Schlagwort: Europa

  • Tuberkulose im Klassenzimmer – ein Befund, der Unruhe stiftet

    Tuberkulose im Klassenzimmer – ein Befund, der Unruhe stiftet

    Es ist eine Nachricht, die in einer ruhigen Gemeinde plötzlich das Grundgefühl von Sicherheit infrage stellt. Anfang Dezember 2025 wird in der Vorschule „Léonard-de-Vinci“ im bretonischen Saint-Évarzec, unweit von Quimper, ein Fall von Tuberkulose bestätigt. Keine Schlagzeile von nationaler Tragweite, kein Alarmismus. Und doch genügt dieses eine Wort – Tuberkulose –, um Erinnerungen an eine Krankheit wachzurufen, die viele längst ins Geschichtsbuch verbannt glaubten. Die regionale Gesundheitsbehörde ARS Bretagne reagiert umgehend. Ein klar strukturierter Gesundheits- und Überwachungsplan tritt in Kraft, das Centre de lutte antituberculeuse, kurz CLAT, übernimmt die medizinische Koordination. Die betroffene Person, über deren Identität aus guten Gründen nichts bekannt wird, befindet sich in stationärer Behandlung und erhält eine angepasste antituberkulöse Therapie. Das Signal ist eindeutig: Die Situation wird ernst genommen, ohne dramatisiert zu werden. Für Eltern kleiner Kinder liegt z…

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  • Frankreich rüstet sich – Parlament billigt symbolisch höhere Verteidigungsausgaben

    Frankreich rüstet sich – Parlament billigt symbolisch höhere Verteidigungsausgaben

    Frankreichs Nationalversammlung hat am Mittwochabend mit großer Mehrheit dem Prinzip einer deutlichen Erhöhung des Verteidigungshaushalts zugestimmt. Der symbolische Akt markiert eine wichtige Etappe in der politischen Strategie von Premierminister Sébastien Lecornu, dem aktuellen Haushaltsstreit eine sicherheitspolitische Wendung zu geben. „Wir müssen den Streitkräften Frankreichs die Mittel geben, um unserer Rolle als Großmacht gerecht zu werden, unsere Sicherheit zu garantieren und unsere Interessen überall auf dem Globus zu verteidigen“, erklärte Lecornu vor den Abgeordneten. Die Botschaft ist eindeutig: Angesichts der globalen Unsicherheiten und des wachsenden geopolitischen Wettbewerbs will Paris nicht nur symbolisch aufrüsten, sondern seine sicherheits- und verteidigungspolitische Position substanziell ausbauen. Symbolpolitik mit strategischer Absicht Der Vorstoß Lecornus ist Teil eines politischen Manövers: Weil der eigentliche Staatshaushalt für 2026 im Senat auf Widerstand st…

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  • Moralischer Kompass in unruhiger Zeit – Warum der Tag der Menschenrechte und der Friedensnobelpreis ineinandergreifen wie zwei Stimmen eines dringlichen Chors

    Moralischer Kompass in unruhiger Zeit – Warum der Tag der Menschenrechte und der Friedensnobelpreis ineinandergreifen wie zwei Stimmen eines dringlichen Chors

    An manchen Dezembertagen liegt eine eigentümliche Schwere in der Luft. Der zehnte Tag des Monats gehört dazu. Während die Wintersonne über den Norden Europas kaum noch steigt und Oslo im frühen Dunkel versinkt, richtet die Welt den Blick auf zwei Bühnen, die eigentlich eine einzige sind: der Tag der Menschenrechte und die Verleihung des Friedensnobelpreises. Beides Anlässe, die Jahr für Jahr leuchten sollen – und doch schimmern sie heute in einem Ton, der eher Mahnung als Feier ist.

    Vielleicht liegt darin die wahre Kraft dieses Datums. Es zwingt uns, innezuhalten. Nicht aus nostalgischer Tradition, sondern aus der schlichten Erkenntnis, dass die Menschenrechte gerade dann am meisten Aufmerksamkeit brauchen, wenn sie am heftigsten in Frage stehen.

    Wer einmal an einem zehnten Dezember in Oslo war – klirrende Kälte, gedämpfte Schritte im Schnee, der Klang von Kameras und Mikrofonen vor dem Rathaus – weiß, wie absurd friedlich die Kulisse wirkt, wenn man sie mit jenen Orten vergleicht, für die der Nobelpreis stets mitgedacht ist. Jene Orte, an denen das Menschsein selbst zur Verhandlungsmasse geworden ist.

    Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, 1948 in Paris verabschiedet, klingt heute wie ein Dokument aus einer weit entfernten Epoche. Ein Text, geschrieben im Namen der Menschheit, als das Wort „Menschheit“ noch nicht von algorithmischen Interessen, geopolitischen Schachzügen oder täglicher Kriegsberichterstattung überlagert war. Und doch bleibt dieses Dokument auf verblüffende Weise lebendig, gerade weil es nicht von Optimismus getragen ist, sondern von einer nüchternen Erfahrung: Was verloren gehen kann, muss geschützt werden.

    Es erstaunt, wie oft man diesen Satz wiederholen muss.

    Der Friedensnobelpreis knüpft jedes Jahr an diese Erkenntnis an. In einer Welt, die das Große gern in Zahlen misst – Haushaltszahlen, Klimaziele, Rüstungsausgaben – setzt der Preis bewusst auf das Kleine: eine einzelne Stimme, eine Organisation, manchmal ein Gesicht, das man zuvor noch nie gesehen hatte. Dieses Prinzip wirkt fast altmodisch. Und doch entfaltet es seine Wirkung gerade dann, wenn andere Mechanismen versagen. Persönliche Geschichten, mutige Entscheidungen, riskante Worte – sie tragen in sich die Art Wahrheit, die sich weder wegrechnen noch wegverhandeln lässt.

    Wer heute ein Editorial über den Tag der Menschenrechte schreibt, schreibt automatisch über das Verschwinden von Gewissheiten. Darüber, wie leichtfertig westliche Gesellschaften lange davon ausgingen, Menschenrechte seien so verlässlich wie die eigene Stromversorgung. Und darüber, wie schmerzhaft die Erkenntnis wirkt, dass ihre Verteidigung eben nicht im Beifall der sonntäglichen Reden liegt, sondern im Alltag – dort, wo Menschen aus Angst schweigen oder aus Überzeugung widersprechen.

    Gerade deshalb wirkt die jährliche Nobelpreiszeremonie wie ein Brennglas. Sie zeigt, wie sehr Mut und Verletzlichkeit zusammengehören. Dass Frieden selten das Ergebnis mächtiger Beschlüsse ist, sondern vielmehr der hartnäckigen Arbeit vieler kleiner Hände. Und dass Menschenrechte kein bequemes Ideal darstellen, sondern eine Verpflichtung, die oft dort beginnt, wo es weh tut: bei der Frage, wie viel man bereit ist zu riskieren, um dem anderen seine Würde zu lassen.

    Während man in Oslo den Namen der Preisträger verliest, läuft weltweit ein leiser Gegentakt: Menschen, die in Gefängnissen sitzen, weil sie eine simple Wahrheit ausgesprochen haben. Journalist:innen, die sich nicht zum Schweigen zwingen oder kaufen ließen. Kinder, die in Lagern auf eine Zukunft hoffen, die sie selbst kaum beschreiben können. Und wir, die wir aus sicherer Entfernung zusehen – und manchmal ertappt denken: Das betrifft uns doch auch.

    Der Tag der Menschenrechte hält uns genau diese Spiegel vor. Er ruft Erinnerung wach, aber nicht als sentimentales Ritual. Eher wie eine strenge Lehrerin, die auf die Tafel klopft und sagt: Hinschauen. Jetzt.

    Was dieser Tag von uns verlangt? Keine glühenden Parolen, keine pathetischen Slogans und schon gar nicht die bequemere Variante des Wegschauens. Er fordert das Offensichtliche ein: eine Haltung. Eine, die nicht nur im moralischen Wohlgefühl funktioniert, sondern auch dann standhält, wenn das Umfeld skeptisch schnaubt oder genervt die Augen rollt. Eine Haltung, die nicht von Zynismus aufgefressen wird, sondern im Alltag durch kleine, unprätentiöse Entscheidungen sichtbar wird.

    Vielleicht macht gerade das den Reiz des Friedensnobelpreises aus: Er erzählt Geschichten, die zeigen, dass Haltung ansteckend sein kann. Dass der Mut eines einzelnen Menschen ausreicht, um das Schweigen anderer zu brechen. Und dass diese Dynamik, so unsichtbar sie zunächst wirkt, ganze politische Räume verschieben kann.

    Der zehnte Dezember ist also kein Tag für wohlige Gewissheiten. Er ist ein Arbeitstag der Moral. Ein Termin, der uns daran erinnert, wie dünn der Firnis der Zivilisation manchmal ist, wie schnell er Risse bekommt – und wie sehr es auf uns ankommt, ihn immer wieder auszubessern.

    Vielleicht liegt in diesem Datum auch ein stiller Trost. Denn es zeigt, dass die Menschheit es trotz all ihrer Fehler schafft, sich Jahr für Jahr an die eigene Würde zu erinnern. Dass wir die dunklen Stellen nicht ausblenden, sondern ihnen Licht entgegenstellen. Und dass wir das Unvollkommene nicht hinnehmen, sondern ihm widersprechen – mit Worten, mit Taten, mit jener Beharrlichkeit, die jeder gute Journalismus und jede mutige Zivilgesellschaft gemeinsam haben.

    Ein Tag, zwei Anlässe, ein Appell.

    Und der richtet sich an uns alle.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • 2025 – ein Jahr, das erneut die Temperaturgrenzen der Menschheit sprengt

    2025 – ein Jahr, das erneut die Temperaturgrenzen der Menschheit sprengt

    Es gibt Jahre, die sich in das kollektive Gedächtnis einbrennen. 2025 gehört zu ihnen. Nicht durch ein einzelnes Ereignis, sondern durch eine stille, aber unnachgiebige Konstante: die Hitze. Während sich weite Teile Europas noch fragen, ob der vergangene Sommer wirklich so extrem war, legen die neuen Daten des europäischen Erdbeobachtungsprogramms Copernicus ein Zahlenwerk vor, das keinen Raum lässt für nostalgische Verklärung. 2025 entwickelt sich – aller Voraussicht nach – zum zweit- oder drittwärmsten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen. Gleichauf mit 2023, nur knapp hinter dem Rekordjahr 2024.

    Ein Satz, der nüchtern klingt und doch alles verändert.

    Schon der Monat November liefert eine Ahnung davon, wohin die Reise geht. Copernicus meldet den drittwärmsten November weltweit. Kein Ausreißer, kein meteorologischer Zufall, sondern ein weiteres Glied in einer langen Kette von Monaten, die schleichend, aber stetig die Temperaturleitplanken verschieben. Wer kurz innehält, spürt, wie sich diese Zahlen in eine schwerwiegende Realität übersetzen – in trockene Böden, in ausgedörrte Wälder, in jene unzähligen kleinen und großen Brände, die Europa in diesem Sommer an den Rand seiner Belastbarkeit gebracht haben.

    Ein Bild aus Garano in Spanien bringt das schmerzhaft auf den Punkt: Einsatzkräfte der Unidad Militar de Emergencia inmitten eines Feuers, das sich anfühlt wie ein düsterer Vorbote. Die Szene wirkt, als stamme sie aus einem dystopischen Roman, ist aber schlicht das Spiegelbild eines Sommers 2025, der sich nicht mehr an frühere Jahreszeitenlogiken hält.

    Copernicus beziffert die durchschnittliche globale Temperaturanomalie zwischen Januar und November auf plus 0,60 Grad im Vergleich zur Periode 1991 bis 2020 – oder 1,48 Grad über dem vorindustriellen Referenzwert. Eine Zahl, die auf dem Papier wie eine minimale Verschiebung erscheint, dabei aber wie ein leuchtend roter Strich im Klimakalender wirkt. Sie markiert den Abstand zu einer Welt, die noch nicht dauerhaft durch menschliche Emissionen erhitzt war. Eine Welt, die aus heutiger Sicht beinahe märchenhaft stabil wirkt.

    2025 liegt damit exakt auf dem Niveau von 2023. Die endgültigen Daten für Dezember stehen zwar noch aus, doch selbst konservative Szenarien ändern wenig an der Ausgangslage: 2025 wird in die Top drei der heißesten Jahre vorrücken. Und es rückt damit gefährlich nah an jene symbolische 1,5-Grad-Marke, die seit dem Pariser Klimaabkommen wie eine letzte Haltelinie wirkt. Eine Linie, die nie als komfortabel galt – eher als schmaler Grat, auf dem die Staatengemeinschaft balanciert, in der Hoffnung, nicht abzustürzen.

    Doch genau dieser Grat beginnt zu bröckeln.

    Denn Copernicus berechnet auch die Durchschnittstemperatur der gesamten Dreijahresperiode von 2023 bis 2025. Und die dürfte erstmals dauerhaft über 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau liegen. Nicht für einen Monat, nicht für ein einzelnes Jahr – sondern für drei aufeinanderfolgende Jahre. Ein Zeitraum, der zeigt, dass die Erderwärmung längst nicht mehr nur in Extremen messbar ist, sondern in der schieren Normalität.

    Vor zehn Jahren versprach das Pariser Abkommen, den Temperaturanstieg deutlich unter 2 Grad zu halten, möglichst nahe an den 1,5 Grad. Ein Versprechen, das damals wie ein Kompass wirkte. Heute erinnert es eher an eine jener alten Seekarten, deren Küstenlinien sich im Nebel auflösen. António Guterres, Generalsekretär der Vereinten Nationen, spricht offen aus, was viele Fachleute seit Jahren andeuten: Die Überschreitung der 1,5-Grad-Marke ist unvermeidlich – zumindest vorübergehend. Was nach Resignation klingt, ist vielmehr ein Weckruf.

    Denn Guterres mahnt ausdrücklich, dieser Überschuss müsse vorübergehend bleiben. Der Anstieg müsse wieder zurückgedrängt werden. Die Wissenschaftlerin Samantha Burgess von Copernicus formuliert es aus technokratischer Perspektive, die jedoch kaum weniger dringlich wirkt: Nur eine rasche Reduktion der Treibhausgasemissionen bringe die globale Temperaturkurve wieder auf einen Pfad, der das Klima langfristig stabilisieren könne. Anders gesagt: Ohne ein abruptes Bremsmanöver des menschengemachten Ausstoßes wandert die Welt geradewegs in eine Zukunft, in der Extreme zur Norm werden.

    Dahinter steht nicht nur eine abstrakte Klimapolitik, sondern die Erfahrung eines Jahres, das wie ein Brennglas wirkt. Menschen in Südeuropa, die mitten im August dachten: Das kann doch nicht normal sein. Landwirte, die in den Böden ihrer Felder die Härte eines klimatisch veränderten Jahrzehnts spürten. Städter, die in aufgeheizten Nächten nach Schlaf suchten. Und Einsatzkräfte, die wie in Garano in eine Hitze hineinfuhren, die sich anfühlte wie ein offenes Tor zur Hölle der Zukunft.

    Der Sommer 2025 zeigt, wie sehr diese Zukunft bereits Gegenwart ist.

    Dennoch erzählt diese Entwicklung nicht nur von Gefahren, sondern auch von Entscheidungen. Denn die Menschheit ist – trotz aller dramatischen Kurven – nicht Zuschauerin eines unausweichlichen Dramas. Sie ist Akteurin. Und jede politische Weichenstellung, jede wirtschaftliche Entscheidung, jede technologische Innovation wird Teil der Erzählung, die das Klima der kommenden Jahrzehnte prägen wird.

    Es sind diese Wendepunkte, an denen sich entscheidet, ob 2025 rückblickend als mahnender Vorbote gesehen wird – oder als Beginn einer Abwärtsspirale.

    Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Wucht dieser neuen Copernicus-Daten: Sie konfrontieren uns nicht nur mit den Temperaturen der Gegenwart, sondern mit der Frage, wie viel Zukunft noch gestaltbar ist. Wer sich mit dem Klimawandel befasst, merkt schnell, dass hier keine abstrakte Statistik spricht, sondern eine Welt, die im Umbruch ist. Eine Welt, die uns zwingt, alte Gewissheiten abzulegen und neue Antworten zu finden.

    Und genau hier beginnt die Aufgabe der Politik, der Wirtschaft, der Gesellschaft. Sie ist unbequem, komplex, manchmal schwer zu ertragen – aber sie ist lösbar. Die Geschwindigkeit der Klimaveränderungen zeigt, wie eng alle Herausforderungen zusammenhängen. Und sie zeigt, warum jede Maßnahme zählt, selbst jene, die auf den ersten Blick winzig erscheinen.

    2025 wird als eines der heißesten Jahre in die Statistik eingehen.

    Doch es könnte auch als das Jahr gelten, in dem die Welt beschloss, das Ruder herumzureißen.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Frankreichs Drogenszene im Umbruch – Wenn Kokain das Cannabis vom Thron stößt

    Frankreichs Drogenszene im Umbruch – Wenn Kokain das Cannabis vom Thron stößt

    Es wirkt wie ein tektonischer Ruck unter der Oberfläche eines lange stabilen Gefüges: Erstmals übertrifft in Frankreich die wirtschaftliche Bedeutung des Kokainmarkts jene des Cannabis. Eine Entwicklung, die sich zwar seit Jahren angekündigt hat, nun aber mit der Wucht einer unangekündigten Springflut in den statistischen Daten steht. Grundlage dafür ist eine Anfang Dezember veröffentlichte Untersuchung des Observatoire français des drogues et des tendances addictives, die den Zeitraum von 2010 bis 2023 mit einer seltenen Präzision ausleuchtet.Ein Befund, der nicht nur überrascht, sondern Fragen aufwirft – und politische wie gesellschaftliche Implikationen nach sich zieht. Der französische Gesamtmarkt für illegale Drogen erreicht demnach inzwischen ein jährliches Volumen von rund 6,8 Milliarden Euro. Den größten Anteil daran hält, entgegen jahrzehntelanger Gewohnheit, nicht mehr das allgegenwärtige Cannabis, sondern das Kokain: etwa 3,1 Milliarden Euro fließen in diesen Markt, während …

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  • Trumps Warnung vor einem „zivilisatorischen Untergang Europas“

    Trumps Warnung vor einem „zivilisatorischen Untergang Europas“

    Wie die neue US-Sicherheitsstrategie die transatlantischen Beziehungen auf eine harte Probe stellt

    Mit der Veröffentlichung ihrer neuen Nationalen Sicherheitsstrategie hat die US-Regierung unter Donald Trump Anfang Dezember 2025 für diplomatische Irritationen gesorgt. In dem 33-seitigen Grundlagendokument wird Europa nicht nur als wirtschaftlich und politisch geschwächt beschrieben – es ist gar von einem drohenden „zivilisatorischen Verschwinden“ die Rede, sollte der Kontinent seine politische und demografische Entwicklung nicht korrigieren. Die Wortwahl ist ungewöhnlich drastisch für ein offizielles Strategiepapier – und sie markiert einen weiteren Tiefpunkt in den transatlantischen Beziehungen.

    Eine harsche Diagnose aus Washington

    Die neue National Security Strategy (NSS) formuliert die außen- und sicherheitspolitischen Leitlinien der USA unter Präsident Trump für die kommenden Jahre. Dabei fällt der Blick auf Europa ungewöhnlich kritisch aus. Die Autoren beklagen eine Kombination aus demografischem Niedergang, zu liberaler Migrationspolitik, wirtschaftlicher Stagnation und einem zunehmenden Einfluss supranationaler Institutionen wie der EU auf nationale Souveränität.

    Wörtlich heißt es, der Kontinent steuere „auf eine düstere Realität zu, in der er innerhalb von zwei Jahrzehnten nicht mehr wiederzuerkennen sein wird“. Der Begriff des „zivilisatorischen Verschwindens“ bringt dabei eine Weltanschauung zum Ausdruck, in der kulturelle und ethnische Homogenität als politisches Ideal erscheint – eine Sichtweise, die in Europa vor allem von rechten bis rechtsextremen Kreisen vertreten wird.

    Strategiewechsel und ideologische Kampfansage

    Tatsächlich steht diese Wortwahl nicht isoliert da, sondern reflektiert einen tiefgreifenden Wandel in der außenpolitischen Philosophie Washingtons. Die USA unter Trump verstehen sich nicht mehr als Architekt eines liberalen, regelbasierten Weltordnungssystems, sondern als machtpolitischer Akteur, der eigene Interessen über multilaterale Verpflichtungen stellt – ein Kurs, der in der Rückbesinnung auf die Monroe-Doktrin seinen Ausdruck findet.

    Wie der Politökonom Jonas Gensler analysiert, will Washington eine ideologische „Gegenbewegung“ innerhalb Europas fördern. Ziel sei es, europäische Regierungen und Gesellschaften zu einer „Korrektur ihrer derzeitigen politischen und gesellschaftlichen Ausrichtung“ zu bewegen – sei es in der Sicherheits-, Energie- oder Migrationspolitik. Implizit fordert die NSS auch eine stärkere militärische Selbstverantwortung der Europäer, insbesondere im Rahmen der NATO.

    Europäische Reaktionen zwischen Besorgnis und Zurückweisung

    Die Reaktionen auf beiden Seiten des Atlantiks ließen nicht lange auf sich warten. Die EU-Außenbeauftragte Josep Borrell betonte in Brüssel, dass die Vereinigten Staaten trotz aller Differenzen „nach wie vor der wichtigste Verbündete Europas“ seien. Zugleich wies er die dramatisierende Rhetorik entschieden zurück: Europa befinde sich nicht in einem zivilisatorischen Verfallsprozess, sondern inmitten komplexer Transformationsprozesse, die demokratisch ausgehandelt würden.

    In Berlin zeigte man sich ungehalten über die amerikanischen Bewertungen. „Europa braucht keine Belehrungen über Meinungsfreiheit oder kulturelle Identität“, hieß es aus dem Auswärtigen Amt. In Paris wiederum warnte man vor einer gefährlichen ideologischen Aufladung der transatlantischen Beziehungen, insbesondere angesichts des anhaltenden Krieges in der Ukraine und der Abhängigkeit Europas von US-amerikanischer Sicherheitsgarantie im NATO-Rahmen.

    Ein Meinungsbild des Meinungsforschungsinstituts IFOP ergab zuletzt, dass knapp die Hälfte der Europäer Donald Trump als „Feind Europas“ wahrnimmt – ein Wert, der die gestiegene Distanz in der öffentlichen Wahrnehmung widerspiegelt.

    Polarisierung als politische Strategie

    Der Verweis auf ein angeblich bevorstehendes zivilisatorisches Verschwinden Europas ist mehr als eine außenpolitische Provokation. Er ist Teil einer bewusst polarisierenden Strategie, die kulturelle und gesellschaftliche Konfliktlinien auch auf internationaler Ebene zuspitzt. Damit korrespondiert die NSS mit Narrativen, wie sie in Teilen der europäischen Rechten kursieren – etwa der sogenannten „Bevölkerungsaustausch“-These, die vom französischen Publizisten Renaud Camus geprägt wurde und mittlerweile fester Bestandteil rechtsextremer Diskurse ist.

    Diese Verbindung ist nicht zufällig: Trumps Strategiepapier liest sich stellenweise wie eine außenpolitische Verlängerung innenpolitischer Kulturkämpfe. Europa wird dabei nicht nur als Partner, sondern auch als ideologischer Gegenentwurf inszeniert – ein Narrativ, das der Präsident im beginnenden US-Wahlkampf 2026 vermutlich weiter zuspitzen wird.

    Strategische Autonomie als europäische Antwort?

    Für Europa stellt sich nun erneut die alte Frage: Wie viel Eigenständigkeit braucht – und wie viel verträgt – das transatlantische Verhältnis? Während die militärische Kooperation im Rahmen der NATO weiterbesteht, verstärken sich die Stimmen, die eine eigenständigere europäische Sicherheitsarchitektur fordern. Initiativen wie PESCO (Ständige Strukturierte Zusammenarbeit) oder die Entwicklung eines europäischen Rüstungs- und Verteidigungsfonds erhalten dadurch neues Gewicht.

    Gleichzeitig zeigt sich: Der normative Rahmen einer „westlichen Wertegemeinschaft“ ist nicht mehr selbstverständlich. Die USA und Europa verfolgen zunehmend unterschiedliche gesellschaftspolitische Agenden – und das nicht nur unter Trump. Auch im Kongress findet diese strategische Neuorientierung zunehmend parteiübergreifende Unterstützung, etwa im Hinblick auf den Rückzug aus globalen Verpflichtungen oder den Fokus auf chinesische und lateinamerikanische Herausforderungen.

    Europa muss darauf eine Antwort finden – und dabei entscheiden, ob es sich als Subjekt oder Objekt globaler Ordnungspolitik verstehen will.

    Die Warnung vor einem „zivilisatorischen Untergang“ ist keine geopolitische Prognose, sondern eine Kampfansage in rhetorischer Form. Doch sie offenbart einen tiefen Bruch im transatlantischen Selbstverständnis. Was einst als Wertegemeinschaft begann, steht heute auf dem Prüfstand gemeinsamer Interessen – und das zu einem Zeitpunkt, an dem geopolitische Herausforderungen wie Krieg, Klimakrise und Migration entschlossene und koordinierte Antworten verlangen. Die Dynamik zwischen Washington und Brüssel könnte sich im kommenden Jahrzehnt grundlegend verändern – und damit das transatlantische Verhältnis, wie wir es bisher kannten.

    Autor: P. Tiko

  • Ein schwieriger Moment für Europa und die USA

    Ein schwieriger Moment für Europa und die USA

    Die jüngste National Security Strategy (NSS) der Trump-Administration markiert einen fundamentalen Bruch mit der bisherigen US-Außenpolitik gegenüber Europa. Erstmals steht nicht Russland oder China im Zentrum der Bedrohungsanalyse, sondern Europa. In Brüssel, Berlin und Paris wird das Dokument als Angriff auf den Kern des europäischen Projekts gelesen: Liberale Demokratien, multilaterale Institutionen und ein gemeinsamer sicherheitspolitischer Rahmen stehen auf dem Prüfstand. Was bislang implizit mitschwang, ist nun explizite Linie: Der transatlantische Schulterschluss verliert für Washington an Relevanz.

    Ein neuer Ton aus Washington

    Die NSS 2025 zeichnet ein Bild Europas als Kontinent in der Krise: „zivilisatorischer Verfall“ durch Migration, demographischer Niedergang, gefährdete nationale Identitäten und eine angeblich inkompetente politische Elite. Der Text lobt offen den Aufstieg „patriotischer“ europäischer Parteien, die sich gegen das europäische Integrationsprojekt stellen. Tatsächlich liest sich der Abschnitt zu Europa wie ein ideologisches Manifest der europäischen Rechten – kein Wunder, dass Frankreichs früherer UN-Botschafter Gérard Araud ihn als „Pamphlet der extremen Rechten“ bezeichnete.

    Hinzu kommt die Anforderung, dass Europa bis 2027 wesentliche Teile der NATO-Verteidigungsfähigkeiten übernehmen solle – von Aufklärung bis Raketenabwehr. Dieser Zeitplan wirkt für viele Hauptstädte wie ein verkappter Rückzug der USA aus ihren sicherheitspolitischen Verpflichtungen. Der Politikwissenschaftler Henry Farrell spricht von einem „Weckruf“ für Europa: „Wenn Amerika seine Verbündeten als Gegner behandelt, werden diese nach Alternativen suchen.“

    Revisionistischer Transatlantizismus

    Was sich hier andeutet, ist eine strategische und ideologische Neuausrichtung: Die USA ziehen sich nicht nur militärisch zurück, sondern wollen aktiv Einfluss auf die politische Architektur Europas nehmen. Der von den Brookings-Forscherinnen Tara Varma und Sophia Besch geprägte Begriff des „revisionistischen Transatlantizismus“ trifft den Kern. Gemeint ist eine transatlantische Achse zwischen einem nationalistischen Washington und europäischen Rechtsparteien, die gemeinsame liberale Werte in Frage stellen und stattdessen ethnonationalistische Ordnungsvorstellungen propagieren.

    Trumps politische Annäherung an Ungarns Ministerpräsidenten Viktor Orban und seine Unterstützung für Konzepte wie „Remigration“ passen ins Bild. Gleichzeitig richtet sich die Kritik der NSS gegen „instabile Minderheitsregierungen“ in Europa – ein direkter Seitenhieb auf liberale Zentristen wie Emmanuel Macron oder Friedrich Merz.

    Sicherheitsarchitektur unter Druck

    Faktisch droht Europa damit ein geopolitisches Vakuum: Ohne amerikanische Sicherheitsgarantien und mit wachsendem internen Druck durch nationalistische Bewegungen geraten sowohl die NATO als auch die EU unter Legitimationsdruck. Die Forderung nach europäischer Souveränität in Verteidigungsfragen klingt in diesem Kontext weniger wie ein partnerschaftlicher Appell denn als Ultimatum.

    Zugleich zeigt sich, dass Russland diese Dynamik für sich zu nutzen weiß: Putins Sprecher Dmitri Peskow lobte öffentlich die neue US-Strategie als „mit unserer Sichtweise weitgehend übereinstimmend“. Eine geopolitische Allianz zwischen revisionistischen Kräften in Washington, Moskau und Teilen Europas wäre für die liberale Weltordnung ein tektonischer Bruch.

    Macron und Bundeskanzler Friedrich Merz warnten in einem offenbar durchgesickerten Gesprächsprotokoll vor einem „schnellen politischen Deal“ zwischen Trump und Russland – auf Kosten der Ukraine. In einer Rede in Peking mahnte Macron: „Nur in der Einheit von Europa und den USA liegt die Kraft, derartige Konflikte dauerhaft zu lösen.“

    Trumps Strategiepapier könnte sich als doppelter Kipppunkt erweisen: Für die amerikanische Außenpolitik und für Europas Selbstverständnis. Es zwingt die Europäer, ihre Abhängigkeit von Washington zu überdenken – sicherheitspolitisch, technologisch und wirtschaftlich. Die kommenden Monate werden zeigen, ob es Europa gelingt, diese Herausforderung zu einer strategischen Erneuerung zu nutzen oder ob die innere Zersplitterung weiter voranschreitet.


    MEHR TOP-NACHRICHTEN

    Chinas Handelsüberschuss übersteigt erstmals eine Billion US-Dollar

    Trotz der von Präsident Trump verhängten Zölle ist es nicht gelungen, die globale Exportwelle aus China aufzuhalten. Die chinesische Zollbehörde gab heute bekannt, dass der kumulierte Handelsüberschuss des Landes bis Ende November 1,08 Billionen US-Dollar erreicht hat.

    Zwar sind Chinas Exporte in die USA infolge der Zölle um ein Fünftel zurückgegangen, doch hat Peking im Gegenzug auch seine Importe aus den Vereinigten Staaten – etwa von Sojabohnen und anderen Produkten – stark reduziert. Das Verhältnis bleibt unausgeglichen: China verkauft weiterhin dreimal so viel in die USA, wie es von dort bezieht. Zudem hat China seine Exporte in andere Weltregionen erheblich ausgeweitet – insbesondere nach Südostasien, Afrika, Europa und Lateinamerika.


    Rückgang in Trumps Zustimmungswerten

    Eine Analyse von Umfragedaten der New York Times zeigt: Die Zustimmungswerte von Präsident Trump sind in den vergangenen Wochen leicht, aber messbar gesunken – nach Monaten weitgehender Stabilität.


    WEITERE NACHRICHTEN

    – Laut US-Beamten hat die Trump-Regierung eine Chartermaschine voller Iraner in den Iran abgeschoben – erst zum zweiten Mal in der Geschichte der USA.

    – In Benin ist es gestern zu einem Putschversuch durch Teile des Militärs gekommen, was das westafrikanische Land in einen Zustand der Unsicherheit gestürzt hat.

    – Mindestens 25 Menschen starben bei einem verheerenden Brand in einem Nachtclub im indischen Bundesstaat Goa.

    – Präsident Wladimir Putin hat das russische Militär angewiesen, sich auf Kämpfe unter winterlichen Bedingungen vorzubereiten – ein Signal, dass er trotz Gesprächen mit US-Vertretern nicht von seinen Forderungen abrückt.

    Netflix plant die Übernahme von Warner Bros. Discovery für 82,7 Milliarden US-Dollar – ein Geschäft, das die Filmindustrie und die gesamte Medienlandschaft grundlegend verändern könnte.

    Saudi-Arabien hat stillschweigend begonnen, Alkohol an einige ausländische Einwohner zu verkaufen.

    Katy Perry und Justin Trudeau haben gemeinsam Japan erkundet – und ihre Verbindung mit gemeinsamen Fotos auf Instagram quasi offiziell gemacht.

    Von Andreas Brucker

  • Putins Kriegsrhetorik gegenüber Europa – Drei Momente der Eskalation

    Putins Kriegsrhetorik gegenüber Europa – Drei Momente der Eskalation

    Die Drohungen kamen nicht beiläufig daher. Inmitten neuer diplomatischer Initiativen zur Beendigung des Kriegs in der Ukraine warnte Wladimir Putin Anfang Dezember 2025 erneut offen vor einem möglichen Krieg mit Europa. „Wir sind bereit, sofort“, erklärte der russische Präsident, wenn Europa sich für einen Krieg entscheide. Es war nicht das erste Mal, dass der Kreml-Chef eine derart scharfe Rhetorik wählte – wohl aber eine der deutlichsten. Drei Ereignisse der vergangenen zwei Jahre zeigen, wie systematisch Putin Europa als Kriegspartei darstellt – und sich zugleich als Verteidiger in Stellung bringt.

    Die jüngste Warnung: „Wir sind bereit – wenn Europa es ist“

    Am 2. Dezember 2025, am Rande eines Wirtschaftsforums in Moskau, erklärte Putin, Russland wolle zwar keinen Krieg, sei aber vorbereitet. Europa, so der Präsident, habe sich selbst aus den Friedensverhandlungen ausgeschlossen und sich stattdessen für die Unterstützung Kiews entschieden – also für den Krieg. Der Zeitpunkt war nicht zufällig gewählt: Kurz darauf sollte eine US-Delegation unter Leitung des Geschäftsmanns Steve Witkoff – ein Vertrauter Donald Trumps – Gespräche über einen Waffenstillstand aufnehmen. Putins Botschaft war klar: Moskau verhandelt mit Washington, nicht mit Brüssel – und wer nicht am Tisch sitzt, dem droht die Konfrontation.

    Diese Rhetorik zielt auf mehrere Ebenen: Sie diskreditiert die europäische Politik als destruktiv, stellt Russland als reaktiv dar und hebt zugleich die eigene Gesprächsbereitschaft hervor. Doch sie signalisiert auch militärische Entschlossenheit – eine Botschaft, die vor allem an jene Staaten gerichtet ist, die militärisch aufrüsten oder neue Sicherheitsstrategien formulieren.

    Im Herbst bereits angekündigt: „Die Antwort wird sehr überzeugend sein“

    Bereits im Oktober 2025, bei einer Rede in Sotschi, hatte Putin eine schärfere Gangart gegenüber Europa angekündigt. Sollte der Westen weiter Waffen an die Ukraine liefern oder die eigene militärische Präsenz ausbauen, werde Russland entsprechend reagieren. In einer rhetorisch geschärften Passage verwies Putin auf Pläne Deutschlands, seine Armee wieder zur stärksten in Europa zu machen – eine Anspielung, die historische Tiefenwirkung entfaltet. Die Warnung: Wer sich militärisch in Stellung bringt, muss mit Konsequenzen rechnen.

    Bemerkenswert ist die argumentative Umkehr: Russland, so das wiederkehrende Narrativ, sei nicht der Aggressor, sondern gezwungen zu reagieren – auf westliche Provokationen, auf eine „Militarisierung Europas“, auf eine angebliche Eskalation, die nicht von Moskau, sondern von Brüssel und Berlin ausgehe. Es ist ein klassisches Element russischer Außenrhetorik seit 2014: Verteidigung als Selbstbehauptung, Aggression als Notwehr.

    März 2024: Als das Tabu der nuklearen Drohung fiel

    Die bisher wohl gefährlichste Äußerung Putins in Richtung Europa erfolgte im März 2024. In einem Interview im staatlichen Fernsehen erklärte er, dass Russland „militärtechnisch“ bereit sei – auch mit nuklearen Mitteln. Der Kontext: Emmanuel Macron hatte zuvor öffentlich erwogen, europäische Truppen in die Ukraine zu entsenden, zumindest im Rahmen eines Sicherheitsengagements. Putins Antwort: Wenn Frankreich und andere EU-Staaten keine „roten Linien“ mehr gegenüber Russland anerkennen, werde auch Moskau sich nicht länger an solche Grenzen halten.

    Diese Äußerung war kein Ausrutscher, sondern Ausdruck einer Strategie: die Abschreckung durch bewusste Ambiguität. Indem Russland nukleare Optionen implizit mitkonnotiert, erhöht es den psychologischen Druck auf europäische Regierungen – insbesondere jene, die militärische Hilfe intensivieren. Die Gefahr liegt nicht primär in der Umsetzung solcher Drohungen, sondern in ihrer kalkulierten Unklarheit: Sie destabilisieren, ohne sofort zu eskalieren.

    Die Strategie hinter den Drohungen

    Putins verbale Eskalationen gegenüber Europa folgen keinem erratischen Muster, sondern einem strategischen Kalkül. Die wiederholte Darstellung Russlands als verteidigende Macht, der Versuch, die EU aus zentralen diplomatischen Prozessen herauszudrängen, und die gleichzeitige Androhung ernsthafter Konsequenzen für jede Form von Unterstützung der Ukraine ergeben ein konsistentes Bild.

    Dabei geht es nicht nur um politische Kommunikation nach innen – also um die Mobilisierung patriotischer Unterstützung in Russland selbst –, sondern auch um eine psychologische Einflussnahme auf europäische Entscheidungszentren. Die Botschaft: Wer sich einmischt, riskiert einen Krieg, für den Russland „bereit“ sei – nuklear, militärisch, strategisch.

    Die damit einhergehende Unsicherheit ist Teil der russischen Taktik. Sie zielt darauf ab, Spaltungen innerhalb der EU zu vertiefen, etwa zwischen stärker engagierten Staaten wie Polen oder Frankreich und zurückhaltenderen wie Ungarn oder der Slowakei. Zugleich erhöht sie den Druck auf Regierungen, die Unterstützung für die Ukraine könnte „zu viel“ sein – und gefährlich werden.

    Europa steht damit vor einem Dilemma: Jedes Zögern könnte als Schwäche ausgelegt werden, jede Festigkeit als Provokation. Doch wer sich auf diese Logik einlässt, akzeptiert die Deutungshoheit eines Systems, das sich bewusst außerhalb der regelbasierten Ordnung stellt. Die eigentliche Herausforderung liegt daher nicht in der militärischen Drohung selbst – sondern in ihrer systematischen Normalisierung.

    Autor: P. Tiko

  • Zwischen Rückkehr und Wandel — Emmanuel Macrons neues freiwilliges Militärdienst‑Programm

    Zwischen Rückkehr und Wandel — Emmanuel Macrons neues freiwilliges Militärdienst‑Programm

    Am 27. November 2025 hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in der Militärkaserne von Varces bei Grenoble einen radikalen sicherheitspolitischen Kurswechsel angekündigt: Ab 2026 wird ein freiwilliger, rein militärischer Nationaldienst für junge Erwachsene eingeführt. Der neue Service national volontaire ersetzt das wenig etablierte, zivil-militärisch angelegte „Service national universel“ (SNU) und markiert einen Paradigmenwechsel im französischen Staatsverständnis. Im Zentrum steht ein erklärtes Ziel: die Wiederbelebung des „Pakts zwischen Armee und Nation“. Der Vorstoß Macrons folgt dem Anspruch, nicht nur sicherheitspolitisch auf eine instabiler werdende Weltordnung zu reagieren, sondern auch gesellschaftspolitisch eine neue Form des zivilen Engagements zu fördern. Frankreich, das nach Abschaffung der Wehrpflicht im Jahr 1997 vollständig auf eine Berufsarmee setzte, schließt damit eine sicherheitspolitische Lücke – ohne formell zur allgemeinen Wehrpflicht zurückzukehren.

    Ein fre…

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  • Rückhaltlos verurteilt: Was die endgültige Strafentscheidung gegen Nicolas Sarkozy bedeutet

    Rückhaltlos verurteilt: Was die endgültige Strafentscheidung gegen Nicolas Sarkozy bedeutet

    Der französische Kassationsgerichtshof hat am 26. November 2025 das letzte Wort gesprochen: Die Verurteilung von Nicolas Sarkozy wegen illegaler Wahlkampffinanzierung im Rahmen der sogenannten Affäre Bygmalion ist nun rechtskräftig. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahre wird damit ein ehemaliger Präsident der Fünften Republik strafrechtlich belangt – mit weitreichenden Folgen für das politische Selbstverständnis Frankreichs. Die Affäre, die seit Jahren ihre Schatten auf die französische Politik wirft, bietet nicht nur Einblicke in das Innenleben eines überdrehten Präsidentschaftswahlkampfs, sondern verweist auch auf strukturelle Schwächen der politischen Kultur der V. Republik: mangelnde Kontrolle, Nähe zwischen Partei und Dienstleister – und eine erstaunliche Risikobereitschaft aufseiten höchster Amtsträger.

    Ein teurer Wahlkampf und ein illegales System Im Zentrum der Bygmalion-Affäre steht der Präsidentschaftswahlkampf von 2012, bei dem Nicolas Sarkozy um eine zweite Amtszeit kämp…

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