Schlagwort: Atlantikküste

  • Biscarrosse und der Ozean – wie die Erosion einen Badeort in ein Gebiet der Ungewissheit verwandelt

    Biscarrosse und der Ozean – wie die Erosion einen Badeort in ein Gebiet der Ungewissheit verwandelt

    Biscarrosse stand lange für ein vertrautes Versprechen. Atlantik, Dünen, endloser Horizont. Ein Ort, an dem Sommer wie von selbst entstanden, an dem der Sand warm war und die Zukunft stabil wirkte. Heute klingt dieses Versprechen brüchig. Der Ozean ist nicht mehr nur Kulisse. Er rückt vor. Zentimeter für Zentimeter, Jahr für Jahr. Und inzwischen sichtbar, spürbar, beängstigend nah. In der Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar 2026 geschah das, wovor viele gehofft hatten, es möge nie eintreten. Rund zwanzig Meter der Promenade am Meer brachen ein. Beton, der noch tags zuvor als dauerhaft und fest galt, verschwand im Nichts. Stürme hatten die Dünen unterhöhlt, Regen hatte das Gefüge gelockert, die Schwerkraft erledigte den Rest. Am Morgen danach lag der Bruch offen da wie eine Wunde. Ein Schockmoment. Nicht nur für die Kommune, sondern für ein kollektives Bewusstsein. Plötzlich zeigte sich, was zuvor abstrakt klang. Dass der Boden selbst kein verlässlicher Partner mehr ist. Bilder von …

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  • Das schwarze Gedächtnis des Meeres – warum man in der Bretagne mehr als 25 Jahre nach der „Erika“ erneut ölverschmierte Vögel findet

    Das schwarze Gedächtnis des Meeres – warum man in der Bretagne mehr als 25 Jahre nach der „Erika“ erneut ölverschmierte Vögel findet

    Die Bretagne hat ein langes Gedächtnis. Manchmal reicht ein Sturm, ein toter Vogel am Strand, ein schmieriger Glanz auf schwarzem Gefieder – und plötzlich ist alles wieder da. Ende Januar wurden an den Stränden des südlichen Finistère rund fünfzehn ölverschmierte Seevögel entdeckt. Kleine Alken, Trottellummen, schwarz-weiß wie aus einem Naturkundebuch, und doch gezeichnet von einer Substanz, die die bretonische Küste seit Jahrzehnten verfolgt. Vieles spricht dafür, dass es sich um denselben schweren Treibstoff handelt, der im Dezember 1999 aus dem Wrack der Erika austrat.

    Damals sank der vom Energiekonzern Total gecharterte Tanker rund 120 Kilometer vor der bretonischen Küste. Etwa 20.000 Tonnen Schweröl gelangten ins Meer, verseuchten rund 400 Kilometer Küstenlinie und töteten Hunderttausende Seevögel. Wer in jenen Wochen an der Küste lebte, erinnert sich an den Geruch, an schwarze Strände, an Freiwillige in weißen Schutzanzügen. Viele glaubten, dieses Kapitel sei abgeschlossen. Offenbar ist es das aber nicht.

    Die jüngsten Funde lösten Alarm aus bei der Ligue de protection des oiseaux. Innerhalb weniger Stunden wurden sechzehn stark verschmutzte Vögel in das Pflegezentrum auf der Île-Grande gebracht. Für Kenner der Szene war das ein Déjà-vu. Dieselben Arten, dieselben Symptome, dieselbe Hilflosigkeit der Tiere. Also folgte das übliche Prozedere: Proben sichern, Öl analysieren, Herkunft klären.

    Diese Aufgabe übernimmt das in Brest ansässige Cedre, weltweit eine der wichtigsten Referenzen bei Ölverschmutzungen. Die Ergebnisse ließen wenig Raum für Zweifel. Schweröl besitzt so etwas wie einen chemischen Fingerabdruck. Vergleicht man diesen mit Rückständen an Federn oder Haut, lassen sich erstaunlich präzise Übereinstimmungen feststellen. In diesem Fall zeigte sich eine auffällige Nähe zum Treibstoff der „Erika“. Kein absoluter Beweis, aber ein sehr starkes Indiz.

    Wie kann Öl aus einem Wrack, das seit mehr als einem Vierteljahrhundert auf dem Meeresboden liegt, erneut an die Oberfläche gelangen? Die Antwort ist ernüchternd. Auch wenn das Wrack nach der Havarie weitgehend leergepumpt wurde, blieb ein erheblicher Rest zurück. Fachleute sprechen von „impompables“, von Taschen aus zähflüssigem Schweröl, das nicht mehr geborgen werden konnte. Rund 5.000 Tonnen, so schätzen Experten, ließen sich damals schlicht nicht bergen.

    Dieses Öl ist keine dünnflüssige Brühe. Es ähnelt eher einer streichfähigen Paste, die nur unter Erwärmung bewegt werden kann. In den tief liegenden, schwer zugänglichen Bereichen der Tanks bleibt sie haften, oft über Jahrzehnte. Die „Erika“ verfügte über vierzehn Tanks – ein komplexes Labyrinth, das selbst moderne Technik an ihre Grenzen bringt. Vollständige Entleerung ist bei solchen Wracks Illusion.

    Hinzu kommt: Die „Erika“ ist kein Einzelfall. In französischen Gewässern liegen Tausende Wracks, einige davon mit potenziell umweltschädlichen Ladungen. Der alte Frachter Tanos, ebenfalls vor der Küste des Finistère gesunken, gibt trotz mehrfacher Sicherungsversuche immer wieder Öl ab. Das Meer vergisst nicht, und es verzeiht nur sehr sehr langsam.

    Die jüngsten Stürme liefern einen weiteren Schlüssel zum Verständnis. Ende Januar peitschte Sturm Ingrid über die Bretagne. An der Pointe du Raz wurden Windgeschwindigkeiten von über 140 km/h gemessen, auch bei der Pointe de Penmarc’h tobte der Atlantik. Solche Wetterlagen setzen enorme Kräfte frei. Meeresströmungen verändern sich, Sedimente werden aufgewühlt, Strukturen am Meeresboden verändert. Alte Schwachstellen in einer rostenden Schiffshülle können nachgeben.

    Dazu kommt ein simpler physikalischer Effekt. Schweröl ist dichter als Wasser, doch sobald es sich löst und erwärmt, kann es aufsteigen, an die Oberfläche gelangen und von Wind und Wellen verdriftet werden. Liegt das Wrack südwestlich von Belle-Île-en-Mer, wie im Fall der „Erika“, und wehen starke Südwestwinde, dann zeigt der Weg des Öls ziemlich direkt auf die Küsten des südlichen Finistère. Keine Magie, nur Physik. Bitter genug.

    Bleibt die Frage, warum das Öl jetzt austritt. Die Antwort klingt banal, ist aber kaum aufzuhalten: Korrosion. Salzwasser frisst sich durch Stahl, langsam, aber unerbittlich. Nach mehr als 25 Jahren ist selbst gutes Metall mürbe. Kleine Risse genügen, um eingeschlossene Rückstände freizusetzen. Das Meer arbeitet geduldig. Und gründlich.

    Die französische Atlantik-Präfektur prüft inzwischen ein Überwachungs- und Interventionssystem rund um das Wrack. Moderne Unterwasserfahrzeuge, Taucher, Sensoren – all das steht theoretisch bereit. Praktisch sind solche Einsätze teuer, logistisch aufwendig und stark nachgefragt. Wann genau gehandelt werden kann, bleibt offen.

    Für die Bretagne ist das alles mehr als eine technische Debatte. Es ist eine emotionale Wunde, die wieder aufreißt. Ein paar ölverschmierte Vögel reichen aus, um Erinnerungen wachzurufen, die nie ganz verschwunden waren. Und man fragt sich, leise, aber hartnäckig: Wie viele Altlasten ruhen noch dort draußen, unter den Wellen, und warten auf den nächsten Sturm?

    Autor: C.H.

  • Sturm Ingrid tritt auf der Stelle – und trifft das Finistère mit voller Wucht

    Sturm Ingrid tritt auf der Stelle – und trifft das Finistère mit voller Wucht

    Der Wind kommt nicht und geht wieder. Er bleibt. Er drückt, rüttelt, peitscht, Stunde um Stunde, als hätte er sich festgebissen an der westlichsten Kante Frankreichs. Sturm Ingrid, ein Name fast freundlich, hat das Finistère mit einer Beharrlichkeit getroffen, die selbst an der rauen bretonischen Küste selten ist. Böen von bis zu 144 Stundenkilometern, haushohe Wellen, ein Himmel wie aus Blei – und eine Region, die einmal mehr erfährt, wie klein der Mensch bleibt, wenn die Natur beschließt, nicht weiterzuziehen.

    Schon am frühen Freitag begann das, was Meteorologen später als ungewöhnlich bezeichnen sollten. Ingrid verharrte vor der Küste der Bretagne, nahezu reglos. Kein klassischer Durchzug, kein rasches Abklingen. Stattdessen ein sich selbst nährendes System, dessen Winde immer wieder neu Anlauf nahmen. Besonders betroffen: das Finistère, jener Landstrich, der dem Atlantik am nächsten ist und dessen Name nicht zufällig vom lateinischen „finis terrae“ stammt – Ende der Welt.

    An der Pointe du Raz, wo das Festland abrupt endet und der Ozean beginnt, wurden 144 km/h gemessen. An der Pointe de Penmarc’h nur unwesentlich weniger. Selbst im Landesinneren, in Orten wie Saint-Ségal, erreichten die Böen Geschwindigkeiten, die man dort eher nicht kennt. Für viele war das neu, für manche beängstigend, für andere fast schon ehrfurchtgebietend.

    Im Hafen von Saint-Guénolé herrschte den ganzen Tag über eine angespannte Ruhe. Kein Auslaufen, kein Motorengeräusch, nur das Klatschen der Wellen gegen die Kaimauern und das metallische Knarren der Boote. Fischer Clément Houtert zog zusätzliche Leinen, verdreifachte die Festmacher. Wer hier nachlässig werde, so sagt er, riskiere nicht nur sein Boot, sondern ein chaotisches Domino im Hafenbecken. Rausfahren? Unvorstellbar. Das Meer lasse an diesem Tag keine Diskussion zu.

    Die Wellen türmten sich auf bis zu sechs Meter. Sie kamen nicht in rhythmischen Abständen, sondern unberechenbar, schräg, mit einer Kraft, die selbst massive Felsen kurzzeitig verschwinden ließ. Wer an der Küste stand, spürte das Grollen im Bauch, nicht nur in den Ohren. Ein Schauspiel, sagen einige. Eine Warnung, sagen andere. Beides trifft zu.

    Trotzdem zog es Menschen nach draußen. Eine Frau kämpft sich mit ihrem Hund gegen den Wind voran, jeder Schritt eine kleine Anstrengung. Der Wind ermüde, sagt sie, gehe auf die Nerven, zusammen mit dem Regen. Ein ehrlicher Satz, unprätentiös, fast lakonisch. Ein paar Meter weiter stehen Fotografen mit langen Objektiven, die Gesichter halb verborgen hinter Schals. Sie warten auf den Moment, in dem eine Welle höher steigt als die vorige. Der perfekte Schuss, ja klar – aber bitte mit Abstand. Man ist ja nicht lebensmüde.

    Ingrid ist kein Sturm wie andere. Normalerweise ziehen Tiefdruckgebiete weiter, verlieren an Kraft, werden vom nächsten System abgelöst. Dieser hier aber blieb nahezu stationär vor der Küste der Bretagne. Die Folge: ein permanenter Zustrom von Energie, von warmen und kalten Luftmassen, die sich gegenseitig anfachen. Meteorologisch betrachtet ein Lehrbuchfall, emotional betrachtet eine Geduldsprobe.

    Die Behörden reagierten entsprechend. Die Wetterwarnstufe Orange blieb bis Mitternacht in Kraft, sowohl wegen der extremen Winde als auch wegen der Gefahr von Wellenüberflutungen. Das klingt technisch, fast nüchtern, bedeutet vor Ort jedoch ganz Konkretes: gesperrte Küstenabschnitte, geschlossene Hafenanlagen, Appelle zur Vorsicht. Keine Panik, aber eben auch kein Leichtsinn.

    Und doch liegt in solchen Momenten eine seltsame Faszination. „Man fühlt sich klein“, sagt eine Beobachterin, während eine Welle über die Felsen schwappt, als wären sie Spielzeug. Klein, ja, aber auch lebendig. Solche Tage brennen sich ein ins Gedächtnis, gerade weil sie aus dem Gewohnten fallen. Das Finistère kennt Stürme, sicher. Aber Ingrid bringt eine andere Qualität mit, eine Hartnäckigkeit, die selbst alteingesessene Küstenbewohner innehalten lässt.

    Die Nacht verspricht keine schnelle Erlösung. Der Wind soll erst langsam nachlassen, die See bleibt unruhig. Für die Fischer heißt das: warten. Für die Einsatzkräfte: wachsam bleiben. Für alle anderen: Fenster schließen, lose Gegenstände sichern, dem Drang widerstehen, dem Meer zu nah zu kommen. Klingt banal, ist aber in solchen Momenten entscheidend.

    Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Routine und Ausnahmezustand, die das Leben an der Atlantikküste prägt. Man weiß, dass so etwas passieren kann, und ist dennoch jedes Mal aufs Neue überrascht von der Intensität. Ingrid zeigt das in aller Deutlichkeit. Ein Sturm, der nicht vorbeizieht, sondern bleibt. Der nicht nur Landschaften formt, sondern auch Stimmungen.

    Wenn der Wind schließlich nachlässt und das Meer wieder atmet, wird man über diesen Tag sprechen. In den Häfen, in den Cafés, vielleicht mit einem Schulterzucken, vielleicht mit glänzenden Augen. Und jemand wird sagen: Weißt du noch, dieser Sturm Ingrid? Der war schon heftig. Und alle werden nicken. Weil sie es gespürt haben.

    Von C. Hatty

  • Sechs Meter hohe Wellen, Orkanböen und eine seltsame Ruhe im Sturm – wie „Ingrid“ die Bretagne trifft

    Sechs Meter hohe Wellen, Orkanböen und eine seltsame Ruhe im Sturm – wie „Ingrid“ die Bretagne trifft

    Die Bretagne kennt raues Wetter, doch an diesem Freitag und Samstag zeigte sich der Atlantik vor dem Finistère von einer besonders unerbittlichen Seite. Sturm Ingrid fegte über die Küste, mit Böen jenseits der 130 Kilometer pro Stunde und Wellen, die bis zu sechs Meter hoch an die Felsen schlugen. Ein Naturschauspiel von seltener Wucht, das gleichermaßen Ehrfurcht und Vorsicht verlangte.

    Schon am Morgen peitschten Wind und Regen über Häfen und Promenaden. Für die Fischer bedeutete das Stillstand. In Saint-Guénolé wurden Boote zusätzlich gesichert, Leinen verdoppelt, Knoten nachgezogen. Niemand wollte riskieren, dass ein Schiff im Hafen losreißt und zum Spielball der Elemente wird. „Man müsste schon verrückt sein, jetzt rauszufahren“, hieß es trocken von einem der Seeleute, während hinter ihm Gischt über die Kaimauer spritzte.

    Besonders heftig traf es exponierte Punkte der Küste. An der Pointe du Raz wurden Windgeschwindigkeiten von 144 Kilometern pro Stunde gemessen, an der Pointe de Penmarc’h kaum weniger. Selbst im Landesinneren, etwa in Saint-Ségal, erreichte der Sturm noch Werte, die sonst eher an der offenen See üblich sind. Meteorologisch bemerkenswert: Ingrid verharrte nahezu ortsfest vor der Küste der Bretagne. Statt rasch weiterzuziehen, nährte sich das System selbst und hielt die Region stundenlang im Griff.

    Auf den Wegen entlang der Küste kämpften Spaziergänger gegen den Wind, Hunde stemmten sich mit gesenktem Kopf voran. „Das zerrt an den Nerven“, sagte eine Frau lachend, mehr müde als ängstlich. Andere blieben stehen, hielten Abstand und zückten die Kamera. Wenn eine Welle über die Felsen brach und das Wasser wie ein Vorhang aus der Luft fiel, wirkte der Mensch plötzlich winzig. Schön, ja. Aber eben auch gefährlich.

    Die Behörden beließen es nicht bei Appellen. Die Warnstufe Orange für Sturm sowie für hohe Wellen und mögliche Überflutungen blieb bis Mitternacht bestehen. Ein klarer Hinweis darauf, dass Ingrid trotz aller Faszination kein Sturm für Leichtsinn war.

    Autor: C.H.

  • Sieben Männer, eine Nacht, ein Schiff auf Grund – und das Dröhnen der Rotoren über der Vendée

    Sieben Männer, eine Nacht, ein Schiff auf Grund – und das Dröhnen der Rotoren über der Vendée

    Manchmal reicht ein einziger Moment, um aus Routine Ausnahmezustand zu machen. Eine Nachtfahrt, das vertraute Brummen des Motors, die Lichter des Hafens schon fast in Reichweite – und dann der Aufprall. In der Vendée, am Rand der Atlantikküste, ist aus einer gewöhnlichen Rückkehr eine Rettungsaktion geworden, die selbst abgebrühte Seeleute noch lange begleiten dürfte. Am späten Donnerstagabend, dem 15. Januar, läuft ein 22 Meter langer Fischkutter auf die Felsen vor Les Sables-d’Olonne auf. Es ist kurz vor 22 Uhr, als der Notruf abgesetzt wird. Das Schiff kommt aus Lorient zurück, der Heimathafen liegt bereits vor dem Bug. Doch statt sicherer Leinen wartet blanker Fels. Die Hülle reißt auf, das Schiff liegt schief, festgenagelt zwischen Wasser und Stein. Am nächsten Morgen bietet sich ein Bild, das Passanten den Atem anhält. Der Rumpf ist aufgeschlitzt, schwarze Schlieren ziehen sich über die Wasseroberfläche. Öl tritt aus, der Geruch liegt schwer in der Luft. Ein Boot, das eigentlich …

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  • Gironde: Wenn das Thermometer Kapriolen schlägt

    Gironde: Wenn das Thermometer Kapriolen schlägt

    Manchmal reicht ein Blick auf das Thermometer, um zu begreifen, wie sehr sich die Jahreszeiten verschoben haben. In der Gironde, im äußersten Südwesten Frankreichs, lässt sich dieser Tage beobachten, was Meteorologen nüchtern als „markante Temperaturkontraste“ beschreiben – und was sich vor Ort eher wie ein kleiner Wetterstreich anfühlt.

    Auf der Dune du Pilat, jener monumentalen Sandwelle am Atlantik, die sich wie ein träger Riese über Kiefernwald und Meer erhebt, herrscht Mitte Januar eine Szenerie, die in sich widersprüchlicher kaum sein könnte. Noch vor wenigen Tagen lag Schnee auf dem Sand, der Wind biss, die Temperaturen rutschten unter null. Ein Winterbild, das selbst in dieser Region selten geworden ist. Jetzt hingegen glitzert die Sonne, der Himmel spannt sich klar über die Bucht, und der Frost wirkt wie eine ferne Erinnerung.

    Das Thermometer ist dabei der eigentliche Protagonist dieser Geschichte. Innerhalb weniger Tage kletterte es um bis zu fünfzehn Grad nach oben. Was meteorologisch erklärbar ist, überrascht die Menschen dennoch. Eine Familie aus Indonesien, die eigens wegen des vermeintlichen Winterzaubers angereist war, steht staunend auf dem Gipfel der Düne. Die Enttäuschung mischt sich mit Verwunderung. Schnee hatten sie erwartet, Sonne bekommen. „Schade“, sagt die Frau lachend, „ein bisschen Schnee wäre schon schön gewesen.“ Der Satz fällt leicht, fast beiläufig, und trifft doch den Kern dieses Winters: Er entzieht sich den Erwartungen.

    Wer hierher kommt, muss sich den Ausblick ohnehin verdienen. Der Aufstieg durch den tiefen Sand fordert Kondition, egal bei welchem Wetter. Eine andere Touristin erzählt, sie habe vor der Abreise noch die Wettervorhersage studiert. Regen sei angekündigt gewesen, also schlechte Karten. „Wir sind trotzdem gefahren“, sagt sie. Und jetzt stehe sie hier, mit Sonnenbrille auf der Nase, und frage sich, warum man Prognosen eigentlich so ernst nimmt. Manchmal liegt das Glück eben jenseits der Wetter-App.

    Ein paar Kilometer weiter, unten am Wasser, zeigt sich ein ähnliches Bild. In Arcachon weht an diesem Januarmorgen ein Hauch von Frühling. Fast dreizehn Grad zeigt das Thermometer, gut zehn Grad mehr als noch eine Woche zuvor. Die Strandpromenade wirkt belebt, Spaziergänger bleiben stehen, ziehen Jacken aus, krempeln Ärmel hoch. Einige Wagemutige gehen noch weiter. Sie ziehen Schuhe und Pullover aus, laufen ins Wasser, kurz entschlossen, mit diesem entschlossenen Lachen, das sagt: Man lebt nur einmal.

    Es ist dieses fast urlaubshafte Gefühl, das irritiert. Januar, eigentlich der Monat der schweren Mäntel, der kurzen Tage, der gedämpften Farben, zeigt sich von einer ungewohnt milden Seite. Vor einem Café-Restaurant stehen plötzlich wieder Tische draußen. Nicht aus Trotz gegen den Winter, sondern aus Pragmatismus. Wenn das Wetter mitspielt, warum nicht. Yoan Mathieu, Chef de Rang im „Café de la plage“, beobachtet das Treiben mit professioneller Gelassenheit. Morgens schon Gäste auf der Terrasse, nachmittags ebenfalls. Arbeit unter freiem Himmel, mitten im Winter. Das gab es früher selten, sagt er, heute öfter. Und man gewöhnt sich daran, schneller als gedacht.

    Doch diese milde Laune der Natur hat einen ernsten Hintergrund. Die starken Temperaturschwankungen gelten als eine der spürbaren Folgen des Klimawandels. Die Winter werden weicher, die Frostperioden kürzer, die Übergänge zwischen den Jahreszeiten unscharf. Was heute als angenehme Abwechslung erscheint, trägt langfristig ein anderes Gewicht. Pflanzen, Tiere, ganze Ökosysteme reagieren empfindlich auf solche Verschiebungen. Auch die Menschen passen sich an, oft unbewusst, manchmal mit einem Schulterzucken.

    Die Meteorologen von Météo-France zeichnen ein klares Bild für die kommenden Jahrzehnte. Bis zum Jahr 2050, so ihre Prognosen, dürften die Wintertemperaturen in Arcachon im Schnitt um etwa zwei Grad steigen. Zwei Grad, das klingt nach wenig. In der Praxis bedeutet es jedoch, dass Frosttage weiter an Bedeutung verlieren, dass Schnee zur Ausnahme wird, dass das Klima sein vertrautes Gesicht verändert.

    Auf der Dune du Pilat lässt sich diese Entwicklung fast symbolisch beobachten. Der Schnee der vergangenen Woche ist verschwunden, als habe es ihn nie gegeben. Zurück bleibt der helle Sand, warm im Licht, trügerisch harmlos. Kinder rennen hinunter, lachen, rollen, als wäre Hochsommer. Erwachsene ziehen Fotos, schicken sie nach Hause, versehen sie mit Kommentaren, die zwischen Staunen und Unglauben schwanken. Winter in Badehose – das erzählt man gern weiter.

    Und doch liegt über all dem ein leiser Nachhall. Die Frage, ob diese milden Januartage eine willkommene Ausnahme darstellen oder bereits zur neuen Normalität gehören. Der Kontrast des Thermometers ist eben mehr als eine Kuriosität. Er ist ein Hinweis, vielleicht sogar eine Mahnung. Heute noch sorgt er für volle Terrassen und spontane Badegänge. Morgen könnte er andere, weniger angenehme Folgen haben.

    Die Gironde zeigt sich dieser Tage von ihrer schönsten Seite. Sonne, Meer, milde Luft. Ein Geschenk mitten im Winter. Aber wie bei allen Geschenken lohnt sich ein genauer Blick auf das Etikett. Denn das Wetter erzählt Geschichten. Man muss nur hinhören.

    Andreas M. B.

  • 37,3 Meter über der Brandung – wie ein junger Bretone der Sturmgewalt trotzt

    37,3 Meter über der Brandung – wie ein junger Bretone der Sturmgewalt trotzt

    Der Wind heult, das Meer brodelt, der Himmel hängt tief über der Küste der Bretagne. An jenem Tag, als der Sturm Goretti mit Böen von bis zu 110 Stundenkilometern über den Finistère fegt, suchen viele Schutz hinter dicken Mauern. Einer aber fährt hinaus. Er heißt Clément Huot, ist 23 Jahre alt – und hebt ab wie kein Mensch vor ihm. Was dann geschieht, dauert gerade einmal 13 Sekunden. Genug Zeit allerdings, um Sportgeschichte zu schreiben. Vor der Küste von La Palue, nahe Crozon, lässt sich Huot von der rohen Kraft des Sturms in den Himmel katapultieren. Am Ende misst seine Uhr 37,3 Meter Höhe. Weltrekord im Kitesurfen. Höher war noch niemand. Man muss sich diese Szene vorstellen wie eine Mischung aus Anmut und Anarchie. Unten tobt der Atlantik, weißer Schaum weht über den Strand, oben spannt sich der Kite wie ein wildes Tier im Wind. Huot hält die Bar fest umklammert, der Körper gespannt, die Konzentration messerscharf. Ein Fehler, ein falscher Winkel – und die Geschichte nähme einen …

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  • Biscarrosse kämpft um seinen Strand – ein Ort zwischen Meer, Angst und Hoffnung

    Biscarrosse kämpft um seinen Strand – ein Ort zwischen Meer, Angst und Hoffnung

    An einem Wintermorgen in Biscarrosse klingt das Meer anders als früher. Tiefer. Ungeduldiger. Wer am Rand der Düne steht, spürt es sofort. Der Sand unter den Füßen wirkt brüchig, fast beleidigt, als wolle er sagen: Ich halte das nicht mehr lange aus. Und tatsächlich – die Atlantikküste frisst sich hier jedes Jahr ein Stück weiter ins Land hinein.

    Manchmal schleichend.
    Manchmal brutal.

    Die Gemeinde in den Landes erlebt gerade eine dieser brutalen Phasen. Starke Gezeiten, aufgewühlte See, Wochen voller Sturm und Gischt. Das Ergebnis: Teile des zentralen Strandes bleiben gesperrt, Zugänge verschwinden hinter Bauzäunen, Warnschilder flattern im Wind. Wer zu nah herangeht, riskiert mehr als nasse Füße.

    Die Düne ist keine sanfte Kurve mehr. Sie gleicht einer bröselnden Wand.


    „Die Leute unterschätzen das“, sagt eine Anwohnerin, während sie den Kopf schüttelt.
    „Manche steigen trotzdem runter.“

    Unten wartet ein Loch. Vier, fünf Meter tief. Wie ein plötzliches Ende. Wer einmal dort steht, merkt schnell: Zurück geht nicht so leicht. Der Sand rutscht, gibt nach, zieht einen zurück. Ein falscher Schritt, und der Spaziergang verwandelt sich in eine gefährliche Kletterpartie.

    Warum tun Menschen sich das an?
    Weil das Meer lockt.
    Weil Urlaub naht.
    Weil Warnungen oft leiser klingen als Wellen.


    Kurz vor Weihnachten wächst die Sorge. Familien, Spaziergänger, Surfer – sie alle zieht es selbst im Winter an den Strand. Doch genau jetzt wirkt er wie ein Ort, der sich wehrt. Die Stadt reagiert. Die wichtigsten Zugänge zur zentralen Strandzone bleiben bis auf Weiteres geschlossen. Seitliche Wege existieren noch, aber wer unten entlang der Sandwand spaziert, spielt mit dem Risiko.

    Die stellvertretende Bürgermeisterin Nathalie Banquet formuliert es nüchtern, fast sachlich. Je nach Tide bleibe kaum Platz zwischen Wasser und Düne. Bei Flut eigne sich der Strand schlicht nicht zum Spazieren. Punkt.

    Doch hinter diesen Worten steckt Anspannung. Und Verantwortung.


    Jeden Winter verliert Biscarrosse bis zu 25 Meter Küstenlinie.
    25 Meter.

    Man muss diese Zahl langsam lesen, um ihre Wucht zu begreifen. Häuser, die vor Jahren noch sicher standen, blicken heute direkt in die Tiefe. Besonders symbolträchtig: zwei identische Wohnhäuser, dicht nebeneinander, wie Geschwister. Noch stehen sie. Aber niemand wettet mehr auf ihre Zukunft.

    „Wir sehen das seit Jahren“, erzählt ein Bewohner beim Abendspaziergang.
    „Die See nagt. Immer weiter.“

    Gestern habe man nachgeschaut. Die Häuser stünden noch.
    Aber wie lange noch?

    Diese Frage hängt über der Gemeinde wie eine schwere Wolke.


    Dabei kämpft Biscarrosse längst. Jedes Jahr rollen Lastwagen an. Rund 100.000 Kubikmeter Sand landen auf dem Strand, künstlich aufgeschüttet, sorgfältig verteilt. Eine gigantische Geste gegen eine noch größere Kraft. Über fünf Jahre investiert die Stadt rund drei Millionen Euro, um die Erosion zu bremsen.

    Bremsen.
    Nicht stoppen.

    Das Meer lässt sich nicht verhandeln. Es akzeptiert keine Haushaltspläne. Es folgt seinem eigenen Rhythmus – einem, der sich durch den Klimawandel weiter beschleunigt.

    Und trotzdem: Aufgeben steht nicht zur Debatte.


    Denn Biscarrosse lebt vom Strand.
    Von Sommern voller Kinderlachen.
    Von Surfbrettern im Sonnenuntergang.
    Von Cafés, die Sand in den Schuhen verzeihen.

    Der Atlantik bringt Gäste. Arbeitsplätze. Identität. Ihn zu verlieren hieße, einen Teil der Seele preiszugeben. Also stemmt sich die Stadt dagegen, mit Technik, mit Geld, mit Hoffnung. Manchmal auch mit Galgenhumor.

    „Der Ozean gewinnt immer“, sagt ein älterer Surfer und grinst schief.
    „Aber wir geben ihm wenigstens einen ordentlichen Kampf.“


    Zwischen den gesperrten Zugängen und den offenen Seitenwegen entsteht eine seltsame Stimmung. Keine Panik, aber Respekt. Die Natur zeigt, dass sie nicht nur Postkartenmotive liefert. Sie fordert Aufmerksamkeit. Und Demut.

    Kinder stellen Fragen, Erwachsene suchen Antworten. Manche bleiben stehen, schauen lange aufs Wasser. Andere drehen um. Vielleicht zum ersten Mal.

    Was bedeutet Sicherheit an einem Ort, der sich ständig verändert?
    Und wie viel Risiko akzeptiert man für ein Stück Freiheit am Meer?


    Die Diskussion reicht längst über Biscarrosse hinaus. Küstengemeinden überall in Frankreich beobachten genau, was hier passiert. Heute Biscarrosse, morgen Lacanau, übermorgen weiter südlich. Der Rückzug der Küstenlinie wirkt wie eine stille Kettenreaktion.

    Doch hier, zwischen Pinienwald und Ozean, fühlt sich alles besonders persönlich an. Jeder Meter Sand erzählt eine Geschichte. Von vergangenen Sommern. Von verlorenen Picknickplätzen. Von Treppen, die ins Leere führen.

    Manchmal reicht ein Sturm, um Erinnerungen zu verschlucken.


    Trotz allem bleibt etwas Unerschütterliches. Die Verbundenheit der Menschen mit ihrem Ort. Die Bereitschaft, unbequeme Entscheidungen zu treffen. Strände zu sperren. Warnungen auszusprechen. Auch dann, wenn es wirtschaftlich schmerzt.

    Das Meer respektiert keine Saison.
    Aber die Gemeinde respektiert das Meer.

    Vielleicht liegt genau darin die Chance. Nicht im Sieg über den Atlantik, sondern im klügeren Zusammenleben mit ihm. Mit Abstand. Mit Geduld. Und mit dem Mut, neu zu denken.

    Ein Ort am Rand – geografisch und emotional.


    Am Abend legt sich das Licht flach über die Düne. Die gesperrten Zugänge wirken plötzlich ruhig, fast friedlich. Der Wind trägt das Rauschen der Wellen bis in die Straßen. Ein Klang, der mahnt und tröstet zugleich.

    Biscarrosse bleibt.
    Verändert.
    Wachsam.

    Und noch immer verliebt in sein Meer – trotz allem.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Rettungsschwimmer im Dauerbetrieb – Wie das Departement Landes seine Strände das ganze Jahr über sichert

    Rettungsschwimmer im Dauerbetrieb – Wie das Departement Landes seine Strände das ganze Jahr über sichert

    Der Wind trägt den Duft von Salz und Pinien über den Strand von Hossegor. Ein paar Mutige steigen in die Wellen, obwohl der Kalender längst den November steht. Ein Mann mit orangefarbener Jacke beobachtet sie aufmerksam – Fernglas in der Hand, Funkgerät am Gürtel. Kein Tourist, sondern ein Rettungsschwimmer. Denn seit Kurzem gilt im Département Landes: Der Ozean schläft nie – und die Sicherheit ebenfalls nicht.

    Was bisher nach Sommer klang, gehört nun zum Alltag – jahraus, jahrein. Die berühmten Strände von Capbreton, Seignosse oder Biscarrosse sind jetzt das ganze Jahr über von Rettungsschwimmern überwacht. Eine Revolution im französischen Küstenschutz, die sich Australien zum Vorbild genommen hat – jenem Land, wo Lifeguards ebenso selbstverständlich sind wie das Meer selbst.


    Wenn der Sommer einfach bleibt

    „Früher war der Strand im Winter leer“, erzählt Pierre, ein Rentner aus Dax, der sich gerade mit hochgekrempelten Hosen in die Brandung wagt. „Heute kommen die Leute immer – joggen, surfen, baden. Es ist, als ob der Sommer einfach nicht mehr geht.“

    Und tatsächlich: Der Klimawandel hat die Gewohnheiten der Menschen verändert. Sanfte Winter, mildes Wasser, ein Hauch von ewigem Spätsommer – das zieht an. Doch mit der wachsenden Lust auf Spontanbäder steigt auch das Risiko. Die Strömungen an der Atlantikküste bleiben unberechenbar. Sie machen keinen Unterschied zwischen Juli und Dezember.

    Hier setzt das neue Konzept an: Zwölf Monate Präsenz, Streifenfahrten, Prävention. Kein Bademeisterhäuschen mit roter Fahne, aber eine diskrete, kontinuierliche Kontrolle. Die Idee: nicht Überwachung, sondern Schutz und Bewusstsein.


    24 Lebensretter – das Rückgrat des Projekts

    Ein Team aus 24 festangestellten Rettungsschwimmern wurde eigens für diese Aufgabe zusammengestellt. Ihre Mission: regelmässige Patrouillen an Stränden und Seen entlang des 100 Kilometer langen Küstenstreifens.

    „Wir wollen sichtbar sein, ohne zu stören“, erklärt Adrien Perrin, einer der Koordinatoren des Projekts. „Wenn wir auftauchen, sprechen wir die Menschen an, erklären die Strömungen, geben Ratschläge. Meistens reicht das schon, um gefährliche Situationen zu verhindern.“

    Die Initiative ist Teil eines zweijährigen Pilotprojekts, das bis Dezember 2027 läuft. Der Etat: rund drei Millionen Euro. Finanziert wird er zu großen Teilen vom Département Landes – ein stolzes Signal an alle, die in dieser Region leben oder sie lieben.


    Inspiration vom anderen Ende der Welt

    Die Verantwortlichen haben sich das australische Modell genau angesehen. In Sydney, am legendären Bondi Beach, sind Lifeguards seit Jahrzehnten das ganze Jahr im Einsatz. Sie schulen nicht nur im sicheren Schwimmen, sondern sind auch Sozialarbeiter, Lehrer, manchmal Psychologen.

    Genau diese Mischung streben die Landes an: Die neuen Rettungsschwimmer sollen langfristig selbst zu Ausbildern werden, um junge Menschen aus der Region für den Dienst am Meer zu begeistern. „Es geht nicht nur ums Retten“, sagt Perrin, „es geht um Kultur. Um Respekt vor dem Ozean.“


    Ein europäisches Experiment

    Dass ein französisches Département diesen Weg einschlägt, sorgt europaweit für Aufmerksamkeit. In Spanien oder Portugal gibt es bislang nur saisonale Überwachung, ebenso an der Côte d’Azur. Das macht die Landes zu einem Pionier – mutig, aber auch unter Druck, denn der Erfolg dieses Projekts wird genau beobachtet.

    Wie misst man eigentlich Sicherheit? An geretteten Leben? An verhinderten Unfällen? Oder an dem Gefühl der Menschen, dass jemand auf sie aufpasst?

    Marie, Touristin aus Lyon, bringt es beim Spaziergang am Strand auf den Punkt: „Ich fühle mich einfach ruhiger, wenn ich weiß, dass jemand da ist. Das Meer ist schön, aber es verzeiht nicht.“


    Zwischen Ruhe und Respekt

    Tatsächlich entsteht durch die ständige Präsenz der Rettungsschwimmer eine neue Beziehung zwischen Mensch und Meer. Weniger Angst, mehr Verantwortung. Und vielleicht auch ein bisschen Demut.

    Denn das Meer der Landes ist nicht nur ein Postkartenmotiv – es ist eine lebendige Kraft, manchmal sanft, manchmal wild. Wer hier badet, weiß: Jede Welle erzählt eine Geschichte.

    Die Rettungsschwimmer hören zu. Sie lesen die Zeichen der Gezeiten, das Flirren des Windes, die Farbe des Schaums auf den Wellen. Sie wissen, wann Gefahr droht – lange bevor andere sie spüren.


    Eine Investition in die Zukunft

    3 Millionen Euro – das klingt nach viel, ist aber im Vergleich zu den Kosten eines einzigen tödlichen Badeunfalls gering. Jeder, der hier gerettet wird, rechtfertigt den Aufwand. Doch das Projekt bedeutet mehr als bloße Zahlen. Es ist ein Symbol für eine Region, die verstanden hat, dass ihre Identität am Wasser hängt.

    „Unsere Küste ist unser Herz“, sagt Patrick, ein Fischer aus Capbreton. „Wir leben mit dem Ozean. Da ist es normal, dass wir ihn ernst nehmen.“

    Er lehnt sich an sein Boot, schaut hinaus. „Früher haben wir auf die Flut gehört. Heute hören wir auch aufeinander. Das ist neu – und gut so.“


    Der Atlantik als Spiegel

    Vielleicht ist das, was in den Landes passiert, mehr als ein Sicherheitskonzept. Vielleicht ist es ein Modell für ein neues Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur.

    Denn wenn der Sommer bleibt, dann muss auch die Vorsicht bleiben. Wenn das Meer sich öffnet, dann müssen wir lernen, ihm zuzuhören.

    Die Landes zeigen, dass Fortschritt manchmal leise kommt – in Form von Rettungsschwimmern, die zwischen Novemberregen und Wintersonne Wache halten.

    Und wer weiß: Vielleicht wird man sich in ein paar Jahren fragen, warum man überhaupt jemals ohne sie ausgekommen ist.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Sturmfront im Anmarsch – Frankreich erwartet am Donnerstag orkanartige Böen und sintflutartige Regenfälle

    Sturmfront im Anmarsch – Frankreich erwartet am Donnerstag orkanartige Böen und sintflutartige Regenfälle

    Frankreich rüstet sich für einen ungemütlichen Donnerstag. Nach Tagen milder Herbststimmung kündigt sich nun ein kräftiger Wetterumschwung an – mit heftigem Wind, starkem Regen und deutlich sinkenden Temperaturen. Météo-France warnt vor „einem anhaltenden und teils gewaltsamen Sturm über weiten Teilen des Landes“.

    Die Böen sollen entlang der Küsten von Ärmelkanal, Atlantik und Mittelmeer Geschwindigkeiten von über 100 km/h erreichen. Im Westen, besonders in der Bretagne, könnten es sogar bis zu 130 km/h werden – Werte, die selbst erfahrene Küstenbewohner aufhorchen lassen.

    Schon in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag zieht das Sturmtief auf. Ab den frühen Morgenstunden wird es laut Steven Tual, Meteorologe bei Temps breton, an den Nordküsten besonders ruppig. „Zwischen 110 und 130 km/h sind möglich, lokal auch mehr“, erklärt er. Zeitgleich soll England Windspitzen von bis zu 150 km/h erleben – ein Vorgeschmack auf das, was die französische Westküste erwartet.

    Doch der Wind ist nicht das einzige Problem. Eine ausgeprägte Kaltfront bringt ergiebige Regenfälle mit sich, die sich von der Provence über das Rhône-Tal bis ins Elsass erstrecken. Innerhalb weniger Stunden werden teils enorme Niederschlagsmengen erwartet. Dazu gesellt sich ein rascher Temperatursturz: Ab der Mittagszeit sinken die Werte landesweit auf unter 15 Grad – einzig die Mittelmeerküste bleibt noch etwas verschont.

    Vom Sturm zum Schauerchaos

    Mit dem Eintreffen der kalten Luft könnten sich vielerorts kräftige Schauer und Gewitter bilden. „Es besteht die Gefahr von lokalen Wirbelphänomenen – etwa Tromben über dem Meer oder sogar kleinen Tornados“, warnt Tual. Erst Anfang der Woche hatte ein solches Unwetter im Val-d’Oise ein Todesopfer gefordert und neun Menschen verletzt.

    Hinter der Kaltfront wird der Himmel am Freitag aufreißen – allerdings nur stellenweise. Der sogenannte „ciel de traîne“, das typische Rückseitenwetter nach einem Sturm, bringt wechselhafte Bedingungen mit sich: Sonne, Wolken, Regenschauer, immer noch lebhafter Wind. Es bleibt also nass und ruppig, doch die ganz großen Sturmböen sollen dann abflauen.

    Regen als Segen

    So ungemütlich die Aussichten auch klingen – sie haben eine positive Seite. Die intensiven Niederschläge könnten helfen, die enorme Trockenheit der vergangenen Wochen zu lindern. „Eine gute Nachricht für die Feuchtigkeit der Böden, die für die Jahreszeit extrem niedrig ist“, heißt es von Météo-France.

    In vielen Regionen waren die Böden Anfang Oktober so ausgedörrt, dass selbst flächendeckender Regen kaum noch versickern konnte. Nun bietet die anhaltend feuchte Witterung eine Chance, das hydrologische Defizit zumindest teilweise auszugleichen. Für Landwirte und Forstbetriebe ist das ein Hoffnungsschimmer – auch wenn die Erntezeit unter den rauen Bedingungen zur Herausforderung wird.

    Herbst in Hochform

    Der Freitag markiert also keinen Schlussstrich, sondern eher den Auftakt zu einem wechselhaften Witterungsabschnitt. Laut Météo-France dürfte das Wochenende überwiegend nass bleiben. Regen und Schnee – ja, in höheren Lagen kann es den ersten Flocken geben – konzentrieren sich dann auf Alpen, Pyrenäen und das Zentralmassiv. Gleichzeitig sinken die Temperaturen weiter unter die jahreszeitlichen Durchschnittswerte.

    Kurzum: Der Herbst zeigt, was er kann.

    Nach Wochen ungewöhnlicher Wärme schaltet Frankreich schlagartig um – von goldenem Oktober auf graue, stürmische Realität. Ob es sich dabei nur um ein kurzes Intermezzo oder den Beginn einer länger anhaltenden Westwetterlage handelt, ist noch offen. Sicher ist jedoch: Der Donnerstag wird ein Tag, an dem man besser drinnen bleibt – mit heißem Tee, fest verschlossenen Fenstern und einem wachsamen Blick nach draußen.

    Autor: Andreas M. Brucker