Schlagwort: Ewigkeitschemikalien

  • Ihr gebt wohl erst Ruhe, wenn die ganze Welt vergiftet ist, oder?!

    Ihr gebt wohl erst Ruhe, wenn die ganze Welt vergiftet ist, oder?!

    PFAS in Frankreich: In der Bouzanne dürfen keine Fische mehr gefangen und gegessen werden. Weil die Menschheit offenbar beschlossen hat, dass es nicht reicht, die Luft zu verpesten, die Böden zu verseuchen und die Meere mit Plastik vollzustopfen. Nein, jetzt muss auch noch der letzte Fisch zum wandelnden Chemielabor mutieren!

    Herzlichen Glückwunsch, liebe Industrie! Wirklich großartig! Da habt ihr wieder ganze Arbeit geleistet!

    Im französischen Département Indre fließt die Bouzanne. Ein kleiner Fluss, idyllische Landschaft, grüne Wiesen, ein bisschen Natur. Früher ging man dort angeln. Heute sollte man besser die Finger davon lassen. Denn im Wasser und in der Umgebung stehen sogenannte PFAS im Mittelpunkt behördlicher Untersuchungen. Das sind jene wunderbaren Ewigkeitschemikalien, die so heißen, weil sie sich in der Umwelt teilweise über Jahrzehnte oder noch länger halten.

    EWIGKEITSCHEMIKALIEN!

    Allein dieses Wort müsste doch bei jedem halbwegs vernünftigen Menschen sämtliche Alarmglocken auslösen!

    Aber nein. Wir Menschen hören „ewig“ und denken offenbar: „Prima! Dann müssen wir uns wenigstens nicht darum kümmern, dass der Dreck irgendwann verschwindet!“

    Erst die Teppiche imprägnieren, dann die Landschaft gleich mit!

    Im Zentrum der Angelegenheit steht der Teppichhersteller Balsan in Arthon. Dort kamen über lange Zeit fluorierte Chemikalien zum Einsatz, damit Teppiche Schmutz und Wasser abweisen.

    Eine fantastische Erfindung! Der Rotwein perlt vom Teppich ab, der Schmutz bleibt draußen, und irgendwo anders landet die chemische Hinterlassenschaft in der Umwelt.

    Na, wunderbar!

    Schon 2024 beschäftigte sich die französische Umweltaufsicht mit auffälligen PFAS-Werten im industriellen Abwasser des Unternehmens. Ein Maßnahmenplan war erforderlich. Die Problematik lag also keineswegs völlig überraschend auf dem Tisch.

    Und jetzt kommt der Teil, bei dem man sich wirklich fragt, ob irgendjemand in diesem ganzen System gelegentlich seinen gesunden Menschenverstand einschaltet.

    Klärschlämme aus der betrieblichen Abwasserbehandlung landeten noch bis 2025 auf landwirtschaftlichen Flächen!

    AUF LANDWIRTSCHAFTLICHEN FLÄCHEN!

    Da wächst möglicherweise unser Essen! Da befinden sich Böden, die wir nicht einfach austauschen wie eine schmutzige Fußmatte!

    Natürlich bedeutet das Ausbringen von Klärschlamm nicht automatisch, dass jedes dort erzeugte Lebensmittel belastet ist. Dafür braucht es Messungen. Aber die Vorstellung, dass langlebige Industriechemikalien über solche Wege in die Landschaft gelangen, müsste doch ausreichen, um jedes verantwortungsbewusste Unternehmen und jede zuständige Behörde hellhörig zu machen.

    Stattdessen stehen wir jetzt vor einem Fluss, in dem Menschen bestimmte Fische nicht mehr fangen und essen dürfen.

    Der Fisch ist nicht das Problem. Der Fisch ist das Opfer!

    Und wissen Sie, was mich daran besonders auf die Palme bringt?

    Dass am Ende ausgerechnet der Fisch behandelt wird, als sei er der Übeltäter!

    „Achtung, bitte nicht angeln! Achtung, bitte nicht essen!“

    JA, WAS SOLL DER FISCH DENN MACHEN?!

    Der hat keine Chemiefabrik betrieben! Der hat keine Teppiche imprägniert! Der hat keinen Klärschlamm auf Felder gefahren!

    Der ist einfach nur durch seinen Fluss geschwommen!

    Und jetzt sitzt der Angler am Ufer, schaut aufs Wasser und erfährt, dass sein Hobby in diesem Abschnitt vorerst Geschichte ist. Die Natur liefert die Rechnung für industrielle Stoffe, deren langfristige Folgen viel zu lange unterschätzt wurden.

    PFAS sind dabei keine harmlose Modeerscheinung. Bestimmte Vertreter dieser riesigen Stoffgruppe reichern sich in Organismen an. Für einige sind gesundheitliche Auswirkungen wissenschaftlich gut dokumentiert, darunter Veränderungen der Immunantwort und erhöhte Cholesterinwerte.

    Und nein, liebe Freunde der Küchenweisheiten, da hilft auch kein kräftiges Durchbraten!

    Ein mit PFAS belasteter Fisch verwandelt sich nicht durch zwanzig Minuten in der Pfanne in ein gesundheitlich unbedenkliches Abendessen.

    Das ist kein Salmonellenproblem. Das ist Chemie.

    Wir erfinden Stoffe für die Ewigkeit und wundern uns über die Folgen!

    Die eigentliche Absurdität liegt doch darin, dass wir Materialien entwickeln, die unglaublich widerstandsfähig sind, und anschließend überrascht feststellen, dass sie sich auch in der Umwelt nicht einfach verabschieden.

    „Ach, das baut sich gar nicht so schnell ab?“

    NEIN! DESHALB HEISST ES JA EWIGKEITSCHEMIKALIE!

    Natürlich erfüllen PFAS in bestimmten industriellen Anwendungen nützliche Funktionen. Und selbstverständlich unterscheiden sich die einzelnen Verbindungen erheblich. Nicht jede Substanz besitzt dieselben Eigenschaften oder gesundheitlichen Risiken.

    Aber genau deshalb braucht es strenge Kontrollen, belastbare Grenzwerte und konsequente Vorsorge.

    Nicht erst dann, wenn ein Fluss zum Warngebiet geworden ist.

    Bei Balsan sollte nach Berichten aus dem Oktober ein Aktivkohlefilter erprobt werden, um PFAS aus dem Abwasser zu entfernen. Das ist ein möglicher technischer Ansatz, der seine Wirksamkeit allerdings erst nachweisen muss.

    Schön. Wirklich schön.

    Nur stellt sich eine klitzekleine Frage: Was geschieht mit den Chemikalien, die längst draußen sind?

    Im Boden? Im Schlamm? In den Fischen?

    Die verschwinden schließlich nicht, weil irgendwo eine neue Filteranlage eingeschaltet wird.

    Die Gewinne bleiben privat, die Sorgen landen am Flussufer

    Und damit kommen wir zu einer grundsätzlichen Frage, die weit über diesen einzelnen Betrieb hinausreicht.

    Wer trägt eigentlich die langfristigen Kosten industrieller Umweltbelastungen?

    Die Unternehmen, die bestimmte Chemikalien einsetzen? Die Behörden, die deren Verwendung überwachen? Oder am Ende die Allgemeinheit, die für Untersuchungen, Sanierungen und mögliche gesundheitliche Folgen aufkommen muss?

    Bei der Bouzanne steht die konkrete Verantwortlichkeit für einzelne Belastungswege noch unter dem Vorbehalt weiterer Untersuchungen. Das muss sauber aufgeklärt werden. Niemandem sollte ohne Beweise eine bestimmte Rechtsverletzung unterstellt werden.

    Aber die grundsätzliche Frage bleibt.

    Warum gelingt es uns technisch, Teppiche so auszurüsten, dass Wasser abperlt, während der Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen offenbar wesentlich komplizierter erscheint?

    Wir schicken Raumsonden zu fernen Planeten, entwickeln künstliche Intelligenz und bauen Autos, die selbstständig einparken.

    Aber einen Fluss vor langlebigen Schadstoffen zu schützen – das bleibt eine Herausforderung?

    WAS IST DENN DAS BITTE FÜR EINE PRIORITÄTENSETZUNG?!

    Die Natur braucht keine Pressemitteilung. Sie braucht Schutz!

    Frankreich verschärft inzwischen die gesetzlichen Beschränkungen für PFAS. Seit 2026 gelten Verbote für bestimmte Produktgruppen, weitere Einschränkungen folgen.

    Das ist ein Schritt.

    Doch Gesetze gegen neue Einträge beseitigen nicht die Altlasten vergangener Jahrzehnte. Ein belasteter Boden interessiert sich nicht für den Zeitpunkt des Inkrafttretens einer Verordnung.

    Und ein Fisch liest keine Pressemitteilung.

    Für die Menschen an der Bouzanne braucht es deshalb transparente Messergebnisse, eine eindeutige Abgrenzung des betroffenen Gewässerabschnitts und nachvollziehbare Entscheidungen über mögliche Sanierungsmaßnahmen.

    Vor allem aber braucht es die Bereitschaft, Umweltverschmutzung nicht länger als unvermeidlichen Kollateralschaden wirtschaftlicher Tätigkeit hinzunehmen.

    Denn irgendwann reicht es nicht mehr, nur Warnschilder aufzustellen.

    Irgendwann muss man verhindern, dass überhaupt ein Warnschild nötig wird.

    Und jetzt mal eine Frage an alle, die immer noch glauben, wir könnten unseren Planeten endlos als chemischen Abfalleimer benutzen:

    Ihr gebt wohl wirklich erst Ruhe, wenn die ganze Welt vergiftet ist, oder?!

    Wenn der letzte Fluss belastet, der letzte Fisch ungenießbar und der letzte Acker verdächtig ist, dann steht ihr vermutlich immer noch daneben und erklärt uns, dass man zunächst die Ergebnisse weiterer Untersuchungen abwarten müsse.

    NEIN!

    Wir brauchen Untersuchungen. Wir brauchen wissenschaftliche Genauigkeit. Wir brauchen rechtsstaatliche Verfahren.

    Aber vor allem brauchen wir endlich eine Industriegesellschaft, die begreift, dass wirtschaftlicher Fortschritt nichts wert ist, wenn wir dabei unsere eigenen Lebensgrundlagen ruinieren!

    Denn eines steht fest: Einen Teppich kann man wegwerfen.

    EINEN PLANETEN NICHT!

    Christine Macha

  • PFAS: Der französische Staat im Visier der „Ewigkeitschemikalien“

    PFAS: Der französische Staat im Visier der „Ewigkeitschemikalien“

    Die Auseinandersetzung um PFAS erreicht in Frankreich eine neue politische und juristische Dimension. Am 20. Mai 2026 haben die Umweltorganisationen Générations Futures, Notre Affaire à Tous und Bloom gemeinsam mit sechs Anwohnern belasteter Regionen Klage vor dem Verwaltungsgericht in Paris eingereicht. Ihr Vorwurf: Der französische Staat habe über Jahre hinweg nicht ausreichend gegen die Gefahren der sogenannten „Ewigkeitschemikalien“ gehandelt und damit seine Schutzpflicht gegenüber Bevölkerung und Umwelt verletzt.

    PFAS, die Abkürzung für per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen, umfassen mehrere Tausend künstlich hergestellte Chemikalien. Aufgrund ihrer wasser-, fett- und schmutzabweisenden Eigenschaften werden sie seit Jahrzehnten in zahlreichen Industrie- und Konsumprodukten eingesetzt – von Outdoor-Kleidung über Kosmetika bis hin zu Lebensmittelverpackungen. Das Problem: Viele dieser Stoffe bauen sich in der Umwelt praktisch nicht ab. Sie gelangen in Böden, Flüsse und das Grundwasser und können sich im menschlichen Körper anreichern.

    Die Kläger argumentieren, dass die Risiken der PFAS seit Langem bekannt seien. Wissenschaftliche Studien bringen bestimmte Verbindungen mit erhöhten Cholesterinwerten, Störungen des Immunsystems, Fruchtbarkeitsproblemen und einigen Krebsarten in Verbindung. Dennoch habe der Staat zu spät und zu zögerlich reagiert. Die Organisationen verlangen daher nicht nur ein Ende der Emissionen, sondern auch eine umfassende Übernahme der Gesundheits- und Sanierungskosten durch die Verursacher.

    Tatsächlich hat die französische Regierung in den vergangenen Jahren mehrere Maßnahmen auf den Weg gebracht. Nach einem ersten Aktionsplan im Jahr 2023 folgte 2024 ein ressortübergreifendes Programm zur Überwachung und Reduzierung der Belastung. Mit dem Gesetz vom Februar 2025 wurden schließlich bestimmte PFAS-haltige Produkte verboten. Seit Anfang 2026 dürfen unter anderem zahlreiche Kosmetika, Skiwachse sowie bestimmte Textilien und Schuhe nicht mehr in Verkehr gebracht werden. Zudem wurde die Kontrolle des Trinkwassers deutlich ausgeweitet.

    Den Klägern gehen diese Schritte jedoch nicht weit genug. Sie kritisieren zahlreiche Ausnahmen und Übergangsfristen sowie die weiterhin bestehende Belastung vieler Regionen. Besonders in industriell geprägten Gebieten wurden in den vergangenen Jahren wiederholt erhöhte PFAS-Werte festgestellt, was die Sorge der betroffenen Bevölkerung verstärkt hat.

    Der Prozess erinnert in seiner politischen Tragweite an die berühmte Klimaklage „Affaire du siècle“, mit der der französische Staat bereits wegen unzureichender Klimapolitik verurteilt wurde. Auch diesmal geht es um die Frage staatlicher Verantwortung angesichts bekannter Umweltgefahren. Sollte das Gericht eine „carence fautive“ – ein schuldhaftes Versäumnis staatlichen Handelns – feststellen, könnte dies weitreichende Folgen für Umweltpolitik, Industrie und öffentliche Finanzen haben.

    Im Kern steht eine grundlegende Frage moderner Umweltpolitik: Wer trägt die Kosten jahrzehntelanger Verschmutzung, wenn Risiken bekannt waren, wirksame Gegenmaßnahmen jedoch erst spät ergriffen wurden? Die Antwort des Gerichts könnte weit über die PFAS-Problematik hinausreichen und neue Maßstäbe für den Umgang des Staates mit langfristigen Umwelt- und Gesundheitsrisiken setzen.

    MAB