Schlagwort: europäische außenpolitik

  • Frankreich setzt auf Diplomatie: Warum Paris das neue US-Iran-Abkommen als Chance begreift

    Frankreich setzt auf Diplomatie: Warum Paris das neue US-Iran-Abkommen als Chance begreift

    Die französische Regierung hat die jüngste Einigung zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran mit vorsichtigem Optimismus aufgenommen. Außenminister Jean-Noël Barrot begrüßte das Abkommen ausdrücklich, verband seine Zustimmung jedoch mit einer klaren Mahnung: Alle beteiligten Akteure müssten die vereinbarten Verpflichtungen konsequent einhalten. Aus Sicht von Paris entscheidet sich der Erfolg der Vereinbarung nicht bei der Unterzeichnung, sondern erst bei ihrer Umsetzung. Die Stellungnahme verdeutlicht die zentrale Rolle, die Frankreich seit Beginn der jüngsten Verhandlungsrunde eingenommen hat. Während sich die Spannungen im Nahen Osten zuletzt mehrfach zuspitzten und militärische Eskalationen als reale Gefahr erschienen, setzte die französische Diplomatie konsequent auf Verhandlungen, internationale Kontrolle und vertrauensbildende Maßnahmen. Das neue Abkommen wird daher in Paris nicht als endgültige Lösung betrachtet, sondern als wichtiger Schritt auf einem langen und schwierige…

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  • Frankreichs Balanceakt: Warum Paris israelische Offensivwaffen von der Eurosatory 2026 ausschließt

    Frankreichs Balanceakt: Warum Paris israelische Offensivwaffen von der Eurosatory 2026 ausschließt

    Die Entscheidung der französischen Regierung, auf der Rüstungsmesse Eurosatory 2026 die Präsentation israelischer Offensivwaffen zu untersagen, markiert einen weiteren Schritt in der zunehmend angespannten Beziehung zwischen Paris und Jerusalem. Obwohl israelische Unternehmen weiterhin an einer der weltweit wichtigsten Verteidigungsmessen teilnehmen dürfen, setzt Frankreich klare Grenzen: Luftverteidigungs- und Raketenabwehrsysteme bleiben zugelassen, offensive Waffensysteme hingegen nicht. Die Maßnahme ist weit mehr als eine organisatorische Entscheidung für eine Fachmesse. Sie steht exemplarisch für den Versuch der französischen Außenpolitik, zwischen strategischen Interessen, wirtschaftlichen Erwägungen und politischen Botschaften zu navigieren. Dabei offenbart der Fall die wachsenden Spannungen innerhalb Europas im Umgang mit dem Nahostkonflikt. Eine symbolträchtige Entscheidung Die Eurosatory gilt als eines der bedeutendsten Schaufenster der internationalen Rüstungsindustrie. Alle…

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  • Ormuz-Krise verschärft sich: Macron drängt auf neutrale UN-Mission im Persischen Golf

    Ormuz-Krise verschärft sich: Macron drängt auf neutrale UN-Mission im Persischen Golf

    Die Krise um die Straße von Ormuz hat sich in den vergangenen Wochen deutlich zugespitzt. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron versucht nun, mit einer diplomatischen Initiative auf internationaler Ebene eine weitere Eskalation zu verhindern. Paris wirbt gemeinsam mit Großbritannien für eine internationale maritime Mission, die offiziell als „neutral“ und „defensiv“ bezeichnet wird und unter breiter internationaler Beteiligung den Schiffsverkehr in der strategisch entscheidenden Meerenge sichern soll.

    Macron verfolgt dabei eine doppelte Strategie: Einerseits soll die Freiheit der Schifffahrt garantiert werden, andererseits möchte Frankreich vermeiden, Teil einer direkten militärischen Konfrontation zwischen den USA und dem Iran zu werden. Die französische Regierung betont deshalb immer wieder, dass eine mögliche Mission nicht als offensive Operation gegen Teheran verstanden werden dürfe.

    Die wichtigste Energieroute der Welt

    Die Straße von Ormuz bleibt einer der empfindlichsten geopolitischen Brennpunkte der Weltwirtschaft. Rund ein Fünftel des globalen Öl- und Flüssiggastransports verläuft durch die nur wenige Kilometer breite Wasserstraße zwischen dem Persischen Golf und dem Indischen Ozean. Bereits kleinere Zwischenfälle reichen aus, um die Energiemärkte zu verunsichern und die Ölpreise weltweit steigen zu lassen.

    Seit Beginn der jüngsten Eskalation im Nahen Osten ist die Lage zunehmend außer Kontrolle geraten. Der Iran hat den Schiffsverkehr massiv eingeschränkt, Handelsschiffe wurden attackiert, Versicherungsprämien für Tanker explodierten, zahlreiche Reedereien meiden inzwischen die Route vollständig. Internationale Beobachter sprechen mittlerweile offen von einer schweren globalen Versorgungskrise mit potenziell weitreichenden Folgen für Energiepreise, Inflation und Lieferketten.

    Die Auswirkungen sind deutlich spürbar. Besonders energieabhängige Volkswirtschaften Europas und Asiens beobachten die Entwicklung mit wachsender Sorge. Unternehmen aus der Chemie-, Transport- und Schwerindustrie warnen vor steigenden Produktionskosten und erneuten Belastungen der internationalen Lieferketten.

    Frankreich zwischen Washington und Teheran

    Vor diesem Hintergrund versucht Frankreich, eine eigenständige außenpolitische Rolle einzunehmen. Macron distanziert sich bewusst von einer rein amerikanisch geführten Militärstrategie. Während Washington unter dem Schlagwort „Project Freedom“ eine robustere militärische Absicherung der Route diskutiert, setzt Paris offiziell auf eine internationale Lösung mit diplomatischer Legitimation.

    Die französische Regierung spricht von einer „neutralen“ Mission, die nicht gegen den Iran gerichtet sei. Macron erklärte mehrfach, Frankreich werde sich nicht an „gewaltsamen Operationen“ beteiligen und denke nicht an eine einseitige militärische Intervention ohne Abstimmung mit regionalen Akteuren. Gleichzeitig fordert Paris jedoch unmissverständlich die Wiederherstellung der freien Navigation.

    Diese Position spiegelt die traditionelle französische Nahostpolitik wider: Paris versucht seit Jahren, sich als Vermittlungsmacht zwischen westlichen Interessen und regionalen Akteuren zu positionieren. Frankreich unterhält enge Beziehungen zu den Golfstaaten, bemüht sich aber zugleich um diplomatische Kanäle nach Teheran.

    Internationale Koalition unter schwierigen Bedingungen

    Inzwischen arbeiten Frankreich und Großbritannien an einer breiteren internationalen Allianz zur Sicherung der Schifffahrt. Mehrere europäische Staaten sowie weitere Partner signalisierten Bereitschaft zur Beteiligung an einer defensiven Überwachungs- und Begleitmission. Frankreich hat zudem den Flugzeugträger „Charles de Gaulle“ und weitere Kriegsschiffe in Richtung Rotes Meer verlegt, offiziell als vorbereitende Sicherheitsmaßnahme.

    Allerdings bleibt die politische Lage äußerst kompliziert. Der Iran betrachtet jede zusätzliche westliche Militärpräsenz in der Region als Provokation. Teheran drohte mehrfach mit Angriffen auf Schiffe, die ohne iranische Zustimmung die Passage nutzen. Gleichzeitig werfen westliche Staaten dem Iran vor, Minen zu legen, Drohnenangriffe zu unterstützen und die internationale Handelsschifffahrt gezielt zu destabilisieren.

    Auch innerhalb der internationalen Gemeinschaft bestehen erhebliche Differenzen. Russland und China stehen westlichen Sicherheitsinitiativen skeptisch gegenüber und lehnen eine weitere Militarisierung der Region ab. Eine offizielle UN-Mission wäre daher politisch schwer durchsetzbar.

    Europas strategische Verwundbarkeit

    Die Krise offenbart zugleich ein strukturelles Problem Europas: die anhaltende Abhängigkeit von globalen Energie- und Handelsrouten. Nach den Erfahrungen der Energiekrisen seit 2022 wird in europäischen Hauptstädten zunehmend deutlich, wie verwundbar moderne Volkswirtschaften gegenüber geopolitischen Schocks geblieben sind.

    Für Frankreich besitzt die Krise deshalb auch eine strategische Dimension. Macron argumentiert seit Jahren für größere europäische „strategische Autonomie“ in Sicherheits- und Energiefragen. Die Ereignisse rund um Ormuz verstärken diese Debatte erheblich. Sollte die Blockade länger andauern, drohen nicht nur steigende Energiepreise, sondern auch politische Spannungen innerhalb Europas über Sanktionen, Militärmissionen und den Umgang mit dem Iran.

    Hinzu kommt die Gefahr einer unkontrollierten militärischen Eskalation. Bereits heute operieren amerikanische, britische, französische und iranische Streitkräfte in unmittelbarer Nähe zueinander. Jeder Zwischenfall könnte eine weitreichende Kettenreaktion auslösen.

    Macrons Initiative bei den Vereinten Nationen ist daher nicht allein ein diplomatischer Vorstoß zur Sicherung einer Handelsroute. Sie ist zugleich Ausdruck des Versuchs, eine internationale Ordnung aufrechtzuerhalten, in der multilaterale Lösungen noch möglich erscheinen. Ob dies angesichts der verhärteten geopolitischen Fronten gelingt, bleibt jedoch offen.

    Von Andreas Brucker

  • Krieg im Nahen Osten: Paris sucht innenpolitische Geschlossenheit

    Krieg im Nahen Osten: Paris sucht innenpolitische Geschlossenheit

    Der sich ausweitende Konflikt im Nahen Osten hat längst die Dimension einer regionalen Krise überschritten. Was als militärische Eskalation zwischen Israel und Iran begann und durch das Eingreifen der Vereinigten Staaten zusätzliche Dynamik erhielt, entwickelt sich zunehmend zu einer geopolitischen Konfrontation mit globaler Tragweite. In Paris wächst deshalb die Sorge vor den politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Folgen. Vor diesem Hintergrund hat der französische Premierminister die Vorsitzenden der wichtigsten Oppositionsparteien sowie die Präsidenten der Parlamentsfraktionen zu einer außergewöhnlichen Informationssitzung nach Matignon eingeladen. Ziel ist es, den politischen Führungskräften einen „sehr operativen Briefingbericht“ über die Lage zu geben – ein Format, das in der französischen Innenpolitik nur in Situationen erhöhter nationaler Sicherheitsrelevanz eingesetzt wird. Ein seltenes Instrument der politischen Konsultation Die Einladung der Oppositionspart…

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  • Krisenbriefing in Paris: Warum die Regierung die Parteien zum Nahostkrieg einbestellt

    Krisenbriefing in Paris: Warum die Regierung die Parteien zum Nahostkrieg einbestellt

    In der politischen Routine der Fünften Republik wirken solche Treffen zunächst unspektakulär. Wenn der Premierminister jedoch sämtliche politischen Kräfte des Landes zu einem vertraulichen Lagebriefing einlädt, deutet dies meist auf eine aussergewöhnliche Situation hin. Genau dies geschieht derzeit in Paris: Premierminister Sébastien Lecornu hat die Parteispitzen zu einem sicherheitspolitischen Austausch nach Matignon gebeten. Thema ist der eskalierende Krieg im Nahen Osten und die Rolle Frankreichs.

    Die Initiative ist mehr als eine formale Konsultation. Sie spiegelt die wachsende Sorge wider, dass ein regionaler Konflikt zunehmend internationale Dimensionen annimmt – und dass Frankreich, als militärisch präsente Mittelmacht mit globalen Interessen, unmittelbar betroffen sein könnte.

    Ein ungewöhnliches Treffen im Schatten einer geopolitischen Eskalation

    Am Mittwoch werden sich in Matignon die Vorsitzenden der im Parlament vertretenen Parteien versammeln, ebenso die Präsidenten der Nationalversammlung und des Senats sowie die Leiter der relevanten Parlamentsausschüsse für Verteidigung und auswärtige Angelegenheiten.

    Das Treffen ist bewusst als vertrauliches Briefing organisiert. Neben dem Premierminister nehmen hochrangige Regierungsmitglieder sowie militärische und zivile Sicherheitsverantwortliche teil. Ziel ist es, den politischen Entscheidungsträgern einen Überblick über die strategische Lage im Nahen Osten und über die aktuellen Positionierungen Frankreichs zu geben.

    Solche Zusammenkünfte sind in Frankreich selten. Sie finden gewöhnlich nur in ausserordentlichen Situationen statt – etwa bei militärischen Interventionen, akuten Terrorbedrohungen oder gravierenden Veränderungen der internationalen Sicherheitslage.

    Der Hintergrund ist eine rapide Eskalation im Nahen Osten. Nach einer Serie von militärischen Schlägen gegen iranische Ziele und anschliessenden Vergeltungsaktionen droht sich der Konflikt zu einem regionalen Krieg auszuweiten. Mehrere Staaten sind indirekt oder direkt involviert, während zahlreiche Milizen und Stellvertreterkräfte zusätzliche Dynamiken erzeugen.

    Für europäische Regierungen stellt sich damit eine grundlegende Frage: Wie lassen sich strategische Interessen sichern, ohne in eine unkontrollierbare militärische Eskalation hineingezogen zu werden?

    Die offizielle Linie des Élysée: Distanz zum Krieg

    Der französische Präsident Emmanuel Macron hat in den vergangenen Tagen mehrfach betont, dass Frankreich nicht an militärischen Operationen gegen Iran beteiligt sei und auch nicht beabsichtige, in den Konflikt einzutreten.

    Die französischen Streitkräfte in der Region erfüllten ausschliesslich defensive Aufgaben, erklärte der Präsident. Dazu zählen insbesondere der Schutz französischer Staatsbürger, die Sicherung von Handelsrouten sowie die Unterstützung verbündeter Staaten.

    Gleichzeitig hat Paris seine militärische Präsenz im östlichen Mittelmeer und im Golf verstärkt. Besonders symbolträchtig ist die Entsendung des Flugzeugträgers Charles de Gaulle mit seiner Trägerkampfgruppe.

    Ein solcher Einsatz gehört zu den sichtbarsten Instrumenten militärischer Machtprojektion der französischen Streitkräfte. Der nuklearbetriebene Flugzeugträger kann Kampfflugzeuge, Aufklärungsplattformen und Begleitschiffe koordinieren und dient häufig als mobiles Kommandozentrum.

    Offiziell soll diese Präsenz vor allem Abschreckung und Lageaufklärung gewährleisten. Gleichwohl signalisiert sie auch, wie ernst Paris die aktuelle Lage einschätzt.

    Frankreichs strategische Präsenz im Nahen Osten

    Die Vorsicht der französischen Regierung erklärt sich nicht zuletzt aus der eigenen militärischen Verankerung in der Region.

    Seit Jahren beteiligt sich Frankreich an der internationalen Anti-Terror-Koalition gegen den sogenannten Islamischen Staat im Irak und in Syrien. Die französische Beteiligung erfolgt im Rahmen der Operation Chammal, die Luftaufklärung, Luftschläge sowie Ausbildungsmissionen umfasst.

    Darüber hinaus verfügt Frankreich über mehrere militärische Einrichtungen im Nahen Osten und im Golfraum. In Ländern wie den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Jordanien bestehen dauerhafte militärische Kooperationen. Diese Infrastruktur ermöglicht schnelle Einsätze, erhöht aber zugleich die Verwundbarkeit französischer Kräfte.

    Tatsächlich sind in den vergangenen Monaten mehrere westliche Militärstandorte im Golfraum Ziel von Drohnen- oder Raketenangriffen geworden. Solche Vorfälle zeigen, wie schnell ein regionaler Konflikt auf weitere Akteure übergreifen kann.

    Für Paris steht daher derzeit ein zentrales Ziel im Vordergrund: die Sicherheit der eigenen Soldaten und Staatsbürger.

    Innenpolitischer Druck auf die Regierung

    Die Initiative der Regierung hat auch eine innenpolitische Dimension. Mehrere Oppositionsparteien hatten zuletzt eine stärkere Einbindung des Parlaments gefordert.

    Insbesondere Vertreter der radikalen Linken argumentieren, dass mögliche militärische Engagements zwingend Gegenstand einer parlamentarischen Debatte sein müssten. Hinter dieser Forderung steht eine grundsätzliche Frage der französischen Verfassungsordnung.

    Die Verfassung der Fünften Republik verleiht der Exekutive weitreichende Kompetenzen im Bereich der Verteidigungspolitik. Präsident und Regierung können militärische Operationen grundsätzlich eigenständig einleiten.

    Allerdings schreibt die Verfassung vor, dass ein längerer militärischer Einsatz nach einigen Monaten durch das Parlament bestätigt werden muss. Diese Regelung soll ein Mindestmass an demokratischer Kontrolle gewährleisten.

    In Zeiten internationaler Spannungen kann die frühzeitige Information der politischen Parteien daher auch ein Mittel sein, einen breiteren nationalen Konsens zu sichern.

    Ein Konflikt mit unklarer Perspektive

    Viele strategische Beobachter gehen derzeit davon aus, dass die Krise im Nahen Osten länger andauern könnte. Mehrere strukturelle Konfliktlinien überlagern sich in der Region.

    Dazu gehören der Streit um das iranische Atomprogramm, die Rivalität zwischen regionalen Mächten sowie die Rolle zahlreicher nichtstaatlicher Akteure, die eng mit Teheran verbunden sind. Gleichzeitig bleibt die militärische Präsenz der Vereinigten Staaten ein entscheidender Faktor.

    Für europäische Staaten entsteht daraus ein komplexes Dilemma. Einerseits sind sie politisch und militärisch mit den Vereinigten Staaten verbunden. Andererseits haben sie ein starkes Interesse daran, eine weitere Eskalation zu verhindern.

    Frankreich versucht daher, eine gewisse strategische Balance zu wahren: klare Unterstützung für seine westlichen Partner, kombiniert mit diplomatischen Bemühungen um Deeskalation.

    Diese Position entspricht der traditionellen französischen Aussenpolitik, die seit Jahrzehnten versucht, militärische Bündnistreue mit eigenständiger diplomatischer Handlungsfähigkeit zu verbinden.

    Die Suche nach nationaler Geschlossenheit

    Vor diesem Hintergrund erhält das Treffen in Matignon eine symbolische Bedeutung. In internationalen Krisen ist die Geschlossenheit der politischen Führung eines Landes selbst ein strategischer Faktor.

    Die französische Öffentlichkeit steht militärischen Interventionen im Ausland traditionell eher skeptisch gegenüber. Die Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte – von Afghanistan bis zum Sahel – haben gezeigt, wie schwierig und langwierig solche Einsätze werden können.

    Für die Regierung besteht daher ein heikler Balanceakt. Sie muss einerseits die Handlungsfähigkeit Frankreichs demonstrieren und seine Interessen schützen. Andererseits darf sie nicht den Eindruck erwecken, das Land in einen grossen regionalen Krieg hineinzuziehen.

    Das Treffen der Parteiführungen dürfte kaum spektakuläre Entscheidungen hervorbringen. Seine eigentliche Funktion liegt anderswo: in der Herstellung politischer Transparenz und der Stabilisierung eines minimalen nationalen Konsenses.

    In einer internationalen Ordnung, die zunehmend von Machtkonflikten geprägt ist, bleibt diese innenpolitische Geschlossenheit eine der wichtigsten strategischen Ressourcen eines Staates wie Frankreich.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Europas Einigkeit auf dem Prüfstand – Macron drängt, Orbán blockiert

    Europas Einigkeit auf dem Prüfstand – Macron drängt, Orbán blockiert

    Der Krieg in der Ukraine geht in sein drittes Jahr, die Fronten sind verhärtet, die militärische Dynamik schwankt – doch politisch steht für Europa eine ebenso grundlegende Frage im Raum: Wie geschlossen ist die Europäische Union noch, wenn es um Russland geht? Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat die EU eindringlich aufgefordert, ein weiteres Sanktionspaket gegen Moskau zu verabschieden. Die implizite Adresse seines Appells ist klar: Viktor Orbán, der mit seinem Veto droht und damit die europäische Geschlossenheit infrage stellt.

    Was nach einer routinemäßigen Brüsseler Auseinandersetzung klingt, berührt in Wahrheit den Kern europäischer Handlungsfähigkeit – und die strategische Selbstverortung der Union in einer zunehmend multipolaren Welt.

    Sanktionspolitik als geopolitisches Instrument

    Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 hat die Europäische Union in bislang beispielloser Dichte Sanktionen gegen Russland verhängt. Betroffen sind der Finanzsektor, die russische Zentralbank, der Zugang zu Hochtechnologie, der Energiesektor sowie hunderte Einzelpersonen und Unternehmen. Die eingefrorenen Vermögenswerte gehen in die Milliarden, der Ausschluss mehrerer Banken aus dem SWIFT-System markierte eine historische Zäsur.

    Ökonomisch haben diese Maßnahmen Spuren hinterlassen. Russlands Wirtschaft schrumpfte 2022 deutlich, bevor sie sich – gestützt durch staatliche Ausgabenprogramme und eine kriegsgetriebene Industrieproduktion – partiell stabilisierte. Moskau orientierte seine Energieexporte verstärkt nach Asien, insbesondere nach China und Indien. Die Einnahmen aus Öl und Gas blieben trotz Preisdeckel bedeutend.

    Gleichzeitig waren die Kosten für Europa real: Energiepreise stiegen zeitweise drastisch, energieintensive Industrien gerieten unter Druck, Inflationsraten erreichten in mehreren Mitgliedstaaten historische Höchststände. Dennoch hielt die politische Mehrheit in der EU am Sanktionskurs fest – aus strategischer Überzeugung, dass Untätigkeit langfristig kostspieliger wäre als wirtschaftliche Belastungen.

    Ungarns Veto als wiederkehrendes Muster

    Dass nun ein weiteres Paket ins Stocken gerät, liegt am Einstimmigkeitsprinzip der europäischen Außenpolitik. Jeder Mitgliedstaat kann blockieren – ein Mechanismus, der ursprünglich als Schutz kleinerer Länder gedacht war, in geopolitischen Krisen jedoch zur Achillesferse werden kann.

    Ungarn unter Orbán hat dieses Instrument wiederholt genutzt. Budapest argumentiert, Sanktionen schadeten der europäischen Wettbewerbsfähigkeit und träfen die eigene Volkswirtschaft besonders hart. Ungarn bezieht weiterhin erhebliche Mengen russischen Gases und Öls und pflegt vergleichsweise pragmatische Beziehungen zum Kreml.

    Orbáns Kalkül ist dabei vielschichtig. Innenpolitisch präsentiert er sich als Verteidiger nationaler Interessen gegen Brüsseler „Übergriffigkeit“. Außenpolitisch wahrt er Spielräume gegenüber Moskau. Und institutionell nutzt er Vetodrohungen regelmäßig als Druckmittel – auch in Haushalts- oder Rechtsstaatsfragen, in denen Ungarn selbst unter europäischem Druck steht.

    Für viele Partnerstaaten wird dies zunehmend zum Problem. Denn je häufiger das Veto als Verhandlungspfand eingesetzt wird, desto stärker erodiert das Vertrauen in die Verlässlichkeit gemeinsamer Beschlüsse.

    Macron und die Suche nach strategischer Autonomie

    Macrons Vorstoß ist kein isoliertes Ereignis. Seit seinem Amtsantritt betont der französische Präsident die Notwendigkeit einer „strategischen Autonomie“ Europas – also der Fähigkeit, sicherheits- und außenpolitisch eigenständig zu handeln, auch unabhängig von den Vereinigten Staaten.

    Zu Beginn des Ukraine-Krieges setzte Macron noch auf Gesprächskanäle zu Moskau. Seine wiederholten Telefonate mit dem Kreml – auch mit Wladimir Putin – stießen vor allem in Mittel- und Osteuropa auf Skepsis. Der Satz, Russland dürfe nicht „gedemütigt“ werden, wurde in Warschau oder Tallinn als mangelnde Sensibilität gegenüber historischen Erfahrungen interpretiert.

    Inzwischen hat sich der Ton im Élysée-Palast deutlich verändert. Macron plädiert für verstärkte militärische Unterstützung der Ukraine, für eine Ausweitung der europäischen Rüstungsproduktion und für langfristige Sicherheitsgarantien. Sein jüngster Druck in der Sanktionsfrage fügt sich in dieses Bild einer härteren, entschlosseneren Linie.

    Dabei geht es nicht nur um Russland. Es geht um die Glaubwürdigkeit des europäischen Projekts selbst. Eine Union, die in zentralen Sicherheitsfragen handlungsunfähig erscheint, verliert geopolitisches Gewicht – gegenüber Moskau ebenso wie gegenüber Washington oder Peking.

    Das Einstimmigkeitsprinzip als strukturelle Hürde

    Die aktuelle Blockade belebt eine alte Debatte: Sollte die EU in außenpolitischen Fragen zur qualifizierten Mehrheitsentscheidung übergehen? Befürworter argumentieren, nur so könne die Union als geopolitischer Akteur bestehen. Kritiker – insbesondere kleinere Staaten – fürchten einen Verlust an Einfluss und Souveränität.

    Frankreich unterstützt seit Jahren Reformüberlegungen. Doch Vertragsänderungen erfordern wiederum Einstimmigkeit – ein politisch heikles Unterfangen. Solange das institutionelle Gefüge unverändert bleibt, bleibt die EU anfällig für Blockaden einzelner Regierungen.

    Gleichzeitig zeigen vergangene Sanktionsrunden, dass Kompromisse möglich sind. Übergangsfristen, sektorale Ausnahmen oder spezielle Schutzklauseln wurden mehrfach vereinbart, um nationale Bedenken zu berücksichtigen. Solche Lösungen mindern jedoch häufig die Durchschlagskraft der Maßnahmen und signalisieren nach außen begrenzte Entschlossenheit.

    Wirtschaftliche Abwägungen und politische Signale

    Die ungarische Argumentation, Sanktionen schadeten Europa selbst, ist ökonomisch nicht völlig unbegründet. Energieabhängigkeit, Lieferkettenprobleme und industrielle Anpassungskosten sind reale Faktoren. In Südeuropa etwa stehen fiskalische Spielräume ohnehin unter Druck, während osteuropäische Staaten sicherheitspolitisch besonders exponiert sind.

    Macron gewichtet diese Aspekte anders. Für ihn ist die Sanktionspolitik ein strategisches Signal: Europa akzeptiert keine gewaltsame Verschiebung von Grenzen. Ein Nachlassen könnte Moskau als Ermüdung interpretieren – mit möglichen Auswirkungen auf die Kriegsdynamik und die Verhandlungsposition Kiews.

    Zugleich spielt innenpolitische Symbolik eine Rolle. Frankreich versteht sich traditionell als treibende Kraft europäischer Integration. In einer Phase, in der Deutschland innenpolitisch gebunden ist und transatlantische Unsicherheiten zunehmen, sieht Paris ein Machtvakuum, das es zu füllen sucht.

    Ein Lackmustest für Europas Selbstverständnis

    Die Auseinandersetzung um ein weiteres Sanktionspaket ist damit mehr als eine Detailfrage wirtschaftlicher Strafmaßnahmen. Sie berührt die grundlegende Frage, ob die EU bereit ist, geopolitische Verantwortung zu übernehmen – auch um den Preis interner Spannungen.

    Hinter verschlossenen Türen wird intensiv verhandelt. Möglich sind erneute Ausnahmeregelungen für Ungarn oder zeitliche Staffelungen einzelner Maßnahmen. Doch jeder Kompromiss verschiebt das Gleichgewicht zwischen Einheit und Effektivität.

    Für Beobachter in Mittel- und Osteuropa steht viel auf dem Spiel. Sie betrachten die Sanktionspolitik nicht nur als ökonomisches Instrument, sondern als sicherheitspolitische Lebensversicherung. In anderen Teilen der Union dominieren stärker industrie- und energiepolitische Erwägungen.

    Macrons Appell, „voranzukommen“, ist daher mehr als ein diplomatischer Zwischenruf. Er ist Ausdruck einer strategischen Sorge: Wenn Europa in einer Phase fundamentaler Umbrüche nicht geschlossen handelt, verliert es an Gestaltungskraft. Die Entscheidung über ein weiteres Sanktionspaket wird so zu einem Gradmesser dafür, ob die EU ihrem eigenen Anspruch gerecht wird, ein politischer Akteur von globalem Gewicht zu sein – oder ob nationale Vetos diesen Anspruch dauerhaft relativieren.

    Autor: P. Tiko

  • Trump, Trumpf und Tarife: Europas neue Waffe gegen ökonomische Erpressung

    Trump, Trumpf und Tarife: Europas neue Waffe gegen ökonomische Erpressung

    Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus sorgt in Europa seit einem Jahr für Unruhe – nicht nur wegen seiner außenpolitischen Rhetorik, sondern wegen konkreter wirtschaftlicher Drohgebärden. Jüngster Zankapfel: der Versuch der USA, Einfluss auf das autonome dänische Territorium Grönland zu nehmen, begleitet von der Androhung massiver Strafzölle auf europäische Produkte. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron fordert nun den Einsatz eines bislang ungenutzten Instruments: das sogenannte „Instrument gegen wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen“ – ein neues, scharfes Schwert in der europäischen Handelspolitik.

    Ein geopolitischer Konflikt um Grönland

    Was zunächst wie ein bizarrer Rückfall in koloniale Machtpolitik wirkt, hat eine strategische Logik. Grönland ist reich an Bodenschätzen und aufgrund seiner Lage im Nordatlantik für militärische wie wirtschaftliche Interessen bedeutsam. Bereits während seiner ersten Amtszeit hatte Donald Trump versucht, Grönland „zu kaufen“ – ein Vorstoß, der international auf Kopfschütteln stieß, in Washington jedoch nicht ganz ohne Unterstützer blieb. Nun, in seiner zweiten Amtszeit, knüpft er daran an: Sollte Dänemark und die EU nicht zu Verhandlungen bereit sein, sollen europäische Waren mit Strafzöllen belegt werden – zunächst zehn Prozent ab Februar, später bis zu 25 Prozent.

    Der Konflikt rührt an die Grundfesten der europäischen Handels- und Außenpolitik. Die Drohung betrifft nicht nur Dänemark, sondern mehrere EU-Mitgliedstaaten, darunter auch Deutschland, Frankreich und Italien. Emmanuel Macron sieht darin den Versuch, durch wirtschaftliche Erpressung Einfluss auf die Souveränität eines EU-Mitgliedstaates zu nehmen – und fordert eine entschlossene europäische Antwort.

    Ein neues Instrument im Arsenal der EU

    Mit dem „Instrument gegen wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen“ (englisch Anti-Coercion Instrument) verfügt die EU seit Ende 2023 über ein rechtliches Mittel, um sich gegen genau solche Formen der Druckausübung zur Wehr zu setzen. Der Mechanismus erlaubt es der Europäischen Kommission, bei nachgewiesener wirtschaftlicher Nötigung Gegenmaßnahmen zu verhängen – von der Einschränkung des Zugangs zu öffentlichen Aufträgen über Einfuhrverbote bis zur gezielten Investitionskontrolle.

    Anders als bei klassischen handelspolitischen Maßnahmen geht es nicht um die Reaktion auf protektionistische Politik an sich, sondern um die Verteidigung politischer Souveränität. Ökonomische Maßnahmen eines Drittstaats gelten dann als „Zwang“, wenn sie darauf abzielen, politische Entscheidungen eines EU-Staates zu beeinflussen – sei es im Bereich der Außenpolitik, der innerstaatlichen Ordnung oder der territorialen Integrität.

    Die Idee für dieses Instrument entstand ursprünglich im Kontext der Spannungen zwischen Litauen und China: Peking hatte 2021 massive Handelshemmnisse gegen Litauen verhängt, nachdem das baltische Land enge Beziehungen zu Taiwan eingegangen war. Damals musste die EU feststellen, dass sie zwar ein Binnenmarkt mit 450 Millionen Konsumenten ist – aber ohne politisches Instrumentarium zur Verteidigung ihrer Mitglieder gegenüber gezielter ökonomischer Einschüchterung.

    Die Hürden der Aktivierung

    Obwohl das Instrument bereits seit über zwei Jahren existiert, wurde es bislang nie eingesetzt. Der Grund liegt im komplexen Verfahren und der politischen Sensibilität solcher Maßnahmen. Zwar kann die EU-Kommission ein Verfahren selbst einleiten oder auf Antrag eines Mitgliedstaates tätig werden. Doch für die Verhängung von solchen Gegenmaßnahmen braucht es eine qualifizierte Mehrheit im Rat – mindestens 15 Mitgliedstaaten, die zugleich 65 Prozent der EU-Bevölkerung repräsentieren.

    Hinzu kommt eine mehrstufige Prüfung: Zunächst muss festgestellt werden, ob tatsächlich wirtschaftliche Zwangsausübung vorliegt. Danach folgt eine Phase der Mediation, in der die EU versucht, eine einvernehmliche Lösung mit dem betroffenen Drittstaat zu finden. Erst wenn diese scheitert, kann die Kommission konkrete Maßnahmen vorschlagen. Selbst dann haben die Mitgliedstaaten noch die Möglichkeit, die Maßnahmen durch qualifizierte Ablehnung zu stoppen.

    Ob Macron mit seinem Vorstoß erfolgreich sein wird, hängt daher maßgeblich von der Haltung der großen Mitgliedstaaten ab – insbesondere Deutschlands, Italiens und Polens. Gerade Berlin hat in der Vergangenheit eine eher zurückhaltende Linie gegenüber amerikanischen Handelsdrohungen verfolgt, um eine Eskalation zu vermeiden.

    Der politische Gehalt ökonomischer Macht

    Macrons Forderung ist nicht nur eine handelspolitische Reaktion, sondern ein politisches Signal: Die EU müsse endlich lernen, ihre wirtschaftliche Macht strategisch einzusetzen. Mit einem gemeinsamen Binnenmarkt von erheblicher globaler Bedeutung hat die Union durchaus Möglichkeiten, ökonomischen Druck zurückzugeben – wenn sie es denn will.

    Die USA sind auf europäischen Absatzmärkten ebenso angewiesen wie Europa auf amerikanische Technologien. Doch während Washington zunehmend bereit ist, diese Abhängigkeiten als Hebel zu nutzen, ringt Brüssel noch mit seiner strategischen Naivität. In der Logik Macrons ist das Instrument gegen wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen ein Schritt zur „geopolitischen Union“, wie sie Kommissionspräsidentin von der Leyen seit Jahren propagiert.

    Sollte es nun zum Einsatz kommen, wäre es ein Präzedenzfall. Nicht nur für das Verhältnis zu den USA, sondern für das Selbstverständnis der EU als global handlungsfähiger Akteur. Und es wäre ein klares Signal an andere potenzielle Gegner: Europa ist bereit, sich gegen ökonomischen Druck zur Wehr zu setzen – wenn es sein muss, auch mit den Mitteln, die bislang nur auf dem Papier existieren.

    Autor: P. Tiko

  • Großmachtkonflikt im Eis: Europas demonstrative Rückendeckung für Grönland

    Großmachtkonflikt im Eis: Europas demonstrative Rückendeckung für Grönland

    Europa zeigt Flagge im hohen Norden. Mit der Entsendung kleiner militärischer Kontingente nach Grönland setzen mehrere EU-Staaten, darunter Frankreich, Deutschland, Schweden und Norwegen, ein bewusstes politisches Signal. Die Truppen nehmen offiziell an der dänischen Militärübung Arctic Endurance teil – eine symbolische Präsenz, die in Wahrheit jedoch als gezielte Reaktion auf die wieder lauter gewordenen Begehrlichkeiten der Vereinigten Staaten unter Donald Trump zu verstehen ist. Washington erklärt das arktische Territorium Dänemarks erneut zu einer Frage nationaler Sicherheit. Die strategische Bedeutung Grönlands wird damit zum Schauplatz transatlantischer Spannungen.

    Kalte Interessen: Warum Grönland so begehrt ist

    Mit seiner Lage zwischen Nordamerika und Europa sowie seinem Zugang zur Arktis ist Grönland geopolitisch von erheblichem Wert. Der Klimawandel öffnet neue Schifffahrtsrouten, zugleich verspricht der Boden des Eilands seltene Erden und Rohstoffe. Für die USA ist Grönland darüber hinaus ein logistisch zentraler Vorposten für Frühwarnsysteme und Raketenabwehr – historisch belegt durch die seit den 1950er-Jahren existierende US-Basis in Thule (heute Pituffik Space Base).

    Diese strategische Rolle hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen, insbesondere angesichts der gestiegenen globalen Konkurrenz durch China und Russland. In Washington kursieren zunehmend sicherheitspolitische Narrative, wonach Moskau und Peking verdeckte Aktivitäten im arktischen Raum verfolgten – trotz mangelnder Belege im Fall Grönlands. Für Donald Trump sind diese Überlegungen Anlass genug, erneut unverhohlen über einen Erwerb oder zumindest eine Kontrolle der Insel zu sprechen.

    Europas Antwort: Militärisch bescheiden, politisch eindeutig

    Auf Einladung Dänemarks beteiligt sich nun ein kleiner Kreis europäischer Staaten an einem militärischen Manöver auf grönländischem Boden. Die französischen Truppen machen den Anfang, ihnen folgen Soldaten aus Deutschland, Schweden und Norwegen. Die Einheiten sind überschaubar – teils nur ein Dutzend Mann, darunter Aufklärungskräfte und Offiziere. Doch der Charakter der Mission ist weniger operativ als symbolisch: Europa stellt sich demonstrativ an die Seite des Königreichs Dänemark und seiner autonomen Region Grönland.

    Die europäische Präsenz zielt darauf ab, eine politische Botschaft zu senden – an die USA ebenso wie an andere Akteure mit wachsendem Interesse an der Arktis. Sie soll die europäische Bereitschaft unterstreichen, sich an der Sicherheit der nördlichen Flanke zu beteiligen, und dabei zugleich einen Gegenpol zur amerikanischen Rhetorik setzen, die zunehmend unilateral auftritt. Die Entscheidungsträger in Paris, Berlin und Stockholm dürften sich darüber im Klaren sein, dass es weniger um militärische Stärke als um diplomatische Rückversicherung geht.

    Trump auf Konfrontationskurs – auch mit Verbündeten

    Donald Trumps Ton hat sich in den vergangenen Tagen verschärft. In öffentlichen Auftritten sprach er wiederholt davon, Grönland sei eine Priorität amerikanischer Sicherheitspolitik – und ließ durchblicken, dass man nötigenfalls zu entschlosseneren Mitteln greifen könnte. Seine Argumentation: Dänemark sei nicht imstande, die Insel gegen äußere Bedrohungen – gemeint sind Russland und China – zu verteidigen, also müsse Washington einspringen. Er verwies dabei auch auf das amerikanische Raketenabwehrsystem „Goldener Schild“, das künftig ausgebaut werden solle.

    Die dänische Regierung reagierte prompt und unmissverständlich: Man wolle Grönland nicht zur Verhandlungsmasse machen. In einem kurzfristig anberaumten Krisengespräch in Washington trafen sich Vertreter Dänemarks und Grönlands mit hochrangigen US-Politikern – darunter Vizepräsident JD Vance und Außenminister Marco Rubio. Die Atmosphäre war angespannt. Zwar erklärten beide Seiten, an Gesprächen festhalten zu wollen, doch die Positionen scheinen kaum vereinbar. Kopenhagen verteidigt seine Souveränität, Washington stellt sie indirekt infrage.

    Europas neue Arktispolitik? Ein Balanceakt

    Die Beteiligung europäischer Staaten am Manöver in Grönland markiert nicht den Beginn einer Militarisierung des Nordens, wohl aber den Versuch, politisch sichtbarer zu werden. Die Arktis war lange ein sicherheitspolitischer Randbereich, doch sie rückt zusehends ins Zentrum geostrategischer Überlegungen. Für die Europäer ist der Schulterschluss mit Dänemark auch ein Testfall: Wie geschlossen kann die EU außenpolitisch auftreten, wenn ein traditioneller Verbündeter wie die USA Druck auf ein Mitgliedsland ausübt?

    Gleichzeitig ist das europäische Engagement ein Signal an China und Russland, die ebenfalls verstärkte Aktivitäten in der Arktis entfalten – sei es durch Infrastrukturprojekte, wissenschaftliche Expeditionen oder wirtschaftliche Interessen. Doch anders als Washington neigen die europäischen Hauptstädte bislang nicht zu Alarmismus. Vielmehr versuchen sie, Kooperation mit Präsenz zu verbinden, ohne die fragile Balance im Norden zu stören.

    Ob dieser Ansatz trägt, wird sich zeigen. Klar ist nur: Die Arktis ist keine terra nullius mehr – sie wird zum Prüfstein für Machtprojektionen, Bündnistreue und neue geopolitische Spielregeln.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Die Weltordnung zerbricht – und Europa zögert

    Die Weltordnung zerbricht – und Europa zögert

    Die traditionelle Rede Emmanuel Macrons vor den französischen Botschaftern am 8. Januar war mehr als eine diplomatische Standortbestimmung. Sie ist eine Warnung – und eine Mahnung. Während sich die Weltlage rapide verschärft, scheint Europa in alten Gewissheiten zu verharren. Frankreichs Präsident spricht Klartext: Die regelbasierte internationale Ordnung, wie sie der Westen einst etablierte, steht unter Druck – nicht nur durch ihre erklärten Gegner, sondern zunehmend auch durch ehemalige Garanten wie die Vereinigten Staaten

    Anlass für Macrons Kritik war die jüngste amerikanische Militäraktion in Venezuela, bei der US-Spezialkräfte den autoritär regierenden Präsidenten Nicolás Maduro festsetzten. Ein solcher Zugriff, ohne UN-Mandat und ohne Absprache mit Verbündeten, wäre vor wenigen Jahren undenkbar gewesen. Dass Washington sich heute nicht einmal mehr die Mühe macht, ein multilaterales Feigenblatt vorzuschieben, ist Ausdruck eines fundamentalen Paradigmenwechsels. Macron bringt es auf den Punkt: Die Vereinigten Staaten „s’affranchissent des règles internationales“ – sie lösen sich von der Ordnung, die sie einst selbst mitbegründet haben.

    Der Bruch ist nicht neu, aber er vertieft sich. Schon unter Donald Trump’s erster Präsidentschaft begann die Rückabwicklung amerikanischer Bündnisverpflichtungen. Joe Biden stellte zwar rhetorisch den Schulterschluss mit Europa wieder her – faktisch aber folgten viele Entscheidungen dem Primat nationaler Interessen. Die militärische Intervention in Venezuela jetzt wirkt wie ein Echo der sogenannten Monroe-Doktrin, diesmal ohne ideologischen Überbau.

    Macrons Reaktion darauf ist doppeldeutig. Einerseits formuliert er eine nüchterne Analyse der Machtpolitik, wie sie sich derzeit zwischen Washington, Peking und Moskau abspielt. Andererseits scheint er weiter auf eine europäische Antwort zu hoffen, die aber in der Realität kaum über lauwarme Rhetorik hinausgeht. Der Ruf nach „strategischer Autonomie“ Europas, nach einer „Politik der europäischen Präferenz“ in der Wirtschaft, bleibt seit Jahren folgenlos – nicht zuletzt, weil Berlin zögert und Brüssel zaudert.

    In seiner Rede beklagt Macron die ökonomische Verwundbarkeit Europas. Die EU, so sein Vorwurf, reguliere ihre eigene Wirtschaft bis zur Selbstlähmung, während sie sich kaum gegen aggressive Industriepolitik aus China oder amerikanische Strafzölle zur Wehr setze. Tatsächlich offenbart sich hier eine strategische Leerstelle: Weder im Energiebereich noch in der Digitalwirtschaft verfügt Europa über echte Souveränität. Die Vorstellung, man könne durch Regeln allein Macht und Stärke sichern, hat sich als Illusion entpuppt.

    Doch auch Macrons Diagnose hat blinde Flecken. Frankreich selbst scheut in vielen Bereichen die wirtschaftliche Öffnung – von staatlich geschützten Industrien bis zur verkrusteten Arbeitsmarktpolitik. Der Appell an eine „Logik der Stärke“ bleibt schal, wenn er nicht mit Reformwillen im Innern verbunden wird. Und eine „europäische Präferenz“ darf nicht zum Deckmantel nationaler Industriepolitik verkommen.

    Was bleibt, ist die Einsicht: Die Welt kehrt zurück zur Machtpolitik – mit allen Risiken, die das birgt. Europa, und insbesondere die EU, muss sich entscheiden, ob es in dieser Ordnung mitgestalten will oder zur Zuschauerin wird. Macrons Rede war ein Versuch, diese Debatte neu zu entfachen. Ob er gehört wird, ist ungewiss.

    Von Andreas Brucker

  • Macron verurteilt russische Luftangriffe: Europas Suche nach einer Friedensstrategie in der Ukraine geht weiter

    Macron verurteilt russische Luftangriffe: Europas Suche nach einer Friedensstrategie in der Ukraine geht weiter

    Inmitten einer neuen Eskalation im Ukraine-Krieg hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron die jüngsten russischen Angriffe auf ukrainische Städte scharf kritisiert und der Führung in Moskau vorgeworfen, „die Fortsetzung des Krieges bewusst zu betreiben“. Die Erklärung erfolgte am Samstagabend während einer Videokonferenz mit mehreren europäischen Spitzenpolitikern und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Schauplatz für Macrons Stellungnahme war Kanada, von wo er weiter in die USA reist, um dort Gespräche mit Donald Trump zu führen. Macrons Äußerungen fielen in eine Phase intensiver diplomatischer Abstimmungen unter westlichen Verbündeten – und spiegeln zugleich eine strategische Neupositionierung Frankreichs im Hinblick auf eine mögliche künftige Friedensordnung für die Ukraine wider. Ein Angriff mit Hunderten Drohnen – und eine klare Botschaft Die russischen Streitkräfte hatten in der Nacht von Freitag auf Samstag eine erneute massive Angriffswelle gegen die Ukraine gest…

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