicht jedes Leben, so schillernd es auch gewesen sein mag, verlangt nach staatlicher Weihe.

    Frankreich liebt seine Debatten. Es liebt es, sich zu zerlegen und wieder zusammenzufügen. Der Streit um Bardot zeigt das in Reinform. Er offenbart die Sehnsucht nach guten Symbolen ebenso wie die Angst vor falschen. Er zeigt eine Republik, die ringt mit ihrem Selbstbild, mit ihrer Vergangenheit, mit der Frage, wer dazugehören darf – auch im Tod.

    Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Erinnerung kein Besitz ist, den man sich aneignen kann. Sie gehört denen, die fühlen. Und die fühlen unterschiedlich. Das mag unbefriedigend sein für jene, die klare Zeichen setzen wollen. Es ist aber vielleicht der ehrlichste Zustand, den eine pluralistische Gesellschaft erreichen kann. Bardot, die Unangepasste, hätte darüber womöglich gelächelt. Oder auch geschimpft. Man weiß es nicht. Und genau das passt erstaunlich gut.

    Von Andreas M. Brucker

  • Ikone, Provokateurin, politische Reizfigur – wie Brigitte Bardot jahrzehntelang polarisierte

    Ikone, Provokateurin, politische Reizfigur – wie Brigitte Bardot jahrzehntelang polarisierte

    Sie war das Gesicht einer Epoche, ein Symbol der sexuellen Befreiung, eine Leinwanderscheinung von weltweitem Rang. Und zugleich eine Figur, die nie davor zurückschreckte, mit Worten zu verletzen, zu provozieren, zu spalten. Der Tod von Brigitte Bardot im Alter von 91 Jahren hat Frankreich noch einmal mit einer unbequemen Wahrheit konfrontiert: Hinter dem Mythos der Filmikone verbarg sich eine Frau, deren politische Aussagen und gesellschaftliche Positionierungen über Jahrzehnte hinweg für Empörung sorgten – und die mehrfach vor Gericht endeten.

    Schon die ersten Reaktionen aus dem rechten politischen Spektrum fielen auffallend herzlich aus. Jordan Bardellasprach von einer „glühenden Patriotin“, Marine Le Pen würdigte eine „freie, unzähmbare, kompromisslose Frau“. Worte, die mehr über die politische Nähe aussagen als über nostalgische Verehrung. Denn Bardot hatte ihre Sympathien für die extreme Rechte nie verborgen. Im Gegenteil. Sie trug sie wie ein Ehrenzeichen vor sich her.

    Dabei begann alles vergleichsweise früh. Als sie 1973 dem Kino den Rücken kehrte und sich selbst als „freie Frau“ inszenierte, wandte sie sich zugleich scharf gegen den Feminismus. Das Mouvement de libération des femmes hielt sie für lächerlich, für ein Missverständnis weiblicher Selbstbestimmung. Frauen, so Bardot damals, wollten plötzlich keine Frauen mehr sein. Ein Satz, der schon damals Kopfschütteln auslöste und rückblickend wie ein Vorbote späterer Grenzüberschreitungen wirkt.

    Die politische Verortung nach rechts außen nahm in den frühen neunziger Jahren deutlichere Konturen an. 1992 heiratete Bardot den Unternehmer Bernard d’Ormale, den sie im Umfeld von Jean-Marie Le Pen kennengelernt hatte. In ihrer Autobiografie beschrieb sie den damaligen Front-National-Chef als charmant, intelligent, als jemanden, der – wie sie – von bestimmten Entwicklungen „revoltiert“ sei. Gemeint war vor allem die Einwanderung, die sie als bedrohlich empfand. Worte, die nicht im luftleeren Raum standen, sondern Teil eines ideologischen Fundaments waren.

    Besonders schwer wogen jene Aussagen, die ihr zwischen 1997 und 2008 mehrere Verurteilungen wegen Volksverhetzung einbrachten. Bardot äußerte sich wiederholt islamfeindlich, vor allem im Zusammenhang mit dem muslimischen Opferfest. In offenen Briefen und Zeitungsartikeln sprach sie von einer „Überfremdung“, von einer Unterwerfung Frankreichs unter muslimische Bräuche. Das war keine beiläufige Provokation mehr, das war gezielte sprachliche Eskalation. Die Justiz reagierte, mehrmals, mit Geldstrafen.

    Ihr Buch „Un cri dans le silence“ markierte 2003 einen weiteren Tiefpunkt. Darin beschrieb Bardot Muslime als Teil einer gefährlichen, schleichenden Infiltration, die sich weder an Gesetze noch an Traditionen halte. Auch Homosexuelle wurden Ziel ihrer Tiraden, ebenso wie das, was sie abschätzig als „Metissage“ bezeichnete. Die Sprache war roh, verletzend, entmenschlichend. Wieder folgte eine Verurteilung. Und wieder zeigte Bardot keinerlei Reue.

    Selbst in hohem Alter blieb sie ihrer Linie treu. 2019 diffamierte sie die Bevölkerung von La Réunion in einem offenen Brief als „degeneriert“, diesmal unter dem Vorwand des Tierschutzes. 2021 verurteilte ein Gericht sie wegen öffentlicher Beleidigung mit rassistischem Charakter zu einer Geldstrafe von 20.000 Euro. Man hätte denken können, irgendwann kehrt Stille ein. Tat es nicht.

    Politisch unterstützte Bardot über Jahre hinweg Kandidatinnen und Kandidaten des rechten Spektrums. 2012 forderte sie Bürgermeister dazu auf, Marine Le Pen die notwendigen Unterstützungsunterschriften zu geben. Sie selbst nannte Le Pen eine bewundernswerte Frau. 2017 stellte sie sich offen gegen Emmanuel Macron, den sie für seine aus ihrer Sicht mangelnde Tierpolitik kritisierte. Ob sie den Front National – später Rassemblement National – wählte, ließ sie offen, ihre Sympathie jedoch machte sie deutlich.

    Kurzzeitig setzte sie ihre Hoffnungen auch auf Eric Zemmour, bevor sie sich enttäuscht abwandte und schließlich Nicolas Dupont-Aignan unterstützte. Ideologische Konsistenz spielte dabei eine untergeordnete Rolle. Der rote Faden blieb der Tierschutz, den sie als moralischen Kompass ihres Handelns verstand – oder zumindest als Rechtfertigung.

    Dieser Fokus führte sie sogar in die Nähe internationaler Machtpolitik. 2013 drohte Bardot damit, die russische Staatsbürgerschaft anzunehmen, um zwei Elefanten vor der Einschläferung zu retten. In Interviews äußerte sie offen ihre Bewunderung für Wladimir Putin, dem sie mehr Menschlichkeit attestierte als den Präsidenten ihres eigenen Landes. Wenn sie ihn um etwas bitte, so sagte sie einmal, erfülle er es ihr meist. Das klang weniger nach politischer Analyse als nach persönlicher Verklärung.

    Dabei betonte Bardot stets, sie sei keiner Partei verpflichtet. Sie habe sogar Jean-Luc Mélenchon kontaktiert, erzählte sie, und würde jeden wählen, der die Forderungen ihrer Stiftung im Wahlprogramm übernehme. Diese Stiftung, die Fondation Brigitte-Bardot, bleibt ihr unbestrittenes Vermächtnis. Ihr Engagement für Tiere war real, beharrlich, wirkungsvoll. Und doch wirft es einen langen Schatten, wenn es immer wieder als Schutzschild für menschenverachtende Aussagen diente.

    Brigitte Bardot war nie nur die blonde Göttin von Saint-Tropez. Sie war auch eine Frau, die bewusst aneckte, die provozierte, manchmal einfach drauflosredete – nach dem Motto: Mir doch egal, was ihr denkt. Das mag für Fans Ausdruck von Unabhängigkeit gewesen sein. Für viele andere blieb es schlicht verletzend. Und genau diese Ambivalenz macht ihr Erbe so kompliziert. Eine Ikone, ja. Aber eine mit Rissen. Deutlichen.

    Von C. Hatty