Schlagwort: Dominique Simonnot

  • Kommentar: Wenn zwei Krisen zusammentreffen, „die wirklich niemand hat kommen sehen“…

    Kommentar: Wenn zwei Krisen zusammentreffen, „die wirklich niemand hat kommen sehen“…

    Es gibt Nachrichten, die überraschen. Und es gibt Nachrichten, bei denen man sich fragt, ob Ironie inzwischen als offizielle Regierungssprache eingeführt wurde.

    Frankreich erlebt eine Hitzewelle. Wieder einmal. Temperaturen weit über 35 Grad, Nächte, die kaum noch Abkühlung bringen. Gleichzeitig platzen die Gefängnisse aus allen Nähten. Beides führt nun zu einer dramatischen Situation hinter Gittern.

    Und natürlich konnte das niemand vorhersehen.

    Dass ein Land mit fast 89.000 Gefangenen für rund 62.000 Haftplätze irgendwann an seine Grenzen stößt? Wer hätte das ahnen können? Dass Gebäude aus einer anderen Zeit, schlecht isoliert und ohne Klimatisierung, sich bei extremer Sommerhitze in Backöfen verwandeln? Welch unerwartete Wendung der Geschichte.

    Seit Jahren wird gewarnt. Von der Gefängnisaufsicht. Von Menschenrechtsorganisationen. Von Gewerkschaften. Von Richtern. Von Ärzten. Eigentlich von allen, die sich beruflich mit dem Strafvollzug beschäftigen. Doch Warnungen haben einen entscheidenden Nachteil: Man muss sie ernst nehmen.

    Es ist offenbar einfacher, Jahr für Jahr neue Berichte entgegenzunehmen, betroffen zu nicken und anschließend genau nichts Grundsätzliches zu ändern.

    Nun verteilen Bedienstete Wasserflaschen. Duschen werden etwas häufiger geöffnet. Besonders gefährdete Gefangene stehen unter Beobachtung. Das ist menschlich und notwendig. Aber es erinnert an den Versuch, mit einem Gartenschlauch einen Waldbrand zu löschen. Man bekämpft die Symptome, während die Ursachen seit Jahren munter weiterwachsen.

    Natürlich muss niemand Mitleid mit Straftätern haben. Freiheitsentzug ist eine Strafe. Hitzeschlag gehört jedoch nicht zum Strafgesetzbuch.

    Ein Rechtsstaat misst sich gerade daran, wie er mit den Menschen umgeht, die ihm vollständig ausgeliefert sind. Wer hinter Gefängnismauern sitzt, kann kein Fenster öffnen, keinen Ventilator kaufen, nicht spontan ins Freibad fahren und auch nicht entscheiden, nachts auf dem Balkon zu schlafen. Der Staat übernimmt die vollständige Verantwortung für diese Menschen. Das ist keine romantische Vorstellung von Menschenrechten, sondern ein Grundprinzip des Rechtsstaates.

    Die eigentliche Tragik liegt jedoch woanders. Wieder einmal zeigt sich, wie Politik funktioniert, wenn langfristige Probleme konsequent ignoriert werden. Erst wird jahrelang nichts getan. Dann tritt genau das ein, wovor alle gewarnt haben. Anschließend spricht man von einer außergewöhnlichen Krise, die niemand habe vorhersehen können.

    Man kennt dieses Muster inzwischen. Es begegnet uns beim Wohnungsmarkt. Bei der Pflege. Beim Gesundheitssystem. Bei der Infrastruktur. Und selbstverständlich beim Klimawandel, dessen Folgen nun selbst hinter Gefängnismauern nicht mehr ignoriert werden können.

    Vielleicht ist genau das die eigentliche französische Spezialität: Nicht der Käse, nicht der Wein und auch nicht das Baguette, sondern die erstaunliche Fähigkeit, vorhersehbare Katastrophen im entscheidenden Moment als überraschende Naturereignisse zu präsentieren.

    Am Ende treffen sich zwei Krisen, die beide seit Jahren akribisch dokumentiert wurden: die chronische Überbelegung der Gefängnisse und die immer extremeren Hitzewellen. Das Ergebnis wird dann als Notfall behandelt.

    Man könnte darüber lachen.

    Wenn es nicht so bitter wäre.

    Ein Kommentar von Andreas M. Brucker

  • Gefängnisse werden zu Hitzefallen – Frankreichs Justizvollzug gerät durch die Klimakrise zusätzlich unter Druck

    Gefängnisse werden zu Hitzefallen – Frankreichs Justizvollzug gerät durch die Klimakrise zusätzlich unter Druck

    Die anhaltende Hitzewelle in Frankreich verschärft nicht nur die Belastung für die Bevölkerung, sondern legt erneut gravierende Missstände im französischen Strafvollzug offen. Seit Jahren warnen Menschenrechtsorganisationen, Gefängnisgewerkschaften und die oberste Kontrollinstanz für Haftanstalten vor unhaltbaren Zuständen. Extreme Temperaturen verwandeln zahlreiche Gefängnisse in regelrechte Hitzekammern – ein Problem, das durch die historisch hohe Überbelegung der Haftanstalten weiter verschärft wird.

    Rekordüberbelegung verschärft die Situation

    Zum 1. Juni 2026 befanden sich in Frankreich knapp 89.000 Menschen in Haft, obwohl das Gefängnissystem lediglich rund 62.000 reguläre Plätze bietet. Die Auslastung erreicht damit einen historischen Höchststand. In vielen Justizvollzugsanstalten müssen drei Gefangene in Zellen leben, die ursprünglich für eine einzelne Person konzipiert wurden.

    Steigen die Außentemperaturen auf mehr als 35 Grad Celsius, entwickelt sich die Situation in den oftmals Jahrzehnte alten Gebäuden zu einem erheblichen Gesundheitsrisiko. Schlechte Wärmedämmung, fehlende Klimaanlagen und unzureichende Luftzirkulation sorgen dafür, dass sich die Hitze in den Zellen staut. Selbst nachts sinken die Temperaturen kaum noch, wodurch den Insassen die notwendige Erholung verwehrt bleibt.

    Alltag unter extremen Bedingungen

    Die Folgen der Hitze treffen den Haftalltag in nahezu allen Bereichen. In vielen Zellen liegen die Temperaturen deutlich über den Außenwerten. Gleichzeitig fehlt häufig eine ausreichende Belüftung, während der Zugang zu Duschen begrenzt bleibt. Selbst während extremer Hitzeperioden können Gefangene vielerorts nur einmal täglich duschen.

    Auch die Außenbereiche bieten kaum Entlastung. Spazierhöfe verfügen oft nur über wenig Schatten, sodass selbst die Freistunde zur zusätzlichen Belastung wird. Besonders gefährdet sind ältere Gefangene sowie Menschen mit chronischen Erkrankungen, Herz-Kreislauf-Problemen oder eingeschränkter Mobilität. Für sie steigt das Risiko von Dehydrierung, Kreislaufversagen und Hitzeschlägen erheblich.

    Warnungen vor einer „Gefängniskatastrophe“

    Die französische Generalbeauftragte für die Kontrolle von Freiheitsentziehungen, Dominique Simonnot, weist seit Jahren auf die zunehmende Verschlechterung der Haftbedingungen hin. In ihrem jüngsten Jahresbericht beschreibt sie ein Strafvollzugssystem, das unter chronischer Überbelegung leidet und dadurch Gewalt, Spannungen sowie Verletzungen grundlegender Menschenrechte begünstigt.

    Die hohen Temperaturen wirken dabei wie ein zusätzlicher Stressfaktor in einem ohnehin überlasteten System. Konflikte zwischen Gefangenen nehmen zu, ebenso die Belastung des Justizvollzugspersonals, das unter denselben klimatischen Bedingungen arbeiten muss.

    Notmaßnahmen reichen nur begrenzt aus

    Während Hitzeperioden aktiviert die Gefängnisverwaltung verschiedene Sofortmaßnahmen. Dazu gehören zusätzliche Trinkwasserausgaben, soweit möglich häufigere Duschmöglichkeiten, eine intensivere medizinische Überwachung besonders gefährdeter Gefangener sowie Anpassungen bei Arbeits- und Freizeitprogrammen.

    Menschenrechtsorganisationen halten diese Maßnahmen jedoch lediglich für eine kurzfristige Schadensbegrenzung. Solange die strukturelle Überbelegung bestehen bleibe, könnten die grundlegenden Probleme nicht gelöst werden. Die räumlichen Kapazitäten vieler Haftanstalten seien schlicht nicht auf derart hohe Belegungszahlen ausgelegt.

    Klimawandel erhöht gesundheitliche Risiken

    Hinzu kommt eine besondere gesundheitliche Ausgangslage vieler Gefangener. Der Anteil chronisch Kranker, psychisch belasteter Menschen sowie Personen mit Suchterkrankungen liegt im Strafvollzug deutlich höher als in der Gesamtbevölkerung. Zahlreiche Medikamente beeinflussen zudem die körpereigene Temperaturregulierung oder erhöhen den Flüssigkeitsbedarf.

    Treffen diese individuellen Risikofaktoren auf extreme Hitze und unzureichende bauliche Bedingungen, steigt die Gefahr schwerwiegender gesundheitlicher Zwischenfälle erheblich. Experten sehen deshalb den Justizvollzug zunehmend auch als Herausforderung für das öffentliche Gesundheitswesen.

    Anpassung an ein neues Klima wird zur Daueraufgabe

    Mit der Zunahme extremer Hitzeperioden infolge des Klimawandels dürfte sich das Problem weiter verschärfen. Viele französische Gefängnisse stammen aus einer Zeit, in der lang anhaltende Temperaturen über 35 Grad Celsius deutlich seltener auftraten. Die Gebäude wurden weder energetisch noch baulich für solche Belastungen konzipiert.

    Zahlreiche Fachleute fordern daher weitreichende Reformen. Neben einer grundlegenden Modernisierung des Gefängnisbestands gilt insbesondere der Abbau der chronischen Überbelegung als zentrale Voraussetzung, um menschenwürdige Haftbedingungen dauerhaft sicherzustellen. Gleichzeitig gewinnt die Anpassung öffentlicher Infrastruktur an die Folgen des Klimawandels zunehmend an Bedeutung – auch hinter Gefängnismauern.

    Christine Macha

    Dans des prisons surpeuplées, vétustes et mal adaptées aux fortes chaleurs, détenus comme surveillants pénitentiaires subissent de plein fouet l’épisode caniculaire qui frappe la France. Malgré les mesures d’urgence déployées par les autorités, cet épisode exceptionnel met en lumière une crise carcérale dénoncée depuis des années., Dans des prisons surpeuplées, vétustes et mal adaptées aux fortes chaleurs, détenus comme surveillants pénitentiaires subissent de plein fouet l’épisode caniculaire qui frappe la France. Malgré les mesures d’urgence déployées par les autorités, cet épisode exceptionnel met en lumière une crise carcérale dénoncée depuis des années.,

  • Frankreichs marode Gefängnisse: Zwischen Ratten, Überbelegung und Menschenwürde

    Frankreichs marode Gefängnisse: Zwischen Ratten, Überbelegung und Menschenwürde

    Ein Land wie Frankreich – Gründungsnation der Menschenrechte – ringt im Jahr 2025 mit einem Gefängnissystem, das in vielen Teilen aussieht wie aus einer anderen Zeit. Und das nicht im positiven Sinne. Ein neuer Bericht der Kontrolleurin für Freiheitsentzug, Dominique Simonnot, hat das Thema erneut ins Licht gerückt. Was dabei zutage tritt, ist mehr als eine schiefe Statik – es ist ein Systemproblem. 135 % Auslastung. In Zahlen gesprochen, heißt das: Zellen für eine Person beherbergen zwei, manchmal sogar drei Insassen. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Risse im Mauerwerk – wörtlich wie bildlich Viele Justizvollzugsanstalten stammen aus dem 19. Jahrhundert, andere wurden in den letzten Jahrzehnten gebaut – allerdings schlecht geplant, fehlerhaft ausgeführt, mangelhaft gewartet. Einige Gebäude sind derart verfallen, dass sie teilweise wegen Einsturzgefahr geschlossen werden mussten. In den Zellen? Ratten, Kakerlaken, Bettwanzen. Duschen, die nicht funktionieren, Klos ohne Türen, k…

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  • „Unerträgliche Zustände hinter Gittern“ – Jugendgefängnis in Marseille unter schwerem Beschuss

    „Unerträgliche Zustände hinter Gittern“ – Jugendgefängnis in Marseille unter schwerem Beschuss

    Gitter statt Jugendhilfe, Isolation statt Perspektive: Das Jugendgefängnis „La Valentine“ in Marseille steht im Zentrum eines Skandals, der weit über die Stadtgrenzen hinaus Wellen schlägt. Ein aktueller Bericht der französischen Kontrollinstanz für „Orte der Freiheitsentziehung“ beschreibt Zustände, die eher an eine vergessene Strafkolonie erinnern als an ein modernes Jugendstrafvollzugssystem. Im Zentrum: Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren – und eine Realität, die niemand verantworten möchte. Kaputte Zellen, kein Wasser, Hitzestau Was Prüferin Dominique Simonnot und ihr Team am 29. August in ihrem Bericht offenlegten, lässt aufhorchen – und erschüttert. Der Zustand der Hafträume ist katastrophal: defekte Toiletten, verschmutzte Matratzen, zerfallende Wände, auf denen Schmierereien teils mit Fäkalien oder getrocknetem Blut gemalt wurden. Hygieneartikel fehlen seit Monaten. Die Mahlzeiten reichen nicht aus. In den Zellen staut sich die Sommerhitze – ohne Ventilatoren, ohne Schutz. T…

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  • Überbelegung in französischen Gefängnissen: So darf man nicht mit Menschen umgehen…

    Überbelegung in französischen Gefängnissen: So darf man nicht mit Menschen umgehen…

    „Das Gesetz will, dass man bestraft, aber ein anderer Teil des Gesetzes sagt, dass das Gefängnis zur Wiedereingliederung dienen soll“, erinnert Dominique Simonnot, Kontrolleurin des Strafvollzugs in Frankreich.

    Dominique Simonnot, Generalkontrolleurin der französischen Gefängnisse, sagte am 1. März auf dem Sender France Inter, die Überbelegung der Gefängnisse in Frankreich sei „katastrophal“. Nach den vom Justizministerium veröffentlichten Zahlen erreichte die Zahl der Häftlinge am 1. Februar mit 76.258 inhaftierten Personen einen neuen Rekord, was einem Anstieg von satten 5,5% im Jahresvergleich entspricht. In den Haftanstalten Frankreichs stieg die durchschnittliche Belegungsrate auf 147,7%, wobei viele Menschen gezwungen sind, auf einer Matratze auf dem Boden zu schlafen. „Es liegen mehr als 3.000 Matratzen auf dem Boden“, empörte sich Dominique Simonnot.

    Die Generalkontrolleurin der französischen Gefängnisse gab bekannt, sie habe „einen Brief von einem 82-jährigen Häftling erhalten, der schrieb, dass er auf dem Boden auf einer Matratze schläft, inmitten von Kakerlaken und Bettwanzen“. „Ist das eine Art der Bestrafung?“, fragt sie.

    Dominique Simonnot versichert, sie verstehe sehr wohl, „dass man ins Gefängnis geht, wenn man kriminelle Handlungen begangen hat“. Sie fragt sich jedoch, ob dies die richtigen „Wege sind, Menschen einzusperren“. „Das Gesetz will, dass man bestraft, aber ein anderer Teil des Gesetzes besagt, dass das Gefängnis der Wiedereingliederung dienen soll“, erinnert die Generalkontrolleurin der Gefängnisse. Sie ist der Ansicht, dass „unter diesen Bedingungen, in den französischen Haftanstalten, dies unmöglich ist“. Dominique Simonnot fordert die Regierung daher auf, dringend „zu handeln und die Dinge in die Hand zu nehmen“.