Schlagwort: Afrika

  • Warum junge Afrikaner an die Front in der Ukraine geraten

    Warum junge Afrikaner an die Front in der Ukraine geraten

    Der Krieg in der Ukraine hat nicht nur geopolitische Auswirkungen, sondern entfaltet auch eine kaum beachtete Sogwirkung weit über Europa hinaus. Besonders junge Afrikaner geraten zunehmend in den Strudel des Konflikts – oft unfreiwillig, getrieben von wirtschaftlicher Not und gezielter Täuschung.

    Der Fall des Kenianers Vincent Awiti, veröffentlicht von der New York Times, steht exemplarisch für dieses Phänomen. Auf der Suche nach Arbeit ließ er sich von einem vermeintlichen Jobangebot in Russland locken. Statt einer Anstellung im Einzelhandel fand er sich nach seiner Ankunft in St. Petersburg unter Druck gesetzt, einen Militärvertrag zu unterzeichnen. Wenige Tage später wurde er an die Front geschickt – schlecht ausgebildet, ohne Ortskenntnis und ohne echte Wahl.

    Diese individuelle Geschichte verweist auf ein strukturelles Problem. Afrika erlebt derzeit einen demografischen Boom: Mit rund 1,5 Milliarden Menschen und einem Durchschnittsalter von etwa 19 Jahren wächst der Kontinent rasant. Jährlich drängen Millionen junger Menschen auf den Arbeitsmarkt. Trotz wirtschaftlichen Wachstums – laut Internationalem Währungsfonds mit prognostizierten 4,3 Prozent in Subsahara-Afrika für 2026 – bleibt die Schaffung ausreichender und stabiler Arbeitsplätze hinter der Nachfrage zurück.

    Die Folge ist ein wachsender Druck zur Migration. Während viele innerhalb Afrikas bleiben, suchen andere ihr Glück in Europa, im Nahen Osten oder in Asien. Russland tritt in diesem Kontext als neuer, wenn auch problematischer Akteur auf. Über soziale Medien und informelle Netzwerke werden gezielt junge Menschen angeworben – mit Versprechen hoher Löhne und schneller Verdienstmöglichkeiten.

    Gerade diese Versprechen entfalten enorme Anziehungskraft. Summen von bis zu 18.000 Dollar als Einmalzahlung oder monatliche Gehälter von mehreren Tausend Dollar übersteigen die Einkommensmöglichkeiten vieler Herkunftsländer um ein Vielfaches. Doch die Realität entpuppt sich häufig als Falle: Anstelle ziviler Arbeit werden die Rekrutierten in militärische Strukturen gezwungen.

    Die politische Reaktion darauf bleibt bislang verhalten. Einzelne afrikanische Regierungen haben das Thema zwar aufgegriffen, doch systematische Schutzmechanismen fehlen oft. Gleichzeitig verfolgen einige Staaten eine Strategie, Arbeitsmigration aktiv zu fördern, um Devisen ins Land zu bringen – ein Ansatz, der unbeabsichtigt auch solche riskanten Entwicklungen begünstigen kann.

    Der Krieg in der Ukraine wird so zu einem globalen Arbeitsmarktphänomen, bei dem ökonomische Ungleichgewichte, schwache Regulierung und geopolitische Interessen ineinandergreifen. Für die Betroffenen wie Awiti endet der Traum vom besseren Leben nicht selten in Gewalt und Trauma. Und selbst nach der Rückkehr bleibt die zentrale Frage ungelöst: die nach einer Perspektive im eigenen Land.


    Angriffe im Golf: Droht eine Rückkehr zur militärischen Eskalation?

    Die ohnehin fragile Waffenruhe im Nahen Osten steht erneut auf dem Spiel. Jüngste Angriffe im Persischen Golf haben die Spannungen deutlich verschärft. Insbesondere die Vorwürfe der Vereinigten Arabischen Emirate gegen Iran, wonach Teheran Raketen und Drohnen auf einen bedeutenden Ölterminal sowie einen Tanker in der Straße von Hormus abgefeuert habe, markieren eine neue Eskalationsstufe.

    Strategisches Nadelöhr und geopolitische Risiken

    Die Straße von Hormus zählt zu den sensibelsten maritimen Engpässen der Welt: Rund ein Fünftel des globalen Ölhandels passiert diese Passage. Angriffe in dieser Region haben daher nicht nur militärische, sondern immer auch erhebliche wirtschaftliche Implikationen. Dass auch Oman einen Angriff in der Nähe emiratischer Gewässer meldete, ohne einen Verantwortlichen zu benennen, unterstreicht die Unübersichtlichkeit der Lage.

    Der Iran selbst hat die Vorwürfe bislang weder bestätigt noch dementiert. Diese strategische Ambiguität entspricht einem bekannten Muster iranischer Außenpolitik: Handlungsfähigkeit demonstrieren, ohne sich eindeutig festzulegen – und damit Raum für diplomatische Manöver offenhalten.

    Militärische Konfrontation mit den USA

    Die USA haben ihrerseits erklärt, mehrere iranische Marschflugkörper und Drohnen abgefangen zu haben, die auf Schiffe zielten, welche von amerikanischen Streitkräften durch die Meerenge eskortiert wurden. Zusätzlich sollen US-Armeehubschrauber sechs iranische Schnellboote versenkt haben. Diese Darstellung wurde jedoch von einem hochrangigen Militärvertreter in Teheran umgehend zurückgewiesen.

    Die widersprüchlichen Angaben zeigen, wie stark Informationspolitik Teil der militärischen Auseinandersetzung geworden ist. Beide Seiten bemühen sich, Stärke zu demonstrieren und gleichzeitig die Kontrolle über die Eskalationsdynamik zu behalten.

    Eskalationsspirale und Abschreckungslogik

    Iranische Offizielle haben wiederholt angekündigt, gegen US-Kriegsschiffe oder andere Einheiten vorzugehen, die versuchen sollten, eine von Teheran beanspruchte Blockade zu durchbrechen. Diese Drohungen sind vor dem Hintergrund der asymmetrischen Militärstrategie Irans zu sehen, die stark auf Drohnen, Schnellboote und begrenzte, aber gezielte Angriffe setzt.

    Gleichzeitig verfolgen die USA das Ziel, die freie Schifffahrt zu sichern – ein Kerninteresse westlicher Energie- und Sicherheitsarchitektur. Die Präsenz amerikanischer Marineeinheiten im Golf dient dabei nicht nur der Abschreckung, sondern auch der politischen Signalwirkung gegenüber Verbündeten und Rivalen.

    Die aktuellen Ereignisse verdeutlichen, wie schnell die Region in eine offene militärische Konfrontation zurückfallen könnte. Die Kombination aus strategischer Bedeutung, historischer Rivalität und fehlenden belastbaren Kommunikationskanälen macht den Persischen Golf zu einem der gefährlichsten Brennpunkte der Weltpolitik.


    SONSTIGE NACHRICHTEN

    Die hindu-nationalistische Partei Indiens hat bei einer Regionalwahl erstmals die Kontrolle über Westbengalen übernommen, eine bisherige Hochburg der Opposition.

    Während die Welt durch den Iran-Krieg abgelenkt ist, haben israelische Siedler ihre Angriffe auf Palästinenser im Westjordanland intensiviert, dabei 13 Menschen getötet und Hunderte vertrieben.

    Der US-Außenminister Marco Rubio wird in Italien mit Papst Leo XIV und Ministerpräsidentin Giorgia Meloni zusammentreffen, nachdem Donald Trump zuvor mit beiden in Streit geraten war.

    Ein PKW-Fahrer ist in Leipzig in eine belebte Fußgängerzone gerast, wobei mindestens zwei Menschen getötet und zwei weitere schwer verletzt wurden.

    Auf einem Gipfeltreffen europäischer Staats- und Regierungschefs bot Kanadas Premierminister verunsicherten US-Verbündeten neue Abkommen und engere Zusammenarbeit an.

    Der Oberste Gerichtshof der USA stellte vorübergehend den postalischen Zugang zu einem weit verbreiteten Medikament für Schwangerschaftsabbrüche wieder her.

    Eine ukrainische Drohne traf ein Hochhaus in Moskau und durchbrach die Luftabwehr – nur wenige Tage vor einer großen Militärparade.

    Eine Untersuchung zu einem tödlichen Wohnungsbrand in Hongkong ergab, dass deaktivierte Alarmsysteme, leicht entflammbare Materialien und ignorierte Warnungen zum Tod von 168 Menschen beitrugen.

    Christine Macha

  • Afrikas Katholiken im Aufbruch – und im Konflikt mit Rom

    Afrikas Katholiken im Aufbruch – und im Konflikt mit Rom

    Die Zukunft der katholischen Kirche entscheidet sich zunehmend südlich der Sahara. Während Europa säkularisiert und Lateinamerika sich religiös fragmentiert, wächst die Zahl der Gläubigen in Afrika rasant. Doch mit dieser demografischen Verschiebung treten auch ideologische Spannungen zutage, die das Selbstverständnis der Weltkirche grundlegend herausfordern.

    Mit rund 288 Millionen Gläubigen stellt Afrika inzwischen mehr als ein Fünftel der weltweiten Katholiken. Das Wachstum übertrifft das aller anderen Kontinente deutlich. Diese Dynamik erklärt, warum Papst Leo seine großen Auslandsreisen demonstrativ mit einem Afrika-Besuch beginnt – noch vor Stationen in den USA oder Südamerika. Die symbolische Botschaft ist klar: Die Peripherie ist ins Zentrum gerückt.

    Wachstum und Konkurrenz

    Das religiöse Wachstum Afrikas vollzieht sich jedoch nicht im luftleeren Raum. Katholiken konkurrieren zunehmend mit evangelikalen und pfingstkirchlichen Bewegungen, die häufig konservativere Positionen vertreten und mit emotionaler Liturgie sowie sozialer Nähe punkten. In vielen Ländern entscheiden nicht nur Theologie, sondern auch soziale Dienstleistungen und Gemeinschaftsstrukturen über religiöse Zugehörigkeit.

    Die katholische Kirche steht daher vor einem strategischen Dilemma: Soll sie an universellen Reformen festhalten oder stärker auf lokale kulturelle Kontexte eingehen? Diese Frage wird besonders virulent bei moralischen Themen.

    Der Konflikt um Werte

    Afrika gilt als Hochburg konservativer katholischer Positionen. Reformen unter Papst Franziskus, etwa die Erlaubnis zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare, stießen hier auf massiven Widerstand. Viele Bischöfe ignorieren oder relativieren diese Vorgaben bis heute.

    Ein exemplarisches Beispiel ist Kamerun. Dort identifizieren sich rund 30 Prozent der Bevölkerung als katholisch. Gleichzeitig ist Homosexualität strafbar, und gesellschaftlich dominieren traditionelle Wertevorstellungen. Lokale Kirchenvertreter argumentieren, dass kulturelle Normen nicht einfach durch römische Beschlüsse ersetzt werden könnten.

    Auch andere Themen zeigen die Spannung zwischen Doktrin und Lebensrealität. Polygamie ist in vielen afrikanischen Gesellschaften verbreitet, steht jedoch im Widerspruch zur katholischen Lehre. Eine jüngste Initiative afrikanischer Bischöfe sucht nach pragmatischen Lösungen, etwa durch eine schrittweise Integration Betroffener in die kirchliche Gemeinschaft – ohne die Lehre formal zu ändern.

    Ein vorsichtiger Papst

    Papst Leo agiert bislang zurückhaltend. Auf seiner Reise vermeidet er kontroverse Themen wie Homosexualität oder Polygamie. Stattdessen betont er politische Prinzipien wie Rechtsstaatlichkeit und Transparenz – etwa bei seinem Besuch beim langjährigen Präsidenten Paul Biya.

    Diese Strategie deutet auf ein bewusstes Ausweichen hin. Die innerkirchlichen Konfliktlinien sind bekannt, doch ihre offene Austragung birgt Risiken. Ein zu starkes Beharren auf Reformen könnte die wachsenden afrikanischen Gemeinden entfremden; ein Nachgeben wiederum würde die universelle Geltung kirchlicher Normen infrage stellen.

    Ungleichgewicht der Macht

    Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Die wachsende Bedeutung Afrikas spiegelt sich bislang kaum in den Machtverhältnissen im Vatikan wider. Im Kardinalskollegium, das den Papst wählt, sind afrikanische Vertreter deutlich unterrepräsentiert. Dieses Ungleichgewicht verstärkt das Gefühl vieler Gläubiger, dass ihre Stimme zwar zählt – aber nicht entscheidet.

    Die katholische Kirche befindet sich damit in einem Transformationsprozess, der über reine Zahlen hinausgeht. Es geht um kulturelle Deutungshoheit, moralische Autorität und institutionelle Repräsentation. Afrika ist nicht nur Wachstumsmarkt, sondern auch Prüfstein für die Fähigkeit der Kirche, Einheit in Vielfalt zu organisieren.

    Die kommenden Jahre dürften zeigen, ob es Rom gelingt, diese Spannungen produktiv zu gestalten – oder ob sie sich zu einer Zerreißprobe entwickeln.


    Diplomatie unter Hochdruck: Pakistan vermittelt zwischen Teheran und Washington

    Die Ankunft pakistanischer Vermittler in Teheran markiert einen neuen Versuch, die fragile Waffenruhe zwischen Iran und den Vereinigten Staaten zu stabilisieren. Im Zentrum der Spannungen steht der Zugang zur strategisch entscheidenden Straße von Hormus – einer der wichtigsten maritimen Engpässe für den globalen Energiemarkt.

    Seit dem Abbruch der direkten Gespräche am vergangenen Wochenende dient Pakistan als Kommunikationskanal zwischen beiden Seiten. Diese indirekte Diplomatie verweist auf das tiefe Misstrauen, das weiterhin besteht. Ein iranischer Regierungssprecher bestätigte, dass bislang keine Einigung über eine Wiederaufnahme offizieller Verhandlungen erzielt wurde.

    Parallel dazu verschärft sich die militärische Lage. Die Vereinigten Staaten haben nach eigenen Angaben den Schiffsverkehr von und nach Iran vollständig unterbunden. Die Blockade iranischer Häfen stellt eine erhebliche Eskalation dar und bewegt sich völkerrechtlich in einer Grauzone. Während Washington von einer notwendigen Sicherheitsmaßnahme spricht, wertet Teheran die Aktion als wirtschaftliche Kriegsführung.

    Die iranische Führung reagierte mit scharfen Drohungen: Sollte die Blockade fortgesetzt werden, könne man den gesamten Schiffsverkehr im Persischen Golf sowie angrenzenden Gewässern stoppen. Eine solche Maßnahme hätte weitreichende Folgen für den internationalen Handel, insbesondere für den Öl- und Gastransport.

    Unklar bleibt bislang die tatsächliche Wirksamkeit der amerikanischen Blockade. Zwar berichtete das US-Militär, dass mehrere Schiffe den Anweisungen gefolgt seien und umkehrten, doch noch fehlen unabhängige Bestätigungen. Beobachter weisen darauf hin, dass eine vollständige Kontrolle der stark frequentierten Seewege operativ anspruchsvoll ist.

    Die kommenden Tage dürften entscheidend sein. Ob es Pakistan gelingt, Vertrauen aufzubauen und einen erneuten Verhandlungstermin zu ermöglichen, wird maßgeblich darüber entscheiden, ob sich die Krise weiter zuspitzt oder zumindest vorübergehend eingedämmt werden kann.


    WEITERE NACHRICHTEN

    Gestern jährte sich der Beginn des Konflikts im Sudan zum dritten Mal – ein Krieg, der zur größten humanitären Krise der Welt geführt hat.

    Der staatliche saudische Staatsfonds steht unter finanziellem Druck und steht kurz davor anzukündigen, seine Unterstützung für LIV Golf einzustellen.

    Ein Schüler eröffnete das Feuer in einer Schule in der Türkei und tötete mindestens neun Menschen – es ist bereits der zweite Amoklauf an einer Schule in der Türkei innerhalb von zwei Tagen.

    Die ranghöchste US-Diplomatin in Venezuela gab bekannt, dass sie ihren Posten verlässt – nur wenige Monate nach ihrem Amtsantritt.

    Trump drohte, Jerome Powell zu entlassen, sollte dieser sein Amt als Vorsitzender der Federal Reserve nicht freiwillig aufgeben.

    Ein Softwareverkäufer aus Paris gewann ein Picasso-Gemälde im Wert von 1,2 Millionen Dollar mit dem Titel „Tête de Femme“. Er hatte an einer Wohltätigkeitsverlosung teilgenommen.

    Ein Wissenschaftler in Großbritannien hat den genauen Standort einer Londoner Immobilie entdeckt, die einst William Shakespeare gehörte.

    Die BBC will rund 2.000 Stellen abbauen – etwa 10 Prozent ihrer Belegschaft.

    Ye, der Rapper, der früher als Kanye West bekannt war, verschob ein Konzert in Frankreich, für das von den Behörden bereits ein mögliches Verbot geprüft worden war.

    Johnny Somali, ein US-amerikanischer YouTuber, der für sogenanntes „Rage Bait“ bekannt ist, wurde in Südkorea zu sechs Monaten Haft verurteilt – wegen der Verbreitung sexueller Deepfakes und anderer Online-Aktionen.

    Christine Macha

  • Vom Einzelfall zur Systematik: Frankreich ringt um eine neue Restitutionspolitik für koloniales Kulturerbe

    Vom Einzelfall zur Systematik: Frankreich ringt um eine neue Restitutionspolitik für koloniales Kulturerbe

    Die französische Nationalversammlung befasst sich mit einem Gesetzentwurf, der das Verhältnis des Landes zu seinem kolonialen Erbe neu ordnen könnte. Im Zentrum steht eine juristische Reform, die weniger spektakulär erscheint als einzelne Rückgaben, langfristig jedoch tiefgreifendere Konsequenzen ha…

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  • Ein Papst auf diplomatischer Mission: Léon XIV. und die strategische Öffnung zur islamischen Welt

    Ein Papst auf diplomatischer Mission: Léon XIV. und die strategische Öffnung zur islamischen Welt

    Mit seiner Reise nach Algerien betritt Papst Léon XIV. nicht nur geografisches Neuland, sondern setzt auch ein bewusstes politisches Signal. Der zweitägige Besuch in dem nordafrikanischen Land markiert den Auftakt seiner ersten internationalen Reise und verweist auf eine klare Priorität seines Pontifikats: den Dialog mit der islamischen Welt und die Stärkung interreligiöser Koexistenz in einer zunehmend fragmentierten internationalen Ordnung.

    Ein historischer Besuch mit geopolitischer Tragweite

    Dass erstmals ein Papst Algerien besucht, ist mehr als eine symbolische Geste. Das Land mit seinen rund 47 Millionen Einwohnern, von denen die überwältigende Mehrheit dem Islam angehört, steht exemplarisch für die Herausforderungen und Chancen interreligiöser Beziehungen im 21. Jahrhundert. In einer Phase wachsender Spannungen im Nahen Osten und darüber hinaus gewinnt die Frage friedlicher Koexistenz zwischen Religionen an politischer Brisanz.

    Die Reise Léon XIV. ist daher nicht allein pastoral motiviert, sondern auch als Teil einer subtilen vatikanischen Diplomatie zu verstehen. Der Vatikan verfolgt seit Jahrzehnten eine Strategie des Dialogs mit muslimisch geprägten Staaten, die unter anderem unter Johannes Paul II. und Franziskus sichtbar wurde. Léon XIV. knüpft daran an, setzt jedoch eigene Akzente, indem er seine erste große Auslandsreise gezielt in Regionen lenkt, die geopolitisch sensibel und religiös divers sind.

    Algerien als Brücke zwischen Nord und Süd

    Die Wahl Algeriens als erste Station ist kein Zufall. Das Land versteht sich selbst als Vermittler zwischen Europa und Afrika sowie zwischen unterschiedlichen politischen Lagern innerhalb der arabischen Welt. In den letzten Jahren hat Algier versucht, seine außenpolitische Rolle zu stärken, etwa durch diplomatische Initiativen in regionalen Konflikten.

    Der Besuch des Papstes wird in diesem Kontext von algerischer Seite als Bestätigung dieser Rolle interpretiert. Die staatliche Presse spricht offen von einem Akt des „Soft Power“, der die internationale Anerkennung Algeriens unterstreiche. Tatsächlich bietet der Besuch beiden Seiten Vorteile: Während der Vatikan seinen interreligiösen Dialog vertieft, kann Algerien seine internationale Position als stabiler und dialogfähiger Akteur ausbauen.

    Religiöse Koexistenz und ihre Grenzen

    Im Zentrum der Botschaft des Papstes steht die Idee der friedlichen Koexistenz. Diese ist jedoch in Algerien mit konkreten Herausforderungen verbunden. Zwar garantiert die Verfassung formal die Religionsfreiheit, doch unterliegt deren Ausübung administrativen Einschränkungen. Religiöse Minderheiten, darunter die kleine katholische Gemeinschaft von etwa 9.000 Gläubigen, sehen sich immer wieder mit bürokratischen Hürden konfrontiert.

    Internationale Menschenrechtsorganisationen haben im Vorfeld der Reise darauf hingewiesen, dass insbesondere nicht-muslimische Gemeinschaften in ihrer religiösen Praxis eingeschränkt sind. Der Besuch des Papstes erhält dadurch eine zusätzliche Dimension: Er wird nicht nur als Geste des Dialogs wahrgenommen, sondern auch als potenzielle Gelegenheit, sensible Themen wie Religionsfreiheit anzusprechen – wenn auch in diplomatisch zurückhaltender Form.

    Die symbolische Kraft der Geschichte

    Neben der politischen Ebene spielt auch die historische und spirituelle Dimension eine zentrale Rolle. Léon XIV. folgt in Algerien den Spuren des Kirchenvaters Augustinus, der im heutigen Annaba als Bischof wirkte und zu den einflussreichsten Theologen der christlichen Tradition zählt. Diese Bezugnahme ist mehr als ein persönliches Motiv: Sie verbindet die christliche Geschichte Nordafrikas mit der Gegenwart und unterstreicht die lange, oft vergessene Präsenz des Christentums in der Region.

    Der geplante Besuch der Basilika in Annaba sowie das Gedenken an die während des algerischen Bürgerkriegs ermordeten Ordensleute verweisen zudem auf die komplexe Geschichte religiöser Gewalt und Versöhnung. Besonders die Erinnerung an die sogenannten „Märtyrer von Algerien“ steht sinnbildlich für die Risiken, die mit interreligiösem Engagement verbunden sein können.

    Eine Reise mit Signalwirkung für Afrika

    Nach Algerien wird Léon XIV. seine Reise in mehrere Länder Subsahara-Afrikas fortsetzen, darunter Kamerun, Angola und Äquatorialguinea. Diese Reiseroute verdeutlicht die strategische Bedeutung Afrikas für den Vatikan. Der Kontinent gilt als eine der dynamischsten Regionen des Katholizismus, sowohl in demografischer als auch in gesellschaftlicher Hinsicht.

    Zugleich sind viele afrikanische Staaten von politischen Instabilitäten, wirtschaftlichen Herausforderungen und religiösen Spannungen geprägt. Der Papst positioniert sich hier als moralische Autorität, die für Dialog, Frieden und soziale Gerechtigkeit eintritt. Seine Präsenz kann dabei sowohl als spirituelle Unterstützung für lokale Gemeinschaften als auch als politisches Signal an Regierungen verstanden werden.

    Die Reise Léon XIV. zeigt damit exemplarisch, wie eng Religion und Geopolitik im 21. Jahrhundert miteinander verflochten sind. In einer Welt multipler Krisen versucht der Vatikan, seine Rolle als globaler Akteur neu zu definieren – nicht durch Machtpolitik, sondern durch symbolische Gesten, diplomatische Präsenz und die konsequente Betonung universeller Werte.

    Andreas M. Brucker

  • Eskalation im Golf: Zerfallende Bündnisse und neue Konfliktlinien

    Eskalation im Golf: Zerfallende Bündnisse und neue Konfliktlinien

    Die jüngsten Spannungen zwischen Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten offenbaren eine Verschiebung der traditionellen Allianzen und Konfliktmuster im Nahen Osten und Afrika. Vor noch nicht allzu langer Zeit galten die beiden Golfländer als enge Verbündete der USA, insbesondere unter der ersten Präsidentschaft Donald Trumps, die mit energischer Diplomatie und gemeinsamen Interessen in Energie und Sicherheitspolitik die Beziehungen gefördert hatte. Doch neuerdings scheinen sich die diplomatischen Wege dieser beiden mächtigen Nationen zu trennen, wobei beide Seiten sich gegenseitig beschuldigen, Instabilität in der Region zu fördern.

    Die Gründe für den Bruch sind vielschichtig. Einerseits zeigen sich die VAE zunehmend bereit, eigene politische Wege zu gehen und strategische Partnerschaften mit anderen globalen Mächten zu suchen, während Saudi-Arabien unter Mohammed bin Salman seinen Einfluss durch aggressive Außenpolitik und die Förderung bestimmter Konfliktzonen wie Jemen und Libyen zu konsolidieren sucht. Dies hat nicht nur Auswirkungen auf die direkten Beziehungen zwischen den beiden Ländern, sondern auch auf die geopolitische Konstellation in einer Region, die ohnehin von politischer Fragilität und sektiererischer Gewalt geprägt ist.


    Neue Dynamiken in den ukrainisch-russischen Verhandlungen in den VAE

    Nach erneuten massiven Angriffen Moskaus auf ukrainisches Territorium haben die Verhandlungen zwischen Russland, der Ukraine und den USA unter der Schirmherrschaft der Vereinigten Arabischen Emirate wieder begonnen. In den Gesprächen bleibt die russische Regierung hart in ihren Forderungen, die von der ukrainischen Seite als inakzeptabel betrachtet werden. Diese Entwicklung wirft Fragen bezüglich der Effektivität internationaler Vermittlungsbemühungen in diesem lang anhaltenden Konflikt auf.

    Die Gespräche finden in einem Klima statt, in dem die Hoffnung auf eine baldige friedliche Lösung immer geringer wird. Die internationale Gemeinschaft beobachtet die Dynamiken innerhalb dieser Gespräche mit großer Aufmerksamkeit, da jede Entscheidung oder Übereinkunft weitreichende Folgen für die gesamte europäische Sicherheitsarchitektur haben könnte. Die Verhandlungen in den VAE könnten nicht nur eine wesentliche Verschiebung in den Beziehungen zwischen den kämpfenden Parteien signalisieren, sondern auch den Weg für eine neue strategische Ausrichtung zahlreicher Länder im Umgang mit dem Konflikt ebnen.


    Weitere Nachrichten

    – Afghanistan: Hunger und Tod folgt auf Einstellung der US-Hilfen.
    – Südkorea: Überdenken der „Cram School“-Kultur und des Stresses bei Kindern.
    – Israel führt wieder tödliche Angriffe auf Gaza durch.
    – Frankreich: Untersuchung gegen Elons Musks X als Teil der Debatte über soziale Medienregulierung.
    – Griechenland: Tödlicher Zusammenstoß zwischen Migranten- und Patrouillenboot.
    – Russland: Komiker wegen Veteranenwitz zu Gefängnis verurteilt.
    – Nigeria: Angriff hinterlässt über 160 Tote.
    – USA und Iran: Treffen in Oman geplant.
    – Niederlande: Königin Máxima tritt dem Militär bei.
    – Libyen: Sohn von Muammar el-Qaddafi getötet.
    – USA: Sicherheitsvorkehrungen für die Olympischen Winterspiele 2026 umfassen ICE-Beamte.

    Von P. Tiko

  • Neue Töne, alte Ziele? Emmanuel Macron auf Afrika-Tour zwischen G20-Diplomatie und geopolitischer Kurskorrektur

    Neue Töne, alte Ziele? Emmanuel Macron auf Afrika-Tour zwischen G20-Diplomatie und geopolitischer Kurskorrektur

    Zum ersten Mal seit über drei Jahrzehnten besucht ein französischer Präsident die Insel Mauritius. Es ist kein Zufall, dass Emmanuel Macron seine fünftägige Afrikareise genau dort beginnt. Der symbolträchtige Auftakt markiert den Versuch, Frankreichs Afrika-Politik in eine neue Phase zu überführen – jenseits postkolonialer Schatten und strategischer Rückschläge, wie sie Paris in jüngster Zeit besonders im Sahelraum erleben musste. Die anschließenden Stationen in Südafrika, Gabun und Angola lassen erkennen, dass es Macron um mehr geht als bilaterale Freundschaftsbekundungen: Es geht um globale Positionierung, wirtschaftliche Partnerschaften – und um die Wiederherstellung verlorener Glaubwürdigkeit. Mauritius: Der Indische Ozean als geostrategisches Fenster Mauritius ist klein, aber nicht unbedeutend. Die frankophone Republik gilt als stabiler, demokratischer Akteur im Indischen Ozean – ein Raum, der zunehmend ins geopolitische Blickfeld rückt. Nicht nur wegen seiner Nähe zu globalen See…

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  • Ein ganzes Dorf verschluckt – Die Tragödie von Tarasin in Darfur

    Ein ganzes Dorf verschluckt – Die Tragödie von Tarasin in Darfur

    Es ist ein Bild, das sich in die Erinnerung brennt: ein kleines Dorf in den Bergen, eingeklemmt zwischen Felsen und Hügeln, wo Menschen seit Generationen in einfachsten Verhältnissen leben. Und dann – binnen weniger Minuten – nichts mehr. Keine Häuser, keine Stimmen, nur noch Erde, Schlamm und Geröll.
    Am 31. August 2025 wurde das Dorf Tarasin in den Marrah-Bergen im Sudan von einem gewaltigen Erdrutsch ausgelöscht. Über 1.000 Menschen verloren ihr Leben. Nur eine Person überlebte.

    Das ist mehr als eine Katastrophe. Es ist ein kollektives Verschwinden.

    Wenn Regen zur Waffe der Natur wird

    Die Ursache liegt in tagelangen Regenfällen, die den Boden in der Bergregion von West-Darfur aufweichten. Wer die Gegend kennt, weiß: Die Hänge sind steil, der Untergrund fragil, das Risiko von Bergrutschen allgegenwärtig.
    Doch was hier geschah, übersteigt das Maß des Gewohnten. Riesige Erdmassen brachen los, rissen Häuser, Vieh und Menschen mit sich – ohne Vorwarnung, ohne Chance zur Flucht.

    Wie ein dunkler Vorhang fiel die Erde über Tarasin.


    Ein Dorf ohne Zeugen

    Nach Schätzungen der Rebellenorganisation Sudan Liberation Movement/Army (SLM/A), die in der Region herrscht, lebten in Tarasin gut 1.000 Menschen. Fast alle starben. Nur ein einziger Überlebender wurde gefunden – ein Schicksal, das ihn zum einsamen Zeugen eines ausgelöschten Lebensraumes macht.

    Ein Dorf, in dem gestern noch gekocht, gelacht und gestritten wurde, existiert heute nicht mehr. Nur Stille.

    Kein Weg für die Helfer

    Das Drama verschärft sich durch die Lage des Dorfes. Tarasin liegt in einer abgeschotteten, schwer zugänglichen Zone. Keine Straßen, kein Telefonnetz, keine schnelle Hilfe. Erreicht werden kann die Region nur zu Fuß oder mit Eseln.
    Hinzu kommt: West-Darfur ist seit Jahren von Konflikten zerrissen. Rebellen, Milizen, Regierungsarmee – sie alle beanspruchen Einfluss. Für humanitäre Organisationen ist das Gebiet faktisch kaum erreichbar.

    Das heißt: Während die Welt auf die Bilder anderer Naturkatastrophen reagiert, bleibt Darfur weitgehend im Dunkeln. Kein internationales Hilfsteam, keine sofortige Bergungsaktion. Die Überlebenschancen sinken mit jeder Stunde – und in Tarasin gab es ohnehin kaum welche.


    Die unterschätzte Gefahr in Darfur

    Die Marrah-Berge sind das Herzstück von Darfur, eine grüne Oase inmitten karger Landschaft. Doch sie bergen Risiken. Starke Regenfälle sind keine Seltenheit, und in den engen Tälern entstehen immer wieder Schlammlawinen und Überschwemmungen.
    Meist betreffen sie nur einzelne Felder oder Wege. Doch der Erdrutsch von Tarasin zeigt: Die Natur kann auch hier mit brutaler Wucht zuschlagen.

    In einem Land, das ohnehin von humanitären Krisen, Hunger und Bürgerkrieg erschüttert ist, bleibt kaum Raum für Katastrophenvorsorge. Frühwarnsysteme, stabile Bauten, schnelle Notfallpläne – all das existiert nicht.


    Eine Katastrophe ohne Echo?

    Über 1.000 Tote – eine Zahl, die aufhorchen lassen müsste. Doch die internationale Resonanz bleibt bislang erstaunlich leise.
    Darfur ist kein interessantes Schlagwort mehr. Zu viele Krisen haben die Region schon erschüttert, zu oft hat die Weltgemeinschaft mit Achselzucken reagiert. Das Leid verschwindet in den Schlagzeilen, kaum dass es sichtbar wurde.

    Doch darf man hinnehmen, dass ein ganzes Dorf verschwindet, ohne dass es ein Echo hinterlässt?


    Erinnerung an ein untergegangenes Dorf

    Die Tragödie von Tarasin ist mehr als eine Naturkatastrophe. Sie ist das Sinnbild für die Verletzlichkeit von Menschen, die an den Rändern der Welt leben.
    Hier, wo Politik, Konflikt und Naturkatastrophen zusammenstoßen, verschwinden ganze Gemeinschaften, ohne dass sie Spuren in der globalen Erinnerung hinterlassen.

    Tarasin existiert nicht mehr – aber die Geschichte seiner Menschen darf nicht ebenso ausgelöscht werden.

    Autor: C.H.

  • USA verlangen 15.000 Dollar Kaution für Visa – neue Hürde für Touristen aus dem Globalen Süden

    USA verlangen 15.000 Dollar Kaution für Visa – neue Hürde für Touristen aus dem Globalen Süden

    Mitten in der Sommersaison verschärft die US-Regierung erneut ihre Visapolitik. Ein im August veröffentlichtes Pilotprojekt sieht vor, dass Touristen aus bestimmten Ländern künftig eine Kaution von 15.000 US-Dollar hinterlegen müssen, um ein Visum für die Vereinigten Staaten zu erhalten. Offiziell soll die Maßnahme dazu dienen, sogenannte „Overstays“ – also das Überschreiten der genehmigten Aufenthaltsdauer – zu reduzieren. Doch die geopolitische Stoßrichtung ist deutlich: Betroffen sind vor allem Länder mit schwachen Institutionen und instabiler Migrationskontrolle – insbesondere in Afrika.

    Die Kaution soll den Besuchern am Ende ihres Aufenthalts rückerstattet werden, vorausgesetzt sie verlassen das Land fristgerecht. Andernfalls verfällt der Betrag. Die Maßnahme betrifft sowohl touristische als auch geschäftliche Visa und ist vorerst auf ein Jahr begrenzt – mit Beginn am 19. August 2025.

    Sicherheitspolitik trifft Migrationskontrolle

    Offiziell ist die Liste der betroffenen Länder nicht veröffentlicht worden. Doch aus den Erläuterungen des US-Außenministeriums geht hervor, dass es sich um Staaten handelt, deren Bürger besonders häufig die erlaubte Aufenthaltsdauer überschreiten oder deren Behörden keine verlässlichen Informationen zur Visumskontrolle liefern können. In der Praxis bedeutet das vor allem eine Verschärfung für Staaten mit schwacher Verwaltung, instabilen politischen Verhältnissen oder ausgeprägten Auswanderungstendenzen – Merkmale, die viele Länder in Subsahara-Afrika kennzeichnen.

    Bereits im Vorfeld hatte die Trump-Administration wiederholt Länder des afrikanischen Kontinents ins Visier genommen. Im August wurde bekannt, dass die USA die Visavergabe für Staatsangehörige Burundis vollständig aussetzen – wegen „wiederholter Verstöße“ gegen Visabestimmungen. Beobachter sehen darin weniger eine gezielte Einzelfallmaßnahme als vielmehr ein Signal in Richtung einer restriktiveren Migrationspolitik gegenüber dem Globalen Süden.

    Besonders brisant ist der Zeitpunkt der Ankündigung: Die USA werden 2026 zusammen mit Kanada und Mexiko die FIFA-Weltmeisterschaft ausrichten, 2028 folgen die Olympischen Spiele in San Francisco. In sozialen Netzwerken mehren sich bereits Stimmen, die befürchten, dass Athletinnen und Athleten aus afrikanischen Ländern durch die neue Kautionsregelung benachteiligt oder gar ausgeschlossen werden könnten. Zwar handelt es sich bislang nur um ein Pilotprojekt, doch das Signal ist eindeutig: Die Visapolitik der Vereinigten Staaten folgt zunehmend sicherheitspolitischen Kriterien, die den Grundgedanken offener internationaler Begegnung unterlaufen könnten.

    Dabei ist das neue System auch ein Ausdruck von Misstrauen – gegenüber den Herkunftsländern, ihren Behörden und letztlich auch gegenüber den Einzelpersonen, die einen legalen Aufenthalt beantragen. Dass die USA selbst über eines der weltweit komplexesten und rigidesten Einwanderungssysteme verfügen, bleibt dabei ebenso unerwähnt wie die Tatsache, dass viele „Overstays“ nicht auf Vorsatz, sondern auf Unkenntnis oder bürokratische Hürden zurückgehen.

    Eine Zwei-Klassen-Visaordnung

    Die Einführung der 15.000-Dollar-Kaution verschärft die bereits bestehende Spaltung zwischen visaprivilegierten und visapflichtigen Ländern. Während rund 40 meist europäische Staaten vom Visa Waiver Program profitieren und ihre Bürgerinnen und Bürger visafrei bis zu 90 Tage in die USA einreisen dürfen, ist kein einziges afrikanisches Land Teil dieser Liste. Auch aus dem Nahen Osten ist mit Katar nur ein Land vertreten – ein wohlhabender Verbündeter der USA mit hoher geopolitischer Bedeutung.

    Diese Asymmetrie in der Visapolitik ist kein neues Phänomen, wird durch die neue Maßnahme aber weiter vertieft. Für viele Staatsangehörige armer Länder bedeutet ein US-Visum bereits heute ein monatelanges Verfahren mit hohen Kosten, eingeschränkten Erfolgschancen und erheblichem administrativem Aufwand. Die zusätzliche Kaution dürfte für viele Antragsteller schlicht unerschwinglich sein – besonders in Staaten mit einem Bruttonationaleinkommen pro Kopf von unter 1.500 US-Dollar jährlich. Der faktische Ausschluss weiter Bevölkerungskreise von legaler Mobilität wird damit zementiert.

    Wahlkampftaktik oder langfristiger Kurs?

    Ob die Maßnahme über das einjährige Pilotprojekt hinaus Bestand haben wird, ist noch offen. Doch sie fügt sich nahtlos in eine langjährige Strategie der Trump-Administration ein, Migration in all ihren Formen zu erschweren – selbst wenn es sich um legale, temporäre Einreisen handelt. Die politische Stoßrichtung ist dabei klar: Härte gegen Migration mobilisiert Wählerschichten, die sich von offenen Grenzen und globaler Vernetzung bedroht fühlen. Gerade im Vorfeld der US-Zwischenwahlen 2026 dürfte die Thematik weiter an Relevanz gewinnen.

    Gleichzeitig birgt der Kurs Risiken – sowohl für das internationale Ansehen der USA als auch für die Realisierbarkeit internationaler Großereignisse auf amerikanischem Boden. Denn je stärker Einreisebeschränkungen auf sicherheitspolitische Raster reduziert werden, desto größer wird der Widerspruch zu jenen universellen Werten, die die Vereinigten Staaten lange zu verkörpern suchten: Offenheit, Chancengleichheit, Rechtsstaatlichkeit.

    Autor: P. Tiko

  • Frauen und Mädchen im Hitzestress: Wie extreme Temperaturen in Südsudan Ungleichheiten verschärfen

    Frauen und Mädchen im Hitzestress: Wie extreme Temperaturen in Südsudan Ungleichheiten verschärfen

    Hitze – unsichtbar, doch gnadenlos. In Südsudan hat die jüngste Hitzewelle nicht nur den Alltag erschwert, sondern auch bestehende Ungleichheiten verstärkt. Besonders Frauen und Mädchen trifft die extreme Hitze mit voller Wucht.

    Ein Land im Ausnahmezustand

    Seit Mitte Februar leidet Ostafrika unter einer massiven Hitzewelle, und Südsudan gehört zu den am stärksten betroffenen Regionen. Rekordtemperaturen haben das Leben dort zur Qual gemacht, vor allem für jene, die im Freien arbeiten oder in einfachen Blechhütten ohne Kühlung wohnen. Und das ist – fast die gesamte Bevölkerung.

    Der Hitzeschock zeigte sich drastisch: Als in Juba Dutzende Kinder mit Hitzschlag zusammenbrachen, wurden ab dem 20. Februar landesweit alle Schulen für zwei Wochen geschlossen. Die Regierung rief dazu auf, drinnen zu bleiben und viel zu trinken – doch für viele ist das schlicht unmöglich. Häuser mit Wellblechdächern heizen sich wie Backöfen auf, viele Haushalte haben weder Strom noch fließendes Wasser. Ein Drittel der Menschen in Juba hat keinen Zugang zu sauberem Wasser. Und Schatten? Gerade einmal ein Prozent der Stadtfläche bietet Grünflächen, wo Menschen sich vor der gnadenlosen Sonne schützen könnten.

    Hitzewellen sind in vielen Fällen tödlicher als andere Extremwetterereignisse – und das oft unbemerkt. Die Zahl der Hitzetoten bleibt meist unbekannt, da Todesfälle nicht systematisch erfasst werden. Doch die Auswirkungen reichen weit über Todesfälle hinaus: Krankheiten, Ernteausfälle, Infrastrukturschäden und wirtschaftliche Verluste hinterlassen tiefe Spuren.

    Frauen und Mädchen tragen die Hauptlast

    Die bereits bestehenden Geschlechterungleichheiten verschärfen sich durch die extreme Hitze weiter. Frauen und Mädchen in Südsudan haben ohnehin schlechtere Bildungschancen, weniger ökonomische Möglichkeiten und ein höheres Risiko gesundheitlicher Probleme. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache:

    • Die Müttersterblichkeit liegt bei erschreckenden 1.223 Todesfällen pro 100.000 Geburten.
    • Nur 29 % der Frauen können lesen und schreiben – im Vergleich zu 40 % der Männer.
    • Frauen halten nur 32 % der Sitze im nationalen Parlament.
    • 95 % der berufstätigen Frauen arbeiten im informellen Sektor, meist ohne soziale Absicherung.

    Besonders betroffen sind Frauen in der Landwirtschaft und im Straßenhandel – Berufe, die mit massiver Hitzeexposition einhergehen. Dazu kommt die Doppelbelastung durch unbezahlte Care-Arbeit: Wasser holen, Kochen in überhitzten Räumen, Kinder betreuen. 60 % ihrer Zeit verbringen Frauen mit diesen Tätigkeiten, oft unter extremen Bedingungen. Kein Wunder also, dass sie häufiger an Hitzeerschöpfung, Kreislaufproblemen und Nierenschäden leiden.

    Bildung und Hitze: Ein Teufelskreis

    Als die Schulen schlossen, standen viele Mädchen vor einer schweren Entscheidung. Denn je länger sie dem Unterricht fernbleiben, desto größer die Gefahr, dass sie nie zurückkehren. Oft erwartet die Familie, dass sie während der Schulschließung mehr im Haushalt helfen oder früh verheiratet werden.

    Bildungsexperten schlagen einfache, aber wirksame Lösungen vor: Der Unterricht könnte so umgestaltet werden, dass er die heißesten Stunden des Tages meidet. Auch bauliche Maßnahmen helfen – etwa weiße Dächer, die die Hitze reflektieren, oder mehr Schatten spendende Bäume auf dem Schulgelände. Und: Lehrer sollten geschult werden, um Anzeichen von Hitzestress frühzeitig zu erkennen und erste Hilfe zu leisten.

    Hunger, Flucht und Gewalt – der Teufelskreis der Hitze

    Schon jetzt leiden 860.000 Kinder unter fünf Jahren in Südsudan an Mangelernährung. Die extreme Hitze verschärft das Problem: Ernteausfälle treiben die Lebensmittelpreise in die Höhe, und wer ohnehin schon geschwächt ist, kann Hitze schlechter verkraften. Besonders hart trifft es Haushalte, die von Frauen geführt werden. Ohne geregeltes Einkommen bleibt oft nicht genug Geld für Nahrung und medizinische Versorgung.

    Auch die Flüchtlingssituation macht alles noch schlimmer. Über 1,1 Millionen Menschen leben aufgrund von Konflikten in überfüllten Notunterkünften. Dort fehlt es an Wasser, Kühlung und medizinischer Versorgung – eine lebensbedrohliche Kombination. Und dann ist da noch ein anderes Problem: In den Flüchtlingslagern sind Frauen besonders gefährdet, Opfer von Gewalt zu werden.

    Klimawandel als Brandbeschleuniger

    Eigentlich sind die höchsten Temperaturen in Südsudan erst später im Jahr zu erwarten. Doch der Klimawandel hat die Spielregeln geändert.

    Die globale Durchschnittstemperatur ist bereits um 1,3 Grad Celsius gestiegen – und das macht sich bemerkbar. Die jüngste Hitzewelle wäre in einer um 1,3 Grad kühleren Welt extrem unwahrscheinlich gewesen. Stattdessen sind solche Ereignisse heute zehnmal wahrscheinlicher und um mindestens 2 Grad heißer als in der Vergangenheit. Klimamodelle zeigen sogar, dass die Realität oft noch schlimmer ist, als vorhergesagt.

    Und die Zukunft? Wenn sich die Erde um 2,6 Grad erwärmt – ein Szenario, auf das wir derzeit zusteuern – werden solche Hitzewellen noch häufiger und intensiver auftreten.

    Was hilft – und was nicht?

    Groß angelegte Anpassungsmaßnahmen sind eine Herausforderung, aber es gibt Wege, die Hitze erträglicher zu machen. Praktische Lösungen könnten sein:

    • Mehr Zugang zu sauberem Wasser: Trinkwasser ist überlebenswichtig, doch vielerorts Mangelware.
    • Mehr Schatten und Kühlräume: Besonders in Flüchtlingscamps und Slums müssen mehr kühle Zufluchtsorte geschaffen werden.
    • Bessere Unterkünfte: Im Ajuong-Thok-Flüchtlingslager, wo über 40.000 Menschen – vor allem Frauen – leben, zeigen neue Baukonzepte, dass klimafreundliche Unterkünfte einen Unterschied machen.
    • Unterstützung für Frauen in der Landwirtschaft: Hitzeresistente Anbaumethoden helfen, Ernteverluste zu minimieren.
    • Bessere Arbeitsrechte für Freiluftarbeiterinnen: Ohne Schutzmaßnahmen werden viele Frauen durch die Hitze dauerhaft gesundheitlich geschädigt.

    Und nicht zu vergessen: Frühwarnsysteme für Hitzewellen. Die regionale Organisation IGAD entwickelt bereits Warnmechanismen – doch sie müssen auch wirklich die Menschen erreichen, die sich schützen müssen.

    Fazit? Keine Zeit zu verlieren!

    Die Hitzewelle in Südsudan ist mehr als nur eine Wetterkapriole – sie ist ein Symptom der Klimakrise und ein Brennglas für soziale Ungleichheiten. Frauen und Mädchen stehen dabei an vorderster Front, mit geringeren Ressourcen, aber der größten Belastung.

    Die Wissenschaft zeigt klar: Der Klimawandel ist die treibende Kraft hinter diesen Extremen. Doch statt zu resignieren, müssen wir handeln. Anpassung ist möglich – und notwendig. Denn Hitze wird bleiben. Die Frage ist nur: Lassen wir sie uns einfach überrollen oder gestalten wir eine widerstandsfähigere Zukunft?

    Von Andreas M. B.

    Lesen Sie dazu: https://www.worldweatherattribution.org/women-and-girls-continue-to-bear-disproportionate-impacts-of-heatwaves-in-south-sudan-that-have-become-a-constant-threat/ (englisch)

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