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  • Wenn Wasser zur Macht wird – Die Fluten von Estagel als Menetekel für den Süden Frankreichs

    Wenn Wasser zur Macht wird – Die Fluten von Estagel als Menetekel für den Süden Frankreichs

    Es begann unspektakulär. Kein Donnerschlag, kein Sturm, kein apokalyptischer Himmel. Nur Regen. Einer dieser Regenfälle, die nicht nur mal kurz beeindrucken wollen, sondern bleiben. Seit dem 26. Dezember 2025 stehen die Pyrénées-Orientales unter dem Einfluss anhaltender Niederschläge, begleitet von schnell ansteigenden Pegeln, gesättigten Böden und einer Warnstufe Orange wegen Regen und Überschwemmungen. Was zunächst wie ein typischer winterlicher Wetterumschwung wirkte, entwickelte sich binnen Stunden zu einem Ereignis, das den Alltag ganzer Gemeinden aus den Angeln hob.

    https://twitter.com/xalertnow/status/2004595184949207292

    Besonders sichtbar wurde dies in Estagel, einem Ort, der sonst für Wein, Wind und mediterrane Gelassenheit steht. Dort, wo normalerweise Autos ruhig am Straßenrand parken und Nachbarn einander grüßen, wälzte sich plötzlich eine braune, schäumende Wassermasse durch die Straßen. Mindestens fünf Fahrzeuge wurden von den Fluten erfasst und fortgerissen. Einfach so. Hochgehoben, verschoben, verschwunden. Weihnachten war gerade vorbei, die Lichter hingen noch an manchen Fenstern, doch die Idylle war mit einem Mal weg.

    Für Maxime, einen Bewohner des Ortes, wurde dieser Tag zum bitteren Einschnitt. Das Auto seiner Eltern, am Rand eines normalerweise harmlosen Rinnsals abgestellt, verschwand im reißenden Wasser. Keine Zeit zu reagieren, kein Warnsignal, nur der Moment, in dem man begreift: Jetzt ist es zu spät. Solche Augenblicke prägen sich ein. Sie erzählen davon, wie schnell Vertrautes kippen kann.

    Das Bild, das sich in Estagel bot, erinnerte eher an einen über die Ufer getretenen Fluss als an eine ländliche Durchgangsstraße. Garagen liefen voll, tiefer gelegene Häuser standen unter Wasser, Wege wurden zu Bächen. Blandine, eine weitere Anwohnerin, hatte versucht, ihr Zuhause mit einer einfachen Holzplanke zu schützen. Eine menschliche Geste gegen eine übermenschliche Kraft. Das Wasser kam trotzdem. Erst über den Bordstein, dann über die Schwelle, schließlich bis zu den Knöcheln. Mehr brauchte es nicht, um klarzumachen, wer an diesem Tag die Kontrolle hatte.

    Die Situation wurde zusätzlich dadurch verschärft, dass nicht alle die Warnungen ernst nahmen. Trotz gesperrter Passagen, geschlossener Furten und klarer Absperrungen versuchten einige Autofahrer, überflutete Straßen zu queren. Ein kurzer Blick, ein Gedanke – wird schon gehen –, dann der Schritt ins Risiko. In mehreren Gemeinden mussten Bürgermeister und Einsatzkräfte eingreifen, Straßen blockieren, Menschen zurückschicken. In Pollestres fand der Bürgermeister deutliche Worte für diese Art von Leichtsinn. Ein kleiner Umweg, sagte er sinngemäß, wiege weniger schwer als ein großer, irreparabler Fehler.

    Solche Mahnungen kommen nicht aus dem luftleeren Raum. In der Region gab es in der Vergangenheit Todesfälle durch das Durchfahren überfluteter Straßen. Wasser täuscht. Es wirkt flach, ruhig, kontrollierbar. Doch schon wenige Zentimeter Strömung reichen aus, um ein Fahrzeug anzuheben. Wer das ignoriert, spielt nicht mit dem Auto, sondern mit dem eigenen Leben. Das klingt drastisch. Ist aber leider Realität.

    Währenddessen bleibt die Wetterlage angespannt. Die Warnstufe Orange wurde aufrechterhalten, weitere Niederschläge sine angekündigt. Die Böden können nichts mehr aufnehmen, jeder neue Schauer verschärft die Lage. Auch jenseits von Estagel standen Gemeinden unter Druck. Das gesamte Département, ebenso wie das benachbarte Departement Aude, verzeichnete hohe Regenmengen. Es ist ein bekanntes Muster im Süden Frankreichs: Feuchte Luftmassen aus dem Mittelmeerraum treffen auf die Ausläufer der Pyrenäen, steigen auf, kühlen ab – und entladen sich. Oft im Herbst, manchmal im Winter. Immer mit dem gleichen Risiko.

    In vielen Orten wurden kleine Brücken und Furten geschlossen, Abwassersysteme stießen an ihre Grenzen, Anwohner versuchten, mit Schaufeln, Brettern und Sandsäcken zu retten, was zu retten war. Man kennt diese Bilder. Und doch fühlt es sich jedes Mal neu an, wenn sie plötzlich vor der eigenen Haustür entstehen. Dann wird aus einer abstrakten Wetterwarnung eine sehr konkrete Bedrohung.

    Die Ereignisse in Estagel stehen exemplarisch für eine Entwicklung, die viele Regionen Europas betrifft. Extreme Wetterlagen treten häufiger auf, verlaufen intensiver, treffen auch Gegenden, die sich lange in trügerischer Sicherheit wähnten. Ländlich, ruhig, fernab großer Flüsse – das schützt nicht mehr automatisch. Wasser sucht sich seinen Weg. Und es findet ihn schneller, als man denkt.

    Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Vorsorge, Information und Disziplin keine bürokratischen Schikanen sind, sondern Schutzmechanismen. Wer Absperrungen respektiert, Warnungen ernst nimmt und Risiken meidet, schützt nicht nur sich selbst, sondern entlastet auch Einsatzkräfte, die im Ernstfall für anderes gebraucht werden. Klingt banal. Ist aber entscheidend.

    Estagel hat in diesen Tagen erfahren, wie fragil der Alltag sein kann. Ein paar Stunden Regen reichten aus, um Straßen zu unterbrechen, Eigentum zu zerstören und Gewissheiten wegzuspülen. Die Erinnerung daran wird bleiben – als leises, aber eindringliches Warnsignal, das hoffentlich länger nachhallt als der Regen selbst.

    Von C. Hatty

  • Wenn der Berg zuschlägt: Lawinentote erschüttern die Savoie

    Wenn der Berg zuschlägt: Lawinentote erschüttern die Savoie

    Der Winter zeigt in diesen Tagen sein freundlichstes Gesicht. Strahlender Himmel, frisch gefallener Schnee, perfekte Bedingungen für Skifahrer, die das Weite suchen, hinaus aus den präparierten Pisten, hinein ins scheinbar unberührte Gelände. Und doch genügt ein einziger Moment, ein leises Knacken im Schnee, damit aus Idylle blanke Tragödie wird. In der französischen Alpenregion Savoie haben sich am Freitag, dem 26. Dezember, gleich zwei tödliche Lawinenunglücke ereignet – binnen weniger Stunden, nur wenige Täler voneinander entfernt. Am Vormittag trifft es ein Skigebiet, das für viele Wintersportler fast so etwas wie ein zweites Wohnzimmer ist: La Plagne. Hoch oben, auf rund 2.500 Metern Höhe, an der Nordflanke der Bellecôte, einem imposanten Bergmassiv, das sich meist kühl und schattig gibt, geraten mehrere Skifahrer in eine Lawine. Sie sind im freien Gelände unterwegs, abseits der gesicherten Pisten, dort, wo der Schnee noch jungfräulich wirkt und die Spuren von gestern fehlen….

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  • Frankreich 2025: Ein Staat spielt Regierung – Chaos als Prinzip

    Frankreich 2025: Ein Staat spielt Regierung – Chaos als Prinzip

    Was haben 62 Minister, ein Präsident ohne Staatshaushalt, ein Premierminister mit 14-Stunden-Haltbarkeitsdatum und ein Ex-Staatschef im Knast gemeinsam? Richtig: Sie alle sind Teil des französischen Politikbetriebs 2025 – einer Tragikomödie, die selbst Kafka zu absurd gewesen wäre. Während Emmanuel Macron zu Jahresbeginn 2025 noch auf „kollektive Vernunft“ hoffte, stolperte Frankreich in zwölf Monaten durch mehr Regierungswechsel als ein Fußballverein in der Regionalliga Trainer verschleisst.

    Macron wünscht sich Stabilität – geliefert wird das Gegenteil

    „Ich wünsche mir ein Jahr der Stabilität“, flötete Emmanuel Macron zum Jahreswechsel, ganz der staatsmännische Optimist. Hätte er vielleicht besser ins Horoskop geschaut: Saturn im Haus der chaotischen Institutionen, Mars im Quadrat zu rationalem Haushaltsvollzug. Was folgte, war ein Amtsjahr wie eine Doku über dysfunktionale politische Systeme – nur mit schlechterem Drehbuch.

    François Bayrou, politisches Fossil mit Hang zur Selbstüberschätzung, wurde als Premier eingesetzt, weil man dachte, ein alter Zausel mit Verhandlungsgeschick könne das sinkende Schiff schon irgendwie lenken. Doch nach dem üblichen Ritual aus Haushaltsblockade, Rentenfiasko und Provinzskandal war auch er reif fürs präsidiale Recycling. Die Nationalversammlung zog ihm den Stecker – und damit gleich dem ganzen Regierungsapparat.

    Lecornu und das Kabinett für 14 Stunden

    Sébastien Lecornu sollte es richten. Er tat das, indem er ein Kabinett aufstellte, das kürzer hielt als die Mittagspause eines Beamten. Ganze 14 Stunden – dann krachte es zwischen ihm und Bruno Retailleau. Ob Streit um Inhalte oder nur der bessere Sessel im Kabinettssaal – unklar. Lecornu wurde zwar später im Amt belassen, allerdings mit amputiertem Werkzeugkasten: Kein Artikel 49.3 mehr, keine Rentenreform, kein Spaß.

    Das Ergebnis: Politik als Pantomime. Man tut so, als regiere man, während die eigentlichen Entscheidungen von Misstrauensvoten, internen Intrigen und juristischen Pressetexten dominiert werden. Frankreich, die so stolze Republik, wirkt 2025 wie ein Internat ohne Aufsicht – laut, verwahrlost und voller egomaner Nachwuchspolitiker.

    Sarkozy im Knast, Le Pen vor Gericht: Bei den Rechten wird aufgeräumt

    Wer glaubt, der französische Rechtsstaat funktioniere nicht, wird 2025 eines Besseren belehrt – zumindest, wenn es gegen rechte Prominenz geht. Nicolas Sarkozy, einst Grand Monsieur mit Napoleongesicht, wird wegen mafiöser Machenschaften im Zusammenhang mit libyschem Geld zu echter Haft verurteilt. Zwanzig Tage in La Santé – für einen Mann mit seiner Eitelkeit eine Ewigkeit.

    Marine Le Pen wiederum stolpert über ein altbekanntes Hobby des Front National: Phantomjobs im EU-Parlament. Die Strafe: politische Unwählbarkeit – sofort. Sie selbst sieht darin – wie immer – keinen Justiz-, sondern einen Komplottfall. Natürlich. Wahrscheinlich auch orchestriert von der Rothschild-Bank und dem Soros-Netzwerk.

    Und während die matriarchale Lichtgestalt des RN juristisch wankt, reibt sich ihr Ziehsohn Jordan Bardella die Hände: Die Macht ist nah, die Konkurrenz schwach, das Programm vage genug, um für alle Frustrierten attraktiv zu bleiben.

    Linke Selbstzerstörung als Kunstform

    Die Linke, lange totgesagt, lebt – allerdings vor allem in internen Schlammschlachten. Zwischen LFI und Sozialisten herrscht Frostklimastufe V. Die einen werfen den anderen vor, Macrons Fußschemel zu sein, die anderen kontern mit Antisemitismusvorwürfen. Wenn das französische Linkssein 2025 etwas verkörpert, dann Selbstverachtung mit ideologischem Feinschliff.

    Olivier Faure wirkt wie der letzte Sozialist, der noch glaubt, Politik könne Menschen helfen. Jean-Luc Mélenchon dagegen zelebriert den intellektuellen Maximalismus, indem er alles kritisiert, was nicht revolutionär genug ist – inklusive sich selbst, wenn’s sein muss. In einer Mischung aus moralischem Überlegenheitsgefühl und politischer Rechthaberei degradiert sich die Linke zuverlässig zur Wahlverliererin mit Prinzipien.

    Und plötzlich: Ein Moment der Würde

    In all dem Chaos gab es dann doch noch einen Tag, der nicht wie eine Szene aus einer Polit-Soap wirkte: Die Panthéonisierung von Robert Badinter. Alle waren da – Macron, Lecornu, Bardella, vielleicht auch ein Hologramm von Mélenchon. Es war der Moment, in dem sich die französische Politik einig war: Die Vergangenheit ist toll, die Gegenwart ein Desaster, und für die Zukunft hat man immerhin gute Erinnerungen.

    Von Andreas Brucker

  • Wenn der Winter kürzer wird – Ski, Schnee und die stille Zeitenwende in den Bergen

    Wenn der Winter kürzer wird – Ski, Schnee und die stille Zeitenwende in den Bergen

    Ein Dezembermorgen in den Bergen. Früher knirschte der Schnee unter den Schuhen, heute klingt es eher nach feuchtem Kies. Die Gondel schwebt trotzdem talwärts, routiniert, fast trotzig. Und irgendwo zwischen Bergstation und Tal fragt man sich leise: Wie viele Winter bleiben uns eigentlich noch zum Skifahren?

    Der Rückgang der ski­baren Tage bis 2050 wirkt nicht wie eine ferne Zukunftsprognose. Er fühlt sich an wie eine Geschichte, die längst begonnen hat – nur lesen wir gerade erst die ersten Kapitel.


    Der Winter verliert an Länge – und an Verlässlichkeit

    Der Klimawandel wedelt nicht mit Warnschildern. Er zeigt sich subtil. Mal öffnet eine Ski-Station erst zwei Wochen später. Mal endet die Saison schon, obwohl der Kalender noch Februar zeigt.

    In vielen Skigebieten Europas schrumpfen die Winter still zusammen – wie ein Pullover, der zu heiß gewaschen wurde. Besonders betroffen sind Lagen unter 2.000 Metern. Dort, wo früher monatelang Schnee lag, regnet es heute öfter als den Betreibern lieb ist.

    Studien von INRAE und Météo-France zeichnen ein Bild, das nüchtern wirkt und gerade deshalb unter die Haut geht. Bis 2050 steigen die Durchschnittstemperaturen in vielen Gebirgsregionen Frankreichs um rund 2,5 bis 3 Grad.

    Klingt harmlos? Ist es nicht.

    Denn Schnee reagiert empfindlich. Schon ein einziges Grad entscheidet, ob Flocken fallen oder Regen.


    Heute schon spürbar – nicht erst morgen

    Wer in den letzten Jahren regelmäßig Ski gefahren ist, kennt das Gefühl. Die Saisonstarts verschieben sich. Weihnachten ohne Naturschnee? Früher undenkbar, heute fast normal.

    In den USA verloren Skigebiete zwischen 2000 und 2019 im Schnitt fünf bis sieben Skitage pro Saison. Keine Katastrophe auf den ersten Blick. Doch Prognosen zeigen: Diese Zahl verdoppelt oder verdreifacht sich bis 2050.

    Und Europa? Kein Sonderfall. Im Gegenteil.


    Die Pyrenäen als Seismograf des Wandels

    Nehmen wir den Col du Tourmalet. Ein Name, der nach Schnee, Radsport und Hochgebirge klingt. Auf rund 1900 Metern Höhe gelegen, galt das Gebiet lange als relativ schneesicher.

    Galt.

    Ende des 20. Jahrhunderts kamen in guten Wintern rund 150 ski­bare Tage zusammen. Eine solide Basis für Tourismus, Jobs, Dorfleben.

    Mit einem Temperaturanstieg von etwa 2,7 Grad reduziert sich diese Zahl laut Modellen bis 2050 auf rund 116 Tage – inklusive künstlicher Beschneiung. Ohne Schneekanonen sähe es deutlich düsterer aus.

    116 Tage. Klingt immer noch nach viel? Rechnen wir kurz: spätere Eröffnung, früheres Saisonende, dazwischen immer häufiger Unterbrechungen. Planbarkeit? Schwierig. Wirtschaftlichkeit? Wacklig.

    Und jetzt ehrlich: Wer bucht gern einen Skiurlaub, wenn niemand weiß, ob die Pisten offen sind?


    Kunstschnee – Rettungsanker mit Nebenwirkungen

    Die Schneekanone ist zum Symbol geworden. Sie steht für Anpassung, Technik, Durchhaltewillen. Aber auch für Zielkonflikte.

    Kunstschnee braucht Kälte. Und Wasser. Beides wird knapper. Die sogenannten Kältefenster, in denen Beschneiung technisch sinnvoll ist, verkürzen sich.

    Das Paradoxe daran: Gerade in milden Wintern, wenn man Kunstschnee besonders dringend braucht, funktioniert er am schlechtesten.

    Ein bisschen wie ein Regenschirm, der sich erst öffnet, wenn die Sonne scheint.


    Der Blick über den Alpenrand hinaus

    Internationale Studien zeigen ein klares Muster. Weltweit verlieren Skigebiete an Saisonlänge. Manche um 30 Prozent, andere um 50. In einzelnen Regionen sogar noch mehr.

    Selbst bei Einhaltung der Klimaziele des Pariser Abkommens schrumpfen die Saisons messbar. Der Unterschied liegt im Tempo und in der Härte des Einschnitts.

    Weniger Emissionen bedeuten keine Rettung – aber Zeit. Und Zeit ist in den Bergen plötzlich eine knappe Währung.


    Mehr als ein Freizeitproblem

    Skifahren ist kein isoliertes Hobby. Es ist ein Wirtschaftsmotor, ein Identitätsanker, ein sozialer Kitt.

    Wenn die Saison kürzer wird, leidet nicht nur der Liftbetreiber. Dann fehlen Übernachtungen. Restaurantbesuche. Saisonjobs. Ausbildungsplätze.

    Ganze Täler hängen am Wintertourismus. Und plötzlich steht da diese Frage im Raum, die niemand gern stellt: Wie geht es weiter?

    Manche Orte reagieren bereits. Andere zögern. Verständlich – Veränderung fühlt sich selten bequem an.


    Diversifikation: Keine Kür, sondern Pflicht

    Viele Regionen setzen inzwischen auf ein breiteres Angebot. Winterwandern, Thermalbäder, Kultur, Kulinarik, Sommeraktivitäten.

    Das klingt vernünftig. Und ist es auch. Aber es ersetzt nicht von heute auf morgen die Einnahmen des Skitourismus.

    Ein Hotel lebt anders von Wanderern als von Skiurlaubern. Die Wertschöpfung verschiebt sich. Langsamer. Kleinteiliger.

    Und trotzdem bleibt sie eine echte Chance.


    Zwischen Nostalgie und Neuanfang

    Vielleicht ist das die größte Herausforderung: Abschied nehmen von einem Bild, das tief sitzt. Der Winter wie früher. Verlässlich. Weiß. Still.

    Doch die Berge verändern sich. Nicht über Nacht, sondern Schritt für Schritt.

    Halten wir an der Vergangenheit fest – oder gestalten wir die Zukunft bewusst?

    Diese Frage schwebt über jedem Tal, jeder Gemeinderatssitzung, jedem Investorengespräch.


    Anpassung statt Wegschauen

    Technische Innovationen helfen. Bessere Schneespeicherung, effizientere Beschneiung, klügere Pistenplanung.

    Doch Technik allein trägt nicht alles. Sie kauft Zeit, mehr nicht.

    Langfristig entscheidet der globale Klimapfad darüber, wie hart der Einschnitt ausfällt. Jedes vermiedene Zehntelgrad zählt – auch wenn es abstrakt klingt.

    In den Bergen wird es greifbar. Sehr greifbar.


    Ein Winter, der Geschichten erzählt

    Vielleicht erzählen zukünftige Winter andere Geschichten. Weniger von endlosen Abfahrten. Mehr von Vielfalt. Von bewussterem Reisen. Von Orten, die sich neu erfunden haben.

    Der Schnee verschwindet nicht vollständig. Aber er wird kostbarer. Flüchtiger. Unberechenbarer.

    Und vielleicht liegt genau darin eine neue Ehrlichkeit. Der Winter zeigt uns, was auf dem Spiel steht – ohne große Worte, einfach durch sein Ausbleiben.

    Der Rückgang der ski­baren Tage bis 2050 ist keine ferne Warnung, sondern ein laufender Prozess. Wer heute in die Berge schaut, sieht bereits die Umrisse der Zukunft.

    Und die Frage bleibt, leise aber hartnäckig: Was machen wir daraus?

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Trump überall – warum Frankreich 2025 nicht an ihm vorbeikam

    Trump überall – warum Frankreich 2025 nicht an ihm vorbeikam

    Ein Sonntagmorgen in Lyon. Der Kaffee dampft, die Zeitung raschelt, draußen zieht ein Wintermarkt langsam in den Tag. Und dann dieser Name. Schon wieder. Donald Trump. Auf Seite eins. In der Analyse. Im Kommentar. Später am Abend auch noch in der Talkshow. Man fragt sich fast automatisch: Gibt es eigentlich einen Nachrichtenmoment ohne ihn?

    2025 lieferte die Antwort. Nein.

    Zum ersten Mal seit über einem Jahrzehnt stand nicht der französische Präsident an der Spitze der medialen Aufmerksamkeit, sondern ein Mann aus Washington. Donald Trump dominierte die französische Berichterstattung wie kein anderer. Nicht ein bisschen. Sondern mit Wucht.

    Fast eine Million Mal tauchte sein Name in französischen Medien auf. Eine Zahl, die hängen bleibt wie Kaugummi unter dem Schuh.

    Und plötzlich stellt sich eine unbequeme Frage: Was sagt das über Frankreich – und über uns als Nachrichtenkonsumenten?


    Zahlen, die knallen

    Die Messung stammt von Tagaday, einer Plattform für Medienbeobachtung, die seit Jahren Tausende Quellen auswertet. Zeitungen, Onlineportale, TV, Radio – alles wandert in den großen Datenkessel.

    Das Ergebnis für 2025:
    947.294 Erwähnungen für Donald Trump.
    671.125 für Emmanuel Macron.

    Ja, richtig gelesen. Emmanuel Macron landete auf Platz zwei. Für französische Verhältnisse fast schon ein kleiner Medienumsturz.

    Seit 2013 stand der jeweilige Präsident der Republik zuverlässig ganz oben. Selbst Krisen, Wahlkämpfe, Gelbwesten, Pandemiejahre änderten daran nichts. Bis jetzt.

    Man spürt förmlich, wie Redaktionen kurz innehalten mussten, als diese Zahlen auf dem Tisch lagen. Das gab es noch nie.


    Ein Präsident, der Schlagzeilen liefert wie am Fließband

    Warum ausgerechnet Trump?

    Die kurze Antwort: weil er es versteht, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Die längere ist spannender.

    2025 markierte den Beginn seiner zweiten Amtszeit. Allein das sorgte für Dauerbetrieb in den Auslandsressorts. Doch Trump beließ es nicht bei Antrittsreden und höflichen Gipfelfotos. Er polterte, provozierte, überraschte – manchmal alles gleichzeitig.

    Neue Zölle hier. Ein scharfer Tweet dort. Ein diplomatischer Affront, gefolgt von einem vermeintlichen Versöhnungsangebot. Redaktionen lieben solche Dramaturgien. Sie funktionieren wie Serienfolgen. Wer einmal einsteigt, bleibt dran.

    Ein französischer Redakteur brachte es in einem Off Gespräch trocken auf den Punkt:
    „Trump ist kein Politiker. Er ist ein Dauerereignis.“

    Ganz ehrlich – wer würde da widersprechen?


    Amerika, das uns näher rückt

    Dabei geht es nicht nur um den Mann selbst. Es geht um die Folgen seiner Entscheidungen. Handelspolitik. Sicherheit. NATO. Ukraine. Nahost. Technologie.

    Amerikanische Politik trifft Europa direkt. Und Frankreich ganz besonders. Wenn Trump Zölle erhöht, spüren es französische Winzer. Wenn er an der NATO rüttelt, geraten sicherheitspolitische Grundannahmen ins Wanken.

    Das Ausland rückt näher an den Frühstückstisch.

    Die Globalisierung der Nachrichten sorgt dafür, dass Washington nicht mehr weit weg wirkt. Im Gegenteil. Es fühlt sich manchmal an, als säße Trump mit am Küchentisch und kommentiere den Tag.

    Ist das beunruhigend? Oder einfach Realität?


    Medien im Sog der Provokation

    Trump spricht in Soundbites. Kurze Sätze. Klare Feindbilder. Wenig Grautöne. Das passt perfekt in die Logik moderner Medien. Überschriften brauchen Reibung. Talkshows brauchen Kontroverse. Social Media braucht Emotion.

    Und Trump liefert. Immer.

    Ein Satz von ihm reicht, um Expertenrunden zu füllen. Ein Halbsatz erzeugt Gegendarstellungen, Fact Checks, Kommentare. Selbst seine Kritiker kommen an ihm nicht vorbei.

    Ironisch eigentlich: Wer ihn kritisieren will, vergrößert seine Präsenz.

    Ein bisschen wie bei diesem einen Verwandten auf Familienfeiern, über den alle die Augen verdrehen – und der trotzdem das Gesprächsthema Nummer eins bleibt.


    Macron im Schatten des globalen Dauerfeuers

    Heißt das, Emmanuel Macron verlor an Bedeutung? Nicht wirklich. Seine Medienpräsenz blieb hoch. Sehr hoch sogar.

    Doch sie wirkte fast nüchtern im Vergleich zum amerikanischen Trommelfeuer. Nationale Reformen, Haushaltsfragen, europäische Gipfel – all das findet statt, aber ohne die emotionale Wucht, die Trump mitbringt.

    Ein Beobachter formulierte es so:
    „Macron erklärt. Trump inszeniert.“

    Das eine wirkt rational. Das andere elektrisiert.

    Und in Zeiten permanenter Reizüberflutung gewinnt oft das Lautere.


    Ein Blick in die Redaktionen

    Fragt man Journalistinnen und Journalisten, klingt oft leise Ermüdung durch. Trump verkauft sich gut, ja. Aber er frisst Ressourcen. Jeder Tweet muss geprüft, eingeordnet, kommentiert werden.

    Trotzdem führt kein Weg an ihm vorbei.

    „Wenn wir ihn ignorieren, sind wir irrelevant“, sagt ein Redaktionsleiter. „Wenn wir ihn bringen, verstärken wir den Effekt.“

    Ein klassisches Dilemma.

    Und genau hier liegt der Kern der Debatte: Steuern Medien die Aufmerksamkeit – oder folgen sie ihr nur?


    Aufmerksamkeit ist nicht Zustimmung

    Ein wichtiger Punkt geht in der Diskussion oft unter. Hohe Präsenz bedeutet keine Beliebtheit. In Frankreich bleibt Trump hochgradig umstritten. Viele Artikel erscheinen kritisch, warnend, distanziert.

    Medien zählen Nennungen, keine Sympathiepunkte.

    Doch selbst negative Berichterstattung verstärkt Sichtbarkeit. Das kennen wir aus der Popkultur, aus Skandalen, aus Social Media. Empörung verbreitet sich schneller als Zustimmung.

    Oder anders gefragt: Was bleibt stärker im Kopf – ein nüchterner Gesetzesentwurf oder ein provokanter Satz?


    Die Verschiebung des medialen Blicks

    Dass ein ausländischer Präsident die französische Medienlandschaft dominiert, zeigt einen tiefgreifenden Wandel. Nationale Themen teilen sich den Raum zunehmend mit globalen Entwicklungen.

    Kriege, Handelskonflikte, Klimapolitik – alles hängt zusammen. Die Redaktion in Paris denkt längst international.

    Manche begrüßen das. Andere sorgen sich um die Balance. Bleiben soziale Fragen auf der Strecke? Verdrängt die große Weltpolitik den Alltag vor der Haustür?

    Eine berechtigte Frage. Eine einfache Antwort gibt es nicht.


    Gespräche am Küchentisch

    Zurück nach Lyon. Am Sonntagstisch diskutieren zwei Generationen. Die Eltern erinnern sich an Zeiten, in denen französische Innenpolitik alles bestimmte. Die Kinder scrollen durch internationale Feeds.

    Trump taucht in beiden Welten auf.

    „Der ist überall“, sagt jemand.
    „Leider“, sagt ein anderer.
    „Oder zum Glück“, murmelt ein Dritter.

    So entstehen Debatten. Und genau davon lebt Öffentlichkeit.


    Ein Jahr, das bleibt

    2025 markiert eine Zäsur. Nicht, weil Trump Frankreich regiert hätte. Sondern weil er zeigte, wie sehr nationale Medien Teil einer globalen Bühne sind.

    Seine Präsenz fungiert als Seismograf. Sie zeigt, wo Spannungen liegen, welche Themen drängen, welche Ängste mitschwingen.

    Ob das gut ist? Darüber lässt sich streiten. Dass es aufschlussreich ist, steht außer Frage.

    Und vielleicht liegt darin der eigentliche Wert dieser Statistik. Sie hält uns einen Spiegel vor.

    Was schauen wir an? Worüber sprechen wir? Und warum eigentlich immer wieder derselbe Name?


    Ein Artikel von M. Legrand

  • Wenn Brücken nachgeben – Südfrankreich unter Wasser

    Wenn Brücken nachgeben – Südfrankreich unter Wasser

    Es beginnt oft harmlos. Regen, der gegen die Scheiben trommelt, dunkle Wolken über dem Mittelmeer, ein dumpfes Grollen in der Ferne. Doch was sich seit Donnerstag über Teilen Südfrankreichs entlädt, trägt längst andere Züge. In der Nacht auf Freitag ist in Saint-Florent, einer kleinen korsischen Hafenstadt westlich von Bastia, ein Straßenbauwerk teilweise eingestürzt. Eine Brücke, die den Ortskern mit Oletta verbindet, hat dem Druck der Wassermassen nicht standgehalten. Verletzt wurde niemand.

    Die Brücke über die Départementstraße RD81 wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Kein monumentales Bauwerk, kein touristisches Postkartenmotiv. Und doch ist sie eine Lebensader. Pendler, Lieferverkehr, Schulbusse – sie alle nutzen diesen Übergang. Seit Donnerstag steht der gesamte Bezirk Haute-Corse unter Wetterwarnstufe Orange wegen Starkregen und Hochwasser. Regen, der nicht fällt, sondern stürzt. Regen, der Böden sättigt, Flüsse anschwellen lässt und selbst robuste Infrastruktur mürbe macht.

    Die Einsatzkräfte arbeiten im Akkord. Rund fünfzig Einsätze verzeichnet der Straßendienst, fast vierzig die Feuerwehr. Erdrutsche, überschwemmte Fahrbahnen, blockierte Zufahrten. Die Niederschlagsmengen sprengen statistische Gewohnheiten: Zwischen eineinhalb- und viermal so viel Regen wie im Dezember des Vorjahres ist gefallen. Zahlen, die trocken klingen, in der Realität aber nach Schlamm riechen und nach Öl aus Heizungen, das sich auf überschwemmten Straßen ausbreitet.

    Während Korsika versucht, den Schaden zu begrenzen, spielt sich auf dem Festland ein ähnliches Szenario ab. In den Pyrénées-Orientales, ebenfalls unter Warnstufe Orange, sind binnen weniger Stunden mehr als einhundert Liter Regen niedergegangen. Ein ganzer Monat, zusammengedrängt in einen einzigen Tag. Die Flüsse Agly und Réart führen Hochwasser, die Pegel steigen schneller, als mancher Anwohner reagieren kann. Die Prognosen für die kommenden 24 Stunden lesen sich wie ein Déjà-vu: weitere fünfzig bis achtzig Liter in den Binnenlagen.

    Man spürt in diesen Regionen eine Mischung aus Routine und Erschöpfung. Die Feuerwehr zählt bislang 53 Einsätze. Keller laufen voll, Straßen verwandeln sich in Bäche, Kliniken sichern ihre Technik. In Théza stehen die Untergeschosse einer Klinik unter Wasser, die Lage sei stabil, wie es in der nüchternen Sprache der Behörden heißt. Zwei Menschen werden aus einem Campingplatz nahe Saint-Nazaire evakuiert, vorsorglich, bevor aus Risiko Gewissheit wird. Mehrere Départementstraßen sind gesperrt. Namen und Nummern, die für Außenstehende abstrakt bleiben, für die Bewohner jedoch den Unterschied zwischen Umweg und Isolation bedeuten.

    Und dann ist da noch der Faktor Mensch. In Pollestres, einer Gemeinde südlich von Perpignan, verliert der Bürgermeister die Geduld. Mehrfach müssen er und seine Gemeinderäte Autofahrer stoppen, die trotz Absperrungen versuchen, über geflutete Furten zu fahren. „Es kann hier schreckliche Tragödien geben“, sagt er. Ein Satz, der hängen bleibt. Weil er an eine unbequeme Wahrheit erinnert: Naturkatastrophen töten selten allein. Es sind oft Leichtsinn, Gewohnheit oder der Gedanke „Das schaffe ich schon“, die aus Gefahr Drama machen. Klartext aus dem Rathaus, ein emotionaler Ausbruch – absolut nachvollziehbar.

    Solche Wetterlagen treffen Frankreich nicht unvorbereitet. Warnsysteme funktionieren, Einsatzkräfte sind erfahren, die Kommunikation läuft. Und doch zeigt jeder Starkregen aufs Neue, wie fragil selbst gut organisierte Strukturen sein können. Eine Brücke, jahrzehntelang selbstverständlich, wird plötzlich zum Symbol. Für Verschleiß. Für veränderte klimatische Bedingungen. Für die Frage, wie belastbar unsere Infrastruktur wirklich ist.

    Man hört in Gesprächen vor Ort Sätze wie: „So etwas gab es früher nicht.“ Vielleicht stimmt das. Vielleicht täuscht auch die Erinnerung. Sicher ist nur: Die Häufung extremer Wetterereignisse verändert Wahrnehmung und Alltag. Gemeinden müssen schneller reagieren, Bürger aufmerksamer sein. Geduld wird zur Sicherheitsmaßnahme.

    Bis zum Freitagmittag meldeten die Behörden keine Opfer und keine größeren Sachschäden. Eine Momentaufnahme. Die kommenden Stunden bleiben kritisch. Regen kennt keine Bürozeiten, Hochwasser keine Feiertage. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass Warnungen ernst genommen werden und dass die nächste Brücke hält.

    Und vielleicht auch die leise Erkenntnis, dass Vorsicht keine Übertreibung ist. Sondern schlicht gesunder Menschenverstand.

    Autor: Daniel Ivers

  • Schüsse in der Weihnachtszeit – tödliches Verbrechen erschüttert Bordeaux

    Schüsse in der Weihnachtszeit – tödliches Verbrechen erschüttert Bordeaux

    Die Nacht vom 25. auf den 26. Dezember hat im Norden von Bordeaux eine Spur hinterlassen, die weit über das eigentliche Tatgeschehen hinausreicht. Während andernorts noch Lichterketten glühten und die letzten Reste des Weihnachtsessens auf den Tischen standen, fiel im Quartier der Aubiers ein junger Mann tödlichen Schüssen zum Opfer. Ein Verbrechen, das die Stadt aufschreckt, Fragen aufwirft und alte Wunden wieder aufreisst. Gegen 22.30 Uhr hallten auf der Place Ginette-Neveu mehrere Schüsse durch die kühle Dezemberluft. Augenzeugen berichten von einem kurzen Moment der Starre, dann von Schreien, hastigen Schritten, flackerndem Blaulicht. Der Getroffene, ein 2006 geborener Mann aus Trappes, war noch nicht einmal zwanzig. Zwei Kugeln hatten ihn getroffen. Schwer verletzt wurde er ins Krankenhaus gebracht. Dort erlag er wenige Stunden später, am Morgen des 26. Dezember, seinen Verletzungen. Dass dieser Tod kein zufälliges Unglück war, darauf deutete früh vieles hin. Die Ermittler gingen …

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  • Weihnachten am Atlantik – wenn der Winter plötzlich nach Salz und Freiheit schmeckt

    Weihnachten am Atlantik – wenn der Winter plötzlich nach Salz und Freiheit schmeckt

    Der 26. Dezember beginnt leise. Kein Krachen von verfrühten Silvesterböllern, kein hektisches Kofferrollen über Hotelböden. Stattdessen: ein langer Strand, kühler Sand unter den Schuhen, ein Himmel, der sich nicht entscheiden mag zwischen Blau und Grau. In Arcachon riecht Weihnachten nach Meer. Nach Tang, Austern, Kaffee aus Pappbechern. Und nach dieser besonderen Ruhe, die nur der Winter an der Küste kennt.

    Wer hier ankommt, merkt schnell: Das ist kein klassischer Badeurlaub. Niemand rennt ins Wasser, niemand sucht den perfekten Sonnenplatz. Die Menschen kommen aus einem anderen Grund. Sie wollen Abstand. Vom Lärm. Vom Alltag. Vielleicht auch von der eigenen Couch, die nach drei Tagen Plätzchen und Familienprogramm plötzlich sehr klein wirkt.

    Ein paar Meter weiter bleibt eine Familie stehen. Die Kinder zeigen auf die Wellen, die in gemächlichem Rhythmus anrollen. Kein Drama, kein Spektakel – eher ein ruhiges Gespräch zwischen Ozean und Ufer. „Guck mal, Papa, da hinten ist alles blau“, sagt eines der Kinder. Ein Satz, so simpel, dass er fast philosophisch wirkt.

    Warum zieht es so viele ausgerechnet jetzt an den Atlantik?

    Die Antwort liegt irgendwo zwischen Wetterbericht und Bauchgefühl.

    Zwischen Feiertagsstille und Fernweh

    Die zweite Woche der Weihnachtsferien startet. Auf den Autobahnen staut sich der Verkehr, Bison Futé rechnet mit vollen Straßen in Richtung Urlaubsregionen. Die Klassiker sind schnell erklärt: Alpen, Pyrenäen, Schneegarantie. Doch während oben die Skilifte rattern, entdecken unten immer mehr Menschen den Reiz der Nebensaison am Meer.

    Arcachon erlebt dieser Tage genau das. Keine Hochsaison, kein Sommertrubel – aber volle Gehwege, belebte Cafés, Restaurants mit Warteschlangen. Das Leben kehrt zurück, allerdings in Wintergeschwindigkeit.

    Und genau das gefällt vielen.

    Ein Vater aus Toulouse sagt es so: „Hier atmet alles langsamer. Wir kommen runter.“ Seine Frau nickt, zieht den Schal enger. Die Kinder sammeln Muscheln, als wären es Schätze. Vielleicht sind sie das auch.

    Die Atlantikküste im Winter hat etwas Ehrliches. Sie versteckt sich nicht hinter Postkartenmotiven. Der Wind zeigt Kante, die Wellen auch. Aber gerade darin liegt der Reiz – keine Maskerade, keine Kulisse.

    Ist das nicht genau das, was viele nach Weihnachten suchen?

    Austern statt All Inclusive

    In einer kleinen Austernhütte nahe dem Hafen herrscht Betrieb. Holztische, grobe Bänke, Zitrone in Spalten geschnitten. Eine Familie aus dem Landesinneren probiert sich durch die Schalen. Es wird gelacht, geschmatzt, diskutiert.

    „Wir haben so viele Austern gegessen wie noch nie“, sagt Manon, die mit ihrer Familie zum ersten Mal Weihnachten im Bassin verbringt. Kein Skiurlaub, keine Großstadt. Stattdessen: lokale Produkte, direkte Wege, Gespräche mit Produzenten. Kurz gesagt – echtes Leben.

    Die Kinder wirken begeistert. Nicht von Luxus, sondern von Weite. Vom Meerblick. Von der Idee, dass Weihnachten auch anders aussehen darf.

    „Ich mag es, wenn ich das Meer sehe“, sagt eines von ihnen. „Man kann Burgen bauen.“
    Der Satz bleibt hängen.

    Vielleicht, weil er so wunderbar klar macht, worum es hier eigentlich geht.

    Nicht um Destinationen. Sondern um Gefühle.

    Die Magie des Winters ohne Kitsch

    Arcachon im Dezember verzichtet auf große Inszenierung. Die Weihnachtsbeleuchtung ist da, ja. Aber sie drängt sich nicht auf. Keine überbordenden Märkte, keine Dauerbeschallung. Stattdessen Spaziergänge entlang der Promenade, Möwenrufe, das Knirschen von Kies.

    Manchmal setzt man sich einfach auf eine Bank. Schaut aufs Wasser. Denkt nach. Oder auch nicht.

    Ein älteres Paar, Stammgäste seit Jahren, kommt immer im Winter. „Im Sommer ist es schön“, sagen sie, „aber jetzt gehört der Ort uns ein bisschen mehr.“ Das klingt nicht arrogant, eher dankbar.

    Hier entstehen Gespräche. Mit Fremden. Mit sich selbst. Und manchmal auch mit der Natur – still, ohne große Worte.

    Wer braucht schon Après Ski, wenn ein heißer Kaffee mit Meerblick denselben Effekt hat?

    Wirtschaftlicher Segen in ruhigen Wochen

    Für die Geschäftsleute in der Innenstadt sind diese Tage Gold wert. Nach einem oft zähen Herbst bringen die Feiertage neue Energie. In den Schaufenstern spiegeln sich dicke Mäntel, Schals, neugierige Gesichter.

    Ein Verkäufer sagt: „Dieses Jahr sind es mehr als letztes.“ Das Wetter spielt mit, die Sonne lässt sich blicken. Und das reicht oft schon.

    Vor einem Restaurant bildet sich zur Mittagszeit eine Schlange. Kein Murren, kein Stress. Man wartet, plaudert, schaut sich um. Nolan Colas, Restaurantleiter eines italienischen Lokals, beobachtet das Treiben mit einem Lächeln. „Man spürt die Stimmung“, sagt er. „Die Leute haben Zeit.“

    Zeit – dieses Wort fällt oft in diesen Tagen.

    Und vielleicht erklärt es alles.

    Urlaub ohne Programm

    Was tut man hier eigentlich den ganzen Tag?

    Man geht spazieren. Sehr viel sogar. Man isst. Man trinkt Kaffee. Man redet. Und zwischendurch: nichts. Einfach nichts.

    Ein junger Mann sitzt mit seinem Hund am Strand. Er arbeitet sonst im IT Bereich, erzählt er, immer online, immer erreichbar. Hier schaltet er ab. Kein Laptop, kaum Empfang. „Das Meer zwingt dich dazu“, sagt er lachend. „Es ist stärker als jede To Do Liste.“

    Solche Sätze hört man öfter.

    Der Atlantik im Winter wirkt wie ein Reset Knopf.

    Kinder, Wind und rote Nasen

    Für Kinder ist diese Umgebung ein Abenteuer ohne Regeln. Keine festen Zeiten, keine Attraktionen mit Eintritt. Nur Sand, Wasser, Wind. Und Eltern, die plötzlich Zeit haben.

    Rote Nasen, kalte Finger, leuchtende Augen.

    Manche ziehen Drachen hinter sich her, andere jagen Möwen, wohl wissend, dass sie nie eine erwischen. Aber darum geht es auch nicht.

    Es geht ums Rennen. Ums Lachen. Ums Draußensein.

    Wann hatten wir das zuletzt?

    Eine andere Art von Festlichkeit

    Weihnachten am Atlantik fühlt sich weniger nach Pflichtprogramm an. Mehr nach Pause. Nach einem tiefen Atemzug zwischen den Jahren.

    Abends ziehen sich die Lichter der Restaurants warm durch die Straßen. Drinnen klirren Gläser, draußen rauscht das Meer. Keine große Party – eher ein kollektives Ausatmen.

    Und irgendwann, beim Blick auf die dunkle Wasserlinie, denkt man vielleicht: Genau so sollte Urlaub sich anfühlen.

    Einfach. Ehrlich. Und ein bisschen salzig.

    Bleibt die Magie?

    Noch ein paar Tage dauert diese Zwischenzeit. Dann kehren viele zurück – in den Alltag, in die Routinen. Aber etwas bleibt.

    Vielleicht ein Geruch. Vielleicht ein Bild. Vielleicht nur die Erinnerung daran, dass Weihnachten auch leise sein darf.

    Und dass der Atlantik selbst im Winter ein Ort ist, der wärmt.

    Wer weiß – vielleicht wird daraus eine neue Tradition?

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Wenn rechte Politiker die Buchläden erobern

    Wenn rechte Politiker die Buchläden erobern

    Es beginnt oft ganz harmlos. Ein Spaziergang durch die Buchhandlung kurz vor Weihnachten. Der Geruch von Papier, ein bisschen Staub, ein Hauch Kaffee von nebenan. Und dann diese Tische. Hoch gestapelt. Immer dieselben Gesichter. Immer dieselbe politische Ecke. Rechte und rechtsextreme Politiker domi…

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  • Wenn das Wasser bleibt und Weihnachten davonschwimmt

    Wenn das Wasser bleibt und Weihnachten davonschwimmt

    Der Morgen danach fühlt sich seltsam an.
    Zu ruhig.
    Fast so, als halte die kleine Stadt den Atem an.

    In Sommières liegt der Duft von feuchtem Stein in der Luft, gemischt mit Reinigungsmittel und dieser undefinierbaren Note, die nur Hochwasser hinterlässt. Wer hier lebt, kennt das Geräusch des Vidourle. Sein Murmeln, sein Rauschen, manchmal sein Grollen. Doch diesmal kam er schneller, höher, kompromissloser.

    Und es nahm sich, was ihm im Weg stand.

    Ein Fluss mit Gedächtnis

    Der Vidourle gilt als launisch. Ein Fluss, der lange schläft und dann plötzlich explodiert. Die Alten erzählen von früher, von Wasserständen, die Türen aufdrückten, von Nächten ohne Strom und Kerzen auf Fensterbänken. Geschichten, die nach Anekdoten klingen. Bis sie Realität werden.

    Innerhalb weniger Stunden stieg am 24. Dezember 2025 der Pegel auf über vier Meter.
    Vier Meter — das ist kein Zahlenspiel. Das bedeutet Strassen und Häuser unter Wasser, Kühlschränke unbrauchbar, Erinnerungen zerstört.

    Wer hier an diesem Dezembermorgen durch die Altstadt läuft, hört kaum Stimmen. Stattdessen Schaufeln. Pumpen. Das Kratzen von Besen über Pflastersteine. Und zwischendurch ein resigniertes Lachen, so eines, das sagt: Was willst du machen?

    Der Abend vor dem Fest

    Weihnachten stand vor der Tür. Normalerweise klirren Gläser, Tische rücken enger zusammen, Reservierungen stapeln sich in den Restaurants. In diesem Jahr liegen statt Servietten Müllsäcke bereit.

    Grégory Enimie, Restaurantbesitzer, steht in Gummistiefeln zwischen offenen Kühlschränken. Blauschimmelkäse, Ziegenkäse, Fleisch, Jakobsmuscheln, Trüffel — alles landet im Müllcontainer. Ein wirtschaftlicher Totalschaden von rund 30.000 Euro.
    Er schaut kurz hoch, zuckt mit den Schultern.

    „Das vergisst man nicht“, sagt er.
    Und meint damit nicht nur den finanziellen Schlag.

    Seit zwei Jahren erst betreibt er sein Lokal hier. Hochwasser? Gehört. Gesehen? Nein. Jetzt schon. Ein unfreiwilliger Taufakt. Einer, den man niemandem wünscht.

    Ein Meter Wasser im Gastraum. Die Küche zerstört. Die Steckdosen tot. Der Geruch von Schlamm hängt in jeder Ecke. Und trotzdem: kein Pathos. Nur dieser nüchterne Blick nach vorn.

    Oder besser gesagt — der Versuch.

    Nebenan das gleiche Bild

    Ein paar Straßen weiter das Restaurant La Cabane.
    Leslie Guirao steht in einem Raum voller Edelstahl, der stumpf wirkt, matt, leblos. Öfen, Kühlhäuser, Regale — alles hat Wasser gezogen. Nichts lässt sich einschalten. Nichts testen. Erst trocknen. Dann hoffen.

    Sie hatte für die Feiertage geöffnet.
    Geplant. Eingekauft. Vorbereitet.

    Jetzt? Stillstand.

    „Wir warten, bis alles trocken ist“, sagt sie.
    Ein Satz, der harmlos klingt und doch so viel Unsicherheit trägt.

    Was, wenn nichts mehr funktioniert?
    Was, wenn Versicherungen zögern?
    Was, wenn die Hilfe zu spät kommt?

    Fragen, die im Raum stehen wie feuchte Wände.

    Die Stadt im Ausnahmezustand

    Sommières steht nicht allein. Auch Teile des Gard und des Hérault melden massive Schäden. Straßen unterspült, Keller geflutet, Felder durchnässt. Die große Welle rollt durch die Region und trifft vor allem jene, die ohnehin knapp kalkulieren.

    Die Kommune reagiert.
    Eine Anfrage auf Anerkennung des état de catastrophe naturelle geht raus. Bürokratie klingt trocken, doch dahinter steckt Hoffnung. Anerkennung bedeutet Unterstützung. Erleichterungen. Versicherungszahlungen ohne endlose Diskussionen.

    Für viele entscheidet dieses Dokument darüber, ob sie weitermachen oder aufgeben.

    Und seien wir ehrlich — wer hätte kurz nach Weihnachten die Kraft, alles von vorne aufzubauen?

    Wenn das Wasser geht, bleibt die Arbeit

    Die Pegel sinken. Die Kameras verschwinden. Die Schlagzeilen wandern weiter. Zurück bleibt Alltag. Schwerer, langsamer, dreckiger Alltag.

    Man schrubbt Böden.
    Man trocknet Mauern.
    Man zählt Verluste.

    Ein älterer Herr vor seinem Haus winkt müde ab: „Der Vidourle nimmt, der Vidourle gibt.“
    Ein Spruch wie aus einem alten Film. Aber diesmal gibt er wenig zurück.

    Trotzdem: Niemand spricht von Wegziehen. Sommières ist Heimat. Wer hier bleibt, weiß um das Risiko. Und akzeptiert es irgendwie. Vielleicht aus Liebe. Vielleicht aus Sturheit.

    Oder aus beidem.

    Zwischen Fatalismus und Solidarität

    Es gibt Momente, da hilft kein Versicherungsgutachten, kein Formular, kein Antrag. Da hilft nur Nachbarschaft. Und genau die zeigt sich jetzt. Freiwillige kommen mit Pumpen. Freunde bringen Kaffee. Unbekannte helfen beim Schleppen.

    Einer ruft: „Braucht ihr noch Eimer?“
    Eine kleine Geste, große Wirkung.

    Man redet mehr als sonst. Tauscht Erfahrungen aus. Lacht an Stellen, wo Lachen eigentlich fehl am Platz scheint. Aber genau das hält aufrecht.

    Ist das vielleicht das Paradoxe an solchen Katastrophen — dass sie zerstören und gleichzeitig verbinden?

    Ein Fluss als Spiegel der Zeit

    Der Vidourle erinnert daran, wie verletzlich selbst jahrhundertealte Städte sind. Mauern, die Kriege überstanden, knicken vor Wasser ein. Technik versagt. Pläne zerfließen.

    Klimatische Veränderungen?
    Darüber spricht man leiser, fast vorsichtig.

    Doch in vielen Gesprächen schwingt mit: So hoch war es früher selten.
    So schnell kam es auch nicht.

    Niemand will Panik verbreiten. Aber niemand ignoriert die Zeichen.

    Weihnachten ohne Glanz

    Die Lichterketten hängen trotzdem. Vielleicht aus Trotz. Vielleicht aus Hoffnung. Vielleicht, weil man sich nicht alles nehmen lassen will.

    In einigen Restaurants bleibt es dunkel. Andere improvisieren. Eine Suppe auf dem Gaskocher. Ein Glas Wein im Stehen. Improvisation als Überlebensstrategie.

    Und irgendwo zwischen Schlamm und Lichterglanz stellt sich diese leise Frage:
    Wie oft lässt sich neu anfangen, ohne müde zu werden?

    Die leisen Helden

    Es sind keine großen Reden, die hier zählen. Sondern Hände, die anpacken. Schultern, die tragen. Menschen, die bleiben.

    Ein Feuerwehrmann, seit drei Nächten im Einsatz.
    Eine Bäckerin, die Brot verschenkt.
    Ein Schüler, der nach der Schule beim Ausräumen hilft.

    Keine Kameras. Kein Applaus. Nur Alltag im Ausnahmezustand.

    Hoffnung zwischen den Pflastersteinen

    Sommières hat schon viel gesehen. Römer. Händler. Hochwasser. Und immer wieder Neuanfänge. Die Stadt steht noch. Angeschlagen, ja. Aber nicht gebrochen.

    Die Anerkennung als Naturkatastrophe hilft. Doch sie heilt nicht alles. Was heilt, ist Zeit. Geduld. Und dieser eigentümliche südfranzösische Trotz, der sagt: On continue.

    Man macht weiter.

    Langsam.
    Mit Pausen.
    Mit Humor — manchmal ziemlich schwarzem.

    Und während der Vidourle wieder ruhiger durch sein Bett fließt, bleibt eine stille Bitte in der Luft: Beim nächsten Mal etwas gnädiger zu sein.

    Ob der Fluss zuhört?

    Ein Artikel von M. Legrand