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  • Schwere Überschwemmungen in Südfrankreich: Ein Todesopfer, Hunderte Haushalte betroffen und ganze Viertel abgeschnitten

    Schwere Überschwemmungen in Südfrankreich: Ein Todesopfer, Hunderte Haushalte betroffen und ganze Viertel abgeschnitten

    Heftige Regenfälle haben am Dienstag, dem 20. Oktober 2026, Teile des südfranzösischen Départements Bouches-du-Rhône unter Wasser gesetzt. Rund um den Étang de Berre, westlich von Marseille, verwandelten sich Straßen in reißende Wasserläufe, Häuser liefen voll und Erdrutsche bedrohten ganze Wohngebiete. Besonders dramatisch ist die Lage in Istres, wo mehr als 400 Haushalte evakuiert wurden oder ihre Wohnungen vorerst nicht verlassen durften. Ein Mensch verlor in den Fluten sein Leben.

    Die Naturgewalten trafen die Region mit einer Wucht, die selbst erfahrene Rettungskräfte vor erhebliche Herausforderungen stellte.

    Ein Todesopfer und dramatische Szenen am Étang de Berre

    In Saint-Mitre-les-Remparts riss das Hochwasser einen etwa 70 Jahre alten Mann mit sich. Rettungskräfte entdeckten seine Leiche später auf dem Gebiet der Nachbargemeinde Istres. Eine Person, die ihn begleitet hatte, überlebte dank eines erfolgreichen Rettungseinsatzes.

    Auch andernorts spielten sich dramatische Szenen ab. Wassermassen drangen in Wohnhäuser ein, ein Campingplatz musste geräumt werden. Straßen verschwanden unter braunen Fluten, während aufgeweichte Böden zunehmend ihre Stabilität verloren.

    Besonders tückisch: Die Gefahr endet nicht automatisch mit dem Regen.

    Istres: Erdrutsche bedrohen rund 200 Wohnhäuser

    Im Stadtteil Heures Claires ordnete die Stadtverwaltung am Dienstag die Räumung mehrerer Straßenzüge an. Betroffen waren der Chemin du Mas des Quatre Vents, der Chemin de Saint-Pierre und der Chemin du Port. Die Zufahrten wurden gesperrt, betroffene Bewohner fanden zunächst in vorbereiteten Sporthallen Zuflucht.

    Der Präfekt des Départements Bouches-du-Rhône, Jacques Witkowski, sprach bei einem Besuch vor Ort von rund 200 Wohnhäusern, die durch Bodenbewegungen gefährdet oder beschädigt seien. Ein Gebäude stürzte infolge eines Erdrutsches vollständig ein.

    Dabei bedeutet die Zahl von 200 betroffenen Häusern keineswegs, dass sämtliche Gebäude zerstört sind. Vielmehr müssen Fachleute zunächst prüfen, welche Grundstücke noch sicher sind und unter welchen Voraussetzungen Bewohner zurückkehren dürfen.

    Der vollständig durchnässte Untergrund bleibt eine ernsthafte Bedrohung. Selbst nach dem Abklingen der Niederschläge drohen weitere Hangrutschungen.

    Entressen von der Außenwelt abgeschnitten

    Besonders angespannt entwickelte sich die Situation im Ortsteil Entressen. Nach Angaben der Stadtverwaltung waren am Dienstagabend dort 219 Haushalte betroffen, weitere 200 im Viertel Heures Claires. Insgesamt mussten somit mehr als 400 Familien entweder ihre Wohnungen verlassen oder vorsorglich Schutz suchen.

    Entressen war zeitweise praktisch von der Außenwelt abgeschnitten. Bürgermeister Robin Prétot erklärte, Rettungskräfte seien teilweise ausschließlich mit Booten oder schweren Spezialfahrzeugen vorangekommen.

    Hinzu kamen Kommunikationsprobleme und Schäden an der Infrastruktur.

    Am Dienstagabend fiel außerdem die Trinkwasserversorgung aus. Für Mittwochmorgen ab 7.30 Uhr kündigte die Stadt eine Wasserverteilung an der Schule La Clé des Champs sowie am Gebäude La Grange an. Letzteres diente zugleich als Notunterkunft. In Istres brachte die Verwaltung Betroffene aus der Sporthalle Donadieu in die Einrichtung Podium.

    300 Liter Regen pro Quadratmeter in Saint-Mitre-les-Remparts

    Das Ausmaß der Niederschläge verdeutlichen die Messungen aus Saint-Mitre-les-Remparts. Die Gemeinde meldete am Dienstagnachmittag durchschnittlich 300 Millimeter Regen – umgerechnet 300 Liter Wasser auf jedem Quadratmeter.

    Besonders schwer traf es das Tal von Massane, die Küstenbereiche und das Gewerbegebiet Les Étangs.

    Dutzende Wohnungen und Geschäfte standen unter Wasser. Stützmauern brachen zusammen oder erlitten erhebliche Schäden, Fahrbahnen wurden teilweise schwer beschädigt.

    Rund 30 Betroffene fanden zunächst kommunale Unterstützung. Als Notunterkunft richtete die Gemeinde die Sporthalle René-Jauras ein.

    Vorsorgliche Evakuierungen in Port-de-Bouc

    Auch Port-de-Bouc blieb von den Unwettern nicht verschont. Im Viertel Les Arcades ordneten Feuerwehr und Stadtverwaltung vorsorgliche Evakuierungen an. Anhaltender Oberflächenabfluss und stark gefüllte Rückhaltebecken ließen weitere Überflutungen befürchten.

    Zwei städtische Kleinbusse brachten Bewohner aus mehreren gefährdeten Straßen zur Halle Youri-Gagarine. Dort standen Feldbetten bereit, während die Hilfsorganisation Secours populaire warme Kleidung verteilte.

    Wie viele Menschen insgesamt ihre Wohnungen verlassen mussten, teilte die Stadt zunächst nicht mit.

    Nach dem Regen droht die nächste Gefahr

    Für Mittwochmittag und den Nachmittag kündigte sich eine Wetterberuhigung an – allerdings verbunden mit auffrischendem Mistral. Der für Südfrankreich typische, teilweise kräftige Nordwestwind könnte auf den durchnässten Böden zusätzliche Probleme verursachen.

    Die Rettungsdienste warnten insbesondere vor entwurzelten Bäumen.

    Für die betroffenen Gemeinden beginnt damit eine schwierige zweite Phase der Katastrophe. Straßen müssen kontrolliert, beschädigte Versorgungsleitungen repariert und gefährdete Hänge untersucht werden. Erst danach lässt sich entscheiden, wann Familien in ihre Häuser zurückkehren dürfen.

    Stand: Mittwoch, 21. Oktober 2026, auf Grundlage der kommunalen Lageberichte vom Dienstagabend.

    Daniel Ivers

  • Gerichtsurteil mit Signalwirkung: Staat und EDF für ökologische Schäden am Étang de Berre verurteilt

    Gerichtsurteil mit Signalwirkung: Staat und EDF für ökologische Schäden am Étang de Berre verurteilt

    Ein Urteil aus Marseille sorgt weit über die Küsten der Provence hinaus für Aufmerksamkeit. Am 12. März 2026 erklärte das Verwaltungsgericht Marseille sowohl den französischen Staat als auch den Energiekonzern EDF für mitverantwortlich an den ökologischen Schäden im Étang de Berre – einer der größten Lagunen Frankreichs. Für Umweltschützer markiert diese Entscheidung einen Wendepunkt. Zum ersten Mal erkennt ein Gericht ausdrücklich einen „ökologischen Schaden“ an, der durch den Betrieb eines großen hydroelektrischen Systems entstanden ist.

    Der Étang de Berre gilt seit Jahrzehnten als Sorgenkind der industriellen Entwicklung in Südfrankreich. Raffinerien, Hafenanlagen und Kraftwerke prägten lange das Bild rund um die Lagune. Doch der Kern des Konflikts liegt in einem technischen System, das eigentlich der Energieversorgung dienen soll: dem Kanal der Durance.

    Über diesen Kanal gelangen seit vielen Jahren große Mengen Süßwasser aus dem Fluss Durance in die ursprünglich salzhaltige Lagune. Das Wasser treibt Turbinen der Kraftwerke bei Salon-de-Provence und Saint-Chamas an – Anlagen, die einen beträchtlichen Anteil an der regionalen Stromproduktion liefern. Rund 35 Prozent der Elektrizität in der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur entstehen hier, etwa zehn Prozent der französischen Wasserkraftproduktion hängen indirekt mit diesem System zusammen.

    Doch genau dieser Erfolg hat eine Schattenseite.

    Der Étang de Berre ist ein marines Ökosystem, dessen Gleichgewicht stark von seinem Salzgehalt abhängt. Gelangt über Jahre hinweg zu viel Süßwasser hinein, verändern sich chemische und biologische Prozesse im Wasser. Sauerstoffmangel, Algenblüten und organische Ablagerungen können die Folge sein. Genau das, so das Gericht, sei durch die langjährigen Einleitungen geschehen. Die Auswirkungen auf das Ökosystem seien erheblich genug, um als eigenständiger ökologischer Schaden gewertet zu werden.

    Besonders prägend für die Debatte bleibt die Umweltkrise von 2018. Damals erlebte die Lagune eine massive Sauerstoffkrise – in der Region spricht man von „Malaïgue“, einem Begriff aus der mediterranen Lagunenökologie für eine Art Erstickungszustand des Wassers. Mehr als 90 Prozent des Ökosystems waren betroffen. Seegras verschwand großflächig, Muscheln und zahlreiche wirbellose Tiere starben nahezu vollständig ab.

    Für viele Anwohner war das der Moment, in dem aus einer abstrakten Umweltfrage eine sichtbare Katastrophe wurde.

    Das Urteil des Gerichts fällt dennoch differenziert aus. Die Richter wiesen mehrere Vorwürfe gegen den Staat zurück und stellten fest, dass nicht alle Einleitungen direkt für die Krise von 2018 verantwortlich gemacht werden können. Auch radikale Forderungen der Umweltvereinigung „L’Étang nouveau“, etwa ein vollständiger Stopp der Süßwassereinleitungen oder der Bau großer Schlammrückhaltebecken, fanden keine Zustimmung.

    Stattdessen verpflichtete das Gericht Staat und EDF, die Ergebnisse eines bereits laufenden Experiments ernsthaft auszuwerten.

    Nach der Krise von 2018 wurde ein neues System zur Regulierung der Wasserabgaben getestet. Die Einleitungen sollen stärker an Jahreszeiten und Umweltbedingungen angepasst werden. Teilweise werden Turbinenleistungen reduziert oder zeitweise ganz gestoppt, wenn Salzgehalt und Sauerstoffwerte kritisch erscheinen. Seit 2024 gilt außerdem ein jährlicher Höchstwert von 1,2 Milliarden Kubikmetern Süßwasser, die in die Lagune gelangen dürfen.

    Erste Beobachtungen zeigen leichte Verbesserungen. Der Salzgehalt stabilisiert sich, die Durchmischung der Wasserschichten verläuft besser, und auch die Sauerstoffwerte entwickeln sich in manchen Sommern günstiger. Von einer echten Erholung des Ökosystems sprechen Experten allerdings noch nicht.

    Das Gericht formuliert daher eine klare Botschaft: Positive Signale bedeuten noch keine Heilung.

    Politisch bringt das Urteil alle Beteiligten in eine heikle Lage. Für EDF stellt es eine Erinnerung dar, dass selbst strategisch wichtige Energieinfrastrukturen ökologische Verantwortung tragen. Für den Staat offenbart es ein bekanntes Muster: Umweltprobleme werden oft lange verwaltet, bis ein Gericht eingreift.

    Die eigentliche Bedeutung der Entscheidung reicht jedoch weit über die Provence hinaus.

    Der Begriff des „ökologischen Schadens“ verlässt endgültig die Theorie und landet mitten in der Praxis großer Industrieprojekte. Infrastruktur kann künftig auch dann juristisch verantwortlich gemacht werden, wenn ihre Schäden nicht spektakulär oder plötzlich auftreten, sondern über Jahrzehnte hinweg langsam ein Ökosystem verändern.

    Für den Étang de Berre selbst beginnt damit vielleicht eine neue Phase. Jahrzehntelang galt die Lagune vor allem als industrieller Standort – ein Raum, den man nutzte. Nun steht erstmals ein Urteil im Raum, das klar ausspricht: Dieses Gebiet ist mehr als ein technisches Reservoir.

    Es ist ein lebendiges Ökosystem.

    Und genau darin liegt die eigentliche Sprengkraft dieser Entscheidung.

    Autor: C.H.