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  • Unter der Erde fließt Paris – eine Reise in den Bauch des Aquädukts von Loing

    Unter der Erde fließt Paris – eine Reise in den Bauch des Aquädukts von Loing

    Manchmal rauscht Geschichte nicht in Museen oder verstaubten Archiven. Manchmal fließt sie leise. Unsichtbar. Direkt unter unseren Füßen. In Paris geschieht genau das – jeden einzelnen Tag. Wer morgens den Wasserhahn aufdreht, denkt an Kaffee, Zahnpasta oder die Dusche, die wach macht. Kaum jemand denkt an einen über hundert Jahre alten Tunnel tief unter Feldern, Wäldern und Vororten. Und doch beginnt genau dort die Geschichte dieses Wassers.

    Der Aquädukt von Loing zählt zu diesen Bauwerken, die alles tragen und selbst kaum gesehen werden. Ein Monument ohne Fassade. Ein technisches Rückgrat der Hauptstadt. Nach monatelangen, aufwendigen Arbeiten öffnen sich nun wieder seine Schleusen. Fast beiläufig. Als wäre nichts gewesen.

    Dabei steckt hinter dieser Wiederinbetriebnahme ein Kraftakt von 2,4 Millionen Euro, monatelanger Planung und einer Präzision, die man eher aus der Chirurgie kennt als aus dem Tiefbau.

    Der Weg hinein beginnt unspektakulär. Keine große Tür, kein Besucherzentrum. Nur eine schmale Metallleiter. Ein paar Sprossen nach unten, dann noch ein paar. Die Luft verändert sich sofort. Kühler. Feuchter. Still. Und plötzlich steht man mitten in einem Tunnel, der seit mehr als einem Jahrhundert Wasser trägt.

    Hier, im Inneren des Aquädukts von Loing, fließt ein Teil des Pariser Alltags.

    Ganz ruhig.

    Seit 1897.

    Gebaut wurde dieses Bauwerk zwischen 1897 und 1900, zu einer Zeit, in der Paris rasant wuchs und sauberes Trinkwasser zur politischen wie gesellschaftlichen Frage wurde. Cholera und andere Seuchen hatten gezeigt, was auf dem Spiel stand. Wasser bedeutete Leben. Und Kontrolle über Wasser bedeutete Sicherheit.

    Die Ingenieure jener Zeit entschieden sich für eine Lösung, die bis heute beeindruckt. Statt auf oberirdische Prachtbauten wie in der Antike setzten sie auf eine fast vollständig unterirdische Konstruktion. Der Aquädukt verschwindet im Boden, taucht nur gelegentlich in der Landschaft auf, etwa durch kleine Zugangsbauwerke mitten auf Feldern. Wer nicht weiß, wonach er sucht, läuft achtlos vorbei.

    Und doch transportiert dieser unscheinbare Tunnel täglich rund 100.000 Kubikmeter Wasser. Das entspricht etwa vierzig olympischen Schwimmbecken. Jeden Tag. Ohne Pause. Ohne Applaus.

    Alban Robin, Produktionsdirektor bei Eau de Paris, beschreibt es gern anschaulich. Man müsse sich eine unterirdische Wasserstraße vorstellen, sagt er. Eine echte Strömung, keine stehende Leitung. Das Wasser braucht rund 36 Stunden vom am weitesten entfernten Punkt nahe Nemours bis zum Reservoir von Montsouris im Süden von Paris.

    Sechsunddreißig Stunden. Während oben das Leben pulsiert, arbeitet diese unsichtbare Maschine unbeirrt weiter.

    Ist das nicht irgendwie tröstlich?

    Der Aquädukt misst über 90 Kilometer. Ein Bauwerk dieser Länge altert nicht gleichmäßig. Manche Abschnitte zeigen sich erstaunlich robust, andere tragen deutliche Spuren der Zeit. Feine Risse in der Mauer. Kleine Abplatzungen. Nichts Dramatisches – noch nicht. Doch Wasser findet seinen Weg. Immer.

    Alle vier Jahre begehen Teams von Eau de Paris den gesamten Aquädukt zu Fuß. Meter für Meter. Keine Drohnen, keine Abkürzungen. Menschen mit Stiefeln, Lampen und geschultem Blick. Sie prüfen jede Wand, jede Fuge. Eine Arbeit, die Geduld verlangt. Und Respekt.

    Bei einer dieser Inspektionen wurden die Risse deutlicher. Die Gefahr bestand nicht in einem plötzlichen Einsturz, sondern in schleichenden Veränderungen der Wasserqualität. Infiltrationen von außen. Ein Risiko, das man in einer Millionenstadt nicht eingeht.

    Also begann die Sanierung. Abschnitt für Abschnitt. Denn ein Bauwerk dieser Länge lässt sich nicht einfach abschalten. Paris braucht sein Wasser. Jeden Tag.

    Benjamin Gestin, Generaldirektor von Eau de Paris, erklärt das Prinzip nüchtern. Man arbeite in Etappen, sagt er. Immer nur dort, wo es möglich ist. Immer mit dem Blick darauf, die Versorgung aufrechtzuerhalten. Ein logistisches Puzzle, das Präzision verlangt.

    Die technische Lösung wirkt beinahe futuristisch im Vergleich zur historischen Hülle. In die bestehende gemauerte Struktur wurden riesige Rohre mit einem Durchmesser von zwei Metern eingesetzt. Aus PEHD, einem speziellen Kunststoff, der für Trinkwasser zugelassen ist. Flexibel, langlebig, dicht.

    Eine Technik, die so zuvor noch nicht eingesetzt worden war. Alt trifft Neu. Stein trifft Kunststoff. Jahrhundert trifft Gegenwart.

    Manche nennen es einen Eingriff am offenen Herzen. Und ganz ehrlich – das fühlt sich nicht übertrieben an.

    Denn dieser Aquädukt ist mehr als nur Infrastruktur. Er ist Teil der Identität der Stadt. Paris zählt zu den wenigen Metropolen weltweit, die noch immer über ein eigenes Netz historischer Aquädukte verfügen. Während andere Städte längst vollständig auf moderne Rohrsysteme setzen, lebt hier ein Stück Ingenieursgeschichte weiter.

    Unterirdisch. Bescheiden. Zuverlässig.

    Die Wiederöffnung der Schleusen geschieht ohne großes Spektakel. Keine Reden, keine Bänder, kein Blitzlichtgewitter. Stattdessen Tests. Messungen. Proben. Die Wasserqualität wird geprüft, bevor sich erneut eine unterirdische Strömung in Bewegung setzt.

    Und dann fließt sie wieder. Diese unsichtbare, geduldige Wasserstraße unter dem Pariser Becken.

    Vielleicht liegt genau darin der Zauber dieses Ortes. Er fordert keine Aufmerksamkeit. Er drängt sich nicht auf. Und doch hängt so viel von ihm ab.

    Wer denkt beim Händewaschen an Nemours? Wer beim Kochen an eine Reise von 36 Stunden durch dunkle Tunnel? Und doch verbindet genau dieses Wasser Land und Stadt, Vergangenheit und Gegenwart.

    Ist das nicht ein stilles Wunder?

    Der Aquädukt von Loing erinnert daran, dass Fortschritt nicht immer laut sein muss. Dass nachhaltige Lösungen oft jene sind, die über Generationen hinweg funktionieren. Und dass echte Meisterwerke manchmal dort liegen, wo niemand hinschaut.

    Ganz tief unten.

    Im Dunkeln.

    Mit fließendem Wasser.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Der Louvre öffnet wieder – die Ruhe bleibt jedoch vorerst fragil

    Der Louvre öffnet wieder – die Ruhe bleibt jedoch vorerst fragil

    Es gibt Orte, an denen ein Streik weltweite Aufmerksamkeit erzeugt. Der Louvre gehört dazu. Als sich die Türen des meistbesuchten Museums der Erde in dieser Woche unerwartet schlossen, ging ein leiser Schock durch die Kulturlandschaft. Nun, am Freitag, dem 19. Dezember 2025, kehrt der Pariser Museum…

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  • Champagner-Sabayone mit Orangenfilets & Cointreau

    Champagner-Sabayone mit Orangenfilets & Cointreau

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  • BÛCHE DE NOËL MIT TONKABOHNE & KIRSCHGEL

    BÛCHE DE NOËL MIT TONKABOHNE & KIRSCHGEL

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  • 19. Dezember – Ein Datum, das Spuren hinterließ

    19. Dezember – Ein Datum, das Spuren hinterließ

    Manchmal passiert an einem einzelnen Tag so viel, dass es wirkt, als würde die Welt kurz die Luft anhalten. Der 19. Dezember gehört definitiv zu diesen Tagen. Ob in Frankreich, in Europa oder weltweit – Politik, Kultur, Krieg, Hoffnung und Tragik haben diesen Tag über Jahrhunderte hinweg geprägt. Und auch wenn er im Kalender eher unauffällig daherkommt, entfaltet er beim genaueren Hinsehen eine erstaunliche Tiefenschärfe.


    Frankreichs Innenleben: Machtspiele, Glaube, Identität

    Beginnen wir mit Frankreich – dem ewigen Schauplatz zwischen Revolution, Monarchie und Moderne. Am 19. Dezember 1562 etwa fand die Schlacht bei Dreux statt – ein heftiges Gefecht während der Hugenottenkriege. Damals standen sich Katholiken und Protestanten feindlich gegenüber. Keine Frage: Es ging um mehr als Religion. Es ging um Macht, Einfluss und die Kontrolle über Frankreichs Seele.

    Diese blutige Auseinandersetzung war einer von vielen Konflikten, die das Land im 16. Jahrhundert erschütterten. Noch heute spürt man in Frankreich das Echo dieser religiösen Spannungen – etwa in der laizistischen Haltung des Staates, also der strikten Trennung von Kirche und Politik.

    Und dann, ein paar Jahrhunderte später, wieder der 19. Dezember: 1965. Charles de Gaulle, der Mann, der Frankreich durch die Nachkriegszeit geführt hatte, wird zum zweiten Mal zum Präsidenten gewählt. Mit seinem autoritären, aber visionären Führungsstil formte er die Fünfte Republik, die bis heute Bestand hat. Er war unbequem, unnachgiebig, aber eben auch jemand, der Frankreich wieder zu sich selbst führte.

    Wie oft in der Geschichte Frankreichs waren es nicht nur Ideen, sondern Persönlichkeiten, die den Kurs bestimmten – mal wie Leuchttürme, mal wie Sturmfluten.


    Globale Konflikte: Von Hanoi bis Berlin

    Auch außerhalb Frankreichs brachte der 19. Dezember schwere Umwälzungen mit sich. Besonders markant: der Ausbruch des Ersten Indochinakriegs 1946. Frankreich versuchte damals, seine koloniale Kontrolle in Vietnam zu behaupten – und scheiterte letztlich. Der Krieg war der Auftakt zu einer Reihe von Konflikten, die im Vietnamkrieg gipfelten und ganze Generationen prägten.

    Der Rückzug aus Indochina markierte das schrittweise Ende des französischen Kolonialreichs. Für Frankreich war das eine bittere Pille – für viele ehemalige Kolonien jedoch der erste Atemzug in die Freiheit.

    Jahrzehnte später, am 19. Dezember 2016, erschütterte ein grausamer Anschlag Deutschland: Ein Lastwagen raste in den Berliner Weihnachtsmarkt. Zwölf Menschen starben. Der Anschlag hinterließ nicht nur körperliche, sondern auch seelische Wunden – und eine Gesellschaft, die sich erneut mit den Themen Integration, Sicherheit und Extremismus auseinandersetzen musste.

    Geschichte ist eben nicht immer fern oder verstaubt. Manchmal ist sie brutal nah.


    Ein Tag der Umbrüche – auch jenseits der Politik

    Doch der 19. Dezember ist nicht nur ein Tag der Gewalt oder Machtwechsel. Auch Hoffnung und Menschlichkeit haben hier ihren Platz gefunden. Ein besonders prägendes Beispiel: 1843 veröffentlichte Charles Dickens an diesem Tag die Erzählung „A Christmas Carol“. Wer kennt sie nicht – die Geschichte von Ebenezer Scrooge, dem kaltherzigen Geizhals, der am Ende erkennt, worauf es im Leben wirklich ankommt?

    Diese Weihnachtsgeschichte hat über Generationen hinweg ein Bewusstsein für Mitgefühl und soziale Verantwortung geschaffen. Sie hat den Blick auf Weihnachten verändert – weg vom Kitsch, hin zum Miteinander. Und Hand aufs Herz: Wer wünscht sich nicht manchmal so einen Geisterbesuch, der einem zeigt, wie sehr wir das Wesentliche aus den Augen verloren haben?


    Ein kleiner Schritt für einen Tag – ein großer für die Menschheit

    Auch in der Raumfahrt hat der 19. Dezember Geschichte geschrieben. 1972 kehrte Apollo 17 von der letzten bemannten Mondmission zurück. Danach: Funkstille. Kein Mensch hat seither seinen Fuß auf den Mond gesetzt. Der 19. Dezember wurde damit zum Abschluss eines Kapitels, das voller Abenteuergeist und Zukunftsvisionen steckte.

    Interessant, dass gerade heute – über 50 Jahre später – die großen Raumfahrtorganisationen wieder vom Mond träumen. Als hätte der 19. Dezember ein letztes Wort gesprochen: Jetzt seid ihr dran. Weiter geht’s.


    Kulturelle Geburtstage und Stimmen, die bleiben

    Der 19. Dezember ist auch ein Tag, an dem außergewöhnliche Menschen das Licht der Welt erblickten. Darunter eine Ikone der französischen Musik: Édith Piaf. Ihre Stimme – rau, ehrlich, tieftraurig und gleichzeitig voller Leben – wurde zum Inbegriff französischer Chansonkunst. Sie sang vom Leben auf der Straße, von der Liebe, vom Verlust. Und berührte damit Herzen weltweit.

    „Non, je ne regrette rien“ – ein Satz, der bis heute Gänsehaut macht. Vielleicht passt er auch ein wenig zum Wesen dieses Datums: rückblickend dramatisch, aber immer mit Blick nach vorn.


    Ein Tag, viele Gesichter

    Was macht den 19. Dezember also so besonders?
    Er ist ein Datum, das an vielen Orten und in vielen Epochen Wendepunkte markierte. Nicht unbedingt die, die man in Schulbüchern als Überschriften findet – aber solche, die die Welt leiser, aber nachhaltig veränderten.

    Ob es Kriege waren, politische Weichenstellungen, kulturelle Geburten oder tragische Verluste – der 19. Dezember ist ein Mosaik aus menschlicher Erfahrung.

    Und wenn wir heute, genau an diesem Datum, zurückblicken, dann nicht, um in Nostalgie zu schwelgen, sondern um zu begreifen, dass Geschichte jeden Tag geschrieben wird. Auch jetzt – in diesem Moment.

  • Meeresschätze im Winter: Die Seeigel‑Saison an der Côte d’Azur erleben

    Meeresschätze im Winter: Die Seeigel‑Saison an der Côte d’Azur erleben

    Klarer Himmel. Salz auf der Haut. Dieses ganz besondere Knistern im Hinterkopf, wenn ein Duft von Meer und frischen Meeresfrüchten in deine Nase steigt – dann bist du an der Côte d’Azur, in den Alpes‑Maritimes. Genau hier, zwischen steilen Kalkfelsen und dem tiefblauen Mittelmeer, beginnt jedes Jahr im Winter ein ganz besonderes Ereignis: die Saison der Seeigel – oder, […]

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  • Zehn Jahre Haft nach der Rückkehr aus Syrien – Frankreich ringt mit seinen „Revenantes“

    Zehn Jahre Haft nach der Rückkehr aus Syrien – Frankreich ringt mit seinen „Revenantes“

    Es ist ein Urteil, das schwer im Raum steht. Zehn Jahre Haft, ausgesprochen von der Pariser Sonderassisenkammer, gegen eine 30-jährige Französin, die Jahre ihres jungen Lebens im Machtbereich des sogenannten „Islamischen Staates“ verbracht hat. Carole Sun, so ihr Name, gehört zu jener kleinen, hoch umstrittenen Gruppe von Frauen, die Frankreich aus den Lagern im Nordosten Syriens zurückgeholt hat – und nun vor Gericht stellt. Der Fall ist exemplarisch, und gerade deshalb politisch wie gesellschaftlich brisant.

    Sun hatte Frankreich im Sommer 2014 verlassen. Sie war gerade einmal 18 Jahre alt, als sie gemeinsam mit ihrem Bruder nach Syrien reiste, mitten hinein in die Phase territorialer Expansion des IS. Die Bilder von schwarzen Fahnen, martialischer Propaganda und vermeintlicher religiöser Klarheit dominierten damals die einschlägigen Online-Netzwerke. Auch Sun radikalisierte sich, wie sie später vor Gericht einräumte, im Internet. Ein Klick führte zum nächsten, aus Neugier wurde Überzeugung, aus Überzeugung Handlung. Zack – raus aus dem Alltag, rein in den „Dschihad“, wie es in den Foren hieß.

    Die französische Justiz wirft ihr die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vor, genauer: die Beteiligung an einer kriminellen, terroristischen Verschwörung. Während ihres Aufenthalts in Syrien lebte sie in Gebieten unter IS-Kontrolle, heiratete zweimal, zuletzt einen Mann aus dem Geheimdienstapparat der Organisation. Sie bewegte sich im Umfeld von Personen, die später mit den Anschlägen vom November 2015 in Paris in Verbindung gebracht wurden. Die Nähe zur Gewalt war real, auch wenn sie sich selbst zu keiner direkten Tatbeteiligung bekannte.

    Vor Gericht schilderte Sun ihr Leben im Kalifat und später in den Lagern als geprägt von Entbehrung, Angst und zunehmender Ernüchterung. Über vier Jahre verbrachte sie in Haftlagern, kümmerte sich dort um ihre Kinder, lebte unter Bedingungen, die internationale Organisationen wiederholt als unmenschlich beschrieben haben. Sie räumte ein, propagandistisch für den IS tätig gewesen zu sein – ein Punkt, der für die Anklage zentral blieb. Keine bloße Mitläuferin, sondern Teil des Systems, so das Bild der Staatsanwaltschaft.

    Das Urteil reiht sich ein in eine Serie von Verfahren gegen sogenannte „Revenantes“, Frauen, die Frankreich verlassen hatten, um sich dem IS anzuschließen, und die nun – nach militärischer Niederlage des Kalifats – zurückgeholt wurden. Erst wenige Wochen zuvor hatte dasselbe Gericht drei weitere Rückkehrerinnen zu Haftstrafen zwischen zehn und 13 Jahren verurteilt. Seit 2017 standen rund 30 Frauen vor französischen Gerichten, teilweise auch wegen der Vernachlässigung ihrer Kinder, die sie in das Kriegsgebiet mitgenommen hatten.

    Diese Prozesse sind mehr als juristische Routine. Sie sind der sichtbare Ausdruck eines ungelösten Dilemmas. Frankreich steht vor der Aufgabe, seine Sicherheitsinteressen zu wahren, Terrorismus konsequent zu bestrafen und zugleich rechtsstaatliche Prinzipien einzuhalten. Die Entscheidung, Staatsbürgerinnen aus syrischen Lagern zurückzuholen, fiel nicht aus politischer Bequemlichkeit, sondern aus rechtlicher Notwendigkeit. Internationale Gerichte und Menschenrechtsorganisationen hatten den Druck erhöht, die Verantwortung nicht an lokale Milizen auszulagern.

    Im Sommer 2022 wurden schließlich 51 Frauen und Kinder nach Frankreich gebracht. Ein humanitärer Akt, sagen die einen. Ein Sicherheitsrisiko, sagen die anderen. Die Wahrheit liegt, wie so oft, dazwischen. Denn mit der Rückkehr beginnt erst die eigentliche Arbeit. Ermittlungen, Prozesse, Haftstrafen, anschließende Überwachung. Und dann, irgendwann, die Frage: Was kommt danach?

    Gerade der Fall Sun wirft ein Schlaglicht auf die Kinder dieser Geschichte. Kinder, die im Kalifat geboren wurden oder dort aufgewachsen sind, ohne eigenes Zutun, ohne Wahl. Während ihre Mütter vor Gericht stehen, beginnt für sie ein Leben zwischen Jugendhilfe, psychologischer Betreuung und dem Versuch, eine Identität jenseits von Gewaltideologie zu entwickeln. Das ist keine Randnotiz, sondern ein zentrales gesellschaftliches Thema – auch wenn es im Gerichtssaal oft nur leise mitschwingt.

    Die Verteidigung argumentierte mit jugendlicher Verführbarkeit, mit Abhängigkeiten, mit der Dynamik abgeschotteter Systeme. Die Richter folgten dem nur teilweise. Zehn Jahre Haft, dazu ein socio-judizieller Nachbetreuungsrahmen – die Botschaft ist klar: Der Staat zeigt Härte, aber nicht ohne Perspektive auf Kontrolle und Prävention. Milde sieht anders aus, doch blindes Wegsperren ebenfalls.

    In der öffentlichen Debatte schwankt der Ton. Manche fordern lebenslange Haft, andere sprechen von Resozialisierung und Verantwortung der Gesellschaft. Beides greift zu kurz. Der Terrorismus der vergangenen Dekade hat Frankreich tief geprägt. Die Justiz reagiert darauf mit Augenmaß, aber ohne Nachsicht gegenüber ideologischer Verstrickung. Der Fall Carole Sun zeigt genau diese Linie: Verständnis für biografische Brüche, null Toleranz gegenüber Beteiligung an einer Terrororganisation.

    Am Ende bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Nicht nur wegen der Taten, sondern wegen der langen Kette an Entscheidungen, die dorthin geführt haben. Radikalisierung beginnt selten mit Hass, oft mit Sinnsuche. Doch sie endet in Gewalt, Leid und – wie hier – in einem Gerichtssaal. Frankreich wird sich weiterhin mit diesen Rückkehrern auseinandersetzen müssen. Juristisch, politisch, menschlich. Einfache Antworten gibt es nicht. Aber Urteile wie dieses zeigen, wie der Staat versucht, Ordnung in ein Kapitel zu bringen, das noch lange nicht abgeschlossen ist.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Kommentar: Frohe Weihnachten – und pass auf, dass dein Geschenk dich nicht vergiftet

    Kommentar: Frohe Weihnachten – und pass auf, dass dein Geschenk dich nicht vergiftet

    Weihnachten. Das Fest der leuchtenden Kinderaugen, der warmen Herzen und der großen Versprechen. Zumindest in der Theorie. In der Praxis liegt unter dem Baum immer öfter etwas ganz anderes: billiger Plastikmüll mit Schleifchen, der schneller gefährlich als kaputt ist. Willkommen im modernen Weihnachtswunderland des E-Commerce, wo das Kindeswohl irgendwo zwischen Warenkorb und Blitzversand verloren geht.

    60 Prozent der auf manchen Plattformen verkauften Spielzeuge gelten als gefährlich. Sechzig. Nicht ein Ausrutscher, kein bedauerlicher Einzelfall, sondern ein Geschäftsmodell. Man könnte fast zynisch applaudieren: So effizient schafft es kaum jemand, Profit und Verantwortungslosigkeit zu vereinen. Und das alles pünktlich zum Fest der Liebe. Timing ist schließlich alles.

    Während Eltern noch überlegen, ob das Holzspielzeug pädagogisch wertvoll genug ist, haben andere längst entschieden: Hauptsache billig, Hauptsache schnell, Hauptsache verkauft. Ob der Plastikdrache beim Kauen giftige Stoffe freisetzt oder die Puppe in ihre Einzelteile zerbröselt wie ein Keks – geschenkt. Im wörtlichen Sinn. Schließlich klickt niemand auf „Jetzt kaufen“, um danach noch lästige Fragen zu stellen. Vertrauen ist bequemer als Nachdenken.

    Der zuständige Minister warnt, mahnt, appelliert. Die Plattformen müssten unsere Normen respektieren, heißt es. Müssen. Ein schönes Wort. Eines, das im globalen Onlinehandel ungefähr so viel Gewicht hat wie ein Wattebausch im Sturm. Denn solange Containerweise Ware ins Land rauscht und Kontrollen zur mathematischen Randnotiz werden, bleibt die Verantwortung ein wandernder Ball: zu groß für den Zoll, zu abstrakt für den Staat, zu unpraktisch für die Plattformen. Und am Ende landet sie dort, wo sie am wenigsten hingehört – bei den Eltern.

    „Seien Sie wachsam“, lautet die Empfehlung. Übersetzt heißt das: Sie dürfen die Geschenke kaufen, bezahlen, auspacken – und anschließend prüfen, ob Ihr Kind damit sicher spielen kann oder man besser gleich den Müllsack holen sollte. Frohe Bescherung.

    Dass all das ausgerechnet zu Weihnachten eskaliert, ist kein Zufall. Die Jagd nach dem schnellen Euro kennt keine Feiertage. Moralische Grenzen schon gar nicht. Das Kind staunt, der Konzern kassiert, und irgendwo bröckelt ein Stück Plastik, das eigentlich ein Lächeln sein sollte.

    Vielleicht wäre das mal ein echtes Weihnachtswunder: Spielzeug, das Kinder erfreut, ohne sie zu gefährden. Aber das wäre vermutlich zu viel verlangt. Rendite wartet schließlich nicht bis nach den Feiertagen.

    Ein Kommentar von C. Hatty

  • Haushaltsgesetz 2026: Der französische Premier greift zu einem Ausnahmeinstrument

    Haushaltsgesetz 2026: Der französische Premier greift zu einem Ausnahmeinstrument

    Frankreich steht vor einem haushaltspolitischen Showdown. Angesichts der tiefen parlamentarischen Blockade denkt Premierminister Sébastien Lecornu offen über ein außergewöhnliches Mittel nach: eine loi spéciale – ein Sondergesetz, das den Staatshaushalt für 2026 notdürftig sichern soll. Ein solcher Schritt wäre Ausdruck einer schwerwiegenden politischen Dysfunktion im System der Fünften Republik. Bis zum 31. Dezember 2025 müssen laut Verfassung sowohl das Haushaltsgesetz (PLF) als auch das Gesetz zur Finanzierung der Sozialversicherung (PLFSS) verabschiedet werden. Doch die Fronten zwischen Nationalversammlung und Senat sind derart verhärtet, dass selbst ein Kompromiss in der sonst routinemäßigen Vermittlungskommission (Commission mixte paritaire) derzeit in weiter Ferne liegt.

    Ein verfassungsrechtliches Dilemma In der französischen Verfassung ist vorgesehen, dass der Haushalt von beiden Parlamentskammern verabschiedet werden muss. Im Falle tiefgreifender Blockaden erlaubt A…

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  • Ein Schritt zu weit: Der tödliche Sturz eines jungen Skifahrers in den Savoyer Alpen

    Ein Schritt zu weit: Der tödliche Sturz eines jungen Skifahrers in den Savoyer Alpen

    Es ist einer dieser Wintertage, an denen die Schönheit der Berge trügt. Die Sonne steht klar über den Gipfeln, der Schnee glitzert, die Pisten wirken einladend – und doch genügt ein einziger Schwung abseits der markierten Strecke, um aus Freizeit tödlichen Ernst zu machen. Am Donnerstag, dem 18. Dezember, ist im Skigebiet Les Arcs in der französischen Savoie genau das geschehen. Ein 24 Jahre alter britischer Skifahrer kam bei einer Abfahrt im freien Gelände ums Leben. Der junge Mann war gemeinsam mit einem Freund unterwegs, beide hatten sich für eine Abfahrt abseits der präparierten Pisten entschieden. Hors-piste, nennen es die Franzosen, Freeride die Szene – ein Begriff, der Freiheit verspricht, Weite, Unberührtheit. Tatsächlich aber auch Steilheit, Unberechenbarkeit und Risiken, die sich nicht durch farbige Markierungen zähmen lassen. Der Unfall ereignete sich im Sektor Chavonnes, einem Bereich des weitläufigen Skigebiets von Les Arcs, der unter Kennern für seine anspruchsvollen Coul…

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