Kategorie: Ukraine

  • Waffenruhe zu Ostern – Symbolik oder Wendepunkt?

    Waffenruhe zu Ostern – Symbolik oder Wendepunkt?

    Am 19. April 2025 sorgte eine überraschende Ankündigung des russischen Präsidenten Wladimir Putin für internationales Aufsehen: Ein einseitiger 30-stündiger Waffenstillstand in der Ukraine, ausgerufen unter dem Vorwand „humanitärer Erwägungen“ anlässlich des orthodoxen Osterfestes.

    Diese symbolträchtige Pause sollte am Samstag um 18 Uhr (Kiewer Zeit) beginnen und bis Mitternacht des darauffolgenden Sonntags andauern. Russland präsentierte diesen Schritt als Geste des guten Willens – mit der Erwartung, dass Kiew es ihm gleichtun würde.

    Doch in Kiew war die Stimmung alles andere als festlich.


    Zweifel und Drohnen

    Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj reagierte zwar mit der Zusicherung, dass sich sein Land an die vereinbarte Ruhe halten werde – nicht jedoch ohne scharfe Kritik. Er warf Russland vor, den Waffenstillstand nur als Deckmantel zu nutzen, um militärisch weiter Druck auszuüben.

    Und tatsächlich: Trotz der angekündigten Pause wurde aus der Ostukraine, insbesondere aus der Region Cherson, von anhaltendem Artilleriebeschuss und Angriffen berichtet. Russische Kampfdrohnen sollen zudem am ukrainischen Himmel gesichtet worden sein – ein klarer Widerspruch zum propagierten Friedenssignal.

    Das wirft Fragen auf: Diente die Ankündigung nur der Imagepflege – oder steckt ein Strategiewechsel dahinter?


    Symbolik ohne Substanz?

    In den letzten Monaten haben internationale Vermittlungsversuche und Friedensinitiativen wiederholt Schiffbruch erlitten. Nicht selten waren angekündigte Feuerpausen lediglich kurze Atempausen – durchsetzt von Regelverstößen beider Seiten. Diese neue Initiative reiht sich offenbar nahtlos in diese Reihe ein.

    Internationale Beobachter zeigen sich entsprechend reserviert. Ohne konkrete Zusicherungen und überprüfbare Maßnahmen sei jede Geste nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Gerade in einem so festgefahrenen Konflikt wie diesem, ist Misstrauen längst zur Währung geworden.


    Hoffnungsschimmer: Gefangenenaustausch

    Trotz aller Spannungen gab es einen Lichtblick: Ein gegenseitiger Austausch von Kriegsgefangenen brachte 246 Soldaten pro Seite die Freiheit zurück – darunter auch 46 verletzte Kämpfer, die dringend medizinische Hilfe benötigten.

    Ein kleiner Schritt, gewiss – aber inmitten des Lärms von Geschützen und diplomatischem Schweigen ist jeder Akt der Humanität ein Zeichen von Hoffnung.


    Bleibt alles beim Alten?

    Während die internationale Gemeinschaft bemüht ist, jede noch so kleine Initiative in Richtung Deeskalation zu fördern, ist sie zugleich auf der Hut: Der Friede braucht mehr als symbolträchtige Ankündigungen. Es braucht Taten – überprüfbar, transparent und glaubhaft.

    Vor allem aber braucht es den Willen – echten Willen – zur Verständigung.

    Und genau daran scheint es zu fehlen. Zu oft hat sich gezeigt, dass Gesten, so gut sie auch gemeint sein mögen, im Dickicht von Propaganda, taktischem Kalkül und tiefem Misstrauen untergehen.


    Die Oster-Waffenruhe mag in den Augen mancher wie ein Licht am Ende des Tunnels wirken. Doch für viele Ukrainer ist sie eher ein flackerndes Streichholz – in einem Tunnel, dessen Ausgang niemand kennt.

    Von C. Hatty

  • Massaker in Sumy – Frankreich zeigt klare Kante gegen Putins Terror

    Massaker in Sumy – Frankreich zeigt klare Kante gegen Putins Terror

    Während Christen in aller Welt den Palmsonntag begehen, trifft eine der schwersten Raketenangriffe seit Monaten das ukrainische Soumy. Mindestens 34 Menschen sterben, darunter zwei Kinder. Über 100 weitere werden verletzt. Eine Straße wird zum Schlachtfeld, mitten im Alltag. Die internationale Empörung ist groß – und Frankreich? Positioniert sich deutlich.


    Ein Sonntag im Flammenmeer

    Sonntag, 13. April 2025 – während in Kirchen gesungen und gebetet wird, detonieren zwei Raketen mitten in der nordostukrainischen Stadt Soumy. 250.000 Menschen leben hier, eine normale Provinzstadt mit Schulen, Wohnhäusern, Bushaltestellen. Und genau dort schlagen die Geschosse ein.

    „Eine gewöhnliche Straße, ein gewöhnliches Leben – und plötzlich die Hölle“, so beschreibt Präsident Selenskyj die Szenen. Die Zahl der Toten: 34. Darunter zwei Kinder. 117 Verletzte, 15 davon ebenfalls Kinder. Viele sind schwer verletzt. Die Rettungskräfte sprechen von einem Bild des Grauens: brennende Autos, schreiende Passanten, zerstörte Gebäude – und mittendrin die blanke Panik.

    Ein Feuerwehrsprecher sagt nur: „Ich dachte, ich hätte schon alles gesehen – aber das hier…“ Er bricht ab.


    Gezielter Schlag an einem heiligen Tag

    Der Angriff erfolgte nicht zufällig. Palmsonntag, der feierliche Auftakt der Karwoche, ist für viele Ukrainer ein bedeutender religiöser Tag. Menschen sind unterwegs, auf dem Weg zur Kirche, treffen Familie, Freunde. Gerade deshalb trifft diese Attacke doppelt: als militärischer und symbolischer Schlag.

    Der Menschenrechtskommissar der Ukraine berichtet, dass das regionale Zentrum zum Schutz der Menschenrechte völlig zerstört wurde – es lag im Epizentrum der Explosionen. Die Botschaft ist klar: Auch Einrichtungen des zivilen Schutzes sind keine Tabuzonen mehr.


    Frankreich spricht Klartext

    Emmanuel Macron reagiert umgehend. Auf X (ehemals Twitter) schreibt er: „Dieser Krieg – wir wissen, wer ihn gewollt hat. Russland, ganz allein.“ Er fordert „starke Maßnahmen“, um Russland zu einem Waffenstillstand zu zwingen. Frankreichs Position ist eindeutig: Diese Eskalation darf nicht unbeantwortet bleiben.

    Die französische Öffentlichkeit steht solidarisch zur Ukraine. Hilfslieferungen, Flüchtlingshilfe, politische Rückendeckung – all das gehört zur Tagesordnung. Doch dieser Angriff markiert einen neuen Tiefpunkt. Dass Paris hier scharf Stellung bezieht, zeigt, dass man nicht müde wird, die Stimme gegen das Unrecht zu erheben – trotz diplomatischer Erschöpfung in Teilen Europas.


    Auch andere Länder reagieren – aber mit unterschiedlichen Tönen

    Während Donald Trump den Angriff als „schrecklich“ bezeichnet, spricht er gleichzeitig davon, dass „man ihm gesagt habe“, es sei ein Versehen gewesen. So etwas sei einfach „furchtbar“. Worte, die vor allem ausweichend wirken – diplomatisch verpackt, aber ohne Konsequenz.

    Ganz anders Emmanuel Macron: Seine Worte sind deutlich, sein Ton fest. Auch Olaf Scholz nennt die Attacke „barbarisch“. Die italienische Ministerpräsidentin Meloni spricht von „Feigheit“. Internationale Solidarität? Ja. Doch Frankreich setzt mit seiner Entschlossenheit ein klares Zeichen.


    Ein vergeblicher Dialog?

    Dabei laufen aktuell Verhandlungen zwischen Vertretern der USA, der Ukraine und Russland. Doch bislang ohne Erfolg. Russland fordert Unmögliches – Gebietsabtretungen, Verzicht auf die NATO-Mitgliedschaft. Für Kiew inakzeptabel. Und während am Verhandlungstisch diskutiert wird, fliegen Raketen – wie eben in Soumy.

    Das Misstrauen gegenüber Putins Russland wächst. Auch in Frankreich wird immer klarer, dass Worte allein nicht genügen. „Reden stoppen keine Raketen“, mahnt Selenskyj. Wer Frieden wolle, müsse Russland wie einen Terrorstaat behandeln.


    Frankreichs Rolle im europäischen Sicherheitsgefüge

    Die Attacke auf Soumy rückt Frankreich einmal mehr in den Mittelpunkt europäischer Verantwortung. Nicht nur als Vermittler, sondern als klare Stimme der Menschlichkeit. Paris will nicht tatenlos zusehen, wenn ein europäisches Land gezielt von Raketen getroffen wird – an einem Feiertag, inmitten von Kindern und Familien.

    Die Frage, die sich stellt: Wie lange will Europa noch zusehen, wie ein Aggressor gezielt zivilgesellschaftliche Strukturen zerstört?


    Ein Ruf, der gehört wird

    Frankreich zeigt Haltung – und das nicht erst seit gestern. In der Ukraine weiß man, wer echte Partner sind. Und trotz aller geopolitischen Herausforderungen: Die Empörung über Soumy schweißt zusammen. Vielleicht ist das die bittere Ironie dieses Schreckens – dass er die Entschlossenheit des Westens neu entfacht.

    Von Andreas M. Brucker

  • Tödlicher Raketenschlag auf Sumy – Russland trifft ukrainische Stadt am Palmsonntag

    Tödlicher Raketenschlag auf Sumy – Russland trifft ukrainische Stadt am Palmsonntag

    Mitten am Palmsonntag, einem der höchsten kirchlichen Feiertage in der Ukraine, hat Russland erneut zugeschlagen – mit verheerenden Folgen. Ein gezielter Raketenangriff auf das Stadtzentrum von Sumy forderte am 13. April mindestens 21 Todesopfer und hinterließ 83 Verletzte, darunter auch sieben Kinder. Der Angriff fällt nicht nur durch seine Brutalität auf, sondern auch durch das gezielte Timing – eine Straße voller Menschen, Familien, Gläubiger.

    Raketen auf eine normale Straße

    Nach Angaben des ukrainischen Innenministers Ihor Klymenko schlugen zwei ballistische Raketen mitten im belebten Zentrum ein. „Die Raketen trafen eine ganz normale Straße – Wohnhäuser, Schulen, Autos auf der Fahrbahn“, berichtete Präsident Wolodymyr Selenskyj. In seiner Rede sprach er von „Dutzenden Toten und Verletzten“ und nannte den Angriff eine „gezielte Tat des Schreckens“.

    Wer bei diesem Satz nicht innehält, hat nicht zugehört: Eine normale Straße, ein normales Leben – plötzlich ausgelöscht. Zwischen Alltagslärm und Gebeten, Schulkindern und Senioren – treffen russische Raketen.

    Ein Tag der Trauer statt des Glaubens

    Artem Kobzar, der Bürgermeister von Sumy, sprach in einem offiziellen Statement von einer „schrecklichen Tragödie“ – ausgerechnet an einem Tag, der für viele Ukrainer voller Hoffnung und Gemeinschaft steht. Der Palmsonntag, an dem traditionell der Einzug Jesu in Jerusalem gefeiert wird, wurde durch die Einschläge zu einem Symbol der Verwundbarkeit und des unstillbaren Leids.

    Ein Angriff auf Leben, Freiheit – und Rechte

    Wie Dmitro Lubinets, ukrainischer Ombudsmann und Verteidiger der Bürgerrechte, erklärte, wurde bei dem Angriff auch das regionale Zentrum für Menschenrechte vollständig zerstört. Das Gebäude lag exakt im Zentrum des Einschlags – es ist mehr als nur ein symbolischer Verlust. In unmittelbarer Umgebung verloren Menschen ihr Leben: in Bussen, in Autos, auf dem Gehweg und in ihren Wohnungen.

    Lubinets betont: „Es war ein gezielter Angriff auf Zivilisten – an einem Wochenende, an dem die Menschen draußen unterwegs sind, die Sonne genießen, Familie leben.“

    Selenskyj fordert entschlossene Reaktion

    In seiner eindringlichen Botschaft fordert der ukrainische Präsident erneut eine klare internationale Reaktion. Die Zeit der Gespräche sei vorbei. „Diskussionen haben noch nie Raketen gestoppt oder Bombardements verhindert“, so Selenskyj. Er ruft die USA, Europa und alle Unterstützer des Friedens dazu auf, Russland wie einen Terrorstaat zu behandeln. „Wir müssen handeln – nicht diskutieren.“

    Was wird nötig sein, bis diese Forderung nicht nur gehört, sondern umgesetzt wird?

    Ein erschütternder Moment in einem langen Krieg

    Seit über zwei Jahren hält der russische Angriffskrieg die Ukraine in Atem. Doch Angriffe wie dieser in Sumy zeigen, wie tiefgreifend sich der Krieg in das zivile Leben einschneidet. Schulen, Wohnhäuser, Menschenrechtszentren – es gibt keine „sicheren Orte“ mehr.

    Ein Raketenangriff auf eine religiöse Feier – das ist nicht nur ein militärischer Akt, sondern eine gezielte Attacke auf Kultur, Identität und Menschlichkeit.

    Das Bild einer Gesellschaft im Ausnahmezustand

    Die Bilder aus Sumy erinnern an die dunkelsten Kapitel europäischer Geschichte – an Trümmer, an schreiende Kinder, an verzweifelte Angehörige. Sie machen aber auch sichtbar, wie notwendig und dringend internationale Solidarität ist. Doch Worte und Gesten reichen nicht aus. Der Terror braucht Konsequenzen.

    Während die Ermittlungen wegen Kriegsverbrechen bereits laufen, hoffen die Menschen in Sumy auf mehr – auf Gerechtigkeit, Schutz und Frieden.

    Catherine H.

  • 900.000 Opfer und kein Ende: Russlands bittere Bilanz im Ukraine-Krieg

    900.000 Opfer und kein Ende: Russlands bittere Bilanz im Ukraine-Krieg

    Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 vergeht kaum ein Tag ohne neue Schlagzeilen – oft geprägt von schweren Verlusten auf Seiten der Angreifer. Inzwischen ist der Krieg nicht nur zur humanitären Katastrophe geworden, sondern auch zu einem Lehrstück für militärische Grenzen und politische Starrsinnigkeit.

    Ein Blick auf die Zahlen verrät mehr als tausend Reden.

    Menschenleben – eine erschütternde Statistik

    Nach Einschätzungen der NATO haben die russischen Streitkräfte mittlerweile rund 900.000 Soldaten verloren oder verwundet. Allein diese Zahl ist kaum zu fassen. Besonders tragisch: Etwa 250.000 dieser Menschen kamen ums Leben. Und das sind nur Schätzungen – die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen.

    Im Februar 2025, einem der verlustreichsten Monate seit Kriegsbeginn, wurden über 35.000 neue Verluste registriert. Gefallene und Verwundete wohlgemerkt – Menschen mit Familien, Geschichten, Lebensträumen. Auf dem Schlachtfeld sind sie zu Zahlen geworden.

    Und es gibt verifizierte Namen: Der russischsprachige Dienst der BBC und das unabhängige Portal Mediazona konnten bis Ende März 2025 ganze 100.001 gefallene russische Soldaten identifizieren – darunter fast 5.000 Offiziere. Die Liste wächst täglich. Ein bedrückendes Zeugnis der Realität, das sich nicht wegdiskutieren lässt.

    Kriegsgerät in Schrott verwandelt

    Doch nicht nur an der Front bezahlt Russland einen hohen Preis. Auch die Ausrüstung wird reihenweise vernichtet. Nach aktuellen Erhebungen hat das russische Militär inzwischen über 9.000 Panzer verloren – eine Zahl, die militärisch kaum mehr kompensierbar scheint. Dazu kommen Tausende weitere Fahrzeuge, Flugzeuge und Raketen, die im Laufe der Kämpfe zerstört wurden.

    Wer zahlt die Rechnung für dieses Desaster?

    Offensive im Schneckentempo

    Trotz der dramatischen Verluste bleibt das russische Militär auf dem Vormarsch – wenn auch längst nicht mehr mit der Anfangsdynamik. Ein Vergleich zeigt das Ausmaß der Verlangsamung: Im November 2024 konnte Russland noch etwa 627 Quadratkilometer ukrainisches Gebiet einnehmen. Im März 2025 waren es gerade mal 203 Quadratkilometer – weniger als ein Drittel.

    Was steckt dahinter?

    Militärexperten machen unter anderem effektive ukrainische Gegenangriffe, fehlende Nachschubwege und eine zunehmend demoralisierte Truppe verantwortlich. Die Logistik scheint an ihre Grenzen gestoßen – ebenso wie die Moral der Soldaten.

    Eine Führung, die unbeirrt bleibt

    Putins Regierung hält jedoch unbeirrt an ihrer Strategie fest – trotz der hohen Verluste und der stagnierenden Fortschritte. Man fragt sich: Wie viele müssen noch sterben, bevor es ein Umdenken gibt?

    Gerade jüngere Rekruten, oft ohne ausreichende Ausbildung und Schutz, werden ins Feuer geschickt. Viele von ihnen sehen nicht einmal einen Monat Krieg, bevor sie fallen. Die Zahlen sind erschreckend, aber hinter jeder steht ein Mensch – und eine Familie, die trauert.

    Die Kriegsrealität hat ein Gesicht

    Manche Geschichten aus dem Krieg brennen sich ein. Da ist zum Beispiel die Erzählung eines gefallenen 19-Jährigen, dessen Mutter durch ein Online-Foto seinen provisorischen Grabstein auf einem russischen Feld fand. Kein Begräbnis, keine Mitteilung. Nur ein Stück Holz mit einem Namen.

    Diese Realität trifft viele Familien – nicht nur in Russland.

    Stillstand durch Erschöpfung?

    Einige Analysten glauben mittlerweile, dass Russland militärisch kurz vor einem Kipppunkt steht. Nicht unbedingt durch eine große Niederlage – sondern durch schlichte Erschöpfung. Denn auch ein riesiges Land wie Russland stößt irgendwann an seine Grenzen, wenn Verluste im sechsstelligen Bereich zur Regel werden.

    Doch während der Kreml weiter marschieren lässt, wächst im eigenen Land die Zahl der leeren Stühle am Esstisch.

    Ein Krieg ohne Gewinnen

    Was bleibt, ist eine schmerzhafte Erkenntnis: Dieser Krieg kostet Russland mehr als nur Panzer und Patronen. Er kostet Vertrauen, internationale Beziehungen – und vor allem: Menschenleben. Das „Wofür?“ bleibt dabei oft unbeantwortet.

    Der Preis ist hoch. Zu hoch.

    Von C. Hatty

  • Trump, Putin und der Wahnsinn des Krieges

    Trump, Putin und der Wahnsinn des Krieges

    Es sind Worte, die ins Mark treffen – und trotzdem irgendwie vertraut klingen: Donald Trump spricht von russischen Bombardements, die „wie von Verrückten“ durchgeführt werden. Eine martialische Wortwahl, die nicht nur seine Frustration zum Ausdruck bringt, sondern auch die groteske Realität eines Krieges, der längst jede diplomatische Vernunft hinter sich gelassen hat.

    Trump, zurück im Oval Office seit Januar 2025, versucht sich nun an einer Rolle, die ihm viele nicht zugetraut hätten: Friedensstifter. Mit einem ambitionierten Versprechen aus dem Wahlkampf – den Ukrainekrieg in nur 24 Stunden zu beenden – trat er an. Doch jetzt, drei Monate später, ist von einem Durchbruch keine Spur. Stattdessen wächst der Druck. In Washington, in Kiew, in Europa – und in Trump selbst.

    Sein Ton gegenüber Moskau hat sich merklich verschärft. Noch während er den israelischen Premierminister Netanjahu empfängt, spricht er von seiner Wut auf Wladimir Putin. Der russische Präsident hat inmitten stockender Verhandlungen die Idee einer „Übergangsregierung“ in Kiew in den Raum geworfen – ein diplomatischer Sprengsatz. Für Trump, der seine Deals am liebsten im Alleingang einfädelt, ist das nicht nur ein Affront, sondern eine ernsthafte Bedrohung seines politischen Images als Macher.

    Doch der Krieg kennt keine Geduld. Während in Washington die Verhandlungen schleppend verlaufen, sterben in der Ukraine weiter Menschen. Allein in Krywyj Rih, dem Geburtsort von Präsident Selenskyj, riss ein einziger russischer Raketenangriff zwanzig Menschen in den Tod – darunter neun Kinder. Ein Schlag ins Herz der Nation. Und ein weiterer Beweis dafür, dass jede Verzögerung im politischen Betrieb an der Front blutige Konsequenzen hat.

    Die Ukraine hatte im März unter amerikanischem Druck einer teilweisen Waffenruhe für 30 Tage zugestimmt. Ein verzweifelter Schritt, um zumindest etwas Ruhe in die Eskalationsspirale zu bringen. Russland hingegen winkte ab und schob fadenscheinige Gründe vor. Eine eingeschränkte Feuerpause in der Schwarzmeerregion und bei Angriffen auf Energieinfrastruktur wurde angeboten. Doch was auf dem Papier halbwegs vernünftig klang, blieb in der Realität nebulös – wie so oft, wenn Moskau die Bedingungen diktiert.

    Und Trump? Der steht nun zwischen den Stühlen. Einerseits der starke Mann, der Deals macht. Andererseits der Präsident, dessen diplomatische Ambitionen gerade an der Realität eines kompromisslosen Krieges zerschellen. Seine Wut auf Putin wirkt nicht gespielt – aber auch nicht strategisch. Es ist die Wut eines Mannes, der merkt, dass dieser Konflikt größer ist als jede Pressekonferenz, jedes Twitter-Statement und jeder Slogan aus dem Wahlkampf.

    Was bleibt also von Trumps großen Ankündigungen? Ein Scherbenhaufen? Noch ist es zu früh, das zu sagen. Aber eines ist sicher: Der Krieg in der Ukraine lässt sich nicht mit Worten beenden – und auch nicht mit einer präsidialen Bauchentscheidung. Er braucht Diplomatie mit Substanz, Geduld, glaubwürdigen Druck – und ein Minimum an Vertrauen zwischen den Akteuren.

    Doch wer traut wem noch in diesem Spiel?

    Die Lage bleibt explosiv. Und während sich die diplomatische Bühne im Kreis dreht, explodieren weiter Raketen auf ukrainischem Boden. Es ist ein Tanz auf dem Vulkan – mit offenem Ausgang.

    Andreas M. Brucker

  • Kherson im Dunkeln: 45.000 Menschen ohne Strom nach russischem Angriff

    Kherson im Dunkeln: 45.000 Menschen ohne Strom nach russischem Angriff

    Ein gezielter russischer Angriff auf ein Energiezentrum in Kherson hat am 1. April 45.000 Menschen von der Stromversorgung abgeschnitten – eine bittere Erinnerung daran, wie verwundbar zivile Infrastrukturen inmitten des Krieges sind. Die südukrainische Stadt, einst pulsierendes Handelszentrum, wurde erneut zum Schauplatz militärischer Gewalt.

    Andriï Sybiga, einer der führenden Diplomaten der Ukraine, sprach von einer klaren Verletzung einer vor Kurzem vereinbarten Teilwaffenruhe. Diese war nach Vermittlungsversuchen der USA ins Spiel gebracht worden – ein vorsichtiger Hoffnungsschimmer, der nun offenbar von den Realitäten des Krieges überrollt wurde.

    Während in Kherson Notstromaggregate surren und die Menschen versuchen, ihren Alltag irgendwie aufrechtzuerhalten, meldete Russland zur selben Zeit einen weiteren militärischen Erfolg. In der Region Donezk habe die russische Armee das Dorf Rozlyv eingenommen. Noch vor dem Krieg lebten dort rund 1.000 Menschen – heute dürften es deutlich weniger sein. Die Frontlinie schiebt sich langsam, aber stetig weiter in die Mitte des Landes. Rozlyv liegt nur wenige Kilometer von der Region Dnipropetrowsk entfernt.

    Zwischen diplomatischen Notrufen und zermürbender Realität bleibt wenig Platz für Optimismus. Noch Ende März hatten die USA zwei Kommuniqués veröffentlicht, die einen vorläufigen Stopp der Angriffe auf Energieinfrastrukturen auf beiden Seiten vorsahen. Es war ein Versuch, das Leiden der Zivilbevölkerung wenigstens punktuell zu lindern. Doch das Abkommen blieb vage – keine festen Termine, keine klaren Bedingungen.

    Und so werfen sich Russland und die Ukraine gegenseitig vor, das Abkommen gebrochen zu haben. In der Folge entstehen nicht nur neue Frontlinien aus Beton und Stacheldraht, sondern auch solche aus Misstrauen und Enttäuschung.

    Was bedeutet das für die Menschen in Kherson? Kein Licht, keine Heizung, keine funktionierende Wasserpumpen – für 45.000 Seelen. Schulen, Krankenhäuser, Seniorenheime: Alle stehen vor immensen Herausforderungen. Während die internationale Gemeinschaft verhandelt, frieren und warten viele einfach nur darauf, dass die Lichter wieder angehen.

    Wie lange noch soll dieses Spiel auf dem Rücken der Zivilisten gehen? Die Frage ist so alt wie der Krieg selbst – und sie bleibt offen.

    Von C. Hatty

  • Trump, Poutine und das Patt in der Ukraine: Zwischen Empörung und Drohkulisse

    Trump, Poutine und das Patt in der Ukraine: Zwischen Empörung und Drohkulisse

    Donald Trump agiert mal wieder auf der großen geopolitischen Bühne – zumindest rhetorisch. In einem Interview mit dem US-Sender NBC erklärte der amerikanische Präsident am 30. März, er sei „sehr wütend“ auf Wladimir Putin. Damit sorgte er für eine gewisse Überraschung, zumal sich Trump in der Vergangenheit auffällig zurückhaltend gegenüber dem russischen Präsidenten gezeigt hatte. Der republikanische Präsident kritisierte jedoch nicht nur den Kremlchef, sondern nahm auch den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ins Visier. Zwischen Drohungen mit neuen Zöllen und dem Ruf nach einem Waffenstillstand offenbaren sich die Konturen einer erratischen, doch nicht ganz ziellosen Außenpolitik.

    Neue Töne aus Washington

    Trump reagierte vor laufenden Kameras ungewohnt scharf auf die jüngsten Entwicklungen im russisch-ukrainischen Krieg. Seine Äußerung, bei einem Scheitern der Verhandlungen mit Moskau „sekundäre Zölle auf jegliches russisches Öl“ zu erheben, wirkt wie eine Rückkehr zur wirtschaftlichen Druckpolitik, die während seiner ersten Amtszeit als bevorzugtes außenpolitisches Instrument diente. Gleichzeitig ist die Formulierung auffällig konditional: Trump stellt seine Drohung unter das Vorbehalt eines Scheiterns seiner eigenen Verhandlungen mit Putin – ein Szenario, das hypothetisch bleibt, solange keine wirklich konkreten diplomatischen Initiativen von Washington ausgehen.

    Auffällig ist auch, dass Trump der russischen Seite die Hauptschuld am anhaltenden Blutvergießen zuschreibt – ein Schritt weg von früheren Relativierungen russischer Kriegsverantwortung. Dennoch milderte er seinen Ton nur wenige Stunden später auf dem Rückflug im Präsidentenflugzeug. Dort zeigte er sich „enttäuscht“, aber nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber Putin. „Ich denke, er wird das schon richtig machen“, sagte Trump und betonte zugleich, er wolle „sicherlich keine sekundären Zölle gegen Russland verhängen“. Die Widersprüchlichkeit in diesen Äußerungen verdeutlicht nicht nur Trumps Stil der politischen Kommunikation, sondern auch die strategische Unentschlossenheit seiner Regierung.

    Misstrauen gegenüber Kiew

    Deutlich schärfer fiel die Kritik an der ukrainischen Führung aus. Trump warf Präsident Selenskyj vor, ein Abkommen über die Nutzung seltener Erden durch US-Konzerne zu hintertreiben. Dies sei ein schwerwiegender Schritt, der „große, große Probleme“ verursachen könne. Im Kern geht es dabei um ein strategisches Abkommen zur Erschließung und Ausfuhr kritischer Rohstoffe wie Lithium oder Kobalt – Materialien, die für die Energiewende und militärische Hochtechnologie der USA von zentraler Bedeutung sind.

    Die Unterstellung, Selenskyj wolle sich einseitig aus diesem Vertrag zurückziehen, verweist auf das wachsende Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichen Interessen Washingtons und der Eigenständigkeit Kiews. Während sich die Ukraine in ihrer existenziellen Abhängigkeit von westlicher Unterstützung befindet, steigt zugleich der Druck aus den USA, wirtschaftliche Zugeständnisse zu machen. Die jüngste Überarbeitung des Abkommens durch amerikanische Stellen, über die Selenskyj am Freitag informierte, zeigt, dass auch auf US-Seite Anpassungsbedarf gesehen wurde. Trumps harscher Tonfall könnte als Signal an Kiew interpretiert werden, künftig engeren Vorgaben aus Washington zu folgen.

    Innenpolitische Dimensionen außenpolitischer Rhetorik

    Hinter Trumps Auftritt verbirgt sich auch ein innenpolitisches Kalkül. Der Präsident sieht sich zunehmendem Druck aus Teilen seiner eigenen republikanischen Partei ausgesetzt, die eine klarere Linie gegenüber Russland fordern. Gleichzeitig steht er unter Beobachtung einer Öffentlichkeit, die seine offensichtliche Nähe zum Kreml skeptisch beurteilt. In diesem Kontext könnte Trumps Rhetorik auch als Versuch gewertet werden, seine außenpolitische Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen – ohne jedoch festgelegte Positionen zu beziehen.

    Die inhaltliche Ambivalenz – einerseits scharfe Worte, andererseits relativierende Nachsätze – ist typisch für Trumps Kommunikationsstil. Sie erlaubt ihm maximale Flexibilität in zukünftigen Verhandlungen und verhindert eine allzu frühe Festlegung. Politisch bleibt jedoch die Frage, wie glaubwürdig und wirksam eine solche Linie sein kann, insbesondere im Angesicht eines anhaltenden Krieges, was eigentlich strategische Geduld und klare Allianzen erfordert.

    Strategische Konsequenzen für den Krieg in der Ukraine

    Die jüngsten Äußerungen Trumps werfen ein Schlaglicht auf die fragile Lage der Ukraine im globalen Kräftespiel. Das Land kämpft nicht nur an der Frontlinie gegen Russland, sondern auch um die politische und wirtschaftliche Loyalität seiner Partner. Der Versuch Moskaus, eine „Übergangsregierung“ ohne Selenskyj zu installieren – wie von Putin kürzlich angedeutet – zeigt, dass der Kreml das politische Ziel eines Regimewechsels in Kiew nicht aufgegeben hat. Gleichzeitig wird Selenskyj durch Trump und andere westliche Stimmen zunehmend unter Druck gesetzt, zu einem „realistischen“ Friedensprozess zu kommen – was de facto territoriale Zugeständnisse bedeuten könnte.

    Für Europa ist dies ein beunruhigendes Szenario. Die Rückkehr Trumps in das Weiße Haus hat bereits begonnen, die transatlantische Geschlossenheit zu erschüttern und neue Unsicherheiten zu schaffen. Trumps Äußerungen machen erneut klar, dass unter seiner Führung nicht mit einem uneingeschränkten Blankoscheck für die Ukraine zu rechnen ist. Vielmehr ist er offensichtlich geneigt, wirtschaftliche Interessen stärker zu gewichten als sicherheitspolitische Verpflichtungen.

    Autor: MAB

  • Butscha: Ein Name, der sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt hat

    Butscha: Ein Name, der sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt hat

    Vor genau drei Jahren endete für die ukrainische Kleinstadt Butscha eine dunkle Etappe – und eine neue, nicht minder schwere begann. Am 30. März 2022 verließen russische Truppen die Stadt. Was sie hinterließen, ging als das „Massaker von Butscha“ in die Geschichte ein.

    In den Straßen lagen Leichen. Menschen, deren Hände gefesselt waren, aus nächster Nähe erschossen. Der Tod war nicht zufällig – er war geplant, systematisch und brutal. Es war der Moment, in dem die Welt endgültig begriff, was dieser Krieg bedeutete.

    Ein Blick zurück: Was damals geschah

    Butscha liegt nur wenige Kilometer nordwestlich von Kiew. Im März 2022 war die Stadt schwer umkämpft, fiel unter russische Besatzung – und wurde zum Schauplatz von Verbrechen, deren Ausmaß erst nach dem Rückzug sichtbar wurde.

    Bis August 2022 fanden ukrainische Ermittler 458 Leichen. 419 davon trugen Spuren von Folter, Hinrichtungen, Gewalt. Fast alle Opfer waren Zivilisten. Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort lebten – in ihren Häusern, auf der Flucht oder beim Versuch, anderen zu helfen.

    Der Fund dieser Opfer löste international Fassungslosigkeit aus – und die klare Forderung: Diese Verbrechen dürfen nicht ohne Antwort bleiben.

    Reaktionen aus aller Welt

    Die Bilder aus Butscha ließen niemanden kalt. Politiker weltweit verurteilten die Taten aufs Schärfste. Olaf Scholz etwa sprach davon, dass die Verbrechen deutlich zeigten, was Putins Krieg wirklich sei: ein Angriff auf alles Menschliche. Auch der französische Präsident Emmanuel Macron nannte das Massaker „unerträglich“ und forderte Konsequenzen.

    Internationale Organisationen wie Human Rights Watch dokumentierten akribisch, was in Butscha geschehen war. Ermittlungen wegen Kriegsverbrechen wurden eingeleitet. Die Welt forderte Gerechtigkeit – laut, deutlich und entschlossen.

    Moskau indes? Stritt alles ab. Von einer Inszenierung war die Rede, von „Fake News“ – obwohl die Beweislage erdrückend war.

    Ein Ort, der sich neu erfinden musste

    Drei Jahre später steht in Butscha kein Stein mehr dort, wo er vorher war – weder im wörtlichen noch im übertragenen Sinn. Die Stadt hat den Wiederaufbau in Angriff genommen. Schulen, Straßen, Wohnhäuser – vieles wurde erneuert oder zumindest repariert. Auf den ersten Blick wirkt Butscha heute wie eine ruhige Kleinstadt.

    Doch der Schmerz liegt tiefer.

    Die Menschen, die zurückgekehrt sind, tragen Narben. Nicht alle sichtbar. Viele haben Angehörige verloren, Freunde, Nachbarn. Psychologische Hilfe ist gefragt – aber nicht immer verfügbar. Und das Vertrauen, das zerstört wurde, lässt sich nicht so einfach wieder aufbauen.

    Zwischen Trauer, Wut und Hoffnung

    Butscha ist heute mehr als nur ein geografischer Ort – es ist ein Symbol. Ein Mahnmal. Ein Spiegelbild für die Grausamkeit des Krieges.

    Die Stadt erinnert uns daran, dass Kriegsverbrechen kein abstrakter Begriff sind. Dass es Gesichter, Namen, Geschichten sind, die dahinterstehen. Dass jedes Opfer eine Familie hatte, ein Leben, einen Traum. Und dass Gerechtigkeit nicht optional ist – sondern notwendig.

    Gleichzeitig – und das mag paradox klingen – steht Butscha auch für Hoffnung. Für die Widerstandskraft einer Gemeinschaft, die sich nicht brechen ließ. Für Menschen, die trotz allem anpacken, aufbauen, weitermachen. Vielleicht nicht wie vorher, aber trotzdem.

    Und jetzt?

    Drei Jahre sind keine lange Zeit. Für Trauernde sowieso nicht. Und doch blickt Butscha nach vorn. Mit Bedacht, mit Vorsicht – aber mit Haltung.

    Die juristische Aufarbeitung läuft. Manche Täter wurden bereits identifiziert, andere bleiben anonym. Doch die Hoffnung bleibt: Dass irgendwann auch auf der internationalen Bühne Verantwortung übernommen wird.

    Und die Welt?

    Die darf nicht wegsehen. Nicht vergessen. Denn wer schweigt, macht sich mitverantwortlich. Wer verdrängt, riskiert, dass sich Geschichte wiederholt.

    Wer hätte vor drei Jahren gedacht, dass eine kleine Stadt wie Butscha zu einem der stärksten Symbole des Ukraine-Krieges wird?

    Und doch – genau das ist geschehen.

    Von C. Hatty

  • Ukraine rüstet auf: Fünf Millionen FPV-Drohnen jährlich

    Ukraine rüstet auf: Fünf Millionen FPV-Drohnen jährlich

    Die Ukraine treibt die Militarisierung ihrer Verteidigungsindustrie weiter voran – mit einem Fokus auf autonome Kriegstechnologie. Nach Angaben aus dem Umfeld des Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ist das Land inzwischen in der Lage, jährlich bis zu fünf Millionen sogenannte FPV-Drohnen (First-Person-View) herzustellen. Damit setzt Kiew nicht nur auf Quantität, sondern auch auf eine neue Qualität der Kriegsführung, die zunehmend durch Drohnentechnologie geprägt wird.

    Dezentralisierung als Sicherheitsstrategie

    Diese ambitionierte Produktionsmenge wird durch ein Netzwerk von inzwischen über 150 Unternehmen ermöglicht, die in der Ukraine Drohnen entwickeln und fertigen. Anders als klassische Rüstungsbetriebe operieren viele dieser Hersteller in dezentralen Strukturen, verteilt über das ganze Land. Dieser Ansatz ist nicht nur ein Schutz gegen russische Luftangriffe, sondern auch Ausdruck einer widerstandsfähigen industriellen Infrastruktur, die sich flexibel an die Herausforderungen des Krieges anpasst.

    Die Entscheidung, die Drohnenproduktion nicht zentral zu bündeln, sondern auf viele kleinere Einheiten zu verteilen, folgt einer klaren sicherheitspolitischen Logik: Sabotageakte oder gezielte Angriffe auf Produktionsstätten sollen so ins Leere laufen. Gleichzeitig erlaubt die modulare Fertigung eine kontinuierliche technologische Anpassung an sich wandelnde Anforderungen im Gefecht.

    FPV-Drohnen als taktische Waffe

    FPV-Drohnen spielen eine immer zentralere Rolle auf dem Gefechtsfeld. Ausgerüstet mit Kameras, die Echtzeitbilder an den Bediener senden, ermöglichen sie eine präzise Steuerung auch über weite Entfernungen. In der ukrainischen Armee werden sie sowohl zur Aufklärung als auch für gezielte Angriffe auf gegnerische Infanterie, Fahrzeuge und Stellungen eingesetzt.

    Im Gegensatz zu herkömmlichen Aufklärungsdrohnen sind FPV-Modelle oft Einwegwaffen. Sie tragen kleine Sprengladungen und stürzen sich direkt auf ihr Ziel. Die niedrigen Produktionskosten machen diese Einsatzweise ökonomisch tragbar – und zugleich strategisch effizient. In Kombination mit künstlicher Intelligenz, verbesserter Navigation und steigender Resistenz gegen elektronische Störmaßnahmen werden FPV-Drohnen zunehmend zu einem unverzichtbaren Bestandteil der ukrainischen Taktik.

    Innovation unter Kriegsbedingungen

    Der Krieg hat in der Ukraine eine erstaunlich schnelle Innovationsdynamik ausgelöst. Technische Fortschritte bei Drohnenplattformen, Steuerungssystemen und der Miniaturisierung von Elektronikkomponenten werden in enger Zusammenarbeit zwischen Militär, Zivilgesellschaft und Industrie entwickelt. Insbesondere bei der Integration von Glasfasersteuerung, um elektronische Störmaßnahmen zu umgehen, erzielt die Ukraine beachtliche Fortschritte.

    Diese technologische Aufholjagd geschieht in einem politischen und wirtschaftlichen Umfeld permanenter Unsicherheit. Dennoch gelingt es der Ukraine, ihre industrielle Basis im Hochtechnologiesektor weiter auszubauen – mit möglichen Auswirkungen weit über die Landesgrenzen hinaus.

    Strategische Dimensionen der Drohnenproduktion

    Die industrielle Kapazität zur Produktion von Millionen unbemannter Luftfahrzeuge verändert nicht nur die Kriegsführung, sondern auch die geopolitische Wahrnehmung der Ukraine. Was früher als rückständiger Teil der postsowjetischen Rüstungslandschaft galt, entwickelt sich nun zu einem Hightech-Sektor mit globaler Aufmerksamkeit.

    Darüber hinaus schafft die massive Produktion von Drohnen neue wirtschaftliche Perspektiven. Der wachsende Rüstungssektor schafft Arbeitsplätze, fördert Forschung und Entwicklung und stärkt das nationale Selbstbewusstsein. Auch wenn die Exportfähigkeit ukrainischer Drohnentechnologie derzeit durch den Krieg begrenzt ist, ist absehbar, dass die Ukraine sich langfristig als Anbieter spezialisierter Wehrtechnik etablieren will.

    Ein neues Gleichgewicht im Drohnenkrieg

    Während die Ukraine ihre Drohnenproduktion auf eine neue Stufe hebt, bleibt der Krieg ein asymmetrischer Konflikt. Russland verfügt über eigene Drohnenkapazitäten und erhält zusätzlich Nachschub aus dem Iran. Der technologische Wettlauf in der Luft ist daher Teil eines umfassenderen Ringens um die Lufthoheit, das inzwischen ebenso stark von Software, Algorithmen und Störtechnologien bestimmt wird wie von reiner Produktionszahl.

    Allerdings verschieben sich durch die neue Produktionskapazität auch operative Parameter: Mit einer verlässlichen Versorgung an Millionen von FPV-Drohnen kann die Ukraine künftig gezielter auf lokale Frontverläufe reagieren, gegnerische Logistik unterbrechen und psychologischen Druck auf gegnerische Truppen erhöhen.

    Die Kriegsführung des 21. Jahrhunderts, das zeigt die Entwicklung in der Ukraine deutlich, wird durch technologische Innovationszyklen entschieden – und nicht allein durch Panzer oder Artillerie.

    MAB

  • Putins überraschender Vorschlag: Eine internationale Übergangsverwaltung für die Ukraine

    Putins überraschender Vorschlag: Eine internationale Übergangsverwaltung für die Ukraine

    Der russische Präsident Wladimir Putin hat mit einem überraschenden Vorstoß international für Aufsehen gesorgt: Während eines Besuchs im nordrussischen Murmansk schlug er vor, die Ukraine unter eine temporäre internationale Verwaltung zu stellen. Diese Übergangsregierung solle unter Schirmherrschaft der Vereinten Nationen stehen und unter Beteiligung der USA, europäischer Länder und Russlands selbst gebildet werden. Ziel sei es, freie und demokratische Wahlen zu ermöglichen und eine neue Regierung zu etablieren, die als legitimer Gesprächspartner für Friedensverhandlungen auftreten könne.

    Der Vorschlag kommt zu einem Zeitpunkt, an dem sich der russisch-ukrainische Krieg im dritten Jahr befindet und eine militärische Lösung in weite Ferne gerückt scheint. Die Reaktionen auf Putins Vorstoß sind ebenso vielschichtig wie die geopolitischen Interessen, die den Konflikt von Beginn an prägen.

    Eine neue Phase des Konflikts?

    Putins Initiative wirkt auf den ersten Blick wie ein Schritt in Richtung Deeskalation. Die Idee einer internationalen Verwaltung erinnert an historische Präzedenzfälle – etwa das Interimsregime im Kosovo nach 1999 –, in denen internationale Organisationen temporär Regierungsfunktionen übernahmen, um stabile politische Verhältnisse zu ermöglichen. Auch in Afghanistan und Bosnien wurden in der Vergangenheit ähnliche Modelle diskutiert oder erprobt.

    Doch Putins Motivlage wirft Fragen auf. Der Zeitpunkt des Vorschlags ist nicht zufällig gewählt. Russland behauptet, in den von ihr annektierten Gebieten der Ukraine – insbesondere in Teilen der Regionen Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson – weitgehende Kontrolle zu besitzen. In Wirklichkeit jedoch dauern die Kämpfe an vielen Frontabschnitten unvermindert an. Berichte über Verstöße gegen Waffenstillstandsvereinbarungen und zivile Opfer deuten darauf hin, dass die militärische Lage keineswegs stabilisiert ist. Kritiker sehen in Putins Vorstoß daher weniger ein Friedensangebot als vielmehr ein strategisches Manöver, um internationale Sanktionen zu lockern und die Ukraine politisch unter Druck zu setzen.

    Die Legitimitätsfrage als Druckmittel

    Ein zentrales Element von Putins Rede in Murmansk war die Infragestellung der Legitimität des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Putin argumentierte, dessen Amtszeit sei formal abgelaufen, und suggerierte, dass es daher an einer international anerkannten Führung in Kiew mangele. Dabei ignoriert er jedoch, dass die ukrainische Verfassung in Kriegszeiten eine Verlängerung der Amtszeit des Präsidenten vorsieht – ein Umstand, den westliche Staaten und Rechtsexperten als rechtlich gedeckt ansehen.

    Putin scheint mit dieser Argumentation darauf abzuzielen, die politische Autorität Selenskyjs zu delegitimieren und die Ukraine auf internationaler Bühne als führungslos erscheinen zu lassen. In diesem Kontext erhält auch die Einladung an die USA – und insbesondere der positive Verweis auf Donald Trump – eine neue Dimension. Putin bezeichnete den US-Präsidenten als „aufrichtigen Friedensstifter“ und äußerte die Hoffnung, dass dieser den Vorschlag unterstützen werde.

    Reaktionen in Kiew und im Westen

    In der Ukraine stieß der Vorschlag erwartungsgemäß auf heftige Ablehnung. Präsident Selenskyj warnte davor, den internationalen Druck auf Russland zu verringern. Ein Sprecher der ukrainischen Regierung nannte den Plan einen „Versuch, die Souveränität der Ukraine zu untergraben und russische Kriegsgewinne zu legitimieren“. Auch Vertreter westlicher Staaten äußerten sich skeptisch. Die Sorge: Eine internationale Übergangsregierung unter Einbeziehung Russlands könnte als Einfallstor für eine politische Einflussnahme dienen, die Moskaus Interessen langfristig in der Ukraine verankert.

    Tatsächlich steht hinter dem Vorschlag ein zentraler Widerspruch: Während Russland die territoriale Integrität der Ukraine verletzt hat, verlangt es nun Mitspracherechte bei der Bildung einer Übergangsregierung, deren Zweck es sein soll, Demokratie und Souveränität wiederherzustellen. Kritiker erkennen darin ein Paradox – oder eine bewusste Strategie zur Spaltung des Westens und zur Schwächung des ukrainischen Widerstandswillens.

    Eine echte Chance oder ein taktisches Manöver?

    Internationale Stimmen rufen dennoch zu einer differenzierten Bewertung auf. In diplomatischen Kreisen wird betont, dass jede noch so unerwartete Initiative die Möglichkeit eines politischen Gesprächs eröffnen könne – sofern die Bedingungen glaubwürdig und transparent seien. Ein möglicher Verhandlungspfad könnte darin bestehen, dass Russland sich zu einem schrittweisen Truppenabzug verpflichtet und im Gegenzug eine internationale Übergangsregierung mit klaren zeitlichen und funktionalen Grenzen akzeptiert wird. Doch die Erfahrung lehrt: Ohne gegenseitiges Vertrauen und Sicherheitsgarantien sind solche Modelle kaum realisierbar.

    Die Frage, ob Putin tatsächlich an einem stabilen Frieden interessiert ist oder lediglich versucht, durch diplomatische Nebelkerzen Zeit zu gewinnen und geopolitische Positionen zu sichern, bleibt offen. Das Misstrauen auf ukrainischer und westlicher Seite ist tief. Dennoch zeigt der Vorstoß, dass Moskau durchaus bemüht ist, das Narrativ vom kompromissbereiten Akteur zu pflegen – möglicherweise mit Blick auf eine neue geopolitische Konstellation nach den US-Wahlen.

    Ein entscheidender Punkt wird sein, ob China, die Türkei oder andere Länder außerhalb des Westens bereit wären, einen solchen Übergangsprozess mitzutragen. Nur ein breites internationales Mandat könnte verhindern, dass die Idee einer UN-Verwaltung zur Farce verkommt. Ebenso wird sich zeigen müssen, ob die Vereinten Nationen überhaupt die Kapazitäten und das politische Mandat aufbringen können, ein solch sensibles Projekt zwischen Kriegspartei und Opferstaat zu moderieren.

    Während Putin den Vorstoß als Geste der Offenheit verkauft, sieht Kiew darin einen Versuch, die Ukraine zu entmündigen. Wie sich dieser Balanceakt in den kommenden Wochen entwickelt, hängt entscheidend von den Reaktionen in Washington, Brüssel und Peking ab. Klar ist nur: Der Krieg in der Ukraine wird längst nicht nur mit Waffen geführt – sondern zunehmend auch mit diplomatischen Offensiven, deren Absichten schwer zu durchschauen sind.

    Von Andreas Brucker