Schlagwort: europäische Integration

  • FCAS in der Warteschleife: Europas Prestigeprojekt zwischen strategischem Anspruch und politischer Realität

    FCAS in der Warteschleife: Europas Prestigeprojekt zwischen strategischem Anspruch und politischer Realität

    Es sollte das Flaggschiff einer selbstbewussten europäischen Verteidigungspolitik werden: technologisch führend, industriell integriert, politisch symbolträchtig. Das Future Combat Air System (FCAS), auf Französisch Système de combat aérien du futur (SCAF), steht für nicht weniger als den Anspruch Europas, im militärischen Hochtechnologiebereich unabhängig von den USA zu agieren. Doch fast ein Jahrzehnt nach dem politischen Startschuss wirkt das Projekt angeschlagen. Die wiederholte Verschiebung zentraler Entscheidungen durch Berlin nährt Zweifel, ob der deutsch-französisch-spanische Schulterschluss tatsächlich trägt – oder ob nationale Interessen am Ende überwiegen.

    Ein System der Systeme – und der Konflikte

    Als Frankreich und Deutschland 2017 das FCAS initiierten, war die strategische Lage nur leicht anders. Donald Trump stellte die transatlantische Verlässlichkeit infrage, Großbritannien bereitete den Brexit vor, und die Debatte über „strategische Autonomie“ gewann in Paris an Fahrt. Spanien stieß später hinzu. Das Projekt sollte nicht nur einen neuen Kampfjet hervorbringen, sondern ein vernetztes „System von Systemen“: ein Next Generation Fighter (NGF), begleitet von unbemannten Trägersystemen („Remote Carriers“), eingebettet in eine digitale Gefechts-Cloud.

    Industriell ist das Programm hochkomplex. Auf französischer Seite führt Dassault Aviation die Entwicklung des bemannten Kampfflugzeugs an – gestützt auf jahrzehntelange Erfahrung mit dem Kampfjet Rafale. Auf deutscher und spanischer Seite spielt Airbus Defence and Space eine zentrale Rolle. Hinzu kommen zahlreiche Zulieferer, etwa im Bereich Triebwerksentwicklung oder Sensorik.

    Von Beginn an entzündeten sich Konflikte an der industriellen Arbeitsteilung, an Fragen der geistigen Eigentumsrechte und an der Führungsstruktur. Paris pocht auf eine klare „maîtrise d’œuvre“, also eine eindeutige technische Gesamtverantwortung je Teilprojekt. Berlin hingegen verlangt eine paritätische Beteiligung. Hinter der Debatte stehen nicht nur industriepolitische Interessen, sondern die Frage, wer die Schlüsseltechnologien kontrolliert – und damit langfristig sicherheitspolitische Souveränität.

    Zeitenwende und F-35: Deutschlands strategischer Spagat

    Die sicherheitspolitische Großwetterlage hat sich seit 2022 dramatisch verändert. Der russische Angriff auf die Ukraine markierte eine „Zeitenwende“, wie der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz es formulierte. Deutschland beschloss ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro zur Modernisierung der Bundeswehr. Doch diese Mittel sind bereits stark gebunden.

    Ein besonders symbolträchtiger Schritt war die Entscheidung Berlins, US-amerikanische F-35-Kampfjets für die nukleare Teilhabe der NATO zu beschaffen. Die Wahl fiel auf das Modell von Lockheed Martin – operativ nachvollziehbar, da die F-35 kurzfristig verfügbar und für die nukleare Rolle zertifiziert ist. Politisch jedoch sendete der Kauf ein ambivalentes Signal: Während Paris auf europäische Autonomie drängt, vertieft Berlin seine sicherheitstechnologische Verflechtung mit Washington.

    Für die französische Seite ist dies mehr als eine technische Beschaffungsentscheidung. Es berührt das Selbstverständnis der EU als geopolitischer Akteur. Wenn zentrale Mitgliedstaaten im Hochtechnologiebereich weiterhin auf US-Plattformen setzen, wird das Argument für teure europäische Eigenentwicklungen schwächer.

    Industriepolitische Reibungen und technologische Risiken

    Im Zentrum der aktuellen Spannungen steht die nächste Entwicklungsphase des FCAS, die den Bau eines Demonstrators für den NGF vorsieht. Jede Verzögerung erhöht die Kosten und verschiebt den geplanten Indienststellungszeitpunkt – derzeit um 2040 angesetzt.

    Für Dassault Aviation ist die Sache klar: Wer die Verantwortung für das Kampfflugzeug trägt, muss auch die Entscheidungsgewalt über dessen Architektur besitzen. Das Unternehmen argumentiert mit seiner Alleinentwicklung der Rafale – ein in Europa seltenes Beispiel vollständiger nationaler Souveränität im Kampfflugzeugbau. Airbus Defence and Space dagegen verweist auf die Erfahrung mit multinationalen Programmen wie dem Eurofighter und fordert eine stärker verteilte Governance-Struktur.

    Der Konflikt ist strukturell. Multinationale Rüstungsprojekte sind notorisch anfällig für Verzögerungen, weil sie industriepolitische Rücksichtnahmen mit technologischer Effizienz in Einklang bringen müssen. Jeder Partnerstaat will Arbeitsplätze sichern, Kompetenzen ausbauen und Schlüsseltechnologien im eigenen Land verankern. Gleichzeitig erfordern moderne Luftkampfsysteme enorme Investitionen in Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Sensorfusion und Tarnkappentechnologie. Eine Zersplitterung der Verantwortung kann Innovationsprozesse lähmen.

    Hinzu kommt ein zeitkritischer Faktor: Der Ersatz der französischen Rafale und der deutschen sowie spanischen Eurofighter-Flotten duldet keinen unbegrenzten Aufschub. In der militärischen Luftfahrt sind Entwicklungszyklen von 20 bis 30 Jahren üblich. Wer heute zögert, riskiert morgen Fähigkeitslücken.

    Europäische Konkurrenz und globale Dynamik

    FCAS ist nicht das einzige Projekt dieser Art. Großbritannien verfolgt gemeinsam mit Italien und Japan ein eigenes Programm für ein Kampfflugzeug der nächsten Generation. Auch die USA arbeiten mit Hochdruck an einem Nachfolgesystem für ihre bestehenden Plattformen. Der globale Wettbewerb verschärft sich.

    Für Europa bedeutet dies eine strategische Zwickmühle. Einerseits spricht viel für Konsolidierung: Ein fragmentierter Markt mit mehreren konkurrierenden Projekten schwächt die industrielle Basis. Andererseits erschwert politisches Misstrauen eine tiefere Integration. Der Brexit hat die Verteidigungskooperation zusätzlich verkompliziert.

    Ökonomisch geht es um Milliardenbeträge. Schätzungen für die Gesamtkosten des FCAS bewegen sich im hohen zweistelligen Milliardenbereich – verteilt über mehrere Jahrzehnte. In Zeiten angespannter Haushalte und wachsender sozialpolitischer Ausgaben steigt der Rechtfertigungsdruck. Gerade in Deutschland ist die Debatte über Verteidigungsausgaben innenpolitisch sensibel.

    Strategische Autonomie als Prüfstein

    FCAS ist mehr als ein Rüstungsprojekt. Es ist ein Lackmustest für die europäische Ambition, sicherheitspolitisch eigenständiger zu werden. Strategische Autonomie bedeutet nicht Abkopplung von den USA, wohl aber die Fähigkeit, im Ernstfall unabhängig handeln zu können – technologisch, industriell und politisch.

    Frankreich versteht sich traditionell als Verfechter dieser Linie. Mit eigener Nuklearstreitmacht und einer vergleichsweise geschlossenen Rüstungsindustrie sieht sich Paris als Motor einer europäischen Verteidigungsidentität. Deutschland hingegen ist historisch stärker in die transatlantischen Strukturen eingebunden und neigt zu einem kooperativeren, aber auch vorsichtigeren Ansatz.

    Die wiederholten Verzögerungen beim FCAS sind daher Symptom tiefer liegender Divergenzen. Sie spiegeln unterschiedliche strategische Kulturen, Bedrohungswahrnehmungen und industriepolitische Prioritäten wider. Solange diese Unterschiede nicht offen adressiert werden, droht das Projekt weiter in technokratischen Detailfragen stecken zu bleiben.

    Noch ist FCAS nicht gescheitert. Die bereits investierten Mittel, die industrielle Verflechtung und das politische Prestige sprechen gegen einen Abbruch. Doch jedes weitere Zögern untergräbt die Glaubwürdigkeit. Am Ende wird nicht die technische Machbarkeit entscheidend sein, sondern der politische Wille. Wenn Berlin und Paris bereit sind, echte Führungsverantwortung zu akzeptieren – auch asymmetrisch verteilt –, könnte das Projekt zum Kern einer handlungsfähigeren europäischen Verteidigung werden. Gelingt dies nicht, dürfte FCAS als weiteres Beispiel in die Geschichte eingehen, wie ambitionierte Integrationsprojekte an nationalen Vorbehalten scheitern.

    Autor: P. Tiko

  • Frankreich ringt mit der Zucman-Steuer: Vermögensgerechtigkeit oder Standortrisiko?

    Frankreich ringt mit der Zucman-Steuer: Vermögensgerechtigkeit oder Standortrisiko?

    Frankreich diskutiert seit Monaten ein steuerpolitisches Instrument, das das Potenzial hat, europäische Debatten nachhaltig zu prägen – und gleichzeitig das Land selbst tief spaltet: die sogenannte Zucman-Steuer. Gemeint ist eine jährliche Mindestbesteuerung sehr großer Privatvermögen. Was international oft als pauschaler Zwei-Prozent-Satz auf Milliardärsvermögen gedacht ist, wird in Frankreich in Varianten ab etwa 100 Millionen Euro Nettovermögen diskutiert. Der politische Reiz des Vorschlags liegt auf der Hand: In Zeiten wachsender Vermögenskonzentration und solider Kapitalmarktgewinne wächst der Druck, die steuerliche Unterbesteuerung an der Spitze des Reichtums effektiver zu adressieren – ohne dabei Investitionen zu gefährden. Doch hinter der Idee steht mehr als bloße Symbolpolitik.

    Ein Mindestmaß an Beitrag

    Die Zucman-Steuer greift eine Logik auf, die bereits in der globalen Unternehmensbesteuerung Anwendung findet: Eine Mindestlast, die Steuervermeidung durch nationale Spielräume begrenzen soll. Statt weiterer Sonderregelungen für Vermögende setzt das Konzept auf universelle Untergrenzen – unabhängig von Wohnsitz, Herkunft der Einkünfte oder nationalen Schlupflöchern.

    Technisch lassen sich zwei Wege unterscheiden: Entweder wird eine direkte Abgabe auf das Nettovermögen erhoben – etwa 2 % jährlich –, oder es kommt zu einer indirekten Besteuerung über fiktive Einkünfte. Dabei wird das Vermögen mit einem pauschalen Ertragssatz (z. B. 7 %) bewertet und dieser Betrag als Einkommen der Besteuerung unterworfen – bis die gewünschte Mindestbelastung erreicht ist. Letzteres Modell zielt auf eine höhere Vollzugstauglichkeit und bessere Abdeckung schwer bewertbarer Vermögensformen. Politisch allerdings ist es nicht weniger umstritten.

    Frankreichs steuerpolitische Erfahrung

    Die französische Debatte fällt nicht auf unvorbereiteten Boden. Jahrzehntelang existierte mit der ISF – der Impôt de solidarité sur la fortune – eine umfassende Vermögenssteuer, die hohe Nettovermögen unabhängig von der Vermögensart belastete. 2017 wurde sie im Zuge wirtschaftspolitischer Reformen unter Präsident Macron zur IFI umgebaut und auf Immobilienvermögen beschränkt. Die neue Debatte knüpft an dieses Erbe an – jedoch mit verändertem Fokus: Nicht mehr breite Vermögensgruppen sollen erfasst, sondern gezielt das oberste Promille besteuert werden.

    Entsprechend hoch liegt die Schwelle: Diskutiert wird eine Einstiegshöhe bei 100 Millionen Euro. Die politische Sprengkraft liegt jedoch weniger in dieser Zahl als in der Rückkehr zu einer umfassenden Bewertung – also auch von Unternehmensbeteiligungen, Stiftungen, Kunstvermögen oder Private Equity. Genau hier beginnen die komplexen Abgrenzungs- und Umsetzungsfragen.

    Drei Argumente für die Steuer

    Die Befürworter der Zucman-Steuer führen vor allem drei Argumente ins Feld. Erstens ein Gerechtigkeitsversprechen: Wer dauerhaft und im großen Maßstab vom internationalen Kapitalmarkt profitiert, müsse auch in Jahren ohne realisierte Gewinne einen Beitrag zum Gemeinwesen leisten. Zweitens eine fiskalische Stabilisierung: Eine Vermögensmindeststeuer könnte die Abhängigkeit des Staates von konjunkturabhängigen Einnahmen verringern. Und drittens ein symbolisches Moment: Der Sozialstaat wird nicht länger ausschließlich über Lohn- und Verbrauchssteuern finanziert, sondern auch über einen dauerhaften Beitrag der ökonomisch Stärksten.

    Und drei Gegenargumente

    Auf der Gegenseite stehen ebenso gewichtige Einwände. Zunächst das Standortargument: Eine nationale Alleinfahrt birgt das Risiko, dass Vermögende ihren Steuersitz ins Ausland verlagern oder auf legale Ausweichstrategien zurückgreifen. Zweitens die Bewertungs- und Liquiditätsfrage: Gerade bei nicht-börsennotierten Vermögenswerten ist die Wertermittlung komplex, Ausschüttungen oft nicht verfügbar – das Phänomen der „Papiermilliardäre“ ohne liquide Mittel ist real. Drittens bestehen verfassungsrechtliche Bedenken: Eigentumsgarantie, Gleichheitsgrundsatz und das Erfordernis klarer, nachvollziehbarer Bemessungsgrundlagen setzen dem steuerpolitischen Gestaltungsspielraum Grenzen.

    Wenn Technik politisch wird

    Die Debatte um Mindeststeuern auf Vermögen zeigt: Technische Details sind politisch. Das gilt besonders für die Bewertungsfragen. Während Aktien oder liquide Finanzanlagen einfach zu bewerten sind, ist das bei Familienunternehmen, Beteiligungsgesellschaften oder Sammlungsobjekten ungleich schwieriger. Frankreich könnte auf Erfahrungen der früheren ISF zurückgreifen – etwa in Form pauschaler Abschläge, Bewertungsabschläge und Stundungsregelungen. Ohne pragmatische Lösungen in diesen Bereichen droht die Steuer nicht nur ineffizient, sondern auch wirtschaftlich schädlich zu wirken. Ein wichtiges Korrektiv könnte ein Anrechnungsmechanismus sein: Wer in Frankreich bereits hohe Steuerlasten über Einkommens-, Quellen- oder Erbschaftsteuern trägt, soll Gutschriften auf die Mindestlast erhalten. Das senkt Doppelbelastungen und fokussiert die Wirkung auf Unterbesteuerte.

    Nationale Initiative oder europäische Einbettung?

    Ob sich das Projekt politisch realisieren lässt, hängt nicht zuletzt vom Grad internationaler Koordination ab. Eine national beschlossene Zucman-Steuer wäre rechtlich anfälliger und ökonomisch riskanter. Eine abgestimmte europäische Initiative – etwa im Rahmen einer verstärkten Zusammenarbeit – könnte hingegen Flankenschutz bieten. Die französische Debatte ist sich dessen bewusst. Immer wieder ist zu hören, dass ein nationaler Einstieg mit Übergangsfristen und gleichzeitiger diplomatischer Initiative auf europäischer Ebene kombiniert werden müsse, um Wirkung und Akzeptanz gleichermaßen zu sichern.

    Am Ende geht es weniger um ein moralisches Urteil über Reichtum, sondern um die Frage, ob ein konsistentes, rechtssicheres und wirtschaftlich tragfähiges Design möglich ist. Nur wenn die Bewertungslücken geschlossen, Doppelbelastungen begrenzt und internationale Standards abgestimmt werden, kann eine Mindeststeuer auf Vermögen mehr sein als ein symbolisches Projekt. Scheitert das Vorhaben an seinen technischen und politischen Widersprüchen, droht es in die Reihe gut gemeinter, aber letztlich folgenloser Gerechtigkeitsversprechen einzugehen.

    Autor: P. Tiko

  • Die Aktivisten und eine japanische Animationsserie: Wenn Gen Z mit Piratenflaggen protestiert

    Die Aktivisten und eine japanische Animationsserie: Wenn Gen Z mit Piratenflaggen protestiert

    Der Protest der Generation Z erlebt weltweit einen Moment des Aufbruchs.

    Allein im vergangenen Monat kam es in Nepal, Indonesien, auf den Philippinen und in Madagaskar zu massiven Demonstrationen, die maßgeblich von jungen Menschen getragen wurden – aus Protest gegen Korruption, soziale Ungleichheit und staatliche Willkür. Über all diesen Protesten flatterte eine unerwartete, aber immer gleiche Fahne: ein grinsender Totenkopf mit Strohhut.

    Diese Fahne stammt aus der populären japanischen Manga- und Anime-Serie One Piece, die eine anarchisch-freie Piratenbande im Kampf gegen ein repressives, korruptes Weltregime begleitet. Die Serie, jüngst auch als Realverfilmung auf Netflix erschienen, wurde in über ein Dutzend Sprachen übersetzt und hat weltweit eine immense Fangemeinde – mit über 500 Millionen verkauften Manga-Exemplaren zählt One Piece zu den erfolgreichsten Franchises der Welt.

    Zum ersten Mal wurde die Piratenflagge im Jahr 2023 bei pro-palästinensischen Demonstrationen in Indonesien und Großbritannien öffentlich gezeigt. Seither hat sie sich zu einem globalen Symbol jugendlicher Protestbewegungen entwickelt.

    Sie hing am Tor des Regierungsviertels in Kathmandu, das in Folge der Proteste niedergebrannt wurde – ein Fanal, das letztlich zum Sturz der Regierung führte. Sie wurde auf Mauern in Jakarta gesprüht und von Demonstrierenden in Manila getragen. Und diese Woche tauchte sie in Madagaskar auf – wo die Proteste am Montag die Auflösung der Regierung erzwangen.

    „Wir wissen, dass die Gen Z auf der ganzen Welt protestiert, und wir wollten Symbole nutzen, die für unsere Generation Sinn ergeben“, sagte Rakshya Bam, 26, eine der nepalesischen Organisatorinnen. „Die Piratenflagge, der Jolly Roger – das ist wie eine gemeinsame Sprache geworden.“

    Doch die One Piece-Flagge ist mehr als nur ein Banner – sie ist Allegorie und Anklage zugleich. Die Hauptfigur Luffy gilt – je nach Perspektive – entweder als Terrorist oder als Freiheitskämpfer. Sein ikonischer Strohhut ist ein Vermächtnis seines Kindheitsidols, das daran glaubte, dass Luffys Generation eines Tages triumphieren würde.

    Gerade dieser erzählerische Hintergrund verleiht dem Symbol seine Kraft, meint auch Irfan Khan, ein weiterer nepalesischer Aktivist. „Der Pirat ist unsere Art zu sagen: Wir lassen uns Ungerechtigkeit und Korruption nicht länger gefallen.“

    Dass kulturelle Symbole aus Popkultur und Fiktion Einzug in politische Proteste halten, ist nicht neu. In den 2010er-Jahren machten sich Gegner der Militärjunta in Thailand den Drei-Finger-Gruß aus der dystopischen Hunger Games-Reihe zu eigen – ein Zeichen des Widerstands, das bis heute in Ländern wie Myanmar genutzt wird.

    „Ich denke, wir erleben gerade eine neue Ära der politischen Organisierung“, sagt Raqib Naik, Direktor des US-amerikanischen Center for the Study of Organized Hate, das Online-Aktivismus und Desinformation beobachtet. „Sie greift stark auf digitale, popkulturelle und Gaming-Elemente zurück und schafft dadurch ein gemeinsames Vokabular.“

    So vereint die One Piece-Flagge Protestierende, die tausende Kilometer voneinander entfernt leben. Was sie eint, ist eine gemeinsame kulturelle Prägung – ein Generationencode, der populäre Erzählungen und antiautoritäre Haltungen miteinander verbindet. Eine Protestform, die bereits mindestens zwei Regierungen zu Fall gebracht hat – und deren Dynamik noch längst nicht am Ende scheint.


    Was Moldaus Wahl über Europas Zukunft verrät

    Moldau zählt nur 2,4 Millionen Einwohner – etwas weniger sogar, als die Metropolregion Stuttgart. Doch die geopolitische Lage der ehemaligen Sowjetrepublik verleiht ihr strategisches Gewicht. Umso bemerkenswerter ist der Wahlsieg einer pro-europäischen Partei am vergangenen Sonntag – eine Wahl, die zuvor als äußerst knapp galt. Es sei, so formulierte es die Journalistin Jeanna Smialek, „ein Wettstreit der Werte gewesen – ein Referendum Europa gegen Russland.“

    Der Wahlausgang wirft ein Schlaglicht auf die Stimmungslage in Europa. Nach dem Brexit wurden vielerorts Befürchtungen laut, dass weitere Länder dem britischen Beispiel folgen könnten. Heute jedoch geben knapp drei Viertel der EU-Bürger an, dass ihr Land von der Mitgliedschaft profitiert habe. Sogar in Ungarn, wo Ministerpräsident Viktor Orbán offen anti-europäische Töne anschlägt, liegt der Zustimmungswert bei 77 %.

    Neben wirtschaftlichen Vorteilen gewinnt die EU zunehmend als sicherheitspolitischer Anker an Bedeutung – gerade in Zeiten des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine und eines US-Präsidenten Trump, der alte Bündnisse infrage stellt. Zwar gibt es Gegenbeispiele wie Georgien, das einst prowestlich war und sich heute Russland annähert. Doch das klare Bekenntnis zu Europa in Moldau zeigt: Viele Bürger der östlichen Peripherie sehen die EU als Schutzraum und Zukunftsversprechen – und stehen bereit, dies auch an der Wahlurne zu verteidigen.


    Weitere internationale Meldungen:

    – Die US-Regierung ist heute erstmals seit 2019 wieder lahmgelegt worden, nachdem Demokraten und Republikaner sich nicht auf ein neues Haushaltsgesetz einigen konnten. Tausende Staatsbedienstete werden unbezahlt in Zwangsurlaub geschickt, essenzielle Dienste wie medizinische Versorgung für Senioren laufen weiter.

    Donald Trump hat der Hamas „drei oder vier Tage“ gegeben, um auf seinen Vorschlag für ein Ende des Krieges im Gazastreifen zu reagieren. Der Plan kommt Premierminister Benjamin Netanjahu weit entgegen – trotz wachsender internationaler Isolation Israels.

    – Die USA haben eine Gruppe iranischer Staatsbürger nach einem bilateralen Abkommen per Flugzeug in den Iran abgeschoben.

    – Auf den Philippinen hat ein schweres Erdbeben mindestens 53 Menschenleben gefordert und mehrere Gebäude zum Einsturz gebracht.

    – In Pakistans Provinz Belutschistan explodierte eine Autobombe vor dem Hauptquartier einer paramilitärischen Einheit. Mindestens zehn Menschen kamen ums Leben.

    Südafrikas Botschafter in Frankreich wurde tot vor einem Hotel in Paris aufgefunden. Die Polizei ermittelt wegen des Verdachts auf Suizid.

    – Ein neues KI-Start-up hat Forschende von Meta und Google abgeworben – mit dem Versprechen, wissenschaftliche Durchbrüche zu beschleunigen.

    Autor: P. Tiko

  • Zwanzig Jahre nach dem „Non“: Frankreichs bleibende Skepsis gegenüber der politischen Klasse

    Zwanzig Jahre nach dem „Non“: Frankreichs bleibende Skepsis gegenüber der politischen Klasse

    Am 29. Mai 2005 entschieden sich 54,68 % der französischen Wähler gegen den Vertrag über eine Verfassung für Europa. Das klare „Non“ in einem Volksentscheid sollte nicht nur die europäische Integrationsbewegung erschüttern, sondern offenbarte zugleich eine tiefergehende politische Krise innerhalb Frankreichs. Zwei Jahrzehnte später wirkt dieser Moment wie ein frühes Menetekel einer sich vertiefenden Entfremdung zwischen Bürgern und politischer Elite – eine Entwicklung, die bis heute spürbar ist. Das Referendum von 2005 war weniger ein Votum über die Europäische Union als vielmehr eine Abrechnung mit der politischen Klasse. Die Kampagne führte zu erheblichen Spannungen innerhalb der etablierten Parteien, allen voran der Parti Socialiste. Während deren Führung mehrheitlich für den Vertrag eintrat, organisierten sich zahlreiche Parteimitglieder und Gewerkschaftsnahe im Lager des „Non“. Die Auseinandersetzungen offenbarten ein wachsendes Unbehagen gegenüber einer politischen Führung, die z…

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  • Europa – eine Idee, die mehr denn je verteidigt werden muss – Ein Editorial zum Europatag 2025

    Europa – eine Idee, die mehr denn je verteidigt werden muss – Ein Editorial zum Europatag 2025

    Es gibt Tage, die auf dem Papier feierlich wirken – aber nur selten tiefer berühren. Der Europatag, begangen am 9. Mai, droht in der öffentlichen Wahrnehmung oft zu verblassen, irgendwo zwischen kommunaler Kulturwoche und internationalem Aktionstag. Dabei markiert dieses Datum den vielleicht kühnsten politischen Entwurf des 20. Jahrhunderts: die Vorstellung eines geeinten Europas, geboren aus den Trümmern zweier Weltkriege.

    Heute, 2025, ist dieser Entwurf nicht nur aktueller, sondern auch gefährdeter denn je.

    Die europäische Einigung, die mit Robert Schumans Vorschlag begann, Kohle und Stahl – also Kriegspotenzial – unter eine gemeinsame Verwaltung zu stellen, war nicht nur wirtschaftlich clever. Sie war ein moralisches Versprechen: Nie wieder Krieg auf diesem Kontinent, nie wieder nationale Alleingänge, nie wieder ideologischer Fanatismus ohne Gegengewicht. Dieses Versprechen trug über Jahrzehnte. Es brachte uns offene Grenzen, einen gemeinsamen Binnenmarkt, eine Währung und eine bisher nie dagewesene Freizügigkeit. Für viele junge Europäer ist das Reisen zwischen Helsinki, Lissabon und Athen heute so selbstverständlich wie für frühere Generationen der Gang zur Dorfkirmes.

    Doch was ist geblieben von diesem Traum?

    Der Europatag 2025 fällt in eine Zeit, in der die Einigkeit Risse zeigt. Die Migrationsfrage bleibt ungelöst. Rechtspopulistische Bewegungen dringen immer weiter in die politischen Zentren der Mitgliedstaaten vor. Die europäische Digitalpolitik hinkt der Realität der Tech-Giganten aus den USA und China meilenweit hinterher. Und geopolitisch? Da wirkt Europa oft wie ein zögerlicher Zaungast, während in Washington, Moskau und Peking Fakten geschaffen werden.

    Aber Europa ist eben keine geopolitische Maschine. Es ist kein Block, der sich durch Muskeln oder schnelle Entscheidungen definiert. Es ist eine Idee – ein Versprechen auf Frieden, Vielfalt und gemeinsamen Wohlstand. Diese Idee lebt durch Kompromisse. Sie atmet durch ihre Widersprüche. Wer heute einen einheitlichen europäischen „Willen“ einfordert, wird enttäuscht werden. Europa, das ist ein Gespräch in vielen Stimmen, manchmal ein Streit, aber immer ein Versuch, zusammenzubleiben.

    Natürlich: Man kann sich über Bürokratien ärgern, über Fördergeld-Irrsinn und Sprachregelungen, die selbst Juristen ins Schwitzen bringen. Aber wer Europa auf seine Verwaltung reduziert, verkennt das Wesentliche: dass es sich hier um das bislang erfolgreichste Friedensprojekt der Menschheitsgeschichte handelt. Und um ein Bollwerk gegen jene Kräfte, die in einer fragmentierten Welt ihre Macht durch Spaltung suchen.

    Man stelle sich nur für einen Moment vor, was ohne Europa wäre: Wäre der Krieg in der Ukraine nicht noch näher an uns herangerückt? Hätten wir im Angesicht von Pandemie oder Inflation wirklich besser abgeschnitten, jeder für sich allein? Wer glaubt, dass nationale Alleingänge heute noch funktionieren, hat den globalen Kontext entweder nicht verstanden – oder will ihn absichtlich ausblenden.

    Gerade deshalb braucht es den Europatag als Erinnerung. Und nicht nur als Erinnerung, sondern als Weckruf. Denn Europa ist nicht selbstverständlich. Es ist nicht „da“ wie ein Berg oder ein Fluss. Es existiert, weil wir es jeden Tag aufs Neue schaffen – oder eben scheitern lassen.

    Dabei hat Europa auch heute noch eine Anziehungskraft, von der viele träumen. Denken wir an die Beitrittskandidaten auf dem Balkan, an die Ukraine oder an Georgien. Für sie ist Europa keine bürokratische Belastung, sondern ein Lichtstreif am politischen Horizont – ein Versprechen auf Stabilität und Zukunft.

    Natürlich darf man Kritik äußern. Natürlich muss man Europa reformieren, effizienter, bürgernäher, demokratischer machen. Aber das geht nur von innen. Wer Europa verbessern will, darf es nicht von außen beargwöhnen, sondern muss es gestalten. In den Parlamenten, in den Medien, im Alltag. Und ja, manchmal auch auf der Straße.

    Was also tun am Europatag? Eine Flagge hissen? Ein Konzert besuchen? Warum nicht. Doch das Entscheidende passiert im Kopf: die Frage, ob wir weiter an diesen Kontinent glauben – an seine Werte, an seine Möglichkeiten. Und ob wir bereit sind, ihn zu verteidigen. Nicht mit Waffen, sondern mit Haltung.

    Denn: Wer, wenn nicht wir? Und wenn nicht jetzt – wann?

    Andreas M. Brucker

    Es grüßt die Redaktion von Nachrichten.fr!

  • Die Achse der Verantwortung – Warum das deutsch-französische Verhältnis Europas Zukunft bleibt

    Die Achse der Verantwortung – Warum das deutsch-französische Verhältnis Europas Zukunft bleibt

    Seit Jahrzehnten ist das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich das Fundament der europäischen Integration. Diese bilaterale Partnerschaft, oft symbolisch als „deutsch-französisches Paar“ bezeichnet, ist weit mehr als ein diplomatisches Ritual. Sie ist ein politischer Kraftkern, der Impulse gibt, Krisen kanalisiert und Europa in schwierigen Zeiten zusammenhält. Gerade in einer Phase globaler Umbrüche verdient dieser Motor eine nüchterne Neubewertung – frei von romantischer Überhöhung, aber auch fern jeder resignativen Skepsis.

    Die historische Dimension der Beziehung ist nicht zu überschätzen: Aus Feinden wurden Verbündete, aus ideologischer Konfrontation entstand eine konstruktive Arbeitsbeziehung. Die Unterzeichnung des Élysée-Vertrags durch Charles de Gaulle und Konrad Adenauer im Jahr 1963 war kein Schlussstrich, sondern ein Anfang. Ein politischer Neuanfang, der sich seither in immer neuen Konstellationen behaupten musste – von der Währung über die Verteidigung bis zur Migrationspolitik. Dabei zeigt sich: Entscheidend ist nicht allein der institutionelle Rahmen, sondern die Fähigkeit zur politischen Verständigung zwischen den jeweiligen Führungsduos.

    Valéry Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt schufen mit dem Europäischen Währungssystem die Grundlage für die spätere Einführung des Euro – nicht aus ideologischer Euphorie, sondern aus ökonomischer Vernunft. François Mitterrand und Helmut Kohl gingen über das Symbolische hinaus: Ihre Geste in Verdun war Ausdruck einer tiefen politischen Überzeugung, dass ohne Verständigung zwischen Paris und Bonn kein geeintes Europa denkbar ist. Jacques Chirac und Gerhard Schröder widersetzten sich 2003 dem Irak-Krieg – eine seltene deutsch-französische Allianz gegen den Mainstream transatlantischer Politik. In der Finanzkrise traten Nicolas Sarkozy und Angela Merkel als Antipoden auf – doch auch ihre Spannungen verhinderten nicht, dass Europa wirtschaftlich stabilisiert wurde. Diese Ambivalenz gehört zur Wahrheit: Auch funktionierende Partnerschaften kennen Konflikte.

    Angela Merkel und François Hollande knüpften pragmatisch an die Tradition an. In der Flüchtlingskrise 2015 zeigten sie, dass Humanität und Ordnung keine Gegensätze sein müssen – jedenfalls dann nicht, wenn sie europäisch koordiniert sind. Emmanuel Macron und Olaf Scholz standen seither vor einer Welt, die grundlegend anders geworden war: Pandemie, Krieg in der Ukraine, Energiekrise, strategischer Druck aus China und den USA. Die deutsch-französische Zusammenarbeit ist hier weder automatisch noch problemlos. Differenzen in der Industriepolitik, bei der Verteidigung oder in der Erweiterungsfrage der EU sind offensichtlich. Doch auch das ist ein Zeichen von Reife: Eine Partnerschaft, die divergierende nationale Interessen offen austrägt, ohne sich aufzulösen, zeigt Stärke – nicht Schwäche.

    Europa steht unter Druck – außenpolitisch wie innenpolitisch. Die europäische Idee ist bedroht durch Populismus, geopolitische Fragmentierung und wirtschaftliche Unsicherheiten. In diesem Umfeld ist es keine Folklore, sondern eine strategische Notwendigkeit, dass Deutschland und Frankreich gemeinsam agieren. Ihre Zusammenarbeit schafft nicht automatisch Konsens, aber sie schafft die Möglichkeit, dass Europa überhaupt handlungsfähig bleibt.

    Dazu bedarf es jedoch mehr als gemeinsamer Pressekonferenzen. Es braucht eine gemeinsame Vision, die über technokratische Feinabstimmungen hinausgeht. Die europäische Verteidigung, die Zukunft der EU-Finanzpolitik, der Umgang mit einer möglichen neuen Erweiterungsrunde – all das verlangt politische Führungsstärke. Gerade hier liegt aktuell ein Defizit. Die Beziehung zwischen Macron und Scholz wirkte nicht dysfunktional, aber auch nicht visionär. Man sprach miteinander, aber zu selten miteinander für Europa. Der Geist von Verdun ist nicht tot, aber er braucht politische Nahrung.

    Ein Rückfall in nationale Reflexe, wie er in jüngster Zeit vereinzelt zu beobachten ist, wäre gefährlich. Denn kein anderes Duo in Europa verfügt über vergleichbare politische Hebel, um komplexe Kompromisse zu ermöglichen. Weder Italien noch Polen, weder Spanien noch die nordischen Staaten haben in der EU die gleiche strukturelle Stellung. Die deutsch-französische Achse bleibt alternativlos – nicht aus Nostalgie, sondern weil ohne sie die europäische Integration Gefahr läuft, zum Stillstand zu kommen.

    Die Herausforderungen unserer Zeit dulden keine strategische Lethargie. Wenn Berlin und Paris ihre Rolle ernst nehmen, kann Europa in einer multipolaren Welt bestehen. Wenn sie sich jedoch in gegenseitigen Vorbehalten erschöpfen, droht dem Kontinent eine Phase der Orientierungslosigkeit. Gerade deshalb ist jetzt der Moment, das deutsch-französische Verhältnis nicht nur zu pflegen, sondern neu zu beleben. Nicht durch neue Verträge, sondern durch politischen Mut zur Führung.

    Und das ist die große Aufgabe des neuen Bundeskanzlers Friedrich Merz!

    P.T.

  • Ein neuer Anlauf für Europa: Friedrich Merz ist neuer Bundeskanzler

    Ein neuer Anlauf für Europa: Friedrich Merz ist neuer Bundeskanzler

    Mit der Wahl von Friedrich Merz zum zehnten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland beginnt ein neues Kapitel in den deutsch-französischen Beziehungen. Aus französischer Perspektive bietet sich die Gelegenheit, die strategische Partnerschaft mit Berlin neu zu beleben – in Zeiten geopolitischer Spannungen und wirtschaftlicher Herausforderungen ein dringend benötigtes Signal europäischer Handlungsfähigkeit.

    Deutschland hat gewählt, wenn auch nicht ohne Zögern. Der erste Wahlgang im Bundestag brachte nicht das erwartete Ergebnis: Friedrich Merz verfehlte mit 310 Stimmen die absolute Mehrheit (316 Stimmen) – ein historischer Moment, der Fragen nach der Geschlossenheit seiner Regierungskoalition aufwarf. Erst im zweiten Wahlgang konnte sich der Vorsitzende der CDU mit 325 der abgegebenen Stimmen durchsetzen. Damit endet eine Phase der Unsicherheit, die nicht nur in Berlin, sondern auch in Paris mit Sorge verfolgt wurde. Emmanuel Macron, der französische Staatspräsident, hatte früh erkennen lassen, dass er in Merz einen verlässlichen Gesprächspartner sieht – ideologisch konservativ, wirtschaftsliberal und transatlantisch orientiert, aber zugleich ein überzeugter Europäer.

    Ein konservativer Kurs mit europäischem Anspruch

    Frankreich blickt mit einer Mischung aus Hoffnung und Wachsamkeit auf den neuen Kanzler. Merz verkörpert einen wirtschaftsliberalen Kurs, der auf fiskalische Disziplin und marktwirtschaftliche Reformen setzt. In Paris wird dieser Kurs grundsätzlich begrüßt, solange er mit einer europäischen Perspektive einhergeht. Denn die Herausforderungen, vor denen der Kontinent steht – von der industriellen Wettbewerbsfähigkeit bis zur strategischen Autonomie – verlangen gemeinsame Antworten.

    Die Handschrift Merz’ wird auch die wirtschaftspolitische Ausrichtung Europas prägen. Paris erwartet von Berlin keine Rückkehr zu einer rigiden Austeritätspolitik, sondern eine konstruktive Mitgestaltung einer Wachstumsagenda. Das deutsch-französische Tandem könnte hier Impulse setzen – etwa in der Frage eines neuen europäischen Investitionsfonds oder bei der Umsetzung des Green Deal. Die Bereitschaft, Investitionen in Digitalisierung, Energieinfrastruktur und Verteidigung gemeinsam zu schultern, gilt als Gradmesser für die Zukunftsfähigkeit der Union.

    Ein Antrittsbesuch mit Signalwirkung

    Dass Friedrich Merz bereits am Tag nach seiner Wahl in Paris empfangen wird, ist kein diplomatischer Zufall, sondern ein gezieltes Signal: Der Élysée-Palast will die enge Abstimmung mit dem Kanzleramt von Beginn an institutionalisieren. Macron setzt damit auf Kontinuität im bilateralen Verhältnis – ungeachtet des parteipolitischen Wechsels in Berlin. In den vergangenen Jahren hatten sich unter Olaf Scholz und Macron zwar zahlreiche Kontakte ergeben, doch fehlte es nicht selten an politischer Synchronität. Nun eröffnet sich die Möglichkeit zu einem Neuanfang.

    Im Zentrum der Gespräche dürfte die europäische Sicherheitsarchitektur stehen. Vor dem Hintergrund der fortgesetzten Instabilität an Europas Grenzen, insbesondere durch die russische Aggression in der Ukraine, ist eine engere militärische Kooperation unvermeidlich. Frankreich hofft auf deutsche Unterstützung für eine stärkere europäische Verteidigung – sowohl finanziell als auch strategisch. Merz, der sich in der Vergangenheit deutlich für eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben ausgesprochen hat, dürfte hier gesprächsbereit sein.

    Zwischen Pragmatismus und Ambition

    Die innenpolitische Lage in Deutschland bleibt jedoch fragil. Die neue Koalition unter Führung von CDU und SPD ist ein Zweckbündnis, getragen weniger von gemeinsamer Vision als von politischem Kalkül. Paris ist sich bewusst, dass der Handlungsspielraum des Kanzlers durch Koalitionsdisziplin und parteiinterne Machtgefüge begrenzt ist. Doch Merz gilt als erfahrener Stratege, der mit politischem Instinkt und ökonomischer Expertise ausgestattet ist. Für Macron bietet sich damit die Möglichkeit, zentrale Projekte europäischer Integration mit neuem Elan anzugehen.

    Besondere Aufmerksamkeit gilt in Paris auch der Haltung der neuen Bundesregierung zur Reform der EU-Institutionen. Während Frankreich sich für ein Mehrheitsprinzip in der Außenpolitik starkmacht, steht Deutschland traditionell für Konsenslösungen. Hier könnte Merz – wenn auch vorsichtig – Bewegung in festgefahrene Strukturen bringen. Ein möglicher Kompromiss könnte in sektoralen Mehrheitsentscheidungen liegen, etwa in der Entwicklungshilfe oder bei Sanktionsregimen.

    Eine neue Dynamik für Europa

    Die Wahl von Friedrich Merz markiert nicht nur einen Wendepunkt in der deutschen Innenpolitik, sondern hat auch das Potenzial, Europa neue Dynamik zu verleihen. In einer Phase, in der die Europäische Union vor nie dagewesenen Herausforderungen steht – von der globalen wirtschaftlichen Neuordnung über den Klimawandel bis hin zur Verteidigung ihrer Werte – ist die deutsch-französische Zusammenarbeit wichtiger denn je. Macron und Merz haben nun die Chance, diesen Anspruch mit Leben zu füllen.

    Ihr morgiges Treffen in Paris könnte dabei zum Auftakt einer neuen Etappe europäischer Politik werden: geprägt von Pragmatismus, strategischem Denken und der Bereitschaft, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen. Die Voraussetzungen sind gegeben – es liegt an beiden Seiten, sie zu nutzen.

    Von Andreas Brucker

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