Schlagwort: Climats de Bourgogne

  • Burgund: Wo Welterbe auf Weinkultur und Geschichte trifft

    Burgund: Wo Welterbe auf Weinkultur und Geschichte trifft

    Zwischen sanft geschwungenen Weinbergen, ehrwürdigen Klostermauern und mittelalterlichen Pilgerwegen entfaltet Burgund seinen ganz eigenen Zauber. Die französische Region erzählt Geschichten von Mönchen und Winzern, von jahrhundertealten Traditionen und einer Lebenskunst, die Genuss nicht als Luxus, sondern als Selbstverständlichkeit betrachtet. Zum 90. Geburtstag der legendären Route des Grands Crus im Jahr 2027 lohnt sich eine Entdeckungsreise durch eine Landschaft, in der gleich mehrere UNESCO-Welterbestätten auf außergewöhnliche Weise miteinander verbunden sind.

    Es gibt Landschaften, die beeindrucken auf den ersten Blick. Und es gibt solche, die sich erst nach und nach offenbaren – wie ein guter Wein, dessen Aromen mit jedem Schluck neue Geschichten erzählen.

    Burgund gehört zweifellos zur zweiten Kategorie.

    An einem frühen Herbstmorgen liegt noch feiner Nebel zwischen den Rebstöcken der Côte de Nuits. Die ersten Sonnenstrahlen streifen über niedrige Steinmauern, hinter denen einige der berühmtesten Weinlagen der Welt ruhen. In einem kleinen Dorf öffnet ein Bäcker seine Ladentür. Der Duft frischer Croissants zieht durch die Gassen, während irgendwo ein Traktor langsam Richtung Weinberg tuckert.

    Nichts wirkt inszeniert. Alles folgt einem Rhythmus, den Generationen vorgegeben haben.

    Hier, zwischen Dijon, Beaune, Vézelay und den Ufern der Loire, begegnet Frankreich seinen eigenen Wurzeln. Weinbau, Architektur, Religion und Landschaft bilden ein kulturelles Geflecht, dessen Bedeutung weit über die Grenzen der Region hinausreicht.

    Die UNESCO würdigt dieses Erbe gleich mehrfach. Doch wer Burgund ausschließlich als Ansammlung bedeutender Kulturdenkmäler betrachtet, verpasst das Schönste: die Menschen, ihre Geschichten und jene kleinen Augenblicke, die keiner Eintrittskarte bedürfen.

    90 Jahre Route des Grands Crus: Eine Straße voller Geschichten

    WEINKULTUR UND JUBILÄUM 2027

    Im Jahr 1937 entstand eine touristische Route, die heute zu den berühmtesten Weinstraßen Frankreichs zählt. Neun Jahrzehnte später feiert die Route des Grands Crus ihren 90. Geburtstag – und mit ihr eine Weinlandschaft, deren Namen weltweit Ehrfurcht auslösen.

    Gevrey-Chambertin. Vosne-Romanée. Nuits-Saint-Georges. Meursault. Puligny-Montrachet.

    Für Weinliebhaber klingen diese Orte beinahe wie die Besetzung eines legendären Orchesters.

    Die rund 60 Kilometer lange Strecke verbindet Dijon mit Santenay und führt durch die Côte de Nuits und die Côte de Beaune. Links und rechts der Straße ziehen sich Weinberge über sanfte Hänge. Dazwischen liegen kleine Dörfer mit Natursteinhäusern, schmucken Innenhöfen und Kellern, deren Geschichte oftmals mehrere Jahrhunderte zurückreicht.

    Doch das eigentliche Geheimnis dieser Landschaft liegt unter der Erde.

    Seit 2015 gehören die sogenannten Climats du vignoble de Bourgogne zum UNESCO-Welterbe. Der Begriff bezeichnet exakt abgegrenzte Weinparzellen, deren individuelle Eigenschaften aus Bodenbeschaffenheit, Hanglage, Sonneneinstrahlung und jahrhundertelanger Bewirtschaftung entstehen.

    Manchmal trennt nur eine schmale Steinmauer zwei Weinlagen – und dennoch unterscheiden sich die Weine deutlich.

    Ein Winzer erklärt das vielleicht so: „Dort drüben verändert sich der Boden. Nur wenige Schritte, aber im Glas schmeckt man den Unterschied.“

    Genau darin liegt die Faszination Burgunds. Während anderswo große Weingüter oder bekannte Rebsorten im Mittelpunkt stehen, besitzt hier jedes Stück Land seine eigene Identität.

    Vor allem Pinot Noir und Chardonnay bringen diese Unterschiede zum Ausdruck. Nicht die Größe einer Parzelle entscheidet über ihren Ruf, sondern das Zusammenspiel natürlicher Bedingungen und menschlicher Erfahrung.

    Und wer behauptet eigentlich, Geschichte müsse immer hinter Museumsglas stattfinden?

    Entlang der Route des Grands Crus begegnet sie Besuchern unmittelbar: beim Gespräch mit einer Winzerin, während einer Verkostung im kühlen Gewölbekeller oder bei einem Spaziergang zwischen Rebstöcken, deren Blätter im Oktober golden leuchten.

    Das Jubiläumsjahr 2027 bietet einen wunderbaren Anlass, diese außergewöhnliche Kulturlandschaft neu zu entdecken. Konkrete Veranstaltungen und Jubiläumsprogramme richten sich nach den Ankündigungen der jeweiligen Tourismusorganisationen und Gemeinden.

    Zwischen Weinbergen und Dorfplätzen: Burgunds stille Lebenskunst

    Die berühmte Weinstraße besitzt allerdings noch eine andere Qualität, die in Reiseführern gelegentlich zu kurz kommt.

    Sie zwingt niemanden zur Eile.

    Wer morgens in Dijon aufbricht, erreicht Beaune auf direktem Weg recht schnell. Doch eine solche Fahrt wäre ungefähr so sinnvoll, wie ein mehrgängiges französisches Abendessen in zehn Minuten zu verschlingen.

    Burgund verlangt nach Umwegen.

    Vielleicht lockt eine kleine Dorfkirche mit einem überraschend kunstvollen Portal. Vielleicht führt ein schmaler Weg zu einem Aussichtspunkt über die Weinberge. Oder eine handgeschriebene Tafel kündigt regionale Spezialitäten in einem unscheinbaren Gasthaus an.

    Ein Glas Wein, etwas Comté, frisches Brot – und plötzlich fühlt sich der Nachmittag ziemlich perfekt an.

    Besonders reizvoll zeigt sich die Region außerhalb der großen Ferienzeiten. Im Frühling treiben die Reben aus, im Sommer duften die Gärten, und während der Weinlese im Herbst herrscht in vielen Dörfern geschäftiges Treiben.

    Dann rollen Anhänger voller Trauben durch die Straßen. In den Kellern beginnt die Arbeit, die später über Charakter und Qualität eines Jahrgangs entscheidet.

    Weinkultur erscheint hier nicht als nostalgische Kulisse, sondern als lebendiger Alltag.

    Vézelay: Wo der Himmel ein wenig näher scheint

    ROMANISCHE ARCHITEKTUR UND PILGERGESCHICHTE

    Schon aus der Ferne wirkt Vézelay wie ein Versprechen.

    Auf einem weithin sichtbaren Hügel erhebt sich die Basilika Sainte-Marie-Madeleine über den Dächern des mittelalterlichen Ortes. Wälder, Felder und sanfte Höhenzüge breiten sich ringsum aus.

    Wer durch die steil ansteigenden Gassen zum Gotteshaus hinaufspaziert, versteht schnell, weshalb dieser Ort seit Jahrhunderten Menschen anzieht.

    Vézelay gehört seit 1979 zum UNESCO-Welterbe. Seine Geschichte reicht tief in das religiöse und kulturelle Selbstverständnis Europas hinein.

    Im Mittelalter entwickelte sich der Ort zu einem bedeutenden Wallfahrtszentrum. Pilger suchten hier spirituellen Trost, bevor sie ihre Reise fortsetzten. Auch die Geschichte der Kreuzzüge ist eng mit Vézelay verbunden.

    Im Jahr 1146 predigte Bernhard von Clairvaux hier den Zweiten Kreuzzug. Ein Ereignis, das zeigt, wie stark religiöser Glaube, politische Macht und gesellschaftliche Entwicklungen damals ineinandergriffen.

    Heute begegnet man dieser Vergangenheit mit größerem historischem Abstand.

    Die Basilika selbst beeindruckt vor allem durch ihre romanische Architektur. Mächtige Säulen tragen das Gewölbe, kunstvoll gestaltete Kapitelle erzählen biblische Geschichten, und das berühmte Tympanon im Inneren gehört zu den herausragenden Bildwerken mittelalterlicher Steinmetzkunst.

    Besonders faszinierend erscheint das Licht.

    An bestimmten Tagen des Jahres zeichnet die Sonne eindrucksvolle Muster auf den Boden des Langhauses. Architektur und Himmelslauf treten miteinander in Beziehung – ein Schauspiel, das ganz ohne moderne Technik auskommt.

    Draußen wartet eine andere Form der Erhabenheit.

    Von den Terrassen hinter der Basilika öffnet sich ein weiter Blick über das Morvanvorland. An klaren Tagen reicht der Horizont scheinbar bis ins Unendliche.

    Ein älterer Besucher sitzt auf einer Bank und betrachtet schweigend die Landschaft. Neben ihm liegt ein Wanderstock. Vielleicht ist er Pilger, vielleicht nur Spaziergänger.

    In Vézelay spielt dieser Unterschied kaum eine Rolle.

    Ein Dorf, das seine Seele bewahrt

    Die spirituelle Bedeutung Vézelays bildet nur einen Teil seiner Anziehungskraft.

    Zwischen den alten Häusern liegen kleine Kunstgalerien, Werkstätten und Buchhandlungen. Schlichte Fassaden wechseln sich mit liebevoll restaurierten Gebäuden ab. Hinter manchen Türen verbergen sich stille Innenhöfe, in denen Rosen an warmen Steinmauern emporranken.

    Hier lohnt es sich, einfach loszulaufen.

    Vézelay steht zugleich für den verantwortungsvollen Umgang mit historischer Landschaft. Im Rahmen der französischen Initiative Grand Site de France richtet sich besondere Aufmerksamkeit auf den Schutz des kulturellen und natürlichen Umfelds sowie auf eine behutsame Besucherlenkung.

    Denn die Beliebtheit eines Ortes bringt Verantwortung mit sich.

    Zu viele Fahrzeuge, überfüllte Gassen oder unkontrollierte touristische Entwicklung könnten genau jene Atmosphäre gefährden, die Menschen hier suchen.

    Nachhaltiger Tourismus bedeutet deshalb nicht bloß Umweltschutz. Er bewahrt auch den Charakter einer Landschaft und respektiert das Leben ihrer Bewohner.

    Wer Vézelay am frühen Morgen oder gegen Abend besucht, erlebt besonders ruhige Stunden.

    Dann verstummen die meisten Gespräche, die Steine nehmen das warme Licht auf, und über dem Tal breitet sich eine beinahe greifbare Stille aus.

    La Charité-sur-Loire: Zwischen Klostermauern und Bücherliebe

    JAKOBSWEGE, KLOSTERKULTUR UND GENUSS

    Weiter westlich erzählt La Charité-sur-Loire eine andere Geschichte des mittelalterlichen Burgunds.

    Die kleine Stadt liegt am rechten Ufer der Loire, deren Wasser gemächlich an Sandbänken und grünen Inseln vorbeifließt.

    Ihr historisches Herz bildet das ehemalige Priorat Notre-Dame.

    Die Anlage entstand im 11. Jahrhundert und gehörte zum mächtigen cluniazensischen Klosternetzwerk. Von Cluny aus prägten benediktinische Reformbewegungen über Jahrhunderte das religiöse Leben Europas.

    La Charité-sur-Loire entwickelte sich zu einem bedeutenden geistlichen Zentrum und einer wichtigen Station für Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela.

    Die Prioratskirche Notre-Dame gehört seit 1998 als Bestandteil der französischen Jakobswege zum UNESCO-Welterbe.

    Noch heute vermitteln die monumentalen Überreste einen Eindruck von der einstigen Bedeutung des Klosters.

    Massive Mauern, romanische Bögen und alte Treppen erzählen von einer Zeit, in der geistliche Gemeinschaften nicht nur religiöse Aufgaben erfüllten, sondern ebenso wirtschaftliche und kulturelle Macht ausübten.

    Doch La Charité-sur-Loire lebt keineswegs ausschließlich von seiner Vergangenheit.

    Die Stadt trägt den Beinamen Ville du Livre, Stadt des Buches. Antiquariate, Buchhandlungen und kulturelle Veranstaltungen prägen ihre Identität.

    Zwischen historischen Fassaden stöbert man in alten Romanen, entdeckt vergessene Reiseberichte oder bleibt vor einem Schaufenster voller vergilbter Landkarten stehen.

    Geschichte begegnet hier Literatur – und beide passen erstaunlich gut zusammen.

    Ein Gewölbekeller, neun Generationen und ein gutes Glas Wein

    Nach so viel Architektur und Kultur meldet sich irgendwann der Appetit.

    Zum Glück versteht man sich in Burgund auf genussvolle Unterbrechungen.

    Eine besondere Adresse bildet La Cave Voûtée des Domaine Les Chaumes, wo die Winzerfamilie Bardin ihre Tradition bereits in neunter Generation fortführt.

    Rund 55 Hektar Rebflächen gehören zum Betrieb. Das Sortiment umfasst unter anderem Pouilly-Fumé, Sancerre und Weine der Côtes de La Charité.

    Dabei lohnt ein kleiner geografischer Hinweis: Pouilly-Fumé und Sancerre stammen aus Weinbaugebieten der Loire. Gerade diese Nähe unterschiedlicher Weinlandschaften verleiht der Gegend ihren besonderen Reiz.

    Im historischen Gewölbekeller steht nicht die große Inszenierung im Vordergrund, sondern die Begegnung mit Wein und Menschen.

    Man betrachtet die Flaschen, lauscht Erklärungen über Rebsorten und Jahrgänge und entdeckt vielleicht einen Wein, dessen Namen man zuvor nie gehört hat.

    Ein guter Gastgeber braucht dafür keine komplizierte Fachsprache.

    Manchmal genügt der Hinweis auf frische Frucht, mineralische Noten oder einen besonders angenehmen Abgang.

    Und schon beginnt eine kleine Reise durch die Aromen der Region.

    Die Möglichkeit, unterschiedliche Weine in geselliger Atmosphäre kennenzulernen, macht solche Besuche besonders reizvoll. Verkostungsangebote, Öffnungszeiten und Preise sollten Reisende vorab direkt beim Betrieb erfragen.

    Fontenay: Wenn die Stille eine eigene Sprache spricht

    ZISTERZIENSERERBE UND NÄCHTLICHE ENTDECKUNGEN

    Es gibt Orte, an denen selbst das Schweigen eine Geschichte erzählt.

    Die Abtei Fontenay gehört dazu.

    Versteckt in einem grünen Tal nahe Montbard liegt eines der eindrucksvollsten Zeugnisse zisterziensischer Klosterarchitektur Europas.

    1118 gründete Bernhard von Clairvaux die Abtei. Seit 1981 steht das Ensemble auf der UNESCO-Welterbeliste.

    Anders als manche prachtvoll ausgestatteten Klöster besticht Fontenay durch bewusste Schlichtheit.

    Die Zisterzienser strebten nach einem Leben in Gebet, Arbeit und Zurückgezogenheit. Ihre Architektur spiegelte diese Ideale wider.

    Klare Linien, ausgewogene Proportionen und zurückhaltender Schmuck prägen die Gebäude.

    In der Abteikirche lenkt kaum etwas vom Raum selbst ab. Der Kreuzgang öffnet sich zu einem gepflegten Garten, dessen geometrische Ordnung eine wohltuende Ruhe ausstrahlt.

    Ein paar Schritte weiter erinnert die historische Schmiede an die wirtschaftliche Bedeutung der Klostergemeinschaft.

    Denn mittelalterliche Mönche lebten keineswegs ausschließlich von Gebeten. Landwirtschaft, Wasserwirtschaft und handwerkliche Produktion gehörten ebenso zu ihrem Alltag.

    Fontenay bewahrt diese unterschiedlichen Facetten auf bemerkenswerte Weise.

    Und dann kommt die Nacht.

    Kerzenlicht zwischen jahrhundertealten Mauern

    Wenn die Sonne hinter den bewaldeten Hügeln verschwindet, verändert sich die Atmosphäre der Abtei.

    Bei ausgewählten Abendveranstaltungen öffnet Fontenay seine Tore auch nach Einbruch der Dunkelheit.

    Kerzenlicht, musikalische Darbietungen oder besondere Führungen verleihen den historischen Räumen eine andere Dimension.

    Die hellen Steinflächen erscheinen weicher, lange Schatten wandern über die Bögen, und der Kreuzgang entfaltet eine beinahe meditative Wirkung.

    Man hört Schritte auf altem Stein.

    Vielleicht erklingt Musik unter dem Gewölbe. Vielleicht erklärt eine Führung die Lebensweise der Mönche, während draußen langsam die Nacht hereinbricht.

    Was bleibt von einem solchen Besuch besonders in Erinnerung – das Bauwerk selbst oder das Gefühl, für einen Augenblick aus der Gegenwart herauszutreten?

    Vermutlich beides.

    Gerade der Kontrast zwischen mittelalterlicher Strenge und atmosphärischer Inszenierung macht diese Veranstaltungen reizvoll.

    Allerdings finden solche Abendöffnungen nicht regelmäßig statt. Termine und Programme unterscheiden sich je nach Saison. Eine rechtzeitige Information über das aktuelle Veranstaltungsangebot empfiehlt sich deshalb unbedingt.

    Burgund abseits der großen Sehenswürdigkeiten

    So beeindruckend die UNESCO-Stätten auch erscheinen, Burgunds eigentlicher Reichtum erschließt sich oft zwischen den bekannten Reisezielen.

    Auf einem Wochenmarkt etwa, wo Händler würzigen Époisses, frisches Gemüse und regionale Spezialitäten anbieten.

    In einem kleinen Restaurant, dessen Tageskarte mit Kreide auf einer Tafel steht.

    Oder bei einem Spaziergang entlang eines Kanals, auf dem ein Hausboot langsam unter einer alten Steinbrücke hindurchgleitet.

    Die burgundische Küche liefert dabei reichlich Gründe für längere Pausen.

    Bœuf bourguignon, in Rotwein geschmortes Rindfleisch, gehört zu den Klassikern. Ebenso die berühmten Schnecken nach burgundischer Art, deren Knoblauchbutter selbst zurückhaltende Genießer neugierig macht.

    Dazu kommen Senf aus Dijon, Käse aus regionaler Produktion und natürlich jene Weine, deren Ruf Burgund weltweit bekannt gemacht hat.

    Doch Genuss bedeutet hier mehr als gutes Essen.

    Er beschreibt eine Haltung.

    Zeit für Gespräche. Aufmerksamkeit für handwerkliche Qualität. Respekt vor Landschaft und Tradition.

    Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis der burgundischen Lebensart: Niemand muss ständig etwas Besonderes unternehmen, um einen besonderen Tag zu erleben.

    Manchmal reicht ein sonniger Platz vor einem Café.

    Eine Reise durch Europas kulturelles Gedächtnis

    Burgunds UNESCO-Welterbestätten erzählen unterschiedliche Geschichten, doch sie folgen einem gemeinsamen Gedanken.

    Menschen prägen ihre Umgebung – und die Umgebung prägt wiederum die Menschen.

    Die Climats der Côte d’Or zeigen, wie geduldige Beobachtung und jahrhundertelange Erfahrung eine einzigartige Weinlandschaft hervorbringen.

    Vézelay erinnert an religiöse Sehnsucht, Pilgerbewegungen und die politische Bedeutung mittelalterlicher Glaubenszentren.

    La Charité-sur-Loire verdeutlicht, wie Klöster über große Entfernungen hinweg kulturelle Netzwerke schufen.

    Fontenay wiederum vermittelt die geistigen Ideale einer Gemeinschaft, die Einfachheit, Arbeit und innere Einkehr zum Mittelpunkt ihres Lebens erklärte.

    Vier Stationen, vier Perspektiven auf die Geschichte Europas.

    Und dennoch fühlt sich eine Reise durch Burgund niemals wie eine trockene Geschichtsstunde an.

    Dafür sorgen die Landschaften, die Menschen und die vielen kleinen Überraschungen am Wegesrand.

    Wer ausreichend Zeit mitbringt, entdeckt hinter den berühmten Namen eine Region, die ihre Vergangenheit nicht bloß konserviert, sondern mit großer Selbstverständlichkeit in den Alltag integriert.

    Das bevorstehende Jubiläum der Route des Grands Crus im Jahr 2027 rückt dieses besondere Zusammenspiel erneut ins Licht.

    Es erinnert daran, dass Kulturerbe kein abgeschlossenes Kapitel darstellt. Es lebt von Menschen, die Traditionen weitertragen, historische Orte pflegen und ihre Geschichten mit Besuchern teilen.

    Vielleicht ist das schönste Souvenir einer Burgundreise deshalb weder eine kostbare Weinflasche noch ein Bild der berühmten Basilika.

    Sondern die Erinnerung an einen Abend, an dem die Sonne langsam hinter den Weinbergen verschwand, die Kirchenglocken eines Dorfes läuteten und niemand daran dachte, auf die Uhr zu schauen.

    Burgund schenkt seinen Gästen genau diesen Luxus.

    Zeit.

    Und das wunderbare Gefühl, am richtigen Ort zu sein.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • 2025 in Ostfrankreich: Ein Jahr voller Jubiläen, Kultur und Geschichte

    2025 in Ostfrankreich: Ein Jahr voller Jubiläen, Kultur und Geschichte

    Wenn Mauern sprechen könnten – was würden sie erzählen?

    Wahrscheinlich Geschichten von Königen, Revolutionen, mutigen Architekten und Menschen, die der Welt ein Stück Erbe hinterlassen haben. In Ostfrankreich, wo sich das Burgund, das Juragebirge und die Südvogesen begegnen, wartet 2025 ein Festjahr auf Reisende, die mehr suchen als nur schöne Aussichten.

    Denn gleich vier UNESCO-Welterbestätten feiern große Jubiläen – und nehmen ihre Besucher mit auf eine Zeitreise zwischen Stein, Wein und Visionen.


    Besançon: Die Zitadelle und das goldene Zeitalter des Sonnenkönigs

    Besançon liegt nicht nur idyllisch in einer Schleife des Flusses Doubs, sondern auch fest im Griff einer Festung, die schon beim ersten Anblick Respekt einflößt: die Zitadelle von Vauban. Dieses Meisterwerk strategischer Baukunst wird 2025 stolze 350 Jahre alt.

    Doch statt in musealer Stille zu verharren, lebt die Zitadelle – und wie! Da wird gerätselt, gespielt, gestaunt: Wer Lust hat, kann sich bei einem historischen Escape Game durch die Wirren des Spanischen Erbfolgekriegs tüfteln. Oder wie wär’s mit einer spannenden Rekonstruktion der Kapelleneinweihung? Ja, der Sonnenkönig selbst – Ludwig XIV. – spielt dabei eine Hauptrolle.

    Das Ganze wird eingerahmt von einem „Grand Siècle“-Sommer mit historischen Nachstellungen, Filmabenden unter freiem Himmel und einem Hauch französischer Eleganz, der förmlich in der Luft liegt.


    Arc-et-Senans: Salz, Visionen und ein Matrose namens Corto

    Wenige Kilometer weiter südlich entfaltet sich ein ganz anderes Kapitel der Geschichte – das der Königlichen Saline von Arc-et-Senans. Diese ehemalige Salzfabrik, in einem Halbkreis von gewaltigen klassizistischen Gebäuden gefasst, ist der Traum eines Architekten, der seiner Zeit weit voraus war: Claude Nicolas Ledoux.

    250 Jahre nach ihrer Gründung erfindet sich die Saline 2025 neu. Im Mittelpunkt steht eine außergewöhnliche Ausstellung rund um die Figur Corto Maltese, den legendären Seemann aus den Comics von Hugo Pratt. Ein Hauch von Abenteuer durchzieht die Hallen, Zeichnungen treffen auf Träume, und man fragt sich fast unweigerlich: Gibt es einen besseren Ort für Seefahrerfantasien als ein ehemaliges Salzwerk?


    Ronchamp: Le Corbusiers Kapelle – wie neu geboren

    Die Anfahrt zur Kapelle Notre-Dame du Haut in Ronchamp führt durch Wälder und Hügel, bis plötzlich dieses eigenwillige Bauwerk auf einem grünen Hügel thront. Le Corbusier hat hier etwas geschaffen, das sich jeder Beschreibung entzieht – monumental und zugleich meditativ.

    70 Jahre nach ihrer Erbauung erstrahlt die Kapelle 2025 in neuem Glanz. Die Sanierungsarbeiten, die über mehrere Jahre liefen, sind abgeschlossen. Die Fassade wirkt heller, der Innenraum klarer, das Licht – magisch wie eh und je.

    Dieses Jubiläum feiert nicht nur ein Gebäude, sondern auch eine Idee: Dass Spiritualität nicht stillstehen muss, sondern mit der Zeit gehen darf. Vorträge, Führungen und Musikveranstaltungen machen diesen Ort zu einem lebendigen Denkmal.


    Climats de Bourgogne: Wo der Wein Geschichte schreibt

    Man muss es selbst erlebt haben – dieses besondere Licht, das über den Weinfeldern Burgunds liegt. Jede Parzelle, jeder Rebstock erzählt von Jahrhunderten der Sorgfalt, vom Terroir, vom Streben nach Perfektion. Die „Climats“ des Burgunder Weinbaugebiets feiern 2025 ihr zehnjähriges Jubiläum als UNESCO-Welterbe. Und die Region tut das, was sie am besten kann: feiern mit Stil und Geschmack.

    Von Mai bis Juli verwandelt sich das Burgund in ein Fest der Sinne. Der „Mois des Climats“ bringt über 80 Veranstaltungen – darunter Weinwanderungen, kulinarische Märkte, Theateraufführungen in Weinkellern und offene Weingüter. Am 4. Juli pulsiert das Herz der Weinregion bei einem großen Fest im Ort Puligny-Montrachet – ein Fest, das man schmecken, riechen und tanzen kann.

    Und im Dezember? Da wird’s intellektuell: Beaune und Dijon laden zu einem internationalen Kolloquium ein, das sich mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Weinanbaus beschäftigt.


    Ein Jahr – vier Wege in die Vergangenheit

    Was verbindet eine barocke Festung, eine revolutionäre Salzfabrik, eine moderne Kapelle und traditionsreiche Weinlagen? Sie alle erzählen vom menschlichen Drang, Spuren zu hinterlassen – in Stein, in Raum, im Geschmack.

    Wer 2025 nach Ostfrankreich reist, wird nicht nur schauen, sondern staunen, mitmachen, schmecken und lernen. Jede dieser Stätten bietet Erlebnisse, die weit über das Übliche hinausgehen.

    Und wer weiß – vielleicht findet man zwischen einem Glas Pinot Noir und einem Sonnenuntergang über Ronchamp auch ein kleines Stück von sich selbst wieder.

    Ein Reisebericht von V.O.Yager