Es riecht warm, nussig und ein wenig nach geröstetem Brot. In der Mühle knirschen die Steine, irgendwo schlägt Metall gegen Holz, und aus einer Presse läuft langsam ein dünner goldener Strahl in ein Gefäß.
Walnussöl.
Wer an diesem Morgen im Périgord die Tür einer alten Ölmühle öffnet, versteht ziemlich schnell, warum man die Walnuss hier einst das „Gold des Périgord“ nannte.
Sie gehört zu dieser Landschaft wie die hellen Kalksteinhäuser, die Burgen über der Dordogne und die Märkte, auf denen Käse, Brot und Entenpasteten dicht nebeneinanderliegen. Ihre Geschichte reicht erstaunlich weit zurück. Archäologen fanden in der Region Walnussschalen, die rund 17.000 Jahre alt sind.
Die Menschen hier kannten den Geschmack also lange bevor jemand auf die Idee kam, daraus eine touristische Route zu machen.
Eine Straße für Genießer
Heute verbindet die Route de la Noix mehr als vierzig Stationen in der Dordogne, im Lot und in der Corrèze. Sie führt durch Walnusshaine, zu Bauernhöfen und Mühlen, vorbei an Restaurants, kleinen Läden und einigen der schönsten Orte Südwestfrankreichs.
Sarlat liegt auf dem Weg, ebenso Domme, Martel und das rot leuchtende Collonges la Rouge.
Doch diese Reise lebt nicht allein von ihren berühmten Dörfern.
Sie lebt von Begegnungen.
Im Moulin de Vielcroze bei Castelnaud la Chapelle lässt sich verfolgen, wie Walnusskerne zerkleinert, erwärmt und anschließend gepresst werden. Das klingt zunächst wenig romantisch. Doch sobald der Duft gerösteter Nüsse den Raum erfüllt, sieht die Sache anders aus.
Dann kommt ein Stück Brot auf den Tisch.
Ein paar Tropfen frisches Öl darüber.
Mehr braucht es nicht.
Kann ein Lebensmittel eine ganze Landschaft erzählen?
Hier lautet die Antwort ziemlich eindeutig: ja.
Wenn die Mühlsteine sprechen
Auch im Moulin de la Veyssière in Neuvic sur l’Isle dreht sich seit Generationen vieles um die Walnuss. Alte Mühlsteine arbeiten dort weiter, während Besucher zuschauen, riechen und probieren.
Das Öl schmeckt mal mild, mal kräftig geröstet, manchmal beinahe süßlich.
Und plötzlich merkt man, wie wenig Aufmerksamkeit man einem alltäglichen Produkt normalerweise schenkt.
Die Walnuss selbst zeigt ebenfalls verschiedene Gesichter. Vier traditionelle Sorten stehen besonders für den Périgord: Franquette, Marbot, Corne und Grandjean.
Im Écomusée de la Noix bei Castelnaud erzählen Werkzeuge, Pressen und alte Arbeitsgeräte von jener Zeit, als der Walnussanbau für viele Familien über Wohlstand oder karge Jahre entschied.
Im Mittelalter besaßen die Früchte sogar einen solchen Wert, dass sie gelegentlich als Tauschmittel dienten.
Das Gold auf dem Fluss
Über Jahrhunderte transportierten Lastkähne große Mengen Walnüsse auf der Dordogne Richtung Bordeaux. Von dort gelangten sie weiter nach England, Deutschland und in die Niederlande.
Der Fluss war damals Handelsstraße, Lebensader und manchmal vermutlich auch Nervensäge zugleich — je nachdem, wie freundlich Wetter und Wasserstand gerade mitspielten.
Heute reist man gemütlicher.
Und am schönsten vielleicht im Herbst.
Ab Mitte September beginnt die Ernte. Die Walnusshaine wechseln langsam ihre Farbe, Körbe füllen sich mit frischen Nüssen und in den Mühlen startet die arbeitsreichste Zeit.
Bäckereien verkaufen kräftiges Walnussbrot. Konditoreien backen Tartes. Restaurants kombinieren geröstete Kerne mit Käse oder Salaten. Dazu kommt der traditionelle Vin de Noix.
Wer wollte da ernsthaft Kalorien zählen?
Eine Reise, die Zeit verlangt
Die Route de la Noix eignet sich nicht für Eilige.
Ihr Reiz liegt gerade im Anhalten: bei einem Bauernhof, einer alten Mühle, einem Markt oder einem kleinen Laden, dessen Tür man beinahe übersehen hätte.
Man reist von Dorf zu Dorf, probiert ein Stück Brot, hört Geschichten und schaut einem Handwerk zu, das in dieser Landschaft seit Generationen weiterlebt.
Und irgendwann versteht man, dass die Walnuss hier weit mehr als eine Zutat ist.
Sie ist Erinnerung, Arbeit, Handel und Genuss zugleich.
Vor allem aber schenkt sie dem Périgord etwas, das sich kaum ins Navigationsgerät eingeben lässt: einen eigenen Geschmack.
Ein Artikel von M. Legrand
