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  • Erinnerung als Regelbruch? Der Olympia-Ausschluss eines ukrainischen Athleten und die Grenzen politischer Neutralität

    Erinnerung als Regelbruch? Der Olympia-Ausschluss eines ukrainischen Athleten und die Grenzen politischer Neutralität

    Die Olympischen Winterspiele in Italien sind kaum eröffnet, da geraten sie in eine altbekannte Spannung: jene zwischen sportlicher Neutralität und politischer Realität. Der ukrainische Skeleton-Athlet Vladyslav Heraskevych wurde von den Wettbewerben ausgeschlossen, weil er einen Helm tragen wollte, der an im Krieg gegen Russland getötete ukrainische Sportler erinnerte. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) wertete dies als Verstoß gegen das Verbot politischer Botschaften. Der Fall wirft grundlegende Fragen auf: Wo endet die private Trauer, wo beginnt politische Symbolik? Und wie tragfähig ist das Neutralitätsprinzip in Zeiten eines offenen Angriffskrieges in Europa?

    Ein Helm als Erinnerungszeichen

    Vladyslav Heraskevych, 27 Jahre alt, zählt seit Jahren zu den profiliertesten Wintersportlern seines Landes. Er startet im Skeleton, einer Disziplin, bei der die Athleten bäuchlings auf einem Schlitten mit hoher Geschwindigkeit eine Eisrinne hinabfahren. Medaillenchancen wurden ihm bei diesen Spielen zwar nicht eingeräumt, wohl aber eine symbolische Bedeutung.

    Sein „Erinnerungshelm“ zeigte Porträts ukrainischer Landsleute, die im Zuge des russischen Angriffskriegs ums Leben gekommen sind – darunter auch Sportler, einige davon persönliche Bekannte. Während Trainingsläufen trug er das Design bereits. Offizielle wiesen ihn darauf hin, dass er damit gegen die Regel 50 der Olympischen Charta verstoße, die politische, religiöse oder rassische Demonstrationen auf Wettkampfflächen untersagt. Als Alternative wurde ihm angeboten, eine schwarze Armbinde zu tragen.

    Heraskevych lehnte einen Kompromiss ab. Er sei überzeugt, keine Regeln verletzt zu haben, erklärte er vor dem geplanten Wettkampfbeginn. Am Morgen des Wettbewerbs entschied die Jury des Internationalen Bob- und Skeletonverbands, ihn wegen „Nichtkonformität der Ausrüstung“ nicht starten zu lassen. Das IOC entzog ihm daraufhin die Akkreditierung für die Spiele.

    Das Neutralitätsdogma des IOC

    Das IOC beruft sich seit Jahrzehnten auf ein striktes Neutralitätsprinzip. Der Sport solle von politischen Einflüssen getrennt bleiben, um faire Wettbewerbsbedingungen und internationale Verständigung zu ermöglichen. IOC-Präsidentin Kirsty Coventry traf Heraskevych am Wettkampfort im norditalienischen Cortina d’Ampezzo persönlich. In einer offiziellen Stellungnahme hieß es anschließend, der Athlet habe „keine Form von Kompromiss“ in Betracht gezogen.

    IOC-Sprecher Mark Adams betonte, die Spiele müssten „von allen Arten von Einmischung getrennt“ bleiben, damit sich die Athleten auf ihre Leistung konzentrieren könnten. Diese Argumentation knüpft an eine lange Tradition an. Bereits in der Vergangenheit sanktionierte das IOC politische Gesten – etwa den „Black Power“-Gruß der US-Sprinter 1968 in Mexiko-Stadt oder jüngere Solidaritätsbekundungen mit sozialen Bewegungen.

    Gleichzeitig steht das IOC seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine unter erheblichem Druck. Die Frage, unter welchen Bedingungen russische und belarussische Athleten teilnehmen dürfen, hat die olympische Gemeinschaft gespalten. Während das IOC auf individuelle Neutralität pocht, fordern zahlreiche Regierungen – darunter auch die Ukraine – einen umfassenden Ausschluss russischer Sportler.

    Erinnerung oder politische Botschaft?

    Die juristische Kernfrage lautet: Ist die Erinnerung an getötete Sportler eine politische Äußerung? Formal betrachtet argumentiert das IOC, jede Darstellung im Kontext eines laufenden bewaffneten Konflikts habe zwangsläufig politischen Charakter. Die Bilder auf dem Helm verweisen auf einen Krieg, dessen Ursachen und Verantwortlichkeiten international umstritten, völkerrechtlich jedoch klar benannt sind: Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat die russische Invasion mehrfach verurteilt.

    Aus ukrainischer Sicht ist die Erinnerung an gefallene Sportler kein parteipolitisches Statement, sondern ein Akt des Gedenkens. Unterstützung erhielt Heraskevych unter anderem von der Rodlerin Olena Smaha, die bei ihrem Wettkampf eine Botschaft auf dem Handschuh trug: „Remembrance is not a violation.“ Auch der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha sprach von einem „Moment der Schande“ für das IOC.

    Die Grenze zwischen Gedenken und politischer Symbolik bleibt jedoch unscharf. Ein schwarzes Trauerband gilt als allgemein akzeptiertes Zeichen der Anteilnahme. Porträts von im Krieg Getöteten transportieren hingegen implizit eine narrative Botschaft: Sie verweisen auf Opfer, Täter und Verantwortung. In einem geopolitisch hoch aufgeladenen Kontext wird selbst individuelles Gedenken zum politischen Signal.

    Der Krieg als ständiger Begleiter der Spiele

    Seit dem 24. Februar 2022 hat der Krieg in der Ukraine nicht nur die europäische Sicherheitsordnung erschüttert, sondern auch den internationalen Sport. Nach Angaben ukrainischer Sportverbände sind Dutzende Athleten im Krieg ums Leben gekommen. Sportstätten wurden beschädigt oder zerstört, Trainingsbedingungen massiv erschwert.

    Die symbolische Kraft der Olympischen Spiele – als Bühne globaler Öffentlichkeit – macht sie für politische Botschaften besonders attraktiv. Historisch waren sie nie frei von politischer Instrumentalisierung: von den Boykotten der Spiele 1980 in Moskau und 1984 in Los Angeles bis zu diplomatischen Kontroversen um Menschenrechtsfragen in jüngerer Zeit.

    In Italien sollte der Fokus eigentlich auf sportlichen Leistungen liegen. Doch der Fall Heraskevych zeigt, wie eng Sport und Politik miteinander verwoben bleiben. Selbst der Versuch, politische Neutralität durch strikte Reglementierung zu erzwingen, wird zum Politikum.

    Institutionelle Glaubwürdigkeit unter Druck

    Für das IOC steht mehr auf dem Spiel als die Einhaltung einer Ausrüstungsregel. Seine Glaubwürdigkeit hängt davon ab, Regeln konsistent und transparent anzuwenden. Kritiker werfen dem Komitee vor, Neutralität selektiv auszulegen. Befürworter argumentieren, nur eine klare Linie verhindere eine Politisierung der Wettkämpfe.

    Heraskevych selbst forderte schon vor seinem Ausschluss eine Entschuldigung des IOC sowie finanzielle Unterstützung in Form von Stromgeneratoren für ukrainische Sportanlagen, die durch russische Angriffe beschädigt wurden. Auch diese Forderung unterstreicht, wie sehr sich sportliche und politische Sphären überlagern.

    Die Entscheidung, ihm die Akkreditierung vollständig zu entziehen, ist ein starkes Signal. Sie zeigt, dass das IOC bereit ist, im Zweifel individuelle Karrieren dem institutionellen Neutralitätsanspruch unterzuordnen. Ob dies zur Deeskalation beiträgt oder neue Konflikte schürt, wird sich zeigen.

    Der Fall Heraskevych verdeutlicht letztlich ein Dilemma, das sich nicht durch Reglement allein auflösen lässt. In einer Welt, in der Kriege, Sanktionen und geopolitische Rivalitäten den Alltag prägen, bleibt die Vorstellung eines vollkommen apolitischen Sports eine normative Idee – keine empirische Realität. Der Versuch, politische Zeichen zu verbannen, macht sie nicht unsichtbar. Er verschiebt lediglich die Debatte auf eine andere Ebene: von der Eisbahn in die internationale Öffentlichkeit.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Milan, Cortina und die Kunst der großen Bühne – warum die Winterspiele 2026 alles anders machen

    Milan, Cortina und die Kunst der großen Bühne – warum die Winterspiele 2026 alles anders machen

    Vier Jahre nach den pandemiegeprägten Spielen von Peking kehren die Olympischen Winterspiele dorthin zurück, wo sie sich am wohlsten fühlen: nach Europa. Italien richtet vom 6. bis 22. Februar 2026 die Winterspiele aus – zum dritten Mal nach 1956 und 2006 – und wagt dabei ein Konzept, das größer, weiter und zugleich bewusster gedacht ist als vieles zuvor. Mailand Cortina 2026 verteilt sich über Metropolen, Hochtäler und Dolomitengipfel, erzählt von sportlichem Ehrgeiz, logistischer Kühnheit und dem Wunsch, die Spiele wieder als Volksfest zu begreifen.

    Wer diese Spiele verstehen will, muss sich von der Vorstellung eines kompakten Olympiaparks verabschieden. Stattdessen entfaltet sich das Ereignis auf einer Fläche von mehr als 22.000 Quadratkilometern. Sieben Austragungsorte, zwei Hauptzentren, über 450 Kilometer Distanz. Das klingt zunächst nach Zersplitterung, ist aber bewusstes Programm. Die Organisatoren setzen auf bestehende Infrastruktur, auf alpine Klassiker und urbane Bühnen, um Neubauten zu vermeiden und ökologische Narben klein zu halten. Ein Ansatz, der auch andernorts genau beobachtet wird.

    Mailand bildet das urbane Herz. Hier laufen die Hallensportarten über das Eis: Eiskunstlauf, Eisschnelllauf, Shorttrack und Eishockey. Cortina d’Ampezzo dagegen steht für das alpine Erbe, für jene dramatische Landschaft der Dolomiten, die Wintersport seit Jahrzehnten ästhetisch auflädt. Dort finden das Curling, die Bob-, Rodel- und Skeletonrennen sowie der alpine Ski der Frauen statt. Antholz-Anterselva bleibt dem Biathlon treu, Bormio richtet die alpinen Wettbewerbe der Männer aus und empfängt zugleich den Neuling Ski-Alpinismus. Livigno wird zum Hotspot für Snowboard und Freestyle, Predazzo für Skispringen und Nordische Kombination, Tesero für Langlauf. Ein Mosaik, das sportlich Sinn ergibt, logistisch jedoch höchste Präzision verlangt – selbst das IOC sprach offen von Herausforderungen.

    Noch nie dagewesen ist auch die Eröffnung. Am 6. Februar 2026 wird das olympische Feuer nicht an einem Ort entzünde und gefeiert, sondern gleichzeitig an vieren. Die Parade der Athletinnen und Athleten zieht durch das legendäre San-Siro-Stadion in Mailand, während weitere Teile der Inszenierung in Cortina d’Ampezzo, Livigno und Predazzo stattfinden – mitten dort, wo später Medaillen vergeben werden. Diese Zersplitterung ist kein Gimmick, sondern ein Statement: Die Spiele gehören dem ganzen Land.

    Über zweieinhalb Stunden hinweg wirken mehr als 1.200 Freiwillige, zahlreiche Künstlerinnen und Künstler sowie internationale Gäste an der großen Feier mit. Der italienische Opernstar Andrea Bocelli trifft auf die amerikanische Popikone Mariah Carey, die eigens einen italienischen Titel interpretiert. Regisseur Marco Balich verspricht ein Fest der Harmonie, eine Erzählung von kultureller Vielfalt und Frieden. Nach Peking, wo Pandemieauflagen jede Geste disziplinierten, soll hier wieder das Ungeplante, das Emotionale Raum bekommen. Kurz gesagt: endlich wieder echtes Olympia-Feeling.

    Sportlich reist Frankreich mit so viel Personal wie nie zuvor an. 161 Athletinnen und Athleten tragen die Trikolore – ein historischer Höchstwert für Winterspiele. Der Kader wuchs Schritt für Schritt, bis zuletzt Quotenplätze vergeben wurden. Selbst große Namen blieben außen vor, was zeigt, wie hart der Konkurrenzkampf geworden ist. Angeführt wird das Team von bekannten Gesichtern wie Perrine Laffont, Chloé Trespeuch oder Guillaume Cizeron. Im Biathlon gilt Lou Jeanmonnot als Medaillengarantie.

    Das französische Ziel formulieren die Verantwortlichen offen: Top fünf im Medaillenspiegel, mehr Edelmetall als 2022 in China. Damals sammelte Frankreich 14 Medaillen, fünf davon golden. In Italien sollen es 21 werden. Ambitioniert? Ja. Unvernünftig? Keineswegs. Gerade die technisch anspruchsvollen Disziplinen liegen den französischen Athleten, und der Biathlon bleibt das emotionale Zugpferd.

    Eine echte Premiere feiert der Ski-Alpinismus. Die Disziplin, lange eine Randerscheinung für Puristen, schafft den Sprung ins olympische Programm. Wer jemals mit Fellen unter den Skiern einen Hang hinaufgestiegen ist, weiß: Das ist kein Spaziergang, sondern Hochleistung zwischen Ausdauer, Taktik und technischer Präzision. In Mailand und Bormio werden kurze, mediengerechte Formate gezeigt – Sprint und Mixed-Staffel –, rasant, intensiv, gnadenlos. Frankreich zählt mit Emily Harrop und Thibaut Anselmet zu den Topfavoriten. Da darf man ruhig mal sagen: Das sieht verdammt gut aus.

    Natürlich leben Olympische Spiele auch von ihren Stars. Sollte ihre Gesundheit mitspielen, rückt eine Rückkehrerin besonders in den Fokus: Lindsey Vonn. Mit 41 Jahren, nach schwerem Sturz und langer Pause, mischt sie wieder in den Speed-Rennen mit – und gewinnt. Zwei Weltcupsiege in der Abfahrt sprechen eine klare Sprache. Eine vierte olympische Medaille würde sie zur ältesten alpinen Medaillengewinnerin machen. Hollywood könnte es kaum besser schreiben.

    An ihrer Seite steht eine weitere Ikone des alpinen Skisports: Mikaela Shiffrin, ebenfalls auf der Jagd nach ihrer vierten olympischen Medaille. Aus der Schweiz reist Marco Odermatt mit dem erklärten Ziel an, gleich dreimal Gold zu holen. Und auf dem Eis führt Sidney Crosby eine kanadische Mannschaft an, die schon vor dem ersten Bully als historisch stark gilt. Im Eiskunstlauf schließlich scheint Ilia Malinin kaum zu schlagen – seit Ende 2023 unbesiegt, technisch seiner Zeit voraus.

    „Milan Cortina 2026“ erzählt viele Geschichten gleichzeitig. Von der Rückkehr der Leichtigkeit nach schweren Jahren. Von der Suche nach nachhaltigen Großereignissen. Und von Sportlerinnen und Sportlern, die zwischen Betonstadion und Dolomitengipfel ihre Grenzen verschieben. Wer hinschaut, merkt schnell: Diese Spiele wollen nicht nur gefallen, sie wollen etwas beweisen. Und genau das macht sie so spannend.

    Von C. Hatty