Schlagwort: Angers

  • Wenn zwei Religionen denselben Tisch teilen

    Wenn zwei Religionen denselben Tisch teilen

    Der Duft von Suppe zieht durch den Raum.

    Datteln liegen auf kleinen Tellern, daneben Brot, Tee, ein paar Schalen mit einfachen Gerichten. Menschen sitzen dicht beieinander, manche kennen sich, andere sehen sich zum ersten Mal. Ein paar Minuten noch. Dann endet das Warten.

    Und plötzlich wirkt dieser Moment größer als das Essen selbst.

    An diesem Abend in Angers geschieht etwas, das im hektischen politischen Alltag Frankreichs selten Aufmerksamkeit erhält: Muslime und Katholiken brechen gemeinsam ihr Fasten. Ramadan und christliche Fastenzeit begannen 2026 am selben Tag – dem 18. Februar. Ein Zufall im Kalender, der sich in dieser Stadt an der Loire in eine kleine, sehr menschliche Geschichte verwandelt.

    Nicht laut.

    Nicht spektakulär.

    Aber spürbar.

    Der Abend steht unter einem einfachen Gedanken: Begegnung. Die Diözese spricht früh von einem „Weg der Geschwisterlichkeit“. Klingt zunächst ein wenig nach kirchlicher Wortwahl. Doch im Laufe der Wochen wächst daraus etwas Greifbares.

    Menschen treffen sich.

    Sie reden.

    Sie hören einander zu.

    Und irgendwann sitzen sie gemeinsam am Tisch.

    In Frankreich wirkt so ein Bild keineswegs selbstverständlich. Das Land ringt seit Jahren mit der Rolle von Religion im öffentlichen Raum. Debatten über Laizität, religiöse Symbole, kulturelle Identität oder Integration verlaufen oft angespannt. Religion erscheint in Schlagzeilen häufig als Konfliktstoff – selten als Brücke.

    Umso erstaunlicher wirkt dieser Abend in Angers.

    Keine Podiumsdiskussion.

    Keine politischen Reden.

    Nur ein gemeinsames Warten auf den Moment, in dem das Fasten endet.

    Ist das naiv? Vielleicht fragen manche genau das.

    Doch wer genauer hinsieht, entdeckt etwas anderes.

    Ramadan und Carême, also die christliche Fastenzeit, unterscheiden sich natürlich in vielen Details. Muslime fasten tagsüber vollständig, Christen verzichten traditionell auf bestimmte Speisen oder Gewohnheiten. Die theologischen Hintergründe folgen eigenen Wegen.

    Und dennoch berühren sich die Erfahrungen.

    Verzicht.

    Stille.

    Selbstprüfung.

    Die Frage nach dem eigenen Leben vor Gott – oder zumindest vor dem eigenen Gewissen.

    Wer fastet, kennt dieses Gefühl: Der Tag zieht sich ein wenig länger. Der Körper erinnert ständig daran, dass etwas fehlt. Gleichzeitig entsteht eine seltsame Klarheit.

    Man denkt anders.

    Man hört genauer hin.

    Und man merkt plötzlich, wie sehr Gewohnheiten den Alltag bestimmen.

    Fasten wirkt wie ein kleines Innehalten mitten im Jahr.

    Ein Stoppschild im eigenen Rhythmus.

    In Angers fällt dieses Innehalten 2026 für Christen und Muslime auf denselben Zeitraum. Die örtliche Kirche erkennt darin früh eine Gelegenheit. Begegnungen zwischen den Religionen sollen entstehen – nicht als theoretische Debatte, sondern als Erfahrung.

    Die Idee klingt simpel.

    Aber genau das verleiht ihr Kraft.

    Schon Ende Februar organisieren Gemeinden im Département Maine et Loire erste Treffen. In einer Pfarrei findet ein Solidaritätsfastentag statt. Menschen kommen zusammen zum Gebet, zu Gesprächen, zu Lesungen.

    Und irgendwann taucht diese Idee auf: Warum nicht gemeinsam das Fasten brechen?

    Der Gedanke wirkt beinahe selbstverständlich.

    Doch wer Frankreich kennt, weiß, dass solche Gesten nicht immer leicht entstehen. Das Verhältnis zwischen Religion und Öffentlichkeit besitzt hier eine besondere Geschichte. Der republikanische Laizismus trennt Staat und Glauben streng.

    Manchmal entsteht daraus eine gewisse Nervosität gegenüber sichtbarer Religiosität.

    Umso bemerkenswerter wirkt, wenn Menschen aus verschiedenen Traditionen freiwillig aufeinander zugehen.

    Ohne Pathos.

    Ohne ideologische Absicht.

    Einfach aus Neugier.

    Der Abend in Angers zeigt genau das.

    Ein paar Teilnehmer erzählen später, wie ähnlich sich ihre Erfahrungen während des Fastens anfühlen. Hunger als Erinnerung an Bedürftige. Das Bedürfnis nach innerer Ordnung. Die Suche nach Sinn jenseits des Alltagslärms.

    Plötzlich entstehen Gespräche, die sonst vielleicht nie stattfinden würden.

    Wie betest du?

    Warum fastest du?

    Was bedeutet dir dieser Monat?

    Fragen, die nicht trennen, sondern öffnen.

    Manche lachen dabei.

    Andere erzählen kleine persönliche Geschichten. Einer berichtet, wie schwierig die ersten Tage des Fastens für ihn jedes Jahr sind. Eine ältere Frau erinnert sich an die Fastenzeiten ihrer Kindheit.

    Der Tisch verwandelt sich langsam in einen Ort gemeinsamer Erfahrungen.

    Und irgendwann ertönt das Zeichen zum Fastenbrechen.

    Datteln gehen herum.

    Gläser klirren leise.

    Ein paar Sekunden später beginnen alle zu essen.

    Dieser Moment besitzt etwas beinahe Symbolisches. Hunger verschwindet, Gespräche werden lebhafter, der Raum füllt sich mit Stimmen.

    Ein Teilnehmer sagt lächelnd: „Es ist wunderschön, zusammen zu sein.“

    Ein einfacher Satz.

    Doch manchmal tragen gerade einfache Sätze eine besondere Wahrheit.

    Natürlich löst ein gemeinsamer Iftar keine gesellschaftlichen Spannungen. Frankreich bleibt ein Land intensiver Debatten über Religion, Identität und Integration. Politische Konflikte verschwinden nicht über Nacht.

    Niemand in Angers erwartet so etwas.

    Der Wert dieser Begegnung liegt woanders.

    Sie zeigt eine Möglichkeit.

    Nicht mehr.

    Aber auch nicht weniger.

    Man könnte sagen: Diese Abende wirken wie kleine Experimente im Alltag. Menschen testen, ob Vertrauen entstehen kann. Nicht durch Programme oder Konzepte, sondern durch gemeinsame Erfahrungen.

    Und genau dort entfaltet sich ihre Stärke.

    Vertrauen wächst selten aus abstrakten Argumenten. Es wächst aus Begegnungen, die sich wiederholen. Ein Gespräch hier, ein gemeinsames Essen dort.

    Langsam entsteht Vertrautheit.

    Ganz nebenbei.

    Fast unbemerkt.

    Interessant wirkt auch der Blick von außen. Beobachter aus Deutschland oder der Schweiz verbinden Frankreich oft mit einem besonders strengen Verständnis von Säkularität. Das Bild stimmt teilweise, doch es zeigt nur einen Ausschnitt.

    Parallel existiert eine sehr praktische Realität.

    Lokale Gemeinden.

    Vereine.

    Nachbarschaften.

    Dort entstehen Begegnungen, die wenig mit großen ideologischen Debatten zu tun haben. Menschen organisieren Veranstaltungen, helfen einander, diskutieren – manchmal auch leidenschaftlich.

    Aber sie bleiben im Gespräch.

    Angers liefert ein schönes Beispiel für diese bodenständige Ebene des Zusammenlebens.

    Weder Kirche noch Moschee stellen den Staat infrage.

    Niemand fordert politische Sonderrechte.

    Stattdessen entsteht ein Raum zwischen den Institutionen – ein gesellschaftlicher Zwischenbereich, den Politik allein kaum gestalten kann.

    Genau dort entfaltet sich ziviles Leben.

    Vielleicht liegt darin eine unterschätzte Stärke moderner Gesellschaften.

    Nicht jede Lösung kommt aus Parlamenten.

    Manche entstehen am Küchentisch.

    Oder an einem Tisch voller Datteln und Suppe.

    Der Kalender spielt dabei eine erstaunliche Rolle. Dass Ramadan und Fastenzeit 2026 gleichzeitig beginnen, wirkt wie ein kleiner kosmischer Zufall. Solche Überschneidungen tauchen selten auf.

    Doch wenn sie erscheinen, öffnen sie neue Perspektiven.

    Christen und Muslime erleben plötzlich ähnliche Rhythmen.

    Tage voller Verzicht.

    Abende voller Erwartung.

    Der Moment, in dem das Fasten endet, erhält in beiden Traditionen eine besondere Bedeutung. Er markiert nicht nur das Ende des Hungers, sondern auch ein Gefühl der Gemeinschaft.

    Alle haben gewartet.

    Alle haben durchgehalten.

    Alle dürfen jetzt essen.

    Ein gemeinsamer Fastenbruch verbindet diese Erfahrungen auf unerwartete Weise.

    Natürlich bleiben Unterschiede bestehen. Religiöse Traditionen besitzen eigene Geschichten, eigene Rituale, eigene Sprachen. Niemand versucht in Angers, diese Unterschiede zu verwischen.

    Gerade das macht die Begegnung glaubwürdig.

    Respekt statt Verschmelzung.

    Neugier statt Mission.

    Ein Teilnehmer formuliert es später ziemlich locker: „Am Ende sitzen wir alle am selben Tisch. Und der Hunger fühlt sich für jeden gleich an.“

    Recht hat er.

    Der Mensch bleibt Mensch – egal welche Religion.

    Vielleicht liegt darin die leise Botschaft dieses Abends.

    Interreligiöser Dialog funktioniert selten in Konferenzsälen. Dort reden oft Experten miteinander, während das echte Leben draußen vorbeizieht. Wirkliche Begegnungen entstehen meist in alltäglichen Situationen.

    Beim Kochen.

    Beim Essen.

    Beim Warten.

    Oder beim gemeinsamen Lachen über einen misslungenen Witz.

    Angers zeigt genau diese unspektakuläre Form des Dialogs. Keine Kameras, kein politisches Theater. Nur Menschen, die sich Zeit füreinander nehmen.

    Klingt banal?

    Vielleicht.

    Doch genau diese Banalität macht den Unterschied.

    Denn gesellschaftliche Spannungen entstehen häufig aus Distanz. Wer einander kaum kennt, füllt die Lücken mit Vorurteilen oder Ängsten. Begegnungen verändern diese Dynamik.

    Langsam.

    Schritt für Schritt.

    Ein Gespräch nach dem anderen.

    Und plötzlich merkt man: Der andere wirkt gar nicht so fremd.

    Der Abend in Angers erzählt daher von einem Frankreich, das selten im Mittelpunkt der Schlagzeilen steht. Ein Frankreich jenseits der lauten Debatten. Weniger polarisiert, weniger gereizt, manchmal sogar erstaunlich gelassen.

    Dort existieren Menschen, die einfach zusammenleben wollen.

    Mit Unterschieden.

    Mit Diskussionen.

    Aber ohne ständige Feindbilder.

    Ist das eine kleine Geschichte? Sicher.

    Doch gerade kleine Geschichten zeichnen oft ein genaueres Bild der Realität als große politische Analysen.

    Ein gemeinsamer Fastenbruch verändert nicht die Weltgeschichte.

    Aber er verändert einen Abend.

    Und vielleicht auch ein paar Perspektiven.

    Manchmal reicht genau das.

    Der Duft der Suppe verfliegt irgendwann, die Teller werden leer, Gespräche klingen langsam aus. Menschen stehen auf, verabschieden sich, versprechen ein Wiedersehen.

    Ein paar bleiben noch kurz stehen.

    Sie lachen.

    Sie reden weiter.

    Und draußen über Angers liegt eine ruhige Nacht.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Wenn der Katasterplan lügt: Wie ein Grundstücksfehler ein Haus zerschneidet

    Wenn der Katasterplan lügt: Wie ein Grundstücksfehler ein Haus zerschneidet

    Manchmal wirkt ein Rechtsstreit so absurd, dass man zunächst an einen schlechten Scherz denkt. Doch für Didier und Maryline Gautier aus Trélazé, nahe Angers, ist er bitterer Ernst. Das Ehepaar, seit 1981 Eigentümer seines Hauses, steht vor einer drastischen Konsequenz: Ein Teil ihrer Immobilie – darunter die Küche – muss abgerissen werden. Der Grund liegt in einem Katasterfehler aus den 1990er-Jahren, der Jahrzehnte später vor Gericht landete. Die Geschichte liest sich wie ein Lehrstück über Eigentumsrecht. In den 1990er-Jahren ließen die Gautiers ihr Haus erweitern. Die Bauarbeiten erfolgten mit offizieller Baugenehmigung, alles schien korrekt abgewickelt. Die neue Fläche integrierte sich vollständig in das Gebäude: Küche, Sanitärbereich, Wohnraum – also kein kleiner Schuppen im Garten, sondern ein zentraler Bestandteil des Alltags. Über drei Jahrzehnte lebte das Paar mit dieser Erweiterung, ohne dass jemand daran Anstoß nahm. Dann änderte sich die Nachbarschaft. Erst mit einem neuen …

    [wtr-time]

    Der weitere Text ist unseren Abonnenten vorbehalten.


    Warum ein Abo? Weil guter Journalismus seinen Preis hat.

    Information mag frei zugänglich sein – aber Journalismus ist kein Selbstläufer. Recherchen, Interviews, Faktenchecks und Einordnungen erfordern Zeit, Expertise und Verantwortung.

    Wer unabhängige, fundierte Berichterstattung will, muss sie ermöglichen. Werbefinanzierung allein reicht nicht – sonst entscheiden Klickzahlen über Inhalte.

    Ein Abonnement ist kein Eintrittsgeld, sondern ein Bekenntnis: zur Qualität, zur Unabhängigkeit und zu einer informierten Öffentlichkeit.

    Information ist frei. Journalismus kostet. Und genau deshalb lohnt sich ein Abo.


    Abo-Light – das Monatsabonnement zum schlanken Preis

    Alle Artikel für 0,50 € pro Woche. Das Abo wird monatlich mit 2 € abgerechnet und ist monatlich kündbar.

    Monatsabonnement buchen…


    Premium-Abo – das Jahresabonnement mit wertvollen Add-Ons

    Alle Artikel für 0,38 € pro Woche. Das Abo wird jährlich mit 20 € abgerechnet und ist jährlich kündbar.

    Das Premium-Jahres-Abo bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    Jahresabonnement buchen…


    Lebenslang – das Premium-Abo für immer

    Für eine einmalige Zahlung für nur 36 €. Unbegrenzter Zugriff – ein Leben lang.

    Das Premium-Abo-Lebenslang bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    „Abo-Lebenslang“ buchen…


     

     

  • Historische Hochwasser im Westen Frankreichs: Drei Départements weiter in höchster Alarmstufe

    Historische Hochwasser im Westen Frankreichs: Drei Départements weiter in höchster Alarmstufe

    Seit mehr als einem Monat regnet es über Teilen Frankreichs – und selbst eine kurze Regenpause bringt keine echte Entwarnung. Am Freitag, dem 20. Februar, bestätigte der nationale Wetterdienst Météo-France die Hochwasserwarnung Rot für drei westliche Départements. Es ist die höchste Alarmstufe im französischen Warnsystem. Und sie bleibt bestehen.

    Betroffen sind Loire-Atlantique, Charente-Maritime und Maine-et-Loire. Drei Namen, die derzeit sinnbildlich für eine fragile Lage stehen. Denn auch wenn der Regen zeitweise nachlässt, führen Flüsse und Nebenarme weiterhin Hochwasser – gespeist aus gesättigten Böden, randvollen Zuflüssen und einem hydrologischen System, das am Limit arbeitet.

    In den Basses vallées angevines, entlang der Loire bei Saumur und im Unterlauf der Charente treten Flüsse über die Ufer. In Angers drückt sich die Maine über die Kais, Wasser schiebt sich in Straßen, Gärten, Keller. Wer dort wohnt, kennt das Schauspiel – doch in dieser Intensität sorgt es für Unruhe. Manche verlassen vorsorglich ihre Häuser, andere harren aus, stapeln Sandsäcke, sichern Möbel. Es ist ein Warten auf das langsame Zurückweichen der Flut.

    Die Präfekturen raten, Fahrten auf das Nötigste zu beschränken. Straßen stehen unter Wasser, Bahnlinien kämpfen mit Unterspülungen, Umleitungen verlängern Wege. Die Infrastruktur zeigt ihre Verwundbarkeit, wenn Naturkräfte sie testen. Und sie testen sie gerade gründlich.

    Mehr als 37 Tage hintereinander fiel Regen – eine Serie, wie sie seit Beginn der meteorologischen Aufzeichnungen 1959 nicht dokumentiert wurde. Eine Abfolge atlantischer Tiefdruckgebiete zog über das Land, verstärkt durch das Sturmsystem „Pedro“, das feuchte Luftmassen unablässig nach Frankreich lenkte. Die Böden nahmen auf, was sie konnten. Dann ging nichts mehr.

    Hydrologen sprechen in solchen Momenten von „Sättigung“. Der Boden funktioniert wie ein vollgesogener Schwamm – jeder zusätzliche Tropfen fließt direkt ab. Das Wasser sammelt sich in Bächen, Flüssen, Kanälen. Selbst wenn der Himmel sich aufklart, strömt aus den Einzugsgebieten weiter Wasser nach. Diese Trägheit des Systems verzögert jede Entspannung. Der Scheitelpunkt vieler Flüsse ist noch nicht erreicht.

    Man spürt förmlich, wie das Land atmet – schwer, langsam, überfordert.

    Auch nachdem für Gironde und Lot-et-Garonne die rote Warnstufe inzwischen auf Orange herabgesetzt wurde, verharren zahlreiche weitere Départements im Westen unter erhöhter Alarmbereitschaft. Die App Vigicrues koordiniert landesweit die Beobachtung der Pegelstände und stimmt Maßnahmen mit lokalen Behörden ab. Feuerwehr, Zivilschutz, kommunale Dienste – sie alle arbeiten im Dauermodus.

    Und immer wieder stellt sich eine größere Frage.

    Sind solche Ereignisse noch Ausnahmen – oder Vorboten einer neuen hydrologischen Realität? Klimaforscher weisen seit Jahren auf eine Zunahme extremer Niederschlagsereignisse hin. Wärmere Luft speichert mehr Feuchtigkeit, Starkregen tritt intensiver und häufiger auf. Frankreich erlebt diesen Trend nun am eigenen Leib. Was früher als Jahrhundertflut galt, erscheint plötzlich in sehr viel kürzeren Abständen.

    In Gesprächen mit Bürgermeistern betroffener Gemeinden hört man ständig denselben Unterton: Man habe Deiche erhöht, Rückhaltebecken geplant, Flussläufe renaturiert – und dennoch stoße man an Grenzen. Urbanisierung in Überschwemmungsgebieten, versiegelte Flächen, dichter Verkehr. All das verschärft die Verwundbarkeit. „So etwas haben wir hier noch nicht erlebt“, sagt ein Anwohner am Ufer der Loire. Ein Satz, der in diesen Tagen oft fällt.

    Klar ist: Sobald die Wasserstände sinken, beginnt die eigentliche Arbeit. Schäden begutachten, Infrastruktur reparieren, Versicherungsfragen klären. Und darüber hinaus – die Debatte über Anpassung. Städtebau, Hochwasserschutz, Flächenmanagement. Resilienz wird vom Schlagwort zur Notwendigkeit.

    Derzeit zählt jedoch vor allem Sicherheit. Geduld ebenfalls. Denn Flüsse folgen eigenen Gesetzen. Sie reagieren nicht auf politische Kalender oder wirtschaftliche Interessen. Sie fließen – langsam, mächtig, unbeirrbar.

    Und manchmal erinnern sie daran, wer hier wirklich das letzte Wort hat.

    Autor: Andreas M. B.

  • Maine-et-Loire: Wenn die Loire nicht weichen will

    Maine-et-Loire: Wenn die Loire nicht weichen will

    Seit Wochen zieht sich das Wasser nicht zurück. Im Département Maine-et-Loire hat sich das Hochwasser festgesetzt wie ein ungebetener Dauergast. Uferpromenaden verschwinden unter einer braunen, träge fließenden Fläche, Wiesen gleichen Seenlandschaften, Nebenstraßen enden abrupt im Nichts. Es ist kein dramatischer, alles mitreißender Flutmoment, der die Menschen erschüttert. Es ist die Dauer. Dieses beharrliche, zähe Ausharren des Wassers.

    Der große Strom, die Loire, durchzieht das Département als letzte wilde Flusslandschaft Europas. Von Osten her speisen Regenfälle aus der Region Centre-Val de Loire und aus dem Massif central das Einzugsgebiet. Was dort niedergeht, sammelt sich unweigerlich weiter westlich. In Angers, wo die Maine in die Loire mündet, und in Saumur beobachten Anwohner täglich die Pegelstände. Manche werfen morgens einen Blick auf die Hochwasser-App wie andere auf den Wetterbericht. Steigt er noch? Fällt er endlich?

    Die Besonderheit dieses Winters liegt weniger im Höchststand als im Stillstand. Die Pegel sinken kaum, jeder neue Regen lässt sie wieder klettern. Ein Atemholen – mehr nicht. Die Böden sind gesättigt, die Zuflüsse randvoll. Das Wasser findet keinen Weg mehr, sich rasch zu verlieren. Es breitet sich aus, sucht sich Mulden, Senken, alte Flussarme. Die Ebene nimmt zurück, was ihr einst abgerungen wurde.

    Auf dem Land zeigt sich die Lage mit aller Deutlichkeit. Überflutete Wiesen verderben Futtervorräte, Winteraussaaten verfaulen im nassen Boden. Landwirte sprechen leise von einer doppelten Belastung. Erst Trockenheit in den vergangenen Jahren, nun das Gegenteil. Mancher schüttelt den Kopf und sagt: „Irgendwie ist der Wurm drin.“ Ein Satz, halb Resignation, halb Trotz.

    Hinzu kommen die praktischen Hürden des Alltags. Gesperrte Straßen verlängern Arbeitswege, Schulbusse nehmen Umwege, Lieferketten stocken. Kommunale Mitarbeiter kontrollieren Deiche und Uferbefestigungen mit Argusaugen. Denn ein langanhaltendes Hochwasser nagt an der Substanz. Es sickert in Keller, unterspült Fundamente, lockert Straßenkörper. Die Gefahr kommt nicht mit Getöse, sondern mit Geduld.

    Und doch gehört dieses Wechselspiel zur Identität der Region. Die Loire ist kein gezähmter Kanal, sondern ein lebendiges System aus Sandbänken, Inseln und Auen. Gerade diese Dynamik formte jene Kulturlandschaft, die Besucher aus aller Welt anzieht. Hochwasserzonen wirken wie natürliche Puffer, sie nehmen Druck von den Städten. Hydrologen betonen seit Jahren, wie entscheidend solche Überschwemmungsflächen für den Schutz dicht besiedelter Gebiete sind.

    Zwischen Theorie und Wohnzimmer liegen allerdings Welten. Wenn das Wasser an die Kellerfenster drückt und Pumpen Tag und Nacht surren, verliert jede ökologische Erklärung an Charme. In manchen Vierteln von Angers rückt der Fluss bedrohlich nah an die Häuser heran. In Saumur verschwinden die Kais, tauchen kurz wieder auf, nur um erneut überflutet zu werden.

    Die Frage nach dem Klima steht unausgesprochen im Raum. Wärmere Luft speichert mehr Feuchtigkeit, Starkniederschläge häufen sich. Doch einzelne Ereignisse taugen kaum als endgültiger Beweis für langfristige Trends. Historische Chroniken berichten von gewaltigen Fluten entlang der Loire, lange vor Industrialisierung und Autobahnbau. Neu erscheint eher die Verletzlichkeit moderner Strukturen. Mehr Bebauung, dichtere Infrastruktur, höhere wirtschaftliche Abhängigkeiten – die Fallhöhe steigt.

    Was bleibt, ist eine Mischung aus Routine und Erschöpfung. Die Menschen im Maine-et-Loire kennen „ihren“ Fluss. Sie wissen, wo Sandsäcke lagern, welche Straßen zuerst gesperrt werden, wann Vorsicht geboten ist. Doch wenn Wochen vergehen und die Normalität auf sich warten lässt, zehrt das an den Nerven. Irgendwann reicht’s, hört man auf den Märkten.

    Der Fluss wird sich zurückziehen. Das tat er immer. Zurück bleiben aufgeweichte Böden, finanzielle Schäden, ein kollektives Durchatmen. Und die leise Erkenntnis, dass der Mensch zwar Deiche baut und Pegel misst, der Rhythmus der Natur jedoch seine eigenen Gesetze kennt. Im Maine-et-Loire erinnert das Hochwasser daran, wer hier letztlich den Takt vorgibt.

    Andreas M. Brucker

  • Wenn der Supermarkt zum Versuchslabor wird – wie Städte wie Angers unser Einkaufsverhalten sezieren

    Wenn der Supermarkt zum Versuchslabor wird – wie Städte wie Angers unser Einkaufsverhalten sezieren

    Der Gang durch den Supermarkt gilt als eine der banalsten Routinen des Alltags. Einkaufszettel, Einkaufswagen, immer dieselben Wege. Und doch spielt sich zwischen den Regalen, Kühltruhen und Kassen ein hochpräzises Experiment ab. Unauffällig, systematisch, millionenfach. In einigen ausgewählten Städten Frankreichs, allen voran in Angers, wird der Wocheneinkauf zur Generalprobe für die Zukunft der großen Handelsketten und der Lebensmittelindustrie. Sandrine, Informatikerin, Mutter von zwei Kindern, Mitte fünfzig, schiebt ihren Wagen durch den Markt wie viele andere auch. Sie weiß ziemlich genau, was sie kaufen will, und doch wird jede ihrer Entscheidungen registriert. Welche Verpackung zieht ihren Blick an. Welches Produkt landet im Wagen, welches bleibt liegen. Wie oft greift sie zu, in welcher Menge, in welchem Rhythmus. Für Sandrine ist das kein Grund zur Beunruhigung. Sie spricht offen darüber, fast beiläufig. Die Kundenkarte, die sie an der Kasse vorzeigt, bringt ihr Punkte, Gutsch…

    [wtr-time]

    Der weitere Text ist unseren Abonnenten vorbehalten.


    Warum ein Abo? Weil guter Journalismus seinen Preis hat.

    Information mag frei zugänglich sein – aber Journalismus ist kein Selbstläufer. Recherchen, Interviews, Faktenchecks und Einordnungen erfordern Zeit, Expertise und Verantwortung.

    Wer unabhängige, fundierte Berichterstattung will, muss sie ermöglichen. Werbefinanzierung allein reicht nicht – sonst entscheiden Klickzahlen über Inhalte.

    Ein Abonnement ist kein Eintrittsgeld, sondern ein Bekenntnis: zur Qualität, zur Unabhängigkeit und zu einer informierten Öffentlichkeit.

    Information ist frei. Journalismus kostet. Und genau deshalb lohnt sich ein Abo.


    Abo-Light – das Monatsabonnement zum schlanken Preis

    Alle Artikel für 0,50 € pro Woche. Das Abo wird monatlich mit 2 € abgerechnet und ist monatlich kündbar.

    Monatsabonnement buchen…


    Premium-Abo – das Jahresabonnement mit wertvollen Add-Ons

    Alle Artikel für 0,38 € pro Woche. Das Abo wird jährlich mit 20 € abgerechnet und ist jährlich kündbar.

    Das Premium-Jahres-Abo bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    Jahresabonnement buchen…


    Lebenslang – das Premium-Abo für immer

    Für eine einmalige Zahlung für nur 36 €. Unbegrenzter Zugriff – ein Leben lang.

    Das Premium-Abo-Lebenslang bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    „Abo-Lebenslang“ buchen…


     

     

  • Maine-et-Loire – Das Herz Frankreichs entdecken

    Maine-et-Loire – Das Herz Frankreichs entdecken

    Das Departement Maine-et-Loire, eingebettet im westlichen Loire-Tal, verzaubert mit sanften Hügeln, pittoresken Städten und einer besonderen Kulinarik, die zu den besten Frankreichs gehört. Hier erwartet Reisende eine Mischung aus romantischen Schlössern, versteckten Gärten und fruchtbaren Obstplantagen – darunter ein überraschendes Highlight: die Kiwiproduktion! Klingt ungewöhnlich? Ist es auch. Lassen Sie uns gemeinsam eine Reise durch […]

    [wtr-time]

    Der weitere Text ist unseren Abonnenten vorbehalten.


    Warum ein Abo? Weil guter Journalismus seinen Preis hat.

    Information mag frei zugänglich sein – aber Journalismus ist kein Selbstläufer. Recherchen, Interviews, Faktenchecks und Einordnungen erfordern Zeit, Expertise und Verantwortung.

    Wer unabhängige, fundierte Berichterstattung will, muss sie ermöglichen. Werbefinanzierung allein reicht nicht – sonst entscheiden Klickzahlen über Inhalte.

    Ein Abonnement ist kein Eintrittsgeld, sondern ein Bekenntnis: zur Qualität, zur Unabhängigkeit und zu einer informierten Öffentlichkeit.

    Information ist frei. Journalismus kostet. Und genau deshalb lohnt sich ein Abo.


    Abo-Light – das Monatsabonnement zum schlanken Preis

    Alle Artikel für 0,50 € pro Woche. Das Abo wird monatlich mit 2 € abgerechnet und ist monatlich kündbar.

    Monatsabonnement buchen…


    Premium-Abo – das Jahresabonnement mit wertvollen Add-Ons

    Alle Artikel für 0,38 € pro Woche. Das Abo wird jährlich mit 20 € abgerechnet und ist jährlich kündbar.

    Das Premium-Jahres-Abo bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    Jahresabonnement buchen…


    Lebenslang – das Premium-Abo für immer

    Für eine einmalige Zahlung für nur 36 €. Unbegrenzter Zugriff – ein Leben lang.

    Das Premium-Abo-Lebenslang bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    „Abo-Lebenslang“ buchen…


     

     

  • Lebenswerteste Städte und Dörfer in Frankreich im Jahr 2023

    Lebenswerteste Städte und Dörfer in Frankreich im Jahr 2023

    Das Journal du Dimanche veröffentlicht die Top 500 der Städte und Dörfer, in denen es sich in Frankreich am besten leben lässt. Für die Erstellung dieser Rangliste wurden fast 200 Kriterien zu Grunde gelegt.

    Wo lässt es sich in Frankreich gut leben? Es ist schwierig, objektiv zu bleiben und eine zuverlässige Antwort zu geben. Jeder hat zwangsläufig eine persönliche Antwort: Zum Beispiel das Dorf oder das Viertel, in dem man sein Berufs- oder Privatleben aufgebaut hat, oder der ideale Ort für den Urlaub.

    Die Vereinigung „Villes et villages où il fait bon vivre“ (Städte und Dörfer, in denen es sich gut leben lässt) hat 198 Kriterien in zehn Kategorien aufgestellt, um die 34.820 Gemeinden Frankreichs zu klassifizieren, jetzt schon zum vierten Mal. Das Journal du Dimanche veröffentlicht die Top 500 der Städte und die Top 500 der Dörfer, die in ihrer jeweiligen Rangliste an der Spitze stehen.

    Laut der Rangliste ist Angers die Stadt, in der man in Frankreich am besten lebt. Sie liegt vor den drei baskischen Städten Bayonne, Biarritz und Anglet sowie La Rochelle. Unter den Top 10 befinden sich Lorient, Annecy, Rennes, Brest und Le Mans. Paris belegt nur Platz 91.

    Bei den Top-500 der Dörfer hat das Baskenland mit dem ersten Platz von Guéthary die Nase vorn. Die weiteren Top 5 sind Epron (Calvados), Martinvast (Manche), Peltre (Moselle) und Authie (Calvados). Die Top 10 werden durch Saint-Quay-Perros (Côtes d’Armor), Mazères-Lezons und Buros (Pyrénées-Atlantiques), Cambes-en-Plaine (Calvados) und Marcellaz-Albanais (Haute-Savoie) vervollständigt.

    Wie werden die Ranglisten erstellt?
    Die Vereinigung „Städte und Dörfer, in denen es sich gut leben lässt“ hat 198 Kriterien ausgewählt: 167 stammen vom französischen Statistikamt Insee und 31 von verschiedenen offiziellen Stellen (Innenministerium, Arcep, Copernicus usw.). Die Kriterien sind in zehn Kategorien unterteilt: Lebensqualität, Sicherheit, Gesundheit, Verkehr, Einkaufsmöglichkeiten, Umweltschutz, Bildung, Solidarität, Sport und Freizeit und Attraktivität der Immobilien.