Kategorie: Umwelt

  • Geflügelzucht und Tierleid: Vom besseren Leben der Hühner und den Grenzen des Fortschritts

    Geflügelzucht und Tierleid: Vom besseren Leben der Hühner und den Grenzen des Fortschritts

    Frankreichs Legehennen leben heute, zumindest auf dem Papier, besser als noch vor wenigen Jahren. Die klassische Käfighaltung verliert an Bedeutung, der Anteil käfigfreier Systeme wächst kontinuierlich. Was lange als industrieller Standard galt, gerät zunehmend unter gesellschaftlichen Druck.

    Das ist zweifellos ein Fortschritt.

    Wer in Frankreich heute Eier kauft, erkennt anhand des aufgedruckten Codes sofort die Haltungsform: Bio, Freiland, Bodenhaltung oder Käfig. Diese Kennzeichnung hat das Einkaufsverhalten verändert. Verbraucher greifen bewusster zu, viele meiden inzwischen Eier aus Käfighaltung. Der Supermarkt ist damit längst auch ein Ort moralischer Entscheidungen geworden.

    Doch genau hier beginnt die komplizierte Wahrheit.

    Denn „ohne Käfig“ bedeutet keineswegs automatisch Tierwohl. Bodenhaltung etwa befreit die Henne zwar aus dem Drahtkäfig, ersetzt diesen jedoch häufig durch riesige Hallen voller Tiere. Tausende Hühner leben dicht gedrängt unter künstlichem Licht, oft ohne echten Auslauf. Stress, Federpicken, Verletzungen und schlechte Luft gehören vielerorts weiterhin zum Alltag. Der Käfig verschwindet – das industrielle Prinzip bleibt.

    Freilandhaltung wirkt auf den ersten Blick deutlich idyllischer. Das Bild vom Huhn auf grüner Wiese verkauft sich gut und beruhigt das Gewissen. Doch auch hier entscheidet die Realität im Detail. Wie groß ist der Auslauf tatsächlich? Wie viele Tiere teilen sich die Fläche? Wie streng sind die Kontrollen? Zwischen Werbeversprechen und Lebensrealität klafft nicht selten eine beachtliche Lücke.

    Der Fortschritt besitzt also zwei Gesichter.

    Einerseits reagiert die Branche auf gesellschaftlichen Druck, investiert Millionen in neue Systeme und folgt dem Wunsch der Konsumenten nach mehr Tierwohl. Andererseits erinnern Tierschutzverbände daran, dass weniger Leid nicht automatisch ein gutes Leben bedeutet. Der Wechsel vom Käfig zur Bodenhaltung markiert oft eher das Minimum des Akzeptablen als ein echtes ethisches Ideal.

    Auch politisch bleibt die Lage vertrackt. Auf europäischer Ebene existiert zwar wachsender Druck, Käfigsysteme langfristig abzuschaffen, doch konkrete gesetzliche Schritte verlaufen schleppend. Zwischen Tierschutz, Wettbewerbsfähigkeit und landwirtschaftlicher Wirtschaftlichkeit laviert die Politik wie ein Jongleur auf dünnem Seil.

    Frankreich steht damit exemplarisch für ein größeres Dilemma.

    Die Verbraucher wünschen bessere Standards, doch beim Preis endet die Moral nicht selten an der Supermarktkasse. Landwirte sollen ihre Betriebe modernisieren, benötigen dafür jedoch erhebliche Investitionen und langfristige Planungssicherheit. Gleichzeitig bleibt das Huhn im Kern ein Nutztier, dessen Existenz wirtschaftlicher Effizienz untergeordnet ist.

    Besonders brisant erscheint dabei der steigende Geflügelkonsum insgesamt. Weniger Rindfleisch, mehr Huhn – ökologisch mag das sinnvoll wirken. Doch Tierschützer warnen vor einer simplen Verschiebung des Problems: Statt weniger Tierleid droht lediglich die Verlagerung auf eine größere Zahl kleinerer Tiere. Masse ersetzt Klasse, könnte man zynisch sagen.

    „Au bonheur des poules?“ – das Glück der Hühner bleibt also relativ.

    Für Millionen Tiere bedeutet das Leben außerhalb des Käfigs zweifellos eine Verbesserung. Mehr Platz, mehr Bewegung, weniger extreme Enge. Doch Glück im eigentlichen Sinne bleibt ein großes Wort in einem System, das primär auf Produktion ausgerichtet ist.

    Vielleicht liegt die ehrlichere Frage deshalb nicht im romantischen Ideal glücklicher Hühner, sondern in unserer eigenen Verantwortung. Wie viel Leid akzeptieren wir für ein günstiges Frühstücksei?

    Die Antwort darauf entscheidet letztlich nicht nur über die Zukunft der Landwirtschaft, sondern auch über den moralischen Zustand unserer Gesellschaft.

    Andreas M. B.

  • Unsichtbares Sterben im Meer: Frankreich vor Gericht wegen mangelnden Schutzes von Seevögeln

    Unsichtbares Sterben im Meer: Frankreich vor Gericht wegen mangelnden Schutzes von Seevögeln

    Der Befund ist ebenso schlicht wie verstörend: Seevögel sollten „nicht in so großer Zahl gefunden werden“. Hinter dieser drastischen Formulierung verbirgt sich weit mehr als bloße Betroffenheit über verendete Tiere an Frankreichs Küsten. Es geht um einen grundlegenden Vorwurf gegen den Staat – und um die Frage, ob Umweltrecht in der Praxis durchgesetzt wird. Am 21. April 2026 haben die Organisationen ClientEarth, Sea Shepherd France und Défense des Milieux Aquatiques Klage beim Conseil d’État eingereicht. Ihr Vorwurf: Frankreich verletze seine Verpflichtung, Seevögel wirksam vor den Folgen der Fischerei zu schützen.

    Zwei Ebenen eines Problems

    Die politische Brisanz des Falls liegt in der Verbindung zweier Ebenen, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft getrennt erscheinen. Sichtbar sind die Bilder von geschwächten oder toten Vögeln an den Stränden, insbesondere entlang der Atlantikküste. Diese Momentaufnahmen erzeugen Aufmerksamkeit, bleiben jedoch symptomatisch.

    Die eigentliche Dynamik spielt sich weit draußen auf See ab. Dort geraten Seevögel als sogenannter Beifang in Netze, Langleinen oder Schleppgeräte. Viele verenden unbemerkt, ihre Kadaver sinken oder werden nicht an Land gespült. Genau hier setzen die Kläger an: Sie argumentieren, dass das tatsächliche Ausmaß dieser Verluste systematisch unterschätzt wird – nicht zuletzt, weil es an verlässlicher Datenerhebung mangelt.

    Diese Unterscheidung ist zentral. Während Strandfunde medial sichtbar sind, bleibt die strukturelle Ursache – die industrielle Fischerei und ihre Nebenwirkungen – weitgehend im Verborgenen.

    Frankreich im europäischen Vergleich

    Nach Angaben der klagenden Organisationen zählt Frankreich zu den europäischen Ländern mit besonders hohen Beifangzahlen bei Seevögeln. Schätzungen sprechen von mehreren zehntausend getöteten Tieren jährlich; eine häufig zitierte Zahl liegt bei rund 34.000 Individuen pro Jahr. Betroffen sind unter anderem Arten wie der Balearensturmtaucher, der Basstölpel oder die Trottellumme – teils ohnehin bereits unter Druck durch schwindende Nahrungsgrundlagen und klimatische Veränderungen.

    Die Kritik richtet sich weniger gegen die Existenz von Fischerei als solche, sondern gegen die aus Sicht der NGOs unzureichende Regulierung. Konkret bemängeln sie:

    • lückenhafte Datenerhebung auf Fischereifahrzeugen
    • unzureichende elektronische Überwachungssysteme
    • fehlende oder nicht verpflichtende technische Schutzmaßnahmen
    • mangelhafte Durchsetzung bestehender Vorschriften

    Damit wird ein strukturelles Defizit adressiert: das Auseinanderklaffen von regulatorischem Anspruch und operativer Realität.

    Der juristische Hebel: EU-Recht als Maßstab

    Die Klage ist Teil eines größeren Trends in der europäischen Umweltpolitik: der strategischen Nutzung von Gerichten, um staatliches Handeln einzufordern. Die Organisationen berufen sich dabei auf zentrale Instrumente des EU-Naturschutzrechts, insbesondere die Vogelschutzrichtlinie und die Habitatrichtlinie. Diese verpflichten die Mitgliedstaaten, gefährdete Arten zu schützen und schädliche Einflüsse – dazu zählt auch Beifang – zu minimieren.

    Darüber hinaus existieren technische Vorschriften im Rahmen der Gemeinsamen Fischereipolitik, die spezifische Maßnahmen zur Reduktion von Beifang vorsehen. Die Kläger argumentieren, dass Frankreich diese Vorgaben nicht konsequent umsetzt.

    Das Verfahren vor dem Conseil d’État ist somit mehr als ein symbolischer Akt. Es zielt darauf ab, konkrete administrative Maßnahmen zu erzwingen – etwa strengere Kontrollen, verpflichtende technische Anpassungen oder erweiterte Schutzgebiete.

    Ein vertrautes Muster der Umweltpolitik

    Der Fall fügt sich in ein bekanntes Muster der französischen Umweltpolitik ein. In den vergangenen Jahren haben NGOs wiederholt den Rechtsweg genutzt, um staatliche Untätigkeit anzuprangern – etwa in der Klimapolitik oder beim Luftschutz. Der Ablauf ist oft ähnlich: zunächst formelle Abmahnung, dann Klage.

    Bereits Ende 2025 hatten dieselben Organisationen die Behörden auf ihre Versäumnisse hingewiesen. Die nun eingereichte Klage stellt die Eskalation dieses Prozesses dar. Sie signalisiert zugleich, dass zivilgesellschaftliche Akteure zunehmend bereit sind, politische Konflikte juristisch auszutragen.

    Naturereignis oder menschengemachte Krise?

    Besonders interessant ist die Abgrenzung, die die Kläger vornehmen. In den vergangenen Monaten wurden ungewöhnlich viele tote Seevögel an Frankreichs Atlantikküste angespült. Ursachen dafür sind vielfältig: Winterstürme, Nahrungsmangel, Erschöpfung.

    Doch genau hier setzen die NGOs an. Sie argumentieren, dass natürliche Stressfaktoren und menschengemachte Einflüsse nicht miteinander vermischt werden dürfen. Im Gegenteil: Wenn Populationen bereits durch klimatische Veränderungen unter Druck stehen, gewinnt jeder zusätzliche, vermeidbare Verlust an Gewicht.

    Diese Argumentation ist sowohl ökologisch als auch politisch relevant. Sie verschiebt den Fokus von kurzfristigen Ereignissen hin zu langfristigen Belastungen und deren kumulativer Wirkung.

    Ein strukturelles Problem der Meerespolitik

    Aus analytischer Sicht offenbart der Fall ein grundlegendes Problem moderner Meerespolitik. Die Nutzung der Ozeane – sei es durch Fischerei, Energiegewinnung oder Transport – erfolgt in einem komplexen Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichen Interessen und ökologischen Grenzen.

    Der Schutz von Seevögeln ist dabei nur ein Indikator für ein größeres Systemversagen. Es geht um Fragen wie:

    • Wie umfassend ist die Datenerhebung in einem schwer zugänglichen Raum wie dem offenen Meer?
    • Welche Rolle spielen technologische Lösungen wie Kamerasysteme oder GPS-Tracking?
    • Wie lassen sich wirtschaftliche Interessen mit Biodiversitätsschutz vereinbaren?
    • Und: Welche Verantwortung trägt der Staat bei der Durchsetzung bestehender Regeln?

    Die Kläger behaupten nicht, dass Fischerei grundsätzlich illegitim sei. Ihr Vorwurf lautet vielmehr, dass bekannte Risiken nicht mit der nötigen Konsequenz adressiert werden.

    Politischer Druck auf einen maritimen Staat

    Für Frankreich ist der Vorwurf besonders heikel. Als Land mit der zweitgrößten ausschließlichen Wirtschaftszone der Welt trägt es eine erhebliche Verantwortung für den Schutz mariner Ökosysteme. Gleichzeitig ist die Fischerei – insbesondere in Küstenregionen – ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.

    Die Klage zwingt die Regierung, diese Spannungen offenzulegen. Sie stellt eine unbequeme Frage: Wenn das Problem bekannt ist, warum bleibt seine Erfassung lückenhaft und seine Eindämmung unzureichend?

    Damit wird der Fall zu einem Lackmustest für die Glaubwürdigkeit französischer Umweltpolitik.

    Die toten Vögel an den Stränden sind in diesem Kontext mehr als ein symbolisches Bild. Sie verweisen auf eine strukturelle Lücke zwischen normativem Anspruch und praktischer Umsetzung. Frankreich verfügt über ein umfangreiches Regelwerk zum Schutz der Biodiversität. Doch solange dessen Durchsetzung unvollständig bleibt, wird das Sterben im Meer weitergehen – oft unsichtbar, aber mit realen Folgen für fragile Ökosysteme.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Zuckerrüben: Frankreichs ungelöster Konflikt zwischen Pflanzenschutz und Umweltpolitiku

    Zuckerrüben: Frankreichs ungelöster Konflikt zwischen Pflanzenschutz und Umweltpolitiku

    Frankreichs Zuckerrübenanbau steht erneut vor einer altbekannten Herausforderung. Bereits Mitte April melden Produzenten eine ungewöhnlich frühe und intensive Ausbreitung von Blattläusen – jenem unscheinbaren Schädling, der als Überträger der viralen Vergilbung ganze Ernten gefährden kann. Was zunächst wie ein agronomisches Problem erscheint, entwickelt sich rasch zu einem politischen Konflikt mit grundsätzlicher Bedeutung: Es geht um nicht weniger als das Spannungsverhältnis zwischen landwirtschaftlicher Produktivität, regulatorischer Souveränität und ökologischer Verantwortung. Ein Frühwarnsignal mit politischer Sprengkraft Die aktuelle Situation erinnert in beunruhigender Weise an das Jahr 2020. Damals führte eine starke Blattlauspopulation zu massiven Ernteausfällen, die in einigen Regionen bis zu 70 Prozent betrugen. Der wirtschaftliche Schaden belief sich landesweit auf mehrere hundert Millionen Euro. Diese Erfahrung prägt bis heute die Risikowahrnehmung der Branche. Der ungewöhn…

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  • Wenn das Meer sich zurückzieht: Die stille Enthüllung einer verborgenen Welt

    Wenn das Meer sich zurückzieht: Die stille Enthüllung einer verborgenen Welt

    Wenn das Meer geht, bleibt nicht einfach nur mehr Strand zurück.

    Es öffnet sich eine andere Wirklichkeit.

    An Tagen sehr starker Gezeiten verwandelt sich die französische Küste in eine Bühne des Wandels, fast so, als würde jemand die Kulissen austauschen. Wo kurz zuvor noch Wasser dominierte, erscheinen plötzlich Sandbänke, schimmernde Tümpel, von Algen durchzogene Felsen und fragile Linien im Boden, die wie hastig gezeichnete Karten wirken. Es ist ein Zwischenreich – weder ganz Meer noch ganz Land. Ein Ort auf Zeit.

    Wer das einmal gesehen hat, vergisst es nicht so schnell.

    Von der Bucht des Mont-Saint-Michel bis zu den atlantischen Küsten wirkt der Horizont plötzlich weiter entfernt, als hätte jemand ihn ein Stück nach hinten geschoben. Das Auge, gewohnt an eine klare Linie zwischen Wasser und Land, muss sich neu orientieren. Die Landschaft entfaltet sich wie ein lange verschlossenes Buch – Seite für Seite, Pfütze für Pfütze.

    Und genau darin liegt der Zauber: im Enthüllen.

    Die großen Gezeiten haben etwas Theatralisches. Das Meer zieht sich zurück, als würde es einen Vorhang öffnen. Dahinter erscheint eine Welt, die sonst verborgen bleibt. Kleine Felsen wirken wie Miniaturklippen, Algenfelder erinnern an Unterwassergärten, und die flachen Wasserläufe zeichnen flüchtige Muster in den Sand. Man glaubt, die Küste zu kennen – und merkt plötzlich: Das war nur die halbe Wahrheit.

    Doch es geht nicht nur um Schönheit.

    Es lebt.

    In den zurückgebliebenen Wasserbecken tummelt sich ein Mikrokosmos: durchsichtige Garnelen, bewegungslose Krebse, zusammengezogene Seeanemonen. Alles wirkt klein, fast unscheinbar – und ist doch voller Leben. Biodiversität zeigt sich hier nicht laut, sondern leise. Wer genau hinschaut, entdeckt eine ganze Welt im Detail.

    Kein Wunder, dass diese Momente Menschen anziehen.

    Der eine sammelt Muscheln, der andere fotografiert das Licht, Kinder ziehen mit Eimer und Kescher los. Für ein paar Stunden wird der Küstenstreifen zum Erlebnisraum. Aber – und das gehört zur Wahrheit dazu – diese Faszination hat ihre Schattenseite. Wer achtlos handelt, zerstört, was er bewundert. Umgedrehte Steine, zertrampelte Algen, überfüllte Eimer.

    Ganz ehrlich: Das ist einfach unnötig.

    Denn dieses Reich gehört uns nicht.

    Es wird uns nur kurz geliehen.

    Und es verschwindet schnell wieder. Die Flut kehrt oft schneller zurück, als man denkt. Was eben noch begehbar war, liegt bald wieder unter Wasser. Diese Vergänglichkeit verleiht dem Erlebnis seine besondere Intensität – und fordert Respekt.

    Vielleicht liegt darin auch eine leise Lektion für unsere Zeit.

    Küsten sind keine statischen Postkartenmotive. Sie verändern sich, reagieren, leben. Erosion, Klimawandel, menschliche Eingriffe – all das hinterlässt Spuren. Die großen Gezeiten erinnern daran, wie dynamisch diese Landschaften sind. Und wie wenig selbstverständlich.

    Am Ende bleibt ein Eindruck, der nachhallt.

    Ein kurzer Blick hinter die Kulissen der Natur. Ein Moment, in dem das Verborgene sichtbar wird. Und die Erkenntnis, dass wahre Schönheit oft genau dort liegt, wo sie nicht dauerhaft greifbar ist.

    Von C. Hatty

  • Die unsichtbare Bedrohung: Wie Frankreich gegen die „elektrische Ameise“ kämpft

    Die unsichtbare Bedrohung: Wie Frankreich gegen die „elektrische Ameise“ kämpft

    Sie ist kaum größer als ein Sandkorn – und doch in der Lage, ganze Ökosysteme ins Wanken zu bringen.

    Die sogenannte elektrische Ameise (Wasmannia auropunctata) breitet sich in Südfrankreich mit beunruhigender Hartnäckigkeit aus. Was zunächst wie ein Randphänomen wirkte, hat sich innerhalb weniger Jahre zu einem ernsthaften Problem entwickelt. Seit ihrem ersten Nachweis im Département Var im Jahr 2022 kämpfen Behörden und Forschende gegen eine invasive Art, die sich nicht nur als zäh, sondern auch als erstaunlich anpassungsfähig erweist.

    Der Gegner ist unscheinbar, fast unsichtbar – und genau darin liegt seine Stärke.

    Ursprünglich aus Südamerika stammend, nutzt die Ameise jede sich bietende Gelegenheit zur Verbreitung. Besonders tückisch: Sie reist oft unbemerkt mit Pflanzen. Einmal angekommen, bildet sie dichte Kolonien, die sich aggressiv gegenüber einheimischen Arten verhalten. Andere Insekten? Werden verdrängt. Lokale Gleichgewichte? Gerät ins Rutschen.

    Und dann ist da noch der Mensch.

    Die Stiche dieser Ameise sind schmerzhaft, manchmal sogar gefährlich. Allergische Reaktionen bis hin zu schweren Schocks sind dokumentiert. Haustiere können ernsthafte Schäden davontragen. Kurz gesagt: Das Problem bleibt nicht auf die Natur beschränkt – es kriecht bis in Gärten und Wohnanlagen.

    Die Reaktion der Behörden? Anfangs zögerlich.

    Zwischen wissenschaftlicher Analyse, bürokratischen Abläufen und rechtlichen Hürden verging wertvolle Zeit. Währenddessen breitete sich die Ameise weiter aus. Mehrere befallene Gebiete im Var zeigen, dass die Geschwindigkeit der Natur oft nicht mit der der Verwaltung mithält.

    Inzwischen hat ein Umdenken eingesetzt.

    Die Strategie wurde angepasst, die Mittel verstärkt. Statt punktueller Maßnahmen setzen die Behörden nun auf koordinierte Einsätze, bei denen verschiedene Institutionen eng zusammenarbeiten. Neue Methoden kommen zum Einsatz, darunter gezielter Einsatz von Ködern und – in schwer zugänglichen Gebieten – sogar Drohnentechnologie.

    Klingt nach Hightech. Ist aber auch ein Wettlauf gegen die Zeit.

    Denn die Ameise nutzt genau jene Räume, die schwer zu kontrollieren sind: Gärten, Straßenränder, Siedlungsgebiete. Orte, an denen Eingriffe heikel sind – ökologisch wie gesellschaftlich. Niemand will Chemie im eigenen Vorgarten. Aber nichts zu tun, ist auch keine Option.

    Ein echtes Dilemma.

    Hinzu kommt die globale Dimension. Die Verbreitung solcher Arten hängt eng mit internationalen Warenströmen zusammen. Pflanzenhandel, Transportketten, Mobilität – all das schafft Eintrittspforten. Die Ameise ist damit nicht nur ein lokales Problem, sondern Teil eines größeren Musters.

    Und genau das macht die Bekämpfung so kompliziert.

    Frankreich steht exemplarisch für viele Länder, die mit invasiven Arten ringen. Die elektrische Ameise zeigt, wie schnell sich ein kleines biologisches Detail zu einer großen Herausforderung entwickeln kann. Und wie schwierig es ist, darauf rechtzeitig zu reagieren.

    Am Ende bleibt eine unbequeme Erkenntnis:

    Manchmal reicht ein Millimeter, um ein System aus dem Gleichgewicht zu bringen.

    Daniel Ivers

  • Sterbende Giganten am Wasser – Das langsame Verschwinden der Platanen am Canal du Midi

    Sterbende Giganten am Wasser – Das langsame Verschwinden der Platanen am Canal du Midi

    Es ist ein Bild, das sich tief ins Gedächtnis eingebrannt hat: kilometerlange Alleen aus majestätischen Platanen, die sich wie ein grünes Dach über den Canal du Midi spannen. Ein Ort der Ruhe, der Geschichte, der fast schon poetischen Beständigkeit. Doch diese Idylle bröckelt – und zwar schneller, als viele wahrhaben wollen.

    Innerhalb von nur zwei Jahrzehnten sind rund 80 Prozent der Bäume entlang des Kanals gefällt worden.

    Der Grund klingt zunächst unscheinbar, fast technisch: der sogenannte „chancre coloré“, auf Deutsch etwa „Gefärbter Rindenkrebs“. Doch hinter dieser Bezeichnung verbirgt sich ein aggressiver Pilz, der die Platanen von innen heraus zerstört. Einmal infiziert, gibt es kein Zurück. Der Baum stirbt – langsam, aber unaufhaltsam.

    Die Krankheit wurde ursprünglich während des Zweiten Weltkriegs eingeschleppt, vermutlich über infiziertes Holz amerikanischer Militärbestände. Jahrzehntelang blieb sie lokal begrenzt. Doch seit den 1990er-Jahren breitet sie sich rasant aus, begünstigt durch menschliche Eingriffe, Bauarbeiten und den Klimawandel.

    Man muss sich das vorstellen: Ein Baum, der über hundert Jahre alt ist, der Generationen von Reisenden Schatten gespendet hat, wird innerhalb weniger Monate zur Gefahr – und schließlich gefällt.

    Das ist schon bitter.

    Die Platanen sind nicht nur landschaftsprägend, sie stabilisieren auch die Ufer des Kanals. Ihre Wurzeln halten den Boden zusammen, verhindern Erosion, schützen die Wasserstraße, die seit dem 17. Jahrhundert besteht und heute zum UNESCO-Welterbe zählt. Ihr Verlust verändert also nicht nur das Bild, sondern auch das ökologische Gleichgewicht.

    Ein Ersatzprogramm läuft bereits.

    Resistente Baumarten sollen die gefällten Platanen ersetzen. Doch das ist leichter gesagt als getan. Junge Bäume brauchen Jahrzehnte, um die gleiche Größe und Wirkung zu entfalten. Und selbst dann – das Flair, die Geschichte, die Atmosphäre? Schwer zu reproduzieren.

    Ein Spaziergang entlang der kahlen Abschnitte wirkt heute fast surreal. Wo einst Schatten und Vogelgezwitscher dominierten, liegt nun grelles Licht auf freigelegtem Boden. Man hört mehr Wind als Leben.

    Und trotzdem gibt es Hoffnung.

    Forschende arbeiten an resistenten Platanensorten, die dem Pilz standhalten können. Erste Pflanzungen zeigen, dass ein langsamer Wiederaufbau möglich ist. Doch es ist ein Wettlauf gegen die Zeit – und gegen die Ausbreitung des Erregers.

    Der Canal du Midi steht damit exemplarisch für eine größere Entwicklung: das stille Sterben vertrauter Landschaften durch eingeschleppte Krankheiten und menschliche Nachlässigkeit.

    Man könnte sagen, es ist nur ein Baumproblem.

    Aber wer einmal unter diesen grünen Gewölben gestanden hat, weiß: Es geht um mehr. Um Erinnerung, um Identität, um das, was bleibt – oder eben verschwindet.

    Von C. Hatty

  • Die Umweltzone vor dem Verfassungsrat: Frankreichs Klimapolitik zwischen sozialem Druck und juristischer Klärung

    Die Umweltzone vor dem Verfassungsrat: Frankreichs Klimapolitik zwischen sozialem Druck und juristischer Klärung

    Kaum verabschiedet, steht ein zentrales Element der französischen Umweltpolitik bereits wieder auf dem Prüfstand. Die Abschaffung der sogenannten Niedrigemissionszonen (ZFE) durch ein ursprünglich rein technisches Gesetz hat eine politische Dynamik ausgelöst, die nun vor dem Conseil constitutionnel entschieden wird. Was als Verwaltungsvereinfachung begann, ist zu einem Grundsatzkonflikt über die Prioritäten staatlichen Handelns geworden.

    Ein technisches Gesetz mit politischer Sprengkraft

    Der Gesetzentwurf zur „Vereinfachung des Wirtschaftslebens“ war ursprünglich darauf angelegt, bürokratische Hürden für Unternehmen abzubauen. Im parlamentarischen Verfahren wurde der Text jedoch sukzessive erweitert und inhaltlich überfrachtet. Die Aufnahme der Abschaffung der Umweltzonen (ZFE) markierte dabei einen entscheidenden Wendepunkt.

    Mit einer Mehrheit von 275 gegen 225 Stimmen verabschiedete die Nationalversammlung schließlich ein Gesetz, das weit über seinen ursprünglichen Zweck hinausgeht. Die ZFE, bislang ein Kerninstrument der Luftreinhaltepolitik in großen Ballungsräumen, sollten damit vollständig aufgehoben werden.

    Getragen wurde diese Entscheidung von einer Allianz konservativer und rechtspopulistischer Kräfte. Für sie steht die Maßnahme exemplarisch für eine Abkehr von einer als bevormundend empfundenen Umweltpolitik. Der Begriff der „ökologischen Bestrafung“ ist dabei zum politischen Schlagwort geworden. Demgegenüber sehen linke Parteien sowie Teile der Regierungsmehrheit in der Entscheidung einen Bruch mit den klimapolitischen Verpflichtungen Frankreichs.

    Die Umweltzone als Brennpunkt sozial-ökologischer Konflikte

    Die Einführung der ZFE geht auf das Klimagesetz „Climat et Résilience“ zurück, das unter Präsident Emmanuel Macron verabschiedet wurde. Ziel war es, die Luftqualität in urbanen Räumen durch schrittweise Einschränkungen besonders emissionsintensiver Fahrzeuge zu verbessern.

    Schon in der Umsetzungsphase stießen die Maßnahmen auf erheblichen Widerstand. Kritiker verwiesen insbesondere auf die sozialen Kosten: Haushalte mit geringem Einkommen seien überproportional betroffen, da sie sich den Umstieg auf neuere, weniger schadstoffintensive Fahrzeuge häufig nicht leisten könnten. In ländlichen Regionen und Vorstädten verstärkte sich zudem das Gefühl, von einer urban geprägten Umweltpolitik benachteiligt zu werden.

    Gleichzeitig ist die gesundheitliche Dimension unbestritten. Luftverschmutzung gilt als eine der zentralen Umweltgefahren in Europa und wird mit zehntausenden vorzeitigen Todesfällen jährlich in Verbindung gebracht. Aus dieser Perspektive erscheinen Umweltzonen als unverzichtbares Instrument, um internationale Verpflichtungen einzuhalten und langfristige Gesundheitskosten zu senken.

    Der Konflikt zwischen sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Notwendigkeit tritt hier in seiner schärfsten Form zutage.

    Der Gang vor das Verfassungsgericht

    Die Anrufung des Conseil constitutionnel durch sozialistische und grüne Abgeordnete folgt einer doppelten Logik: juristisch und politisch.

    Im Zentrum der juristischen Argumentation steht der Vorwurf des sogenannten „cavalier législatif“. Gemeint ist die Praxis, sachfremde Bestimmungen in ein Gesetz einzufügen, die keinen unmittelbaren Bezug zum ursprünglichen Regelungsgegenstand haben. Die französische Verfassungsrechtsprechung hat solche Vorgehensweisen wiederholt beanstandet.

    Darüber hinaus wird die Abschaffung der ZFE inhaltlich angegriffen. Die Kläger argumentieren, dass sie gegen die in der Verfassung verankerte Umweltcharta verstoßen könnte. Diese verpflichtet den Staat, Umwelt- und Gesundheitsrisiken aktiv zu bekämpfen. Eine ersatzlose Streichung zentraler Maßnahmen könnte daher als verfassungswidrig gelten.

    Nicht zuletzt ist der Schritt auch politisch motiviert. Angesichts einer parlamentarischen Mehrheit, die sich gegen die ZFE gestellt hat, soll das Verfassungsgericht als Korrektiv fungieren. Es ist ein Versuch, die ökologische Dimension der Politik über den juristischen Weg zu sichern.

    Eine Regierung im Spannungsfeld

    Bemerkenswert ist die ambivalente Rolle der Exekutive. Die Regierung hatte sich gegen die Abschaffung der ZFE ausgesprochen und versucht, im parlamentarischen Verfahren einen Kompromiss zu erreichen. Dieser scheiterte jedoch.

    Nun ergibt sich eine ungewöhnliche Konstellation: Die Regierung könnte von einer möglichen Aufhebung des Gesetzes durch das Verfassungsgericht profitieren. Eine entsprechende Entscheidung würde es ihr ermöglichen, die ZFE beizubehalten, ohne erneut eine politisch riskante Abstimmung im Parlament durchlaufen zu müssen.

    Diese Situation verdeutlicht die Fragmentierung der politischen Landschaft in Frankreich. Selbst innerhalb der Mehrheitsverhältnisse gibt es keine einheitliche Linie mehr in zentralen Fragen der Umweltpolitik.

    Der Verfassungsrat als politischer Akteur

    Die anstehende Entscheidung des Conseil constitutionnel hat weitreichende Implikationen. Sie betrifft nicht nur die Zukunft der ZFE, sondern auch grundlegende Fragen des institutionellen Gleichgewichts.

    Zum einen geht es um die Grenzen parlamentarischer Gesetzgebung. Wie weit darf ein Gesetz im Laufe des Verfahrens inhaltlich verändert werden, ohne seinen ursprünglichen Charakter zu verlieren? Eine strenge Auslegung könnte die Praxis der Gesetzgebung nachhaltig verändern.

    Zum anderen steht die Rolle der Umwelt in der Verfassungsordnung zur Debatte. Seit der Integration der Umweltcharta in den sogenannten „bloc de constitutionnalité“ im Jahr 2005 hat sich die Bedeutung ökologischer Prinzipien stetig erhöht. Eine Entscheidung zugunsten der Kläger könnte diesen Trend verstärken und Umweltpolitik stärker justiziabel machen.

    Eine Verschiebung politischer Konfliktlinien

    Der Streit um die ZFE ist mehr als ein Einzelfall. Er steht exemplarisch für eine tiefgreifende Verschiebung politischer Konfliktlinien in Frankreich. Während ökologische Ziele lange Zeit weitgehend konsensfähig waren, treten nun ihre sozialen Kosten stärker in den Vordergrund.

    Die Debatte erinnert in Teilen an die Proteste der „Gilets jaunes“, die sich ebenfalls gegen als ungerecht empfundene Umweltmaßnahmen richteten. Sie zeigt, dass Klimapolitik ohne soziale Abfederung auf erheblichen Widerstand stoßen kann.

    Gleichzeitig wächst der internationale Druck. Frankreich ist an europäische Luftqualitätsrichtlinien gebunden und steht unter Beobachtung der EU-Institutionen. Ein Rückbau bestehender Maßnahmen könnte daher auch auf europäischer Ebene Konsequenzen nach sich ziehen.

    Am Ende wird die Entscheidung des Verfassungsrats nicht nur eine juristische Klärung bringen, sondern auch ein politisches Signal senden. Sie wird darüber Auskunft geben, wie weit Frankreich bereit ist, ökologische Verpflichtungen gegen kurzfristige soziale und wirtschaftliche Interessen zu verteidigen – oder ob sich eine neue Prioritätensetzung abzeichnet.

    Autor: P. Tiko

  • Erneuerbare Energien überholten 2025 erstmals seit einem Jahrhundert die Kohle – weltweit

    Erneuerbare Energien überholten 2025 erstmals seit einem Jahrhundert die Kohle – weltweit

    Die globale Energiewirtschaft hat 2025 eine symbolträchtige Schwelle überschritten: Erstmals seit rund hundert Jahren lieferten erneuerbare Energien mehr Strom als Kohle. Dieser Befund markiert nicht nur einen statistischen Wendepunkt, sondern verweist auf tiefgreifende strukturelle Veränderungen im weltweiten Energiesystem – mit weitreichenden politischen, wirtschaftlichen und geopolitischen Konsequenzen.

    Ein historischer Kipppunkt im Energiesystem

    Laut dem britischen Thinktank Ember entfielen im Jahr 2025 rund 34 Prozent der weltweiten Stromproduktion auf erneuerbare Quellen – insbesondere Solarenergie, Windkraft und Wasserkraft. Kohle, lange Zeit Rückgrat der industriellen Energieversorgung, fiel mit 33 Prozent knapp dahinter zurück. Diese Verschiebung ist insofern bemerkenswert, als Kohle seit Beginn des 20. Jahrhunderts die dominierende Quelle für Stromerzeugung war.

    Der Befund ist nicht lediglich ein statistischer Zufall, sondern Ausdruck eines langfristigen Trends. Bereits in den vergangenen Jahren hatten erneuerbare Energien kontinuierlich an Bedeutung gewonnen, doch erst jetzt erreichen sie eine dominante Stellung im globalen Strommix. Dass dieser Umschwung ausgerechnet in einer Phase geopolitischer Spannungen und energiepolitischer Unsicherheiten erfolgt, unterstreicht seine strukturelle Tiefe.

    Die treibende Kraft: Solarenergie

    Besonders auffällig ist die Dynamik im Bereich der Solarenergie. Die weltweite Stromproduktion aus Photovoltaikanlagen stieg im Jahr 2025 um rund 30 Prozent – ein Wachstum, das die Entwicklung anderer Energiequellen deutlich übertrifft. Innerhalb eines Jahrzehnts hat sich die globale Solarstromproduktion verzehnfacht.

    Diese Entwicklung ist vor allem auf sinkende Produktionskosten, technologische Fortschritte und massive staatliche Förderprogramme zurückzuführen. Länder wie China, die USA und Indien investieren in großem Umfang in den Ausbau von Solarkapazitäten, nicht zuletzt aus industriepolitischen Motiven. Die Solarenergie ist damit nicht nur ein Instrument der Klimapolitik, sondern auch ein strategischer Wirtschaftsfaktor geworden.

    Gleichzeitig hat die Dezentralisierung der Stromproduktion durch Solaranlagen – etwa auf Hausdächern oder in kleineren Anlagen – die Struktur der Energieversorgung verändert. Strom wird zunehmend dort erzeugt, wo er verbraucht wird, was traditionelle Versorgungsmodelle infrage stellt.

    Europa als Vorreiter des Wandels

    Innerhalb der Europäischen Union zeigt sich der Wandel besonders deutlich. 2025 übertraf die kombinierte Stromproduktion aus Wind- und Solarenergie erstmals diejenige aus allen fossilen Energieträgern. Dieser Meilenstein ist das Ergebnis einer langfristig angelegten Energie- und Klimapolitik, die auf Diversifizierung, Dekarbonisierung und technologische Innovation setzt.

    Politische Instrumente wie der Emissionshandel, Subventionen für erneuerbare Energien und ambitionierte Ausbauziele haben den Übergang beschleunigt. Gleichzeitig hat die Energiekrise infolge geopolitischer Konflikte – insbesondere die Reduktion russischer Gaslieferungen – den Druck erhöht, alternative Energiequellen schneller zu erschließen.

    Allerdings bleibt die europäische Energiewende ein komplexes Unterfangen. Der Ausbau der Netzinfrastruktur, die Integration volatiler Energiequellen und die Sicherstellung der Versorgungssicherheit stellen weiterhin erhebliche Herausforderungen dar.

    Fossile Energien verlieren an Boden – langsam

    Trotz des symbolischen Bedeutungsverlusts der Kohle ist der Rückgang fossiler Energien bislang moderat. Im Jahr 2025 sank ihr Anteil an der globalen Stromproduktion lediglich um 0,2 Prozent. Dies ist erst das fünfte Mal im 21. Jahrhundert, dass ein Rückgang verzeichnet wurde.

    Diese Trägheit erklärt sich durch mehrere Faktoren. Zum einen verfügen viele Länder über bestehende Infrastrukturen für Kohle- und Gaskraftwerke, deren Stilllegung wirtschaftlich und politisch sensibel ist. Zum anderen steigt der globale Strombedarf weiterhin an, insbesondere in Schwellenländern, sodass erneuerbare Energien häufig zusätzlich installiert werden, anstatt fossile Kapazitäten vollständig zu ersetzen.

    In Ländern wie Indien oder Indonesien bleibt Kohle aufgrund ihrer Verfügbarkeit und niedrigen Kosten eine zentrale Energiequelle. Der globale Energiewandel verläuft daher asymmetrisch: Während Industrieländer ihre Emissionen reduzieren, wächst der Energiebedarf in anderen Teilen der Welt weiterhin stark.

    Klimapolitische und geopolitische Implikationen

    Der wachsende Anteil erneuerbarer Energien hat unmittelbare Auswirkungen auf die globale Klimapolitik. Da Kohle zu den emissionsintensivsten Energiequellen zählt, bedeutet ihr relativer Rückgang eine potenzielle Reduktion von Treibhausgasemissionen. Allerdings hängt der tatsächliche Effekt davon ab, ob fossile Energien absolut zurückgedrängt werden oder lediglich langsamer wachsen.

    Darüber hinaus verändert die Energiewende die geopolitischen Machtverhältnisse. Staaten, die bislang von fossilen Energieexporten abhängig waren, sehen sich mit sinkender Nachfrage konfrontiert. Gleichzeitig gewinnen Länder an Bedeutung, die über technologische Kompetenzen oder Ressourcen für erneuerbare Energien verfügen – etwa seltene Erden für Batterien oder Produktionskapazitäten für Solarmodule.

    Die Energiepolitik wird damit zunehmend zu einem Feld strategischer Industriepolitik. Fragen der Versorgungssicherheit, technologischen Souveränität und wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit rücken in den Vordergrund.

    Zwischen Fortschritt und Unsicherheit

    Der historische Moment des Jahres 2025 markiert keinen Endpunkt, sondern einen Zwischenstand in einem langwierigen Transformationsprozess. Der Übergang zu einem klimaneutralen Energiesystem erfordert nicht nur den Ausbau erneuerbarer Energien, sondern auch Investitionen in Speichertechnologien, Netzinfrastruktur und flexible Strommärkte.

    Zudem bleiben Unsicherheiten bestehen: politische Richtungswechsel, wirtschaftliche Krisen oder technologische Engpässe könnten den Fortschritt verlangsamen. Ebenso ist unklar, wie schnell sich der globale Süden von fossilen Energien lösen kann, ohne wirtschaftliche Entwicklung zu gefährden.

    Dennoch lässt sich festhalten: Die Verschiebung im globalen Strommix ist ein Indikator dafür, dass die Energiewende nicht mehr nur ein politisches Ziel ist, sondern zunehmend Realität wird – mit allen Ambivalenzen, die ein solcher Strukturwandel mit sich bringt.

    Andreas M. Brucker

  • Wenn der Regen nicht mehr reicht – Die stille Angst vor der nächsten Dürre

    Wenn der Regen nicht mehr reicht – Die stille Angst vor der nächsten Dürre

    Der Regen kam in Strömen, wochenlang, fast trotzig.

    Und doch bleibt die Sorge.

    In den französischen Deux-Sèvres, einer Landschaft im Nordwesten Frankreichs, die von Landwirtschaft lebt und vom Wetter abhängt wie andere von Börsenkursen, hat sich eine leise, aber hartnäckige Unruhe breitgemacht. Es ist nicht mehr der trockene Hochsommer allein, der die Gemüter erhitzt. Die Unsicherheit beginnt früher, viel früher – bereits im Frühjahr, wenn die Felder eigentlich Hoffnung tragen sollten.

    Ein Landwirt beschreibt es mit einem schiefen Lächeln: „Früher wusste man ungefähr, woran man ist. Heute? Keine Ahnung mehr.“ Ein Satz, der beiläufig klingt, aber schwer wiegt.

    Der Winter 2025/2026 war außergewöhnlich. Regen im Überfluss, gesättigte Böden, volle Flüsse – stellenweise sogar Überschwemmungen. Meteorologisch betrachtet ein Ereignis, das statistisch herausragt. Doch kaum sind die letzten Pfützen versickert, folgt die nächste Wendung. Mitte April greifen bereits erste Wasserbeschränkungen. Ein Widerspruch? Auf den ersten Blick, ja. In der Praxis längst Alltag.

    Denn Wasser ist nicht gleich Wasser. Und manche Böden brauchen langsamen – stetigen regen. Kein Starkregen, der sofort abfliesst und die Erde auswäscht.

    Was als Starkregen fällt, bleibt nicht unbedingt. Es fließt ab, rauscht durch begradigte Gräben, verschwindet schneller, als es sich im Boden festsetzen kann. Die Landschaft hat sich verändert, leise, über Jahre hinweg. Feuchtgebiete sind verschwunden, natürliche Speicher geschrumpft.

    Für Landwirte bedeutet das Stress. Nicht der laute, spektakuläre Stress, sondern dieser zermürbende, der sich durch jede Entscheidung zieht. Wann säen? Wie viel bewässern? Reicht es noch? Fragen, die früher Routine waren, wirken heute wie ein Glücksspiel.

    Gerade die Monate April und Mai gelten als heikel. Die Pflanzen stehen am Anfang ihres Wachstums, empfindlich, abhängig von stabilen Bedingungen. Bleibt der Regen aus, gerät alles ins Wanken. Zu viel Wasser zuvor hilft da wenig – im Gegenteil. Nasse Böden verzögern die Arbeit, schädigen die Struktur, und wenn es dann trocken wird, fehlt die Reserve.

    Man steckt fest zwischen zwei Extremen. Zu nass, dann zu trocken. Kein Rhythmus mehr, nur noch Brüche.

    Das ist es, was viele in der Region umtreibt: Nicht die einzelne Dürre, sondern die Unberechenbarkeit. Ein Zustand, der sich nicht planen lässt. Landwirtschaft aber lebt von Planung – von Zyklen, von Erfahrung, von Wiedererkennbarkeit. Fällt das weg, bleibt Unsicherheit. Und die frisst sich tief ins Gemüt.

    Klar, man kann über Lösungen sprechen. Über Wasserspeicher, über neue Anbaumethoden, über politische Strategien. Doch auf dem Feld zählen andere Dinge. Ertrag, Kosten, das nackte Überleben eines Betriebs. Da geht es nicht um Ideologie, sondern ums Durchkommen. Ganz schlicht.

    Und genau darin liegt die Brisanz.

    Die Dürre ist kein fernes Szenario mehr, keine Ausnahme. Sie ist eine Möglichkeit, die jederzeit eintreten kann – selbst nach einem regenreichen Winter. Vielleicht ist das die eigentliche Zäsur: Nicht der Wassermangel an sich, sondern das Gefühl, dass nichts mehr verlässlich ist.

    Ein Landwirt blickt über seine Felder, prüft den Boden zwischen den Fingern, schaut kurz in den Himmel. Dann sagt er leise: „Wenn es jetzt schon so anfängt, wird das ein langer Sommer.“

    Man versteht sofort, was er meint.

    Autor: Christine Macha

  • Frankreichs Rückzug bei Umweltzonen: Politische Korrektur oder strategische Kapitulation?

    Frankreichs Rückzug bei Umweltzonen: Politische Korrektur oder strategische Kapitulation?

    Die Abschaffung der französischen Umweltzonen markiert einen seltenen Moment offener politischer Schwäche der Regierung. Was als sozialpolitische Korrektur präsentiert wird, offenbart bei näherer Betrachtung ein strukturelles Problem der französischen Umweltpolitik: den schwierigen Ausgleich zwischen ökologischer Regulierung und sozialer Akzeptanz. Im Zentrum dieser Entwicklung steht Annie Genevard, die versucht, den entstandenen Widerspruch kommunikativ zu glätten. Ein politisches Signal gegen die Exekutive Die sogenannten zones à faibles émissions (ZFE) galten als eines der sichtbarsten Instrumente französischer Luftreinhaltepolitik. Ihre Abschaffung erfolgte jedoch nicht als Ergebnis eines strategischen Kurswechsels der Regierung, sondern gegen deren erklärten Willen. Dass das Parlament – getragen von einer heterogenen Mehrheit – dieses zentrale Instrument kassierte, stellt eine bemerkenswerte Verschiebung im institutionellen Kräfteverhältnis dar. Für die Exekutive ist dies mehr als…

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