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  • Léon XIV – ein amerikanischer Papst mit überraschend französischen Wurzeln

    Léon XIV – ein amerikanischer Papst mit überraschend französischen Wurzeln

    Wenn Papst Léon XIV am 25. September zu seinem ersten apostolischen Besuch nach Frankreich kommt, betritt er ein Land, das ihm genealogisch nähersteht, als seine amerikanische Biografie zunächst vermuten lässt. Robert Francis Prevost, geboren in Chicago und seit Mai 2025 erster nordamerikanischer Papst der Kirchengeschichte, besitzt bemerkenswert tiefe französische Wurzeln.

    Vor allem die Normandie spielt in seiner Familiengeschichte eine besondere Rolle.

    Die direkteste Verbindung führt über seine väterliche Großmutter Suzanne, die in Le Havre geboren wurde. Deren Vorfahren lebten über Generationen hinweg in verschiedenen Teilen der Normandie – im Calvados, in Seine-Maritime, aber auch in den Départements Orne und Manche.

    Die Spuren führen durch Orte wie Laize-la-Ville, Saint-Pierre-sur-Dives, Campeaux oder Mont-Bertrand. Andere Familienzweige reichen in den Pays de Caux mit Gemeinden wie Vittefleur, Cany-Barville oder Ouainville. Unter den Vorfahren finden sich Landwirte und Grundbesitzer ebenso wie Familien, die mit Handel und Textilwirtschaft verbunden waren.

    Ausgerechnet ein amerikanischer Papst trägt damit ein gutes Stück normannischer Familiengeschichte in sich.

    Doch damit nicht genug. Auch sein Vater besitzt eine bemerkenswerte Verbindung zu Frankreich: Er nahm im Juni 1944 an der alliierten Landung in der Normandie teil. Familiengeschichte und Weltgeschichte berühren sich hier auf beinahe filmische Weise.

    Besonders verwickelt wird die Geschichte beim Namen Prevost.

    Denn der väterliche Großvater des Papstes war keineswegs Franzose. Genealogische Recherchen identifizierten ihn als Salvatore Giovanni Riggitano Alioti, geboren 1876 im sizilianischen Milazzo bei Messina. Er wanderte in die Vereinigten Staaten aus und arbeitete dort unter anderem als Sprachlehrer.

    Woher also stammt der französisch klingende Familienname des Papstes?

    Offenbar aus einer französischen Seitenlinie. Seine Großmutter Suzanne verwendete den Geburtsnamen ihrer eigenen Mutter Jeanne Eugénie Prevost. Auf diesem Weg gelangte der Name schließlich zu den Nachfahren.

    Der erste amerikanische Papst trägt somit einen französischen Familiennamen, obwohl seine direkte männliche Linie aus Sizilien stammt. Genealogie macht eben gelegentlich ihre eigenen Regeln.

    Und Frankreich taucht nicht nur auf der väterlichen Seite auf.

    Auch in der Familie seiner Mutter finden sich zahlreiche französische Verbindungen. Eine Linie führt nach Coutances in der Manche, eine andere in die Champagne. Besonders interessant sind allerdings die Wurzeln im Béarn – gerade deshalb, weil Léon XIV während seiner Frankreichreise Lourdes besuchen soll.

    In seiner mütterlichen Abstammung erscheint Jean-Pierre Bacquié aus Monein, mitten im Weinbaugebiet von Jurançon. Er verließ Frankreich, gelangte in die Karibik und arbeitete später als Weinhändler auf Guadeloupe.

    In Monein hat die Entdeckung inzwischen für einige Begeisterung gesorgt. Dort entstand sogar die Idee einer eigenen Cuvée „Léon XIV“. Französischer lässt sich genealogische Wiedersehensfreude vermutlich kaum ausdrücken.

    Die Frage, wie viel „Franzose“ nun tatsächlich im Papst steckt, lässt sich allerdings nicht seriös mit einer einfachen Prozentzahl beantworten. Je nachdem, wie weit ein Stammbaum zurückverfolgt und welche Linie berücksichtigt wird, verändern sich solche Berechnungen erheblich.

    Fest steht: Seine Familiengeschichte ist ein eindrucksvolles Beispiel europäischer und transatlantischer Migration. Italienische, französische, karibische und louisianische Linien treffen aufeinander. Vorfahren wanderten zwischen Europa, den Antillen und Nordamerika – lange bevor jemand ahnen konnte, dass einer ihrer Nachkommen einmal auf dem Stuhl Petri sitzen würde.

    Wenn Léon XIV nun Paris, Lourdes und Metz besucht, reist deshalb selbstverständlich kein heimgekehrter Franzose durchs Land. Er bleibt ein in Chicago geborener Amerikaner, dessen Lebensweg ihn später über viele Jahre nach Peru führte.

    Und dennoch bekommt die Reise eine zusätzliche, beinahe intime Dimension.

    Hinter dem amerikanischen Papst Robert Francis Prevost stehen Menschen aus normannischen Dörfern, aus dem Béarn, der Champagne und anderen französischen Regionen. Manche verließen Frankreich vor Jahrhunderten, andere deutlich später.

    Die Grenzen auf Landkarten mögen eindeutig sein. Familiengeschichten sind es selten.

    Gerade deshalb erzählt der Stammbaum Léons XIV vielleicht etwas sehr Zeitgemäßes: Identität entsteht nicht aus einer einzigen Herkunft. Sie setzt sich aus Reisen, Migrationen, Zufällen und manchmal sogar aus einem weitergegebenen Familiennamen zusammen, dessen Geschichte komplizierter ist, als man zunächst glaubt.

    Andreas M. Brucker