Kategorie: Sonntag

  • Wenn die Kälte bleibt – Leben ohne Heizung mitten in Europa

    Wenn die Kälte bleibt – Leben ohne Heizung mitten in Europa

    Der Winter klopft an die Tür.
    Manchmal tritt er gleich ein.

    In diesen Tagen zeigt sich der Frost nicht nur auf vereisten Autoscheiben oder klammen Fingern an der Bushaltestelle. Er sitzt in Wohnzimmern, kriecht unter Decken, bleibt über Nacht. Und er geht nicht mehr weg. Für viele Menschen in Frankreich fühlt sich dieser Winter nicht wie eine Jahreszeit an, sondern wie ein Zustand.

    Eine Kälte, die müde macht.
    Und wütend.
    Und irgendwann einfach nur noch traurig.

    In Floirac, nahe Bordeaux, zeigt das Thermometer draußen minus ein Grad. Drinnen allerdings kaum mehr. Zwölf Grad im Wohnzimmer, nachts noch weniger. Die Zahl klingt nüchtern, fast harmlos. Doch wer schon einmal versucht hat, bei zwölf Grad zu frühstücken, weiß: Das Brot schmeckt anders, der Kaffee wird schneller kalt, Gespräche drehen sich im Kreis. Immer wieder dieselbe Frage — wie lange noch?

    Jérôme, Bewohner der Cité du Midi, schläft seit Wochen nicht mehr regelmäßig zu Hause. Er fährt zu seiner Mutter, packt Taschen wie für einen Kurzurlaub, obwohl er nur der Kälte entkommen will. Ein erwachsener Mann, der sein eigenes Bett meidet. Wer hätte gedacht, dass so etwas im Jahr 2026 Realität bleibt?

    Andere improvisieren.
    Heizlüfter aus dem Baumarkt, Verlängerungskabel quer durch die Wohnung, Sicherungen, die regelmäßig herausfliegen. Zwei Geräte gleichzeitig? Vergiss es. Dann wird es dunkel. Also schaltet man abwechselnd ein — Bad oder Wohnzimmer, Wärme oder Licht. Komfort sieht anders aus, klar. Aber es geht ums Überleben im Kleinen.

    Manche flüchten tagsüber. Einkaufszentren, Supermärkte, Cafés. Orte, an denen die Heizung zuverlässig brummt und niemand fragt, warum man drei Stunden lang nur einen Tee bestellt. Wärme auf Zeit. Wärme ohne Zuhause. Ist das noch Alltag oder schon ein stiller Notfall?

    Die Stadt reagiert.
    Ein Gymnasium öffnet seine Türen. Matratzen, Duschen, ein Dach über dem Kopf. Eine Geste, wichtig, notwendig. Und doch schmerzlich. Denn niemand möchte im Januar seine Abende in einer Turnhalle verbringen. Zuhause bleibt Zuhause — selbst dann, wenn es kalt ist.

    Eine Bewohnerin bringt es leise auf den Punkt: Sie vermisst nicht nur die Wärme, sie vermisst sich selbst in ihrer Wohnung. Den Alltag. Die Ruhe. Das Gefühl, anzukommen. Wer ständig friert, denkt nicht an Zukunft, sondern an die nächste Stunde.

    Was dabei oft untergeht: Für viele ist diese Situation kein einmaliger Ausrutscher.
    Sie dauert an.
    Monate.
    Jahre.

    In Rennes, Hunderte Kilometer weiter nördlich, erzählen Bewohner eines Sozialwohnblocks von zwei Wintern ohne funktionierende Heizung. Zwei. Nicht ein paar Tage. Nicht ein besonders kaltes Wochenende. Zwei ganze Heizperioden, in denen Radiatoren lauwarm bleiben wie schlechte Ausreden.

    Baran, einer der Mieter, legt die Hand auf den Heizkörper. Ein bisschen Wärme kommt an, sagt er. Ein bisschen. Aber ein Zuhause lässt sich damit nicht aufheizen. Es reicht gerade so, um Hoffnung zu machen — und sie im nächsten Moment wieder zu nehmen.

    In einer anderen Wohnung lebt ein junger Vater mit seinem Neugeborenen. Die elterliche Schlafzimmertür bleibt geschlossen, dort läuft ein Heizlüfter fast ununterbrochen. Das Kinderzimmer dagegen? Unbenutzbar. Zu kalt. Zu riskant. Niemand setzt die Gesundheit seines Babys aufs Spiel, nur weil die Technik versagt. Also steigen die Stromkosten. Und mit ihnen die Sorgen.

    Was macht das mit einem Menschen, wenn er jeden Monat mehr zahlt, um weniger zu bekommen?
    Wie erklärt man einem Kind, warum es im eigenen Zimmer Handschuhe tragen soll?

    Hajar, Mutter mehrerer Kinder, misst in ihrer Wohnung sechs Grad. Sechs. Das ist Kühlschrankniveau. Sie spricht von einem Gefühl des Ausgeliefertseins. Niemand fühlt sich zuständig. Der Vermieter verweist auf den Energieversorger, dieser auf technische Schwierigkeiten. Ein Pingpong-Spiel der Verantwortung. Und mittendrin Familien, die längst keine Kraft mehr haben, Briefe zu schreiben oder Hotlines anzurufen.

    „Wir drehen uns im Kreis“, sagt sie. Seit zwei Jahren. Zwei Jahre, in denen der Winter nicht endet, sondern jedes Mal neu beginnt.

    Natürlich gibt es Stellungnahmen.
    Der soziale Wohnungsbau verweist auf externe Dienstleister.
    Der Energieversorger — in diesem Fall Engie — versichert, man arbeite mit Hochdruck an einer Lösung. Worte, die man kennt. Worte, die warm klingen, aber keine Wärme erzeugen.

    Dabei geht es um mehr als Technik.
    Es geht um Würde.

    Heizen ist kein Luxus. Es ist ein Grundbedürfnis. In einem Land, das sich soziale Sicherheit auf die Fahnen schreibt, wirkt eine kalte Wohnung wie ein stiller Widerspruch. Besonders bitter trifft es Menschen, die ohnehin wenig Spielraum haben. Sozialwohnungen, feste Budgets, steigende Preise. Wer dort friert, hat kaum Alternativen.

    Manche lachen bitter und sagen: Man gewöhnt sich an alles. Stimmt das? Oder stumpft man einfach ab? Die Kälte schleicht sich nicht nur in die Knochen, sondern auch in Gedanken. Sie macht klein. Sie raubt Energie — im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

    Zwischendurch entstehen skurrile Momente. Nachbarn treffen sich im Treppenhaus, weil es dort manchmal wärmer ist als in den Wohnungen. Man tauscht Tipps aus: Welcher Heizlüfter taugt etwas? Welche Sicherung hält länger? Galgenhumor als letzte Verteidigung.

    Und doch bleibt die Frage im Raum hängen wie kalter Atem: Wie konnte es so weit kommen?

    Die Energiewende, marode Infrastruktur, komplizierte Zuständigkeiten. All das spielt eine Rolle. Aber für die Betroffenen klingt das abstrakt. Sie wollen keine Debatte. Sie wollen warme Füße.

    Der Winter macht keine Pause, nur weil ein Schreiben unbeantwortet bleibt. Er kommt nachts, wenn Kinder schlafen, wenn alte Menschen still im Sessel sitzen, wenn niemand hinschaut. Und genau dann zeigt sich, wie verletzlich ein Zuhause sein kann.

    Vielleicht liegt darin die eigentliche Tragik.
    Nicht im Defekt der Heizung.
    Sondern darin, dass man sich an den Gedanken gewöhnt, dass so etwas eben passiert.

    Doch sollte es das?
    Sollte man akzeptieren, dass Menschen im 21. Jahrhundert in Europa frieren, während Zuständigkeiten geklärt werden?

    Ein älterer Bewohner in Floirac erzählt, dass er früher den Winter mochte. Spaziergänge, klare Luft, Ruhe. Heute zählt er die Tage bis zum Frühling wie ein Gefangener die Striche an der Wand. Nicht aus Ungeduld, sondern aus Erschöpfung. Sein Körper spielt nicht mehr mit.

    Die Kinder in Rennes kleben ihre Fenster zu, um den Luftzug zu stoppen. Provisorische Kunstwerke aus Papier und Klebeband. Kreativ, ja. Aber auch ein stilles Zeichen von Mangel. Improvisation ersetzt keine Lösung.

    Manchmal hilft Solidarität. Nachbarn teilen Steckdosen, bringen Suppe vorbei, passen aufeinander auf. Das wärmt — ein bisschen. Menschlich. Aber es entbindet niemanden von Verantwortung.

    Der Winter wird vorübergehen.
    Das tut er immer.

    Doch was bleibt, sind Erinnerungen an Nächte mit Mütze im Bett, an Tage ohne Zuhausegefühl, an das leise Gefühl, vergessen worden zu sein. Für viele Betroffene endet die Kälte nicht mit steigenden Temperaturen. Sie bleibt als Erfahrung. Als Misstrauen. Als Fragezeichen.

    Vielleicht ist genau jetzt der Moment, genauer hinzusehen. Nicht erst, wenn der nächste Frost kommt. Sondern solange Menschen noch frieren.

    Denn eine Wohnung ohne Heizung ist mehr als ein technisches Problem. Sie ist ein Bruch im sozialen Versprechen. Und der lässt sich nicht mit warmen Worten kitten.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Côte de Jade – Winterruhe zwischen Meer, Licht und leisen Momenten

    Côte de Jade – Winterruhe zwischen Meer, Licht und leisen Momenten

    Manchmal braucht es keinen großen Aufbruch.
    Keinen Langstreckenflug.
    Kein Spektakel.

    Manchmal reicht ein Küstenstreifen, der leise bleibt, selbst wenn der Wind vom Atlantik erzählt. Die Côte de Jade gehört genau zu diesen Orten. Wer hier ankommt, senkt unwillkürlich die Schultern. Der Atem geht tiefer. Der Blick wird weiter. Und irgendwo zwischen Horizont und Strand beginnt etwas, das man im Alltag oft vermisst – innere Ruhe.

    Die Küste liegt im Süden der Loire-Atlantique, fernab vom touristischen Getöse der Hochsaison. Besonders im Winter zeigt sie ihr wahres Gesicht. Keine Postkartenkulisse, sondern ehrliche Schönheit. Rau, weich, still – alles zugleich.

    Warum zieht es Menschen ausgerechnet dann hierher, wenn andere Küsten leer bleiben?


    Préfailles – ein Ort, der nicht drängelt

    Das kleine Küstenstädtchen Préfailles wirkt im Winter wie ein tiefer Atemzug. Kein Gedränge, kein Lärm, nur das rhythmische Rollen der Wellen. Die Häuser stehen da, als hätten sie Zeit. Die Straßen ebenso.

    An einem sonnigen Winterwochenende füllt sich der Ort dann doch – aber anders als im Sommer. Familien spazieren langsam Richtung Strand. Paare bleiben stehen, schauen aufs Meer, sagen minutenlang nichts. Kinder rennen, bleiben stehen, rennen wieder. So einfach.

    Und irgendwo zieht jemand die Jacke enger und lacht: „Es ist kälter außerhalb des Wassers als drin.“ Klingt verrückt? Vielleicht. Aber genau das berichten Winterbadende hier ganz selbstverständlich. Elf Grad Wassertemperatur. Elf Grad Mut. Elf Grad Glück.

    Wer ins Meer geht, kommt anders zurück.


    Kälte, die wach macht

    Eine Frau steht tropfend am Strand, das Gesicht gerötet, die Augen wach. „Es ist frisch – aber ich fühle mich lebendig“, sagt sie und lacht. Ein Mann daneben reibt sich die Füße, scherzt über gefrorene Zehen und zieht sich hastig an. Diese kurzen Begegnungen, diese halben Gespräche – sie gehören zum Winter an der Côte de Jade.

    Braucht es Mut, im Dezember ins Meer zu steigen?
    Oder braucht es eher den Mut, es nicht zu tun?

    Viele bleiben an Land. Und das ist genauso richtig. Spaziergänge entlang der Küste zählen hier zu den stillen Höhepunkten. Der Blick schweift über Felsen, Sandbänke, Wasserlinien, die sich ständig neu zeichnen. Der Atlantik zeigt keine Show – er atmet einfach.


    Bewegung ohne Leistungsdruck

    Jogger ziehen ihre Bahnen auf den Küstenwegen. Neue Laufschuhe, frisch ausgepackt, gleich ausprobiert. Kein Trainingsplan, kein Wettkampf. Nur Bewegung, weil der Körper danach verlangt. Eltern laufen mit Kindern, gut eingepackt, Mütze tief im Gesicht, Hände in Taschen. Man spürt: Hier geht es nicht um schneller, höher, weiter.

    Hier geht es um draußen sein.

    Ein paar Schritte, ein paar Worte, dann wieder Schweigen. Diese Mischung aus Nähe und Abstand wirkt fast therapeutisch. Wer zuhört, hört Wind. Wer hinsieht, sieht Licht. Und wer beides zulässt, merkt plötzlich: Die Gedanken werden leiser.


    Wintersonne als Geschenk

    Wenn die Sonne im Winter über der Côte de Jade scheint, fühlt sich das an wie ein Geschenk. Kein grelles Licht, sondern ein sanftes Leuchten. Die Farben wirken klarer. Der Himmel heller. Das Meer schimmert in Tönen zwischen Stahlblau und Jadegrün – daher auch der Name dieser Küste.

    Die Felsen speichern Wärme, der Sand bleibt kühl. Alles balanciert sich aus. Vielleicht liegt genau darin der Zauber dieses Ortes: nichts drängt sich auf, nichts verlangt Aufmerksamkeit. Man darf einfach da sein.

    Und genau das tut gut.


    Eine Pause zwischen den Jahren

    Zwischen Weihnachten und Neujahr verändert sich die Stimmung spürbar. Die Hektik der Feiertage liegt noch in der Luft, aber sie verliert an Schwere. Familien aus Nantes oder Paris kommen her, oft zu Großeltern, die hier das ganze Jahr leben. Die Häuser füllen sich mit Stimmen, aber draußen bleibt es ruhig.

    Ein Restaurant nahe des Strandes öffnet extra für diese Tage. Nicht aus Pflicht, sondern aus Freude. „Wenn das Wetter mitspielt, kommen die Menschen“, sagt eine Mitarbeiterin. Und sie kommen – zum Essen, zum Reden, zum Bleiben.

    Es fühlt sich an wie ein gemeinsames Durchatmen.


    Wirtschaftlich ruhig – aber lebendig

    Der Winter an der Côte de Jade bringt keine Massen, aber Verlässlichkeit. Für die lokalen Geschäfte zählen diese Wochen. Cafés, Bäckereien, kleine Restaurants profitieren von Gästen, die Zeit haben. Keine Eile, kein schneller Kaffee im Vorbeigehen.

    Man setzt sich.
    Man bleibt.
    Man bestellt vielleicht noch etwas.

    Im vergangenen Winter zog die Region sogar mehr Besucher an als im Jahr davor. Sechs Prozent mehr. Eine Zahl, die hier niemand laut feiert – aber sie bestätigt ein Gefühl: Diese Küste wirkt. Gerade dann, wenn andere Orte Pause machen.


    Landschaft, die nicht müde wird

    Die Côte de Jade verändert sich mit jeder Stunde. Ebbe legt Felsen frei, Flut verschluckt sie wieder. Der Himmel malt ständig neue Bilder. Grau, Blau, Gold. Wer öfter kommt, erkennt Lieblingsstellen. Wer zum ersten Mal hier ist, staunt leise.

    Kein Aussichtspunkt schreit nach Aufmerksamkeit.
    Kein Pfad zwingt zur Richtung.

    Man folgt einfach dem Weg – oder dem Gefühl.

    Und dann steht man plötzlich da, blickt aufs Meer und denkt: Genau hier.


    Gespräche ohne Filter

    Das Schöne am Winter: Menschen reden anders. Ehrlicher. Kürzer. Man grüßt sich, auch wenn man sich nicht kennt. Ein Nicken reicht oft. Manchmal entsteht ein Gespräch über das Wetter, über das Wasser, über nichts Besonderes. Und gerade das bleibt hängen.

    „Schon kalt heute, oder?“
    „Geht eigentlich.“

    Zwei Sätze. Mehr braucht es nicht.


    Für wen ist dieser Ort?

    Für Menschen, die keinen Trubel brauchen.
    Für alle, die das Meer mögen, ohne es besitzen zu wollen.
    Für jene, die sich selbst wieder hören möchten.

    Ist das altmodisch? Vielleicht.
    Ist es wohltuend? Ganz sicher.

    Die Côte de Jade bietet keinen lauten Urlaub. Sie bietet Raum. Raum zum Gehen, Denken, Schweigen. Raum für sich selbst. Und wer den findet, nimmt etwas mit nach Hause, das länger hält als jede Souvenirpostkarte.


    Kleine Anekdote am Strand

    Ein älterer Mann steht am Wasser, die Hände tief in den Taschen. Neben ihm ein Kind, vielleicht sieben Jahre alt. „Warum ist das Meer im Winter schöner?“, fragt das Kind. Der Mann überlegt kurz und antwortet: „Weil es dann mehr Platz hat.“

    Mehr braucht man nicht zu sagen.


    Warum gerade jetzt?

    Warum nicht warten bis zum Sommer?
    Warum nicht dann kommen, wenn alle kommen?

    Weil der Winter ehrlich ist. Er zeigt die Küste ohne Schminke. Ohne Gedränge. Ohne Erwartung. Wer dann kommt, sucht nicht Unterhaltung, sondern Verbindung – zur Natur, zum Moment, zu sich selbst.

    Und genau darin liegt die Kraft dieses Ortes.


    Leise Eindrücke, die bleiben

    Am Ende des Tages kehrt man zurück, vielleicht etwas müde, aber zufrieden. Die Haut riecht nach Salz, der Kopf fühlt sich klar an. Man sitzt am Fenster, schaut hinaus, hört Wind. Kein WLAN nötig. Kein Programm.

    Nur Sein.

    Die Côte de Jade zwingt nichts auf. Sie bietet an. Und wer annimmt, merkt schnell: Diese Ruhe wirkt nach. Noch lange. Auch wenn man längst wieder im Alltag steckt.

    Ein Ort, der nicht laut ruft – sondern leise bleibt.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Zwischen Meer und Erinnerung – warum der Friedhof von Saint-Tropez kein Wallfahrtsort sein will und vielleicht doch einer wird

    Zwischen Meer und Erinnerung – warum der Friedhof von Saint-Tropez kein Wallfahrtsort sein will und vielleicht doch einer wird

    Ein Ort, der leise spricht, selbst wenn viele zuhören. So beschreiben Einheimische den Cimetière marin von Saint-Tropez, jenen kleinen, zur See hin offenen Friedhof unterhalb der Zitadelle, auf dem bald Brigitte Bardot ihre letzte Ruhe finden soll, und nun also doch nicht auf ihrem Grundstück „La Madrague“. Der Tod der Schauspielerin am 28. Dezember 2025 im Alter von 91 Jahren hat die Aufmerksamkeit der Welt noch einmal auf jenen Küstenstreifen gelenkt, den Bardot über Jahrzehnte geprägt hat wie kaum eine andere. Am 7. Januar 2026, nach einer Trauerfeier in der Kirche Notre-Dame de l’Assomption, wird sie dort beigesetzt.

    Die Frage, die sich seither stellt, klingt banal und ist doch von Gewicht: Was passiert mit einem Friedhof, wenn eine Ikone dort begraben liegt.

    Der Cimetière marin de Saint-Tropez ist kein touristischer Hotspot. Keine Souvenirbuden, keine Drehkreuze, kein Gedränge. Ein schmaler Weg, Zypressen, Grabsteine, die das Salz der Seeluft auf sich tragen, dahinter das Meer. Hier liegen Eltern, Großeltern, Fischer, Kaufleute – und bereits Angehörige aus Bardots engstem Umfeld, darunter ihre Eltern und ihr ehemaliger Ehemann, der Regisseur Roger Vadim.

    Die Stammgäste dieses Ortes, Tropéziens, die hier seit Jahrzehnten ihre Toten besuchen, begegnen der neuen Aufmerksamkeit mit einer Haltung, die irgendwo zwischen Gelassenheit und stillem Pragmatismus liegt. Ja, sagen sie, es könnten mehr Besucher kommen. Ja, vielleicht werde man in Zukunft fremde Sprachen hören, Kameras sehen, Blumen, die niemandem hier persönlich gehören. Aber nein, Panik verspüre niemand.

    „Ça sera peut-être un lieu de pèlerinage“, heißt es mit einem Achselzucken. Vielleicht. Kein religiöser Wallfahrtsort, versteht sich, sondern ein symbolischer. Einer für Bewunderer, Nostalgiker, Menschen, die mit Bardots Filmen, ihrer Provokation, ihrem Rückzug, ihrem Tierschutz aufgewachsen sind.

    Saint-Tropez kennt das Spiel mit der Öffentlichkeit. Das ehemalige Fischerdorf hat gelernt, Besucher zu empfangen, ohne sich selbst ganz zu verlieren. Seit Bardot mit Et Dieu… créa la femme die Leinwände eroberte, gehört der Ort zur globalen Vorstellungswelt von Freiheit, Sonne, Aufbruch. Bardot machte Saint-Tropez berühmt – und Saint-Tropez Bardot unsterblich.

    Gerade deshalb wirkt der Ton der Einheimischen bemerkenswert nüchtern. Niemand fordert Absperrungen. Niemand spricht von Verboten. Man appelliert an etwas Altmodisches: Anstand. Respekt. Das Wissen, dass ein Friedhof kein Selfie-Hintergrund ist, sondern ein Raum der Stille.

    Ein älterer Besucher, der regelmäßig das Grab seiner Frau pflegt, bringt es so auf den Punkt: „Wenn sie kommen, sollen sie kommen wie Gäste, nicht wie Konsumenten.“ Ein Satz, der hängen bleibt, weil er mehr über das Verhältnis der Tropéziens zu ihrem Ort verrät als jede Verordnung.

    Natürlich gibt es auch leise Sorgen. Die Angst vor Reisebussen, vor zu viel Neugier, vor Menschen, die den Tod als Event betrachten. Doch diese Sorgen werden nicht dramatisiert. Vielleicht, weil man weiß, dass Kontrolle in Saint-Tropez immer relativ war. Vielleicht auch, weil Bardot selbst ein Leben lang zwischen Öffentlichkeit und Rückzug balancierte.

    Der Friedhof, so betonen viele, müsse kein Museum werden. Er dürfe es nicht. Seine Würde liege gerade in seiner Normalität. In den schlichten Gräbern, im Blick aufs Meer, im Wind, der durch die Pinien zieht. Wer hierher komme, müsse sich diesem Rhythmus anpassen, nicht umgekehrt.

    Interessant ist, wie sehr diese Haltung von einer stillen lokalen Identität getragen wird. Saint-Tropez sieht sich nicht als Kulisse, sondern als Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, die gelernt hat, mit Projektionen von außen zu leben, ohne sich ihnen völlig zu unterwerfen. Bardot gehört dazu, aber sie überragt nicht alles.

    Dass die Debatte hier leiser geführt wird als anderswo, überrascht. National und international mischten sich nach Bardots Tod rasch Würdigungen, alte Kontroversen, politische Zuschreibungen. Am Seefriedhof in Saint-Tropez dagegen herrscht ein fast altmodischer Humanismus. Man spricht über den Tod, nicht über das Denkmal. Über Erinnerung, nicht über Deutungshoheit.

    Vielleicht liegt darin die eigentliche Stärke dieses Ortes. Der Cimetière marin bleibt, was er immer war: ein Platz für die Toten und für die Lebenden, die ihrer gedenken. Dass darunter nun auch Fans aus Japan, Brasilien oder Deutschland sein werden, erscheint den Einheimischen weniger bedrohlich als erwartet.

    „Solange sie leise sind“, sagt jemand und lächelt. Ein Satz wie eine Regel, die nie aufgeschrieben werden muss.

    Am Ende zeigt sich hier etwas zutiefst Mediterranes: die Fähigkeit, Nähe zuzulassen, ohne sich zu verlieren. Der Friedhof wird sich verändern, ein wenig. Mehr Blumen vielleicht, mehr Schritte auf dem Kies. Doch sein Charakter, davon sind viele überzeugt, bleibt bestehen.

    Zwischen Meer und Erinnerung, zwischen Berühmtheit und Alltäglichkeit. Genau dort, wo Brigitte Bardot ihr Leben lang stand.

    Von C. Hatty

  • Wenn der Staat selbst fotografiert: Wie die Côte-d’Or Google Street View Paroli bietet

    Wenn der Staat selbst fotografiert: Wie die Côte-d’Or Google Street View Paroli bietet

    Ein Auto fährt durch die Bourgogne, Meter um Meter, Straße um Straße. Keine Werbung auf dem Dach, kein multinationaler Konzern im Hintergrund, sondern ein Département, das beschlossen hat, seine Wege selbst zu kennen. In der Côte-d’Or ist aus dieser Entscheidung ein Projekt entstanden, das weit über die Region hinaus Aufmerksamkeit verdient. Côte-d’Or Street heißt das Programm, und es steht für einen selbstbewussten Umgang mit Daten, Bildern und digitaler Souveränität – ein öffentlicher Gegenentwurf zu Google Street View.

    Vorgestellt wurde das Projekt in Dijon, im Dezember 2025. Kein Zufall, sondern ein politisches Signal. Die Straßen des Départements, ob breit oder schmal, ob asphaltiert oder ländlich, liegen nun vollständig als hochauflösende 360-Grad-Bilder vor, frei zugänglich im Netz. Wer durchklicken möchte, kann das tun. Wer analysieren will, ebenfalls. Und wer sich fragt, wem diese Bilder gehören, bekommt eine ungewöhnlich klare Antwort: der öffentlichen Hand.

    Die Dimension des Vorhabens wirkt zunächst abstrakt, entfaltet aber schnell Gewicht. 8.489 Kilometer Straßen- und Radwegenetz wurden erfasst, alle fünf Meter ein Bild, fast zwei Millionen Panoramaaufnahmen insgesamt. Die Kameras arbeiteten mit einer Präzision, die im Zentimeterbereich verortet, was früher nur grob kartiert wurde. Bordsteine, Markierungen, Schilder, Übergänge – alles liegt sichtbar vor. Nicht als Momentaufnahme für Neugierige, sondern als Arbeitsgrundlage für Verwaltung, Planung und Instandhaltung.

    Dass die Côte-d’Or damit als erstes Département Frankreichs sein gesamtes öffentliches Wegenetz in dieser Form digitalisiert hat, ist kein beiläufiger Rekord. Es ist Ausdruck eines politischen Willens, der in den letzten Jahren an Schärfe gewonnen hat. Digitale Souveränität klingt oft wie ein Schlagwort aus Strategiepapieren, hier bekommt sie Asphalt unter die Füße. Die Daten liegen auf Servern in Frankreich, sie gehören der Collectivité, sie unterliegen französischem Recht. Keine Weiterverwertung durch Dritte, kein unklarer Datenabfluss über Kontinente hinweg. Für viele Kommunen, die bislang auf private Plattformen angewiesen waren, wirkt das wie ein Befreiungsschlag.

    Natürlich spielt Technik eine zentrale Rolle. Ohne automatisierte Verfahren ließe sich eine solche Datenmenge kaum beherrschen. Künstliche Intelligenz übernimmt Aufgaben, die früher mühsam per Hand erledigt wurden. Gesichter verschwinden hinter Weichzeichnern, Nummernschilder ebenso, und zwar zuverlässig. Datenschutz ist hier kein nachträglicher Filter, sondern Teil des Systems. Gleichzeitig erkennt die Software Straßenschäden, Beschilderung, bauliche Elemente. Wer heute einen Riss im Belag sucht, muss nicht mehr hinausfahren, sondern klickt sich heran. Das spart Zeit, Geld und Nerven – und ja, das fühlt sich für die Praktiker ziemlich gut an.

    Der eigentliche Charme von Côte-d’Or Street liegt jedoch in seiner Offenheit. Das Projekt erschöpft sich nicht in der Rolle eines digitalen Zwillings der Straßen. Es öffnet Perspektiven. Planer sehen, wie sich Radwege in den Raum einfügen. Rettungsdienste verschaffen sich vorab ein Bild kritischer Zufahrten. Touristische Akteure laden zur virtuellen Erkundung ein, lange bevor jemand die Koffer packt. Bürgerinnen und Bürger bekommen Einblick in den öffentlichen Raum, der sonst nur aus der Windschutzscheibe wahrgenommen wird. Der Staat zeigt sich, im Wortsinn.

    Dabei schwingt immer auch ein leiser Seitenhieb mit. Denn während Google Street View seit Jahren Debatten über Datenhoheit, Privatsphäre und wirtschaftliche Abhängigkeiten auslöst, demonstriert ein Département, dass es anders geht. Kleiner, vielleicht weniger glänzend, aber kontrollierbar. Wer einmal durch die digitalen Straßen der Côte-d’Or navigiert, merkt schnell: Hier geht es nicht um Effekte, sondern um Substanz.

    In diesen Kontext passt auch der Blick auf überregionale Initiativen. Projekte wie Panoramax zeigen, dass der Wunsch nach offenen, gemeinschaftlich getragenen Alternativen wächst. Getragen von Akteuren wie dem Institut national de l’information géographique et forestière und OpenStreetMap France entsteht ein Ökosystem, das nicht auf Monopole setzt, sondern auf Zusammenarbeit. Côte-d’Or Street fügt sich hier ein, ohne sich zu verlieren. Eigenständig, aber anschlussfähig.

    Die kommenden Jahre werden entscheiden, ob solche Modelle Schule machen. Interoperabilität, langfristige Finanzierung, technischer Fortschritt – all das verlangt Aufmerksamkeit. Doch schon jetzt steht fest: Die Côte-d’Or hat gezeigt, dass digitale Infrastruktur kein exklusives Spielfeld globaler Konzerne bleiben muss. Sie hat ihre Straßen vermessen und dabei ein Stück digitale Selbstbestimmung gewonnen. Man könnte sagen: Hier weiß der Staat wieder, wo er langfährt.

    Und irgendwo zwischen Dijon und den kleinen Landstraßen der Bourgogne klickt sich jemand durch ein Panorama, staunt kurz und denkt: Ach, das geht also auch öffentlich. Genau das ist der Punkt.

    Von Daniel Ivers

  • Vom Hollywoodstar zum Nachbarn von nebenan – George Clooney und sein neues Leben als Franzose im Var

    Vom Hollywoodstar zum Nachbarn von nebenan – George Clooney und sein neues Leben als Franzose im Var

    Es gibt Nachrichten, die überraschen nicht durch ihre Sensation, sondern durch ihre Konsequenz. Die Einbürgerung von George Clooney gehört eindeutig dazu. Wer in den vergangenen Jahren genauer hingeschaut hat, konnte beobachten, wie sich der amerikanische Schauspieler Schritt für Schritt aus dem globalen Rampenlicht zurückzog – nicht in die Anonymität, sondern in die südfranzösische Normalität. Nun ist es amtlich: Clooney, seine Frau Amal Clooney und ihre beiden Kinder besitzen die französische Staatsbürgerschaft. Der entsprechende Erlass erschien kurz vor dem Jahreswechsel im Journal officiel.

    Die Geschichte beginnt nicht mit einem PR-Termin, sondern mit einem Immobilienkauf. 2021 erwirbt Clooney ein Anwesen nahe Brignoles, mitten im Département Var. Keine glamouröse Riviera-Adresse, kein Jetset-Hotspot, sondern Weinberge, Kreisverkehre und der Geruch von Pinien im Sommer. Genau das scheint den Reiz auszumachen. Laut Paris Match ist Clooney dort nicht nur Gast, sondern längst Teil des Alltags.

    Laurence Pieau, Chefredakteurin des People-Ressorts des Magazins „Paris Match“, beschreibt ihn im Gespräch mit franceinfo als überraschend bodenständig. Clooney, der Mann mit den Oscars, steht im Drive-in von McDonald’s, grüßt Nachbarn, dreht Neujahrsvideos für den Bürgermeister und weiht das örtliche Kino ein. Man muss sich das kurz vorstellen: einer der bekanntesten Schauspieler der Welt, geschniegelt, charmant, aber eben nicht abgeschirmt, sondern mittendrin. Kein Bodyguard-Ring, kein Absperrband. Einfach George.

    Dabei bleibt es nicht bei symbolischen Gesten. Als eine Nachbargemeinde von schweren Überschwemmungen getroffen wird, spendet Clooney 20.000 Euro – still, ohne Presse, fast schon altmodisch. Erst Jahre später kommt die Geschichte ans Licht. Solche Details erklären, warum man ihn im Var nicht als Star betrachtet, sondern als engagierten Mitbürger. Im Vergleich zu seinem Freund Brad Pitt, der wenige Kilometer entfernt lebt, aber kaum gesehen wird, wirkt Clooney fast schon demonstrativ präsent.

    Diese Präsenz hat einen Grund. Clooney sucht, so formuliert es Pieau, Normalität. Ein Wort, das in Hollywood selten fällt und doch erstaunlich oft in Zusammenhang mit seiner Familie auftaucht. Die beiden Kinder besuchen zeitweise eine Schule in der Region. Kein Blitzlichtgewitter am Schultor, kein Gedränge. Für Clooney ein Luxus, für die Dorfbewohner offenbar bald Alltag. Klar, man schaut zweimal hin, aber dann geht man weiter. So läuft das hier.

    Dass er sich immer stärker an Frankreich bindet, zeigt sich auch sprachlich. Clooney nimmt Französischunterricht, gibt offen zu, dass es holpert. Er lacht darüber. Dieses Lachen wirkt nicht gespielt, sondern erleichtert. Es ist das Lachen eines Mannes, der nichts mehr beweisen muss. Der Filmstar, der früher durch Paris streifte, lange bevor ihn jeder erkannte, scheint genau diese Zeit wiederzufinden. Versailles, Straßencafés, zielloses Umhergehen – all das gehört für ihn offenbar zum Lebensgefühl.

    Auch wirtschaftlich hat Clooney Wurzeln geschlagen. Auf seinem Anwesen produziert er Wein, in kleinerem Maßstab, ohne großes Marketinggetöse. Die Ernte geht an die Genossenschaft von Brignoles. Kein Clooney-Label im Regal, kein Hochglanzauftritt. Ein bisschen so, als wolle er testen, wie weit sich Berühmtheit tatsächlich zurückfahren lässt, ohne sich selbst zu verlieren.

    Die Entscheidung für Frankreich fällt zudem vor dem Hintergrund einer Erfahrung, die das Paar nachhaltig geprägt hat. Am Comer See in Italien, wo sie zuvor lebten, wurden sie Opfer aufdringlicher Paparazzi. Ein Moment, der laut Pieau den Ausschlag gab. So, sagten sie sich, könne es nicht weitergehen. Zu viel Nähe, zu wenig Schutz. Das Var bot das Gegenteil: Weite, Ruhe, ein Alltag, der nicht ständig kommentiert wird.

    Wenn Clooney heute davon spricht, dass er seinen Kindern eine Kindheit ermöglichen möchte, wie er sie selbst in Kentucky hatte, klingt das zunächst paradox. Ein Hollywoodstar, der von ländlicher Einfachheit träumt. Und doch passt es erstaunlich gut zu seinem jetzigen Leben. Die Kinder, sagt er, hängen nicht permanent an ihren Tablets. Sie werden nicht fotografiert. Sie dürfen Kinder sein. Punkt.

    Die französische Staatsbürgerschaft wirkt in diesem Kontext weniger wie ein Privileg, sondern wie ein logischer Abschluss. Ein formaler Akt, der bestätigt, was im Alltag längst Realität ist. Clooney als Amerikaner mit französischem Pass, als Weltbürger mit lokaler Verankerung. Klingt groß, fühlt sich offenbar klein an. Im besten Sinne.

    Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe dieser Geschichte. Nicht im Prominentenstatus, nicht im Eintrag im Journal officiel, sondern in der stillen Transformation eines Stars zum Nachbarn. Einer, der im Var nicht auffällt, weil er sich bemüht, nicht aufzufallen. Und der damit ausgerechnet in Frankreich etwas findet, das ihm lange gefehlt hat: Ruhe. Und ja, ein bisschen Lebenskunst.

    Von C. Hatty

  • Wenn Buchstaben zum Spielball der Politik werden

    Wenn Buchstaben zum Spielball der Politik werden

    Ein paar Klicks in einer Textverarbeitung, ein unscheinbares Menü namens Schriftart, ein kurzer Moment der Routine. Und plötzlich steckt man mitten in einem Kulturkampf. Klingt absurd? Willkommen in den Vereinigten Staaten des Jahres 2025, wo selbst Buchstaben Haltung zeigen sollen.

    Es geht um „Calibri“. Eine Schrift, die viele von uns seit Jahren nutzen, ohne groß darüber nachzudenken. Klar, sachlich, modern. Für manche einfach nur praktisch. Für andere offenbar ein ideologisches Minenfeld.


    Die Nachricht wirkt auf den ersten Blick wie eine Satire, irgendwo zwischen „Postillon“ und später Abendrunde. Doch sie ist ernst gemeint. Die US Regierung unter Donald Trump hat ihren Diplomaten untersagt, weiterhin in Calibri zu schreiben. Der Grund: zu inklusiv, zu weich, zu sehr Symbol einer politischen Linie, die man loswerden will.

    Man reibt sich die Augen. Eine Schriftart als politischer Gegner?


    Ein Schritt zurück.

    Calibri war seit 2023 die Standardschrift in offiziellen Dokumenten der US Bundesregierung. Eingeführt unter Präsident Joe Biden, eingebettet in Programme für Diversität, Zugänglichkeit und Barrierefreiheit. Schlichte Buchstaben, klare Formen, gut lesbar auch für Menschen mit Seh oder Leseschwierigkeiten. Keine Serifen, keine Schnörkel, kein Firlefanz.

    Einfach Text.

    Oder eben nicht mehr.


    Denn mit dem Machtwechsel im Weißen Haus kam auch ein ästhetischer Kurswechsel. Der neue Außenminister Marco Rubio ordnete an, Calibri aus der diplomatischen Kommunikation zu verbannen. Stattdessen soll wieder „Times New Roman“ verwendet werden. Eine Schrift mit Geschichte, mit Gewicht, mit diesem Hauch von Amt und Aktenordner, der an dunkle Holztische und dicke Mappen erinnert.

    Rubio spricht von Professionalität. Von Ernsthaftigkeit. Von einem Stil, der Respekt einfordert.

    Und zwischen den Zeilen liest man: von Abgrenzung.


    Hier geht es längst nicht mehr um Typografie.

    Hier geht es um Symbole.


    Amerika steckt derzeit in einer kulturellen Dauerdebatte. Republikaner gegen Demokraten. Progressiv gegen konservativ. Stadt gegen Land. Woke gegen antiwoke. Alles wird politisch aufgeladen. Serien, Schulbücher, Sportwettkämpfe, sogar Farben.

    Warum also nicht auch Buchstaben?

    Wer Calibri nutzt, so der unausgesprochene Vorwurf, steht für eine Politik, die Vielfalt betont, Unterschiede sichtbar macht, Barrieren abbaut. Für viele Konservative ein rotes Tuch. Oder besser gesagt: ein serifenloses.


    Dabei wirkt der Gedanke fast schon ironisch. Jahrzehntelang galt Times New Roman als neutral, als Standard, als das Maß der Dinge. Doch auch Neutralität ist ein Produkt ihrer Zeit. Die Schrift entstand in den 1930er Jahren, entworfen für eine britische Zeitung, optimiert für Druck, nicht für Bildschirm, nicht für digitale Lesbarkeit.

    Calibri dagegen ist ein Kind des Computerzeitalters. Entwickelt für Bildschirme, für E Mails, für PDFs, für das schnelle Lesen zwischendurch. Und ja, auch für Menschen, deren Augen nicht mehr alles mitmachen.

    Ist Rückkehr wirklich Fortschritt?


    Die Entscheidung löste online einen Sturm aus. Auf Plattformen wie TikTok diskutieren Tausende über Sinn und Unsinn der Maßnahme. Eine besonders viel beachtete Stimme kam von Savannah von „YourLocalLibrary“, die mit trockenem Humor erklärte, warum Schriftarten niemanden indoktrinieren, wohl aber ausschließen können.

    @yourlocallibrary

    I know this is old news at this point but I have not been able to stop thinking about it. Technically comic sans is a more accessible font. At least they’re still using the homestuck font for official memos between countries or whatever #politics #fonts #marcorubio

    ♬ Club Penguin Pizza Parlor – Cozy Penguin

    Ihre Videos gingen viral. Kommentare prasselten ein. Von Kopfschütteln bis Gelächter war alles dabei.

    Manche schrieben: „Was kommt als Nächstes? Politische Absatzformate?“ Andere: „Ich wusste gar nicht, dass mein Lebenslauf linksgrün versifft ist.“

    Ganz ehrlich – ein bisschen schräg ist das schon.


    Doch hinter dem Spott steckt eine ernste Frage.

    Wie weit reicht Politik in unseren Alltag?


    Diplomatische Texte sollen sachlich, präzise, verbindlich sein. Sie transportieren Botschaften zwischen Staaten, zwischen Kulturen, zwischen Machtzentren. Die Schriftart ist dabei Mittel zum Zweck. Sie soll den Inhalt tragen, nicht überdecken.

    Wenn aber genau dieses Mittel zum Symbol erklärt wird, verschiebt sich der Fokus. Dann wird Form wichtiger als Inhalt. Dann zählt Haltung mehr als Aussage.

    Ein gefährlicher Trend.


    Befürworter der Entscheidung argumentieren, dass staatliche Kommunikation Klarheit und Autorität ausstrahlen müsse. Times New Roman wirke seriöser, traditioneller, staatstragender. Calibri hingegen zu locker, zu modern, zu nah am Büroalltag.

    Doch ist Seriosität wirklich eine Frage der Schrift?

    Oder ist das bloß Nostalgie mit politischem Beigeschmack?


    Ein ehemaliger Diplomat erzählte einmal, halb im Scherz, halb im Ernst: „Wenn ein Brief schlecht formuliert ist, rettet ihn keine Schrift der Welt.“ Und da ist was dran. Worte tragen Gewicht. Argumente schaffen Wirkung. Buchstaben sind nur das Gefäß.

    Oder etwa doch nicht?


    Interessant ist, dass ähnliche Debatten auch anderswo aufflammen. In Schulen, in Verwaltungen, in Unternehmen. Über gendergerechte Sprache. Über einfache Sprache. Über barrierefreie Kommunikation. Über das, was man sagt – und wie.

    Die Schriftfrage passt da nahtlos rein. Sie ist greifbar, sichtbar, leicht zu regulieren. Ein Erlass genügt, und schon sieht der Text anders aus.

    Politik zum Anfassen, im wahrsten Sinne des Wortes.


    Kritiker werfen der Trump Administration vor, Nebenschauplätze zu eröffnen, um von größeren Themen abzulenken. Wirtschaft, Außenpolitik, soziale Spannungen – all das verlangt Antworten. Stattdessen diskutiert man über Schriftarten.

    Zugegeben, das wirkt kleinlich.

    Aber Symbole sind mächtig. Das wussten schon die Römer. Fahnen, Farben, Rituale – sie schaffen Identität. Heute kommen Fonts dazu.

    Willkommen im 21. Jahrhundert.


    Man darf auch nicht vergessen: Für Menschen mit Legasthenie oder Sehschwächen ist die Wahl der Schrift kein Luxus. Sie entscheidet darüber, ob Texte zugänglich sind oder nicht. Calibri wurde genau deshalb geschätzt.

    Times New Roman mit seinen feinen Serifen und enger Laufweite gilt vielen als schwerer lesbar. Besonders auf Bildschirmen.

    Ist das egal?

    Oder opfert man hier Inklusion auf dem Altar der Ideologie?


    Die offizielle Linie lautet natürlich anders. Niemand wolle jemanden ausschließen. Es gehe nur um Stil. Um Einheitlichkeit. Um Tradition.

    Doch Tradition ist kein neutraler Raum. Sie schließt immer auch aus, schlicht weil sie auf Vergangenem basiert.

    Und genau da beißt sich die Katze in den Schwanz.


    Ein kurzer Moment der Leichtigkeit sei erlaubt. Ein User schrieb unter einem der viralen Videos: „Ich schreibe jetzt alles in Comic Sans. Rebellion muss Spaß machen.“ Man lacht. Und dann denkt man kurz nach.

    Vielleicht liegt darin die eigentliche Tragik dieser Debatte. Dass sie uns dazu bringt, über Dinge zu streiten, die uns früher egal waren. Dass selbst Buchstaben nicht mehr unschuldig sind.

    Muss wirklich alles eine Frontlinie sein?


    Die USA dienen hier wie so oft als Vergrößerungsglas. Was dort passiert, schwappt früher oder später nach Europa. Auch hier diskutieren Verwaltungen über Sprache, Form, Ton. Auch hier ringen Gesellschaften um Identität.

    Die Schriftfrage mag banal wirken. Doch sie erzählt eine größere Geschichte. Von Macht und Deutungshoheit. Von dem Wunsch, Ordnung zu schaffen in einer unübersichtlichen Welt.

    Und von der Angst vor Veränderung.


    Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Kulturkämpfe selten bei großen Themen beginnen. Sie schleichen sich ein. In Klassenzimmer, in Büros, in Textverarbeitungen. Leise, fast unscheinbar.

    Bis jemand sagt: Diese Buchstaben gefallen mir nicht.


    Vielleicht sollten wir uns öfter fragen, was wirklich zählt. Die Form oder der Inhalt? Die Tradition oder die Zugänglichkeit? Die Symbolik oder der gesunde Menschenverstand?

    Und ganz ehrlich – liest man einen diplomatischen Brief wirklich anders, nur weil die Serifen fehlen?

    Die Antwort kennt vermutlich jeder selbst.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Brigitte Bardots letzter Wunsch: Ruhe im eigenen Garten, nahe dem Meer

    Brigitte Bardots letzter Wunsch: Ruhe im eigenen Garten, nahe dem Meer

    Es ist ein stiller, beinahe poetischer Abschied, wie ihn sich wohl nur wenige Ikonen des 20. Jahrhunderts erlauben konnten. Brigitte Bardot, Schauspielerin, Stilikone, Projektionsfläche einer ganzen Epoche, wird nach ihrem Tod im Alter von 91 Jahren nicht auf einem großen Pariser Friedhof beigesetzt, nicht mit Staatsakt, nicht mit roten Teppichen. Sie wird, ihrem ausdrücklichen Wunsch entsprechend, in ihrem eigenen Garten nahe dem Meer beerdigt. Dort, wo sie jahrzehntelang gelebt, gestritten, geliebt und sich zurückgezogen hat.

    Diese Information bestätigte ihre langjährige Freundin, die Journalistin Wendy Bouchard, am Montagmorgen in einem Interview. Bardot sei am Sonntag, dem 28. Dezember, in ihrer Villa La Madrague im südfranzösischen Saint-Tropez gestorben. „Sie hat es sich so gewünscht, und dieser Wunsch wird respektiert“, sagte Bouchard. Es gehe darum, in der Nähe jener Wesen zu ruhen, die ihr am meisten bedeutet hätten. Ihre Tiere.

    La Madrague, diese unscheinbare, fast trotzig einfache Villa direkt an der Küste von Saint-Tropez, war für Bardot mehr als nur ein Wohnhaus. Sie war Mythos, Rückzugsort, Bollwerk gegen die Außenwelt. Bardot hatte das Anwesen 1958 gekauft, auf dem Höhepunkt ihres Ruhms, als Fotografen ihr folgten wie Schatten und das Kino sie zur Göttin erklärte. Dass sie nun dort auch ihre letzte Ruhe finden wird, wirkt konsequent. Fast zwingend.

    Die Beisetzung, so Wendy Bouchard, werde „in größter Einfachheit und im völligen Verzicht“ stattfinden. Kein Prunk, kein Pathos. Ein Abschied ohne große Gesten. Juristisch ist ein solches Begräbnis auf privatem Grund in Frankreich möglich, allerdings nur in Ausnahmefällen und nach Genehmigung durch den zuständigen Präfekten. In Bardots Fall gilt das als Formsache. Ihr Wille war bekannt, dokumentiert, klar formuliert.

    In den Worten ihrer Freundin klingt etwas an, das Bardots Leben durchzogen hat wie ein roter Faden. Der Wunsch, eins zu werden mit jener Erde, „die viel Leid gesehen hat, aber auch ihren Kampf“. Gemeint ist der Kampf für die Tiere. Für viele war Brigitte Bardot nicht nur Filmstar, sondern vor allem das Gesicht eines radikalen, unbequemen Engagements gegen Tierleid. Ein Engagement, das sie selbst als existenziell empfand.

    „Die Tiere haben sie gerettet“, sagte Wendy Bouchard. Bardot sei von klein auf mit ihnen aufgewachsen. Die Zuneigung, die ihr vielleicht im familiären Umfeld gefehlt habe, habe sie bei Tieren gefunden. Das ist kein PR-Satz, sondern eine nüchterne Beobachtung. Bardot identifizierte sich mit der Verletzlichkeit, der Wehrlosigkeit der Tiere. Sie teilte ihren Schmerz. Und machte ihn öffentlich.

    Legendär bleibt ihr Einsatz gegen die Jagd auf Robbenbabys im Jahr 1977. Bilder von blutigen Eisschollen gingen um die Welt, Bardot mittendrin, wütend, fassungslos, laut. Dieser Protest veränderte etwas. Nicht sofort, nicht überall, aber nachhaltig. Er sensibilisierte eine Generation, die bis dahin lieber wegschaute. Wendy Bouchard formuliert es zurückhaltend, fast untertrieben: Dieser Einsatz habe „einen Teil der Welt erschüttert“.

    Die Resonanz auf Bardots Engagement war enorm. Jedes Jahr, zu ihrem Geburtstag, erhielt sie Dutzende Säcke voller Briefe, beschriebenes Papier aus aller Welt, in allen Sprachen. Menschen, die sich bedankt haben. Menschen, die Trost suchten. Menschen, die sich verstanden fühlten. Für Bardot war das kein Fanpost-Ritual, sondern Bestätigung. Ein Beweis, dass ihr Kampf Bedeutung hatte.

    Dass sie sich im Alter zunehmend zurückzog, kaum noch Interviews gab, kaum noch öffentlich auftrat, passte zu diesem Lebensentwurf. Die Welt hatte sie lange genug betrachtet, bewertet, vereinnahmt. Am Ende wollte sie Stille. Meer. Tiere. Erde.

    La Madrague liegt abgeschieden, ein Ort, an dem das Mittelmeer fast direkt ins Wohnzimmer zu schwappen scheint. Hier lebte Bardot mit Hunden, Katzen, Ziegen, Vögeln. Hier empfing sie wenige Freunde. Hier starb sie. Und hier wird sie begraben. Nicht als Star, sondern als Frau, die ihren Platz gefunden hatte.

    Es ist ein Abschied, der viel über Brigitte Bardot erzählt. Über ihren Eigensinn, ihre Konsequenz, ihre Unbeugsamkeit. Und über eine Form von Würde, die nicht aus Orden oder Ehrungen entsteht, sondern aus der Treue zu sich selbst. Manche werden das romantisch finden. Andere radikal. Bardot hätte vermutlich nur mit den Schultern gezuckt.

    Sie wollte nie gefallen. Sie wollte etwas verändern. Und am Ende, das wird jetzt deutlich, wollte sie einfach bleiben.

    Von C. Hatty

  • Zelensky kündigt Referendum über künftigen Friedensplan an

    Zelensky kündigt Referendum über künftigen Friedensplan an

    Ein möglicher Friedensschluss im Ukrainekrieg rückt näher, aber Präsident Wolodymyr Selenskyj setzt klare Bedingungen: Ein künftiger Friedensplan mit Russland soll zunächst dem ukrainischen Volk zur Abstimmung vorgelegt werden. Diese Ankündigung erfolgte am 29. Dezember in einer Online-Pressekonferenz, kurz nach einem symbolträchtigen Treffen mit US-Präsident Donald Trump in Florida. Selenskyj betont damit einmal mehr, dass jede Lösung des Krieges nicht nur auf diplomatischen Kanälen verhandelt, sondern auch demokratisch legitimiert werden müsse.

    Friedensverhandlungen mit demokratischer Rückbindung

    Die Idee eines Referendums über einen möglichen Friedensvertrag ist nicht neu, erhält aber durch die jüngsten diplomatischen Entwicklungen neue Brisanz. Für Selenskyj steht fest: Ein so tiefgreifender Einschnitt in die Zukunft des Landes darf nicht ohne breite gesellschaftliche Zustimmung erfolgen. Die ukrainische Führung will sich damit offenbar gegen mögliche Vorwürfe wappnen, territoriale Zugeständnisse oder Neutralitätsversprechen hinter verschlossenen Türen zu verhandeln. Die ukrainische Verfassung kennt zwar kein obligatorisches Referendum für internationale Abkommen, doch in Fragen von nationaler Souveränität und territorialer Integrität ist ein solches Votum politisch kaum vermeidbar.

    Unklar bleibt indes, unter welchen Bedingungen ein solches Referendum durchgeführt werden könnte. Die seit Februar 2022 geltende Kriegsrechtsordnung – die unter anderem Männern im wehrfähigen Alter das Verlassen des Landes verbietet – bleibt laut Selenskyj in Kraft, bis der Krieg formell beendet ist. In einem Land, in dem Millionen Menschen vertrieben wurden oder im Ausland leben, wäre die Organisation eines fairen Urnengangs eine riesige logistische und rechtliche Herausforderung.

    Sicherheitsgarantien aus Washington

    Neben der Ankündigung eines Referendums stellte Selenskyj auch neue Elemente eines möglichen Sicherheitsrahmens vor. Die USA haben der Ukraine nach seinen Angaben umfassende Sicherheitsgarantien für eine Dauer von 15 Jahren angeboten – mit der Option auf Verlängerung. Ziel dieser Garantien sei es, eine erneute militärische Eskalation durch Russland zu verhindern und gleichzeitig eine verlässliche Perspektive für den Wiederaufbau und die politische Stabilisierung der Ukraine zu schaffen.

    Selenskyj selbst zeigte sich mit der vorgeschlagenen Dauer indes unzufrieden und forderte deutlich längere Zusagen – von „dreißig, vierzig oder fünfzig Jahren“. Dies ist ein Hinweis auf das tiefsitzende Misstrauen Kiews gegenüber Moskau, aber auch auf das Bemühen, den Westen dauerhaft in die sicherheitspolitische Verantwortung für die Ukraine einzubinden. Die genaue Ausgestaltung dieser Garantien – ob sie militärische Beistandspflichten beinhalten oder eher politische und wirtschaftliche Unterstützung vorsehen – ist noch nicht öffentlich bekannt.

    Neue Dynamik durch US-Diplomatie

    Das diplomatische Momentum, in dem diese Vorschläge entstehen, ist bemerkenswert. Erst an diesem Wochenende hatte sich Donald Trump persönlich mit Selenskyj in Florida getroffen. Vorausgegangen war ein Telefongespräch Trumps mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, das beide Seiten als „konstruktiv“ bezeichneten. Die Abfolge dieser Gespräche lässt darauf schließen, dass Washington hinter den Kulissen intensiv an einer diplomatischen Lösung arbeitet – mit Trump als zentralem Akteur.

    Zudem hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron eine internationale Geberkonferenz für Anfang Januar in Paris angekündigt. Ziel ist es, die konkreten Beiträge der Partnerstaaten zur Sicherheitsarchitektur für die Ukraine zu koordinieren. Dabei soll auch eine überarbeitete Fassung des amerikanischen Friedensplans diskutiert werden.

    Anpassungen am US-Friedensplan

    Laut ukrainischen Angaben liegt bereits eine neue Version des US-Friedensplans auf dem Tisch. Die Erstfassung war aus ukrainischer Sicht zu stark an russische Forderungen angelehnt. Nun soll unter anderem die Bedingung entfallen, dass sich die Ukraine völkerrechtlich zur Nichtmitgliedschaft in der NATO verpflichtet. Auch der vollständige Rückzug ukrainischer Truppen aus dem Donbass sei in der neuen Fassung nicht mehr vorgesehen.

    Stattdessen wird offenbar ein eingefrorener Frontverlauf entlang der aktuellen Linien diskutiert – ein Konzept, das vielen Ukrainern als stillschweigende Anerkennung russischer Gebietsgewinne gilt. Ob ein solcher „Waffenstillstand ohne Lösung“ in einem Referendum Zustimmung fände, ist fraglich. Die ukrainische Bevölkerung hat sich in Umfragen wiederholt klar gegen territoriale Zugeständnisse ausgesprochen.

    Der politische Balanceakt ist offensichtlich: Ein tragfähiger Kompromiss mit Russland, der gleichzeitig den ukrainischen Souveränitätsanspruch wahrt, scheint kaum erreichbar. Dennoch mehren sich die Anzeichen dafür, dass die Kriegsmüdigkeit auf beiden Seiten wächst – und dass das internationale Umfeld, insbesondere Washington und Paris, auf einen politischen Durchbruch drängt. Die Entscheidung, das ukrainische Volk in die letzte Phase dieses Prozesses einzubeziehen, markiert nicht nur einen demokratischen, sondern auch einen strategischen Schritt: Die politische Verantwortung für Frieden und Kompromiss soll gemeinschaftlich getragen werden.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Knall am Trocadéro – Wenn Feuerwerk zur Sicherheitsfrage wird

    Knall am Trocadéro – Wenn Feuerwerk zur Sicherheitsfrage wird

    Paris liebt das Spektakel. Die Lichter, die Kulisse, den großen Auftritt. Doch am vergangenen Samstagabend, dem 27. Dezember, kippte die Inszenierung. Gegen 20.50 Uhr flackerten am Trocadéro nicht nur die Lichter der Stadt, sondern auch die grellen Spuren illegal gezündeter Feuerwerkskörper. Rauch stieg auf, Knallgeräusche hallten über die Esplanade, direkt gegenüber dem Eiffelturm. Wenig später zählte die Polizei vierzig Festnahmen. Kein Verletzter, kein größerer Schaden – und doch ein Abend, der mehr erzählt als bloß von ein paar Raketen.

    Die Einsatzkräfte handelten schnell. Über die Videoprotektion hatten sie die ersten Bilder gesehen: Gruppen von Menschen, die auf der Place du Trocadéro und der Place de Varsovie Feuerwerkskörper und Rauchfackeln zündeten. Ein Ort, der tagsüber von Touristenströmen überrollt wird und abends oft wie eine Postkarte wirkt, verwandelte sich für Minuten in eine unübersichtliche Bühne. Polizeieinheiten rückten an, umringten die Beteiligten, trennten Schaulustige von Akteuren. Vierzig Personen wurden vorläufig festgenommen, ein Dutzend davon später der Justiz vorgeführt – wegen unerlaubten Umgangs mit pyrotechnischem Material. Der Rest durfte nach Überprüfung und Befragung wieder gehen.

    Was war der Anlass? Keine politische Demonstration, keine gezielte Provokation. Einige der Festgenommenen erklärten, sie hätten Erfolge von Paris Saint-Germain feiern wollen, darunter den Triumph in der Champions League. Ein spontaner Jubel, so die Darstellung, der sich verselbständigt habe. Man wollte feiern, ein bisschen laut, ein bisschen groß. Paris eben. Tja – blöd nur, dass Feuerwerk im öffentlichen Raum strengen Regeln unterliegt und der Trocadéro nicht gerade als Hinterhof durchgeht.

    Solche Szenen kommen nicht aus dem Nichts. Bereits Mitte Dezember hatte es an gleicher Stelle einen ähnlichen Vorfall gegeben. Auch damals knallte es unerlaubt, auch damals schaltete sich die Justiz ein. Wer glaubt, das seien isolierte Ausrutscher, irrt. Die französische Hauptstadt erlebt seit Monaten eine Serie von spontanen Feiern, die immer wieder an dieselbe Grenze stoßen: Wo endet kollektive Freude, wo beginnt die Gefährdung anderer?

    Der Sommer lieferte ein drastisches Beispiel. Nach einem großen Titelgewinn von Paris Saint-Germain strömten Tausende auf die Straßen. Was als ausgelassene Party begann, mündete in Krawalle, hunderte Festnahmen, beschädigte Geschäfte. Seitdem reagiert die Polizei sensibler, schneller, entschlossener. Der Trocadéro, mit seiner Symbolkraft und seiner Nähe zu einem der meistbesuchten Monumente der Welt, steht dabei besonders im Fokus.

    Am Samstag blieb es vergleichsweise ruhig. Kein Steinwurf, keine Panik, keine Verletzten. Die Polizei spricht von einer professionellen Intervention, von reibungsloser Zusammenarbeit spezialisierter Einheiten, von Einsatztechnik, die hilft, bevor etwas eskaliert. Das klingt nach Routine – und genau darin liegt die eigentliche Geschichte. Wenn das Außergewöhnliche zur Routine wird, verändert sich der Blick auf die Stadt.

    Paris lebt von seinen öffentlichen Räumen. Plätze wie der Trocadéro gehören allen, Einheimischen wie Besuchern. Gerade in der Weihnachtszeit, wenn Lichterketten funkeln und der Jahreswechsel näher rückt, steigt die Versuchung, das Feiern nach draußen zu verlagern. Ein paar Raketen, ein paar Bengalos – was soll schon passieren? Die Antwort der Behörden ist klar: ziemlich viel. Funken, die in Menschenmengen fallen. Rauch, der Sichtachsen blockiert. Panikreaktionen, die niemand geplant hat. Sicherheit, so nüchtern das klingt, verträgt keine Spontaneität.

    Gleichzeitig bleibt die Frage, wie viel Kontrolle eine Stadt verträgt, ohne ihre Seele zu verlieren. Paris ohne nächtliches Leben, ohne Improvisation, ohne emotionale Ausbrüche – das passt nicht ins Bild. Die Herausforderung besteht darin, den schmalen Grat zu gehen. Präsenz zeigen, ohne zu erdrücken. Eingreifen, bevor es knallt – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

    Die Präfektur hat angekündigt, ihre Präsenz in den kommenden Tagen zu verstärken. Rund um die Champs-Élysées, an der Seine, am Trocadéro. Gerade mit Blick auf Silvester soll klar sein: Feiern ja, Feuerwerk bitte nur dort, wo es erlaubt ist. Das klingt nach erhobenem Zeigefinger, ist aber vor allem Ausdruck einer Erfahrung, die man lieber nicht jedes Wochenende wiederholt.

    Wie die Justiz mit den aktuellen Fällen umgeht, bleibt abzuwarten. Die Entscheidungen der kommenden Tage senden ein Signal – nicht nur an Fußballfans, sondern an alle, die glauben, öffentlicher Raum sei rechtsfreier Raum. Paris beobachtet sich selbst in diesen Momenten. Und die Stadt lernt, manchmal schmerzhaft, dass ihre ikonischsten Orte auch ihre empfindlichsten sind.

    So bleibt vom Samstagabend mehr als die Zahl vierzig. Es bleibt das Bild einer Stadt, die zwischen Feierlust und Sicherheitsdenken pendelt. Einer Stadt, die sich immer wieder neu erfinden muss, ohne sich selbst zu verlieren. Und eines Abends, an dem es laut wurde, ohne dass es eskalierte – was man in Paris inzwischen fast schon als Erfolg verbucht.

    Von C. Hatty

  • Ikone, Provokateurin, politische Reizfigur – wie Brigitte Bardot jahrzehntelang polarisierte

    Ikone, Provokateurin, politische Reizfigur – wie Brigitte Bardot jahrzehntelang polarisierte

    Sie war das Gesicht einer Epoche, ein Symbol der sexuellen Befreiung, eine Leinwanderscheinung von weltweitem Rang. Und zugleich eine Figur, die nie davor zurückschreckte, mit Worten zu verletzen, zu provozieren, zu spalten. Der Tod von Brigitte Bardot im Alter von 91 Jahren hat Frankreich noch einmal mit einer unbequemen Wahrheit konfrontiert: Hinter dem Mythos der Filmikone verbarg sich eine Frau, deren politische Aussagen und gesellschaftliche Positionierungen über Jahrzehnte hinweg für Empörung sorgten – und die mehrfach vor Gericht endeten.

    Schon die ersten Reaktionen aus dem rechten politischen Spektrum fielen auffallend herzlich aus. Jordan Bardellasprach von einer „glühenden Patriotin“, Marine Le Pen würdigte eine „freie, unzähmbare, kompromisslose Frau“. Worte, die mehr über die politische Nähe aussagen als über nostalgische Verehrung. Denn Bardot hatte ihre Sympathien für die extreme Rechte nie verborgen. Im Gegenteil. Sie trug sie wie ein Ehrenzeichen vor sich her.

    Dabei begann alles vergleichsweise früh. Als sie 1973 dem Kino den Rücken kehrte und sich selbst als „freie Frau“ inszenierte, wandte sie sich zugleich scharf gegen den Feminismus. Das Mouvement de libération des femmes hielt sie für lächerlich, für ein Missverständnis weiblicher Selbstbestimmung. Frauen, so Bardot damals, wollten plötzlich keine Frauen mehr sein. Ein Satz, der schon damals Kopfschütteln auslöste und rückblickend wie ein Vorbote späterer Grenzüberschreitungen wirkt.

    Die politische Verortung nach rechts außen nahm in den frühen neunziger Jahren deutlichere Konturen an. 1992 heiratete Bardot den Unternehmer Bernard d’Ormale, den sie im Umfeld von Jean-Marie Le Pen kennengelernt hatte. In ihrer Autobiografie beschrieb sie den damaligen Front-National-Chef als charmant, intelligent, als jemanden, der – wie sie – von bestimmten Entwicklungen „revoltiert“ sei. Gemeint war vor allem die Einwanderung, die sie als bedrohlich empfand. Worte, die nicht im luftleeren Raum standen, sondern Teil eines ideologischen Fundaments waren.

    Besonders schwer wogen jene Aussagen, die ihr zwischen 1997 und 2008 mehrere Verurteilungen wegen Volksverhetzung einbrachten. Bardot äußerte sich wiederholt islamfeindlich, vor allem im Zusammenhang mit dem muslimischen Opferfest. In offenen Briefen und Zeitungsartikeln sprach sie von einer „Überfremdung“, von einer Unterwerfung Frankreichs unter muslimische Bräuche. Das war keine beiläufige Provokation mehr, das war gezielte sprachliche Eskalation. Die Justiz reagierte, mehrmals, mit Geldstrafen.

    Ihr Buch „Un cri dans le silence“ markierte 2003 einen weiteren Tiefpunkt. Darin beschrieb Bardot Muslime als Teil einer gefährlichen, schleichenden Infiltration, die sich weder an Gesetze noch an Traditionen halte. Auch Homosexuelle wurden Ziel ihrer Tiraden, ebenso wie das, was sie abschätzig als „Metissage“ bezeichnete. Die Sprache war roh, verletzend, entmenschlichend. Wieder folgte eine Verurteilung. Und wieder zeigte Bardot keinerlei Reue.

    Selbst in hohem Alter blieb sie ihrer Linie treu. 2019 diffamierte sie die Bevölkerung von La Réunion in einem offenen Brief als „degeneriert“, diesmal unter dem Vorwand des Tierschutzes. 2021 verurteilte ein Gericht sie wegen öffentlicher Beleidigung mit rassistischem Charakter zu einer Geldstrafe von 20.000 Euro. Man hätte denken können, irgendwann kehrt Stille ein. Tat es nicht.

    Politisch unterstützte Bardot über Jahre hinweg Kandidatinnen und Kandidaten des rechten Spektrums. 2012 forderte sie Bürgermeister dazu auf, Marine Le Pen die notwendigen Unterstützungsunterschriften zu geben. Sie selbst nannte Le Pen eine bewundernswerte Frau. 2017 stellte sie sich offen gegen Emmanuel Macron, den sie für seine aus ihrer Sicht mangelnde Tierpolitik kritisierte. Ob sie den Front National – später Rassemblement National – wählte, ließ sie offen, ihre Sympathie jedoch machte sie deutlich.

    Kurzzeitig setzte sie ihre Hoffnungen auch auf Eric Zemmour, bevor sie sich enttäuscht abwandte und schließlich Nicolas Dupont-Aignan unterstützte. Ideologische Konsistenz spielte dabei eine untergeordnete Rolle. Der rote Faden blieb der Tierschutz, den sie als moralischen Kompass ihres Handelns verstand – oder zumindest als Rechtfertigung.

    Dieser Fokus führte sie sogar in die Nähe internationaler Machtpolitik. 2013 drohte Bardot damit, die russische Staatsbürgerschaft anzunehmen, um zwei Elefanten vor der Einschläferung zu retten. In Interviews äußerte sie offen ihre Bewunderung für Wladimir Putin, dem sie mehr Menschlichkeit attestierte als den Präsidenten ihres eigenen Landes. Wenn sie ihn um etwas bitte, so sagte sie einmal, erfülle er es ihr meist. Das klang weniger nach politischer Analyse als nach persönlicher Verklärung.

    Dabei betonte Bardot stets, sie sei keiner Partei verpflichtet. Sie habe sogar Jean-Luc Mélenchon kontaktiert, erzählte sie, und würde jeden wählen, der die Forderungen ihrer Stiftung im Wahlprogramm übernehme. Diese Stiftung, die Fondation Brigitte-Bardot, bleibt ihr unbestrittenes Vermächtnis. Ihr Engagement für Tiere war real, beharrlich, wirkungsvoll. Und doch wirft es einen langen Schatten, wenn es immer wieder als Schutzschild für menschenverachtende Aussagen diente.

    Brigitte Bardot war nie nur die blonde Göttin von Saint-Tropez. Sie war auch eine Frau, die bewusst aneckte, die provozierte, manchmal einfach drauflosredete – nach dem Motto: Mir doch egal, was ihr denkt. Das mag für Fans Ausdruck von Unabhängigkeit gewesen sein. Für viele andere blieb es schlicht verletzend. Und genau diese Ambivalenz macht ihr Erbe so kompliziert. Eine Ikone, ja. Aber eine mit Rissen. Deutlichen.

    Von C. Hatty