Schlagwort: Banlieues

  • Weggesperrt in Wohnsilos und dann der Hitze überlassen – es ist lebensgefährlich, nicht reich zu sein

    Weggesperrt in Wohnsilos und dann der Hitze überlassen – es ist lebensgefährlich, nicht reich zu sein

    Kommentar

    Der Sommer zeigt keine Gnade. Aber noch gnadenloser ist eine Gesellschaft, die seit Jahrzehnten so tut, als seien Betonwüsten, soziale Ausgrenzung und politische Gleichgültigkeit bloß bedauerliche Randerscheinungen. Jetzt wird daraus eine Frage von Leben und Tod.

    Denn während sich die einen in klimatisierte Villen zurückziehen, den Swimmingpool auf angenehme 26 Grad temperieren und überlegen, ob sie den Zweitwohnsitz am Atlantik oder doch lieber das Ferienhaus in den Alpen aufsuchen, sitzen andere in Wohnungen fest, die sich tagsüber in Backöfen verwandeln und nachts kaum unter 30 Grad abkühlen. Willkommen in der Republik der zwei Temperaturen.

    Man muss Frankreich fast gratulieren. Es ist gelungen, hunderttausende Menschen in riesige Betonsilos zu sperren, ihnen jahrzehntelang Bäume, Grünflächen und Investitionen vorzuenthalten – und jetzt staunt man ernsthaft darüber, dass dort die Hitze besonders unerträglich ist. Wer hätte das bloß ahnen können?

    Vielleicht die Stadtplaner. Vielleicht die Klimaforscher. Vielleicht die Ärzte. Vielleicht einfach jeder Mensch, der schon einmal barfuß über aufgeheizten Asphalt gelaufen ist.

    Aber offenbar brauchte es erst Temperaturen jenseits der 40 Grad, damit plötzlich auffällt: Beton speichert Wärme. Welch revolutionäre Erkenntnis.

    Natürlich wird jetzt wieder von der „Jahrhunderthitze“ gesprochen. Das klingt dramatisch und hat einen angenehmen Nebeneffekt: Es suggeriert, niemand könne etwas dafür. Das Wetter eben. Höhere Gewalt.

    Nein.

    Die Hitze kommt von oben. Die soziale Katastrophe wurde von unten gebaut.

    Sie wurde geplant. Genehmigt. Finanziert. Jahrzehntelang verwaltet.

    Wer Menschen in Wohnblocks ohne Schatten, ohne Parks und ohne vernünftige Dämmung unterbringt, darf sich später nicht überrascht geben, wenn diese Gebäude zu Hitzefallen werden. Das ist kein Schicksal. Das ist Politik aus Beton.

    Besonders zynisch wird es, wenn anschließend Tipps verteilt werden.

    „Trinken Sie ausreichend Wasser.“

    Ach was.

    „Vermeiden Sie körperliche Anstrengung.“

    Erzählen Sie das dem Lieferfahrer, der Pakete in den fünften Stock schleppt. Der Reinigungskraft. Dem Bauarbeiter auf dem Gerüst. Der Altenpflegerin ohne Klimaanlage. Menschen, die sich ihre Arbeitszeiten nicht nach der Wetter-App aussuchen können.

    Und dann kommt der Lieblingssatz der Wohlstandsgesellschaft:

    „Gehen Sie an einen kühlen Ort.“

    Welcher denn?

    Die Bibliothek, die längst geschlossen hat?

    Das klimatisierte Einkaufszentrum, in dem man möglichst konsumieren soll?

    Oder vielleicht einfach ins eigene Ferienhaus? Ach nein, Moment – dafür müsste man reich sein.

    Denn genau darum geht es inzwischen.

    Reichtum kauft heute nicht nur Komfort. Er kauft Sicherheit.

    Ein gut gedämmtes Haus.

    Eine Klimaanlage.

    Einen Garten.

    Ein schattiges Grundstück.

    Ein Auto mit Klimatisierung.

    Die Möglichkeit, einfach wegzufahren.

    Armut dagegen bedeutet: Fenster auf – obwohl draußen dieselbe glühende Luft steht. Schlaflose Nächte. Kreislaufprobleme. Angst um die Kinder. Angst um die Großeltern. Und die bittere Erkenntnis, dass das eigene Konto inzwischen darüber entscheidet, wie heiß sich das Leben anfühlt.

    Die Klimakrise trifft alle? Das klingt schön auf Podiumsdiskussionen.

    In Wahrheit trifft sie manche mit einem lauen Lüftchen und andere wie ein Vorschlaghammer.

    Wer Geld hat, kauft sich Anpassung.

    Wer keines hat, bekommt Ratschläge.

    Man könnte fast lachen, wenn es nicht so erbärmlich wäre.

    Jahrelang wurden Milliarden in Prestigeprojekte investiert. Glasfassaden, Einkaufszentren, Bürokomplexe, Stadien, architektonische Träume aus Beton und Stahl. Für die Banlieues blieb häufig das übliche Versprechen: Irgendwann kümmern wir uns.

    Jetzt kümmert sich die Sonne.

    Sie kennt keine Wahlprogramme.

    Sie kennt keine Sonntagsreden.

    Sie brennt erbarmungslos auf Fassaden, die niemals für solche Temperaturen gebaut wurden. Und sie macht sichtbar, was man politisch jahrzehntelang übersehen wollte: Die soziale Spaltung verläuft inzwischen auch entlang der Thermometer.

    Wer arm ist, lebt heißer.

    So einfach. So brutal.

    Natürlich werden nun Arbeitsgruppen gegründet werden. Expertenkommissionen. Nationale Strategien. Runde Tische. Aktionspläne mit wohlklingenden Namen und Hochglanzbroschüren.

    Währenddessen versuchen Familien erneut, die Nacht irgendwie zu überstehen.

    Es ist ein erstaunlicher Widerspruch unserer Zeit.

    Nie wurde so viel über Klimaschutz gesprochen.

    Und selten wurde so wenig über jene gesprochen, die der Klimawandel zuerst trifft.

    Nicht auf Inseln im Pazifik.

    Nicht irgendwann.

    Sondern mitten in Frankreich. Heute. In den Vororten der großen Städte.

    Vielleicht besteht die größte Ungerechtigkeit dieser Hitzewelle gar nicht in den Temperaturen.

    Sondern darin, dass manche Menschen ihr entkommen können – und andere ihr ausgeliefert sind.

    Hitze ist längst kein Wetter mehr.

    Sie ist ein Klassenunterschied.

    Und solange ein klimatisiertes Wohnzimmer mehr über die Lebenserwartung aussagt als Geschlecht und Statistiken vergangener Zeiten, sollte niemand behaupten, unsere Gesellschaft sei nur wegen der Sonne ins Schwitzen geraten.

    Ein Kommentar von Andreas M. Brucker

  • Marseille und der Narcotrafic: Wenn der Staat herausgefordert wird

    Marseille und der Narcotrafic: Wenn der Staat herausgefordert wird

    Der Mord an Mehdi Kessaci im November 2025 hat Frankreich nicht nur wegen seiner Brutalität erschüttert. Die Tat traf einen Nerv, weil sie symbolisch für eine Entwicklung steht, die längst über Marseille hinausweist: den schleichenden Kontrollverlust des Staates in Teilen urbaner Randgebiete. Als sein Bruder Amine Kessaci jetzt von den „territoires abandonnés“ sprach, formulierte er eine Diagnose, die in Frankreich seit Jahren bekannt ist — und doch politisch nie vollständig beantwortet wurde. Der Kampf gegen den Narcotrafic ist heute keine klassische Frage innerer Sicherheit mehr. Er ist zu einer Bewährungsprobe republikanischer Autorität geworden. Denn dort, wo der Staat dauerhaft schwach erscheint, entstehen Parallelordnungen: organisiert, gewaltbereit und ökonomisch attraktiv für eine junge Generation ohne Perspektiven. Marseille als Labor der Gewaltökonomie Marseille gilt seit Jahrzehnten als Knotenpunkt des Drogenhandels in Frankreich. Die geografische Lage am Mittelmeer, die Näh…

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  • Kommentar: Die große französische Illusion – Gleichheit, die keine ist

    Kommentar: Die große französische Illusion – Gleichheit, die keine ist

    Es gehört zu den liebgewonnenen Selbstbeschreibungen Frankreichs, dass es ein Land der universellen Werte sei. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – kaum ein republikanisches Mantra wird so stolz vor sich hergetragen wie dieses. Und doch wirkt es, wenn man genauer hinsieht, bisweilen wie ein sorgfältig gepflegtes Bühnenbild: eindrucksvoll aus der Distanz, brüchig im Detail.

    Denn wie erklärt sich ein Phänomen, das es laut republikanischer Ideologie eigentlich gar nicht geben dürfte? Rassismus – in einem Land, dessen Geschichte, Gegenwart und gesellschaftliche Realität ohne Vielfalt schlicht nicht denkbar wären.

    Frankreich ist nicht nur die Grande Nation des europäischen Festlands. Es ist auch Karibik, Indischer Ozean, Pazifik. Es ist Guadeloupe, Réunion, Martinique. Es ist ein historisch gewachsenes Netzwerk von Beziehungen, Verflechtungen – und ja, auch Abhängigkeiten – mit Nordafrika, insbesondere mit Algerien, Marokko und Tunesien. Millionen Menschen in Frankreich haben familiäre, kulturelle oder biografische Wurzeln in diesen Regionen.

    Und dennoch: Rassismus existiert. Hartnäckig, alltäglich, manchmal laut, oft leise. Wie passt das zusammen?

    Vielleicht liegt die Antwort in der französischen Art, Unterschiede zu behandeln – oder genauer: sie nicht zu behandeln. Der republikanische Universalismus kennt keine Hautfarben, keine Ethnien, keine Minderheiten. Er kennt nur Bürger. Das klingt nobel, beinahe erhaben. Es hat etwas Tröstliches: Wenn alle gleich sind, kann es keine Ungleichheit geben.

    Nur ist die Wirklichkeit selten so höflich, sich an ideologische Vorgaben zu halten.

    Wer in den Banlieues lebt, wer einen Namen trägt, der nicht nach französischer Provinz klingt, wer eine Hautfarbe hat, die nicht dem impliziten Standard entspricht – der weiß, dass Gleichheit in Frankreich oft eine abstrakte Kategorie bleibt. Eine Idee, kein Zustand.

    Es ist eine eigentümliche Form der Blindheit: Man erklärt Unterschiede für irrelevant und wundert sich dann, dass sie dennoch wirken. Man verbietet statistische Erhebungen zu ethnischer Zugehörigkeit – aus guten historischen Gründen – und beraubt sich zugleich eines Instruments, um Diskriminierung sichtbar zu machen. Unsichtbarkeit als politische Strategie. Was man nicht misst, existiert nicht. Oder?

    Der französische Staat sagt: „Wir sehen keine Farben.“ Die Gesellschaft antwortet: „Aber wir behandeln sie unterschiedlich.“

    Das Ergebnis ist eine kognitive Dissonanz, die sich durch den gesamten öffentlichen Diskurs zieht. Wenn über Rassismus gesprochen wird, dann oft verklausuliert, indirekt, mit begrifflichen Verrenkungen. Es ist, als dürfe man ein Problem nur dann anerkennen, wenn man es nicht beim Namen nennt.

    Und doch bricht es sich Bahn. In Polizeikontrollen, die auffällig oft die gleichen treffen. In Bewerbungen, die auffällig oft unbeantwortet bleiben. In politischen Debatten, in denen Begriffe wie „Identität“ und „Integration“ zu Chiffren geworden sind – höflich formulierte Platzhalter für eine unbequeme Realität.

    Der Sarkasmus liegt in der Situation selbst: Ein Land, das sich seiner Vielfalt rühmt, tut sich schwer, sie zu akzeptieren. Ein Staat, der Gleichheit predigt, produziert Ungleichheit – nicht aus bösem Willen allein, sondern aus struktureller Trägheit und historischer Verdrängung.

    Vielleicht ist das eigentliche Problem nicht, dass es Rassismus in Frankreich gibt. Sondern dass er so schlecht in das eigene Selbstbild passt.

    Denn wer sich als universell versteht, hat wenig Übung im Umgang mit dem Partikularen. Wer glaubt, das Problem theoretisch gelöst zu haben, erkennt es praktisch oft zu spät.

    Und so steht Frankreich vor einer unbequemen Frage: Ist es möglich, Gleichheit zu leben, ohne Unterschiede zu sehen? Oder anders gefragt – und weniger höflich: Wie lange kann man sich noch einreden, dass ein blinder Fleck kein Fleck ist?

    Die Antwort darauf wird nicht auf den Straßen allein entschieden, nicht in Sonntagsreden und nicht in wohlformulierten Verfassungsartikeln. Sie wird sich im Alltag zeigen – dort, wo die Republik nicht behauptet wird, sondern sich bewähren muss.

    Bis dahin bleibt Frankreich ein Land der großen Worte. Und der ebenso großen Widersprüche.

    Ein Kommentar von Christine Macha

  • Saint-Denis im Fokus: Bally Bagayoko und der Versuch, Antirassismus politisch neu zu verankern

    Saint-Denis im Fokus: Bally Bagayoko und der Versuch, Antirassismus politisch neu zu verankern

    Mit kaum drei Monaten im Amt setzt der neue Bürgermeister von Saint-Denis, Bally Bagayoko, ein deutliches politisches Signal. Sein Aufruf zu einer „großen Demonstration gegen Rassismus“ am 21. Juni ist mehr als ein lokales Ereignis. Er ist Ausdruck einer strategischen Positionierung in einem politischen Klima, das zunehmend von Identitätsfragen und gesellschaftlichen Spannungen geprägt ist. Bereits in den ersten Wochen seiner Amtszeit macht Bagayoko deutlich, dass er die Bekämpfung von Diskriminierung ins Zentrum seiner Politik stellen will. Seine Initiative fällt in eine Phase intensiver öffentlicher Debatten über Rassismus, Meinungsfreiheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt in Frankreich – Debatten, die nicht zuletzt im Vorfeld der Präsidentschaftswahl 2027 an Schärfe gewinnen.

    Antirassismus im Spannungsfeld der politischen Gegenwart Der Zeitpunkt des Vorstoßes ist kein Zufall. Frankreich erlebt seit Jahren eine zunehmende Polarisierung entlang kultureller und sozialer Bruchlinien…

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  • Gewalt gegen den Staat: Der Angriff von Fresnes als Symptom einer tieferen Krise

    Gewalt gegen den Staat: Der Angriff von Fresnes als Symptom einer tieferen Krise

    Was sich in der Nacht im Rathaus der Pariser Vorortgemeinde Fresnes ereignete, lässt sich nicht als bloßer Akt jugendlichen Vandalismus abtun. Die gezielte Verwüstung eines zentralen Symbols staatlicher Präsenz verweist auf eine Entwicklung, die Frankreich seit Jahren beschäftigt – und zunehmend beunruhigt: die Entfremdung eines Teils der Jugend von den Institutionen der Republik. Neun Jugendliche im Alter zwischen 14 und 16 Jahren sollen sich Zutritt zum Gebäude verschafft, Mobiliar zerstört und Büroräume verwüstet haben. Der materielle Schaden ist erheblich. Doch die politische und gesellschaftliche Dimension dieses Vorfalls reicht weit darüber hinaus. Angriff auf die republikanische Ordnung im Kleinen In Frankreich kommt dem Rathaus – der mairie – eine besondere Bedeutung zu. Es ist nicht nur Verwaltungsstelle, sondern sichtbarer Ausdruck staatlicher Autorität im Alltag. Hier werden Ehen geschlossen, Wahlen organisiert, soziale Leistungen verwaltet. Die mairie verkörpert die Republi…

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  • Schiesserei in Nizza: Zwischen Schock, Wut und dem großen französischen Erschöpfungsgefühl

    Schiesserei in Nizza: Zwischen Schock, Wut und dem großen französischen Erschöpfungsgefühl

    Es war ein Morgen, an dem die Sonne über Nice aufging, als wolle sie vergessen machen, was in der Nacht geschehen war. Doch der Asphalt des Place des Amaryllis im Viertel des Moulins sprach eine andere Sprache: Einschusslöcher in den Fassaden, Blutspuren, Blumensträuße, die hastig niedergelegt wurden. Zwei Tote, drei Verletzte – eine weitere Schießerei in einem Viertel, das schon zu oft zum Tatort geworden ist.

    Die Menschen sind nicht nur erschüttert. Sie sind müde. Müde von Versprechen, von kurzzeitigem Aktionismus, von Politikern, die für Kameras kommen und dann wieder verschwinden. „Wir haben genug“, sagt eine Anwohnerin, und in diesen drei Worten liegt der ganze Zorn einer Gesellschaft, die sich abgehängt fühlt.


    Der immergleiche Albtraum

    Die Gewalt kommt nicht überraschend. In den Straßenschluchten des Viertels des Moulins leidet man schon lange unter Revierkämpfen, unter einer Stimmung, die jederzeit kippen kann. Und dann passiert es. Männer in Kapuzen, Schüsse aus einem Auto, Panik. Die Ermittler sprechen von Banden, von Drogen, von organisiertem Verbrechen. Doch hinter diesen Begriffen stehen Menschen, Nachbarn, Familien.

    Was früher Ausnahme war, ist Routine geworden. Das Entsetzen weicht der Gewohnheit, die Angst dem Pragmatismus. Wer dort lebt, hat gelernt, Waffen am Geräusch von Schüssen zu identifizieren – eine bittere Alltagskompetenz im Herzen der Côte d’Azur.


    Die Ohnmacht des Staates

    Die Polizei wird kommen, sie wird Präsenz zeigen, dann wieder abziehen. Zurück bleibt ein Gefühl der Leere. Nicht, weil niemand sich kümmert, sondern weil das Kümmern zu episodisch, zu reaktiv ist. Es fehlt die Kontinuität, die Nähe, die Verlässlichkeit.

    Frankreichs Stadtviertel wie dieses in Nizza sind zu Versuchslaboren geworden – zwischen repressiver Polizeistrategie und überforderter Sozialarbeit. Hier zeigen sich die Risse einer Gesellschaft, die ihre Ränder längst aus dem Blick verloren hat. Wo staatliche Autorität schwindet, übernehmen andere Strukturen die Kontrolle. Und sie tun es mit Kalaschnikows und Pistolen statt mit Kompromissen.


    „Ras-le-bol“ – das erschöpfte Land

    „L’émotion est grande, le ras-le-bol également“ – der Satz, den man nun überall hört, ist mehr als nur eine Schlagzeile. Er beschreibt ein nationales Gefühl. Frankreich ist erschöpft, mürbe, zornig. Die Bürgerinnen und Bürger trauen dem Staat nicht mehr zu, das Leben in ihren Straßen zu schützen.

    In dieser Erschöpfung steckt jedoch auch ein Rest Hoffnung. Denn wer müde ist, ist nicht apathisch. Er will Veränderung. Und vielleicht ist genau dieses kollektive „Ras-le-bol“ die einzige Kraft, die etwas bewegen kann – wenn sie gehört wird.


    Die tiefere Frage

    Wie viel Sicherheit schuldet der Staat jenen, die am Rand der Städte leben? Und wie viel Vertrauen darf er von ihnen erwarten? Diese Frage stellt sich in Nizza mal wieder mit brutaler Klarheit. Sie ist nicht lokal, sie ist national.

    Frankreich diskutiert über Polizeigewalt, über Integration, über die „Peripherie“ – doch selten darüber, was es eigentlich heißt, in einem Land zu leben, das die Gleichheit seiner Bürger beschwört und zugleich ganze Stadtviertel aufgibt. Das Viertel des Moulins in Nizza ist nicht nur ein Tatort, sondern ein Symbol für diese Entfremdung.


    Was bleiben muss

    Die Schießerei in Nizza ist ein weiterer Schrei im französischen Lärm aus Krisen und Empörung. Doch sie erinnert auch an etwas Grundlegendes: Sicherheit ist nicht nur eine Frage der Ordnung, sondern des Respekts. Wer die Bewohner von des Moulins ernst nimmt, muss ihnen mehr bieten als Polizeipatrouillen. Bildung, Arbeit, öffentliche Präsenz – kurz: ein Stück Zukunft.

    Die Menschen in Nizza haben keine Geduld mehr für symbolische Politik. Und vielleicht, ja vielleicht, ist das der Beginn einer neuen Ehrlichkeit. Einer, die sich nicht mit Betroffenheit zufriedengibt.

    Autor: Andreas M. B.

  • „La police tue“ – Streit zwischen einem Abgeordneten und dem Pariser Polizeipräfekten eskaliert

    „La police tue“ – Streit zwischen einem Abgeordneten und dem Pariser Polizeipräfekten eskaliert

    Der Konflikt um den Umgang mit Polizeigewalt in Frankreich hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Der Pariser Polizeipräfekt Laurent Nuñez hat am 22. August Strafanzeige gegen den linkspopulistischen Abgeordneten Aly Diouara eingereicht. Auslöser war ein Beitrag des neu gewählten Abgeordneten aus Seine-Saint-Denis, der auf der Plattform X erklärte: „La police tue“ – die Polizei tötet. Damit wollte er den „institutionellen und politischen“ Umgang mit Gewalt durch Beamte anprangern, den er als „erschütternd“ bezeichnete. Gleichzeitig warf er der Polizei „Rassismus“ und eine „nostalgie coloniale“ vor. Scharfe Reaktion der Polizei Für Laurent Nuñez gingen diese Worte weit über eine legitime Kritik hinaus. In seiner Replik sprach er von „inadmissiblen und inqualifizierbaren“ Aussagen, die „die Frauen und Männer beleidigen, die sich täglich für Sicherheit und Schutz einsetzen“. Die Präfektur von Seine-Saint-Denis schloss sich dem an und warf Diouara vor, aus „elektoralen Motiven“ eine zent…

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  • Nîmes greift zur Ausgangssperre – und was folgt dann?

    Nîmes greift zur Ausgangssperre – und was folgt dann?

    In der südfranzösischen Stadt Nîmes greift die Politik derzeit zu einem drastischen Mittel: Ein nächtliches Ausgangsverbot für Minderjährige unter 16 Jahren soll die zuletzt eskalierende Jugendgewalt in den Griff bekommen. Zwischen 21 Uhr und 6 Uhr dürfen sich Kinder und Jugendliche in sechs als sensibel eingestuften Vierteln nicht mehr ohne Begleitung Erwachsener aufhalten. Die Maßnahme ist vorerst auf 15 Tage befristet – mit Option auf Verlängerung. Der Fall Nîmes ist kein Einzelfall. Immer mehr französische Kommunen sehen sich gezwungen, in Reaktion auf zunehmende Gewaltakte zu temporären oder dauerhaften Ausgangssperren zu greifen. Doch was bringen solche Maßnahmen wirklich? Und welche Risiken gehen mit ihnen einher? Ordnung durch Präsenz – ein kurzer Erfolg Die erste Nacht nach Inkrafttreten der Ausgangsbeschränkung verlief ruhig. Dank massiver Polizeipräsenz, darunter Einheiten der Compagnies Républicaines de Sécurité (CRS), mobile Polizeiteams (BAC) und sogar Drohneneinsatz, bli…

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  • „Guérilla urbaine“ in Limoges: Frankreichs stille Eskalation

    „Guérilla urbaine“ in Limoges: Frankreichs stille Eskalation

    In der westfranzösischen Stadt Limoges haben in der Nacht zum 19. Juli erneut gewaltsame Ausschreitungen das fragile Sicherheitsgefüge erschüttert. Derartige Szenen waren bislang vor allem aus Pariser Banlieues oder Städten wie Marseille bekannt – nun trifft es zunehmend auch Provinzstädte. Die Angriffe im Stadtviertel Val de l’Aurence folgen einer besorgniserregenden Eskalationslogik: von spontanen Protesten zu gezielter Gewalt. Eine neue Qualität der Gewalt Gegen ein Uhr morgens wurden Polizei und Feuerwehr zu einem brennenden Fahrzeug auf der Nationalstraße RN141 gerufen – einem strategisch wichtigen Zubringer Richtung Angoulême. Doch der Brand stellte sich als Köder heraus: Beim Eintreffen der Einsatzkräfte gerieten sie in einen Hinterhalt. Etwa hundert maskierte Personen attackierten sie mit Eisenstangen, Feuerwerkskörpern, Pflastersteinen und Molotowcocktails. Die Konfrontation zog sich über mehrere Stunden bis in den frühen Morgen – zehn Polizisten wurden verletzt, acht davon du…

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  • Wenn der Ausnahmezustand zur Routine wird: Gewalt in Garges-lès-Gonesse eskaliert erneut

    Wenn der Ausnahmezustand zur Routine wird: Gewalt in Garges-lès-Gonesse eskaliert erneut

    Ein nächtliches Inferno, das inzwischen fast zu einem gewohnten Bild wird: In der Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2025 gerät Garges-lès-Gonesse im Département Val-d’Oise in die Schlagzeilen. Nicht wegen eines Festes, nicht wegen einer Feier zum französischen Nationalfeiertag – sondern wegen heftiger Straßenschlachten zwischen Jugendlichen und der Polizei. Brennende Mülltonnen, der Himmel durchzuckt von grellen Lichtblitzen, knallende Explosionen. Doch was früher Feuerwerk bedeutete, ist heute Kriegsgerät im Kleinformat. Pulverfass am Stadtrand Garges-lès-Gonesse – rund 42.000 Einwohner, nördlich von Paris. In Frankreichs kollektiver Erinnerung ist die Kommune kein unbeschriebenes Blatt. Bereits 2007 tobten dort Straßenschlachten nach dem Tod zweier Jugendlicher in Villiers-le-Bel. Auch 2023, nach der tödlichen Polizeikugel, die den 17-jährigen Nahel Merzouk in Nanterre traf, wurde das Viertel zum Schauplatz nächtlicher Gewalt. Wer hier lebt, weiß: Es reicht ein Funke, und das Pulverfass…

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