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  • Ein Tag zwischen Kaiser, Klima und Katastrophen – der 12. Dezember durch die Jahrhunderte

    Ein Tag zwischen Kaiser, Klima und Katastrophen – der 12. Dezember durch die Jahrhunderte

    Der 12. Dezember – auf den ersten Blick ein gewöhnlicher Tag in der dunklen Jahreszeit. Doch wer genauer hinschaut, entdeckt, wie oft dieser Tag Geschichte geschrieben hat. Große Schlachten, politische Umbrüche, technische Pionierleistungen und tragische Katastrophen – alles vereint auf diesem Datum. Und Frankreich? Spielt mehrfach eine zentrale Rolle.

    Beginnen wir im frühen 7. Jahrhundert.

    An einem 12. Dezember des Jahres 627 besiegten die Byzantiner unter Kaiser Herakleios die Sassaniden in der Schlacht bei Ninive. Ein wuchtiger Schlag gegen das persische Großreich – und einer, der das Machtgleichgewicht im Nahen Osten massiv verschob. Auch wenn die Römer triumphierten, war beiden Reichen bald darauf ein anderes Schicksal beschieden: Der Islam stieg wenige Jahre später zur dominierenden Kraft der Region auf. Was zeigt das? Selbst größte Siege sind oft nur ein kurzer Aufschub vor der nächsten Welle des Wandels.

    Wenden wir uns Frankreich zu.

    Im Jahr 1604 wurde dort die sogenannte Paulette eingeführt – eine Steuer, die Beamten erlaubte, ihre Ämter gegen Geldzahlung vererbbar zu machen. Klingt trocken? War aber revolutionär – im negativen Sinne. Der Adel der Robe, also jene Oberschicht, die sich ihre Ämter kaufte, wurde mächtiger. Die sozialen Gräben vertieften sich. Ein Vorzeichen der späteren Französischen Revolution, deren Ursprünge also teils auch im Dezember wurzeln.

    Fast 200 Jahre später, 1799, war es wieder ein 12. Dezember, der das Machtgefüge Frankreichs neu ordnete: Napoleon Bonaparte ließ die Verfassung des Konsulats in Kraft treten. Der einstige General wurde Erster Konsul – die letzte Etappe auf seinem Weg zum Kaiser. Frankreich war damit aus der chaotischen Revolutionszeit heraus, doch rein in eine neue Form der autoritären Ordnung.

    Sprung in die Neuzeit.

    Am 12. Dezember 1901 gelang Guglielmo Marconi eine technische Sensation: das erste transatlantische Funksignal. Über 3000 Kilometer, von Cornwall bis nach Neufundland, flog der Morsecode durch die Lüfte. Ein Schritt, der die Menschheit einander näherbrachte – zumindest im Radio. Heute, im Zeitalter der Smartphones, wirkt das fast romantisch. Aber ohne Marconi? Hätten wir vielleicht noch lange im Nebel gefunkt.

    Zurück nach Frankreich. Aber dieses Mal mit Öl und nicht mit Politik.

    1999 havarierte der Tanker Erika vor der französischen Atlantikküste. Der Rumpf brach bei schwerem Seegang – 20.000 Tonnen Schweröl verschmutzten Strände, Küsten, Lebensräume. Eine Umweltkatastrophe, deren Spätfolgen noch lange in Erinnerung blieben. Frankreich reagierte mit strengeren Umweltgesetzen und besserer Überwachung von Schiffsverkehr. Wieder einmal: Erst muss etwas zerbrechen, bevor sich etwas ändert.

    Apropos Wandel: Der 12. Dezember 2015 wurde zum Hoffnungsschimmer für die Erde.

    An diesem Tag wurde in Paris das Klimaabkommen beschlossen – fast alle Staaten der Welt einigten sich, die Erderwärmung zu bremsen. Natürlich, viele Versprechen blieben Lippenbekenntnisse. Doch der symbolische Wert dieses Tages bleibt: Zum ersten Mal stand die Welt gemeinsam auf einer Seite, um einem gemeinsamen Feind die Stirn zu bieten – dem Klimawandel.

    Nicht alle Ereignisse dieses Datums sind jedoch von globaler Strahlkraft. Manche wirken eher lokal, aber dennoch bedeutsam.

    1793 beispielsweise – während der französischen Revolution – besiegten republikanische Truppen bei Le Mans aufständische Royalisten. Es war eine der blutigeren Episoden des innerfranzösischen Bürgerkriegs. Die revolutionäre Regierung zeigte, dass sie bereit war, mit aller Härte gegen Gegner im eigenen Land vorzugehen. Ein düsteres Kapitel im Kampf um Freiheit und Gleichheit – das oft die Brüderlichkeit vergaß.

    Und dann ist da noch die Paulette, diese kleine Steuer mit großer Wirkung. Was auf den ersten Blick wie ein finanzieller Trick wirkte, verstärkte langfristig die Ungerechtigkeit im Ancien Régime. Wer sich ein Amt leisten konnte, hatte Macht – wer nicht, blieb außen vor. Der soziale Aufstieg war für viele versperrt. Klingt erschreckend modern, oder?

    Auch in anderen Teilen der Welt passierte Bedeutendes.

    Am 12. Dezember 1963 erklärte sich Kenia für unabhängig vom Vereinigten Königreich. Jahrzehntelanger Kolonialismus endete, ein neues Kapitel begann. Für Afrika ein starkes Zeichen: Selbstbestimmung war möglich. Auch wenn die Realität später komplexer wurde – der Moment selbst war elektrisierend.

    Und noch ein kurioser Moment: Am 12. Dezember 2000 stoppte der Oberste Gerichtshof der USA die Neuauszählung der Stimmen in Florida. Damit wurde George W. Bush praktisch zum Präsidenten erklärt – durch Gerichtsentscheid, nicht durch Wahlzettel. Demokratie? Eine Frage der Interpretation, wie man sieht.

    Und dann, wie aus dem Nichts, der 12. Dezember als Geburtstag großer Persönlichkeiten.

    Frank Sinatra etwa wurde 1915 geboren – seine Stimme prägte Generationen. Edvard Munch, der Schöpfer des berühmten „Schreis“, erblickte 1863 das Licht der Welt. Zwei Menschen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten, doch beide mit bleibendem Einfluss. Kunst, Musik – auch das macht Geschichte.

    Was also bleibt von diesem Datum?

    Der 12. Dezember ist ein Kaleidoskop. Manchmal triumphal, manchmal tragisch. Manchmal vergessen, dann wieder weltbewegend. Er erzählt von Macht und Scheitern, von Fortschritt und Rückschritt, von Wandel und Beständigkeit. Und immer wieder schwingt Frankreich irgendwo mit – sei es als Akteur, als Kulisse oder als Auslöser.

    Vielleicht fragt man sich: Wie viele solcher Tage sind in unseren Kalendern versteckt – scheinbar harmlos, aber voller Geschichten?

    Die Antwort: Viele. Doch der 12. Dezember ist einer, der auffällt – wenn man ihm zuhört.

  • Perrier im Stillstand: Wenn Desinfektion zur Verschmutzung führt

    Perrier im Stillstand: Wenn Desinfektion zur Verschmutzung führt

    In Vergèze, im Département Gard, steht die Produktion still. Komplett. Die Perrier-Fabrik, sonst eine routinierte Abfüllmaschine für sprudelnde Weltmarken-Ikonografie, wirkt plötzlich wie ein Flugzeug ohne Cockpit. Genau dieses Bild drängt sich auf, seit die Anlagen seit dem vergangenen Donnerstag vollständig heruntergefahren sind; von dreizehn Produktionslinien soll lediglich eine am Donnerstag, dem 11. Dezember, zaghaft wieder angelaufen sein. Auslöser ist ein Vorgang, der zugleich technisch trocken und politisch explosiv wirkt: Die Behörden haben Nestlé nach einem Verschmutzungsereignis am Vistre, dem Fluss, der das Werk säumt, formal in die Pflicht genommen. Ein eingeschriebener Brief der Präfektur, datiert auf den 10. Dezember, enthält einen „arrêté de mise en demeure“, einer behördlichen Aufforderung zur unverzüglichen Abhilfe – nach einer Inspektion am Vortag durch die regionale Umweltbehörde Dreal. Im Kern dreht sich alles um Grenzwerte. Und um das, was im Wasser bleibt, wenn m…

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  • Wo soll das hinführen, Herr Sarkozy?

    Wo soll das hinführen, Herr Sarkozy?

    Ein sarkastischer Kommentar über das neueste „Comeback“ des Ex-Präsidenten

    Nun also Journal d’un prisonnier. Nein, es handelt sich nicht um ein verschollenes Manuskript aus der Résistance, sondern um das jüngste literarische Selbstbekenntnis von Nicolas Sarkozy – Frankreichs einstigem Präsidenten, Ex-Anführer der klassischen Rechten und nun offenbar designierter Vordenker einer rechten „Volksfront“ mit dem Rassemblement national.

    Kaum hat sich der Ex-Präsident aus dem Gefängnisalltag zurückgeschrieben, schon will er Frankreich politisch erlösen. Und zwar nicht etwa durch eine Renaissance gaullistischer Werte oder einer klugen bürgerlich-konservativen Programmatik. Nein, Sarkozy hat eine neue Offenbarung: die Union der Rechten – mit allem, was rechts ist. RN inklusive.

    Bravo, Herr Sarkozy. Wenn man schon politisch stürzt, dann wenigstens mit Anlauf.


    Der Mann, der mit dem Feuer tanzt

    Da ist sie also, die sarkozyistische Idee 2025: Warum nicht gleich den alten cordon sanitaire – jene bürgerliche Brandmauer gegen die extreme Rechte – durch einen roten Teppich ersetzen? Wenn schon der FN (pardon, der RN) die Herzen der Wähler gewinnt, dann doch bitte gleich Hand in Hand. Hauptsache, man bleibt irgendwie relevant im rechten Spektrum.

    Erinnern wir uns: Sarkozy war einmal der Mann der klaren Kante, des Law-and-Order-Konservatismus, der sich als Bollwerk gegen die Extreme gerierte. Doch Zeiten ändern sich, und offenbar auch der moralische Kompass. Heute beklagt er sich in seinem Buch über den „Einschluss“ bürgerlicher Kräfte in ideologische Tabus – als wäre es eine Freiheitsberaubung, nicht mit Marine Le Pen zu koalieren.

    Man fühlt sich fast versucht, ihm zuzurufen: Monsieur le Président, Sie wurden nicht verurteilt, weil Sie den Front républicain unterstützt haben – sondern wegen Korruption. Vielleicht ist das ja der Grund, warum Ihnen die Brandmauer plötzlich so eingrenzend erscheint.


    Alte Wähler, neue Sehnsüchte

    Doch geben wir Sarkozy nicht die ganze Schuld. Das Kalkül ist da – und nicht einmal ungeschickt: Der rechte Wähler von heute ist oft nicht mehr der gaullistische Beamte oder der katholische Provinznotar. Es ist der verunsicherte Rentner, die desillusionierte Mittelklasse, der „petit commerçant“, der genug hat von „woker“ Sprache, Migration, Prekarität und Paris.

    Und was sagt dieser Wähler, wenn man ihn fragt, ob man mit dem RN koalieren soll? „Warum nicht, solange es die Linken verhindert.“ Zynismus trifft Pragmatismus – ein Cocktail, den Sarkozy mit sichtbarem Genuss serviert.

    In Wahrheit bringt er nur zu Papier, was viele auf der Rechten längst denken, aber noch nicht zu sagen wagten: Wenn man die Macht nicht alleine bekommt, dann eben mit Marine. Und wenn dabei ein paar Prinzipien auf der Strecke bleiben – soit. Ideale sind schließlich etwas für die Leute mit 5 % bei Wahlen.


    Eine Koalition der Vergesslichen

    Xavier Bertrand und Co. versuchen zwar noch, die republikanische Ehre zu retten – doch es riecht bereits nach Moder. Was zählt, ist nicht mehr die Geschichte, sondern das nächste Wahlergebnis. Die Union der Rechten ist plötzlich kein Schreckgespenst mehr, sondern ein Wahlprogramm mit offenem Ende.

    Man fragt sich nur: Was bleibt von der politischen Kultur eines Landes, das seine demokratischen Brandmauern freiwillig schleift?
    Was bleibt von einer Rechten, die sich einst auf Charles de Gaulle berief – und heute auf Umfragewerte?
    Und was bleibt von einem Nicolas Sarkozy, der einst die Mitte erobern wollte – und nun den rechten Rand umarmt?

    Vielleicht hat der ehemalige Präsident aus seiner Haftzeit ja auch gelernt, dass es in der Politik wie im Gefängnis zugeht: Wer allein ist, wird untergebuttert. Und so sucht er sich neue Allianzen – ausgerechnet mit jenen, die er früher mit rhetorischer Verachtung bedachte.


    Sarkozy nennt sein Buch Journal d’un prisonnier. Ironisch, denn es liest sich eher wie das Handbuch eines politischen Gefangenen seiner eigenen Eitelkeit. Die Union der Rechten ist in seinem Szenario keine Bedrohung für die Republik, sondern der letzte Ausweg für eine Rechte, die nicht weiß, wofür sie noch steht – außer dafür, nicht links zu sein.

    Wo das hinführen soll? Ganz einfach:
    In eine Demokratie, die ihre Immunabwehr abschaltet.
    In eine Partei, die lieber mit Populisten koaliert als selbst zu denken.
    Und in eine politische Landschaft, in der ausgerechnet ein verurteilter Ex-Präsident die moralische Leitlinie vorgibt.

    Was für eine Zeit. Was für ein Erbe. Was für ein Irrweg.

    Ein Kommentar von P.Tiko

  • Symbolischer Verzicht: Frankreichs Nationalversammlung friert Ex-Abgeordnetenrenten ein

    Symbolischer Verzicht: Frankreichs Nationalversammlung friert Ex-Abgeordnetenrenten ein

    In Zeiten angespannter öffentlicher Finanzen und wachsender sozialer Spannungen sendet die Assemblée nationale ein Signal der haushaltspolitischen Selbstdisziplin. Einstimmig hat das Präsidium der französischen Nationalversammlung beschlossen, die Ruhestandsbezüge ehemaliger Abgeordneter im Jahr 2026 nicht an die Inflation anzupassen. Der symbolträchtige Schritt soll 800.000 Euro einsparen – eine vergleichsweise kleine Summe im Haushalt des Parlaments, aber mit hoher politischer Signalwirkung. Die Entscheidung wurde am 11. Dezember 2025 auf Vorschlag der drei sogenannten questeurs getroffen – Parlamentsmitgliedern, die traditionell für die interne Verwaltung und das Budget der Nationalversammlung zuständig sind. Christine Pirès Beaune, sozialistische Abgeordnete und eine der Questeurinnen, betonte, die Maßnahme sei ein Ausdruck der Sparanstrengungen, die derzeit von allen staatlichen Institutionen verlangt würden. Bemerkenswert ist: Die Entscheidung fiel im Einvernehmen mit d…

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  • Trumps Schüler in Europa: Wie Jordan Bardella den Schulterschluss mit dem ungeliebten US-Präsidenten sucht

    Trumps Schüler in Europa: Wie Jordan Bardella den Schulterschluss mit dem ungeliebten US-Präsidenten sucht

    In Frankreich hat sich Jordan Bardella zum neuen Hoffnungsträger der extremen Rechten stilisiert. Doch mit seiner offenen Nähe zu Donald Trump begibt sich der Vorsitzende des Rassemblement National auf einen gefährlichen politischen Kurs. Denn der Schulterschluss mit einem in Frankreich hochgradig unpopulären US-Präsidenten wirft Fragen auf – zur außenpolitischen Orientierung, zur Glaubwürdigkeit nationalistischer Rhetorik und zum Spannungsverhältnis zwischen europäischer Selbstbehauptung und transatlantischer Gefolgschaft.


    Ein Schulterschluss in der Rhetorik

    Donald Trump hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er rechtspopulistische Kräfte in Europa unterstützt – ob in Ungarn, Polen oder zuletzt Frankreich. In einem Interview mit der BBC am 11. Dezember 2025 bekundete Jordan Bardella seine grundsätzliche Zustimmung zur Sichtweise des Republikaners, der die USA mit rechtspopulistischen Ideen regiert. Besonders auffällig ist, dass Bardella Begriffe wie „immigration massive“ und „effacement civilisationnel“ übernimmt – narrative Eckpfeiler der „Great Replacement“-Theorie, einer in rechten Kreisen verbreiteten Verschwörungserzählung, wonach die europäische Bevölkerung durch Zuwanderung schleichend ersetzt werde.

    Dass Bardella diese Formulierungen aufgreift, ist bezeichnend. Denn sie schlagen eine ideologische Brücke zwischen der amerikanischen „Make America Great Again“-Bewegung und der französischen Rechten, wie sie seit Jahrzehnten von der Familie Le Pen geprägt wird. Der Schulterschluss erfolgt dabei nicht nur auf inhaltlicher Ebene, sondern auch durch persönliche Begegnungen – etwa mit dem britischen Brexit-Aktivisten Nigel Farage in London oder durch Bardellas Teilnahme an der CPAC, der Jahreskonferenz der US-amerikanischen Ultrakonservativen, im Februar 2025 in Washington.


    Ein riskanter Verbündeter

    Doch dieser Schulterschluss birgt Risiken. Donald Trump bleibt eine der umstrittensten Persönlichkeiten der internationalen Politik – und ist in Frankreich ausgesprochen unbeliebt. Laut einer aktuellen YouGov-Umfrage vom Dezember 2025 haben lediglich 18 Prozent der Französinnen und Franzosen ein positives Bild von ihm. Seine polarisierende Art, seine Angriffe auf demokratische Institutionen sowie seine wirtschaftspolitische Konfrontation mit Europa stehen im klaren Widerspruch zu den Positionen, die Bardella in seiner Rolle als Verteidiger französischer Interessen einnimmt.

    Der Widerspruch ist offensichtlich: Einerseits präsentiert sich Bardella als patriotischer Franzose, der „die Interessen der Nation“ über alles stellt. Andererseits sucht er offen die Nähe eines Mannes, der wiederholt betont hat, dass er Europa wirtschaftlich und geopolitisch kleinhalten will. Trumps Handelskrieg mit der EU, seine Kritik am NATO-Bündnis, seine offene Parteinahme für nationale Alleingänge widersprechen der Idee eines starken Europas – selbst aus souveränistisch-nationaler Perspektive.


    Die alte Erzählung von der „Partei der Ausländer“

    Diese Ambivalenz nährt ein historisch tief verankertes Misstrauen. Bereits im 19. Jahrhundert wurde die extreme Rechte in Frankreich regelmäßig mit dem Vorwurf konfrontiert, im Dienst ausländischer Interessen zu stehen. Der Begriff „parti de l’étranger“ war eine gängige Diffamierungslinie gegenüber Monarchisten, Klerikalen oder später auch Faschisten, denen eine zu große Nähe zu fremden Mächten wie dem Deutschen Reich oder dem Vatikan vorgeworfen wurde.

    Heute droht dem Rassemblement National, in eine ähnliche Logik zu geraten. Wer sich allzu demonstrativ an Trump und seine Entourage anlehnt – inklusive eines Steve Bannon, der bei der oben erwähnten Konferenz in Washington mit einem Nazi-Gruß für einen Skandal sorgte –, riskiert, sich selbst aus dem Lager des französischen „patriotisme républicain“ herauszukatapultieren. Denn politische Glaubwürdigkeit in Frankreich hängt maßgeblich davon ab, ob man das nationale Interesse glaubhaft vertreten kann – auch gegenüber vermeintlichen Freunden.


    Ein Balanceakt zwischen Populismus und Regierungsfähigkeit

    Seit Marine Le Pen den „Entteufelungsprozess“ des Rassemblement National vorangetrieben hat – im französischen Original als „dédiabolisation“ bezeichnet – bemüht sich die Partei um Respektabilität und Regierungsfähigkeit. Bardella gilt als das neue Gesicht dieser Strategie: rhetorisch geschliffen, äußerlich moderat, medienaffin. Doch mit der Rückkehr zur martialischen Sprache Trumps gefährdet er dieses Image. Die „Strategie der Krawatte“, wie sie Gründungsvater Jean-Marie Le Pen einst spöttisch nannte, gerät ins Wanken, wenn die Inhalte nicht mit der äußeren Form übereinstimmen.

    Der Fall zeigt exemplarisch das Dilemma rechtspopulistischer Bewegungen in Europa: Der Schulterschluss mit ideologischen Verbündeten jenseits des Atlantiks mag kurzfristig mobilisierend wirken – er stellt aber mittelfristig die Frage, ob nationale Interessen wirklich im Zentrum stehen oder ob es sich um ein internationales Netzwerk handelt, das nationale Souveränität nur rhetorisch hochhält, in der Praxis aber politisch untergräbt.

    Autor: P. Tiko

  • Ariège im Ausnahmezustand – Wenn der Staat den Stall räumt

    Ariège im Ausnahmezustand – Wenn der Staat den Stall räumt

    Es sind Bilder, die man eher aus Sozialkonflikten kennt als aus der Welt der Viehzucht. Traktoren versperren Zufahrten, Baumstämme liegen quer, Männer in Arbeitsjacken stehen dicht gedrängt vor einem Bauernhof, während Tränengas in der kalten Dezemberluft hängt. In Bordes-sur-Arize, einem kleinen Ort im Département Ariège, ist ein agrarischer Gesundheitskonflikt in dieser Woche eskaliert – und hat gezeigt, wie dünn die Linie zwischen Seuchenschutz und sozialem Sprengstoff geworden ist. Am Donnerstagabend, dem 11. Dezember, rückten Gendarmen an, um einer staatlichen Anordnung Nachdruck zu verleihen: Mehr als 200 Rinder eines lokalen Betriebs sollten getötet werden. Der Grund ist die dermatose nodulaire contagieuse, eine hochansteckende Viruserkrankung bei Rindern, die für Menschen ungefährlich, für Betriebe jedoch existenzbedrohend ist. Was auf dem Papier als veterinärmedizinische Notwendigkeit gilt, löste vor Ort eine Welle der Empörung aus, die sich binnen Tagen aufgeschaukelt hatte. …

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  • Der „Schraubenzieher-Vergewaltiger“ von Poitiers – wie moderne DNA-Fahndung ein Jahrzehnt des Schweigens durchbrach

    Der „Schraubenzieher-Vergewaltiger“ von Poitiers – wie moderne DNA-Fahndung ein Jahrzehnt des Schweigens durchbrach

    Manchmal fühlt sich Justiz an wie ein Gedächtnis mit Lücken. Jahre vergehen, Akten vergilben, Namen verschwinden aus der öffentlichen Wahrnehmung. Und dann, plötzlich, meldet sich ein Fall zurück, als hätte er nur geschlafen. So erging es im Dezember 2025 einem Verbrechen, das Poitiers und weite Teile der Nouvelle-Aquitaine im Sommer 2015 erschüttert hatte – dem Fall des sogenannten „violeur au tournevis“, des Schraubenzieher-Vergewaltigers. Am 23. Juni 2015 joggte eine 25-jährige Krankenschwester entlang des Flusses Clain. Ein früher Sommerabend, unspektakulär, vertraut. Was folgte, brannte sich in das kollektive Gedächtnis der Stadt ein. Ein Mann griff die junge Frau an, schlug mit einem Schraubenzieher auf sie ein, stach zu, vergewaltigte sie und verschwand. Maskiert, mit Motorradhelm, ohne ein Gesicht zu zeigen, das Zeugen hätten beschreiben können. Zurück blieb eine schwer verletzte Frau – und biologische Spuren, die Hoffnung versprachen. Die Ermittler arbeiteten von Beginn an mit…

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  • Neonazis im Stadion, Gewalt auf dem Parkplatz – der Angriff von Reims und seine dunklen Hintergründe

    Neonazis im Stadion, Gewalt auf dem Parkplatz – der Angriff von Reims und seine dunklen Hintergründe

    Es beginnt, wie so viele dieser Abende beginnen. Ein Fußballspiel ist vorbei, die Flutlichter gehen aus, die Menge zerstreut sich langsam. Und doch liegt etwas in der Luft, ein Knistern, das nichts mit Sport zu tun hat. In Reims, nach dem Ligaspiel zwischen Stade de Reims und Laval, entlädt sich dieses Knistern in roher Gewalt. Fünf Polizisten werden verletzt. Einer von ihnen trägt womöglich einen Schaden davon, der bleibt. Der Mann, der nun im Zentrum der Ermittlungen steht, ist 36 Jahre alt. Er sitzt in Untersuchungshaft. Und er gehört, so bestätigt es die Staatsanwaltschaft von Reims, zu einer Gruppe von Hooligans mit klar neonazistischer Ideologie. MesOs nennen sie sich, ein Name, der in Reims seit Jahren kursiert wie ein dunkles Gerücht, das jeder kennt und doch lieber verdrängt. Die französischen Ermittler werfen dem Verdächtigen schwere Delikte vor. Gewalttätiger Angriff auf Amtsträger mit einer Waffe, Bedrohungen, gezielter Einsatz von Feuerwerksmörsern gegen Polizeikräfte. Der…

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  • Zehn Jahre Pariser Klimaabkommen – und eine Anklage auf dem Rasen der Republik

    Zehn Jahre Pariser Klimaabkommen – und eine Anklage auf dem Rasen der Republik

    An diesem Dezembermorgen liegt der Champ-de-Mars still da, fast ehrfürchtig, wie so oft, wenn Paris sich seiner selbst vergewissert. Und doch wird der Rasen vor dem Eiffelturm am 11. Dezember 2025 zur Bühne eines politischen Schauspiels, das kaum deutlicher ausfallen könnte. Greenpeace, Action Justice Climat Paris und ANV-COP21 rollen ein 300 Quadratmeter großes Banner aus – größer als viele Appartements in Paris, größer auch als die Geduld vieler Klimaaktivisten. Darauf: Gesichter, Namen, eine Botschaft. „10 ans de sabotage climatique.“ Zehn Jahre Klimasabotage.

    Die Aktion ist bewusst gewählt, zeitlich wie räumlich. Einen Tag vor dem zehnten Jahrestag des Pariser Klimaabkommens, jenes historischen Vertrags vom 12. Dezember 2015, der einst als Wendepunkt der internationalen Klimapolitik gefeiert wurde. Damals, nach nächtelangen Verhandlungen, Applaus, Tränen, Umarmungen. Heute, zehn Jahre später, ist von dieser Euphorie wenig übrig. Stattdessen ein Banner, das anklagt. Und ein symbolischer Ort, der kein Wegsehen erlaubt.

    Auf der riesigen Plane prangen die Porträts von Emmanuel Macron, Donald Trump und Vincent Bolloré. Ein amtierender französischer Präsident, ein ehemaliger – und wieder amtierender – US-Präsident, ein einflussreicher französischer Industrieller. Unterschiedliche Biografien, unterschiedliche Machtpositionen, doch aus Sicht der NGOs vereint durch eines: den Vorwurf, das Pariser Abkommen unterlaufen, verwässert oder aktiv sabotiert zu haben. Nicht mit einem einzigen Gesetz, nicht mit einem großen Knall, sondern Schritt für Schritt, Entscheidung für Entscheidung.

    Das Pariser Abkommen hatte ein klares Ziel formuliert: die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Ein politischer Kompromiss, wissenschaftlich untermauert, moralisch aufgeladen. Doch bei der COP30 im November hatte der Präsident des Weltklimarates IPCC ausgesprochen, was viele längst befürchteten. Das Überschreiten der 1,5-Grad-Grenze gilt inzwischen als fast unvermeidlich. Ein Satz, der sitzt. Und der wie ein Nachhall über den Champ-de-Mars zieht.

    Greenpeace findet deutliche Worte. Das Klima gerate außer Kontrolle, heißt es im gemeinsamen Kommuniqué, wegen der Schwäche und Verantwortungslosigkeit politischer Entscheidungsträger. Ein Satz, der weniger analysiert als urteilt, nicht diplomatisch ist, sondern anklagend. Die NGOs sprechen von politischen Eliten, die den Verlockungen mächtiger privater Interessen erlegen seien – auf Kosten des Gemeinwohls, der Klimagerechtigkeit und jener Bevölkerungen, die die Folgen der Klimakrise längst am eigenen Leib spüren. Überschwemmungen, Hitzewellen, Ernteausfälle. Keine abstrakten Szenarien mehr, sondern bitterer Alltag.

    Der Vorwurf wiegt schwer, gerade in Frankreich. Emmanuel Macron hatte sich in seiner ersten Amtszeit gern als Klimapräsident inszeniert, als globaler Mahner, als Gastgeber des „Make Our Planet Great Again“-Gipfels. Doch zwischen ambitionierten Reden und konkreter Politik klafft, so die Kritiker, eine Lücke. Autobahnprojekte, Agrarsubventionen, eine oft zögerliche Energiewende – all das dient den NGOs als Beleg dafür, dass Worte allein das Thermometer nicht senken.

    Donald Trump steht als Symbolfigur für offenen Klimaskeptizismus. Der erneute Ausstieg der USA aus zentralen Klimaverpflichtungen, die Förderung fossiler Energien, die Abkehr von multilateralen Lösungen. Sein Gesicht auf dem Banner überrascht kaum, es war zu erwarten. Und doch erinnert es daran, wie stark nationale Entscheidungen globale Dynamiken prägen. Wenn Washington bremst, geraten viele andere ins Schlingern.

    Der Name Vincent Bolloré schließlich steht für eine andere Art von Einfluss. Medienmacht, wirtschaftliche Interessen, politische Nähe. Kein gewählter Amtsträger, aber ein Akteur, dessen Entscheidungen, so der Vorwurf, politische Diskurse verschieben, Zweifel säen, Klimaschutz relativieren. In dieser Logik gehört auch er auf das Banner, als Vertreter jener Grauzone zwischen Wirtschaft und Politik, in der Verantwortung oft diffus bleibt.

    Die Aktion selbst verläuft ruhig. Keine Rangeleien, keine Festnahmen, keine Sprechchöre. Nur das Banner, der Blick der Passanten, das Klicken der Kameras. Manche bleiben stehen, lesen, runzeln die Stirn. Andere gehen weiter, mit hochgezogenem Kragen, als sei es nur ein weiteres Pariser Spektakel. Doch die Bilder verbreiten sich schnell. Und genau darauf zielt die Inszenierung ab.

    Zehn Jahre nach Paris wirkt das Klimaabkommen wie ein Vertrag mit Patina. Juristisch weiterhin gültig, politisch beschworen, praktisch jedoch unter permanentem Druck. Die Lücke zwischen Versprechen und Wirklichkeit ist größer geworden. Die Emissionen sinken nicht, sie steigen weiter, die nationalen Klimapläne reichen nicht aus, die Zeitfenster schließen sich. Das wissen die Aktivisten, das wissen die Wissenschaftler, das wissen auch die Regierungen. Und dennoch passiert zu wenig.

    Vielleicht ist das Banner deshalb so groß geraten. Weil kleine Gesten nicht mehr reichen. Weil höfliche Appelle verhallt sind. Weil die Geduld schwindet. Auf dem Champ-de-Mars, wo sonst Touristen picknicken und Kinder Drachen steigen lassen, liegt an diesem Tag ein Stück unbequeme Wahrheit. Nicht endgültig, nicht widerspruchsfrei, aber unübersehbar.

    Die Frage bleibt, was davon hängen bleibt. Empörung verpufft schnell, Symbole nutzen sich ab. Doch der Jahrestag des Pariser Abkommens zwingt zur Bilanz. Zehn Jahre, die zeigen, wie schwer globale Zusammenarbeit fällt, wenn nationale Interessen, wirtschaftlicher Druck und politische Kurzsichtigkeit dominieren. Zehn Jahre, in denen die Uhr weitergetickt hat. Unerbittlich.

    Der Champ-de-Mars leert sich am Nachmittag wieder. Das Banner wird eingerollt, der Rasen bleibt zurück. Doch die Anklage steht im Raum. Und sie richtet sich nicht nur an die Gesichter auf der Plane, sondern an ein System, das Veränderung kennt, aber zögert. Wer genau hinschaut, erkennt: Das war keine bloße Protestaktion. Das war ein Spiegel.

    Von Andreas M. Brucker

  • Zwei Tote im Treppenhaus – ein Fund, der viele Fragen offen lässt

    Zwei Tote im Treppenhaus – ein Fund, der viele Fragen offen lässt

    Es ist einer dieser Fälle, die sich nicht laut ankündigen. Kein nächtliches Sirenengeheul, keine aufgeregten Nachbarn, die sofort Alarm schlagen. Stattdessen ein Treppenhaus, ein stiller Mittwochmorgen in Salon-de-Provence und zwei Körper, die leblos zurückbleiben. Ein Mann und eine Frau, beide über achtzig Jahre alt, erschossen im Eingangsbereich eines Wohnhauses. Was genau geschehen ist, weiß bislang niemand. Und doch erzählt der Ort mehr als jede Pressemitteilung. Am Mittwoch, dem 10. Dezember, entdeckten Rettungskräfte im Eingangsbereich eines Mehrfamilienhauses in Salon-de-Provence zwei Tote. Die Polizei bestätigte später: Beide wurden durch Schüsse getötet. Es handelt sich um einen 83-jährigen Mann und eine 80-jährige Frau. Ihre Ausweispapiere trugen denselben Nachnamen. Ob sie ein Ehepaar waren, Geschwister oder in einer anderen familiären Beziehung standen, bleibt Gegenstand der laufenden Ermittlungen. Die Szene, wie sie die Ermittler vorfanden, wirkt bis ins Detail verstörend….

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