Autor: Nachrichten

  • Frankreich stöhnt unter ungewöhnlichem Hitzedom

    Frankreich stöhnt unter ungewöhnlichem Hitzedom

    Frankreich erlebt Ende Mai eine Wetterlage, die sonst eher in den Hochsommer gehört. Ein mächtiger sogenannter „Hitzedom“ legt sich derzeit über weite Teile des Landes und sorgt für Temperaturen, die vielerorts deutlich über der 30-Grad-Marke liegen. Besonders betroffen sind Regionen im Westen, rund um Paris sowie Teile des Südwestens und des Rhônetals.

    Meteorologen sprechen von einer außergewöhnlichen Situation. Der Hitzedom funktioniert wie ein riesiger Deckel am Himmel: Ein stabiles Hochdruckgebiet hält die warme Luft fest, die zuvor aus Nordafrika über Spanien nach Frankreich geströmt ist. Die Hitze staut sich regelrecht über dem Land. Nachts kühlt es kaum ab — genau das macht solche Wetterlagen für den menschlichen Körper so belastend.

    In einigen Regionen steigen die Temperaturen auf bis zu 35 oder sogar 36 Grad. Für Ende Mai sind solche Werte äußerst selten. Viele Franzosen greifen schon jetzt zu Ventilatoren, geschlossenen Rollläden und den klassischen Wasserflaschen im Kühlschrank. In den Straßencafés von Bordeaux oder Lyon suchen Gäste verzweifelt die wenigen Schattenplätze. „Das fühlt sich eher nach Juli an“, hört man derzeit vielerorts.

    Besonders bemerkenswert: Noch nie seit Einführung des französischen Hitzewarnsystems im Jahr 2004 wurde so früh im Jahr eine derartige Alarmstufe ausgelöst. Der Wetterdienst Météo-France hat inzwischen zahlreiche Départements auf erhöhte Wachsamkeit gesetzt. Dazu zählen unter anderem Teile der Bretagne, der Großraum Paris sowie Regionen entlang der Atlantikküste.

    Die Gesundheitsbehörden mahnen zur Vorsicht. Vor allem ältere Menschen, Kinder und Personen, die draußen arbeiten, gelten als gefährdet. Schon die gelbe Warnstufe signalisiert ein reales Gesundheitsrisiko. Ärzte raten dazu, körperliche Anstrengungen während der heißesten Stunden zu vermeiden, ausreichend Wasser zu trinken und Wohnungen möglichst kühl zu halten. Klingt banal — doch genau diese simplen Regeln geraten im Alltag schnell unter die Räder.

    Gleichzeitig flammt erneut die Debatte über den Klimawandel auf. Klimaforscher beobachten seit Jahren, dass frühe und intensive Hitzeperioden in Europa häufiger auftreten. Was früher als Ausnahme galt, entwickelt sich Stück für Stück zur neuen Realität. Besonders Frankreich zählt zu den europäischen Ländern, die in den vergangenen Jahren wiederholt unter extremen Sommern litten.

    Die Erinnerung an die verheerende Hitzewelle von 2003 sitzt dort bis heute tief. Damals starben tausende Menschen an den Folgen extremer Temperaturen. Seitdem reagiert der Staat deutlich sensibler auf frühe Warnzeichen. Schulen, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen stehen inzwischen unter besonderer Beobachtung, sobald die Temperaturen mehrere Tage hoch bleiben.

    Noch handelt es sich offiziell nicht um eine flächendeckende nationale Hitzekrise. Doch viele Franzosen ahnen bereits: Der Sommer 2026 könnte sehr früh begonnen haben. Und zwar mit voller Wucht.

    Von C. Hatty

  • Frankreich investiert erneut Milliarden in die Problemstrecke Clermont–Paris

    Frankreich investiert erneut Milliarden in die Problemstrecke Clermont–Paris

    Die französische Regierung kündigt eine weitere milliardenschwere Modernisierung der Bahnverbindung zwischen Clermont-Ferrand und Paris an. Verkehrsminister Philippe Tabarot stellte zusätzliche Investitionen von 450 Millionen Euro für die Jahre 2028 bis 2031 in Aussicht. Damit soll eine Strecke saniert werden, die seit Jahren als Symbol für die strukturellen Schwächen des klassischen französischen Eisenbahnnetzes gilt. Bereits zwischen 2018 und 2027 flossen rund 1,3 Milliarden Euro in die Verbindung. Dennoch blieb die Strecke immer wieder wegen massiver Verspätungen, technischer Ausfälle und kurzfristiger Zugstreichungen in den Schlagzeilen. In Frankreich wird die Linie seit langem als „ligne maudite“ – die „verfluchte Strecke“ – bezeichnet. Besonders für die Bewohner des Zentralmassivs entwickelte sich die Bahnverbindung zu einem politischen Reizthema, das weit über regionale Verkehrspolitik hinausweist. Die neuen Mittel sollen vor allem in die grundlegende Erneuerung der Infrastruktu…

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  • Golfe Juan setzt ein grünes Zeichen am Mittelmeer

    Golfe Juan setzt ein grünes Zeichen am Mittelmeer

    Der Alte Hafen von Golfe Juan trägt 2026 erstmals die Blaue Flagge. Klingt nach einer kleinen Nachricht aus der Welt der Yachthäfen? Nicht ganz. Hinter dieser Auszeichnung steckt weit mehr als ein flatterndes Symbol im Wind der Côte d’Azur. Der traditionsreiche Hafen zwischen Cannes und Antibes rückt damit plötzlich in eine neue Rolle: Vom charmanten […]

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  • Gabriel Attal und die schwierige Suche nach dem „Post-Macronismus“

    Gabriel Attal und die schwierige Suche nach dem „Post-Macronismus“

    Gabriel Attal hat getan, was in Paris seit Monaten erwartet wurde: Der frühere Premierminister bewirbt sich offiziell um die Präsidentschaft 2027. Seine Erklärung im südfranzösischen Mur-de-Barrez war dabei mehr als eine einfache Kandidaturankündigung. Mit Sätzen wie „J’aime passionnément la France“ inszenierte sich Attal als patriotischer Optimist, als dynamischer Vertreter einer neuen Generation – und zugleich als politischer Erbe der Macron-Jahre. Gerade darin liegt jedoch sein größtes Problem. Denn Attal muss einen nahezu widersprüchlichen Spagat schaffen: Er braucht das politische Kapital Emmanuel Macrons, ohne in dessen Verschleißerscheinungen unterzugehen. Nach fast einem Jahrzehnt Macronismus ist die französische Mitte zwar weiterhin wahlfähig, aber erkennbar ermüdet. Die großen Reformversprechen von 2017 – wirtschaftliche Modernisierung, politische Erneuerung, Überwindung des alten Links-rechts-Schemas – haben an Strahlkraft verloren. Die Rentenreform, soziale Spannungen und d…

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  • Der ewige Suchende des Jazz: Sonny Rollins stirbt mit 95 Jahren

    Der ewige Suchende des Jazz: Sonny Rollins stirbt mit 95 Jahren

    Der Jazz verliert eine seiner letzten großen Figuren. Der amerikanische Tenorsaxophonist Sonny Rollins ist im Alter von 95 Jahren in seinem Haus im Bundesstaat New York gestorben. Mit ihm verschwindet nicht bloß ein Musiker der alten Schule, sondern ein Künstler, der den Jazz über Jahrzehnte hinweg …

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  • Der 26. Mai – Wendepunkte zwischen Revolution, Krieg und Kultur

    Der 26. Mai – Wendepunkte zwischen Revolution, Krieg und Kultur

    Der 26. Mai brachte im Lauf der Geschichte zahlreiche Ereignisse hervor, die bis heute nachhallen — mal laut wie Kanonendonner, mal leise wie ein politisches Signal mit langfristiger Wirkung. Manche Daten verschwinden im Nebel der Zeit. Dieses hingegen taucht immer wieder auf, quer durch Weltpolitik, Frankreichs Geschichte, Wissenschaft und Kultur.

    Ein Datum wie ein Kaleidoskop.

    In der Weltgeschichte markierte der 26. Mai 1896 die erste Berechnung des berühmten Dow-Jones-Index in den USA. Damals ahnte kaum jemand, dass daraus eines der wichtigsten Symbole des globalen Kapitalismus entstehen würde. Heute reagieren Börsen in Sekundenbruchteilen auf Krisen, Tweets oder Kriege — die Ursprünge dieses Systems reichen jedoch genau in jene Zeit zurück, als industrielle Großmächte die Welt wirtschaftlich neu ordneten.

    1940 begann während des Zweiten Weltkriegs die Evakuierung von Dünkirchen. Hunderttausende britische und französische Soldaten saßen an der französischen Küste fest, eingekesselt von der deutschen Wehrmacht. Die sogenannte „Operation Dynamo“ entwickelte sich zu einer der dramatischsten Rettungsaktionen der Militärgeschichte. Fischerboote, Fähren und zivile Schiffe fuhren über den Ärmelkanal, um Soldaten unter Bombenhagel zu retten. Für Großbritannien entstand daraus später beinahe ein nationaler Mythos — die berühmte „Dunkirk spirit“. Frankreich hingegen trug die Narben der Niederlage noch Jahrzehnte mit sich herum.

    Und dann Südafrika.

    Am 26. Mai 1948 gewann dort die Nationale Partei die Wahlen. Damit begann offiziell die Apartheidspolitik. Rassentrennung existierte bereits zuvor, doch nun erhielt sie ein gesetzliches Fundament. Schwarze Südafrikaner verloren systematisch Rechte, Bewegungsfreiheit und politische Teilhabe. Die Folgen prägen das Land bis heute. Ungleichheit, Spannungen und wirtschaftliche Unterschiede verschwanden nicht einfach mit dem Ende der Apartheid 1994. Geschichte klebt manchmal wie Teer an einer Gesellschaft.

    1972 unterzeichneten die USA und die Sowjetunion den ABM-Vertrag zur Begrenzung von Raketenabwehrsystemen. Klingt trocken — war aber mitten im Kalten Krieg ein Riesending. Die Supermächte versuchten erstmals ernsthaft, atomare Eskalationen einzudämmen. Verrückt eigentlich: Frieden entstand damals durch das Gleichgewicht gegenseitiger Zerstörung. Genau diese Logik beeinflusst bis heute Debatten über nukleare Abschreckung.

    Auch Protestbewegungen hinterließen ihre Spuren am 26. Mai. 2020 eskalierten nach der Tötung von George Floyd in Minneapolis die Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus. Die „Black Lives Matter“-Bewegung entwickelte sich zu einer weltweiten Welle des Widerstands. Demonstrationen fanden nicht nur in den USA statt, sondern auch in Paris, Berlin oder London. Plötzlich diskutierten Millionen Menschen erneut über strukturellen Rassismus, Kolonialgeschichte und Polizeigewalt. Ein Ereignis in einer amerikanischen Stadt löste eine globale Debatte aus — die Welt wirkt manchmal kleiner als ein Dorfplatz.

    Frankreich selbst verbindet mit dem 26. Mai ebenfalls einige bemerkenswerte Kapitel.

    Besonders stark wirkt bis heute der Geist des Mai 1968 nach. Zwar begannen die Studentenproteste bereits früher, doch Ende Mai erreichten Streiks und Demonstrationen ihren Höhepunkt. Fabriken standen still, Universitäten besetzten Studenten, Millionen Arbeiter legten die Arbeit nieder. Frankreich geriet politisch ins Wanken. Präsident Charles de Gaulle wirkte plötzlich nicht mehr unantastbar.

    Der damalige Aufstand veränderte das Land tiefgreifend. Gesellschaftliche Hierarchien lockerten sich, Frauenrechte gewannen an Dynamik und autoritäre Strukturen verloren an Akzeptanz. Frankreich wurde liberaler, moderner und kulturell freier. Viele heutige Debatten über soziale Gerechtigkeit oder Arbeitnehmerrechte tragen indirekt noch den Duft jener Protesttage in sich.

    Da ging’s damals echt rund in Paris.

    Ein weiteres wichtiges Ereignis ereignete sich 2011 in Deauville an der französischen Atlantikküste. Dort trafen sich die Staats- und Regierungschefs der G8-Staaten. Themen wie die arabischen Revolutionen, Wirtschaftskrisen und internationale Sicherheit standen im Mittelpunkt. Frankreich versuchte sich dabei erneut als diplomatische Schaltzentrale Europas zu präsentieren — ein Anspruch, der seit Charles de Gaulle tief im politischen Selbstverständnis des Landes steckt.

    Doch Geschichte besteht nicht nur aus Gipfeltreffen und Kriegen.

    Am 26. Mai 1926 kam der Jazzmusiker Miles Davis zur Welt. Seine Musik veränderte den Jazz fundamental. Cool Jazz, Fusion, experimentelle Klangwelten — Davis erfand sich ständig neu. Viele Musiker verehrten ihn wie einen Alchemisten der Töne. Seine Werke beeinflussen bis heute Jazz, Hip-Hop und elektronische Musik. Wer spätabends durch Paris läuft und irgendwo eine verrauchte Jazzbar entdeckt, spürt vielleicht noch ein kleines Echo davon.

    1976 starb der deutsche Philosoph Martin Heidegger. Seine Ideen prägten Philosophie, Literatur und moderne Gesellschaftskritik massiv. Gleichzeitig bleibt seine Nähe zum Nationalsozialismus ein dunkler Schatten über seinem Werk. Genau darin zeigt sich oft die Ambivalenz historischer Persönlichkeiten: Genialität und moralisches Versagen existieren manchmal erschreckend nah nebeneinander.

    Auch technische Entwicklungen machten den 26. Mai bemerkenswert.

    2006 eröffnete in Berlin der neue Hauptbahnhof — damals der größte Kreuzungsbahnhof Europas. Was auf den ersten Blick wie reine Infrastruktur aussieht, symbolisierte zugleich ein modernes, wiedervereinigtes Deutschland mitten in Europa. Bahnhöfe erzählen schließlich oft mehr über eine Epoche als dicke Geschichtsbücher. Wer ankommt, wer abreist, wer Grenzen überquert — all das spiegelt politische Realität wider.

    Und Frankreich?

    Das Land bleibt an diesem Datum eng mit europäischen Entwicklungen verbunden. Ob Zweiter Weltkrieg, Studentenrevolte oder internationale Diplomatie — Frankreich taucht immer wieder als Bühne großer historischer Umbrüche auf. Kein Wunder eigentlich. Paris galt über Jahrhunderte als Labor politischer Ideen. Revolutionen, Menschenrechte, Protestkultur — vieles nahm dort Fahrt auf.

    Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung des 26. Mai: Dieses Datum zeigt, wie eng globale und französische Geschichte miteinander verflochten sind. Entscheidungen in Washington, Proteste in Paris oder Konflikte in Südafrika beeinflussen sich gegenseitig wie Zahnräder in einer riesigen Maschine.

    Und manchmal genügt ein einziger Tag im Kalender, um genau das sichtbar zu machen.

  • PSG ohne Triumphzug auf den Champs-Élysées – Paris setzt auf Kontrolle statt Ausnahmezustand

    PSG ohne Triumphzug auf den Champs-Élysées – Paris setzt auf Kontrolle statt Ausnahmezustand

    Paris liebt seine Fußballnächte. Wenn der Paris Saint-Germain Football Club in einem europäischen Finale steht, vibriert die Stadt wie unter Strom. Cafés füllen sich bis tief in die Nacht, hupende Autokorsos ziehen über die Boulevards, an jeder Straßenecke wird diskutiert, geflucht, gehofft. Vor dem Endspiel der UEFA Champions League gegen den Arsenal F.C. richtet sich der Blick der französischen Hauptstadt erneut auf einen möglichen historischen Abend. Doch eines steht schon vor dem Anpfiff fest: Einen Triumphzug über die Champs-Élysées soll es diesmal nicht geben. Die Entscheidung wirkt wie ein kleines politisches Signal mitten im Fußballfieber. Während nach dem europäischen Titelgewinn 2025 noch Bilder von jubelnden Menschenmassen um die Welt gingen, ziehen Stadtverwaltung und Polizeipräfektur nun sichtbar die Handbremse an. Die berühmteste Avenue Frankreichs bleibt im Fall eines PSG-Erfolgs zwar nicht menschenleer, doch eine offizielle Parade der Mannschaft ist ausgeschlossen. Stat…

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  • Kommentar: Wenn das Licht in der Bäckerei ausgeht, stirbt ein Stück Frankreich

    Kommentar: Wenn das Licht in der Bäckerei ausgeht, stirbt ein Stück Frankreich

    Es beginnt oft ganz unspektakulär.

    Ein handgeschriebener Zettel an der Tür. „Fermeture définitive.“ Endgültig geschlossen. Keine große Zeremonie, kein Fernsehteam, keine Schlagzeilen. Nur ein leerer Verkaufsraum hinter beschlagenem Glas — und plötzlich fehlt im Dorf etwas, das jahrzehntelang selbstverständlich schien.

    Die Dorfbäckerei.

    Wer nie in einem französischen Dorf gelebt hat, versteht womöglich nicht, was dort eigentlich verloren geht. Eine Boulangerie verkauft nicht bloß Brot. Sie ist Treffpunkt, Nachrichtenbörse, sozialer Klebstoff. Dort begegnen sich Menschen, die sonst kaum noch irgendwo zusammenkommen. Der Rentner mit seiner Zeitung. Die Mutter auf dem Weg zur Schule. Der Landwirt vor Sonnenaufgang. Ein kurzer Gruß, zwei Sätze übers Wetter, ein Lächeln über den Tresen — banal vielleicht. Aber genau aus solchen Kleinigkeiten besteht Gemeinschaft.

    Und nun verschwinden diese Orte.

    Still. Einer nach dem anderen.

    Frankreich verliert damit nicht nur ein Geschäft. Das Land verliert einen Teil seiner Seele. Denn das Baguette war nie einfach nur Nahrung. Es gehörte zum Rhythmus des Tages wie das Läuten der Kirchenglocken oder der Duft von Kaffee am frühen Morgen. Man kaufte Brot nicht nebenbei zwischen Waschmittel und Tiefkühlpizza. Man holte es frisch, täglich, beinahe ritualisiert. Dieses Ritual zerbricht gerade.

    Natürlich kennt jeder die wirtschaftlichen Gründe. Strompreise explodieren, Rohstoffe verteuern sich, Nachwuchs fehlt. Wer möchte heute noch nachts um drei Uhr Teig kneten, während andere schlafen? Das Handwerk verlangt Härte, Disziplin und Leidenschaft. Viel Arbeit, wenig Freizeit — und oft ein Leben am Rand der Rentabilität. Viele junge Menschen sagen: Nein danke. Man kann es ihnen kaum verdenken.

    Aber genau darin liegt die Tragik.

    Eine Gesellschaft merkt oft erst dann, was sie verloren hat, wenn die Rollläden unten bleiben. Erst wenn das Dorf morgens dunkel wirkt. Erst wenn Menschen zwanzig Kilometer fahren müssen, nur um ein ordentliches Brot zu kaufen. Erst dann erkennt man: Die Bäckerei war Infrastruktur. Menschliche Infrastruktur.

    Besonders bitter wirkt der Kontrast in Frankreich. Ausgerechnet im Land des Baguettes entstehen „Brotwüsten“. Das klingt fast absurd. Als würde Italien der Kaffee ausgehen oder der Provence ihr Lavendel. Und doch geschieht genau das — langsam, leise, fast schleichend.

    Sicher, vielerorts entstehen Ersatzlösungen. Automaten, Backstationen, Lieferdienste. Praktisch. Effizient. Aber Hand aufs Herz: Ein aufgebackenes Industriebrötchen ersetzt keinen echten Bäcker. Es ersetzt nicht den Duft eines warmen Fournils, nicht das knisternde Papier unter dem Arm, nicht das Gefühl, Teil eines lebendigen Dorfes zu sein.

    Vielleicht unterschätzt unsere Zeit solche Orte, weil sie keinen schnellen Profit versprechen. Weil man Gemeinschaft nicht in Quartalszahlen messen kann. Doch genau dort, zwischen Mehlsäcken und Backofen, entstand über Jahrzehnte etwas, das moderner Politik zunehmend entgleitet: Nähe.

    Und wenn diese Nähe verschwindet, bleibt mehr zurück als ein leerstehendes Geschäft.

    Es bleibt Stille.

    Andreas M. Brucker

  • Wenn das Baguette verschwindet: Frankreichs stille „Brotwüsten“

    Wenn das Baguette verschwindet: Frankreichs stille „Brotwüsten“

    Wer in Frankreich an eine Bäckerei denkt, denkt selten nur an Brot. Vor dem inneren Auge tauchen kleine Dorfgassen auf, der Duft warmer Croissants, Menschen mit Papierbeuteln unter dem Arm. Die Boulangerie gehört dort zum Alltag wie das Läuten der Kirchenglocken oder der Kaffee am Morgen. Genau deshalb trifft das Verschwinden vieler Dorfbäckereien das Land an einem empfindlichen Punkt. In immer mehr Gemeinden gehen die Rollläden dauerhaft herunter. Kein frisches Baguette mehr, kein kurzer Plausch über den Tresen, kein Treffpunkt im Ort. In Frankreich spricht man inzwischen von „déserts boulangers“ — Brotwüsten. Ein Begriff, der fast dramatisch klingt, aber die Lage ziemlich treffend beschreibt. Die Ursachen liegen nicht in mangelnder Liebe zum Brot. Im Gegenteil. Die Franzosen kaufen weiterhin täglich Baguettes, Pain au Chocolat oder traditionelles Landbrot. Doch viele kleine Handwerksbetriebe kämpfen ums Überleben. Hohe Strompreise treffen Backöfen mit voller Wucht. Mehl, Butter und a…

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  • Tödliche Strömung an Frankreichs Atlantikküste: Zwei Badegäste sterben in den Baïnes der Gironde

    Tödliche Strömung an Frankreichs Atlantikküste: Zwei Badegäste sterben in den Baïnes der Gironde

    Die Atlantikküste der Gironde zeigt sich im Mai oft von ihrer schönsten Seite. Breite Strände, milde Temperaturen, salzige Luft — für viele Urlauber klingt das nach einem perfekten langen Wochenende. Doch genau dort, zwischen den scheinbar harmlosen Sandbänken, lauert eine Gefahr, die jedes Jahr unterschätzt wird. Am Sonntag sind in Lacanau und in Lège-Cap-Ferret zwei Menschen durch sogenannte Baïnes-Strömungen ums Leben gekommen.

    Bei den Opfern handelt es sich nach französischen Medienberichten um eine 56-jährige Deutsche sowie einen etwa 60 Jahre alten Mann. Besonders tragisch: Die Ehefrau des Mannes konnte noch gerettet werden. Seit Freitag gerieten nach Angaben der Präfektur insgesamt 31 Menschen in solche Strömungen. Die Behörden reagierten ungewöhnlich deutlich und riefen zu „maximaler Wachsamkeit“ auf.

    Wer die Küste der Gironde nicht kennt, unterschätzt die Baïnes schnell. Auf den ersten Blick wirken diese Wasserbecken beinahe idyllisch — flach, ruhig, fast wie natürliche Pools direkt am Strand. Familien planschen dort, Kinder springen durch die Wellen, manche gehen ein paar Meter weiter hinaus. Und plötzlich kippt die Lage.

    Denn bei bestimmten Gezeiten entwickeln die Baïnes eine starke Rückströmung, die Menschen mit erstaunlicher Kraft aufs offene Meer zieht. Selbst geübte Schwimmer geraten dann innerhalb weniger Sekunden in Panik. Genau das macht diese Strömungen so tückisch: Die Gefahr ist unsichtbar. Kein tosener Mahlstrom, kein dramatischer Wellengang. Eher ein stiller Sog, der Kräfte raubt wie Treibsand im Wasser.

    Die Seenotretter der SNSM warnen seit Jahren davor. Wer in eine solche Strömung gerät, solle keinesfalls direkt gegen den Strom anschwimmen. Das kostet Kraft — und endet oft fatal. Stattdessen raten die Retter dazu, Ruhe zu bewahren, seitlich aus der Strömung herauszuschwimmen und auf sich aufmerksam zu machen. Klingt simpel. In der Realität kämpfen Menschen in solchen Momenten oft gegen blanke Angst.

    Hinzu kommt ein Problem, das an vielen französischen Küsten jedes Frühjahr auftaucht: Die offizielle Badesaison hat vielerorts noch nicht begonnen. Zahlreiche Strände sind daher noch nicht vollständig überwacht. Gleichzeitig locken frühe Sommerhitze und Feiertage Tausende Menschen ans Meer. Ein riskanter Mix.

    An der Atlantikküste sagen Einheimische manchmal halb scherzhaft: „Der Ozean verzeiht keine Unachtsamkeit.“ Nach diesem Wochenende klingt der Satz bedrückend ernst.

    Andreas M. B.