Kategorie: Umwelt

  • Chikungunya auf La Réunion: Wenn Mücken zur Gesundheitskrise werden

    Chikungunya auf La Réunion: Wenn Mücken zur Gesundheitskrise werden

    La Réunion steht am Rand einer ernsten Gesundheitskrise – und die Ursache ist kaum größer als ein Fingernagel: die Tigermücke. Zwischen dem 17. und 26. März 2025 meldete die Agence Régionale de Santé (ARS) fast 6.000 neue Chikungunya-Fälle. Insgesamt sind seit August 2024 bereits über 20.000 Menschen betroffen. Das sind Zahlen, die aufhorchen lassen – und alte Erinnerungen wecken. Ein Plan für den Notfall Das Universitätsklinikum CHU auf La Réunion hat Alarm geschlagen und den sogenannten „Plan blanc“ aktiviert. Was klingt wie ein diplomatischer Code, ist ein klarer Notfallmechanismus. Geplante Eingriffe werden verschoben, mehr Personal wird einberufen – und trotzdem reichen die Betten kaum aus. Die Notaufnahmen sind voll, die Belastung des medizinischen Personals ist enorm. Warum greift das System so früh zu so drastischen Maßnahmen? Weil man weiß, wie schlimm es werden kann. Die Epidemie von 2005/2006 sitzt vielen noch tief in den Knochen – buchstäblich. Damals infizierten sich rund …

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  • USA: Verheerende Stürme im Mittleren Westen – Mindestens 7 Tote nach Tornados und Überschwemmungen

    USA: Verheerende Stürme im Mittleren Westen – Mindestens 7 Tote nach Tornados und Überschwemmungen

    Ein riesiges Sturmsystem hat am Donnerstag den mittleren Süden der USA erschüttert – mit tödlichen Folgen. Tornados, sintflutartige Regenfälle und heftige Winde forderten mindestens sieben Menschenleben und hinterließen eine Spur der Zerstörung in mehreren Bundesstaaten.

    Ein Sturm ohne Pause

    Seit Tagen zieht eine nahezu ununterbrochene Wetterfront von Texas bis Tennessee. Nach Angaben des Wettervorhersagezentrums drohte am Donnerstagabend rund vier Millionen Menschen eine „anhaltende, lebensbedrohliche Sturzflutlage“. Allein bis zum Abend wurden über 30 Tornados gemeldet – mit teils verheerenden Auswirkungen. In einigen Gegenden hagelte es sogar Baseball-große Eisklumpen.

    Was macht so ein Wetterereignis mit den Menschen, die mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen werden, weil das eigene Haus plötzlich auf dem Dach liegt?

    In Tennessee wurden fünf Todesopfer bestätigt, darunter zwei Menschen in Fayette County, deren Haus buchstäblich umgedreht wurde. In Missouri kam eine weitere Person ums Leben, in Indiana starb jemand, als er mit dem Auto über eine heruntergerissene Stromleitung fuhr.

    Zerstörung auf ganzer Linie

    Die Infrastruktur hat ebenfalls schwer gelitten. Über 200.000 Haushalte zwischen Mississippi und Michigan waren ohne Strom. In Nashville versagten die Tornado-Sirenen – sie heulten so lange, dass sie am Ende schlicht den Geist aufgaben. In manchen Straßen konnte man nicht mehr erkennen, wo der Gehweg aufhört und der Fluss beginnt.

    Am Flughafen von Nashville fielen binnen weniger Stunden rund 7,5 Zentimeter Regen – fast so viel wie sonst im gesamten April. In McNairy County kollabierten Kommunikationssysteme, Feuerwehrleute wateten durch Trümmer, wie Videos der Highway Patrol zeigen.

    Keine Entwarnung in Sicht

    Der Sturm ist noch nicht vorbei. Auch am Freitag wurden neue Tornados erwartet. Für Teile von Arkansas galt bereits die zweithöchste Warnstufe für schwere Gewitter. Noch dramatischer: Die NOAA rief am Donnerstagabend für Arkansas, Tennessee und Kentucky die höchste Risikostufe für übermäßigen Regen aus – ein äußerst seltenes Ereignis.

    Darone Jones vom National Weather Service in Memphis erklärte, dass angesichts der weiteren Wetterlage zunächst keine vollständigen Schadensanalysen durchgeführt werden könnten. Die Priorität liege auf der Warnung der Bevölkerung. Erst später sollen Teams in betroffene Regionen geschickt werden, um das Ausmaß zu erfassen.

    Tornado-Serien ohne Ende

    Allein von Dienstag bis Donnerstag wurden über 36 Tornados vorläufig gemeldet – und es könnten noch mehr werden. In Lake City, Arkansas, raste am Mittwochabend ein gewaltiger Wirbelsturm über die Stadt hinweg. Auch nördlich von Indianapolis hinterließ ein Tornado eine Schneise der Verwüstung. Dort stürzte ein Lagerhaus teilweise ein, und Überflutungen sorgten für zusätzliche Probleme.

    Im Osten Tennessees meldeten sich am Donnerstagmorgen neue Tornadogefahren. Besonders betroffen waren Selmer und Bethel Springs – vermutlich von zwei Tornados nur zwei Stunden auseinander getroffen. Wenig später zog ein weiteres Sturmgebiet direkt an Nashville vorbei, begleitet von erneuten Tornado-Warnungen.

    Regierungen reagieren

    In Kentucky, Tennessee und Arkansas wurde der Notstand ausgerufen. In Missouri unterzeichnete Gouverneur Mike Kehoe einen Erlass zur Aktivierung der Nationalgarde. Die Behörden sind im Dauereinsatz – doch die Wetterlage bleibt kritisch.

    So grausam es klingt: Die Region ist Stürme gewohnt. Aber diese Art von anhaltender Extremwetterlage – mit Tornados, Überschwemmungen und Stromausfällen auf so breiter Fläche – zeigt, wie verletzlich moderne Gesellschaften trotz aller Technik sein können.

    Bleibt die Frage: Wie viele solcher Warnzeichen braucht es noch, bis sich wirklich etwas ändert?

    Von C. Hatty

  • Verpatzter Höhenflug: Frankreichs größtes Windparkprojekt gestoppt

    Verpatzter Höhenflug: Frankreichs größtes Windparkprojekt gestoppt

    Mitten im Herzen der Ardennen, südlich von Rethel, sollte ein Prestigeprojekt entstehen – der Windpark „Mont des Quatre Faux“. Geplant waren 63 Windräder mit einer Gesamtleistung von 226 Megawatt. Genug Energie, um rund 250.000 Menschen zu versorgen. Ein echtes Kraftpaket der Energiewende. Doch nun ist Schluss mit den hochfliegenden Plänen.

    Die Cour administrative d’appel de Nancy hat die bereits erteilten Genehmigungen kurzerhand einkassiert. Ein juristischer Paukenschlag, der weit über die Grenzen der Region hinaus hallt. Warum? Weil es sich nicht nur um ein einzelnes Projekt handelt – sondern um ein Symbol.

    Wenn die Windräder zum Streitfall werden

    Eigentlich sollte der Windpark ein Musterbeispiel für grüne Energie sein. Doch schon während der Planung regte sich Widerstand. Viele Anwohner fühlten sich übergangen – und vor allem: gestört. Sie sorgten sich um das Landschaftsbild, den Schutz der Tierwelt und die Lärmbelastung. „Wir sind nicht gegen Windkraft – aber nicht vor unserer Haustür“, lautete der Tenor.

    Diese Haltung ist kein Einzelfall. Studien, wie jene der Chaire Energy for Society der Grenoble École de Management, zeigen ein klares Muster: Die Zustimmung zur Windkraft nimmt rapide ab, sobald es um konkrete Projekte in der Nähe des eigenen Wohnortes geht.

    Klingt widersprüchlich? Ist es auch. Und dennoch menschlich.

    Was bedeutet das für Frankreichs Energiewende?

    Frankreich steht – wie viele Länder – unter Druck, seine Klimaziele zu erreichen. Erneuerbare Energien gelten als Schlüssel dazu. Doch was auf dem Papier gut aussieht, entpuppt sich in der Praxis als Kraftakt. Denn: Der Teufel steckt im Detail – und im Genehmigungsverfahren.

    Laut der Union Nationale des Propriétaires Immobiliers wird derzeit rund jeder zweite Windpark in Frankreich vor Gericht angefochten. Genauer gesagt: Sieben von zehn Projekten landen in der Verwaltungsgerichtsbarkeit. Der Weg von der Idee bis zur Inbetriebnahme ist also lang, steinig – und voller juristischer Fallstricke.

    David gegen Goliath – oder doch eher Bürger gegen Bürokratie?

    Der Fall „Mont des Quatre Faux“ bringt ein grundsätzliches Problem ans Licht: Es fehlt nicht an Plänen, sondern an Akzeptanz. Die Energiewende wird oft als nationale Notwendigkeit verkauft, ohne die lokale Realität mitzudenken. Das Resultat? Frust, Verzögerung – und in diesem Fall sogar der komplette Stopp.

    Doch wie ließe sich dieser gordische Knoten lösen?

    Eine Möglichkeit: echte Bürgerbeteiligung von Anfang an. Nicht als Pflichtübung, sondern als zentrales Element der Planung. Wenn die Menschen spüren, dass sie gehört werden – und dass ihre Bedenken ernst genommen werden – wächst auch die Bereitschaft, solche Projekte mitzutragen.

    Windkraft ja – aber wie?

    Niemand stellt infrage, dass Windenergie ein wichtiger Pfeiler der Energiewende ist. Doch wenn neue Anlagen gebaut werden, muss auch geklärt werden: Wer profitiert? Und wer trägt die Last? Eine faire Verteilung von Chancen und Belastungen wäre ein erster Schritt in Richtung Versöhnung.

    Vielleicht braucht es auch mehr kreative Lösungen – etwa Bürgerwindparks, bei denen die lokale Bevölkerung direkt beteiligt wird. Oder spezielle Fonds, die die Kommunen vor Ort unterstützen. Es geht darum, nicht nur Windräder zu bauen – sondern auch Brücken.

    Und jetzt?

    Der Windpark „Mont des Quatre Faux“ wird nicht gebaut. Zumindest vorerst. Ein Projekt, das einst als Meilenstein galt, ist zum Mahnmal geworden. Für eine verpasste Chance – aber auch für die dringende Notwendigkeit, neue Wege zu gehen.

    Denn eines steht fest: Die Energiewende ist kein Selbstläufer. Sie verlangt mehr als Technik und Zahlen. Sie braucht Vertrauen, Mut – und vor allem: Menschen, die mitziehen.

    Und Hand aufs Herz: Würden wir ein 180 Meter hohes Windrad direkt vor unserem Wohnzimmerfenster wirklich willkommen heißen?

    Von Andreas M. Brucker

  • Rückkehr mit Wolfsgeheul – Wie der Canis lupus das Gleichgewicht in den Landes aufmischt

    Rückkehr mit Wolfsgeheul – Wie der Canis lupus das Gleichgewicht in den Landes aufmischt

    Ein Schatten huscht durch die Pinien. Leise, schnell, kaum greifbar. Die Landes – ein flacher Landstrich im Südwesten Frankreichs, bekannt für seine endlosen Kiefernwälder und stillen Moore – erleben eine Rückkehr, die viele für unmöglich hielten. Seit März 2025 ist es offiziell: Der Wolf ist wieder da. Genauer gesagt, der Canis lupus lupus, die europäische Unterart des grauen Wolfs. Nach über 100 Jahren der Abwesenheit.

    Was bedeutet das für die Region, die Menschen, die Tiere?


    Ein Jahrhundert der Stille – und nun?

    Zuletzt wurde ein Wolf in den Landes vor mehr als hundert Jahren gesichtet. Seitdem war es still – zumindest, was die großen Beutegreifer angeht. Jetzt haben sich diese Koordinaten der Natur verschoben. Der französische Staat bestätigte Ende März die Rückkehr des Wolfs, nachdem mehrere tote Schafe in der Gemeinde Castets gefunden wurden. Experten des Office Français de la Biodiversité (OFB) untersuchten die Spuren – der Verdacht bestätigte sich.

    Zwei Attacken in wenigen Wochen. Tote Lämmer, verstörte Herden, ratlose Schäfer. Doch auch: Aufregung in Fachkreisen. Hoffnung bei Naturschützern. Und, ja – eine Diskussion, die mehr ist als ein lokales Ereignis.


    Ein Räuber kehrt zurück – ein Ökosystem atmet auf?

    Wölfe sind nicht einfach Räuber. Sie sind Regulatoren. Sie halten Populationen im Gleichgewicht, verhindern Überweidung durch Wildtiere und fördern so indirekt das Wachstum seltener Pflanzenarten. Ihre Rückkehr kann ganze Ökosysteme umstrukturieren – wie ein lang vermisstes Puzzlestück, das plötzlich alles zusammenfügt.

    Erinnerst du dich an das Beispiel Yellowstone Nationalpark? Dort kehrte der Wolf in den 1990ern zurück. Die Auswirkungen waren erstaunlich: Hirsche wurden vorsichtiger, Auenlandschaften regenerierten sich, sogar der Lauf einiger Flüsse veränderte sich durch den neuen Einfluss. Wer hätte gedacht, dass ein Raubtier Landschaftsarchitekt spielen kann?

    Aber funktioniert das auch in einer Kulturlandschaft wie den Landes?


    Angst auf der Weide – Sorgen der Schäfer

    Clément Grenet hat in diesen Wochen kaum geschlafen. Drei Angriffe innerhalb weniger Tage auf seine Herde. Ein Verlust von Tieren, aber auch von Vertrauen – in die Sicherheit seines Berufs. „Wir sind nicht gegen Wölfe“, sagt er, „aber wir wollen, dass man uns hilft. Wir brauchen Lösungen, nicht nur Beobachtungen.“

    Viele Schäfer fühlen sich allein gelassen. Die Behörden raten zu elektrischen Zäunen, Herdenschutzhunden, verstärkter Kontrolle – doch wer bezahlt das? Wer übernimmt die Verantwortung, wenn ein Hirtenhund versehentlich einen Wanderer beißt oder ein Wolf trotzdem durchbricht?

    Ist es nicht verrückt, dass ausgerechnet diejenigen, die Tiere großziehen, nun Angst um sie haben müssen – vor der Natur selbst?


    Ein Spagat zwischen Schutz und Praxis

    Der Wolf steht in Frankreich unter strengem Schutz. Seit seiner Rückkehr aus den italienischen Alpen Anfang der 1990er darf er nicht gejagt werden – außer unter strengen Ausnahmen, die nur bei nachgewiesener Gefahr und nach Genehmigung greifen. Diese Regeln schützen ihn – und sie erhitzen Gemüter.

    Denn sie zwingen zur Koexistenz. Und die ist nicht einfach.

    Die Landes sind bisher kein „Hotspot“ der Wolfspopulation. Doch die Region ist nicht weit entfernt von dauerhaft besiedelten Gebieten, etwa im Béarn oder auf dem Plateau de Millevaches. Die Anwesenheit des Wolfs in Nouvelle-Aquitaine ist also kein Zufall, sondern Teil einer natürlichen Ausbreitung. Die Tiere legen hunderte Kilometer zurück, auf der Suche nach neuem Lebensraum.

    Ein Stück Wildnis kehrt zurück – in eine Welt, die sich ganz schön verändert hat.


    Dialog statt Grabenkämpfe

    Die Rückkehr des Wolfs ist ein Geschenk – und eine Herausforderung. Sie zwingt uns, zentrale Fragen zu stellen: Wie kann Naturschutz funktionieren, wenn er mit wirtschaftlichen Interessen kollidiert? Wie lassen sich uralte Ängste überwinden? Und: Können wir als Gesellschaft überhaupt noch mit der Wildnis umgehen?

    Was fehlt, ist nicht Wissen. Es fehlt der Wille, sich zuzuhören. Es braucht mehr als Maßnahmenkataloge – es braucht echte Gespräche. Zwischen Wissenschaft, Politik, Landwirtinnen und Bürgerinnen. Nur wenn alle an einem Tisch sitzen, kann aus der Konfrontation eine konstruktive Zukunft entstehen.


    Ein persönlicher Blick: Zwischen Faszination und Frust

    Ich erinnere mich an einen Abend in der Auvergne. Ein Biologe zeigte mir Spuren im feuchten Waldboden – Wolf, ganz sicher. Und dann diese Stille. Diese Ahnung, dass hier mehr lebt als wir sehen. Seitdem hat mich das Thema nicht mehr losgelassen.

    Doch ehrlich gesagt: Es frustriert mich, wie schwer wir uns tun, mit dieser Rückkehr umzugehen. Der Wolf fordert uns heraus – nicht nur biologisch, sondern kulturell. Er erinnert uns daran, dass wir nie allein waren auf dieser Welt. Dass wir teilen müssen. Raum. Ressourcen. Verantwortung.


    Mehr als nur ein Tier

    Der Wolf ist Symbol. Für Angst. Für Freiheit. Für das Unkontrollierbare. In Zeiten, in denen wir versuchen, alles zu planen, zu sichern, zu versichern, bringt er das Gegenteil mit – Unvorhersehbarkeit.

    Aber gerade das – so schwer es auch sein mag – macht ihn so wertvoll. Denn mit seiner Rückkehr kommt auch eine Chance: Naturschutz greifbar zu machen. Ökologische Prozesse zu verstehen. Und ein neues Kapitel des Zusammenlebens zu schreiben.

    Vielleicht ist das der Anfang einer Geschichte, in der Mensch und Wildtier nicht gegeneinander, sondern miteinander existieren.

    Von Andreas M. Brucker

  • Deutschland 2024: Ein Klimaextrem als neuer Normalzustand

    Deutschland 2024: Ein Klimaextrem als neuer Normalzustand

    Das Jahr 2024 hat in Deutschland eine neue Klimarealität offengelegt. Mit einer durchschnittlichen Jahrestemperatur von 10,9 Grad Celsius war es das wärmste Jahr seit Beginn der flächendeckenden Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881. Der bisherige Rekord aus dem Jahr 2023 wurde um 0,3 Grad übertroffen – ein signifikanter Sprung in klimatologischen Maßstäben.

    Jede Messung ein Signal

    Bemerkenswert war die durchgängige Wärme über alle zwölf Monate hinweg. Kein einziger Monat lag unter den langjährigen Mittelwerten des Referenzzeitraums 1961 bis 2020. Besonders auffällig: Der Februar 2024, in dem die Temperaturen in Norddeutschland im Schnitt 6,2 Grad über dem Vergleichszeitraum 1961 bis 1990 lagen.

    Ein Extremwert, der weit über die übliche Schwankungsbreite hinausgeht – und auf einen beschleunigten Erwärmungstrend hinweist, der auch von internationalen Klimabeobachtungsstellen bestätigt wird.

    Ein Sommertag im Frühling

    Noch markanter war der frühe Temperaturanstieg im Frühjahr. Bereits am 5. April wurde in mehreren Regionen ein offizieller Sommertag verzeichnet – mit Tageshöchstwerten über 25 Grad Celsius. Am 6. April meldete die Station in Ohlsbach (Baden-Württemberg) sogar über 30 Grad. So früh im Jahr wurden derartige Werte in Deutschland bisher nicht gemessen.

    Diese Entwicklung ist nicht nur ein meteorologisches Novum. Sie steht exemplarisch für die veränderte Dynamik im europäischen Wettergeschehen – und für das, was Klimaforscher als „Verschiebung der Jahreszeiten“ bezeichnen.

    Niederschläge und Sonnenschein: Zwei Extreme auf engem Raum

    Das Jahr brachte nicht nur Rekordtemperaturen, sondern auch außergewöhnlich hohe Niederschlagsmengen. Mit rund 902 Millimetern landesweitem Durchschnitt war 2024 eines der regenreichsten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen. In vielen Regionen trugen die starken Regenfälle dazu bei, die in den Vorjahren abgesunkenen Grundwasserspiegel wieder anzuheben.

    Gleichzeitig verzeichnete Deutschland mit durchschnittlich 1.675 Sonnenstunden auch eine überdurchschnittlich hohe Zahl an Sonnenstunden im Vergleich zum Mittel der Jahre 1991 bis 2020. Das Nebeneinander von intensiver Sonneneinstrahlung und starken Niederschlägen verdeutlicht die zunehmende Volatilität des Klimasystems.

    Neue Klimatrendlinie – neue Realität

    Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat angesichts dieser Entwicklungen eine neue Klimatrendlinie eingeführt. Ziel: Eine präzisere Darstellung des langfristigen Erwärmungstrends. Demnach hat sich Deutschland seit Beginn der Industrialisierung bereits um 2,5 Grad Celsius erwärmt – eine Zahl, die über dem globalen Durchschnitt liegt und Deutschland zu einer der besonders stark betroffenen Regionen Europas macht.

    Was bedeutet das konkret für den Alltag? Welche Konsequenzen hat diese Entwicklung für die Städte, die Landwirtschaft, die öffentliche Gesundheit?

    Hitzebelastung und soziale Ungleichheit

    Die gesundheitlichen Risiken durch Hitzewellen nehmen deutlich zu. Städte heizen sich besonders stark auf – mit spürbaren Auswirkungen für vulnerable Bevölkerungsgruppen wie ältere Menschen, Kinder, Menschen mit Vorerkrankungen oder ohne festen Wohnsitz. In dicht bebauten Stadtquartieren entstehen sogenannte „Hitzeinseln“, die sich nachts kaum noch abkühlen. Die Belastung ist real, messbar – und sie trifft nicht alle gleichermaßen.

    Es stellt sich zunehmend die Frage: Wie gerecht sind unsere Städte auf die klimatischen Herausforderungen vorbereitet?

    Die Klimakrise wirkt als Verstärker sozialer Ungleichheit. Wer keinen Zugang zu kühlem Wohnraum oder schattigen Grünflächen hat, ist gesundheitlich stärker gefährdet. Klimaanpassung darf deshalb nicht nur technologische Lösungen fokussieren, sondern muss soziale Aspekte konsequent mitdenken.

    Wissenschaftliche Zusammenarbeit als Schlüssel

    Die Komplexität der aktuellen klimatischen Entwicklungen zeigt: Einzelne Disziplinen stoßen an ihre Grenzen. Gefragt sind interdisziplinäre Ansätze – ein Dialog zwischen Klimaforschung, Sozialwissenschaft, Stadtplanung, Medizin und Ökonomie. Nur so lassen sich Anpassungsstrategien entwickeln, die sowohl effektiv als auch gerecht sind.

    Ein Jahr als Wendepunkt

    2024 markiert einen Einschnitt. Die Häufung und Intensität der Wetterextreme unterstreicht, dass der Klimawandel kein abstraktes Zukunftsszenario mehr ist. Er ist Realität. Und er trifft Deutschland mit voller Wucht.

    Zugleich verdeutlicht dieses Jahr, wie dringend politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Antworten erforderlich sind. Denn auch wenn die Emissionskurven derzeit kaum sinken – das Wissen über Ursachen und mögliche Lösungen ist vorhanden. Es liegt an der Umsetzung.

    Die Frage, die sich nach diesem Jahr stellt, ist nicht mehr: „Kommt der Klimawandel?“ Sondern: „Wie schnell und wie entschlossen begegnen wir ihm?“

    Autor: MAB

  • Macrons Meeresoffensive: Frankreich nimmt Kurs auf eine blaue Zukunft

    Macrons Meeresoffensive: Frankreich nimmt Kurs auf eine blaue Zukunft

    Frankreichs Präsident Emmanuel Macron steht kurz davor, eine neue Serie ambitionierter Maßnahmen zum Schutz der Ozeane anzukündigen. Ein politisches Bekenntnis, das nicht überraschend kommt – denn schon in den letzten Jahren zeichnete sich ab, dass der französische Staatschef dem marinen Umweltschutz eine besondere Rolle beimisst. Die Frage, die sich nun stellt: Werden Worten diesmal auch wirksame Taten folgen?


    Schon 2022, beim One Ocean Summit im bretonischen Brest, positionierte sich Macron klar als Fürsprecher des Blauen Planeten. Damals versammelten sich Vertreter aus 41 Ländern und über 500 Fachleute, um über die Zukunft der Meere zu beraten. Frankreich nutzte die Bühne, um seine südlichen Meeresgebiete stärker unter Schutz zu stellen – etwa durch die Erweiterung der Naturschutzgebiete in den französischen Süd- und Antarktisgebieten.

    Ziel war unter anderem, die Küstenmülldeponien bis 2025 vollständig zu beseitigen. Ein Vorhaben, das sich gewaschen hat.


    Doch der Wille zur Veränderung ging noch weiter. Frankreich trat dem High Level Panel for a Sustainable Ocean Economy bei – einer internationalen Initiative, die auf eine nachhaltige Nutzung der Meeresressourcen abzielt. Konkret: 100 Prozent der französischen Wirtschaftszone sollen ökologisch verantwortungsvoll bewirtschaftet werden.

    Das bedeutet nicht Verzicht, sondern kluge Steuerung. Also: Wirtschaft ja, aber im Einklang mit den Ökosystemen.


    Ein besonders mutiges Signal setzte Macron im November 2022 bei der Klimakonferenz COP27 in Ägypten. Dort stellte er sich demonstrativ gegen die Ausbeutung der Tiefsee. Frankreich – einst interessiert an der Erschließung von Rohstoffen in den Tiefen der Ozeane – sprach sich nun für ein Moratorium aus.

    Eine 180-Grad-Wende. Und ein Fingerzeig an Industrien, die die Tiefsee als neuen Goldrausch betrachten.


    Ein weiterer Baustein dieser Meeresstrategie: Die nationale Schutzgebietsstrategie für das Jahr 2030. Sie sieht vor, dass 30 Prozent des französischen Staatsgebiets – inklusive der maritimen Zonen – unter Schutz gestellt werden sollen. Davon soll ein Drittel unter „striktem Schutz“ stehen.

    Doch genau an diesem Punkt entzündet sich auch Kritik.

    Was bedeutet eigentlich „strikter Schutz“? Wie verbindlich sind die Regeln? Und reichen die finanziellen Mittel überhaupt, um Schutz in der Praxis umzusetzen? Mehrere Umweltorganisationen zweifeln genau daran – und mahnen verbindlichere Vorgaben an.


    Macron hat auch den globalen Rahmen im Blick. Bei der UN-Ozeankonferenz in Lissabon 2022 plädierte er für ein internationales Abkommen zum Schutz der Hochsee – angelehnt an das Pariser Klimaabkommen. Ein verbindlicher Pakt für die Weltmeere, getragen von möglichst vielen Staaten, wäre ein großer Wurf.

    Doch bis dahin ist es ein weiter Weg – und die globale Uneinigkeit in Umweltfragen ist kein Geheimnis.


    Frankreich als Vorreiter im Meeresschutz? Das klingt gut. Doch Worte alleine werden das Plankton nicht retten. Die Zeit drängt – Meereserwärmung, Überfischung, Plastikflut und industrielle Interessen setzen dem Ozean zu. Und vielen Schutzgebieten fehlt bislang eines: echte Durchsetzungskraft.

    Wenn Macron nun erneut auf die Bühne tritt, um neue Maßnahmen anzukündigen, dann sollte die Marschrichtung klar sein: klare Regeln, echte Kontrolle, spürbare Wirkung.

    Denn: Wer den Ozean schützt, schützt auch das Klima – und letztlich uns selbst.

    Von C. Hatty

  • Frühling auf Speed: Der März 2025 in Frankreich war kein gewöhnlicher Monat

    Frühling auf Speed: Der März 2025 in Frankreich war kein gewöhnlicher Monat

    Frankreich schwitzte – und zwar im März. Das ist nicht normal, oder?

    Wer in diesem Monat durch Paris spazierte, konnte leicht ins Grübeln kommen: Menschen in T-Shirts, blühende Bäume und Cafés mit gut besuchten Terrassen. Die Quecksilbersäule kletterte am 20. März bis auf 18 Grad, die Nächte blieben ungewöhnlich mild. Kaum Frost, kaum Regen. Klingt idyllisch? Auf den ersten Blick vielleicht. Doch auf den zweiten? Da kommen Fragen auf.

    Was bedeutet das eigentlich – ein „zu warmer“ März?

    Im Durchschnitt lag der März 2025 in ganz Frankreich spürbar über dem, was meteorologisch als „normal“ gilt. In Paris zum Beispiel fielen die Tiefsttemperaturen kaum unter zwei Grad – selbst in den frühen Morgenstunden. Grenoble meldete Tageshöchstwerte von bis zu 20 Grad. Normal wären dort eher Temperaturen im einstelligen Bereich gewesen. Und auch bei den Niederschlägen herrschte Ebbe: Kaum ein Regentag in der Hauptstadt, viele Regionen berichteten von ausbleibenden Frühlingsniederschlägen. Klingt das nach einer Ausnahme? Leider nicht.

    Ein Blick über die Grenze – und ein Déjà-vu

    Nicht nur Frankreich erlebte einen ungewöhnlich warmen März. Die Schweiz verzeichnete im selben Zeitraum eine Durchschnittstemperatur, die um 1,5 Grad über dem langjährigen Mittel lag. Auch dort: deutlich weniger Niederschlag. Ein einzelner Ausreißer? Eher Teil eines größeren Puzzles. Ein Puzzleteil, das nicht mehr so richtig passen will in das, was früher einmal als „normales Wetter“ galt.

    Meteorologie trifft Realität: Was passiert hier eigentlich?

    Temperaturabweichungen von einem oder zwei Grad wirken auf den ersten Blick nicht dramatisch. Aber: In der Welt der Klimatologie sind solche Werte gewaltig. Ein ganzer Monat mit deutlich höheren Durchschnittstemperaturen – das verschiebt nicht nur das Gefühl für Jahreszeiten, sondern auch ganze ökologische Kreisläufe. Pflanzen blühen zu früh. Tiere finden keine Nahrung. Schnee schmilzt zu schnell – oder fällt gar nicht erst. Die Folgen kaskadieren.

    Was steckt dahinter?

    Die naheliegende Vermutung: Der Klimawandel spielt mit. Und das tut er auf mehreren Ebenen. Erstens erwärmt sich das globale Klima – das ist keine Hypothese mehr, sondern gut dokumentierte Realität. Zweitens verändert sich durch diese Erwärmung die Zirkulation der Atmosphäre. Hochdruckgebiete bleiben länger an Ort und Stelle, Regen zieht weiter nördlich oder bleibt ganz aus, Kaltlufteinbrüche werden seltener. Das alles passt zur Wetterlage im März 2025 in Frankreich.

    Der stille Dieb: Trockenheit im Frühling

    Regen im März ist wichtig – nicht nur für die Landwirtschaft. Auch Wälder, Grundwasser und städtische Grünflächen brauchen diese frühen Wassergaben, um den Sommer zu überstehen. Bleibt der Regen aus, startet das Jahr mit einem Defizit. Und das holt man im Juli nicht mehr so leicht auf.

    2022 war so ein Jahr. Der trockene Frühling setzte den Grundstein für einen der heißesten und trockensten Sommer Europas. Die Böden trockneten aus, Flüsse wie die Loire oder der Rhein schrumpften auf historische Tiefstände, Ernten gingen verloren.

    Droht 2025 Ähnliches?

    Frühling wird zum Sommer – und das hat Folgen

    Wenn März wie Mai ist, dann ist Mai wie Juli – und der Juli? Vielleicht wie ein Backofen, nur ohne Pause. Das ist keine Polemik, sondern basiert auf Modellen, die den Temperaturanstieg und seine Dynamik berechnen. Frühe Wärmeperioden verschieben Vegetationsphasen, erhöhen den Wasserverbrauch in der Landwirtschaft und bringen das ökologische Gleichgewicht ins Wanken.

    Noch beunruhigender: Frühlingstemperaturen fördern auch die Ausbreitung von Schädlingen und Krankheiten. Zecken, die früher erst im Mai aktiv wurden, beißen heute schon im März. Allergiker niesen früher – und länger. Alles beschleunigt sich.

    Was tun, wenn das neue Normal kein gutes ist?

    An dieser Stelle kommt oft die Frage: Was bringt uns diese Erkenntnis? Ist das alles nur Wetter – oder schon Klimakrise? Die Antwort ist kompliziert, aber nicht schwammig: Wetter ist kurzfristig. Klima ist das Muster. Und wenn sich das Muster ändert – wie es das gerade tut – dann reden wir von Klimawandel.

    Wir brauchen also mehr als nur gute Prognosen. Wir brauchen Vorsorge, Anpassung und – ja, klar – ambitionierten Klimaschutz. Denn die Szenarien, die sich jetzt abzeichnen, lassen sich nicht mehr wegdiskutieren. Die Modelle sind besser geworden, die Datenlage dichter, die Unsicherheit kleiner.

    Und was machen wir draus?

    Stellen wir uns vor, wir würden das, was wir aus solchen März-Momenten lernen, auch wirklich ernst nehmen. Städte könnten ihre Grünflächen frühzeitig wässern, Landwirte gezielter säen, die Politik könnte das Wasser-Management überarbeiten. Und: Wir könnten den CO₂-Ausstoß konsequent senken, anstatt weiter auf Zeit zu spielen.

    Klingt das nach einem Kraftakt? Ja. Aber auch nach einer Chance. Denn jede Erwärmung, die wir heute verhindern, reduziert zukünftige Risiken.

    Ein persönlicher Gedanke zum Schluss

    Ich erinnere mich noch gut an meine Kindheit in der Mitte Deutschlands. März war nass, grau, manchmal sogar verschneit. Das Frühlingsgefühl kam erst mit Ostern oder soger erst mit dem Monat Mai. Heute? Heute wirkt der März oft wie eine Starttaste für den Sommer. Und ganz ehrlich – das macht mir Sorgen.

    Nicht, weil ich etwas gegen Sonne habe. Sondern weil ich weiß, was dahintersteckt. Ein Planet, der ins Ungleichgewicht gerät, zeigt das nicht mit einem Donnerschlag – sondern leise. Mit zu warmen Nächten, ausbleibendem Regen und blühenden Kirschbäumen im März.

    Ein Wetterbericht ist mehr als nur Zahlen

    Wir dürfen nicht den Fehler machen, Wetter nur als Smalltalk-Thema zu betrachten. Es erzählt Geschichten. Es sendet Warnsignale. Und es fordert uns heraus, endlich zuzuhören.

    Denn die Frage ist nicht, ob der März 2025 ungewöhnlich war.

    Sondern: Was sagt uns dieser März über die Welt, die wir morgen erleben werden?

    Quellen:

    • Météo-France Klimadaten März 2025
    • MeteoSchweiz Monatsbericht März 2025
    • Copernicus Climate Change Service (C3S)

    Von Andreas M. Brucker

  • Paris zieht vor Gericht: Wer zahlt für verseuchtes Trinkwasser?

    Paris zieht vor Gericht: Wer zahlt für verseuchtes Trinkwasser?

    Die Stadt Paris hat genug. Genauer gesagt: Die kommunale Wasserbehörde Eau de Paris hat am Freitag, den 28. März 2025, Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Der Grund? Die Trinkwasserversorgung der Hauptstadt ist durch sogenannte PFAS – per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen – belastet. Diese chemischen Verbindungen sind hitzebeständig, wasserabweisend, langlebig – und höchst umstritten. Denn PFAS, oft auch als „ewige Chemikalien“ bezeichnet, bauen sich kaum ab. Weder in der Natur noch im menschlichen Körper. Und obwohl die gemessenen Konzentrationen in Paris bislang unter den geltenden Grenzwerten liegen, löst ihr bloßes Vorhandensein ernsthafte Bedenken aus. Wer macht hier sauber – und wer zahlt? Die Initiative zur Anzeige kam direkt von Bürgermeisterin Anne Hidalgo. Ihr Ziel ist klar: Der Grundsatz „Der Verursacher zahlt“ soll durchgesetzt werden. Die Stadt will nicht hinnehmen, dass am Ende die Bürgerinnen und Bürger zur Kasse gebeten werden – für eine Verschmutzung, die sie nicht ve…

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  • Wasserfluten in Bahía Blanca Anfang März – was die Wissenschaft jetzt klar belegt

    Wasserfluten in Bahía Blanca Anfang März – was die Wissenschaft jetzt klar belegt

    Es war nicht einfach nur Regen. Und es war auch kein isoliertes Wetterphänomen. Die Flutkatastrophe am 7. bis 10. März 2025 in Bahía Blanca, eine Hafenstadt im Süden der Provinz Buenos Aires, Argentinien, war ein weiteres, erschütterndes Kapitel in einem Buch, das längst geschrieben wird – dem Buch über die Folgen des Klimawandels. Doch diesmal gibt es nicht nur Bilder, Berichte und Emotionen. Es gibt auch wissenschaftliche Beweise, die den Zusammenhang mit dem menschengemachten Klimawandel auf den Punkt bringen.

    WWA-Bericht bringt Licht ins Dunkel

    Die internationale Forschungsgruppe World Weather Attribution (WWA) hat analysiert, was genau zu diesem Unwetter geführt hat. Ihre Diagnose ist eindeutig – und brisant.

    Die massiven Regenfälle über Bahía Blanca seien mindestens doppelt so wahrscheinlich geworden durch den Klimawandel. Mindestens. Und damit nicht genug: Die begleitenden Hitzewellen, die dem Starkregen vorausgingen, wären praktisch unmöglich gewesen in einer Welt ohne den Einfluss des Menschen auf das Klima.

    Klingt nach dramatischer Rhetorik? Ist es nicht. Es ist Statistik. Es ist Wissenschaft.

    Wie kommt man zu so einem Ergebnis?

    Die WWA untersucht extreme Wetterereignisse nach einem klaren Muster. Sie vergleicht reale Klimadaten mit modellierten Szenarien – also einer Welt „mit Klimawandel“ und einer hypothetischen Welt „ohne menschliche Emissionen“. Und in diesem Fall war die Differenz eklatant:

    Ohne die zusätzliche Wärme in der Atmosphäre – gespeist durch Jahrzehnte von CO₂-Ausstoß und Waldzerstörung – hätten sich solche Bedingungen schlicht nicht ergeben. Die Hitzewelle, die tagelang das Land austrocknete und die Atmosphäre aufheizte, schuf ein explosives Gemisch. Als dann die Kaltfront aus Patagonien auf die feuchte und warme Tropenluft traf, entlud sich die Spannung in sintflutartigen Regenfällen.

    Das Ganze ist ein wenig so, als hätte jemand ein Pulverfass in die Landschaft gestellt und nur darauf gewartet, dass ein Funke kommt.

    Nicht „ob“ – sondern „wie oft“

    Die eigentliche Brisanz liegt in der Wiederholung. Die WWA stellt klar: Solche Ereignisse werden nicht nur extremer, sondern auch häufiger. Und das bedeutet konkret – Städte wie Bahía Blanca brauchen mehr als Sandsäcke. Sie brauchen neue Systeme, neue Denkweisen, neue Prioritäten.

    Denn was heute „ein Jahrhundertereignis“ genannt wird, könnte morgen schon alle zehn Jahre auftreten. Oder öfter.

    Hitzewellen und Fluten: Zwei Seiten derselben Medaille

    Besonders beunruhigend ist die Kombination aus aufeinanderfolgenden Extremereignissen. Erst die Hitzewelle, dann der Wolkenbruch. Für viele klingt das zunächst widersprüchlich – ist es aber nicht.

    Der Klimawandel wirkt auf das ganze System: Höhere Temperaturen bedeuten mehr Verdunstung, die Atmosphäre speichert mehr Feuchtigkeit, und wenn sich diese entlädt, dann mit umso größerer Wucht. So entstehen Situationen, in denen Trockenperioden und Fluten einander jagen – wie Yin und Yang des Klimachaos.

    Die WWA warnt: Genau solche Kettenreaktionen werden in einem wärmeren Klima zur Norm, nicht zur Ausnahme.

    Klimaanalyse wird schneller und präziser

    Erstaunlich – oder vielleicht eher: überfällig – ist, wie schnell diese Analysen heute erstellt werden. Früher dauerte es Monate oder Jahre, um den Einfluss des Klimawandels auf ein einzelnes Ereignis zu bestimmen. Heute sind es oft nur Tage. Dank neuer Datenquellen, leistungsfähiger Modelle und internationaler Kooperation.

    Das ist mehr als ein wissenschaftlicher Fortschritt. Es ist ein Werkzeug zur politischen Verantwortung. Denn wenn man heute in fast Echtzeit zeigen kann, dass eine Flut wie in Bahía Blanca vom Klimawandel verstärkt wurde – dann kann niemand mehr sagen: „Das konnte ja keiner wissen.“

    Was folgt daraus?

    Die WWA fordert nicht nur bessere Frühwarnsysteme, sondern auch mehr Einsatz für Prävention, Risikokommunikation und Anpassung. Denn klar ist: Wenn wir jetzt nicht umsteuern, droht ein Jahrzehnt der Katastrophen.

    Und, ganz ehrlich – wie viele Menschenleben sind uns politische Versäumnisse noch wert?

    Es liegt in unserer Hand

    Die Erkenntnisse der WWA sind unbequem. Sie lassen sich nicht wegdiskutieren. Aber sie geben uns auch etwas Entscheidendes: Klarheit. Und damit Handlungsspielraum.

    Noch können wir das Steuer herumreißen – mit mutiger Politik, durchdachter Stadtentwicklung, sozial gerechtem Umbau und einem Blick aufs Ganze. Die Wissenschaft zeigt uns den Weg. Gehen müssen wir ihn selbst.

    Von Andreas M. Brucker

  • Halbschatten über Europa: Sonnenfinsternis am 29. März 2025

    Halbschatten über Europa: Sonnenfinsternis am 29. März 2025

    Ein Hauch von Dunkelheit legt sich bald über den Himmel – aber keine Sorge, die Welt geht nicht unter. Am 29. März 2025 erleben wir eine partielle Sonnenfinsternis, die über Teilen Europas, Nordafrikas und Nordamerikas sichtbar sein wird. Auch in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Frankreich wird das Schauspiel zu sehen sein, wenn auch nur teilweise. Doch was bedeutet das genau? Und warum lohnt sich ein Blick in den Himmel – natürlich nur mit der richtigen Schutzbrille?

    Wann, wie und wo?

    In Deutschland beginnt die Finsternis – je nachdem, wo man sich befindet – zwischen 11:18 Uhr und 11:41 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Das Maximum liegt zwischen 12:04 Uhr und 12:19 Uhr, bevor die Sonne sich wieder vollständig zeigt – zwischen 12:52 Uhr und 13:07 Uhr. Die Verdeckung ist regional sehr unterschiedlich: Während in Wien gerade mal rund 5,9 % der Sonnenscheibe vom Mond verdeckt werden, sind es auf Sylt immerhin etwa 25 %.

    Auch Paris ist dabei: Dort startet die Finsternis um 11:08 Uhr, das Maximum wird um 12:02 Uhr erreicht, und um 12:56 Uhr ist der Spuk vorbei. Die sogenannte Magnitude – also der Anteil des Sonnendurchmessers, der vom Mond verdeckt wird – liegt dort bei 0,346.

    Na, wann hast du dir zuletzt bewusst Zeit genommen, den Himmel zu beobachten?

    Was passiert bei einer partiellen Sonnenfinsternis?

    Eine partielle Sonnenfinsternis tritt auf, wenn sich der Mond zwischen Erde und Sonne schiebt – allerdings nicht exakt auf einer Linie. Statt die Sonne vollständig zu verdunkeln (wie bei einer totalen Finsternis), verdeckt der Mond nur einen Teil der Sonnenscheibe. Das Resultat: Ein „angebissener“ Sonnenball am Himmel, der besonders eindrucksvoll aussieht, wenn er durch eine geeignete Brille oder ein Teleskop betrachtet wird.

    Warum sieht man sie nicht überall gleich?

    Die Erklärung ist himmlisch einfach – aber nicht weniger faszinierend: Der Schatten, den der Mond auf die Erde wirft, besteht aus einem dunklen Kernschatten (Umbra) und einem helleren Halbschatten (Penumbra). Nur wer sich im Kernschatten befindet, erlebt eine totale Sonnenfinsternis. Alle anderen sehen die Sonne nur teilweise bedeckt – je nach Position auf der Erdoberfläche fällt der Blickwinkel anders aus.

    Die Erde ist eben kein flacher Teller – und die Sonnenfinsternis kein Film, der überall gleich läuft.

    Sicherheit geht vor: Ohne Schutz geht gar nichts

    So schön das Naturschauspiel auch ist – unsere Augen sind empfindlich. Ein kurzer Blick direkt in die Sonne kann bleibende Schäden verursachen. Normale Sonnenbrillen reichen da bei Weitem nicht aus.

    Was du brauchst: Eine zertifizierte Sonnenfinsternisbrille (DIN EN ISO 12312-2). Alternativ bieten viele Sternwarten geführte Beobachtungen mit speziellen Filtern und Teleskopen an. Auch astronomische Vereine organisieren öffentliche Veranstaltungen – oft mit kurzen Vorträgen, spannenden Hintergrundinfos und gemeinschaftlichem Staunen.

    Wer es lieber gemütlich mag: Einige Events werden auch per Livestream übertragen.

    Ein astronomischer Vorgeschmack

    Diese Finsternis ist – zugegeben – eher ein zarter Vorgeschmack auf größere Ereignisse. Am 12. August 2026 wird erneut eine Sonnenfinsternis über Mitteleuropa sichtbar sein, dann sogar noch eindrucksvoller. Wer richtig große Momente erleben möchte, sollte sich außerdem den 23. Juli 2093 vormerken – dann gibt es in Deutschland eine totale Sonnenfinsternis. Aber gut, bis dahin ist noch ein bisschen Zeit…

    Warum faszinieren uns Sonnenfinsternisse so sehr?

    Vielleicht liegt es daran, dass sie uns aus dem Alltag reißen. Für einen Moment werden wir daran erinnert, dass wir Teil eines riesigen kosmischen Systems sind – winzig klein auf einem rotierenden Planeten, der mit präziser Eleganz durchs Weltall tanzt.

    Oder liegt es daran, dass Sonnenfinsternisse seit jeher mit Mythen belegt sind? In vielen Kulturen galten sie als Vorboten von Veränderung, manche sahen sogar Drachen, die die Sonne verschlingen. Heute wissen wir es besser – und doch bleibt dieses Gefühl von Ehrfurcht.

    Wann hast du dich das letzte Mal so richtig klein – und gleichzeitig Teil von etwas Großem gefühlt?

    Autor: Andreas M. Brucker