Schlagwort: Antisemitismus

  • Macron sucht den Dialog mit Frankreichs Jugend – und verspricht Reformen

    Macron sucht den Dialog mit Frankreichs Jugend – und verspricht Reformen

    Frankreichs Präsident Emmanuel Macron räumt im Interview mit HugoDécrypte Fehler im Umgang mit den Schülerprotesten ein. Zugleich verteidigt er seine Sicherheits- und Wirtschaftspolitik, kündigt Veränderungen beim Hochschulzugang an und warnt vor wachsendem Rassismus und Antisemitismus. Sein Auftritt zeigt den Versuch, eine gesellschaftliche Krise durch Dialog zu entschärfen, ohne den eigenen politischen Kurs grundsätzlich aufzugeben. Paris, 29. Oktober 2026 Emmanuel Macron hat sich in einer politisch angespannten Situation direkt an die junge Generation gewandt. Im Gespräch mit dem Journalisten Hugo Travers, dessen Nachrichtenformat HugoDécrypte besonders unter Jugendlichen ein großes Publikum erreicht, sprach der französische Präsident über Schulblockaden, Polizeigewalt, Bildungsreformen und gesellschaftliche Spannungen. Das am 28. Oktober veröffentlichte Interview verband ungewöhnlich deutliche Selbstkritik mit der Verteidigung zentraler Regierungsentscheidungen. Schülerproteste: Ma…

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  • Wenn Erinnerung zur politischen Bewährungsprobe wird

    Wenn Erinnerung zur politischen Bewährungsprobe wird

    Es sind zwei sehr verschiedene Affären, und gerade deshalb lohnt der Vergleich. Im sächsischen Heidenau beschliesst eine kommunale Mehrheit unter Beteiligung von CDU und AfD, keine neuen Stolpersteine mehr im öffentlichen Strassenraum zuzulassen. In Frankreich erschüttern derweil Veröffentlichungen über antisemitische Äusserungen, die Jordan Bardella aus seiner politischen Jugend zugeschrieben werden, die Normalisierungsstrategie des Rassemblement national. Beide Vorgänge berühren dieselbe empfindliche Stelle europäischer Politik: die Frage, wie weit sich Parteien von den historischen Belastungen der extremen Rechten tatsächlich entfernt haben – und wie belastbar die Grenzen sind, welche die bürgerliche Rechte gegenüber ihr zieht. Heidenau und die Verlagerung der Erinnerung Die Entscheidung des Stadtrats von Heidenau wirkt auf den ersten Blick provinziell. Eine Stadt mit rund 17 000 Einwohnern entscheidet darüber, wie sie ihrer Opfer des Nationalsozialismus gedenken will. Doch die poli…

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  • Die digitalen Spuren des Jordan Bardella: Was Mediapart tatsächlich vorgelegt hat

    Die digitalen Spuren des Jordan Bardella: Was Mediapart tatsächlich vorgelegt hat

    Die Affäre um mutmasslich antisemitische Äusserungen Jordan Bardellas hat eine neue Dimension erreicht. Nachdem der Vorsitzende des Rassemblement National die ersten Enthüllungen von Mediapart als Fälschungen zurückgewiesen hatte, veröffentlichte das französische Investigativmedium am Donnerstag, dem 1. Oktober, erstmals ausführlich jene Dokumente und technischen Indizien, auf die es seine Recherchen stützt. Im Mittelpunkt stehen Messenger-Unterhaltungen aus den Jahren 2013 und 2014, von Meta bereitgestellte Nutzerdaten, die Feststellung eines Gerichtsvollziehers sowie E-Mails und biografische Details. Damit hat sich der Charakter der Auseinandersetzung verändert. Es geht nicht mehr allein um die Glaubwürdigkeit anonymer Quellen oder um leicht manipulierbare Bildschirmaufnahmen. Zur Debatte steht nun, wie belastbar eine digitale Beweiskette sein kann – und ob sie tatsächlich zu Bardella führt. Dieser bestreitet die Urheberschaft weiterhin kategorisch. Zwei voneinander unabhängige Quell…

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  • Hm, warum wohl traut man ihm das zu?

    Hm, warum wohl traut man ihm das zu?

    Kommentar Hm. Warum wohl traut man Jordan Bardella so etwas zu? Das ist doch eigentlich die interessanteste Frage an dieser ganzen Geschichte. Mediapart veröffentlicht Nachrichten aus den Jahren 2013 bis 2015, die Bardella zugeschrieben werden und antisemitische Verschwörungserzählungen enthalten sollen. Bardella sagt: Fälschung! „Grobe Fälschungen“ sogar. Er hat Mediapart wegen Verleumdung verklagt. Mediapart wiederum erklärt: Doch, authentifiziert – und weitere Belege folgen. Also: Bis die Beweise auf dem Tisch liegen, wissen wir nicht, wer recht hat. Aber jetzt kommt der interessante Teil. Warum explodiert diese Geschichte eigentlich derart? Vielleicht, weil wir hier nicht über den Vorsitzenden des französischen Kaninchenzüchterverbandes reden. Bardella führt den Rassemblement National. Also jene Partei, die früher Front National hieß und deren Gründer Jean-Marie Le Pen jahrzehntelang dafür sorgte, dass man beim Wort „Entdämonisierung“ überhaupt erst erklären musste, welcher Dämon d…

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  • Der 14. Mai in Frankreich: Zwischen Revolte, Erinnerung und rotem Teppich

    Der 14. Mai in Frankreich: Zwischen Revolte, Erinnerung und rotem Teppich

    Der 14. Mai wirkt im französischen Kalender zunächst unscheinbar. Kein Nationalfeiertag, keine Militärparaden. Und doch trägt dieses Datum eine erstaunliche politische und kulturelle Wucht in sich. Frankreich wäre schließlich nicht Frankreich, wenn selbst ein gewöhnlicher Frühlingstag nicht Stoff für historische Debatten, gesellschaftliche Spannungen und große Inszenierungen liefern würde.

    Besonders tief eingebrannt bleibt der Mai 1968.

    Rund um den 14. Mai erreichte die Protestbewegung damals eine neue Dimension. Was mit Studentenprotesten in Paris begonnen hatte, schwappte plötzlich auf das ganze Land über. Universitäten wurden besetzt, Arbeiter streikten, Fabriken standen still. Innerhalb weniger Tage verwandelte sich Frankreich in ein Pulverfass. Millionen Menschen legten die Arbeit nieder — ein Vorgang, der bis heute als einer der größten Generalstreiks Europas gilt.

    Die Bilder jener Wochen wirken noch immer nach: Barrikaden im Quartier Latin, junge Demonstranten mit Pflastersteinen in den Händen, Rauchschwaden über Paris. Präsident Charles de Gaulle schien zeitweise die Kontrolle über das Land zu verlieren. Frankreich diskutierte plötzlich alles gleichzeitig — Macht, Freiheit, Kapitalismus, Sexualmoral, Bildung, Hierarchien. Das alte Frankreich bekam Risse. Und zwar gewaltige.

    Bis heute entzündet sich an „Mai 68“ fast reflexartig Streit. Für manche markierte diese Revolte den Beginn eines moderneren, freieren Landes. Andere sehen darin den Startschuss für den schleichenden Verlust staatlicher Autorität und gesellschaftlicher Ordnung. In französischen Talkshows reicht oft schon das Stichwort „68“, und zack — die nächste Grundsatzdebatte läuft heiß.

    Doch der 14. Mai erinnert Frankreich auch an ein düsteres Kapitel seiner Geschichte.

    Am 14. Mai 1941 begann die sogenannte „Rafle du billet vert“, eine der ersten großen Verhaftungsaktionen gegen Juden im besetzten Frankreich. Tausende Männer, viele von ihnen ausländische Juden, wurden damals von französischen Behörden vorgeladen, festgenommen und später interniert. Dass die französische Polizei aktiv an diesen Maßnahmen beteiligt war, zählt bis heute zu den schmerzhaftesten Punkten der nationalen Erinnerungskultur.

    Lange tat sich Frankreich schwer mit dieser Vergangenheit. Jahrzehntelang dominierte die Erzählung eines Landes des Widerstands. Erst später rückte die Verantwortung des Vichy-Regimes stärker ins öffentliche Bewusstsein. Heute gehört diese Aufarbeitung fest zur politischen Kultur Frankreichs. Gerade angesichts wachsender antisemitischer Spannungen gewinnt die Erinnerung an solche Ereignisse erneut an Gewicht. Geschichte liegt hier eben nie staubig im Archiv — sie sitzt mit am Tisch.

    Und dann gibt es noch die andere Seite Frankreichs: Glamour, Kino und große Bühne.

    Im Mai richtet sich der Blick traditionell nach Cannes. Während an den Stränden der Côte d’Azur Fotografen um die besten Bilder kämpfen, präsentiert sich Frankreich als Kulturnation mit globalem Anspruch. Das Filmfestival von Cannes ist weit mehr als eine Ansammlung schöner Kleider und berühmter Gesichter. Hier treffen Politik, Kunst und Selbstinszenierung aufeinander. Französische Kulturpolitik versteht Film seit Jahrzehnten als Teil nationaler Identität — fast so ernst wie andere Länder ihre Außenpolitik.

    Manchmal wirkt Cannes wie ein Paralleluniversum zum politischen Alltag in Paris. Dort Streiks und Rentendebatten, hier Blitzlichtgewitter und Champagner. Irgendwie passt genau dieser Kontrast perfekt zu Frankreich.

    Auch sportlich fällt der 14. Mai häufig in eine heiße Phase der Saison. Fußballmeisterschaften entscheiden sich, Pokalfinals stehen an, ganze Städte geraten in kollektive Nervosität. Fußball besitzt in Frankreich längst eine Bedeutung, die weit über den Sport hinausgeht. Fragen nach Integration, sozialem Aufstieg und nationalem Zusammenhalt spiegeln sich regelmäßig auf dem Platz wider.

    Der 14. Mai zeigt deshalb exemplarisch, wie Frankreich tickt: Dieses Land lebt von Erinnerung, Widerspruch und Leidenschaft. Vergangenheit und Gegenwart prallen hier ständig aufeinander. Selbst ein scheinbar gewöhnlicher Tag im Kalender öffnet plötzlich ein Fenster auf die großen französischen Themen — Revolte, Verantwortung, Kultur und gesellschaftliche Identität.

    Von C. Hatty

  • Mitten am 8. Mai: Wenn der Geist von Vichy plötzlich wieder aus den Lautsprechern kriecht

    Mitten am 8. Mai: Wenn der Geist von Vichy plötzlich wieder aus den Lautsprechern kriecht

    Manchmal fragt man sich ernsthaft, ob manche Leute in Frankreich Geschichte nur noch als dekorative Hintergrundtapete betrachten. Ein bisschen vergilbt, ein bisschen verstaubt — und ach, warum nicht mal den Soundtrack einer der dunkelsten Epochen des Landes auf einer öffentlichen Gedenkfeier abspielen? Wird schon keiner merken. Oder schlimmer: Manche merken es eben ganz genau.

    Carpentras. Ausgerechnet Carpentras.

    Ein Name, der sich längst tief ins französische Gedächtnis eingebrannt hat. Nicht wegen Lavendelfeldern oder provenzalischer Postkartenromantik, sondern wegen einer Schändung des jüdischen Friedhofs im Jahr 1990, die damals ganz Frankreich erschütterte. Hunderttausende gingen auf die Straße. Politiker, Intellektuelle, Bürger — plötzlich war da ein Land, das begriff, wie dünn die Kruste der Zivilisation manchmal tatsächlich ist.

    Und jetzt?

    Da steht man am 8. Mai, jenem Tag, an dem Europa die Niederlage des Nationalsozialismus feiert, und aus Lautsprechern ertönt „Maréchal, nous voilà!“. Jenes Lied, das unter dem Vichy-Regime zur musikalischen Tapete der Kollaboration wurde. Ein Propagandalied für Philippe Pétain — den Mann, dessen Regierung Juden deportieren ließ, Gegner an die Gestapo auslieferte und Frankreich moralisch auf den Bauch drehte.

    Aber sicher. War bestimmt nur ein Versehen.

    Vielleicht hat auch einfach jemand auf Spotify die falsche Playlist erwischt. Passiert ja ständig zwischen „Chansons françaises“ und „Soundtrack autoritärer Regime“. Ein Klick daneben — zack, schon grölt die Hymne der Kollaboration über den Platz vor dem Kriegerdenkmal. Blöd gelaufen.

    Der Sarkasmus drängt sich auf, weil die Alternative zu unerquicklich wäre.

    Denn natürlich geht es hier nicht bloß um ein Lied. Nicht um Nostalgie. Nicht um irgendeinen historischen Fehltritt betrunkener Provinzfolklore. Wer heute solche Symbole öffentlich auftauchen lässt, weiß sehr genau, mit welchem Feuer er spielt. Die Codes sind bekannt. Die Geschichte ebenfalls.

    Und genau darin liegt die eigentliche Erschütterung.

    Achtzig Jahre nach der Befreiung müsste man eigentlich glauben, gewisse rote Linien seien in Stein gemeißelt. Gerade der 8. Mai besitzt in Frankreich beinahe sakralen Charakter. Ein Tag der Erinnerung an Besatzung, Deportation, Verrat und Befreiung. Ein Tag, an dem die Republik sich selbst versichert, dass sie die Lektionen ihrer Geschichte verstanden hat.

    Offenbar gilt das nicht für alle.

    Die Ermittlungen laufen nun. Staatsanwälte prüfen, wer die Musik auswählte, wer verantwortlich ist, ob Provokation oder politische Absicht dahintersteckt. Juristisch mag das notwendig sein. Moralisch wirkt die Sache allerdings erschreckend eindeutig.

    Denn niemand spielt zufällig ein Pétain-Lied auf einer Gedenkveranstaltung zum Sieg über die Nazis.

    Niemand.

    Und falls doch, wäre das fast noch schlimmer. Dann stünde nämlich nicht ideologische Provokation im Raum, sondern historische Verwahrlosung. Eine Form geistiger Gleichgültigkeit, die mindestens ebenso gefährlich wirkt. Wer Symbole des Vichy-Regimes nicht mehr erkennt oder ihre Bedeutung achselzuckend relativiert, öffnet Türen, die besser für immer verriegelt blieben.

    Gerade heute.

    Denn Frankreich erlebt seit Jahren eine fiebrige Debatte über nationale Identität, Erinnerungskultur und die Rückkehr alter Dämonen im neuen Gewand. Antisemitische Vorfälle nehmen zu. Extreme Positionen gewinnen an Lautstärke und Sichtbarkeit. Geschichtsrevisionismus schleicht nicht mehr nur in dunklen Internetforen herum, sondern tastet sich zunehmend in öffentliche Räume vor — mal verkleidet als „Provokation“, mal als angebliche „Meinungsfreiheit“, mal als dumpfer Kulturkampf gegen alles und jeden.

    Und immer wieder dieselbe alte Methode: testen, wie weit man gehen kann.

    Ein Lied hier. Eine Anspielung dort. Ein Symbol, ein Zwinkern, ein kalkulierter Tabubruch. Nicht offen genug, um sofort alles zuzugeben. Aber deutlich genug, damit Gleichgesinnte verstehen.

    Das Bittere daran: Solche Momente vergiften genau jene Gedenkkultur, die eigentlich verbinden soll. Der 8. Mai erinnert nicht nur an militärischen Sieg. Er erinnert daran, wohin Hass, Menschenverachtung und nationalistischer Wahn führen können. Dass Demokratien sterblich sind. Dass Republiken kollabieren können, wenn genug Menschen wegsehen oder schweigen.

    Pétain war kein Betriebsunfall der Geschichte. Er war das Produkt einer Gesellschaft, die Angst, Ressentiments und Autoritätssehnsucht über Freiheit stellte.

    Vielleicht liegt genau darin die unangenehme Aktualität des Falls von Carpentras.

    Denn Geschichte verschwindet nie wirklich. Sie sitzt oft still in den Ecken demokratischer Gesellschaften und wartet darauf, wieder hervorgeholt zu werden — manchmal von Fanatikern, manchmal von Zynikern und manchmal schlicht von Leuten, die glauben, mit Erinnerung könne man ein bisschen spielen wie mit einem alten Requisitenkoffer.

    Bis plötzlich alle merken: Das ist kein Theater mehr.

    Und genau deshalb reagieren so viele Franzosen auf diesen Vorfall mit Wut. Nicht aus übertriebener Empfindlichkeit. Sondern weil manche historischen Symbole kein harmloser Klamauk sind. Sie tragen Blut, Verrat und Erniedrigung in sich. Wer sie öffentlich rehabilitiert oder banalisiert, rührt an offenen Nerven eines Landes, das bis heute mit seiner Vergangenheit ringt.

    Carpentras hätte das wissen müssen.

    Gerade Carpentras.

    Von C. Hatty

  • Mit Pierre-François Veil verliert Frankreich einen stillen Hüter der Erinnerung

    Mit Pierre-François Veil verliert Frankreich einen stillen Hüter der Erinnerung

    Mit dem Tod von Pierre-François Veil verliert Frankreich eine Persönlichkeit, die zwar selten im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit stand, jedoch eine zentrale Rolle in der französischen Erinnerungskultur zur Shoah spielte. Der Jurist, Sohn von Simone Veil, gehörte über Jahrzehnte zu jenen Akteuren, die die historische Aufarbeitung des Holocaust in Frankreich institutionell absicherten und zugleich gegen das schleichende Vergessen arbeiteten. Sein Tod markiert daher nicht nur das Ende eines persönlichen Lebenswegs, sondern auch einen symbolischen Einschnitt für die französische Gedächtnispolitik. Pierre-François Veil wurde 72 Jahre alt. Als Präsident der Fondation pour la mémoire de la Shoah hatte er in den vergangenen Jahren maßgeblich dazu beigetragen, die Arbeit der Stiftung auszubauen und an neue gesellschaftliche Herausforderungen anzupassen. Die Anfang der 2000er Jahre gegründete Institution unterstützt historische Forschung, Bildungsprogramme, Archive sowie Überlebende …

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  • Ein abgesagtes Konzert und ein aufgeladener Diskurs: Frankreich ringt mit den Grenzen der Kunstfreiheit

    Ein abgesagtes Konzert und ein aufgeladener Diskurs: Frankreich ringt mit den Grenzen der Kunstfreiheit

    Was als gewöhnlicher Konzerttermin begann, entwickelte sich binnen weniger Wochen zu einem Politikum, das weit über Marseille hinaus Wellen schlägt. Der geplante Auftritt von Kanye West am 11. Juni 2026 geriet ins Kreuzfeuer einer Debatte, die Frankreich derzeit intensiver beschäftigt als so manch k…

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  • Zwischen Antisemitismusbekämpfung und Meinungsfreiheit: Frankreichs umstrittenes Gesetzesvorhaben

    Zwischen Antisemitismusbekämpfung und Meinungsfreiheit: Frankreichs umstrittenes Gesetzesvorhaben

    Die Debatte um die von Caroline Yadan eingebrachte Gesetzesinitiative zur Bekämpfung „neuer Formen des Antisemitismus“ entwickelt sich zu einem politischen Brennpunkt in Frankreich. Was als Reaktion auf eine Zunahme antisemitischer Vorfälle gedacht ist, berührt zentrale Fragen liberaler Demokratien: Wo verläuft die Grenze zwischen strafbarer Hetze und legitimer politischer Kritik? Und inwiefern darf der Staat in diese Grenzziehung eingreifen? Ein Gesetz im Schatten geopolitischer Spannungen Die Vorlage, eingebracht im November 2024, ist ohne den Kontext der Ereignisse seit dem 7. Oktober 2023 kaum zu verstehen. Die andauernde Eskalation im Nahen Osten hat auch in Europa zu einer spürbaren Polarisierung geführt. In Frankreich registrierten Behörden eine deutliche Zunahme antisemitischer Vorfälle – von Schmierereien bis hin zu tätlichen Angriffen. Die Initiatoren des Gesetzes argumentieren, dass sich Antisemitismus gewandelt habe. Klassische Stereotype träten zunehmend in den Hintergrund…

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  • Kommentar: Die Republik im Alarmzustand – und die Demokratie im Stresstest

    Kommentar: Die Republik im Alarmzustand – und die Demokratie im Stresstest

    Frankreich kennt diese Schlagzeilen.
    Leider.

    Zwei Brüder. Zwanzig und zweiundzwanzig Jahre alt.
    Ein Ingenieurstudent und ein junger Mann ohne Arbeit.
    Im Auto: eine geladene Pistole, Chemikalien, Symbole des sogenannten Islamischen Staates. Dazu digitale Spuren voller jihadistischer Propaganda. Und der Traum vom Märtyrertod – jener grotesken Verklärung des Mordens, die Terroristen gern als religiöse Heldengeschichte verkaufen.

    Die französische Antiterrorstaatsanwaltschaft spricht von einem „mortifère et antisémite“-Vorhaben – tödlich, antisemitisch.
    Ein Anschlag, der möglichst viele Opfer fordern sollte.

    Man liest diese Worte und spürt sofort das alte, vertraute Frösteln: die Erinnerung an Bataclan, an Charlie Hebdo, an Nizza. An all jene Orte, an denen Terroristen versucht haben, die offene Gesellschaft zu zerreißen wie ein altes Tischtuch.

    Die Sicherheitsbehörden haben die Brüder offenbar rechtzeitig gestoppt.
    Gut so.

    Doch während die Justiz ihre Arbeit macht, beginnt anderswo eine andere Art von politischer Verwertung.

    Denn kaum taucht ein solcher Fall auf, beginnt ein vertrautes Schauspiel. Auf den Marktplätzen der Politik werden die Megafone ausgepackt. Manche Parteien reiben sich bereits die Hände – nicht aus Sorge um die Sicherheit, sondern aus Freude über ein neues Wahlkampfthema.

    Angst ist schließlich eine äußerst profitable politische Ressource.

    Und Frankreich steht mitten im Kommunalwahlkampf.

    Es gehört zu den bitteren Ironien der europäischen Gegenwart, dass Terrorismus und Rechtspopulismus in einer unheimlichen Wechselwirkung stehen. Der Terror produziert Angst. Die Angst produziert Stimmen. Und Stimmen produzieren Macht.

    Ein makabrer politischer Kreislauf.

    Natürlich ist die Bedrohung real. Niemand, der bei Verstand ist, wird sie kleinreden. Frankreich lebt seit Jahren mit einer terroristischen Gefahr, die sich verändert hat: weniger große Netzwerke, dafür mehr kleine Gruppen, manchmal sogar Einzelpersonen, radikalisiert vor dem Bildschirm, in dunklen Ecken des Internets.

    Das Muster ist bekannt.

    Junge Menschen, die sich in virtuellen Parallelwelten verlieren. Propaganda, die ihnen einredet, Mord sei eine religiöse Pflicht. Die Fantasie vom heroischen Opfer – eine groteske Mischung aus religiösem Fanatismus und pubertärem Größenwahn.

    Und plötzlich wird aus einem Chatroom ein Tatplan.

    All das ist real.
    All das ist gefährlich.

    Aber ebenso real ist die politische Versuchung, jede solche Geschichte in eine einfache Parole zu verwandeln.

    „Seht ihr!“, rufen dann die Lautsprecher der extremen Rechten. „Die Republik ist schwach. Die Einwanderung ist schuld. Die Lösung ist Härte.“

    Als wäre Politik ein Vorschlaghammer.

    Dabei ignorieren diese Parolen eine entscheidende Tatsache: Die französischen Sicherheitsbehörden haben den Anschlag verhindert. Ermittler, Richter, Geheimdienste – sie funktionieren. Sie beobachten, analysieren, greifen ein.

    Der Staat handelt.

    Aber im politischen Theater der Angst zählt diese Realität wenig. Erfolg verkauft sich schlecht. Angst verkauft sich hervorragend.

    Und so entsteht ein politisches Narrativ, das ungefähr so differenziert ist wie ein Graffiti auf einer Bahnhofstoilette.

    „Migration gleich Terror.“

    Fertig.

    Dabei erzählt der Fall der beiden Brüder eine viel kompliziertere Geschichte. Eine Geschichte über Online-Radikalisierung, über gescheiterte Biografien, über ideologische Verführung in digitalen Echokammern.

    Und über antisemitischen Hass, der in Europa wieder lauter geworden ist – aus verschiedenen politischen und religiösen Milieus.

    Doch differenzierte Analysen haben ein Problem: Sie passen nicht auf Wahlplakate.

    Also wird die Realität verkürzt.
    Bis sie in eine Parole passt.

    Das funktioniert erstaunlich gut. Angst ist ein politischer Turbo. Wer sie schürt, gewinnt Aufmerksamkeit – und manchmal auch Wahlen.

    Die extreme Rechte in Frankreich weiß das. Sie spielt dieses Spiel seit Jahren mit der Präzision eines Uhrmachers.

    Und jede vereitelte Terrorgeschichte wird sofort in die gleiche politische Erzählung eingebaut: Der Staat sei zu weich, die Demokratie zu naiv, die Lösung liege in autoritärer Stärke.

    Als hätte man in Europa nicht schon einmal erlebt, wohin solche politischen Fantasien führen.

    Natürlich verlangt Terrorismus entschlossene Antworten. Polizei, Geheimdienste, internationale Zusammenarbeit – all das bleibt notwendig.

    Aber wer glaubt, die Antwort auf Terror bestehe darin, demokratische Prinzipien auszuhöhlen oder ganze Bevölkerungsgruppen unter Generalverdacht zu stellen, hat den Kern des Problems nicht verstanden.

    Terrorismus zielt auf Angst.

    Und Populismus lebt von Angst.

    In dieser Hinsicht sind sie unfreiwillige Verbündete.

    Der eine versucht, die Gesellschaft durch Gewalt zu erschüttern.
    Der andere nutzt die Erschütterung, um politisches Kapital daraus zu schlagen.

    Am Ende steht eine Demokratie, die sich nicht nur gegen Bomben verteidigen muss, sondern auch gegen politische Vereinfachung.

    Die eigentliche Stärke einer offenen Gesellschaft liegt nämlich nicht in ihrer Härte. Sondern in ihrer Fähigkeit, gleichzeitig wachsam und frei zu bleiben.

    Das klingt kompliziert.

    Ist es auch.

    Demokratie ist kein Vorschlaghammer.
    Sie ist eher ein Uhrwerk – fein, empfindlich, präzise. Und genau deshalb anfällig für jene, die sie mit groben Parolen zertrümmern möchten.

    Der vereitelte Anschlagsplan aus dem Pas-de-Calais erinnert daran, dass Terrorismus weiterhin existiert. Aber er erinnert auch an etwas anderes: an die Verantwortung der Politik.

    Angst erklärt vieles.
    Sie entschuldigt nichts.

    Wer Terror bekämpfen will, darf nicht gleichzeitig die demokratische Kultur beschädigen, die er zu verteidigen vorgibt.

    Sonst gewinnen am Ende zwei Kräfte gleichzeitig:
    die Fanatiker mit ihren Bombenfantasien – und die Populisten mit ihren einfachen Antworten.

    Und das, um es einmal ganz unakademisch zu sagen, wäre wirklich eine verdammt schlechte Nachricht für Europa.

    Ein Kommentar von Andreas M. Brucker