Kategorie: Korsika

  • Wenn der Süden untergeht – Alarmzustand zwischen Aude, Mittelmeer und Bergen

    Wenn der Süden untergeht – Alarmzustand zwischen Aude, Mittelmeer und Bergen

    Der Süden Frankreichs steht unter Wasser. Kein metaphorischer Regen, keine journalistische Übertreibung, sondern bittere Realität. Straßen verschwinden, Felder werden zu Seen, Schulen schließen ihre Tore, während das Wasser weiter steigt. Besonders hart getroffen ist das Département Aude, wo die Natur mit einer Wucht zurückkehrt, die selbst erfahrene Kommunalpolitiker ratlos macht. Auch die Pyrénées-Orientales und Corse stehen unter erhöhter Alarmstufe. Ein Winter, der nicht nur nass, sondern gnadenlos wirkt. In der Region um Narbonne zeigt sich das Ausmaß der Lage besonders drastisch. Schulen bleiben geschlossen, weil niemand garantieren kann, dass Kinder den Schulweg sicher bewältigen. Häuser werden evakuiert, Straßen gesperrt, ganze Viertel sind nur noch per Boot oder Traktor erreichbar. Am Montagabend steigt das Wasser weiter. Still, unaufhaltsam, fast gleichgültig gegenüber menschlicher Planung. Ein Autofahrer wird überrascht, sein Wagen bleibt im Wasser stecken. Ein Traktor zieht…

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  • Bastia – wo Korsika Herz zeigt und die Zeit kurz innehält

    Bastia – wo Korsika Herz zeigt und die Zeit kurz innehält

    Wer am frühen Vormittag am alten Hafen von Bastia steht, merkt ziemlich schnell: Diese Stadt macht ihr eigenes Ding. Kein aufgesetztes Lächeln, kein lautes Werben um Aufmerksamkeit. Bastia schaut dich an, hebt kurz die Augenbraue und sagt sinngemäß: Wenn du bleiben willst, bleib. Wenn nicht, auch gut. Genau das fühlt sich so verdammt ehrlich an.

    Das Licht liegt weich auf dem Wasser, fast cremig. Möwen kreischen, als hätten sie etwas Wichtiges mitzuteilen. In einem Café klirrt Porzellan, ein Kellner ruft eine Bestellung quer über die Terrasse. Leben eben. Und zwar nicht für die Kamera, sondern für den Moment.

    Warum zieht Bastia Menschen so in seinen Bann?

    Vielleicht, weil hier niemand versucht, jemand anderes zu sein.


    Ein Hafen, der mehr ist als Postkartenmotiv

    Der Vieux Port wirkt wie ein großes Wohnzimmer unter freiem Himmel. Fischer reparieren ihre Netze mit der Ruhe von Menschen, die wissen, dass morgen wieder ein Tag kommt. Ein paar Rentner sitzen auf der Kaimauer, Beine baumelnd, Gespräche irgendwo zwischen Wetter, Politik und dem letzten großen Fang.

    Dazwischen Touristen, die stehen bleiben, schauen, lächeln – und automatisch leiser werden. Bastia zwingt niemanden zur Entschleunigung, sie lebt sie einfach vor. Und man macht mit, ohne groß darüber nachzudenken.

    Die Häuser rund um den Hafen tragen Farben, die man nicht mischt, sondern erlebt: ausgewaschenes Ocker, staubiges Rosa, ein Gelb, das schon viel Sonne gesehen hat. Manche Fassaden bröckeln ein wenig. Absicht? Nein. Charakter? Absolut.


    Verlaufen als Lebenskunst

    Ein paar Schritte weg vom Wasser, und Bastia verändert sein Gesicht. Die Gassen werden schmaler, die Stimmen hallen zwischen den Mauern. Hier riecht es nach frisch gewaschener Wäsche, dort nach Kaffee, irgendwo nach warmem Stein.

    Man läuft, bleibt stehen, läuft weiter. Kein Stadtplan nötig. Verlaufen gehört hier zum Programm. Und genau dabei passiert das Beste: Man entdeckt kleine Läden ohne Schaufenster-Show, Werkstätten, in denen jemand wortlos nickt, wenn man neugierig reinschaut. Kein Verkaufsgespräch, kein Druck.

    Ein älterer Mann sitzt auf einem Plastikstuhl vor seiner Tür. „Buonghjornu“, sagt er. Mehr braucht es nicht.

    Wann hat dich zuletzt eine Stadt so beiläufig begrüßt?


    Die Zitadelle – Bastias stilles Gedächtnis

    Hoch über der Stadt wacht die Zitadelle. Kein prahlerisches Monument, eher eine ruhige Konstante. Dicke Mauern, enge Wege, Innenhöfe, in denen selbst die Schritte gedämpft klingen.

    Im Herzen dieses Viertels steht die Cathédrale Sainte-Marie. Ein Bauwerk, das nicht schreit, sondern erzählt. Innen kühl, würdevoll, fast andächtig leer. Und dann dieser Schatz: die berühmte silberne Madonna.

    Sie wiegt rund 600 Kilo und wird jedes Jahr am 15. August durch die Straßen getragen. Sechzehn bis achtzehn Männer stemmen sie gemeinsam – nicht aus Show, sondern aus Überzeugung. Viele von ihnen tragen diese Tradition seit ihrer Jugend. Eine Tradition, die man nicht erklärt, sondern lebt.

    Glaube, Gemeinschaft, Stolz. Hier hängt das alles zusammen, ohne große Worte.


    Hinterland – dort, wo Bastia durchatmet

    Bastia endet nicht an der letzten Häuserzeile. Kaum verlässt man die Stadt, beginnt ein anderes Kapitel. Berge rücken näher, Wege schlängeln sich durch Macchia, Schiefer knirscht unter den Schuhen.

    Einheimische Guides führen über Pfade, die seit Jahrhunderten existieren. Steine, die früher Dächer deckten, liegen heute noch am Wegesrand. Schiefer – flach, grau, ehrlich. Material und Metapher zugleich.

    Nach einer Stunde Anstieg öffnet sich der Blick. Die Stadt liegt unten wie ein Mosaik, das Meer glitzert, die Küste zieht sich elegant dahin. Korsika zeigt hier, warum sie von den Griechen einst Kalliste genannt wurde – die Schönste.

    Wer oben steht, sagt erstmal nichts.

    Warum auch?


    Eis aus dem Berg – eine Geschichte, die überrascht

    Auf etwa 600 Metern Höhe stößt man auf ein fast vergessenes Bauwerk: eine alte Glacière aus dem 16. Jahrhundert. Früher fiel hier im Winter Schnee. Die Menschen sammelten Eis, lagerten es in tiefen Schächten und transportierten es später auf Maultieren hinunter in die Stadt.

    Kühlung ohne Strom. Logistik ohne Motoren. Bastia denkt seit jeher pragmatisch – und ein bisschen genial. Diese Orte erinnern daran, wie eng Stadt und Natur miteinander verbunden waren. Und irgendwie noch sind.


    Canistrelli – mehr als nur ein Keks

    Nach so viel Bewegung meldet sich der Appetit. Bastia antwortet darauf zuverlässig. Ein Name fällt sofort: Canistrelli. Diese kleinen, knusprigen Kekse gehören hier einfach dazu wie das Meer.

    In einer Werkstatt nahe der Stadt arbeitet Émilie Dupouey Potentini. Ursprünglich aus Lothringen, hat sie auf Korsika nicht nur ihre Liebe, sondern auch ihre Berufung gefunden. Ihre Canistrelli folgen einem einfachen Prinzip: gute Zutaten, Zeit, Gefühl.

    Butter, Zucker, Mehl, Eier, Vanille. Mehr braucht es nicht. Der Trick liegt im Teig – außen kross, innen fast zart. Manche Sorten kommen mit Honig, andere mit Zitrone oder korsischer Clementine. Ein Bissen, und man versteht, warum diese Kekse mehr sind als Mitbringsel.

    Sie schmecken nach Zuhause. Auch wenn man nur zu Besuch ist.


    Bastierinnen und Bastier – stolz, aber nicht laut

    Was Bastia wirklich prägt, sind die Menschen. Stolz auf ihre Wurzeln, ja. Aber ohne dieses demonstrative Schulterklopfen. Man lebt seine Traditionen im Alltag. Prozessionen, Feste, gemeinsames Essen, gemeinsames Diskutieren.

    Hier streitet man leidenschaftlich – und versöhnt sich beim nächsten Kaffee. Politik, Familie, Fußball. Alles wichtig, alles emotional. Und immer mit dieser tiefen Verbundenheit zur Insel.

    Ein Händler sagt lachend: „Wir sind nicht kompliziert – wir sind nur Korsen.“ Punkt.


    Eine Stadt, die in Erinnerung bleibt

    Bastia drängt sich nicht auf. Sie wartet. Und genau deshalb bleibt sie im Kopf. Nicht als lautes Highlight, sondern als Gefühl. Als Erinnerung an Abende am Hafen, an Gespräche, die man gar nicht führen wollte und dann doch genossen hat. An Wege, die man ohne Ziel gegangen ist.

    Vielleicht liegt darin ihre größte Stärke.

    Bastia zeigt, dass Tradition nichts Verstaubtes ist. Sondern etwas Lebendiges. Etwas, das man teilt, ohne es zu erklären. Und wenn man geht, nimmt man ein kleines Stück davon mit – ganz automatisch.

    Oder man kommt wieder.

    Wer weiß?

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Ein Schuss im Schatten der Macchia – Der gewaltsame Tod von Alain Orsoni erschüttert Korsika

    Ein Schuss im Schatten der Macchia – Der gewaltsame Tod von Alain Orsoni erschüttert Korsika

    Der Mord an Alain Orsoni, einer der schillerndsten und umstrittensten Figuren des korsischen Nationalismus, hat Frankreich aufgerüttelt. Der ehemalige Separatistenführer wurde am 12. Januar 2026 auf dem Friedhof von Vero, einem kleinen Ort in der Nähe von Ajaccio, während der Beerdigung seiner Mutter von einem Scharfschützen erschossen. Die Tat ist nicht nur eine menschliche Tragödie, sondern wirft erneut ein grelles Licht auf die unbewältigte Geschichte politischer Gewalt auf der französischen Mittelmeerinsel – und auf die fragilen Grenzverläufe zwischen Idealismus, Loyalität und organisierter Kriminalität.

    Ein Präzisionsschuss im Moment der Trauer Die Szene gleicht einem düsteren Drehbuch: Dutzende Trauergäste versammeln sich auf dem Friedhof von Vero, als plötzlich ein einzelner Schuss durch die Stille des Nachmittags bricht. Alain Orsoni, 71, wird tödlich getroffen – nach ersten Erkenntnissen von einem Scharfschützen, der sich in den umliegenden Höhenlagen des Macchia-Gebüschs pos…

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  • Wenn Brücken nachgeben – Südfrankreich unter Wasser

    Wenn Brücken nachgeben – Südfrankreich unter Wasser

    Es beginnt oft harmlos. Regen, der gegen die Scheiben trommelt, dunkle Wolken über dem Mittelmeer, ein dumpfes Grollen in der Ferne. Doch was sich seit Donnerstag über Teilen Südfrankreichs entlädt, trägt längst andere Züge. In der Nacht auf Freitag ist in Saint-Florent, einer kleinen korsischen Hafenstadt westlich von Bastia, ein Straßenbauwerk teilweise eingestürzt. Eine Brücke, die den Ortskern mit Oletta verbindet, hat dem Druck der Wassermassen nicht standgehalten. Verletzt wurde niemand.

    Die Brücke über die Départementstraße RD81 wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Kein monumentales Bauwerk, kein touristisches Postkartenmotiv. Und doch ist sie eine Lebensader. Pendler, Lieferverkehr, Schulbusse – sie alle nutzen diesen Übergang. Seit Donnerstag steht der gesamte Bezirk Haute-Corse unter Wetterwarnstufe Orange wegen Starkregen und Hochwasser. Regen, der nicht fällt, sondern stürzt. Regen, der Böden sättigt, Flüsse anschwellen lässt und selbst robuste Infrastruktur mürbe macht.

    Die Einsatzkräfte arbeiten im Akkord. Rund fünfzig Einsätze verzeichnet der Straßendienst, fast vierzig die Feuerwehr. Erdrutsche, überschwemmte Fahrbahnen, blockierte Zufahrten. Die Niederschlagsmengen sprengen statistische Gewohnheiten: Zwischen eineinhalb- und viermal so viel Regen wie im Dezember des Vorjahres ist gefallen. Zahlen, die trocken klingen, in der Realität aber nach Schlamm riechen und nach Öl aus Heizungen, das sich auf überschwemmten Straßen ausbreitet.

    Während Korsika versucht, den Schaden zu begrenzen, spielt sich auf dem Festland ein ähnliches Szenario ab. In den Pyrénées-Orientales, ebenfalls unter Warnstufe Orange, sind binnen weniger Stunden mehr als einhundert Liter Regen niedergegangen. Ein ganzer Monat, zusammengedrängt in einen einzigen Tag. Die Flüsse Agly und Réart führen Hochwasser, die Pegel steigen schneller, als mancher Anwohner reagieren kann. Die Prognosen für die kommenden 24 Stunden lesen sich wie ein Déjà-vu: weitere fünfzig bis achtzig Liter in den Binnenlagen.

    Man spürt in diesen Regionen eine Mischung aus Routine und Erschöpfung. Die Feuerwehr zählt bislang 53 Einsätze. Keller laufen voll, Straßen verwandeln sich in Bäche, Kliniken sichern ihre Technik. In Théza stehen die Untergeschosse einer Klinik unter Wasser, die Lage sei stabil, wie es in der nüchternen Sprache der Behörden heißt. Zwei Menschen werden aus einem Campingplatz nahe Saint-Nazaire evakuiert, vorsorglich, bevor aus Risiko Gewissheit wird. Mehrere Départementstraßen sind gesperrt. Namen und Nummern, die für Außenstehende abstrakt bleiben, für die Bewohner jedoch den Unterschied zwischen Umweg und Isolation bedeuten.

    Und dann ist da noch der Faktor Mensch. In Pollestres, einer Gemeinde südlich von Perpignan, verliert der Bürgermeister die Geduld. Mehrfach müssen er und seine Gemeinderäte Autofahrer stoppen, die trotz Absperrungen versuchen, über geflutete Furten zu fahren. „Es kann hier schreckliche Tragödien geben“, sagt er. Ein Satz, der hängen bleibt. Weil er an eine unbequeme Wahrheit erinnert: Naturkatastrophen töten selten allein. Es sind oft Leichtsinn, Gewohnheit oder der Gedanke „Das schaffe ich schon“, die aus Gefahr Drama machen. Klartext aus dem Rathaus, ein emotionaler Ausbruch – absolut nachvollziehbar.

    Solche Wetterlagen treffen Frankreich nicht unvorbereitet. Warnsysteme funktionieren, Einsatzkräfte sind erfahren, die Kommunikation läuft. Und doch zeigt jeder Starkregen aufs Neue, wie fragil selbst gut organisierte Strukturen sein können. Eine Brücke, jahrzehntelang selbstverständlich, wird plötzlich zum Symbol. Für Verschleiß. Für veränderte klimatische Bedingungen. Für die Frage, wie belastbar unsere Infrastruktur wirklich ist.

    Man hört in Gesprächen vor Ort Sätze wie: „So etwas gab es früher nicht.“ Vielleicht stimmt das. Vielleicht täuscht auch die Erinnerung. Sicher ist nur: Die Häufung extremer Wetterereignisse verändert Wahrnehmung und Alltag. Gemeinden müssen schneller reagieren, Bürger aufmerksamer sein. Geduld wird zur Sicherheitsmaßnahme.

    Bis zum Freitagmittag meldeten die Behörden keine Opfer und keine größeren Sachschäden. Eine Momentaufnahme. Die kommenden Stunden bleiben kritisch. Regen kennt keine Bürozeiten, Hochwasser keine Feiertage. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass Warnungen ernst genommen werden und dass die nächste Brücke hält.

    Und vielleicht auch die leise Erkenntnis, dass Vorsicht keine Übertreibung ist. Sondern schlicht gesunder Menschenverstand.

    Autor: Daniel Ivers

  • Ein tödlicher Abend in Ajaccio – wie ein Messerangreifer das Zentrum der korsischen Hauptstadt in Atem hielt

    Ein tödlicher Abend in Ajaccio – wie ein Messerangreifer das Zentrum der korsischen Hauptstadt in Atem hielt

    Wer an einem milden Dezemberabend durch das Zentrum von Ajaccio schlendert, hört normalerweise das Klirren der Gläser aus den Bars, das Murmeln der Passanten, das sanfte Rollen der Wellen am nahen Hafen. Doch an jenem Samstag, dem 20. Dezember, kippte die Stimmung in wenigen Minuten – und verwandelte die belebte Innenstadt in einen Schauplatz, der viele Zeugen noch lange beschäftigen wird. Ein junger Mann, 26 Jahre alt, senegalesischer Staatsbürger mit Studentenvisum, rennt durch die Straßen. In der Hand: ein Messer, dessen Klinge in den Handyvideos der Umstehenden aufblitzt. Was mit einer kleinen Auseinandersetzung in einem Barraum begonnen haben soll, steigerte sich plötzlich zu einer gefährlichen Jagd, die nur hundert Meter weiter tödlich endete. Die Polizei trifft schnell ein. Drei Beamte verfolgen den Mann, rufen ihm zu, er solle stehen bleiben, die Waffe fallen lassen. Doch er läuft weiter, wie getrieben, und die Kommandos verhallen zwischen den Fassaden der Altstadt. Der Einsatz…

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  • Korsika sagt Nein – Wie eine Insel den Mut findet, sich selbst im Spiegel zu betrachten

    Korsika sagt Nein – Wie eine Insel den Mut findet, sich selbst im Spiegel zu betrachten

    Der Wind über den Hügeln von Cargèse riecht nach Salz – und Nachdenklichkeit. Zwischen den weißen Grabsteinen liegt ein Ort, der längst zum Symbol geworden ist – das Grab von Massimu Susini. Sein Name hallt über die Insel wie ein Echo, das nicht mehr verklingen will. 2019 wurde der junge Korsen erschossen – mitten am Tag, vor seiner Paillotte. Zwei Kugeln, zwei Sekunden – und ein Schuss, der eine Bewegung in Gang setzte, die heute, sechs Jahre später, durch ganz Korsika zieht.

    An diesem Samstag, dem 15. November 2025, versammeln sich in Ajaccio und Bastia wieder Menschen auf den Straßen. Transparente, Stimmen, Tränen. „Maffia nò, a vita iè!“ – Nein zur Mafia, ja zum Leben. Es klingt fast wie ein Gebet, eine Beschwörung, ein Stück Selbstachtung. Zum ersten Mal seit Langem spricht die Insel laut aus, was sie so lange verschwiegen hat.


    Schatten über einer schönen Insel

    „La Corse est un théâtre d’ombres“ – Korsika ist ein Schattentheater. Der Satz fällt leise, fast wie ein Geständnis. Jean-Toussaint Plasenzotti, der Onkel des ermordeten Massimu, steht am Grab seines Neffen, die Hände tief in den Taschen, und schaut aufs Meer. „Sie haben geglaubt, sie könnten das Problem mit zwei Kugeln lösen. Aber sie haben nicht verstanden, dass sie damit etwas in Bewegung setzen.“

    Der Schmerz ist persönlich, doch der Kampf längst politisch. Aus der Trauer um Massimu entstand ein Kollektiv, das seinen Namen trägt. Kein Verein aus Aktivisten, sondern eine Bewegung aus Bürgern, die sagen: Genug.

    Plasenzotti sagt: „Das sind keine Fremden, die uns bedrohen. Das sind unsere eigenen Leute. Unsere Nachbarn. Unsere Cousins. Unsere alten Schulfreunde.“
    Ein bitterer Gedanke, der trifft. Denn auf Korsika verschmilzt der Alltag mit den Schatten – Geschäfte, Bauunternehmen, Immobilien. Wo das Geld fließt, wächst die Angst. Und Schweigen wird zur Währung.


    Der Preis des Schweigens

    Léo Battesti, einst im FLNC, heute Sprecher des Kollektivs Maffia nò, a vita iè, beschreibt die Lage mit klaren Worten: „Der Drogenhandel ist nur die Spitze. Das eigentliche Geschäft läuft über Bauprojekte, Reedereien, Transportfirmen. Da wird gewaschen, verschoben, gedealt – aber elegant, im Anzug.“

    Er erzählt von verbrannten Booten in Saint-Florent – vier Stück allein in diesem Jahr. Zufälle? Wohl kaum. „Wer sich weigert mitzumachen, zahlt. Entweder mit Geld oder mit Angst.“

    Die Mafia auf Korsika hat längst kein Gesicht mehr wie aus alten Filmen. Sie trägt Anzug, spricht Französisch und benutzt das Smartphone wie ein Politiker. Sie verleiht, sie kauft, sie droht – mit einem Lächeln.
    Und die Opfer? Meist sind es kleine Unternehmer, Bürgermeister, Menschen mit Rückgrat. Wie David Brugioni, ehemaliger Bürgermeister von Centuri, der sich erinnert: „Ein Immobilienmakler bot mir 5.000 Euro an. Einfach so, für mich. Als ich fragte warum, sagte er: ‘Du brauchst doch Geld für die Uni deiner Kinder.’“

    Er lacht bitter. „Das war keine Freundlichkeit. Das war eine Einladung, Teil des Spiels zu werden.“


    Die Insel im Würgegriff

    „Stellen Sie sich vor“, sagt Battesti, „Sie sind Bürgermeister an der Küste. Ein Grundstücksentscheid, und der Preis steigt um das Zweihundertfache. Der Druck ist unvorstellbar.“
    Wer da „nein“ sagt, bekommt Besuch – oder es brennt ein Feuer.

    „Die Mafia ist wie ein Krake“, meint Plasenzotti. „Ihre Arme sind überall – in den Häfen, in den Rathäusern, in den Cafés.“ Und doch – es gibt Risse im System. Die Menschen haben begonnen, über das Unsagbare zu reden.

    In Ajaccio sieht man neuerdings Sticker an Laternenmasten: « Maffia nò, a vita iè ». Kein großer Akt, aber ein Zeichen. Und Zeichen sind gefährlich, wenn sie anfangen, sich zu vermehren.


    Zwischen Mut und Angst

    Warum jetzt? Warum erst jetzt? Vielleicht, weil zu viele Morde geschehen sind. Vielleicht, weil die Jungen keine Lust mehr auf das Schweigen der Alten haben. Oder weil sich die Insel, die immer stolz auf ihre Unabhängigkeit war, endlich eingestehen muss, dass die Freiheit Korsikas nicht nur gegen Paris, sondern auch gegen die eigenen Dämonen verteidigt werden muss.

    Ein Lehrer in Bastia sagt: „Meine Schüler schreiben heute Texte über Mut. Vor zehn Jahren hätten sie das nie getan.“
    Korsika, diese raue, schöne Insel, ringt mit sich selbst – und mit einer Frage, die größer ist als sie: Wie heilt man eine Gesellschaft, die sich selbst fürchtet?


    Die Justiz zieht nach

    Die französische Justiz hat erkannt, dass der Kampf gegen die korsische Mafia kein gewöhnlicher Fall ist. Seit 2025 gibt es auf der Insel einen eigenen regionalen Antikriminalitäts-Pool – einzigartig in Frankreich.
    Jean-Philippe Navarre, der Staatsanwalt von Bastia, beschreibt seine Mission so: „Wir wollen nicht mehr warten, bis ein Mord passiert. Wir wollen vorher verstehen, wo die Fäden laufen.“

    Er spricht von Kartographien der Macht, von Netzwerken, die man sichtbar machen will. „Wir greifen den zweiten und dritten Kreis an – die Komplizen, die stillen Mitwisser, die Geschäftspartner. Ohne sie existiert keine Mafia.“

    In seinem Büro hängt ein Foto von einem Graffiti: „Navarre, la valise ou le cercueil“ – der Koffer oder der Sarg. Er sagt, das erinnere ihn jeden Morgen daran, warum er nicht aufgeben darf.


    Das Aufwachen der Gesellschaft

    Die Bewegung wächst. Schulen, Gewerkschaften, Künstler, sogar Priester beteiligen sich an Diskussionen, Lesungen, Mahnwachen. In Cargèse wurde kürzlich ein Wandbild enthüllt – es zeigt Massimu Susini mit weit geöffneten Augen, als würde er sagen: „Ich sehe euch.“

    Viele junge Korsen sagen, sie hätten genug von der „Kultur des Cousinats“. Ein Student in Corte bringt es auf den Punkt: „Ehre ist nicht, zu schweigen. Ehre ist, zu reden.“
    Vielleicht ist das der wahre Wendepunkt – wenn Schweigen keine Tugend mehr ist.


    Korsika zwischen Zorn und Hoffnung

    Natürlich, das alles geht nicht von heute auf morgen. Noch immer fürchten sich viele, den Mund aufzumachen. Noch immer laufen Ermittlungen ins Leere. Noch immer herrscht Angst. Aber – und das ist neu – es gibt Widerstand.

    Ein alter Mann in Ajaccio fasst es bei der Demo so zusammen: „Früher hatte ich Angst, jetzt hab ich Enkel. Und die sollen frei leben.“

    Was, wenn genau das der Anfang einer neuen korsischen Identität ist? Einer, die Stolz nicht mehr mit Schweigen verwechselt, sondern mit Verantwortung?
    Korsika kämpft, ja – aber vielleicht zum ersten Mal in seiner Geschichte gegen den richtigen Feind: sich selbst.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Wiedergeburt im Schatten der Berge: Wie ein korsisches Dorf seine Schule zurückerobert

    Wiedergeburt im Schatten der Berge: Wie ein korsisches Dorf seine Schule zurückerobert

    Ein Hauch von Kindergelächter hallt durch die engen Gassen, zwischen den alten Steinhäusern von Rezza. Ein Geräusch, das dort Jahrzehnte lang verstummt war. Doch nun, nach 45 Jahren Stille, ist die Schule im Herzen der korsischen Mikroregion zurück – und mit ihr das Leben. Rezza – ein winziger Ort mit gerade einmal 70 Einwohnern, tief eingebettet im Naturpark Südkorsikas. Wer hier lebt, kennt jede Kurve, jede Eiche, jede Stimme. Dass nun eine neue Schule eröffnet wurde, ist nicht bloß eine logistische Verbesserung – es ist ein stilles Versprechen an die Zukunft. 🚌 Weniger Kurven, mehr Kindheit Früher bedeutete Schulbesuch für die Kinder aus Rezza ein tägliches Abenteuer – und eine Belastung. Jeden Morgen um sechs Uhr raus aus den Federn, eine Stunde Fahrt über schmale, kurvige Straßen zur Schule nach Vico – und abends dasselbe Spiel. Jetzt brauchen Adaline und Serena nur noch 15 Minuten bis zur Schule. „Ich kann länger schlafen“, sagt Serena fröhlich. Eine scheinbar banale Freude, die …

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  • Mord am Strand von Biguglia: Wenn das Paradies zur Kulisse eines Albtraums wird

    Mord am Strand von Biguglia: Wenn das Paradies zur Kulisse eines Albtraums wird

    Ein Tatort, wie ihn das Kino nicht dramatischer hätte inszenieren können: eine korsische Traumküste, eine spätsommerliche Nacht, eine Gruppe junger Menschen – und ein Mann, der am Ende tot im Sand liegt. Was zunächst wie ein makabrer Krimi klingt, ist bittere Realität: Ende September wurde in der Nähe von Bastia, auf einem Strandabschnitt bei Biguglia, die Leiche eines Obdachlosen entdeckt. Das Opfer: ein Schweizer Staatsbürger, um die 60 Jahre alt. Die Todesursache: mehrere Verletzungen und Schläge. Was folgte, erschütterte nicht nur die lokale Bevölkerung, sondern auch weit darüber hinaus. Fünf junge Menschen, alle in ihren Zwanzigern, wurden seither von der Justiz ins Visier genommen. Zwei Männer sitzen jetzt wegen Mordes in Untersuchungshaft. Ein weiteres junges Paar wurde wegen Beihilfe zum Mord angeklagt und ebenfalls inhaftiert. Eine fünfte Person, eine junge Frau, steht unter dem Verdacht, keine Hilfe geleistet und das Verbrechen nicht angezeigt zu haben. Sie wurde unter gerich…

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  • Schüsse in Ghisonaccia – Ein Kind wird Zeuge eines Mordes

    Schüsse in Ghisonaccia – Ein Kind wird Zeuge eines Mordes

    Es war kurz nach halb sieben am Abend des 6. Novembers 2025, als die Stille in der korsischen Gemeinde Ghisonaccia jäh zerrissen wurde. Zwei maskierte Männer tauchten auf, zielten – und schossen. Mehrfach. Das Ziel: ein 39-jähriger Mann, der gerade im Begriff war, sein Zuhause zu betreten. An seiner Seite: sein neun Jahre alter Sohn. Der Junge musste mitansehen, wie sein Vater vor seinen Augen niedergestreckt wurde. Ein Moment, der alles verändert. Ein Mord mit Ansage? Die Opferzahl auf Korsika steigt – dieser Mord ist bereits der neunte im laufenden Jahr. Eine Statistik, die aufhorchen lässt. Doch nicht nur die Häufigkeit, auch die Umstände machen betroffen: Die Tat geschah nicht in einem düsteren Hinterhof, nicht im Schutz der Nacht, sondern am frühen Abend, mitten in einer Wohnsiedlung. Und sie traf keinen Clanboss oder bekannten Unterweltler, sondern einen Plattenleger, der nach einem gewöhnlichen Tag mit seinem Sohn nach Hause zurückkehrte. Zwei Männer, vermummt, bewaffnet, vorber…

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  • Mord an einem Anwalt – und ein Prozess, der viel mehr ist als nur ein Strafverfahren

    Mord an einem Anwalt – und ein Prozess, der viel mehr ist als nur ein Strafverfahren

    Ein Justizdrama, das über ein Jahrzehnt alt ist, entfaltet sich nun vor den Augen der Öffentlichkeit: Der Mord an dem korsischen Anwalt Antoine Sollacaro wird seit dem 3. November 2025 vor dem Schwurgericht der Bouches-du-Rhône in Aix-en-Provence verhandelt. Dreizehn Jahre nach der Tat. Und die Spannungen sind mit Händen zu greifen. Die Geschichte beginnt mit einer Hinrichtung. Am 16. Oktober 2012, einem Dienstagmorgen in Ajaccio, wird Antoine Sollacaro erschossen – kaltblütig, am Steuer seines Porsche, vor einer Tankstelle. Der Täter kam auf einem Motorrad, feuerte aus nächster Nähe und verschwand. Der Tod des prominenten Strafverteidigers erschütterte ganz Frankreich. Es war der erste Mord an einem Anwalt seit zwanzig Jahren. Doch Sollacaro war nicht irgendein Jurist. Er war eine Institution: ehemaliger Präsident der Anwaltskammer von Ajaccio, Verteidiger von Größen der korsischen Nationalisten-Szene wie Yvan Colonna oder Alain Orsoni. In seinen Plädoyers verband sich Justiz mit Poli…

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