Schlagwort: ausländische Einflussnahme

  • Die Demokratie wird nicht erst an der Wahlurne verteidigt

    Die Demokratie wird nicht erst an der Wahlurne verteidigt

    Kommentar | 21. Oktober 2026

    Die Demokratie hat viele Feinde. Die gefährlichsten tragen heute nicht unbedingt Uniformen. Sie sitzen vor Bildschirmen, erfinden Nachrichten, fälschen Bilder und vergiften das öffentliche Gespräch. In Frankreich sind bereits mehr als hundert ausländische Einflussoperationen im Vorfeld der Präsidentschaftswahl 2027 entdeckt worden. Hundert Versuche, das Vertrauen der Bürger zu erschüttern. Hundert Warnsignale für eine Demokratie, deren wichtigste Voraussetzung immer kostbarer wird: die Fähigkeit, zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden.

    Wenn die Lüge schneller ist als die Wahrheit

    Der französische Dienst Viginum, zuständig für die Aufdeckung digitaler Einflussnahme, beobachtet vor allem prorussische Netzwerke. Sie verbreiten gefälschte Videos, erfundene Zeugenaussagen und manipulierte Medienberichte. Politiker wie Gabriel Attal, Raphaël Glucksmann und Édouard Philippe stehen im Visier.

    Bislang erreichen viele dieser Kampagnen nur ein kleines Publikum. Das ist beruhigend, aber keine Entwarnung. Denn die eigentliche Gefahr liegt nicht allein darin, dass Menschen einer Lüge glauben. Sie liegt darin, dass Menschen irgendwann überhaupt nichts mehr glauben.

    Wer jede Nachricht für möglicherweise gefälscht hält, verliert das Vertrauen in Journalismus, Wissenschaft, Justiz und politische Institutionen. Eine Gesellschaft aber, die sich nicht mehr über Tatsachen verständigen kann, kann auch nicht mehr vernünftig über ihre Zukunft entscheiden.

    Die Freiheit darf nicht an ihrer Verteidigung zugrunde gehen

    Der französische Senat hat deshalb am 20. Oktober ein Gesetzesvorhaben gegen ausländische Einmischung vorangebracht. Gerichte sollen unter bestimmten Voraussetzungen schneller gegen gezielte Desinformation einschreiten können. Das ist notwendig. Aber es ist auch gefährlich.

    Denn wer die Demokratie gegen Manipulation verteidigt, darf nicht selbst zum Zensor werden. Nicht jede falsche Behauptung ist eine ausländische Operation. Nicht jede unbequeme Meinung gefährdet die Republik. Und nicht jede staatliche Intervention schützt die Freiheit.

    Der Rechtsstaat muss unterscheiden können. Er braucht Beweise, unabhängige Richter und klare Grenzen staatlicher Macht. Sonst wird aus dem berechtigten Kampf gegen Desinformation ein Instrument, das eines Tages auch gegen legitimen Widerspruch eingesetzt werden könnte.

    Demokratie braucht mehr als Abwehrgesetze

    Die Verteidigung der Demokratie beginnt deshalb nicht beim Löschen von Beiträgen. Sie beginnt in Schulen, Redaktionen, Parlamenten und im alltäglichen politischen Streit. Sie verlangt unabhängige Medien, mündige Bürger und Politiker, die nicht selbst mit Halbwahrheiten und Feindbildern arbeiten.

    Das ist die unbequeme Wahrheit: Ausländische Propaganda wird besonders dort gefährlich, wo das Vertrauen in die eigenen demokratischen Institutionen bereits beschädigt ist.

    Die Zahl von hundert entdeckten Operationen beweist noch keinen erfolgreichen Angriff auf die französischen Wähler. Aber sie zeigt, wie systematisch versucht wird, die Grundlagen demokratischer Willensbildung zu untergraben.

    Die Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Sie lebt davon, dass Menschen streiten können, ohne sich zu Feinden zu erklären, und dass sie Tatsachen anerkennen, auch wenn diese ihrer Überzeugung widersprechen.

    Wer die Demokratie verteidigen will, muss deshalb mehr tun, als ihre Gegner zu bekämpfen. Er muss ihre Glaubwürdigkeit bewahren. Denn eine Demokratie, die das Vertrauen ihrer Bürger verliert, kann durch kein Gesetz der Welt gerettet werden.

    C. Hatty

  • Das leise Verschwinden der wissenschaftlichen Freiheit

    Das leise Verschwinden der wissenschaftlichen Freiheit

    Freiheit stirbt nicht abrupt. Sie zieht sich zurück, kaum hörbar, beinahe höflich. Im akademischen Raum geschieht dies derzeit besonders unauffällig – und deshalb umso bedrohlicher. Die Freiheit der Wissenschaft, in Frankreich verfassungsähnlich geschützt und gesetzlich verbrieft, beginnt zu bröckeln. Nicht durch offene Verbote. Sondern durch strukturelle Verschiebungen, durch ökonomische Abhängigkeiten, durch politische Erwartungshaltungen. Die Instrumente sind leise, die Folgen gravierend. Artikel L. 952-2 des französischen Bildungsgesetzes formuliert es klar: Lehrende und Forschende genießen vollständige Unabhängigkeit und uneingeschränkte Meinungsfreiheit in der Ausübung ihrer Aufgaben. Ein Satz, der klingt wie ein Versprechen. Doch wie belastbar ist dieses Versprechen heute noch? Wenn Geld zur Steuerung wird Die gegenwärtige Finanzarchitektur der Forschung in Frankreich lässt wenig Raum für Idealismus. Mit jeder Haushaltskürzung wächst die Notwendigkeit, sich externen Geldgebern z…

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  • Angriff auf die Erinnerung: Wer steckt hinter den Angriffen auf jüdische Stätten in Paris?

    Angriff auf die Erinnerung: Wer steckt hinter den Angriffen auf jüdische Stätten in Paris?

    Paris steht unter Schock. Wieder einmal.

    In der Nacht zum 31. Mai wurden mehrere symbolträchtige Orte der jüdischen Gemeinschaft mit grüner Farbe beschmiert: das Mémorial de la Shoah, drei Synagogen und ein koscheres Restaurant. Die Botschaft? Nicht geschrieben, nicht gesprochen – aber dennoch unüberhörbar. Nun verdichten sich die Hinweise auf eine gezielte ausländische Einflussnahme.


    Grüne Farbe als Warnsignal

    Die Aktion war keine spontane Tat jugendlicher Randalierer. Die Polizei entdeckte die Schäden am frühen Morgen. Überwachungskameras zeigen maskierte Gestalten in schwarzer Kleidung – eine Person sprüht, die andere filmt. Der Ort: Der Shoah-Gedenkort, Mahnmal für sechs Millionen ermordete Juden. Die Symbolik? Doppelt verstörend.

    Auch die anderen Ziele – Synagogen im Herzen von Paris und ein koscheres Lokal – wirken wie bewusst gewählte Stationen einer Route der Einschüchterung. Kein Graffiti, kein schriftliches Bekenntnis. Nur Farbe. Und doch eine klare Botschaft: Angst soll wachsen, Vertrauen schwinden.


    Serbische Staatsbürger unter Verdacht

    Drei Männer mit serbischer Staatsangehörigkeit wurden kurz darauf bei Antibes festgenommen – offenbar kurz vor dem Verlassen des Landes. Die Ermittler stützen sich auf Telefondaten und Videoaufnahmen. Die Verdächtigen hatten sich auffällig schnell aus Paris entfernt. Zu schnell, um unbemerkt zu bleiben.

    Schon 2024 kam es zu einem ähnlichen Vorfall: Rote Handabdrücke auf der „Mur des Justes“ im Shoah-Memorial. Damals wurden bulgarische Staatsbürger verhaftet. Auch hier: keine Forderungen, keine Erklärung. Und auch hier: eine mögliche ausländische Verstrickung.


    Eine unterschwellige Taktik mit beunruhigender Präzision

    Wer solche Orte angreift, zielt auf mehr als Gebäude – er trifft das kollektive Gedächtnis. Das Prinzip ist bekannt: gezielte Nadelstiche in das gesellschaftliche Gefüge eines Landes. Ähnliche Taktiken wurden in anderen Ländern bereits nachgewiesen, meist orchestriert von Akteuren aus Russland oder anderen Staaten mit geopolitischem Kalkül.

    In Frankreich ist die Gesellschaft ohnehin angespannt: Diskussionen über Migration, Religionsfreiheit, Identität. Ein Pulverfass – und genau da setzen solche gezielten Störungen an.

    Die Strategie? Angst streuen, Schuldige unklar lassen, Misstrauen schüren.


    Politische Reaktionen: Von Betroffenheit bis Kampfansage

    Innenminister Bruno Retailleau und Bürgermeisterin Anne Hidalgo meldeten sich noch am selben Tag zu Wort. Auch Parlamentarier zeigten Präsenz. Die Solidarität mit der jüdischen Gemeinschaft wurde öffentlichkeitswirksam betont. Yaël Braun-Pivet, Präsidentin der Nationalversammlung, sagte beim Besuch des Gedenkortes: „Jeder soll sich sicher fühlen in unserer Republik.“

    Doch hinter diesen Worten steht die unausgesprochene Frage: Wie verwundbar ist Frankreich wirklich gegenüber solchen subtilen Attacken?


    Die jüdische Gemeinschaft ist alarmiert

    Angesichts zunehmender antisemitischer Vorfälle in Europa wächst auch in Frankreich die Sorge. Viele Menschen mit jüdischem Glauben spüren die Verunsicherung im Alltag – auf der Straße, im Gottesdienst, in der Schule ihrer Kinder.

    Ein Gemeindemitglied bringt es auf den Punkt: „Erst Farbe auf der Wand – was kommt als Nächstes?“ Diese Frage bleibt im Raum stehen.


    Die Spur führt ins Ausland – wieder einmal

    Die ermittelnde Sûreté territoriale hat bereits eine konkrete Richtung: „Beschädigungen aus religiösen Motiven“, so der offizielle Ermittlungsansatz. Doch inoffiziell ist längst klar – hier steckt mehr dahinter. Die Ähnlichkeiten zu den Taten aus dem Vorjahr sind frappierend.

    Frankreich wird möglicherweise zum Spielfeld fremder Mächte, die gezielt Risse im sozialen Gefüge suchen und vergrößern wollen. Ein taktisches Spiel mit der Unsichtbarkeit – je weniger greifbar die Täter, desto größer die Angst.


    Was bleibt: Eine tiefe Verunsicherung

    Solche Vorfälle hinterlassen mehr als Farbflecken. Sie hinterlassen Spuren in Herzen, Köpfen und Alltagsroutinen. Und sie werfen eine unangenehme Frage auf: Wie schützt man eine offene Gesellschaft gegen Angriffe, die weder laut noch blutig sind – aber dafür umso perfider?

    Die Antwort liegt vielleicht nicht nur in Sicherheitsmaßnahmen, sondern in einem wachsamen Miteinander. In einem kollektiven „Nicht-mit-uns“. In einer Haltung, die deutlich macht: Wer unsere Vielfalt angreift, trifft auf Widerstand.

    Von Andreas M. B.