Kategorie: Frankreich

  • Macrons Palästina-Geste: Symbolkraft ohne Substanz

    Macrons Palästina-Geste: Symbolkraft ohne Substanz

    Am 24. Juli 2025 kündigte der französische Präsident Emmanuel Macron an, Frankreich werde bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen im September den Staat Palästina offiziell anerkennen. Mit dieser Entscheidung reiht sich Paris in eine wachsende Zahl europäischer Staaten ein, die sich zu einem souveränen Palästinenserstaat bekennen. Doch was als diplomatischer Meilenstein verkauft wird, hat auf die Lage vor Ort bislang kaum Einfluss – und stößt in der palästinensischen Bevölkerung auf eine Mischung aus Skepsis, Resignation und vorsichtiger Hoffnung.

    Symbolpolitik in einem festgefahrenen Konflikt

    In der besetzten Westbank ist die Reaktion auf Macrons Ankündigung verhalten. Zu oft wurden große Worte in der internationalen Diplomatie nicht von konkreten Veränderungen begleitet. Die palästinensische Bevölkerung lebt weiterhin unter israelischer Besatzung, ist mit Reisebeschränkungen, Militärkontrollen und regelmäßigen Hausabrissen konfrontiert. Die Aussicht auf staatliche Anerkennung durch ein westliches Land mag im diplomatischen Diskurs Bedeutung haben – im Alltag der Betroffenen ändert sie zunächst nichts.

    Hinzu kommt ein tiefsitzendes Misstrauen gegenüber der Effektivität solcher Erklärungen. Die UNO hat in der Vergangenheit eine Vielzahl an Resolutionen verabschiedet, die die israelische Siedlungspolitik verurteilen oder ein Ende der Besatzung fordern. Auch haben zahlreiche Staaten – zuletzt Norwegen, Irland und Spanien – Palästina anerkannt. Dennoch bleibt die Zwei-Staaten-Lösung in weiter Ferne. Israel verfolgt unter Premierminister Netanjahu eine Politik der De-facto-Annexion, und die Gewaltspirale zwischen Armee, Siedlern und palästinensischen Gruppen nimmt zu.

    Frankreichs strategische Positionierung

    Frankreichs Schritt ist nicht nur Ausdruck moralischer Haltung, sondern auch ein außenpolitisches Signal. Macron sucht seit Jahren eine eigenständige Rolle Europas im Nahostkonflikt und will sich als Vermittler positionieren – in Abgrenzung zu den USA, die unter Präsident Trump eine deutlich Israel-freundlichere Linie verfolgen. Die Anerkennung Palästinas passt zudem in Macrons Bemühungen, gegenüber der arabischen Welt glaubwürdiger aufzutreten, etwa in der Mittelmeerpolitik oder bei sicherheitspolitischen Fragen in Nordafrika.

    Allerdings bleibt offen, ob Paris über das Symbol hinaus bereit ist, politischen Druck auf Israel auszuüben – etwa durch Handelsrestriktionen gegenüber Produkten aus Siedlungen oder durch die Unterstützung internationaler Ermittlungen zu Menschenrechtsverletzungen. Ohne solche Schritte droht die Anerkennung zu einer diplomatischen Geste ohne Nachhall zu verkommen.

    Erwartungen an die internationale Gemeinschaft

    In palästinensischen Kreisen wird dennoch gehofft, dass Frankreichs Entscheidung eine Sogwirkung entfalten könnte. Eine breite, koordiniert auftretende Koalition westlicher Staaten, die Palästina anerkennen und gleichzeitig Druck auf Israel ausüben, die Bombardierungen des Gazastreifens zu beenden, könnte Bewegung in den eingefrorenen Friedensprozess bringen. Gefordert sind nicht nur Appelle, sondern konkrete Maßnahmen: Die Einhaltung des Völkerrechts, das Einfrieren von Siedlungsbau, die Sicherstellung humanitärer Versorgung in Gaza und die Wiederaufnahme echter Verhandlungen.

    Zugleich ist klar, dass jede Lösung des Konflikts nur tragfähig sein kann, wenn sie sowohl die israelische Sicherheitslage berücksichtigt als auch den legitimen Anspruch der Palästinenser auf Selbstbestimmung anerkennt. Die internationale Gemeinschaft muss daher nicht nur auf Symbole setzen, sondern politische, wirtschaftliche und diplomatische Hebel einsetzen, um beide Seiten zur Kompromissbereitschaft zu bewegen.

    Macrons Initiative ist daher ein zweischneidiges Schwert: Sie birgt Potenzial für neue diplomatische Impulse, läuft jedoch Gefahr, ohne flankierende Maßnahmen zur bloßen Rhetorik zu verkommen. Die Palästinenser in der Westbank haben genug von leeren Versprechungen. Ihre Realität bleibt geprägt von Unsicherheit, Rechtlosigkeit und Stagnation – auch nach der Anerkennung durch Frankreich.

    Autor: P. Tiko

  • Georges Ibrahim Abdallah: Ein Gefangener der Geschichte

    Georges Ibrahim Abdallah: Ein Gefangener der Geschichte

    Nach über vier Jahrzehnten Haft ist Georges Ibrahim Abdallah, eine zentrale Figur der pro-palästinensischen Linksterrorismusbewegung der 1980er Jahre, am 25. Juli 2025 aus einem französischen Gefängnis entlassen und in den Libanon abgeschoben worden. Die Entscheidung markiert nicht nur das Ende einer der längsten Inhaftierungen Europas, sondern auch einen politisch aufgeladenen Moment, der tiefgreifende Fragen zu Recht, Diplomatie und Erinnerungskultur aufwirft.

    Vom Widerstandskämpfer zum Staatsfeind Abdallah wurde 1951 in Kobayat, Nordlibanon, geboren und schloss sich in jungen Jahren dem marxistisch geprägten Flügel der palästinensischen Befreiungsbewegung an. Er kämpfte zunächst für die PFLP (Volksfront zur Befreiung Palästinas), bevor er 1979 die Fractions armées révolutionnaires libanaises (FARL) mitbegründete – eine kleine, aber militante Gruppe, die sich durch Anschläge auf westliche Ziele in Europa einen Namen machte. In Frankreich wurde Abdallah 1984 festgenommen und 1987 weg…

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  • Frankreich erkennt Palästina an – Emmanuel Macrons außenpolitischer Kraftakt mit innenpolitischen Risiken

    Frankreich erkennt Palästina an – Emmanuel Macrons außenpolitischer Kraftakt mit innenpolitischen Risiken

    Mit der Ankündigung, Frankreich werde im September 2025 offiziell den Staat Palästina anerkennen, hat Emmanuel Macron nicht nur die diplomatische Welt überrascht, sondern auch innenpolitisch eine hitzige Debatte ausgelöst. Der Schritt stellt eine geopolitisch bedeutende Zäsur dar – Frankreich wäre das erste G7-Land, das diesen Weg geht. Doch was wie ein moralisches Signal erscheinen mag, ist zugleich ein außen- wie innenpolitisch riskantes Manöver.

    Ein symbolträchtiger Schritt inmitten eines eingefrorenen Konflikts Die Entscheidung, anlässlich der Generalversammlung der Vereinten Nationen im September den Staat Palästina anzuerkennen, fällt in eine Zeit, in der der Nahostkonflikt deutlich eskaliert ist. Seit dem Aufflammen der Kämpfe in Gaza, die bereits das Leben von über 50 Tausend palästinensischen Zivilisten gekostet haben, steht die Zwei-Staaten-Lösung zunehmend unter Druck. Indem Macron Palästina anerkennt, setzt er ein Signal gegen diese Erosion – und positioniert Frankreich al…

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  • Frankreich am Kipppunkt: Droht 2025 erstmals ein negativer Bevölkerungssaldo?

    Frankreich am Kipppunkt: Droht 2025 erstmals ein negativer Bevölkerungssaldo?

    Zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs könnte Frankreich im Jahr 2025 mehr Sterbefälle als Geburten verzeichnen. Die demografischen Daten deuten auf eine historische Wende hin, die nicht nur statistischen, sondern auch politischen und gesellschaftlichen Sprengstoff birgt. Der natürliche Bevölkerungssaldo, lange Zeit eine verlässliche Quelle für das Bevölkerungswachstum der Nation, steht vor der Negativwende – ein Ausdruck tiefgreifender struktureller Veränderungen.


    Ein langfristiger Abwärtstrend bei der Geburtenrate

    Die Zahl der Geburten in Frankreich sinkt seit Jahren kontinuierlich. Im Jahr 2024 wurden laut dem französischen Statistikamt Insee lediglich 663.000 Kinder geboren – ein Rückgang von 2,2 % gegenüber 2023. Noch alarmierender: Im Zeitraum von Januar bis Mai 2025 fiel die Zahl der Geburten gegenüber dem Vorjahreszeitraum um weitere 3,2 %. Die Entwicklung ist somit keine temporäre Schwankung, sondern ein struktureller Trend.

    Zentraler Indikator für diese Entwicklung ist das sogenannte „indicateur conjoncturel de fécondité“ (ICF) – die zusammengefasste Geburtenziffer. Sie lag 2024 bei nur noch 1,62 Kindern pro Frau – dem tiefsten Stand seit dem Ersten Weltkrieg. Damit bleibt Frankreich zwar im europäischen Vergleich im oberen Mittelfeld, aber weit unterhalb des zur Bestandserhaltung nötigen Wertes von 2,1.

    Die Gründe sind vielschichtig: wirtschaftliche Unsicherheiten, veränderte Rollenbilder und Lebensentwürfe, aber auch ein stetiger Trend zur späteren Elternschaft. Die durchschnittliche Erstgebärende ist heute über 30 Jahre alt. Laut Soziologen hat sich die Familienplanung bei vielen jüngeren Franzosen und Französinnen von einer Selbstverständlichkeit hin zu einer individuell abzuwägenden Option entwickelt.


    Alterung der Gesellschaft und steigende Mortalität

    Während die Geburtenrate sinkt, steigt zugleich die Zahl der Todesfälle – vor allem aufgrund der demografischen Alterung. Im Jahr 2024 verstarben in Frankreich rund 646.000 Menschen, 1,1 % mehr als im Jahr zuvor. Von Januar bis April 2025 lag die tägliche Sterberate im Durchschnitt sogar 4,3 % höher als im entsprechenden Zeitraum 2024.

    Diese Entwicklung ist insbesondere auf die Nachkriegsgeneration – die sogenannten Babyboomer – zurückzuführen. Die geburtenstarken Jahrgänge zwischen 1946 und 1974 erreichen nun ein Alter, in dem das Sterberisiko signifikant ansteigt. In den kommenden Jahren wird dieser Effekt noch stärker spürbar werden, was Experten als „Tsunami gris“ – die graue Welle – bezeichnen.

    Neben der demografischen Struktur spielen auch akute Faktoren eine Rolle: etwa schwere Grippewellen, Hitzesommer oder die Spätfolgen der Covid-19-Pandemie. Der Gesundheitsökonom Jean-Marie Robine weist zudem auf strukturelle Schwächen im französischen Gesundheitssystem hin, die sich angesichts der alternden Bevölkerung verschärfen könnten.


    Ein drohender Kipppunkt mit politischen Folgen

    2024 lag der natürliche Bevölkerungssaldo – also die Differenz zwischen Geburten und Todesfällen – nur noch bei +17.000 Personen. Zum Vergleich: In den frühen 2000er-Jahren betrug dieser Saldo teils über +200.000. Sollte sich der Trend aus dem bisherigen Jahresverlauf 2025 fortsetzen, ist erstmals ein negativer Wert zu erwarten – ein symbolträchtiger Wendepunkt.

    Die Auswirkungen wären weitreichend: Ein negativer natürlicher Saldo bedeutet eine beschleunigte Alterung der Gesellschaft. Schon jetzt liegt der Median des Bevölkerungsalters in Frankreich bei rund 42 Jahren – Tendenz steigend. Daraus ergeben sich wachsende Belastungen für Rentenversicherung, Gesundheitssystem und Pflegeinfrastruktur.

    Zugleich stellt sich die Frage, wie der Staat mit dieser Entwicklung umgeht. Eine mögliche Antwort wäre eine verstärkte Zuwanderungspolitik, um dem Arbeitskräftemangel zu begegnen. Doch Migration ist in Frankreich ein hochpolitisches Thema, das spätestens seit den Präsidentschaftswahlen 2022 stark polarisiert. Alternativ oder ergänzend könnten gezielte Maßnahmen zur Förderung der Familiengründung diskutiert werden – von steuerlichen Anreizen über subventionierte Kinderbetreuung bis hin zu einer umfassenden Reform des Elterngelds.


    Frankreichs demografische Zukunft steht auf dem Prüfstand

    Frankreichs bisheriger demografischer Vorteil – ein im europäischen Vergleich relativ hoher Anteil junger Menschen – scheint zu erodieren. Damit steht das Land an einem Wendepunkt, der nicht nur statistisch relevant ist, sondern auch wirtschaftliche und gesellschaftliche Implikationen mit sich bringt. Eine alternde Bevölkerung bedeutet weniger Erwerbstätige, geringeres Potenzialwachstum, höhere Sozialausgaben und veränderte politische Prioritäten.

    Ob und wie Frankreich gegensteuern kann, wird entscheidend davon abhängen, ob es gelingt, die tiefgreifenden Ursachen der sinkenden Geburtenrate anzugehen und zugleich einen gesellschaftlichen Konsens über die Rolle von Zuwanderung und Generationengerechtigkeit herzustellen. Die demografische Uhr tickt – leise, aber unerbittlich.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Krise im Kabinett: Wie Rachida Datis Angriff auf die Justiz die politische Balance in Frankreich erschüttert

    Krise im Kabinett: Wie Rachida Datis Angriff auf die Justiz die politische Balance in Frankreich erschüttert

    Mitten im Sommerloch flammt in Paris ein politischer Konflikt auf, der weit über ein persönliches Fehlverhalten hinausweist. Die Angriffe der französischen Kultusministerin Rachida Dati auf die Justiz haben eine institutionelle Debatte entfacht – und Premierminister François Bayrou zum Eingreifen gezwungen. Die Affäre offenbart nicht nur den prekären Umgang der politischen Elite mit rechtsstaatlichen Grundprinzipien, sondern gefährdet auch die fragile Kohärenz innerhalb der Regierung. Eine Ministerin vor Gericht Ausgangspunkt der Krise ist die Entscheidung der Justiz, Rachida Dati wegen Korruption und Einflussnahme vor Gericht zu stellen. Der Vorwurf: Zwischen 2010 und 2012 soll sie für Beratungsleistungen beim niederländischen Ableger von Renault-Nissan, RNBV, rund 900.000 Euro erhalten haben – ohne dass ein klarer Nachweis über den tatsächlichen Arbeitsumfang existiert. Pikant ist, dass Dati in dieser Zeit gleichzeitig als Europaabgeordnete und Anwältin tätig war. Der Verdacht eines …

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  • Frankreichs touristische Ambitionen: Mehr Qualität, mehr Einnahmen

    Frankreichs touristische Ambitionen: Mehr Qualität, mehr Einnahmen

    Mitten im Sommerloch hat Frankreichs Premierminister François Bayrou ein wirtschaftspolitisches Signal gesetzt: Beim interministeriellen Tourismusgipfel am 24. Juli 2025 in Angers verkündete er das Ziel, die internationalen Tourismuseinnahmen Frankreichs bis 2030 auf 100 Milliarden Euro zu steigern – ein ambitionierter Sprung gegenüber den 71 Milliarden Euro im Jahr 2024. Damit verfolgt die französische Regierung einen Strategiewechsel: weg von der reinen Besucherzahl, hin zu einem tourismuspolitischen Fokus auf Wertschöpfung und Qualität. Frankreich bleibt mit rund 100 Millionen ausländischen Besuchern im Jahr 2024 zwar weltweit führend, was die Ankünfte betrifft. Doch bei den Einnahmen rangiert das Land nur auf Platz vier – hinter den USA, Spanien und dem Vereinigten Königreich. Dieses Missverhältnis hat strukturelle Ursachen: Im Schnitt bleiben die Touristinnen und Touristen in Frankreich kürzer und geben weniger aus als in den genannten Ländern. Eine neue Tourismusdoktrin Der von B…

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  • Zwischen Kritik und Kalkül: Bruno Retailleaus riskante Gratwanderung im Vorfeld der Präsidentschaftswahl 2027

    Zwischen Kritik und Kalkül: Bruno Retailleaus riskante Gratwanderung im Vorfeld der Präsidentschaftswahl 2027

    Bruno Retailleau, Innenminister und neuer Vorsitzender der konservativen Partei Les Républicains (LR), stellt sich demonstrativ quer zur politischen Linie von Emmanuel Macron – und bleibt dennoch Teil dessen Regierung. Diese ambivalente Haltung ist mehr als eine persönliche Marotte: Sie ist Teil einer politischen Strategie, die auf das höchste Amt im Staat zielt. Mit scharfen Worten hat Retailleau in einem Interview mit dem konservativen Magazin Valeurs Actuelles den „Macronismus“ für gescheitert erklärt. Dieser sei „kein Programm, keine Ideologie, sondern ein Projekt, das sich ausschließlich um die Person Emmanuel Macron dreht“. Das „en même temps“, die politische Kunst der Gleichzeitigkeit und des Sowohl-als-auch, mache den Staat handlungsunfähig. Es ist eine fundamentale Kritik, die nicht nur Macron selbst, sondern auch die Grundlogik seines Präsidialstils infrage stellt. Besonders bemerkenswert: Retailleau formuliert diese Kritik nicht als Oppositionsführer, sondern als amtierender…

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  • Extremwetter – eine Stunde, eine Monatsmenge Regen, ein Desaster

    Extremwetter – eine Stunde, eine Monatsmenge Regen, ein Desaster

    Die Uhr zeigte kurz nach 20 Uhr am 23. Juli 2025, als der Himmel über Bohain-en-Vermandois seine Schleusen öffnete – nicht zaghaft, nicht zögerlich, sondern mit voller Wucht. Innerhalb von nur 60 Minuten prasselten zwischen 70 und 80 Liter Regen / m2 auf die kleine nordfranzösische Gemeinde nieder – ein ganzer Monat Regen, komprimiert in eine Stunde.

    Das Ergebnis: Straßen wurden zu Flüssen, Autos zu hilflosen Inseln aus Blech, Häuser zu Wasserfallen.

    Ein Hochwasser wie aus dem Nichts

    Wer an diesem Abend in Bohain-en-Vermandois unterwegs war, hatte keine Chance. Die Wassermassen stiegen mit erschreckender Geschwindigkeit. Innerhalb weniger Minuten erreichte das Wasser in einigen Straßenzügen einen Meter Höhe. Ein Tempo, das keine Zeit ließ für Vorkehrungen oder Flucht.

    In Videos, die noch in derselben Nacht durchs Netz zirkulierten, sieht man Autos, deren Dächer gerade noch herausragen. Menschen stehen fassungslos vor ihren überfluteten Häusern, einige barfuß, andere mit Einkaufstüten in der Hand – gefangen in einem Albtraum, den so niemand niemand jemals erleben wollte.

    Feuerwehr im Dauereinsatz

    Die Reaktion kam schnell: 36 Feuerwehrleute und elf Fahrzeuge wurden mobilisiert, um den schlimmsten Schaden abzuwenden. Ein Mensch musste aus seinem Zuhause evakuiert werden, zehn weitere fanden für die Nacht Unterschlupf in einem örtlichen Gymnasium. Zwei Geschäfte meldeten erhebliche Schäden.

    Und es bleibt das Gefühl, dass gegen diese Naturgewalt kein Einsatz groß genug sein kann. Was nützt ein Sandsack gegen ein Unwetter, das nicht mehr mit gewohnten Maßstäben messbar ist?

    Frankreich unter Wasser – und unter Alarm

    Bohain ist kein Einzelfall. Vierzehn Départements – darunter auch die Aisne – stehen derzeit unter „Vigilance orange“, einer Warnstufe für sehr starke Regenfälle und hohe Überschwemmungsgefahr. Météo-France, der französische Wetterdienst, erhält die Alarmstufe vorerst bis zum Freitag aufrecht. Zu unbeständig die Wetterlage, zu nass der Boden.

    Ein einzelnes Tiefdruckgebiet hat gereicht, um die Region auf Trab zu halten. Doch dieses Tiefdruckgebiet war kein klassisches Tief. Es war ein sogenanntes stationäres Gewitter – ein Ungetüm, das sich keinen Zentimeter bewegte, sondern stundenlang an Ort und Stelle tobte.

    Immer wieder fragen sich die Menschen: War das ein einmaliger Ausrutscher der Natur – oder ein neues Normal?

    Die Meteorologen sind sich einig: Solche Extremereignisse nehmen zu. Und das nicht irgendwann, nicht irgendwo, sondern hier und jetzt – direkt vor unserer Haustür. Die Ursachen? Eine Mischung aus globaler Erwärmung, veränderten Windstrukturen und einem zunehmend überforderten Boden, der die Wassermassen nicht mehr aufnehmen kann.

    Besonders betroffen sind kleinere Städte wie Bohain, deren Infrastruktur auf solch extreme Belastungen schlicht nicht ausgelegt ist.

    Wenn die Straßen zur Falle werden

    Viele französische Städte stammen noch aus Zeiten, in denen Starkregen ein seltenes Phänomen war. Entwässerungssysteme, die damals ausreichten, kapitulieren heute. Regenwasserkanäle laufen über, Gullys verschließen sich durch Schlick und Müll, Rückhaltebecken laufen über – wenn sie denn überhaupt eingerichtet wurden.

    Die Folge: Jede Pfütze wird zum Risiko, jeder Bordstein zur Stolperfalle.

    Solidarität als Rettungsanker

    Inmitten der Verwüstung zeigt sich auch die andere Seite der Medaille: Menschen helfen einander, reichen sich Gummistiefel, Eimer, Taschenlampen. Der Bürgermeister spricht von einer „beeindruckenden Solidarität“, die trotz des Schocks sichtbar wurde.

    Eine Bäckerei in der Rue Pasteur öffnete am nächsten Morgen früher – nicht um Croissants zu verkaufen, sondern um warmen Kaffee an Helfer zu verteilen.

    Ein Aufruf zum Umdenken

    Die Flut von Bohain-en-Vermandois ist mehr als ein Unwetter. Sie ist ein Warnsignal.

    Kommunen müssen ihre Bebauungspläne überprüfen. Es braucht wasserdurchlässige Böden statt Asphalt. Und die Bevölkerung – so bitter das klingt – muss lernen, mit solchen Szenarien zu rechnen. Denn sie werden nicht seltener. Sie werden intensiver.

    Der Morgen danach

    Jetzt, am Tag danach, stehen überall Männer mit Schaufeln. Feuerwehrleute pumpen Keller leer, Anwohner tragen durchnässtes Mobiliar nach draußen. Die Sonne scheint wieder – als wäre nichts gewesen.

    Aber die Stille ist trügerisch. Denn was bleibt, ist das Wissen: Das nächste Mal kann schneller kommen, als man denkt.

    Und dann?

    Autor: C.H.

  • Wenn Schutz versagt: Der tragische Tod eines Säuglings in Sarrebourg

    Wenn Schutz versagt: Der tragische Tod eines Säuglings in Sarrebourg

    Vier Monate alt war das Kind, dessen kurzes Leben am 21. Juli 2025 in einem Krankenhaus in Nancy endete. Es starb mit einem Hämatom an der Schläfe, ein Zeichen äußerer Gewalt, die das Baby nicht überlebte. Die Eltern – 25 und 29 Jahre alt – wurden verhaftet und wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft genommen. Was bleibt, ist Entsetzen. Und die bohrende Frage: Wie konnte das passieren? Die Details, die nach und nach ans Licht kommen, werfen ein grelles Schlaglicht auf die Brüche im System des Kinderschutzes. Schon im April war das Kind wegen eines Knochenbruchs in ärztlicher Behandlung – die Eltern sprachen von einem Unfall zu Hause. Die Justiz ergriff Maßnahmen: Vom 7. April bis zum 11. Juli stand das Kind unter richterlicher Obhut. Doch dann – kaum zurück bei seiner Mutter – kam es zu dem tödlichen Vorfall. Die Autopsie bestätigt: Der Tod war kein Unglück. Es war ein Verbrechen. Der Körper des Kindes spricht eine klare Sprache. Eine Sprache, die uns alle betrifft. Die Eltern sehen s…

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  • „Wir auch, wir haben Casserolen!“ – Rachida Dati trifft beim Festival von Avignon auf lauten Kulturprotest

    „Wir auch, wir haben Casserolen!“ – Rachida Dati trifft beim Festival von Avignon auf lauten Kulturprotest

    Am Donnerstag, den 24. Juli 2025, wurde der Besuch der französischen Kulturministerin Rachida Dati beim renommierten Festival d’Avignon von einer lautstarken Protestaktion begleitet. Vor der Stadtverwaltung versammelten sich am Morgen rund fünfzig Mitglieder und Unterstützer der Gewerkschaft CGT-Spe…

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